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Frisch, Max: Biedermann und die Brandstifter
Literarische
Charakteristik
von Josef Schmitz
aus dem Stück
"Biedermann und die
Brandstifter"
Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren.
Nach Abbruch eines Germanistikstudiums und bestandenem Architekturstudium
arbeitete er längere Zeit als Schriftsteller und Architekt. In Anlehnung an
einen Tagebucheintrag schrieb er 1957/58 das Hörspiel "Herr Biedermann und
die Brandstifter”, aus dem später das Theaterstück entstand. In
dieser Parabel nisten sich drei Brandstifter im Dachboden des
Haarölfabrikanten Gottlieb Biedermann ein. Einer dieser Brandstifter ist
Josef Schmitz.
Er war von Beruf Ringer, ein Athlet, groß, bullig und
muskulös, ist aber jetzt arbeitslos. Er ist bekleidet mit einem
Kostüm, das halb an Strafanstalt und halb an Zirkus erinnert,
außerdem trägt er Lederriemen um die Handgelenke und ist
tätowiert. Weiter könnte ich ihn mir gut mit einer Glatze oder sehr
kurz geschnittenen Haaren vorstellen. Schon durch seine Erscheinung
flößt er Furcht ein, was ihm durchaus bewußt ist. Er
verstärkt dies auch noch mit Aussprüchen wie "Herr Biedermann brauchen
keine Angst zu haben" (Szene 1/Seite 10) oder "Alle Leute haben Angst vor mir"
(Sz. 1/S. 11) und mit indirekten Drohungen. Dadurch schüchtert er auch
Herrn Biedermann ein. Er benutzt öfter Floskeln, die dem Gegenüber
schmeicheln, zum Beispiel "Männer wie sie,..., das ist`s was wir brauchen",
"Sie sind noch von altem Schrot und Korn", "Sie haben noch Zivilcourage" (alle
Sz. 1/S.12) ,die aber allesamt so überzogen wirken, daß es sich nur
um Ironie oder Hintersinn handeln kann, wie beim ersten der drei Zitate. Man
erkennt hier, daß Biedermanns Haus für die Brandstiftung günstig
liegt. Weitere gezielte Äußerungen über die Menschlichkeit
Biedermanns "Sie haben noch ein Gewissen,..." (Sz. 1/S.12) sind nur Mittel zum
Zweck. Er will damit sein Ziel, nicht im Freien übernachten zu müssen,
erreichen. Ohne jegliches Zögern sucht Schmitz seinen eigenen Vorteil,
sobald man ihm im geringsten entgegenkommt. So antwortet er etwa raffiniert
"Wenn sie ein Unmensch wären, Herr Biedermann, dann würden sie mir
heute Nacht kein Obdach geben, das ist mal klar." (Sz. 1/S.17) als Herr
Biedermann ihn beim Vorwurf der Frau Knechtling dafür zum Zeugen machen
will, daß er kein Unmensch sei. So schafft er es schließlich, diesen
zu überzeugen, ihm den Dachboden zur Verfügung zu stellen. Er versucht
seine Ziele aber nicht nur durch Schmeicheleien zu erreichen, sondern gibt sich
auch teilweise fast schon unverschämt "-Nehmen Sie ein weiches Ei? -Zwei."
(Sz. 2/S.22) oder benutzt eine verlogene Sentimentalität "Erinnert mich an
meine Jugend in den Köhlerhütten" (Sz. 2/S.22). In manchen seiner
Meinungen könnte man sozialkritische Ansätze vermuten, wie z. B.
“Es gibt heutzutage keine feinen Leute mehr. Verstaatlichung! Es gibt
keine Menschen mehr.” (Sz. 2/S.26), aber er ist sich wohl selbst nicht
ganz klar darüber, was er damit genau meint. Mit Hinweisen auf seine
schlechtes Etikette "Ein Mensch der schmatzt" "...keine Bildung, Madame, kein
Benehmen, Madame, keine Kultur..."(beide Sz. 2/S.24) und seine harte Kindheit
"Ich zählte sieben Jahr, als meine Mutter starb..." (Sz. 2/S.25) schafft er
es, Babette Biedermann so in die Defensive zu drängen, daß diese ihn
schlußendlich sogar bittet, weiter auf dem Dachboden zu leben. Diese
Gefühlsregung nutzt Schmitz wiederum sofort eiskalt aus, um den zweiten
Brandstifter, Willi Eisenring, anzukündigen. Nachdem dieser eingetroffen
ist, nimmt er die Fäden in die Hand. Man erkennt wer der wahre Chef ist.
Schmitz wird nur vorgeschickt, da er mit seiner Figur Eindruck schindet.
Eisenring läßt Schmitz spüren, daß er ihm geistig
überlegen ist "Antworte wenn der Herr dich fragt." "Nichts hast du
gedacht!" (Sz. 3/S.30). Schmitz fühlt sich in Gegenwart von Eisenring
sicherer, was man an der etwas flapsigen Antwort “Drum, Herr Biedermann,
rauchen wir auch nicht.” (Sz. 3/S.33) auf die Frage Biedermanns ob sie
denn wahnsinnig seien, Benzin auf seinem Dachboden zu lagern, erkennen kann.
Diese Rolle des Untergebenen setzt sich auch im Nachspiel fort. Dort bedient er
in der Hölle lediglich die Heizkessel, im Gegensatz zu Eisenring, dem Herrn
der Unterwelt. Die Figur Josef Schmitz soll aber nicht als Klassenkämpfer
die mit ihren Bränden eine Weltrevolution entfachen will verstanden werden,
sondern eher als Demonstranten für die Unausweichlichkeit des
“Gottesgerichts” (Sz. 1/ S.15).
Diese Erzählung ist eine politische Parabel, die wohl
von Max Frisch zur Anwendung auf den Nationalsozialismus gedacht war, wofür
man viele Hinweise im Buch finden kann. So pfeift Eisenring in der 4. Szene Lili
Marlen, einen Soldatenschlager aus dem 2. Weltkrieg, Babette sagt “Und
kaum war er in der Partei-”, was auf Erfahrungen ihres Ehemanns in Bezug
auf Nazimitläufertum anspielt. Auch im Nachspiel häufen sich die
Hinweise. Um nur einen zu nennen: “Wir fordern Wiedergutmachung”
(S.80) sagt Biedermann. Unter diesem Begriff wurden nach dem 2. Weltkrieg von
der BRD Entschädigungen für Nazi-Unrecht gezahlt. Man könnte die
Parabel aber auch noch auf den Kommunismus oder die nukleare Bedrohung der Welt,
ein aktuelles Beispiel, anwenden. Denn so wie Biedermann die Gefahr, die von den
Brandstiftern ausgeht, nicht erkennt, so leben wir sorglos in einer Welt, voller
Atombomben und Kernreaktoren, und wollen die Bedrohung nicht wahrhaben. Wie
Biedermann, der den Brandstiftern sogar selbst die Streichhölzer gibt. Ein
Schlüsselsatz in Bezug auf diese Problematik fällt in Szene 4. Dort
sagt Eisenring “Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke
und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.” (S.43) Man
sollte sich diesen Satz einmal durch den Kopf gehen lassen.
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