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Frisch, Max: Biedermann und die Brandstifter
Max Frisch
Zentrale für Unterrichtsmedien
Max Frisch: Biedermann und die
Brandstifter
Inhalt
Burleske, Entstehungsgeschichte, Handlung, Die sechs Szenen, Exkurs: Der Chor in der griechi- schen Tragödie, Die erste Szene, Die zweite Szene,
Die dritte Szene, Die vierte Szene, Die fünfte Szene, Die sechste Szene, Jedermann, Personencharakteristik, Interpretation, Die unmögliche Tatsache, Aufsatzthema, Referate, Biedermann oder Brandstifter, Quelle
Burleske
Eines Morgens kommt ein Mann, ein Unbekannter, und du kannst nicht umhin,
du gibst ihm eine Suppe und ein Brot dazu. Denn das Unrecht, das er seiner
Erzählung nach erfahren hat, ist unleugbar, und du möchtest nicht,
dass es an dir gerächt werde. Und dass es eines Tages gerächt wird,
daran gebe es keinen Zweifel, sagt der Mann. Jedenfalls kannst du ihn nicht
wegschicken, du gibst ihm Suppe und Brot dazu, wie gesagt, und sogar mehr als
das: Du gibst ihm recht. Zuerst nur durch dein Schweigen, später mit
Nicken, schließlich mit Worten. Du bist einverstanden mit ihm, denn
wärest du es nicht, müsstest du sozusagen zugeben, dass du selber
Unrecht tust, und dann würdest du ihn vielleicht fürchten. Du willst
auch nicht dein Unrecht ändern, denn das hätte zu viele Folgen. Du
willst Ruhe und Frieden, und damit basta! Du willst das Gefühl ein guter
und anständiger Mensch zu sein, und also kommst du nicht umhin ihm auch ein
Bett anzubieten, da er das seine, wie du eben vernommen, durch Unrecht verloren
hat. Er will aber kein Bett, sagt er, kein Zimmer, nur ein Dach über dem
Kopf; er würde sich, sagt er, auch mit deinem Estrich begnügen. Du
lachst. Er liebe die Estriche, sagt er. Ein wenig, noch während du lachst,
kommt es dir unheimlich vor, mindestens sonderbar, beunruhigend, man hat in
letzter Zeit gar viel von Brandstiftung gelesen; aber du willst Ruhe, wie
gesagt, und also bleibt dir nichts anderes übrig als keinen Verdacht
aufkommen zu lassen in deiner Brust. Warum soll er, wenn er will, nicht auf dem
Estrich schlafen? Du zeigst ihm den Weg, den Riegel, die Vorrichtung mit der
Leiter und auch den Schalter, wo man Licht machen kann. Allein in deiner
schönen Wohnung eine Zigarette rauchend, denkst du mehrere Male genau das
gleiche: Man muss Vertrauen haben, man soll nicht immer gleich das Schlimmste
annehmen, wenn man einen Menschen nicht kennt, und warum soll der gerade ein
Brandstifter sein! Immerhin nimmst du dir vor ihn morgen wieder auf den Weg zu
schicken, freundlich, ohne dass ein Verdacht ihn kränken soll. Du nimmst
dir nicht vor kein Unrecht zu tun; das hätte, wie gesagt, zu viele Folgen.
Du nimmst dir nur vor freundlich zu sein und ihn auf freundliche Weise
wegzuschicken. Du schläfst nicht immer in dieser Nacht; es ist schwül
und die Geschichten von wirklichen Brandstiftern, die dir so beharrlich
einfallen, sind zu läppisch, ein Schlafpulver gibt dir die verdiente Ruhe
... Und am anderen Morgen, siehe da, steht das Haus noch immer! - Deine
Zuversicht, dein Glaube an den Menschen, selbst wenn er im Estrich wohnt, hat
sich bewährt. Es drängt dich nicht wenig edel zu sein, hilfreich und
gut; beispielsweise mit einem Frühstück. Von Angesicht zu Angesicht,
so während ihr den gemeinsamen Kaffee trinkt und jeder sein Ei
löffelt, schämst du dich deines Verdachtes, kommst dir schäbig
vor, und jedenfalls ist es unmöglich ihn wegzuschicken. Wozu solltest du!
Nach einer Woche, wie er noch immer in deinem Estrich wohnt, hast du vollends
das Gefühl jede Angst überwunden zu haben, und auch als er eines Tages
einen Freund bringt, der ebenfalls in deinem Estrich schlafen möchte,
kannst du zwar zögern, aber nicht widersprechen. Zögern; denn es ist
einer, der schon einmal, Gott weiß warum, im Gefängnis gesessen hat
und eben erst entlassen worden ist. Ihn allein hättest du nie in deinen
Estrich gelassen, das ist selbstverständlich. Er ist auch viel frecher als
der erste, das macht vielleicht das Gefängnis, und ganz geheuer ist es dir
nicht, zumal er, wie er ganz offen gesteht, wegen Brandstiftung gesessen hat.
Aber gerade diese Offenheit, diese unverblümte, gibt dir das Vertrauen, das
du gerne haben möchtest um Ruhe und Frieden zu haben; am Abend, da du trotz
ehrlichem Gähnen nicht schlafen kannst, liest du wieder einmal das
Apostelspiel von Max Mell, jene Legende, die uns die Kraft des rechten Glaubens
zeigt, ein Stück schöner Poesie; mit einer Befriedigung, die das
Schlafpulver fast überflüssig macht, schläfst du ein ... Und am
andern Morgen, siehe da, steht das Haus noch immer! - Deine Bekannten greifen
sich an den Kopf, können dich nicht verstehen, fragen jedesmal, was die
beiden Gesellen in deinem Estrich machen, und liegen dir auf den Nerven, so dass
du immer seltener an den Stammtisch gehst; sie wollen dich einfach beunruhigen.
Und ein wenig, unter uns gesagt, ist es ihnen auch gelungen; jedenfalls hast du
den beiden Gesellen etwas aufgelauert und nicht ohne Erfolg; allein die
Tatsache, dass sie kleine Fässlein auf deinen Estrich tragen, kann deinen
Menschenglauben nicht erschüttern, zumal sie es in aller Offenheit machen
und auf deine scherzhafte Frage, was sie denn mit diesen Fässlein wollten,
sagen sie ganz natürlich, sie hätten Durst. In der Tat, es ist Sommer,
und im Estrich, sagst du dir, muss es sehr heiß sein. Einmal, als du ihnen
im Wege gestanden, ist ihnen ein Fässlein von der Leiter gefallen, und es
stank plötzlich nach Benzin. Einen Atemzug lang, gib es zu, warst du
erschrocken. Ob das Benzin sei? hast du gefragt. Die beiden ohne ihre Arbeit
einzustellen leugneten es auch in keiner Weise, und auf deine eher scherzhafte
Frage, ob sie Benzin trinken, antworteten sie mit einer so unglaublichen
Geschichte, dass du um nicht als Esel dazustehen wirklich nur lachen konntest.
Später jedoch, allein in deiner Wohnung, lauschend auf das Rollen der
munteren Fässlein, die nach Benzin stinken, weißt du allen Ernstes
nicht mehr, was du denken sollst. Ob sie deine edle Zuversicht wirklich
missbrauchen? Eine Weile, dein Feuerzeug in der Hand, die feuerlose Zigarette
zwischen den trockenen Lippen, bist du entschlossen die beiden Gesellen
hinauszuwerfen, einfach hinauszuwerfen. Und zwar noch heute! Oder
spätestens morgen. Wenn sie nicht von selber gehen. Ganz einfach ist es
nämlich nicht, im Gegenteil; wenn sie keine Brandstifter sind, tust du
ihnen sehr unrecht, und das Unrecht macht sie zu bösen Menschen. Böse
gegen dich. Das willst du nicht. Das auf keinen Fall. Alles. Nur kein schlechtes
Gewissen. Und dann ist es immer so schwierig die Zukunft vorauszusehen; wer
keine Tatsachen sehen kann ohne Schlüsse zu ziehen, und wer sich alles
bewusst macht, was er im Grunde weiß, mag sein, dass er manches
voraussieht, aber er wird keinen Augenblick Ruhe haben; ganz zu schweigen von
den Ahnungen. Die Tatsache, dass sie Benzin in deinen Estrich tragen, was
heißt das schon? Der eine, der Freund, hat nur gelacht und gesagt, sie
wollen die ganze Stadt anzünden. Das kann ein Scherz sein oder eine
Aufschneiderei. Wenn sie es ernst meinten, würden sie es niemals sagen.
Dieser Gedanke, je öfter du ihn wiederholst, überzeugt dich
vollkommen; das heißt, er beruhigt dich. Und der andere sagte sogar: Wir
warten nur auf einen günstigen Wind! Es ist läppisch sich von solchen
Reden einschüchtern zu lassen; zu unwürdig. Einen Augenblick denkst du
an Polizei. Aber wie du um dich nicht durch falschen Alarm lächerlich zu
machen dein Ohr an die Zimmerdecke legst, was keine ganz einfache Veranstaltung
gekostet hat, ist es vollkommen still. Du hörst sogar, wie einer schnarcht.
Und überhaupt kommt die Polzei nicht in Frage; schon weil du selber
strafbar wärest, dass du solche Leute in deinem Hause hast, wochenlang ohne
sie anzumelden. Aber vor allem sind es natürlich die menschlichen
Gründe, die dich von solchen Schritten abhalten. Warum sagst du den beiden
Gesellen nicht einfach und offen, du möchtest kein Benzin in deinem Estrich
haben? Offenheit ist immer das beste. Und dann, plötzlich, musst du selber
lachen, dass dir dieser Einfall jetzt erst kommt: sie werden doch dein Haus
nicht anzünden, wenn sie selber im Estrich sind! Immerhin kletterst du,
schon im Pyjama, noch einmal auf den Sessel, auf die Kommode und den Schrank. Er
schnarcht wirklich. Eine halbe Stunde später ruhest auch du ... Und am
andern Morgen, siehe da, steht dein Haus noch immer! - Die Sonne scheint, der
Wind hat gedreht, die Wolken ziehen über die Dächer der Stadt, und
gesetzt den Fall, es wären wirklich böse Gesellen, gerade dann ist es
nicht einfach sie einfach hinauszuwerfen; nicht ratsam; denn solange du ihr
Freund bist, werden sie wenigstens dich verschonen. Freundschaft ist immer das
beste! Und wenn du an diesem Morgen hinaufgehst und sie zum Frühstück
bitten willst, so ist das nicht Tücke, nicht Berechnung, sondern eines
jener herzlichen Bedürfnisse, die man plötzlich hat und die man, wie
du mit Recht sagst, nicht immer unterdrücken soll. Die Leiter zum Estrich
ist bereits gezogen, die Türe offen, du musst nicht einmal klopfen. Der
Estrich, den du aus Rücksicht schon lange nicht mehr besucht hast, ist voll
von kleinen Fässlein, und der eine, der Freund, der aus dem Gefängnis,
steht eben an der Dachluke, hält den nassen Finger hinaus um die
Windrichtung festzustellen; der andere ist leider schon ausgegangen, komme aber
wieder. Mit deinem Frühstück ist es also nichts. Er komme aber
bestimmt im Laufe des Tages, sobald er, wie der Freund in seiner immer etwas
scherzhaften Art sagt, die erforderliche Holzwolle beisammen habe. Holzwolle? Es
fehlte nur noch, dass er von einer Zündschnur redete. Einen Augenblick bist
du wieder etwas verwirrt, etwas betreten, was du allerdings nicht zeigen willst.
Im Grunde, das weißt du, kann kein Mensch so frech sein, wie dieser sich
den Anschein gibt, nur weil er meint, du fürchtest ihn. Ein für
allemal entschlossen dich nicht zu fürchten, entschlossen deine Ruhe und
deinen Frieden zu erhalten, tust du, als hättest du nichts gehört, und
im übrigen, was das Frühstück betrifft, kann das ja auch ein
andermal sein. Deine freundschaftliche Geste ist schon als solche nicht wertlos.
Vielleicht zum Abendbrot. Mit Vergnügen, sagt der Kauz, sofern sie Zeit
hätten und nicht arbeiten müssten; das hänge vom Wind ab. Er ist
wirklich ein Kauz. Und natürlich bist du nun nicht wenig neugierig, ob sie
tatsächlich zum Abendessen kommen, ob sie deine Freundschaft überhaupt
wollen. Vielleicht hättest du deine Freundschaft schon früher bekunden
sollen. Aber lieber jetzt, sagst du, als zu spät! Mit Recht vermeidest du
ein allzu besonderes, ein auffälliges Abendessen; immerhin holst du einen
Wein aus dem Keller um ihn für alle Fälle kühl zu stellen. Leider
kann man am Abend, als sie gegen neun Uhr endlich kommen, nicht mehr auf der
Terrasse sitzen; es ist zu windig. Ob er Holzwolle gefunden habe? fragst du um
dem Gespräch bald eine persönliche Note zu geben. Holzwolle? sagt er
und schaut den Freund an, wie man einen Verräter anschaut. Dann, Gott
weiß warum, musst du selber lachen, und schließlich lachen sie auch.
Holzwolle, nein, Holzwolle habe er nicht gefunden, aber etwas anderes,
Putzfäden aus einer Garage. Gefunden: dass das nichts anderes heißt
als gestohlen, daran kannst du nicht zweifeln. Überhaupt haben sie sehr
eigene Ansichten betreffend Recht und Unrecht. Nach der ersten Flasche, du hast
den Wein nicht umsonst gekühlt, erzählst du, dass du auch schon
Unrecht begangen hast. Da sie schweigen, erzählst du mehr und mehr, indem
du, ihre Freundschaft ist es dir wert, die zweite Flasche entkorkst.
Offensichtlich fühlen sie sich wie zu Hause; der Freund, der Frechere,
dreht deinen Rundfunk an um den Wetterbericht zu hören. Dann wünschen
sie nur noch eines: Streichhölzer. Nichts wäre verfehlter, als wenn du
jetzt wieder zusammenzucktest; auf Verdacht ist keine Freundschaft aufzubauen.
Wozu Streichhölzer? Es gelingt dir jedes beleidigende Zittern zu vermeiden
und Zigaretten anzubieten, als ginge dir nichts durch den Kopf, und dann, das
ist kein schlechter Einfall, bietest du Feuer mit deinem eigenen Feuerzeug, das
du nachher wieder in die Tasche steckst. Das Gespräch geht weiter, das
heißt, sie hören zu, sehen dich an und trinken Wein. Dein ehrliches
Geständnis, wieviel Unrecht du begangen hast, rührt sie nicht mehr,
als es die Höflichkeit verlangt; überhaupt wirken sie sehr
geistesabwesend. Eine dritte Flasche, die du schon zwischen den Knien hast,
lehnen sie ab. Da du sie trotzdem öffnest, wirst du sie allein trinken
müssen. Nur beim Abschied, als du gewisse Hoffnungen ausdrückst, dass
die Menschen einander näher kommen und einander helfen, bitten sie dich
nochmals um Streichhölzer. Ohne Zigaretten. Du sagst dir mit Recht, dass
ein Brandstifter, ein wirklicher, besser ausgerüstet wäre, und gibst
auch das, ein Heftlein mit gelben Streichhölzern, und am andern Morgen,
siehe da, bist du verkohlt und kannst dich nicht einmal über deine
Geschichte wundern.
Entstehungsgeschichte
lange Vorgeschichte, Idee aus dem Jahre 1948; entstanden aus einer
"Burleske" genannten Prosaskizze aus dem "Tagebuch 1946-1949" des Autors
historisches Ereignis, das zu der Zeit stattfand: Umsturz in der
Tschechoslowakei, Entstehung einer sozialistischen Volksrepublik CSSR;
ursprünglicher politischer Hintergrund, doch Modellcharakter des
Stücks für alle möglichen politischen Ereignisse, natürlich
auch für den Nationalsozialismus; geschildert wird die Entwicklung
eines "Völkerbrandes" 1953: Umarbeitung des Stoffes zu einem
Hörspiel: "Herr Biedermann und die Brandstifter" (Uraufführung im
Bayerischen Rundfunk) 1958: Uraufführung des "Lehrstücks ohne
Lehre" mit dem Titel "Biedermann und die Brandstifter" am Zürcher
Schauspielhaus
Handlung
Gottlieb Biedermann stellt sich in dem Einakter als typischer
Kleinbürger dar, selbstgerecht und auch selbstbewusst, zugleich feige,
verlogen und bei aller nach außen vorgetäuschten Menschlichkeit im
Innersten inhuman. Er ist Haarwasserfabrikant und dabei sehr reich geworden.
Während er bei seiner häuslichen Zeitungslektüre über die
andauernden Brandstiftungen schimpft, kommt ein Hausierer, Schmitz, keineswegs
eine vertrauenerweckende Erscheinung. Schmitz dringt in die Wohnung vor und
lädt sich praktisch selbst ein, indem er Biedermann an seine Menschlichkeit
erinnert. Wenig später wird diese "Humanität", die wegen der
versteckten Drohungen von Schmitz aus Feigheit geboren wurde, Lügen
gestraft, als Knechtling, ein entlassener Angestellter von Biedermann,
Gewinnbeteiligung an dem Haarwasser, seiner eigenen Erfindung, fordert. Er wird
hinausgeworfen. Schmitz wird auf dem Dachboden Asyl gewährt. Auch die
zunächst empörte Frau Biedermann schafft es nicht, Schmitz die Bleibe
aufzukündigen, nachdem er an ihre Sentimentalität erinnert hat.
Zugleich kommt ein Freund von Schmitz, der ehemalige Kellner Willi, der
ebenfalls in den Dachboden zieht. Herr Biedermann bemerkt, wie beide
Benzinfässer auf dem Estrich stapeln, tobt deswegen zunächst auch,
lässt sich jedoch durch die rückhaltlose Offenheit der beiden
überrumpeln. Er redet sich selbst wider besseres Wissen ein, niemand
würde eine derartige Wahrheit wirklich aussprechen. Vor der Polizei, die
den Selbstmord Knechtlings meldet, macht sich Biedermann aus schlechtem Gewissen
zum Komplizen der beiden. Er behauptet, in den Fässern sei Haarwasser.
Während Schmitz und Willi auf dem Boden weiter ihre Vorbereitungen zum
Brandstiften treffen, überdeckt Biedermann seine blanke, aber durchaus
gerechtfertigte Angst mit wortreicher Zuversicht und den Sprüchen von Ruhe
und Frieden sowie vom Vertrauen in die Menschheit. Als letztes Hilfsmittel
fällt ihm nur noch ein, sich mit den Gangstern auf immer vertrauteren
Fuß zu stellen, sie schließlich zum Abendessen einzuladen und sich
mit ihnen zu duzen. Dabei gibt Biedermann den Ganoven auch noch die
Streichhölzer, da sie - wie er trotz seiner Furcht und seiner Einsicht
argumentiert - selbst Streichhölzer hätten, wenn sie Brandstifter
wären. Er kommt gemeinsam mit seiner Frau in den Flammen des Feuers um, das
Schmitz und Willi Eisenring noch in derselben Nacht legen. Zuvor tritt noch ein
Intellektueller als dritter Verbündeter auf, der zum Schluss ein Manifest
gegen die beiden verliest, da er feststellen muss, dass sie nicht aus Ideologie,
sondern aus reinem Gefallen brennen. Immer wieder tritt der Chor der
Feuerwehrleute auf, die dem Treiben entsetzt zusehen und dem Zuschauer von
Anfang an sowohl den Ausgang deutlich machen als auch die Sinnlosigkeit von
Biedermanns Tun vor Augen führen. Bereits zu Beginn wird durch den
Chorführer klargestellt, dass es nicht Schicksal ist, was Biedermann zu
erleiden hat, sondern sinnloser und gefährlicher Blödsinn. Der
Haarwasserfabrikant Jakob Biedermann sitzt im Wohnzimmer und kommentiert
empört Zeitungsmeldungen über erneute Feuersbrünste durch die
Brandstifter. Da erscheint Josef Schmitz. Sentimental und falschfreundlich
bittet er um Asyl im feuergefährlichen Speicher Biedermanns. Mit
geschickter Manipulation des Sicherheitsdenkens, Egoismus, Misstrauens und
schlechten Gewissens Biedermanns gelingt ihm, den Fabrikanten zu überreden.
Biedermann, im Geschäftlichen kalt und rücksichtslos, wird Opfer
seines Konformismus - aus Angst, den Verbrecher zu vergrämen. Mit einem
Komplizen zieht der ein, und die beiden beginnen sofort ihr Werk. Sie schaffen
Benzinfässer und Zündmaterial heran, das Unglück nimmt seinen
Lauf. Für Biedermann ist es zu spät für Einsicht und Handeln, er
hat das Nahen des Bösen nicht erkannt. Max Frisch zeigt in dieser Parabel
das allmähliche Eindringen der Anarchie in das Bürgertum, das Versagen
feigen konformistischen Denkens gegenüber der Realität des Bösen.
Die sechs Szenen
Personen der Handlung
Herr Biedermann, Babette, seine Frau Schmitz, ein Ringer Eisenring,
ein Kellner
Anna, ein Dienstmädchen ein Dr. phil.
Witwe Knechtling
der Chor, bestehend aus Männern der Feuerwehr
Ort der Handlung
Biedermanns Stube Dachboden leere Bühne
Beginn: Aufflammen eines Streichholzes; Biedermann zündet sich
eine Zigarre an (bürgerlich-biedermännisches Gehabe)
Einstimmung in das Thema
"Aber nicht alles, was feuert, ist Schicksal, Unabwendbares ...
Nimmer verdient, Schicksal zu heißen, bloß weil er
geschehen: Der Blödsinn, Der nimmerzulöschende einst!" (9)
Exkurs
DER CHOR IN DER ANTIKEN TRAGÖDIE
"Chor" (griech. Tanzplatz, Tanz, Reigen mit Gesang, schließlich die
ihn aufführenden Personen), Zusammenfassung gleichartiger Personen, die
durch Zusammenklang ihrer Stimmen bei Gesang oder Sprechvortrag eine Einheit
bilden und als solche dem Einzelhelden der dramatischen Handlung betrachtend,
deutend und wertend ("idealisierter Zuschauer") gegenüber stehen oder auch
in den Vorgang selbst eingreifen. Das griechische Drama erwuchs aus den
kultischen Festspielen des Chores anlässlich der Dionysien (Festspiele zu
Ehren des Gottes Dionysos); ursprünglich reiner Gesangsvortrag, später
begleitet von Instrumenten und Tänzen; danach Einschalten von Einzel- und
Wechselrede (politische und gesellschaftliche Ereignisse) und Rede/Gegenrede von
Chor und einem Schauspieler; Aischylos erweiterte durch Einführung eines
zweiten Schauspielers; später mehrere Schaupieler; Aufgabe des Chors:
Begleitung, Kommentierung der Handlung
Erste Szene
Biedermanns Stube
Biedermann, der
Spießbürger
- "sprechender Name" - die ersten Sätze als Exposition des
gesamten Stücks (10) - Stammtischparolen - Tarnung der Angst mit
"Menschlichkeit" - Entlarvung dieser Haltung durch das Erscheinen
Knechtlings (anonym) (19)
Die Brandstifter
- zu allem entschlossen - vgl. Regieanweisung (11) - durchaus keine
vertrauenerweckende Erscheinung - sanfte Hinweise auf den Ringerberuf -
psychologisches Raffinesse (Appell an B.s Menschlichkeit) - scheinbare
Unterwürfigkeit - offenkundige Unverschämtheit
Chor ironischer Kommentar zu dieser Szene (22,23)
Wehe, in nervenzerrüttetem Zustand Schlaflos-unselig Seh ich
die Gattin. (...) Aber ein Anruf kam nicht.
Zweite Szene
Babette/Schmitz
"Blinder als blind ist der Ängstliche, Zitternd vor Hoffnung, es
sei nicht das Böse, Freundlich empfängt er`s, Wehrlos, ach,
müde der Angst, Hoffend das beste ... Bis es zu spät ist."
(32/33)
Biedermanns Angst
- ständig und überall greifbar; das Grundmotiv seines Handelns
den Brandstiftern gegenüber - die Angst, Macht, Ansehen und Einfluss zu
verlieren (Knechtling)
Biedermanns Hoffnung - es sind keine Brandstifter (24) - Vertrauen
(24) vgl. Anfangszitat! - sie gehen von selbst (25/26) - Bestechung
durch "Menschlichkeit" (27)
das Böse in den Brandstiftern - sie sagen von Anfang an mit
brutaler Offenheit die Wahrheit - Psychoterror - sie durchschauen
Biedermann, weil sie die Art Menschen kennen und stets benutzen -
Mitleidstour, Tränendrüse - Ironie/Sarkasmus
Dritte Szene
Biedermann/Brandstifter
"Klug ist und Herr über manche Gefahr, Wenn er bedenkt, was er
sieht, Der Mensch. Aufmerkenden Geistes vernimmt er Zeichen des
Unheils Zeitig genug, wenn er will."
Zeichen des Unheils - Schmitz und Eisenring, die Brandstifter - die
Benzinfässer - der Polizist ("Jeder Bürger ist strafbar...") -
Lüge vor der Polizei - die Zündkapsel - die Putzfäden
Folge - Verdrängungsprozess - Angst - Feigheit -
Eitelkeit - listiges Einschmeicheln
Dieser Abschnitt kann parabelhaft auf das alltägliche Leben unserer
Zeit übertragen werden. Auch bei uns gibt es viel zu viele Menschen, die
wie Biedermann die Fehler anderer kritisieren, selbst aber nicht besser sind. In
dieser Szene wird Biedermann wiederholt auf das drohende Unheil hingewie- sen.
Er registriert zwar die Hinweise, versucht sie jedoch zu verdrängen. Der
Verdrängungsprozess weist darauf hin, dass Biedermann eine
charakterschwache Person ist. Er markiert gegenüber den Brandstiftern den
Willensstarken, in Wirklichkeit ist er willensschwach und lässt sich leicht
beeinflus- sen. Er zeigt die typischen Merkmale eines Opportunisten. Dem Gesetz
gegenüber ist er nur ein kleiner Spießbürger. Die
Brandstifter kennen diese Art von Menschen genau, wissen, wie man mit ihnen
umzugehen hat, und nutzen dies stets aus. Die Ironie dieser Szene besteht
darin, dass die Brandstifter Biedermann jeden ihrer Schritte mitteilen. Er kann
das Gesetz nicht einschalten, da die Lagerung von Benzinfässern in dieser
Zeit der Brandstiftungen verboten ist.
Vierte Szene
Biedermann/Eisenring
"Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität.
Was unser Sepp so erzählt: Kindheit bei Köhlern im Wald, Waisenhaus,
Zirkus und so. Aber die beste und sicherste Tarnung (finde ich) ist immer noch
die nackte und blanke Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand." (54)
Die Wahrheit - Holzwolle - Zündkapsel - Gefängnis
- Zündschnur - "Man muss die Richtigen finden" (57)
CHOR
"Einer mit Brille Sohn wohl aus besserem Haus (...) Putzend die
Brille, um Weitsicht zu haben Sieht er in Fässern voll Brennstoff
Nicht Brennstoff - Er nämlich sieht die Idee! Bis es brennt.
Fünfte Szene
Biedermann versucht immer noch verzweifelt, seine Haut zu retten; (63);
er verschließt sich vor den Realitäten; ein Abendessen (typisch
Kleinbürger) soll die Wende bringen, allerdings ist er sich über den
äußeren Ablauf nicht im klaren; er fürchtet, von den
Brandstiftern als Protz angesehen zu werden und drängt auf Schlichtheit
(64), auch damit die Verbrecher seine Bestechungsabsicht nicht erkennen; das
Motiv der "Menschlichkeit, Brüderlichkeit" (64) wird wieder aufgenommen;
vgl. Verhalten B.`s gegen die Witwe Knechtling (63) B. versteigt sich zu
Erlösungsphantasien (65), vgl. "Jedermann"; Rechtfertigungsdruck (67)
vgl. "Andorra", Zeugenaussagen
Sechste Szene
das einzige, was B. den Brandstiftern entgegenzusetzen hat, sind seine
eigene Verlogenheit, sein missglückter Humor, seine Verdrängung von
Problemen und seine daraus resultierende Verzweiflung, die aus der Einsicht
entsteht, am Ende zu sein (68 ff) die Brandstifter durchschauen ihn jedoch
(wie immer) und treiben ihr Spiel mit ihm; sie fordern alleAccessoires, auf die
er vorher absichtsvoll verzichtet hat die einzige, die sich unbehaglich
fühlt und teilweise Widerstand leistet, ist Babette vgl. "Jedermann"-Szene
Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929):
Jedermann
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes entstanden 1903 - 1911,
anlässlich der Salzburger Festspiele am 22.08.1920 auf dem Domplatz der
Stadt uraufgeführt
Inhalt
Nachdem ein Herold das "geistlich Spiel" von der "Vorladung Jedermanns"
angekündigt hat, beginnt das Vorspiel: Gott der Herr, der einen Gerichtstag
halten will über alle Menschen, die durch die ständige Missachtung
seiner Erlösungstat und seiner Gebote "in Sünd ersoffen" sind,
beauftragt den Tod, Jedermann vor den göttlichen Richterstuhl zu bringen,
damit er Rechenschaft ablege über sein irdisches Leben. - Der Anfang des
Hauptteils zeigt Jedermann als besitzstolzen und selbstgerechten Verwalter
seines Reichtums, der freimütig bekennt, in der Macht des Geldes die
höchste Gewalt zu verehren. Bedrückende Begegnungen mit dem verarmten
Nachbarn, dem Knecht (einem Schuldner Jedermanns) und der Mutter (die die
Gedanken ihres Sohnes mahnend auf die Forderungen und Verheißungen Gottes
lenken möchte) haben Jedermann in eine düstere Stimmung versetzt; sie
weicht erst wieder, als seine Geliebte, "Buhlschaft", umgeben von Spielleuten
und Freunden erscheint, um alle zu seinem festlichen Bankett zu versammeln. Aber
auch jetzt kann Jedermann nicht unbekümmert an der Ausgelassenheit seiner
Gäste teilnehmen, und alle Versuche, ihn durch Späße, Lieder und
kräftig gewürzten Wein aufzuheitern, bleiben ohne anhaltende Wirkung.
Von der wachsenden Verstörtheit und den Vorahnungen Jedermanns
angekündigt, erscheint mitten im Trubel des Festes der Tod und fordert
Jedermann auf, ihm vor Gottes Thron zu folgen. Das einzige, was er sich noch
ausbitten kann, ist eine kleine Frist, in der er einen Gefährten für
seinen letzten Weg suchen will. Aber weder sein ihm bisher scheinbar so
bedingungslos ergebener Freund noch seine beiden Vettern sind bereit, ihn zu
begleiten. Buhlschaft und die anderen Gäste haben bereits beim Erscheinen
des Todes fluchtartig das Fest verlassen. Da lässt Jedermann seine
Schatztruhe holen, damit er auch auf der letzten Strecke seines Lebens nicht auf
Macht und Selbstsicherheit verzichten muß. Der Truhe aber entsteigt
"Mammon" und klärt Jedermann mit derselben zynischen Offenheit, mit der
dieser sich einst zur Macht des Geldes bekannt hat, über das wahre
Verhältnis von Besitzendem und Besessenem auf: Nicht Jedermann ist durch
den Besitz des Geldes in den Rang einer "kleinen Gottheit" erhoben, Mammon
selbst ist der Gott, der unerkannt von Jedermanns Seele Besitz ergriffen hat.
Von allen Freunden verlassen und aller zeitlichen Güter beraubt, macht sich
Jedermann auf den Weg zum Gericht Gottes, nur von seinen gebrechlichen "Werken"
und deren Schwester "Glaube" begleitet. Die Werke freilich sind zu schwach, um
Jedermanns Sache wirksam zu vertreten. Erst nachdem Glaube ihm den Sinn für
die Erlösungstat Gottes wirksam erschlossen hat, fällt auch von den
Werken die Schwäche ab, so dass beide ihn dem Zugriff des Teufels entziehen
können - kraft des Opfertodes Christi, der "Jedermanns Schuldigkeit"
bereits für alle Ewigkeit "vorausbezahlt" hat. Unter den zuversichtlichen
Worten Glaubes und dem Gesang der Engel steigt Jedermann an der Seite seiner
Werke ins Grab.
Personencharakteristik
Gottlieb Biedermann
- Prototyp des heuchlerischen Spießers - Reden schwingend -
Phrasen dreschend - zigarrerauchend - regelmäßige
Stammtischbesuche - moralische Sprüche ohne überlegten Hintergrund
- im Grunde ein geschäftlicher Betrüger - verschwommene
moralische Grundsätze - hartherzig und egoistisch - beansprucht,
mitfühlend und barmherzig zu sein - plädiert gegen das Misstrauen,
hegt es aber von Anfang an - Angst und Verzagtheit - ohne wirkliches
Rückgrat, weder privat noch geschäftlich - Stärke nur gegen
Schwächere (Angestellte, Dienstmädchen, Ehefrau) - Dummheit -
geistig völlig unselbständig - vgl. Gespräche mit den
Ganoven, die ihn ständig überfahren und in hilflos erscheinen lassen
- Ehrgeiz - Streben nach Beliebtheit und Ansehen - Mitgliedschaft in
der Partei - immer auf der Seite der Stärkeren
Biedermann als der unverbesserliche, charakterlose Schwächling, der
mit seinen Artgenossen zusammen die meisten Katastrophen dieser Welt dadurch
herbeiführt, dass er zunächst seinen Vorteil daraus ziehen, dann aber
nichts mehr damit zu tun haben will und sich aus der Verantwor- tung stiehlt
Babette
- weibliches Gegenstück ihres Mannes - ängstlich darauf
bedacht, nicht als Spießer zu gelten - Beachten von
Äußerlichkeiten und Konventionen - falsche Barmherzigkeit -
Sentimentalität - wahres Mitleid kann sie nicht zeigen (Knechtling)
- dennoch sympathischer als ihr Mann - nicht ganz so verlogen wie
Gottlieb - lässt ihre Angst deutlicher erkennen - Unterschied der
Geschlechter: - eine Frau darf zeigen, dass sie Angst hat - deutlicheres
Erkennen des Geschehens - kein eigenes Handeln, doch Tadel für ihren
Mann - zeigt Gewissen - verurteilt das Reichen der Streichhölzer
- zieht nicht die richtigen Konsequenzen - wird deshalb mitschuldig
- die typische Kleinbürgersfrau
- ein reines Anhängsel ihres Mannes - im Grunde
überflüssig - kommt in der "Burleske" gar nicht vor
Schmitz und Eisenring
das leibhaftige Böse vgl. Nachspiel in der
Hölle
beide spekulieren mit der Schwäche derjenigen Menschen, die glauben
und hoffen, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf"; Vorbereitungen und
Pläne laufen ohne Hindernis ab; sie haben es nicht einmal nötig, sich
mit Biedermann und seiner Frau zu verbrüdern; sie wahren ihre Eigenheiten
und sind die einzigen Hauptpersonen, die nicht verlogen sind; nach ihrer Methode
wird das Böse immer wieder Fuß fassen können Schmitz grob, naiv,
plumpvertraulich, manchmal direkt gutmütig; um eine sentimentale
Lügengeschichte nie verlegen; macht ein Geschäft aus seinem schlechten
Benehmen, für das er anderen Menschen einen Schuldkomplex auflädt;
kalkuliert mit dem falsch verstandenen Mitleid; wahrhaftig Eisenring gute
Manieren, raffinierter in seiner Bosheit; weiß auf der Tastatur der
menschlichen Gefühle meisterhaft zu spielen; Eitelkeiten wie Ängste;
eigentlich nicht klug, nur geschickt; die Mitmenschen machen ihm die
Verwirklichung seiner Ziele leicht; ebenso grausam und brutal wie sein Kumpan
Anna
dümmliche, pflichtgetreue Person, die in Biedermanns Haushalt passt;
völlig farblos; tut, was man ihr sagt, auch wenn sie sich dabei wundert;
sie lacht nur ein einziges Mal: bei dem vulgären und albernen Liedchen in
der 6. Szene; stellvertretend für die Masse der Mitläufer, die zwar
selbst nicht aktiv werden, aber auch nichts verhindern; alles Geschehen prallt
von ihr ab und zieht sie mit in das Verhängnis
Dr. phil.
der Intellektuelle, für den der Zweck die Mittel heiligt; fanatisch
und von der Idee besessen, wird er zum Mittäter; seine Brille, die ihm
Weitsicht verleihen soll, gibt ihm nicht die Fähigkeit, die Folgen zu
durchschauen; er ist über alle Vorgänge informiert, erkennt aber
nicht, dass nach dem "Brand" seine Idee auf verbrannte Erde fallen muss; vor
allem aber entgeht ihm, dass Schmitz und Eisenring, die Verkörperung des
Bösen, nicht um einer Idee willen, sondern aus purer Lust am Brennen
vorgehen; die Einsicht in seinen Fehler kommt zu spät; seine
umständliche Rechtfertigung geht im Lärm des sich ankündigenden
Unheils unter; er drückt sich vor der Verantwortung, indem er sich in die
Position des Beobachters begibt; welcher Art seine Idee ist, wird nicht
mitgeteilt, weil dies ohne Belang ist
Interpretation
Lehrstück ohne Lehre
- Modell für die Gefährlichkeit der politischen Dummheit des
Bürgers - Bequemlichkeit, wenn es heißt, gegen Mächtigere
etwas zu unternehmen - Neigung, gegen besseres Wissen zum Mitläufer zu
werden und damit zum Mitschuldigen
Der politische Hintergrund
- Der Umsturz in der Tschechoslowakei 1948 darüber hinaus
übertragbar auf viele Ereignisse im politischen, gesellschaftlichen,
bisweilen auch im privaten Rahmen: - Die Herrschaft der Nationalsozialisten
- Hitler hat alle seine Taten in "Mein Kampf" angekündigt - Die
atomare Bedrohung - Der "Weltbrand", für den viele Militärs und
Politiker die Lunte zu legen bereit sind (vgl. Zusammenarbeit deutscher Firmen
mit Iran, Irak, Libyen - Die demokratische Duldsamkeit - Die
Umstürzler von rechts und von links sitzen mit uns an einem Tisch ("Es ist
ja alles nicht so schlimm") - vgl. "Großer Lauschangriff" - vgl.
Rechtsradikalismus - Die Bedrohung durch moderne Technologien (vgl.
Kernenergie, Gentechnologie )
ein Stück ...
- von der Gefahr, die von der geduldigen Natur des Bürgertums kommt
- von dem Unheil, das in der mittelständischen Gemütlichkeit
gedeiht - von der Sattheit der Menschen, die sich mit Silber,
Gänsebraten, Leuchten, Tischdecken, gutem Wein und Zigarren umgeben -
von der Unruhe, die von Menschen ausgeht, die "in Ruhe und Frieden" gelassen
werden wollen ("Ruhe ist die erste Bürgerpflicht") - von der Dummheit
dessen, der sieht und nicht sehen will - von der Feigheit dessen, der aus
lauter Angst vor einem bißchen Macht sich selbst in die völlige
Selbstaufgabe treibt und damit einer viel größeren Macht den Weg
bereitet - von der Leichtfertigkeit dessen, der mit moralischen Urteilen um
sich wirft, ohne als Weltanschauung mehr zu besitzen als seine
kleinbürgerliche Gemütlichkeit - von der verlogenen Eitelkeit, die
die letzten Einsichten zunichte macht - vom Unglück, das geschieht,
obwohl es hätte vermieden werden können - vom Intellektuellen als
geistigen Wegbereiter des Bösen insgesamt eine äußerst
pessimistische Perspektive
Lehrstück ohne Lehre
Frisch glaubt nicht (im Gegensatz zu Brecht), dass von diesem Stück
eine Wirkung ausgehen wird; die "Helden" der Handlung sind unbelehrbar; der
Autor sieht sich als Prediger vor tauben Ohren; möglicherweise soll der
Titel aber auch provokativ gemeint sein und auf Umwegen zum Handeln führen;
der Pessimismus ist im "Nachspiel" konsequent zu Ende gedacht: Biedermann
fordert nur Gnade und Wiedergutmachung
"Die Erkenntnis-Vorstöße, die unser Jahrhundert bewegen,
verdanken wir nicht der Literatur."
Christian Morgenstern:
Die unmögliche
Tatsache
Palmström, etwas schon an Jahren, wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge überfahren.
"Wie war" (spricht er, sich erhebend und entschlossen weiterlebend)
"möglich, wie dies Unglück, ja -: dass es überhaupt
geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen in bezug auf Kraftfahrwagen? Gab die
Polizeivorschrift hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten, hier Lebendige zu Toten umzuwandeln, -
kurz und schlicht: Durfte hier der Kutscher nicht - ?
Eingehüllt in feuchte Tücher, prüft er die
Gesetzesbücher und ist alsobald im klaren: Wagen durften dort nicht
fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil,
so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.
Aufsatzthema
Weise nach, wie das Zusammenwirken Biedermanns mit den Brandstiftern die
Katastrophe herbeiführt. Welche allgemeingültige Aussage trifft der
Autor Deiner Meinung nach mit diesem Text?
Referate
MAX FRISCH Michael Schöpfel, Dirk Schulze Hegau
Gymnasium Singen a. Htwl.
Schweizer Schriftsteller; Dr. phil. h.c. geb. 15. Mai 1911 in Zürich
gest. 4. April 1991 in Zürich Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in
Zürich als Sohn eines Architekten geboren. Nach dem Kantonalen
Realgymnasium in Zürich studierte er 1930-33 Germanistik an der
Universität Zürich. Aus finanziellen Gründen brach er dieses
Studium nach dem Tode seines Vaters 1933 ab. Später, von 1936-41, studierte
er Architektur an der ETH Zürich. Geschrieben hatte Frisch schon als
Schüler, ein erster Roman, "Jürg Reinhart", war 1934 entstanden. 1937
verbrannte er, entschlossen mit eigener Literatur aufzuhören, alle bis
dahin entstandenen Manuskripte. Ab 1931 als freier Journalist tätig,
verfasste Frisch vor allem für die "Neue Züricher Zeitung" Berichte
über Reisen durch Deutschland, die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien,
die Türkei, Griechenland und Italien. 1942 eröffnete der diplomierte
Architekt Frisch ein Büro in Zürich und gewann im selben Jahr den
ersten Preis in einem städtischen Wettbewerb um eine große
Freibadanlage "Letzigraben" in Zürich. Das Schreiben hatte der Architekt
Frisch nicht aufgegeben und als Autor in den 50er Jahren bereits soviel
Beachtung gefunden, dass er 1955 sein Architektenbüro auflösen und als
freier Schriftsteller leben konnte. Seinen Durchbruch schaffte er mit der
Veröffentlichung des Romans "Stiller" im Jahre 1954. Sein Prosa-werk
— Romane, Tagebücher und Erzählungen — war auch für
ein junges Publikum attraktiv, "Stiller", "Homo faber" und "Mein Name sei
Ganten-bein" fanden nicht nur beim Publikum, sondern ebenso in der Forschung
nachhaltig Resonanz. Die Theaterstücke "Biedermann und die Brandstifter"
und "Andorra" zählten zu den meistgespielten deutschsprachigen Dramen
dieses Jahrhunderts. In den 60er Jahren, als Frischs Ruhm
überwältigend war, fehlte nur noch Amerika; aber in den USA, wo sein
Freund und Konkurrent Dürrenmatt Erfolg hatte, fiel Frisch durch. "Ein
brüderliches Genie" nannte Joachim Kaiser den großen Schweizer
Schriftsteller, der die Sorgen und Ängste aller wachen Zeitgenossen
mitempfand, und als Autor in die Gültigkeit kleiner und großer
Meisterwerke umzusetzen wusste. "Umkreist und entfaltet war in seinen Dramen und
Romanen stets die Identitäts- Problematik, das seiner selbst nicht
mächtige Ich, das im Verhältnis zum Gegebenen — der Heimat, dem
"anderen Geschlecht" — Befremdung wahrnahm, Distanz gewann und sich in
aufregenden Fragen und bohrenden Antworten bekundete." "Ich schreibe, um zu
bestehen", lautete ein Bekenntnis dieser unbestechlichen
Autorenpersönlichkeit, die auf eine Erklärung für die immensen
Erfolge angesprochen, darauf verwies, dass die meisten Sachen, die er gemacht
habe, mit einer eigenen Betroffenheit verbunden waren — wie in "Montauk"
zum Beispiel, der sehr eng am eigenen Leben und am Zeugnis der Epoche
geführten Erzählung. Sie war als Abschluss geplant, als ein
"Vermächtnis", wie Frisch sagte, in einer Gemütsverfassung der
Versöhnlichkeit und Angstfreiheit geschrieben. Er schuf dennoch eine
späte Prosa wie "Der Mensch erscheint am Holozän", Bericht aus der
schwindenden Welt eines Vereinsamten und Sterbenden, von der Sprache wie vom
Aufbau her, so François Bondy, "sein kühnstes Werk und nicht eine
Koda." Das neue Theater deutscher Sprache war ohne Frisch und Dürrenmatt
nicht zu denken. Deutsche Emigranten wie Kurt Hirschfeld und Kurt Horwitz hatten
den jungen Schweizer Autoren einst Förderungen, Ermutigung und einen Raum
gegeben. So war es Hirschfeld — später Direktor des Züricher
Schauspielhauses — der den Erzähler Frisch aufforderte, es mit der
Bühne zu versuchen. Und das Züricher Schauspielhaus der
Emigrationszeit und der ersten Nachkriegsjahre hat ihm, so bekundete Frisch, die
Schweiz heimatlicher gemacht. Oft hob der Dramatiker Frisch diese Bereicherung
und die Dankesschuld gegenüber den Verfremdeten und im Land des Asyls
Bedrängten hervor — bei der Feier für den verstorbenen
Hirschfeld ebenso wie bei der Entgegennahme des Büchnerpreises 1958.
Theater schien ihm später kein produktiver Weg mehr, sondern Sackgasse.
"Triptychon" (1979 als Hörspiel von Walter Adler inszeniert), das
zunächst nicht freigegebene Bühnenwerk, war die vorletzte Premiere
eines Frisch - Theaterstückes; die letzte Uraufführung fand im Oktober
1989 in Zürich statt: Seine Streitschrift "Schweiz ohne Armee? Ein Palaver"
hatte Frisch unter dem Titel "Jonas und sein Veteran für die Bühne
umgearbeitet. In die Politik hatte sich Frisch nach 1945 oft eingemischt, von
Selbstzweifeln war sein Engagement dabei nicht frei. Die fragende und kritische
Haltung, die seine Literatur kennzeichnete, war auch der Gestus seiner Reden,
Kommentare und Wortmeldungen. Gewissheiten verkündete er keine. Das
Verhältnis zwischen ihm, der – so Joachim Kaiser – "dem
Systemzwang ferner als andere Dichter unserer Zeit" stand, und einem
großen Teil der Schweiz war nicht zuletzt deshalb ein eigentümliches
geblieben. Dieses Verhältnis war nicht selten von besonderer
Empfindlichkeit und Verletztheit beider Seiten gekennzeichnet. Dass sich das
Urteil des Unangepassten verschärft hatte, machte u.a. der Vergleich
über die Bücher der Dienstzeit "Blätter aus dem Brotsack" (70)
und "Dienstbüchlein" (74) offenbar. Ermutiger, Vorläufer und Freund
den ei-nen, blieb der Kritiker der "real existierenden Demokratie" den anderen
immer ein "unsicherer Kantonist". Seine Veröffentlichung "Schweiz ohne
Armee? Ein Palaver," 1989 vor den Festlichkeiten zum 50. Jahrestag der
Mobilmachung und der Volksbefragung über die Abschaffung der Armee
erschienen, war ihnen noch einmal Beleg dafür. An den
700-Jahrfeierlichkeiten seines Landes 1991 nahm Frisch nicht teil und verwies
zur Begründung seiner Verweigerung auf die Tatsache, dass er 43 Jahre lang
vom Schweizer Staatsschutz observiert worden sei. Die letzten Jahre lebte
Frisch, der an einem schmerzhaften Krebsleiden erkrankt war, zurückgezogen
in Berzona im Tessin. Er nahm 1989/90 noch zustimmend an der Verfilmung seines
Romans "Homo faber" durch Volker Schlöndorff teil (Kinostart 1991) und
wertete als eine seiner letzten Arbeiten voller Zorn seine Staatsschutzakten
aus. Im Winter 1990, nach dem Abschied von Berzona, hatten Frischs Kräfte
nachgelassen. Der Tumor, an dem er erkrankt war, nahm rasch an Bedrohlichkeit
zu, immer weniger klare Momente waren ihm zuletzt vergönnt. Was seine nahen
Freunde und Angehörigen seit langem schmerzlich erwarteten, wusste auch
Frisch nur zu genau: dass er seinen 80. Geburtstag am 15. Mai 1991 nicht mehr
erleben würde. Frischs Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet,
u.a. dem Georg- Büchner-Preis 1958, dem Literaturpreis der Stadt Jerusalem,
dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Heine-Preis 1989. Ebenso
wurden ihm mehrere Ehrendoktortitel verliehen. 1980 wurde die
Max-Frisch-Stiftung in Zürich ins Leben gerufen. Am 4. April 1991 starb
Frisch "ruhig in seiner Wohnung" in Zürich, wie sein Sohn Peter mitteilte.
Bis in die letzten Stunden seines Lebens sei er oft sehr heiter gewesen,
ließ sein enger Freund, Michel Seigner, wissen. "Jetzt müend d `
Lüt sälber für sich luege" war nach Seigner die letzte
Frisch-Äußerung. Aus der 1959 geschiedenen Ehe mit Gertrud von
Meyenburg hatte Frisch 3 Kinder. 1969-79 war er mit Marianne Oehlers
verheiratet. Seine letzte Le-bensgefährtin hatte er in Karin Pilliod
gefunden. Letzte Adresse: CH- Berzona/Valle Onsernone/Tessin
Max Frisch ``Biedermann und die Brandstifter`` Stefan
Gönnheimer & Marcus Wollinger
EmailSchule:
Fachoberschule Technik I Jahr: November 1996 Fach: Deutsch Lehrer:
Leinhard Zensur: sehr gut
Informationen über den Autor Max Frisch Max Frisch wurde am
15. Mai 1911 in Zürich als Sohn eines Architekten geboren. Auf Drängen
des Vaters begann er 1931 nach dem Abitur in seiner Heimatstadt ein Studium der
Germanistik. Aus finanziellen Gründen musste er 2 Jahre später das
Studium abbrechen und arbeitete als freier Journalist. Im Rahmen dieser
Tätigkeit führten ihn Reisen in die Tschechoslowakei, nach Polen,
Frankreich, Bosnien, Dalmatien, Griechenland und schließlich bis ans
Schwarze Meer und nach Konstantinopel. 1936 begann er ein Architekturstudium,
das er 1941 mit dem Erwerb des Diploms beendete. Von 1942 bis 1954 leitete er
ein Architekturbüro. In dieser Zeit schrieb er Werke wie chinesische
Mauer", "Als der Krieg zu Ende war" (1949), "Graf Öderland", "Don Juan oder
die Liebe zur Geometrie" und 1953 das Hörspiel "Herr Biedermann und die
Brandstifter". Seit der Veröffentlichung des Tagebuches 1946 - 1949 ist er
in deutschsprachigen Ländern berühmt. Weltruhm brachte ihm der Roman
"Stiller" 1965. Frisch erhielt eine ungewöhnlich große Anzahl von
Literaturpreisen, wurde ein begehrter Redner, bereiste die Welt und verfasste
außer weiteren Dramen und Romanen zahlreiche polemische Schriften.
"Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste:
Sentimentalität.(...) Aber die beste und sicherste Tarnung (...) ist immer
noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand."
Kurze Inhaltsangabe Das Lehrstück ohne Lehre "Biedermann
und die Brandstifter" von Max Frisch handelt von dem bürgerlichen Herrn
Biedermann, der von zwei Brandstiftern übertölpelt wird und ihnen
letzten Endes selbst die Streichhölzer für seinen Untergang gibt.
Definition und Funktion einer Parabel "Die Parabel (griech. parabole =
Vergleichung, Gleichnis), ist eine lehrhafte Erzählung, die eine allgemein
sittliche Wahrheit oder Erkenntnis durch einen analogen Vergleich, also
Analogieschluss, aus einem anderen Vorstellungsbereich beleuchtet, der nicht ein
in allen Einzelheiten unmittelbar übereinstimmendes Beispiel gibt." Die
Parabel ist also meist eine fiktive Erzählung, die auf reale Gege-benheiten
bezogen werden kann. Hintergründe zur Entstehung des Bühnenstücks
Max Frisch schrieb das Bühnenstück keineswegs von heute auf morgen. Es
hatte vielmehr eine lange Vorgeschichte. Ohne Zweifel orientierte sich Frisch an
Berthold Brecht, indem er sein Stück "ein Lehrstück" nannte. Doch
gleich fügte er hinzu "ohne Lehre", womit er sich sofort wieder
distanzierte. Anregungen sind auch von Hofmannsthals "Jedermann" ausgegangen,
worauf eine Szene des Stückes selbst verweist. Tiefer ist der Anlass
für das Parabelstück, von dem das "Tagebuch 1946-1949" Auskunft gibt,
nämlich die Umwandlung der Tschechoslowakischen Republik zu einer
Volksdemokratie im Februar 1948. Hier sah Frisch, wie die Brandstifter es sich
zuerst im Dachboden bequem machten, um dann das ganze Haus anzuzünden. Hier
wird die Funktion der Parabel deutlich, indem Frisch Selbsterlebtes in einer
Geschichte darstellt. Interpretation "Mit Biedermann und die Brandstifter" reizt
Frisch bei seinem Publikum den Wunsch herauf, in den Verlauf des Stückes
einzugreifen. Biedermann ignoriert die Gefahr, wie ein Fußgänger, der
bei Rot über die Straße geht. Und wäre man nicht Zuschauer in
einem Theaterstück, würde man versuchen einzuschreiten. Das Stück
richtet sich an die Anonymität einer mehr oder minder chaotischen Masse,
die das Wagnis des offenen Bekennt-nisses scheut. Selbstzerstörerische
Kräfte wirken seit langem in dieser Gesellschaft, wie der Chorführer
eingangs mit den Worten "tilgend das sterbliche Bürgergeschlecht"
hervorhebt. Der Untergang des Bürgertums muss als unmittelbar der
thematischen Auseinandersetzung des Stückes zugehörig betrachtet
werden. Die Bitte nach Menschlichkeit kommt für Biedermann so unverhofft,
wie das Auftauchen von Schmitz selbst. Er schmeichelt sich bei Biedermann ein
und berichtet ihm, dass er den Zirkus, seinen alten Arbeitsplatz, in Brand
gesteckt hat. Da sein Vater Köhler war, wurde Schmitz mit dem Feuer
groß. Er hat Spaß am Feuer, am Knistern und den Funken. Sein Handeln
ist durch Freude am Feuer motiviert. Er gesteht dass er Brandstifter ist, doch
Biedermann will dies nicht wahrhaben. Eine Parallele zum NS-Regime ist zu
erkennen, da es in ähnlicher Weise vorging. Hitler versprach
Arbeitsplätze, verschwieg aber seine wahren Absichten nicht, die Folgen
daraus kennen wir wohl alle. Biedermann versteckt den Brandstifter
gegenüber seiner Frau und weist ihm einen Schlafplatz auf dem Dachboden zu.
Ohne eine Antwort zu bekommen, versichert sich Biedermann nochmals, ob Schmitz
auch wirklich kein Brandstifter ist. Biedermann verschließt die Augen vor
jeder Realität und geht mittels Schlafpulver zu Bett. Ohne es zu begreifen,
hat Biedermann sich seinem schlechten Gewissen gestellt, indem er versucht
Schmitz zu verstecken. Der edle und menschliche Helfer, der er gerne sein
möchte, begibt sich direkt in die Hand des Bösen, vor dem er sich
stets fürchtet. Der Auftritt von Schmitz im Schafsfell, ist eine ironische
Darstellung des Autors. Der Wolf im Schafspelz spiegelt die wahre Identität
von Schmitz wieder. Er ist nach außen hin das arme fromme Lamm, aber der
böse Wolf der in ihm steckt, kann durch das naive Handeln Biedermanns sein
teuflisches Werk in Angriff nehmen. Der bürgerliche Biedermann geht keine
Verpflichtungen ein. Er lässt sich von seiner Frau vertreten, um Schmitz
hinauszuwerfen. Dies gelingt ihr jedoch aufgrund der Redegewandtheit und
Sentimentalität von Schmitz nicht. Anstatt Knechtling, der der eigentliche
Erfinder des Haarwassers ist, am Profit zu beteiligen, lässt er ihn durch
seine Frau "entlassen". Biedermann handelt völlig "menschlich", er geht den
Weg des geringsten Widerstands und hofft, dass er von allem Unrechten verschont
bleibt. Die Benzinfässer auf Biedermanns Dachboden, von Schmitz und
Eisenring angeschleppt, kann man als eine Anspielung auf Gefahren beziehen, die
die ganze Menschheit bedrohen, aber mehrheitlich ohne Gegenwehr akzeptiert
werden. Giftgase z.B. existieren noch immer in Munitionsdepots, deren Verwendung
ist aber vertraglich tabuisiert und deren Vernichtung zeitlich geplant. Es regt
sich aber keine breite Masse darüber auf, wenn deren Beseitigung nicht
eingehalten wird. Als die Polizei die Nachricht von Knechtlings Tod
überbringt, erklärt Biedermann die Brandstifter zu seinen Mitarbeitern
und deklariert das gefährliche Benzin als harmloses Haarwasser. Das
Bürgertum geht mit dem Bösen einen Komplott ein, da beide Angst vor
dem Gesetz haben. Biedermann ist von seinem Handeln, er begehe kein Unrecht, so
voreingenommen, dass er sich von seiner Umwelt abschottet und an keinen
Stammtisch mehr geht. Alle Warnungen ignoriert er und hält statt dessen
weiterhin zu den Brandstiftern. "Ein bisschen Vertrauen muss man schon ha-ben,
ein bisschen guten Willen". Biedermann will mit einem festlichen Mahl die
Freundschaft zu den Brand-stiftern gewinnen. Während er die Einladung
überbringt, pfeift Eisenring, der weiterhin am Untergang des Hausherrn
arbeitet, Lili Marlen. Lili Marlen war im 2. Weltkrieg ein bekanntes Lied, das
zur Aufmunterung der Soldaten diente. Hier wird deutlich, dass Biedermann und
die Brandstifter im Kriegszustand sind und eine wahre Freundschaft nicht
gefunden werden kann. Nach der Einladung taucht der Dr. phil. auf. Er ist der
Einzige, der einen wahren Sinn in der Brandstiftung sieht. Dies wird durch die
Charakterisierung des Chores klar: "Sieht er in Fässern voll Brennstoff
Nicht Brennstoff - Er nämlich sieht die Idee!" Er versucht mit Gewalt die
kranke, schlechte Seite der Gesellschaft zu vernichten. Hier wird der Bezug zum
Terrorismus deutlich, denn der Zweck heiligt die Mittel. Max Frisch, der auf
seinen Reisen sicherlich verschiedene Arten des Terrorismus kennengelernt hat,
bringt seine persönlichen Erfahrungen durch den Dr. phil. in das Stück
ein. Der Dr. phil. stellt jedoch leider zu spät fest, dass Schmitz und
Eisenring nur das radikal Böse und die Freude bzw. Lust an der
Zerstörung sehen und distanziert sich von den beiden. Parallelen sind in
der Entstehung von terroristischen Splittergruppen zu sehen. Das von Biedermann
einberufene Abendessen stellt eine wichtige Schlüsselszene dar. Es ist
vergleichbar mit dem Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern. Für
Biedermann und Babette bedeutet die Mahlzeit das letzte Zusammensein mit ihren
vermeintlichen Freunden vor dem Tode. Während Biedermann mit Eisenring auf
dem Dachboden ist, erscheint die Witwe Knechtling als Schwarze Witwe, Frisch
dramatisiert hier zunehmend den Verlauf des Stückes. Diesen Verlauf
erkennen wir als Todeskurve. Denn der Tod wird Biedermann bald holen. Eisenring
will die Einladung nicht auf morgen verschieben, denn morgen sind sie nicht mehr
hier. Während des Abendmahls spielt Schmitz eine Szene aus Hofmannthals
"Jedermann", indem er als Gespenst den Geist des toten Knechtlings
verkörpert. Nach dem Essen gibt Biedermann den Brandstiftern auf deren
Bitte hin, die Streichhölzer, die seinen Untergang endgültig
beschließen. Frisch versucht, unserer Meinung nach, in seinem Stück
den Untergang einer Regierungs- oder Gesellschaftsform darzustellen. So wie bei
Hitler, der durch den Verlauf der Geschichte hätte wissen müssen, dass
jeder Versuch die Weltherrschaft zu erlangen zum Scheitern verurteilt ist. Mit
dem Erscheinen der Witwe Knechtling kommen immer wieder Todesboten. Sie
drücken eine zunehmende Bedrohlichkeit bis zum endgültigen Untergang
Biedermanns aus. Wer drohende Gefahren ignoriert, wird untergehen. "Biedermann
und die Brandstifter" ist sehr wohl ein Lehrstück. Die Lehre, dass das
Böse keinesfalls unabwendbares Schicksal ist, erkennt jeder. Doch in den
Augen Frischs hat es für die Menschheit, wie für Biedermann, keine
Lehre. Denn jeder ist wie Biedermann, er erkennt das Böse, will diese
Erkenntnis nicht wahrhaben und wird immer wieder falsch handeln. Der Mensch wird
stets den Weg des geringsten Widerstands gehen, auch wenn es ihn sein Leben
kosten kann. Abschließend stellt sich die Frage, ob Frisch mit seiner
Meinung: "Die Dummheit stirbt nie aus", recht behält. Oder wird der Mensch
die Dummheit jemals besiegen können???
Quellenverzeichnis Königs Erläuterungen und Materialien
Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter Erläuterungen zu Max
Frisch, Andorra und Biedermann und die Brandstifter Schmitz(Hg.) Max Frisch
Erläuterungen und Dokumente Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter
Gerda Jordan, Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas Max
Frisch, Biedermann und die Brandstifter Reinhard Dithmar Texte zur Theorie
der Fabeln, Parabeln und Gleichnisse Max Frisch Biedermann und die Brandstifter
Manfred Jurgensen Max Frisch, Die Dramen Jürgen H. Petrersen Max
Frisch, Realien zur Literatur Herder Lexikon Literatur Otto Knörich
Formen der Literatur Gero von Wilpert Sachwörterbuch der Literatur
Otto F. Best Handbuch Literarischer Fachbegriffe, Definitionen und Beispiele
J. B. Metzler Metzler, Literaturlexikon Hans Gerd Rötzer
Literarische Texte verstehen und interpretieren Klaus Müller-Dyes
Literarische Gattungen
Anhang Tabellarischer Lebenslauf von Max Frisch 15. Mai 1911:
Frisch erblickt in Zürich das Licht der Welt 1931 Germanistikstudium
1933 Abbruch des Studiums aus finanziellen Gründen 1933-1936 Beginn
der Tätigkeit als Journalist, verschiedene Auslandsaufenthalte als
Journalist 1936-1941 Architekturstudium in Zürich bis zum Diplom 1942
Hochzeit mit Constanze von Meyenburg, Gründung eines Architekturbüros,
Aufenthalte in Deutschland, Italien, Frankreich, Prag, Warschau 1947 Die
Chinesische Mauer 1948 Bekanntschaft mit Berthold Brecht am Genfer See
1949 Als der Krieg zu Ende war 1950 Spanienreise 1951 Graf
Öderland, USA-Reise, Rockefeller Stipendium 1953 Don Juan oder Die
Liebe zur Geometrie, Herr Biedermann und die Brandstifter (Hörspiel) 1954
Stiller, Auflösung des Architekturbüros, Schriftsteller als Hauptberuf
1955 Wilhelm-Raabe-Preis 1956 Reisen nach USA, Mexiko und Kuba 1957
Homo Faber, Reisen: Griechenland und Arabien 1958 Biedermann und die
Brandstifter, Georg-Büchner-Preis (Zürich) 1959 Scheidung seiner
Ehe 1960-1965 Wohnsitz in Rom 1961 Andorra 1962 Verleihung des
Titels Dr. honoris causa durch die Uni Marburg 1965 Reise nach Israel, Preis
der Stadt Jerusalem 1966 erste Reise in die UdSSR und Polen 1968 zweite
Reise in die UdSSR 1969 Reise nach Japan 1982 Blaubart, Verleihung des
Ehrendoktortitels durch die Universität New York 1985 Drehbuch zu
Blaubart 1986 internationale Würdigung zum 75. Geburtstag, Gesammelte
Werke 1931-1985 in 7 Bänden 1987 Dr. honoris causa an der Technischen
Universität Berlin 4. April 1991 Max Frisch stirbt in Zürich
Max Frisch: Leben und Werk 1911 bis 1991 Studium der Germanistik
(1931-33), abgebrochen; als freier Journalist tätig, Reisen u.a. nach
Südosteuropa; Studium der Architektur (1936-41). Als Architekt (seit 1941),
vor allem als freier Schriftsteller (seit 1955) weiterhin zahlreiche Reisen in
ganz Europa und nach Übersee. Erste Veröffentlichungen Anfang der 30er
Jahre. Dabei sind Frischs Tagebücher ("Blätter aus dem Brotsack",
1940; besonders das "Tagebuch 1946-49", 1950, und das "Tagebuch 1966-71", 1972)
von grundlegender Bedeutung für das dichterische Werk in Roman (vor allem
"Stiller", 1954, mit dem Hör-spiel "Rip van Winkel", Erstaufführung
1953 als Vorstufe; "Homo Faber", 1957, "Mein Name sei Gantenbein", 1964) und
Drama (vor allem "Don Juan oder die Liebe zur Geometrie", 1953, Neufassung 1961;
"Herr Biedermann und die Brandstifter", Hörspiel 1956, Drama 1958;
"Andorra", 1961; "Biographie", 1967). Seine Werke sind in vielen Fällen in
den Tagebüchern vorkonzipiert, ihr Entstehungsprozess wird in ihnen
gespiegelt. Tagebücher und Werke bilden so ein eigentlich
unauflösliches Werkganzes. Hauptthema dieses Werkganzen ist die Erkenntnis
der Selbstentfremdung des modernen Menschen. Das Problem der spaltungsbedrohten
Identität, der Versuch der Identitätsfindung sind dabei ebenso
charakteristisch für die Gestalten des Werks wie ihr Versuch, aus "einer
falschen Rolle", aus der Wirklichkeit auszubrechen auf der Suche nach einer
"Wahrheit", die niemand sagen kann, "es sei denn, er erfinde sie". Frischs
Dramen sind Lehrstücke ohne Lehre, Parabeln in Form der Moritat, der Farce,
der Groteske; seine Romane sind auch formal der Versuch heute möglichen
Erzählens bis in seine Krise. Die Wirkungsmöglichkeiten sieht Frisch
dabei allerdings skeptisch: "Die Erkenntnis-Vorstöße, die unser
Jahrhundert bewegen, verdanken wir nicht der Literatur." Frisch erhielt u.a.
1948 der Georg-Büchner-Preis.
Biedermann oder Brandstifter?
STERN-Autor Peter Sandmeyer über den Lübecker Prozess
gegen Safwan Eid und die Stimmungsmache von Verteidigung und "Antirassisten"
Das Gegentribunal mobilisiert Massen. Zur "Aufklärungsveranstaltung"
über "die Morde von Lübeck" haben mehr als drei Dutzend Organisationen
- von den Verfolgten des Nazi-Regimes über die Jusos bis zum "Arbeiterbund
für den Wiederaufbau der KPD" - aufgerufen. Die Katharinen- kirche an der
Frankfurter Hauptwache ist überfüllt. Safwan Eid, der Angeklagte von
Lübeck, sitzt im Publikum. Er wird - angeblich hat es Morddrohungen gegeben
- gut abgeschirmt. Seine Anwältin Gabriele Heinecke, die auch schon den
Ex-DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph und das autono- me Kampfblatt
"radikal" verteidigt hat, steht am Mikrofon und plädiert: nicht nur
für Freispruch ihres Mandanten, sondern auch für Ermittlungen gegen
die Lübecker Justiz. "Es war eine politische Ent- scheidung, Safwan Eid
anzuklagen, weil es dafür keine juristische Begründung gibt! Und es
war eine politische Entscheidung, die dringend tatverdächtigen
Jugendlichen, die ausgewiesenermaßen aus dem rechtsradikalen Umfeld
kommen, wieder laufen zu lassen, weil es auch dafür keine juristische
Begründung gibt!" Stürmischer Beifall. Das Tribunal zieht sich derweil
hin. Seit dem 16. September wird vor dem Landgericht in Lübeck verhandelt,
aber nur selten blitzt in diesem Prozess das auf, worum es eigentlich geht: das
Grauen einer Nacht, in der Kinder verkohlten, Mütter erstickten, Väter
ihre Familien verloren. Es war die Nacht vom 17. zum 18. Januar, als gegen vier
Uhr morgens plötzlich das Asylbewerber-Haus in der Hafenstraße in
Flammen stand - "lichterloh", wie die Zeu- gen den Brand immer wieder
beschreiben. Seit zwölf Verhandlungstagen versucht die II. Große
Strafkammer von diesen Zeugen zu erfahren, wann wer wo was gesehen hat, was
dafür und was dagegen spricht, dass der angeklagte Libanese Safwan Eid sich
der besonders schweren Brand- stiftung schuldig gemacht hat und für den Tod
von zehn Menschen verantwortlich ist. Halbe Sätze, kleine Details wecken
manchmal die Erinnerung an deren Schicksal. Ein Polizist, der beschreibt, wie er
einer auf der Straße liegenden Frau helfen wollte und dann nur noch eine
Leichendecke für sie holen konnte. Ein anderer, der erzählt, wie er
einem Feuerwehrmann ein gerettetes kleines Kind abnahm, es unter seinen Parka
steckte, um es vor der grimmigen Kälte zu schützen, und einen Platz in
einem Rettungswagen suchte. "Aber die waren alle belegt." Auch der
Rettungssanitäter Jens L., der in der Brandnacht ein Geständnis des
Angeklagten gehört haben will und deswegen der wich- tigste Zeuge der
Anklage ist, lässt etwas von der Erschütterung des miterlebten
Schreckens spüren, als er dem Gericht mit leiser Stimme schildert, wie er
am folgenden Morgen duschen wollte, in den Spiegel blickte und dann in
Tränen ausbrach. Er muss sich dafür von der Verteidigerin Gabriele
Heinecke die Frage gefallen lassen, warum er sich zum Weinen extra vor den
Spiegel stellte. Mit allen - nicht immer feinen - Mitteln versucht die
Verteidigung, die Unschuld ihres Mandanten zu beweisen und die
Glaubwürdigkeit belastender Indizien und Zeugen zu erschüttern. Wer
die stundenlange Vernehmung von Jens L. durch die beiden Verteidigerinnen
Heinecke und Barbara Klawitter und ihre Versuche, ihn in eine rechtsradikale
Ecke zu drängen, miterlebt hat, wird sich künftig gut überlegen,
ob er seiner Pflicht zu einer Zeugenaussage nachkommt. Dass im schmuck- losen
Saal 163 des Lübecker Gerichts, wo einst Marianne Bachmeier den Mörder
ihrer Tochter Anna erschoss, heute der Falsche auf der Anklagebank sitzt, ist
auch für die "antirassistische" Solidaritäts-Szene, die sich zu jedem
Verhandlungstag zahlreich einfindet, lange vor Abschluss der Beweisaufnahme
klar. "Freispruch für Safwan" fordern die Transparente, die ihn morgens
begrüßen, und die "Prozessinfos", die die Öffentlichkeit
allwöchentlich neu instruieren. Für weiteren Lesebedarf sind die
Berichte der "Internationalen Unabhängigen Kommission" im Angebot, die den
Prozess beobachtet; oder die 540-Seiten-Dokumentation der IG Medien zum
"Rassistischen Brandanschlag in Lübeck" für 45 Mark. "Freispruch
für Safwan" und "Die verdächtigen Nazis vor Gericht", das sind auch
die zentralen Parolen der "bundesweiten" Demonstration am 2. November in
Lübeck. Das Pingpong zwischen Verteidigung und Unterstützer-Szene ist
gut eingespielt. Im Gericht der Versuch, die Glaubwürdigkeit von Zeugen zu
demontieren; draußen das Bemühen, die Vertrauenswürdigkeit der
Ermittlungsbehörden zu erschüttern. Ständig wiederholt: der
Vorwurf "einseitiger und rassisti- scher Ermittlungen der Staatsanwaltschaft".
Und es wirkt wie ein Aufstand aufrechter Gesinnung, wenn dagegen - wie jetzt in
Frankfurt und Berlin - "Aufklärungsveranstaltungen" organisiert werden.
Hinter den politischen Kulissen findet das konzertierte Vorgehen seine
Fortsetzung in einem Brief, den die Fraktionsvorsitzende der
schleswig-holsteinischen Grünen, Irene Fröhlich, nach einer
Stippvisite im Gerichtssaal am 9. Oktober an Ministerpräsidentin Heide
Simonis richtete. Von einem "aus politischer Sicht ungeheuerlichen Prozess"
spricht sie darin und regt dann die Entmachtung des Anklagevertreters Michael
Böckenhauer an - 13 Jahre im Landesvorstand der Sozialdemokrati- schen
Juristen - mit der scheinheiligen "Befürchtung", dass ein Staatsanwalt in
"diesem spektakulären Prozess juristisch, menschlich und politisch
überfordert ist". Auf vielen Infusionswegen soll Misstrau- en ins
Bewusstsein der Öffentlichkeit sickern, das klamme Gefühl sich
verankern, in Lübeck finde ein modernes Gegenstück zum
Reichstagsbrandprozess statt. Es soll ein politisches Klima entstehen, das eine
Verurteilung des Angeklagten unmöglich macht. Dabei gewinnt die Ankla- ge
gegen Safwan Eid für unbefangene Prozessbeobachter - von der "Taz"
über den "Spiegel" bis zur "FAZ" - von Verhandlungstag zu Verhandlungstag
durchaus an Plausibilität. Beispielsweise lassen die zuver- lässigen
Zeugenaussagen kaum noch Zweifel daran, dass das Feuer im ersten Geschoss des
Hauses an der Hafenstraße ausgebrochen ist - wesentliches Indiz
dafür, dass der Brandstifter von innen und nicht von außen kam. Und
ebensowenig Zweifel gibt es inzwischen daran, dass die vier zunächst
verdächtigten und für die Verteidigung bis heute verdächtigen
jungen Männer aus Grevesmühlen zur wahrscheinlichen Tatzeit - zwischen
3 Uhr und 3.30 Uhr - nicht am Tatort gewesen sein können. Im übrigen
liegt dem Gericht jetzt auch noch ein neues Gutachten aus dem LKA München
vor, nach dem die "frischen Sengspuren", die die vier Jugendlichen an Wimpern
und Haaren hatten, mitnichten so frisch gewesen sein müssen, wie sie dem
Lübecker Rechtsmediziner erschienen waren. Der bayerische Experte Dr.
Herbert Pabst kommt anhand von Fotovergrößerungen zu dem Schluss,
dass es sich um "Haarbeschädigungen unterschiedlicher Intensität"
handele, die durch Hitze hervor- gerufen sein können, aber nicht
müssen, und "ein bis mehrere Tage alt" gewesen seien. Wer da einfach weiter
fordert, die Männer aus Grevesmühlen vor Gericht zu stellen, muss ein,
gelinde ge- sagt, legeres Verhältnis zum Rechtsstaat haben. Und wenn es
wirklich "fortbestehenden Aufklä- rungsbedarf" gibt, fragt man sich,
weshalb die Verteidigung nicht beantragt, das Quartett aus Grevesmühlen als
Zeugen zu laden. Aber dann käme ihr womöglich der willkommene Mythos
unbehelligt herumlaufender Tatverdächtiger abhanden. Ein anderer Mythos,
der von "Mut und Einigkeit, mit denen die überlebenden Flüchtlinge den
Verdrehungen der Ermittler entgegentreten", hat sich bereits am vierten
Prozesstag mit einem Knall verabschiedet. Am 25. September brach Jean-Daniel
Makodila aus Zaire, der seine Frau und seine fünf Kinder beim Brand
verloren hat, im Gerichtssaal zusammen; die folgende Turbulenz nutzte der Vater
des Angeklagten, Marwan Eid, um auf libanesische Landsleute, die Familie El
Omari, loszugehen. "Schämt euch, ihr Hunde", rief er - für arabische
Ohren eine besonders schwere Beschimpfung. Auslöser des Ausbruchs war
vermut- lich der Wechsel der Familie El Omari, die in der Brandnacht einen Sohn
verloren hat, von der Zuhörer - auf die Nebenklägerbank. Hintergrund
aber sind deren wachsende Zweifel - an der Wahrheitsliebe der Familie Eid. Schon
die plötzliche Verjüngung von Safwan um elf Monate, die ihm die
Zuständigkeit der Jugendkammer mit dem langmütigen Vorsitzenden Rolf
Wilcken einbrach- te, machte Assia El Omari stutzig. Nachdem sie - wie alle
Hausbewohner der Hafenstaße - lange außerordentlich
zurückhaltend gegenüber den deutschen Ermittlungsbehörden war,
meldete sie sich Anfang Juli bei der Staatsanwaltschaft und sagte aus, dass sie
mehrere Male mit Safwans Mutter über dessen Alter gesprochen und keinerlei
Zweifel daran habe, dass er über 21 sei. Das deckte sich mit den
Erkenntnissen der Ermittler, die aktuelle Auszüge aus dem libanesischen
Einwohner- register beschafft hatten und es ebenfalls unerklärlich fanden,
dass Safwans Geburt, die angeblich erst am 10. November 1975 stattgefunden
hatte, bereits am 9. Januar 1975 vom Standesbeamten im Bezirk Tripolis
eingetragen wurde. Das Misstrauen der Familie El Omari wuchs, als Marwan Eid bei
einer gemeinsamen Begehung der Brandruine mit dem von der Verteidigung
gewünschten Gut- achter Ernst Achilles angab, er habe in der Brandnacht um
2.30 Uhr den lauten Knall einer Bombe gehört. In der - auf arabisch
geführten - Unterhaltung mit den El Omaris wiederholte er die Angabe: Ja,
präzise um 2.30 Uhr. Das war zwar mit der Aussage seiner eigenen Tochter
nicht in Einklang zu bringen, nach der die Familie um 3.41 Uhr - kurz nach
Entdeckung des Feuers - aus dem Fenster gesprungen sei; aber es bot neue Nahrung
für die These, der Anschlag sei von außen verübt worden -
entlastend für den beschuldigten Sohn. Familie El Omari schlussfolgerte:
Entweder hatte Marwan Eid sich eine Stunde Zeit gelassen, sie vor dem Feuer zu
warnen - oder er log. Letzteres schien Assia El Omari wahrscheinlicher: "Ich
kann nicht glauben, dass Herr Eid diesen lauten Knall gehört hat.
Hätte es in dieser Nacht einen solchen Knall gegeben, wäre ich davon
mit Sicherheit aufge- wacht." Die zehnköpfige Familie aus dem Libanon ist
damit die erste, die aus der Schweigefront der Hausbewohner ausbricht und sich
von dem "Zeugenschutzprogramm" der antirassistischen Betreuer nicht länger
vereinnahmen lässt. Das umfasst offenbar auch die Auswahl von Anwälten
für diejenigen Hausbewohner, die vor Gericht als Nebenkläger
auftreten. Deren Rechtsbeistände nämlich agieren dort lediglich als
Statisten der Verteidigung und empfinden es anscheinend als oberste Pflicht,
unan- genehme Fragen an den Angeklagten zu verhindern. Mit einer Ausnahme: Dr.
Wolfgang Clausen, ein erfahrener älterer Verwaltungsjurist, der in diesem
Strafverfahren Jean-Daniel Makodila und jetzt auch die Familie El Omari
vertritt, stellt Anträge und Fragen, die Safwan Eid nicht vorsätzlich
schonen. Die Quittung dafür kam als offener Brief an die Familie El Omari.
Absender ist eine Grup- pe "Antirassistisches Telefon" aus Hamburg; Inhalt: die
kaum verhüllte Aufforderung an die Familie, Dr. Clausen zu entlassen. "Ein
anderer Anwalt steht in diesem Moment zu Ihrer Verfügung. Dr. Clausen
behindert durch seine Anträge und durch seine Befragung der Zeugen die
Aufdeckung der Wahrheit. Er sucht nach belastenden Anhaltspunkten gegen Safwan
Eid und verstellt damit den Weg zu den wirklichen Tätern." Im Namen der
Familie konterte der angegriffene Anwalt knapp: "Familie El Omari weist mit
Empörung den Versuch zurück, sie zu einem Verhalten als
Nebenkläger und zu Aussagen als Zeugen zu verleiten, die nicht
ausschließlich an der Wahrheit orientiert sind. Sie wird sich nicht dem
Ansinnen beugen, den Angeklagten Safwan Eid von vorneherein für unschuldig
zu halten."
Quelle:
Heidenreich, Sybille Frisch: Andorra/Biedermann und die
Brandstifter Biographie und Interpretation Beyer Verlag Analysen und
Reflexionen 9
Kindlers Literatur-Lexikon Zürich, 1982
Zentrale für Unterrichtsmedien
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