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Nur Sprache durch Erinnerung - Untersuchung zur Po
“Nur Sprache durch
Erinnerung”
Untersuchung zur Poetik in Paul
Celans Gedichten
“Todesfuge” und
“Engführung”
Fachbereichsarbeit aus Deutsch
vorgelegt von
Mathias Schenner
8c-Klasse des
Bundesgymnasiums und Bundesrealgymnasiums
Bad Ischl
bei
Prof. Mag. Dr. Dieter Glaßer
Bad Goisern, im Februar 1998.
Vorwort
Die vorliegende Arbeit versucht, sich in drei Schritten dem Rätsel der
Celanschen Dichtung zu nähern. Nach einem Blick auf die biographischen und
historischen Bedingungen, unter denen Celans Lyrik entstand, und auf die
eigentlichen “Wurzeln” aller späteren Dichtung Celans, das
Frühwerk, folgt eine Analyse der dichtungstheoretischen Schriften Celans
und der Metapoesie seiner Gedichte. Der dritte und wesentlichste Schritt besteht
schließlich in der Interpretation zweier zentraler Gedichte Celans,
“Todesfuge” und “Engführung”, zwischen deren
Entstehung vierzehn Jahre liegen, die für die Entwicklung der dichterischen
Sprache Celans besonders bedeutsam sind. Ein Abschnitt über die
Rezeptionsgeschichte der beiden Gedichte beschließt die Arbeit.
“Nur Sprache durch Erinnerung” – damit ist ein
Zusammenhang von Sprache und Geschichte angesprochen, dem Celan höchste
Bedeutung beimißt; wie eng Sprach- und Geschichtsreflexion bei Celan
tatsächlich zusammenhängen, zeigt am deutlichsten eine Analyse der
metapoetischen Postulate in den Gedichten selbst, die aus diesem Grund in die
Arbeit aufgenommen wurde.
Danken möchte ich Prof. Mag. Dr. Dieter Glaßer für die
vorzeitige Durchsicht der einzelnen Abschnitte sowie für seine
Unterstützung und Beratung.
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort 2
1. Biographische und historische Aspekte 4
1.1. Jugendjahre und Frühwerk 4
1.1.1. Jugendjahre 4
1.1.2. Frühwerk 5
1.3. Hintergrund zur Entstehung von “Todesfuge” 6
1.4. Hintergrund zur Entstehung von “Engführung”
7
2. Literaturtheoretische Reflexionen Celans 8
2.1. Lyrik nach Auschwitz – Adornos Thesen und Celans Standpunkt
8
2.2. “Der Meridian” 9
2.3. Dichtung als Dialog 11
2.4. Metapoetische Reflexionen 12
2.4.1. Linguistische Programmatik 12
2.4.2. Die historische Reflexion im Innern der linguistischen Programmatik
15
3. Die Gedichte “Todesfuge” und
“Engführung” 18
3.1. “Todesfuge” 18
3.2. “Engführung” 20
3.2.1. Einführung 20
3.2.2. Interpretation 20
3.3. Vergleich der Gedichte 30
3.3.1. Inhaltlich 30
3.3.2. Formale Aspekte und Sprache 30
3.3.3. Zitate 31
3.3.4. Semantik 32
4. Rezeption und Literaturkritik 35
4.1. “Todesfuge” 35
4.2. “Engführung” 36
5. Zusammenfassung 37
Anmerkungen 38
Anhang
Die Gedichte “ER” und “Todesfuge” 47
Literaturverzeichnis 48
1. BIOGRAPHISCHE UND HISTORISCHE ASPEKTE
1.1. Jugendjahre und Frühwerk
1.1.1. Jugendjahre
“Krieger / stießen den Speer in den
Mond.”[1]
“[...] es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher
lebten.” (GWIII, 185) [2] – so wird
Paul Celan 1958 vor einem deutschen Publikum die Bukowina, seine Heimat,
beschreiben. Als Paul Antschel, Sohn deutschsprachiger Juden, wird er
achtunddreißig Jahre zuvor, am 23. November 1920, in Czernowitz am Pruth
(damals Rumänien) geboren.
Er leidet in der Kindheit an der Strenge seines
Vaters [3] und hält sich stets mehr an die
mildere Mutter, die bereits frühzeitig eine Liebe zur Lektüre
entwickelt hat und mit der er später im Zitieren deutscher Klassiker
wetteifert. [4] Auf ihr Verlangen hin wird im Haus
nur Schriftdeutsch gesprochen, während Celan in der Schule Rumänisch
und bei einem Hauslehrer (auf Verlangen des Vaters) Hebräisch
lernt. [5]
Celans Jugendjahre sind geprägt von ersten Erfahrungen mit
judenfeindlichen Positionen; so klagt er bereits im Alter von dreizehn Jahren in
einem Brief an seine Tante in Palästina: “[...] was den
Antisemitismus in unserer Schule betrifft, da könnte ich ein 300 Seiten
starkes Buch darüber schreiben.” [6]
1934 wechselt er aus diesem Grund in ein Staatsgymnasium mit einer Mehrheit
jüdischer Schüler. [7] Zu dieser Zeit
kennt er bereits Berichte über die nach der Machtübernahme Hitlers
beginnenden Judenverfolgungen im Deutschen
Reich. [8] Nun beginnt Celan, sich mit den
Schriften von Marx und Engels [9]
auseinanderzusetzen, entwickelt eine linksgerichtete Weltanschauung und
beteiligt sich 1935 an einem illegalen Treffen der Antifaschistischen
Jugend. [10]
Mit etwa sechzehn Jahren beginnt er, Lyrik zu
schreiben, [11] die er bei
regelmäßigen Treffen eines Lesezirkels vorträgt.
Beeinflußt werden diese ersten Gedichte sowohl von Versen seines
jüdischen Klassenkameraden Immanuel
Weißglas [12], als auch von Celans
damaliger Lektüre (Goethe und Schiller, aber auch Heine, Trakl,
Hölderlin, Nietzsche, Verlaine, Rimbaud und später Hofmannsthal und
Kafka). [13]
Wenige Monate nach der Matura bricht Paul Celan im November 1938 nach
Frankreich auf, um in Tours Vorbereitungskurse für ein Medizinstudium zu
absolvieren. Seine Ankunft in Berlin fällt genau auf den Tag nach der
“Reichskristallnacht”. [14] In
Frankreich studiert er die Avantgarde nicht weniger aufmerksam als die Medizin
und beginnt, nach seiner Rückkehr in die Heimat, in Czernowitz das Studium
der Romanischen Philologie, da die Reise nach Frankreich durch den Ausbruch des
Zweiten Weltkriegs im September 1939 unmöglich geworden
war. [15]
Nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin und dem Ausbruch des
Krieges wird Rumänien gezwungen, die nördliche Bukowina an die UdSSR
abzutreten. Im Juni 1940 besetzen russische Truppen Czernowitz. Dadurch
verschlechtert sich die Situation der Juden gravierend: Viele werden arbeitslos,
viele verschleppt und zu Zwangsarbeit
gezwungen. [16] Paul Celan kann sich jedoch
durch die Tätigkeit seines Vaters als Bauzeichner und durch das in der
Sowjetunion übliche Gehalt der Universitätshörer noch sein
Romanistik-Studium leisten. [17]
Völlig unmöglich wird das erst durch den Überfall von
Hitlers Armeen auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Sofort nach dem Einmarsch
in Czernowitz setzen systematische Liquidierungen durch die SS ein. Die Juden
werden der Bürgerrechte für verlustig erklärt, zum Tragen des
gelben Judensterns verpflichtet und müssen unbezahlte Zwangsarbeit leisten.
Es folgen die Umsiedelung der Juden in ein Ghetto und Wellen von Deportationen
nach Transnistrien (in der Ukraine). [18] Im
Juni 1942 verliert Paul Celan auf diese Weise seine Eltern. Dieses Erlebnis
bleibt dem Dichter ein lebenslanges Trauma; er wirft sich vor, seine Eltern im
Stich gelassen zu haben. Der in der Ghettozeit zuvor apathische und energielose
Celan wird jetzt zunehmend schwermütiger, leidet an tiefen
Schuldgefühlen. Als er im folgenden Herbst vom Tod seines Vaters und im
Frühjahr 1943 von der Ermordung seiner Mutter erfährt, verfinstert
sich sein Leben völlig. [19]
Um wenigstens selbst der weiteren Gefahr der Deportation zu entrinnen,
meldet sich Celan für den Arbeitsdienst. In den folgenden neunzehn Monaten
seiner Zwangsarbeit muß er vor allem bei Straßenarbeiten helfen, die
mit primitivsten Mitteln (nur Spaten und Schaufel als Arbeitsgerät)
ausgeführt werden. Er klagt niemals über die Arbeit, doch selbst
spätere Gedichte [20] zeugen noch davon,
daß sie ihm in seiner Erinnerung lebendig geblieben ist. Wenn man ihn auf
seinen kurzen Heimaturlauben in Czernowitz fragt, was er im Lager mache,
antwortet er stets lakonisch:
“Schaufeln!” [21]
1.1.2. Das Frühwerk[22]
In den Jahren 1938-1944, also kurz vor der “Stunde Null”,
schreibt Celan der deutschen Tradition entsprossene
Gedichte, [23] die gleichzeitig in sie
zurückkehren und sich mit ihr auseinandersetzen, aber noch
“unverstellt eigene Erlebnisse und
Entwicklungen” [24] spiegeln. Seine Lyrik
beginnt noch innerhalb der traditionellen lyrischen Sprechweise, sie tritt
allerdings bereits in den Jugendgedichten den Weg an, den Celan später die
“Absicht des Gedichts” nennt, die überlieferten “Tropen
und Metaphern ad absurdum” (GWIII, 199) zu führen.
Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stehen Celans Gedichte allerdings
noch unter dem Zeichen jugendlicher Romantik-Begeisterung; in traditionellen
Formen beschwören sie den Nachtzauber, der “im Mondschein oder im
Traum das Wunderbare offenbart.” [25] In
den folgenden Gedichten wechselt der Ton unter dem Einfluß des
Kriegsgeschehens: Die zuvor noch besungene Nacht verwandelt sich in eine
bedrohliche Finsternis, die Sprache wird dunkler und stockender, die gebundenen
Formen lösen sich auf, Angst und Trauer bestimmen die Atmosphäre, es
wird erstmals die Forderung nach einer Verweigerung der
“Verklärung” gestellt. Damit wird die Dichtungstradition in
Frage gestellt und die dort angelegte Tendenz zur falschen Beschönigung und
zur ästhetisierenden Verharmlosung
verworfen. [26]
Die Thematisierung des poetischen Sprechens erfolgt bereits sehr früh,
die überlieferten Metaphern erfahren “durch das
‚Zerbröckeln‘ der Strophen, durch die unterbrochene
Stimmführung, aber auch durch die häufig dunklen und undurchsichtigen
Zusammenhänge eine gewaltsame
Entfremdung.” [27] Damit wird deutlich,
daß nicht mehr in diesen Metaphern gesprochen wird, sondern
über sie. Erstmals kommt es in diesem Zusammenhang zu einer
“Versprachlichung des Celanschen
Verstummens” [28] in “Mein Karren
knarrt nicht mehr...” [29]. In
romantischen Bildern wird eine Nachtlandschaft entworfen, die zunehmend von
einer Stille des Todes beherrscht wird. Das Ende des Gedichts - “Das Herz
der Espe / setzt aus.” - verweist auf das Erstarren des
“überlieferte[n] Lied[es] von den Gräsern, dem Mond und den
Wäldern.” [30] “Mein Wagen
knarrt nicht mehr...” ist damit Reflexion und Kritik auf die traditionelle
Lyriksprache, [31] poetisierendes
Weltgefühl und spätromantisches Naturschwelgen werden
negiert. [32]
In allen nachfolgenden Gedichten sind die Symbole der traditionellen
Dichtung (z.B. “Mond”, “Mohn”) zu Chiffren für die
verklärende Sprechweise selbst geworden. So auch in “Aus dem
Dunkel”:
“Krieger
stießen den Speer in den Mond.
Blutete. Auch Mohn
blutet.
5 Und die Brücke, Schwester, zu dir,
zerschlugen sie.
Nicht mehr
ist der Stunden Geflüster rings . .
Nicht mehr
ist es dein treibender Zweig . .
10 Spät
knie ich und ruf und zünd in die Spiegel das Traumbild.”
[33]
Verknappter und stockender Tonfall sowie unregelmäßige
“Strophen” deuten auf Auflösung, Zerfall und Disharmonie hin.
Das eigene Stocken der Sprache wird mit den Bildern der verstummenden Natur
verbunden, Negationen (“Nicht mehr” [6; 8]) beherrschen die
Grundstimmung des Gedichts. Zum ersten Mal wird direkt die kausale Bestimmung
des Verlusts angegeben: “Krieger / stießen den Speer in den
Mond.” Die Worte “Krieger” und “Speer” vermitteln
den Hintergrund des Krieges und der Gewalt, denen der “Mond” mit
seinem ganzen Bedeutungsballast zum Opfer fällt, denn in früheren
Gedichten war der “Mond” noch Symbol poetischer Verklärung,
Begleiter der Liebenden und “wichtigstes Paraphernalium der
nächtlichen Verklärung” [34].
“Blutete. Auch Mohn / blutet.” (3f.) kann als programmatische
Aufforderung an die Dichtung, die Verletzung des Mondes am eigenen Leib zu
vollziehen, verstanden werden. [35] Die
zerschlagene Brücke zur Schwester deutet auf die Zerstörung der
herkömmlichen Zeichensprache der Liebesdichtung; das Verstummen des
“Geflüster[s] rings” (7) meint Absage an das zauberhafte,
phantastische Wesen der Natur, deren “treibender Zweig” (9) eben
nicht mehr der “organische Ursprung des dichterischen Drangs, der
blühenden poetischen
Inspiration” [36] ist, nicht mehr Zeichen
der Erlösung.
Die letzten beiden Verse beschreiben Celans Verständnis der Dichtung
zu dieser Zeit. Der Mond kann nur noch als “Traumbild” (11) in das
Gedicht eingebracht werden. Durch das Bewußtsein dieser Unwirklichkeit
wird aber eine Distanz zur Poetisierung geschaffen; die Novalische Vorstellung
“Der Traum wird Welt, die Welt wird Traum” wird zu einem
“Traum vom Traum”.
“Zwar kann das dichtende ‚Ich‘ die Welt nicht mehr
unmittelbar beschreibend ‚widerspiegeln‘, es kann jedoch seine
poetische Vision als ‚Traumbild‘, aus einer bewußten Distanz
entwerfen. [...] Als ‚Traumbild‘, das sich seiner
‚Wirklichkeitsferne‘ bewußt ist, bleibt Dichtung noch
möglich, wenn sie auch den Gewaltakt der Krieger, die Verletzung des
‚Mondes‘ und des ‚Mohns‘ in sich
trägt.”[37]
Damit ist für Celan die Frage nach der Bedeutung und Rolle der Lyrik
in “finsteren Zeiten” aber noch nicht geklärt. Die
Infragestellung der Dichtung zieht sich in verschiedenen Konstellationen als
Leitfaden nicht nur durch die Jugendgedichte, sondern durch das gesamte
Werk. [38] Im Gedicht
“Hieroglyphe” [39] setzt sich Celan
etwa mit der romantischen Sprachauffassung auseinander. Novalis‘
utopisches Ziel der Dichtung, Natur und Subjekt im magischen, poetischen Wort zu
synthetisieren, wird direkt widerrufen. Die Verse “Harfe, dein
Schrei!” und “Frier mit mir, Baum.” machen deutlich, daß
erst im Schrei der Harfe und im Frieren des Baumes die Verbundenheit der
lyrischen Sprache und der Natur mit der leidvollen menschlichen Existenz
gewährleistet wäre. [40]
Paradoxerweise erfolgt in den nächsten Gedichten ein Rückgriff
auf traditionelle Formen, zunächst allerdings als “Zitat”,
“als impliziter Widerruf der darin anklingenden Gattungen [...],
später als Ausdruck der inhaltlich reflektierten ‚Weltflucht‘
und als Bestimmung des Orts der Hoffnung und des Trosts in der Dichtung
selbst.” [41] 1942-1943 gelangt Celan,
nach der Deportation seiner Eltern und seiner Internierung in ein Arbeitslager,
zu einem Ton der Desillusionierung und Resignation, der den Sinn des Dichtens -
und des eigenen Überlebens überhaupt - in Frage stellt. Die private
Trauer um den Verlust der Mutter wird zentrales Thema, beginnend in
“Mohn” [42] über die erste
Nennung des Wortes “Mutter” in
“Winter” [43] bis hin zu
“Nähe der Gräber” [44];
darüber hinaus wird diese Trauer auch im späteren Werk noch
thematisiert. Wichtig sind diese Gedichte auch deshalb, weil sie versuchen,
nicht nur die Ermordung der Mutter, sondern das gesamte damit verbundene
Geschehen vor dem Vergessen zu bewahren. So wird das Bestreben, eine Sprache,
eine Dichtung zu finden, die diesem Vergessen entgegenwirkt, zum bestimmenden
Moment der Celanschen Lyrik. [45]
Unmittelbar vor “Nähe der Gräber” steht das Gedicht
“Russischer Frühling” [46], das
ebenfalls von “jüdischen Gräbern” spricht. Zahlreiche
literarische und zeitgeschichtliche
Anspielungen [47] dienen der
Gegenüberstellung von romantischen Reminiszenzen und aktuellem
Kriegsgeschehen. Damit zeigt sich auch hier eine Gegenposition zur Romantik, die
in der Vermischung des Getrennten das starre Verstandesprinzip aufheben und
einen Zustand allgemeiner Vermittlung herstellen wollte. Bei Celan betont die
Zusammenfügung von Heterogenem (in diesem Fall romantische Verklärung
und aktuelles Kriegsgeschehen) im Gegenteil die scharfe
Dissonanz. [48] Dieses Prinzip wendet er auch in
“Todesfuge” an.
1.2. Hintergrund zur Entstehung von “Todesfuge”
Im Februar 1944 okkupieren die Sowjets im Zuge ihrer Offensive Czernowitz
zum zweiten Mal. Celan bezeichnet die Zeit erneuter Unterdrückung
später als “Antisemitismus in seiner sowjetischen
Spielart” [49], kann aber der
Zwangsrekrutierung entgehen, indem er als Arzthelfer in einer psychiatrischen
Klinik arbeitet. [50] Um Geld zu verdienen,
fertigt er für eine Lokalzeitung Übersetzungen aus dem
Rumänischen ins Ukrainische [51] an. Im
Herbst beginnt er Anglistik zu studieren und verfolgt erstmals das Ziel, einen
Band mit Gedichten zu veröffentlichen. Als einige der nach Transnistrien
deportierten Bukowiner nach Czernowitz zurückkommen, darunter Celans
Klassenkameraden Immanuel Weißglas und Alfred Kittner, zwei Dichter, die
mit ihren Familien die Umsiedlungen überlebt haben, wird dieser noch
schwermütiger. Kittner glaubt, Paul Celan müsse “einen schweren,
nie überwundenen psychischen Schock erlitten und sein Gewissen schwer
belastet gefühlt haben: Es war der Gedanke, daß er vielleicht die
Ermordung seiner Eltern im Lager hätte abwenden können, wenn er mit
ihnen gegangen wäre.” [52]
Ende April 1945 fährt Celan von Czernowitz nach Bukarest (“Die
Hauptsache ist, von hier
wegzukommen.” [53]) - damit beginnt ein
neuer Abschnitt in seinem Leben, er überschreitet “neben der
politischen auch eine persönliche
Grenze.” [54] Arbeit findet er bei dem
neuen Verlag Cartea Rusa (“Das russische Buch”), wo er Manuskripte
lektoriert und russische Literatur ins Rumänische übersetzt. Seine
Arbeiten werden gepriesen, er muß aber aufgrund des in Rumänien immer
noch wirksamen Antisemitismus seinen Namen Antschel durch ein Pseudonym ersetzen
und entscheidet sich letztlich für “Celan” (Anagramm zu
Ancel). [55]
In Bukarest findet Celan, nicht zuletzt durch seine Verlagsarbeit, schnell
Zugang zum dortigen literarischen Leben, in dem jüdisch-rumänische
Schriftsteller einen wichtigen Faktor darstellen. Er knüpft viele neue
Freundschaften mit jüdischen Persönlichkeiten, gelangt zu neuer Freude
am Leben und entwickelt eine Liebe zu
Wortspielen. [56] Dennoch betrachtet Celan die
Jahre in Bukarest (April 1945 bis Dezember 1947) als Übergangszeit, in der
er Geld verdient, um nach Wien übersiedeln zu können: “Das
Erreichbare, fern genug, das zu Erreichende hieß Wien.” (GWIII, 185)
Im Mai 1947 erscheint “Todesfuge” als erstes
veröffentlichtes Gedicht Celans, zunächst allerdings nur in der
rumänischen Übersetzung Petre Solomons unter dem Titel “Tangoul
Mortii” (“Todestango”), in der Bukarester Zeitschrift
“Contemporanul”. Folgende Notiz wird vorangeschickt: “Das
Gedicht [...] beruht auf der Beschwörung einer wahren Begebenheit. In Lubin
wie in vielen anderen ‚nazistischen Todeslagern‘ zwang man eine
Gruppe von Verurteilten, wehmütige Lieder zu singen, während andere
Gräber schaufelten.” [57]
Tatsächlich hat ein SS-Leutnant im Lager Janówska in Lemberg, unweit
von Czernowitz, jüdischen Geigern befohlen, einen Tango mit neuem Text
namens “Todestango” zu spielen, der bei Märschen, Folterungen,
Hinrichtungen und beim Gräberschaufeln erklungen ist. Aber auch in
Auschwitz und anderen Konzentrationslagern verwendeten die Häftlinge die
Bezeichnung “Todestango” für jede Art von Musik, die gespielt
wurde, wenn eine Gruppe zur Erschießung geführt
wurde. [58]
1.3. Hintergrund zur Entstehung von “Engführung”
In Rumänien sieht Celan als deutschsprachiger Dichter im Zeichen des
Sozialistischen Realismus keine Zukunft für sich, weshalb er im Dezember
1947 aus Bukarest flieht und über Budapest nach Wien gelangt. Doch diese
Stadt enttäuscht ihn aufgrund von immer noch spürbarem Antisemitismus
so sehr, [59] daß er bereits im
nächsten Jahr (Mitte Juli 1948) nach
Paris [60] weiterfährt.
In den folgenden Jahren (1948-1952) entstehen kaum Gedichte, Celan schreibt
nur über sein “Schweigen, auferlegtes und in sich selber
beschlossenes, Schweigen, das ein Nichtreden-können war und solches, das
Nichtreden-müssen zu sein
glaubte.” [61] Um sein Studium der
Philologie und deutschen Literatur finanzieren zu können, betätigt er
sich als Fabrikarbeiter, Dolmetscher und Übersetzer, er gibt auch Deutsch-
und Französischstunden. [62] In Paris hat
Celan vor der Bekanntschaft mit seiner späteren Ehefrau, Giséle
Lestrange, kaum Freunde, [63] unterhält
aber Kontakte zu Freunden aus Wien, Bukarest und Czernowitz und besucht im Mai
1952 ein Treffen der Gruppe 47 in Hamburg. [64]
Dort trägt Celan auch die praktisch noch unbekannte “Todesfuge”
vor, stößt damit aber auf
Ablehnung. [65]
Im Dezember 1952 wird mit dem Erscheinen von “Mohn und
Gedächtnis” “Todesfuge” einem größeren
Publikum zugänglich. [66] Falsche Angaben
zu Celans Leben [67] und Fehlinterpretationen
der Gedichte in vielen Rezensionen [68]
führen Celan zu dem Entschluß “niemals wieder ein Gedicht wie
‚Todesfuge‘ [zu]
schreiben.” [69] Das bedingt allerdings
keinen thematischen Wechsel seiner Lyrik, sondern vor allem eine Änderung
des sprachlichen Ausdrucks, [70] wie (auch) in
“Engführung” deutlich wird. Er versucht, seine poetische
Formulierung über die bisherigen Grenzen hinaus zu treiben, sie, wie er
sagt, an den Rand ihrer Selbstbehauptung zu
bringen. [71]
1953 bezichtigt Claire Goll Paul Celan des Plagiats von Wendungen und
Bildern aus einem 1951 erschienenen Gedichtband ihres Mannes, was den Verfasser
von “Mohn und Gedächtnis” zutiefst kränkt. Obwohl sich die
Vorwürfe als haltlos erweisen, [72] wird
sich Celan noch lange mit Bitterkeit daran erinnern.
Spätestens ab 1951 beschäftigt sich Celan mit dem Werk Martin
Heideggers, er liest auch Hegel, Nietzsche, Schlegel und Fichte, sowie Martin
Buber und Gershom Scholem. Ferner kauft er Bücher über Zoologie,
Geologie, Mineralogie, Kristallographie, Physik, Anatomie, Vögel, Botanik
und insbesondere über Rosen. [73] Wie
immens wichtig die Lektüre für die Entstehung von Gedichten bei Celan
ist, [74] zeigt sich nicht zuletzt dadurch,
daß Randbemerkungen teilweise direkt in seine Dichtung
eingehen [75] und er auf Seitenrändern
öfters die Sigle “-i-” vermerkt, um erste Ideen für
Gedichte zu kennzeichnen. [76]
2. LITERATURTHEORETISCHE REFLEXIONEN CELANS
2.1. Lyrik nach Auschwitz – Adornos Thesen und Celans Standpunkt
Jeder Künstler, der das Thema der Judenvernichtung im Dritten Reich
aufnimmt, steht unter dem Zwang, dem Grauen “ästhetisch”
gerecht zu werden und geht damit die Gefahr ein, geschichtliches Grauen zu
beschönigen. Adorno formuliert deshalb 1951 seine vieldiskutierte These:
“[...] nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch,
[...].” [77] Entgegnungen, die darauf
hinweisen, daß nach 1945 Kultur und Literatur in durchaus produktiver
Weise weitergegangen seien, stützen sich oft auf ein “scheinheiliges
Geschichtsbild purer
Nützlichkeit” [78] – eben diese
Art der Vergangenheitsbewältigung nennt Adorno “barbarisch”. Es
gibt gegenüber der Position Adornos aber auch durchaus berechtigte
Einwände, etwa von H. M. Enzensberger (1959): “Der Philosoph Theodor
W. Adorno hat einen Satz ausgesprochen, der zu den härtesten Urteilen
gehört, die über unsere Zeit gefällt werden können: Nach
Auschwitz sei es nicht mehr möglich, ein Gedicht zu schreiben. Wenn wir
weiterleben wollen, muß dieser Satz widerlegt
werden.” [79] Adorno entschließt
sich daraufhin zu einer gewissen Einschränkung seines Urteils (1962);
später (1966) schreibt er sogar: “Das perennierende Leiden hat soviel
Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen
sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich
schreiben.” [80]
Er weist aber auf die Gefahren hin, die in der Darstellung des Leidens, im
“ästhetischen Stilisationsprinzip” des “unausdenklichen
Schicksals” liegen, weil auch jene Kunstwerke potentiell
“Sinn” und “Genuß” für den Betrachter
enthalten, die sich vermeintlich engagieren – und “damit allein
schon widerfährt den Opfern
Unrecht” [81]. Gedichte nach Auschwitz
– und hier stimmt seine Position mit der Celans
überein [82] – hält er für
möglich, wenn sie dem Leiden Ausdruck verleihen und der Vergangenheit
gedenken. Deshalb kommt er auch zu dem Schluß, daß heute
“keine heitere Kunst mehr vorgestellt werden
kann.” [83] Insgesamt sind die Thesen
Adornos “Ausdruck einer negativ-dialektischen Denkbewegung zwischen der
Möglichkeit und Unmöglichkeit von Kunst nach Auschwitz: keine positive
Synthese wird angestrebt, die Situation der Kunst bleibt für ihn
paradox” [84], weil sie zwar “der
Aporie anheimfällt” [85], aber
dennoch notwendig bleibt, um dem Grauen Ausdruck zu verleihen.
1995 wird erstmals eine Notiz Celans veröffentlicht, die sich direkt
auf das Diktum Adornos von 1951 bezieht und in der Celan eine ironische Haltung
gegenüber diesem Satz einnimmt:
“Kein Gedicht nach Auschwitz (Adorno): was wird hier als
Vorstellung von ‚Gedicht‘ unterstellt? Der Dünkel dessen, der
sich untersteht hypothetisch-spekulativerweise Auschwitz aus der Nachtigallen-
oder Singdrossel-Perspektive zu betrachten oder zu berichten
[...].”[86]
Daß Celan dem Verdikt Adornos dennoch sehr nahe steht, belegt das
Gedicht “Ein Blatt”, in dem er auf Brechts Gedicht “An die
Nachgeborenen” antwortet (“Was sind das für Zeiten, wo / Ein
Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein
Schweigen über so viele Untaten
einschließt!” [87]):
“EIN BLATT, baumlos,
für Bertolt Brecht:
Was sind das für Zeiten,
wo ein Gespräch
beinah ein Verbrechen ist,
weil es soviel Gesagtes
mit einschließt?” (GWII, 385)
Allein der Zugriff auf Wörter – in jeglicher Verwendung von
Sprache – schließt demnach den Mißbrauch zwangsläufig
ein. [88] Adorno, der plante, einen
ausführlicheren Essay über Celan zu
verfassen, [89] schrieb über dessen
Dichtung, sie sei “durchdrungen von der Scham der Kunst angesichts des wie
der Erfahrung so der Sublimierung sich entziehenden Leids. Celan Gedichte wollen
das äußerste Entsetzen durch Verschweigen sagen. Ihr Wahrheitsgehalt
selbst wird ein Negatives.” [90]
2.2. “Der Meridian”
“Die Dichtung, [...] –: diese Unendlichsprechung von lauter
Sterblichkeit und Umsonst!” (GWIII, 200)
Marlies Janz bezeichnet den “Meridian”, Celans Rede
anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Jahr 1960,
als den “Versuch einer Theorie von Lyrik nach
Auschwitz” [91]. Diese Rede stellt die
wichtigste und umfangreichste dichtungstheoretische Äußerung Celans
dar. Jeder interpretative Umgang mit Celans Gedichten sollte mit der Deutung
dieser Poetik beginnen, da ein Verständnis seiner Lyrik ansonsten
zweifellos Glücksfall bleiben
muß [92] – wiewohl gewöhnlich
zwischen dem Werk und dessen Rezeption durch den Autor selbst unterschieden
wird. [93]
Der berühmt gewordene Satz “[...] sollen wir, [...]
Mallarmé konsequent zu Ende denken?” (GWIII, 193) aus dem
“Meridian” und ähnliche Strukturmerkmale der Poetiken Celans
und Mallarmés veranlaßten frühe Interpreten Celans, in ihm
einen “Nachfolge[r] des späten
Mallarmé” [94] zu sehen, was Celan
selbst jedoch mehrfach und zu Recht bestritten
hat. [95] Schon 1958 schreibt er:
“Die deutsche Lyrik geht, glaube ich, andere Wege als die
französische. [...] Ihre Sprache ist nüchterner, faktischer geworden,
sie mißtraut dem ‚Schönen‘, sie versucht, wahr zu
sein.” (GWIII, 167)
Im “Meridian” nimmt er einige der wichtigsten Postulate der
poésie pure zurück und entwickelt in einem kritischen Durchgang
durch deren Vorstellungen seine eigene Position:
“Die Frage nach der Möglichkeit des absoluten Gedichts
aufgreifend und den Anspruch darauf bekräftigend, gelangt er [...] im Namen
einer gleichwohl nicht ästhetisch begründeten Utopie zu poetologischen
Bestimmungen, die einerseits der poésie pure verbunden sind, andererseits
aber deren artistische Beschränkungen zugunsten eines an jener Utopie
orientierten Realismus
überschreiten.”[96]
Celans ambivalente Haltung gegenüber der poésie pure
erklärt sich durch die außerästhetischen Bezugspunkte seines
schriftstellerischen Schaffens; W. Menninghaus spricht von einer
“geschichtliche[n] Erfahrung und Reflexion im Innern von Celans Intention
auf die Sprache” [97] – mit dieser
Erfahrung ist die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten von Deutschland
ausgehende Verfolgung und Vernichtung der Juden
gemeint. [98] Demnach ist Celans Auffassung der
Sprache eng mit dem Erleben des Massenmords am jüdischen Volk verbunden.
Die Sprache trägt einerseits Mitverantwortung für das Geschehen (weil
sie daran teilgenommen hat), ist andererseits aber selbst durch die
Auslöschung der Namen der jüdischen Opfer verwundet worden und damit
ihrerseits Opfer. Auf der Ebene der Struktur der sprachlichen Zeichen versucht
Celan nun Momente aufzufinden, die er analog zu jenen historischen Geschehnissen
als “Finsternisse todbringender Rede” (GWIII, 186) versteht. Im
Einbringen dieser Momente in das Gedicht liegt die Chance, “die Sprache
vom Makel der Duldung maßloser Verbrechen durch die Konfrontation mit
ihrer eigenen ‚Dialektik der Vernichtung‘ (Vietta) zu
reinigen” [99] – hier erfolgt das
bewußte Einbeziehen der Destruktion und des
Schweigens. [100] Es handelt sich also um den
Versuch, die Sprache bis an ihre Grenzen zu treiben, wo die Voraussetzungen
für ein lebendiges Sprechen gegeben sind, dem keine Schuld durch
Verschweigen von Verbrechen anhaftet.
Bei Mallarmé ist diese “Durchquerung des Nichts” eine
Station auf dem Weg zum Erlangen von
Schönheit. [101] Für Celan ist es
der Weg des Dichters, der “mit seinem Dasein zur Sprache geht,
wirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend.” (GWIII, 186) Im Zentrum
seiner Sprache und poetologischen Vorstellungen stehen die genannten
historischen Bezüge – so ist seine Frage zu verstehen: “Aber
schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her?” (GWIII, 196) Celan
geht es um eine Reflexion der Strategien der Dichtung, wozu er im
“Meridian” Kunst und Dichtung einander gegenüberstellt.
Zuerst wird Kunst im Hinblick auf ihre artifiziellen Implikationen
charakterisiert, wodurch sie den negativen Beigeschmack von
“Künstlichkeit” erhält:
“‚Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel
und Uhrfedern!‘”[102]
(GWIII, 188)
“Die Kunst, das ist, Sie erinnern sich, ein marionettenhaftes,
jambisch-fünffüßiges und [...] kinderloses Wesen.” (GWIII,
187)
Celan nimmt hier Bezug auf das Kunstgespräch zwischen Danton und
Camille in Büchners “Dantons
Tod” [103] und bringt so dessen Urteil
über eine entleerte, das Leben stilisierende idealistische Kunst
ein. [104] Büchner setzt gegen den
(kritisierten) klassizistischen Idealismus eine eigene “Ästhetik des
Kreatürlichen” [105]. Celan ortet
hier ein allgemeines Dilemma der Kunst: Das künstliche Moment macht die
Kunst generell fragwürdig.
In “Dantons Tod” personifiziert Büchner diese Problematik.
Auf der einen Seite stehen die Revolutionäre, die Gespräche über
Kunst führen und am Ende ihren Tod auf dem Schafott kunstvoll für die
Nachwelt inszenieren, [106] auf der anderen
Seite steht Lucile, die “Kunstblinde” (GWIII, 189), der alles
Künstliche fremd ist und die für Celan die Dichtung
repräsentiert. Sie sieht nur sprechen, achtet aber nicht auf den Gehalt des
Gesagten [107] und ist damit für Celan
“[...] jemand, der hört und lauscht und schaut . . . und dann
nicht weiß, wovon die Rede war. Der aber den Sprechenden hört, der
ihn ‚sprechen sieht‘, der Sprache wahrgenommen hat und Gestalt, und
zugleich auch [...] Atem, das heißt Richtung und Schicksal.” (GWIII,
188)
Der Satz “Es lebe der König”, den Lucile am Ende des
Dramas nach der Hinrichtung ihres Freundes Camille ausspricht, führt
zwangsläufig zu ihrer Verhaftung. Für Celan ist es das
“Gegenwort, [...] das Wort, das sich nicht mehr vor den ‚Eckstehern
und Paradegäulen der Geschichte‘ bückt, es ist ein Akt der
Freiheit.” (GWIII, 189) Mit diesem “Gegenwort” spricht Lucile
ihr eigenes Todesurteil, sie führt ihr Ende herbei, “indem sie
lediglich ihrer individuellen, unverfälschten Neigung gehorcht, ohne Effekt
oder Wirkung zu kalkulieren.” [108] Im
Gegensatz zu den Revolutionären, denen es nur um die Wirkung ihrer Worte
geht, sie sind daher von “subjektfremden Zwecken
bestimmt” [109], läßt sich
Lucile nicht im Namen einer Idee niederzwingen, sondern behauptet ihre
Subjektivität.
Während die Äußerungen der Revolutionäre Bestandteil
der entleerten Kunst geworden sind, weil sie die Vermittlung mit dem subjektiven
Leben des einzelnen nicht mehr leisten können, substituiert Lucile deren
künstlich gewordenes Pathos durch “ein Sprechen, in dem das
Individuum als Atem und Schicksal präsent bleibt. Ihre
Sprache ist [...] belebt. Zudem ist ihr subjektiver Protest gegen den Tod des
Geliebten zugleich objektiv ein Protest gegen den herrschenden Terror; ihre
sofortige Verhaftung belegt dies.” [110]
Lucile findet also eine Sprache für ihr subjektives Leiden, die zugleich
objektiv Widerstand enthält. Diese Sprache bezeichnet Celan als
“Dichtung”.
“Dichtung, wie sie in der Gestalt Luciles verkörpert ist,
zeichnet sich dadurch aus, daß sie wandlungsfähig auf die
Wirklichkeit reagiert und ein individuelles ‚Gegenwort‘ formuliert,
in der Hoffnung, daß dieses auch über den Einzelnen hinaus Geltung
besitzen kann.”[111]
Nach Celan bezeugt Dichtung die “Gegenwart des Menschlichen”
(GWIII, 190) besonders dort, wo physische und psychische Leiden das Individuum
bedrängen. [112]
Obwohl Dichtung und Kunst bisher als Gegensätze behandelt worden sind,
legt Celan in der Folge dar, daß Dichtung ohne Kunst nicht bestehen
könne. Einerseits muß nämlich die ästhetische Dimension von
Sprache im Gedicht künstlerisch entfaltet werden, andererseits muß
sich die Dichtung auch einer gewissen künstlerischen Eigengesetzlichkeit
unterwerfen, will sie von der Alltagssprache verschieden
sein. [113]
Die Kunst bleibt aber ein “Hinaustreten aus dem Menschlichen”
(GWIII, 192), das “ästhetische Stilisationsprinzip der idealistischen
Kunst tötet durch Abbildung, indem es das Lebendige
fixiert.” [114] Celan vergleicht das
künstlerische Vorgehen mit der mortifizierenden Wirkung eines Medusenhaupts
in Anspielung auf Büchners Lenz:
“‚Man möchte ein Medusenhaupt‘ sein, um . . . das
Natürliche als das Natürliche mittels der Kunst zu erfassen!
[...]
Das ist ein Hinaustreten aus dem Menschlichen, [...] in einen dem
Menschlichen zugewandten und unheimlichen Bereich – denselben, in dem
[...] die Automaten und damit . . . ach, auch die Kunst zuhause zu sein
scheinen.” (GWIII, 192)
Büchner, der “Dichter der Kreatur” (GWIII, 192), setzt der
tötenden Kunst mit “unvergeßlichen Zeilen über das
‚Leben des Geringsten‘, die ‚Zuckungen‘, die
‚Andeutungen‘, das ‚ganz feine, kaum bemerkte
Mienenspiel‘, [...] das Natürliche und Kreatürliche
entgegen.” (GWIII, 191) Celan sieht darin aber keinen Ausweg mehr, zumal
er den mortifizierenden Charakter der Kunst mit der tatsächlichen
Vernichtung von Leben verbindet. [115] Damit
verschärft sich nicht nur der Gegensatz zwischen Dichtung und Kunst, es
stellt sich die Frage nach der Existenzberechtigung der Kunst – und somit
auch der Dichtung. [116]
“Der Dichter, der in der gegenwärtigen Epoche, seinem
künstlerischen Impuls entsprechend, in den auf der Ebene des
Ästhetischen ehemals legitimen Bereich des Inhumanen eintreten will, um im
Medium der Kunst ‚Leben um des Kunstwerks willen zu mortifizieren‘
(Janz), sieht sich im Gegensatz zu einem Dichter der Zeit Mallarmés mit
der Tatsache konfrontiert, daß in unmittelbarer historischer Nähe
eine gigantische reale Vernichtungsmaschinerie am Werke
war.”[117]
Celan kommt zur Frage:
“Dürfen wir, wie es jetzt vielerorts geschieht, von der Kunst
als von einem Vorgegebenen und unbedingt Vorauszusetzenden ausgehen, sollen wir,
um es ganz konkret auszudrücken, vor allem – sagen wir –
Mallarmé konsequent zu Ende
denken?”[118] (GWIII,
193)
Mallarmé vertritt die Position der Kunst, die Celan trotz aller
Problematik nicht vollständig
zurückweist [119] und als Teil der
Dichtung sieht:
“Und Dichtung? Dichtung, die doch den Weg der Kunst zu gehen hat?
Dann wäre hier ja wirklich der Weg zu Medusenhaupt und Automat
gegeben!” (GWIII, 193)
Auf diesem Weg distanziert sich das Ich des Künstlers oder
desjenigen, der Kunst aufnimmt, von sich selbst. “Wer Kunst vor Augen und
im Sinn hat, der ist [...] selbstvergessen.” (GWIII, 193) Baudelaire und
Mallarmé strebten eine Abspaltung des lyrischen Ichs vom Alltags-Ich an,
forderten eine Trennung von Kunst und
Leben. [120] Für Celan bedeutet das:
“Kunst schafft Ich-Ferne.” (GWIII, 193) Wie läßt sich nun
diese “Ich-Ferne” der Kunst mit der geforderten Hinwendung zur
Kreatur in der Dichtung vereinbaren?
“Vielleicht – ich frage nur –, vielleicht geht die
Dichtung, wie die Kunst, mit einem selbstvergessenen Ich zu jenem Unheimlichen
und Fremden, und setzt sich – doch wo? doch an welchem Ort? doch womit?
doch als was? – wieder frei?
Dann wäre Kunst der von der Dichtung zurückgelegte Weg –
nicht weniger, nicht mehr.” (GWIII, 193f.)
Um zu vermeiden, daß Dichtung den “Weg zu Medusenhaupt und
Automat” (GWIII, 193) geht, muß sie also durch die Position der
Kunst reflektierend hindurchgehen. [121]
Dichtung muß sich im Durchgang durch die Kunst wieder freisetzen, d.h. sie
geht zwar den Weg der Kunst, einen Weg des Unheimlichen und Inhumanen, gewinnt
aber das Ich schließlich wieder
zurück. [122] Diese Freisetzung der
Dichtung von der Kunst, die Freisetzung des Ich nennt Celan
“Atemwende”:
“Dichtung: das kann eine Atemwende bedeuten. Wer weiß,
vielleicht legt die Dichtung den Weg – auch den Weg der Kunst – um
einer solchen Atemwende willen zurück? Vielleicht [...] schrumpft gerade
hier das Medusenhaupt, vielleicht versagen gerade hier die Automaten –
für diesen einmaligen kurzen Augenblick?” (GWIII,
195f.)
P. Lacoue-Labarthe definiert Celans “Atemwende” als
“Konversion des Ich, das dem Dasein sich öffnet, und, in ihm, dem
Menschlichen ‚statt‘
gibt.” [123] Sie ist mit einer
subjektiven Entäußerung der Kreatur verbunden, die eine notwendige
Reaktion auf eine bedrohliche Welt darstellt; Luciles “Gegenwort”
etwa entspricht einer solchen Entäußerung. Deshalb vermutet L. Koelle
den Ort der “Atemwende” dort, wo der Mensch unfreiwillig und
unausweichlich seinem Tod ausgesetzt
ist. [124] Der Sinnlosigkeit solcher
Situationen werden allein absurde Gesten
gerecht. [125]
Die idealistische und mimetische Kunst muß beim Eingedenken an
Schreckliches versagen, sie begibt sich stets in die Gefahr, die Todeszone zu
ästhetisieren. Auch Adorno schreibt in einem Essay über Arnold
Schönberg von “Erfahrungen, welche der Kunst schlechthin sich
entziehen” [126].
Im Gegensatz dazu die Dichtung: “Vielleicht darf man sagen, daß
jedem Gedicht sein ‚20. Jänner‘ eingeschrieben bleibt?”
(GWIII, 196) Das Datum “20. Jänner” taucht am Beginn
Büchners “Lenz” auf, es liegt aber nahe, daß Celan damit
auch auf den 20. Jänner 1942 anspielt, den Tag der Wannsee-Konferenz in
Berlin, an dem die Endlösung der Judenfrage beschlossen
wurde. [127]
Celan stellt einen neuen, absoluten Anspruch an das Gedicht, der im
Zusammenspiel von Kunst und Dichtung besteht. Aufgrund dieser inneren
Widersprüchlichkeit sagt Celan vom absoluten Gedicht:
“Das absolute Gedicht – nein, das gibt es gewiß nicht,
das kann es nicht geben!” (GWIII, 199)
Die inneren Widersprüche der poetischen Sprache können nirgends
zu einer endgültigen Auflösung
gelangen, [128] die Dialektik von Kunst und
Dichtung bleibt bestehen. Der Weg der Dichtung gleicht vielmehr einer
Kreisbewegung – deshalb findet Celan schließlich das geeignete
Sinnbild dafür: den
Meridian [129].
“Ich finde etwas – wie die Sprache – Immaterielles,
aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden
Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei – heitererweise –
sogar die Tropen Durchkreuzendes –: ich finde . . . einen
Meridian.” (GWIII, 202)
2.3. Dichtung als Dialog
“Das Gedicht kann, da es ja eine Erscheinungsform der Sprache und
damit seinem Wesen nach dialogisch ist, eine Flaschenpost sein, aufgegeben in
dem – gewiß nicht immer hoffnungsstarken – Glauben, sie
könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland
vielleicht.” (GWIII, 186)
Mit diesen Worten aus seiner “Ansprache anläßlich der
Entgegennahme des Literaturpreises der freien Hansestadt Bremen” greift
Celan ein Bild des russischen Dichters Ossip Mandelstamm auf, den Celan als
Schicksalsverwandten ansah. [130] In seiner
poetologischen Schrift “Vom Gegenüber” schreibt Mandelstamm:
“Der Seemann wirft im kritischen Moment eine versiegelte Flasche
ins Wasser des Ozeans, welche seinen Namen enthält und die Aufzeichnung
seines Schicksals. Nach langen Jahren, auf einer Dünenwanderung, finde ich
sie im Sand; ich lese den Brief und kenne jetzt den letzten Willen des
Verlorenen und den Zeitpunkt des Geschehens. [...] Der Brief, den die Flasche in
sich barg, war an den adressiert, der sie
findet.”[131]
Nach Mandelstamms Lyrik-Verständnis ist das Gedicht an keine bestimmte
Person gerichtet, hat aber dennoch einen Adressaten: den “Leser in der
Zukunft” [132]. Mandelstamm geht soweit,
einen prinzipiellen Antagonismus zwischen dem Dichter und seinem konkreten
Publikum zu konstatieren, eine Feindschaft zwischen Künstler und
Gesellschaft. Der Dichter muß im Gedicht mit jemandem sprechen, den er
weder kennt, noch kennenzulernen wünscht, um über die eigenen Worte
ins Staunen zu geraten, um von ihrer Neuartigkeit verzaubert zu sein –
wenn das Gegenüber bekannt wäre, wüßte der Dichter im
voraus, wie es das Gesagte aufnehmen würde. Daraus folgt:
“[...] die Neigung zur Mitteilsamkeit ist umgekehrt proportional
unserem faktischen Wissen vom Gegenüber und direkt proportional dem
Bestreben, dieses Gegenüber an uns zu
interessieren.”[133]
Celan hilft die Lektüre Mandelstamms, der ausdrücklich behauptet:
“Es gibt keine Lyrik ohne
Dialog” [134], mit der Tradition
deutscher Dichtung zu brechen, die seit der Romantik eindeutig monologische
Züge trägt, [135] besonders
Gottfried Benn beharrt auf dem “unbestreitbar monologischen
Charakter” [136] der
Lyrik. [137] Im “Meridian”
hingegen heißt es:
“Das Gedicht ist einsam. Es ist einsam und unterwegs. Wer es
schreibt, bleibt ihm mitgegeben.” (GWIII, 198)
Das entspricht der “Flaschenpost” Mandelstamms, die die
Aufzeichnung des Schicksals des “Seemanns” und seinen Namen
enthält. [138] Sprache ist also
zunächst “gestaltgewordene Sprache des Einzelnen” (GWIII,
197f.). Celan meint weiter:
“Das Gedicht will zu einem Anderen, es braucht dieses Andere, es
braucht ein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm
zu.
Jedes Ding, jeder Mensch ist dem Gedicht, das auf das Andere
zuhält, eine Gestalt dieses Anderen.” (GWIII, 198)
Damit wird die “Sprache des Einzelnen” zum
“Gespräch” – “oft ist es ein verzweifeltes
Gespräch.” (GWIII, 198) Einige Interpreten gehen davon aus, daß
Celan im Gedicht den Kommunikationsakt in reiner Form ausdrücken
möchte. [139] Dafür spricht die
Äußerung Celans in einem Brief an Hans Bender, er sehe “keinen
prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht.” (GWIII,
177)
2.4. Metapoetische Reflexionen
“DAS GESCHRIEBENE höhlt sich, das
Gesprochene, meergrün,
brennt in den Buchten, [...]” (GWII, 75)
Dieser Abschnitt soll sowohl der theoretischen (und teilweise auch
praktischen) Vorbereitung auf die Analyse des Gedichtes
“Engführung” dienen als auch die praktischen Auswirkungen der
im “Meridian” formulierten Poetologie Celans aufzeigen und den
Zusammenhang zwischen seinen poetologischen und metapoetischen Reflexionen
herstellen. Zur besseren Anschaulichkeit wurden auch Interpretationsansätze
bestimmter Gedichte unter den jeweils in Frage kommenden Aspekten aufgenommen.
Weiters soll dieses Kapitel einen kurzen Überblick über die
wesentlichsten Merkmale der metapoetischen Semantik Celans geben.
2.4.1. Linguistische Programmatik
An der besonderen Stellung des Wortes “ Name” in der
Lyrik Celans (durch seine starke Geladenheit und auffallende Kontinuität)
liest W. Menninghaus eine “Intention auf den Namen” ab, die er als
“Intention auf die Sprache”
versteht. [140] Dadurch ergibt sich eine
Verbindung mit Walter Benjamins Sprachphilosophie, die mit dieser
“Intention auf die Sprache” “keine bloße Absicht oder
ein abstraktes Wollen [meint], sondern die die innere Form eines Sprechens
‚prägende Gewalt‘, die alles ‚Gemeinte‘
durchwaltende ‚Art des Meinens‘, das ‚Prinzip‘ von
Sprachgestaltung, nach dem eine Rede (Text) in ihrer (seiner) inneren Form
‚gerichtet‘ ist.” [141]
Allgemein gesprochen zeigt sich also, daß es in Celans Gedichten in
irgendeiner Weise um eine Motivation des sprachlichen Zeichens geht. Eine auf
rein formale Schönheit ausgerichtete Lyrik im Sinn der poésie pure
Mallarmés, der es um eine “absolute Motivation des materiellen
signifiant jenseits und in bewußter Loslösung vom
signifié” [142] geht, kommt dabei
schon aufgrund der poetologischen Äußerungen Celans im
“Meridian” nicht in Frage. [143]
Die Gedichte scheinen daher auf eine Korrelation von Signifikant und Signifikat
zu zielen, die gewöhnlich als arbiträr angesehen wird.
“Das von ihm angestrebte ‚Sprechen‘ des
‚Gedichts‘ – so formuliert Celan in offenkundiger Anspielung
auf Saussures Unterscheidung von langue und parole – sei
grundsätzlich verschieden von dem allgemeinen,
arbiträr-differentiellen System der ‚Sprache schlechthin‘. Es
solle vielmehr eine ‚Individuation‘ des ‚Sprechens‘
realisieren, die ‚vermutlich auch nicht erst vom Wort her
‚Entsprechung‘‘ sei, also eine innere Beziehung zwischen der
materiellen Form der signification und ihrer geistigen Bedeutung herstelle und
damit auch das für gewöhnlich als abwesend
(‚draußen‘) gedachte signifié
nicht-signifikativ=unmittelbar in die materielle ‚Gegenwart und
Präsenz‘ des Gedichts einwebe
[...].”[144]
Das Gedicht soll also eine Verbindung von Signifikant und Signifikat
anstreben, um eine Unmittelbarkeit des Sprechens zu erreichen. Celan wendet sich
gegen die “totzuschweigende Zeichen-Zone” (GWII, 91) und spricht
ausdrücklich vom “zu versenkenden Zeichen” (GWII, 37) oder von
bereits “zusammengetretenen / Zeichen” (GWII, 69) – sein
erklärtes Ziel ist, mit W. Menninghaus gesprochen, das “Versenken der
semiologischen Differenz” [145].
Zwei Aspekte dieser Differenz stören Celan besonders: die
Arbitrarität des Zeichens und die damit verbundene Abwesenheit und
Abstraktheit der Bedeutung, die beide durch ein lebendiges Sprechen im Gedicht
überwunden werden sollen. Anhand von Beispielen soll vorgeführt
werden, wie Celans Gedichte die angestrebte Indifferenz der
“signification” thematisieren bzw. auch zu realisieren
versuchen.
W. Menninghaus gelingt es zu zeigen, daß sich Celans metapoetische
Sprachreflexion einer optischen Metaphorik bedient, die von grell
“blendendem Licht” über Zwischenstufen bis hin zum
“Schatten” reicht. Das grell blendende Licht bildet durch seine
schroffe “Differenz zum Wahrnehmungsapparat des von ihm Geblendeten”
und seine “kommunikationsfeindliche Atmosphäre” den negativen
Pol und entspricht damit der “in sich unvermittelten, nicht miteinander
kommunizierenden” [146] Differenz
von Signifikat und Signifikant. Den Gegenpol dazu bildet der
“Schatten”. [147]
“SCHWIMMHäUTE zwischen den Worten,
ihr Zeithof -
ein Tümpel,
Graugrätiges hinter
5 dem Leuchtschopf
Bedeutung.” (GWII, 297)
Hier zeigen sich weitere Aspekte Celans metapoetischer Metaphorik. Die
“Schwimmhäute zwischen den Worten” (1), ihr
“Tümpel” (3) und die ‚Gräten‘ sind dem
“Leuchtschopf / Bedeutung” (5f.) nicht nur farblich
(“grau” – “leuchten”), sondern auch bildlich
entgegengesetzt: “‚Häute‘ und ‚Gräten‘
als Gestalten des vermittelnden ‚Zwischen‘ versus unvermitteltes
Herausstehen des ‚Leuchtschopfs‘, Vermischtheit der Materien bis zur
Ununterscheidbarkeit im ‚Tümpel‘ versus scharfe Konturen des
‚Leuchtschopfs‘” [148].
Diese Gegensätze entsprechen der Opposition von (vertikaler) Differenz und
(horizontaler) Indifferenz der “signification”.
Den Vorgang des Überführens der semiologischen Differenz in die
Indifferenz thematisiert das folgende kurze Gedicht:
“KLOPF die
Lichtkeile weg:
Das schwimmende Wort
hat der Dämmer.” (GWII, 268)
Durch das “Wegklopfen” der vertikalen “Lichtkeile”
(2) Bedeutung kann die Differenz zwischen Signifikat und Signifikant aufgehoben
werden. Der “Dämmer” (4) bewirkt ein Ver schwimmen der
scharfen Konturen. [149] Sowohl der
“Dämmer” als auch die Metapher des “Schwimmens”
erscheint in mehreren anderen Gedichten Celans. Schon im Gedicht “Sprich
auch du” aus dem 1955 erschienen Band “Von Schwelle zu
Schwelle” heißt es:
“[...]
Beim Tode! Lebendig!
15 Wahr spricht, wer Schatten
spricht.
Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst:
Wohin jetzt, Schattenentblößter, wohin?
Steige. Taste empor.
Dünner wirst du, unkenntlicher, feiner!
20 Feiner: ein Faden,
an dem er herabwill, der Stern:
um unten zu schwimmen, unten,
wo er sich schimmern sieht: in der Dünung
wandernder Worte.” (GWI, 135)
Das Gedicht läßt sich als poetologisch-programmatische
Selbstanweisung lesen. Der Dichter soll zum “Faden” (20) werden, der
den (hellen) “Stern” (21) mit der “Dünung / wandernder
Worte” (23f.) verbindet. Die vertikale Differenz zwischen dem
“Stern” und den wandernden “Worten” wird aufgelöst,
der “Stern” “schwimmt” in einer horizontalen
Ebene mit den “Worten”. Das erinnert an folgende Verse aus
“Sprachgitter”:
“Iris, Schwimmerin, traumlos und trüb:
der Himmel, herzgrau, muß nah sein.” (GWI,
167)
Auch hier das Motiv des Schwimmens, ein “Himmel”, der
“nah” ist (d.h. es gibt keine vertikale Differenz), die Worte
“trüb” und “herzgrau” als Gegensatz zum grellen
Licht.
Das Gedicht “Bakensammler” aus “Lichtzwang” (1970)
spricht ebenfalls von der Aufgabe des Dichters:
“BAKEN-
sammler, nächtlings,
die Hucke voll,
am Fingerende den Leitstrahl
5 für ihn, den einen an-
fliegenden Wortstier.
Baken-
meister.” (GWII, 244)
“Baken”, Orientierungszeichen auf Verkehrswegen (auch
Leuchtzeichen für Schiffe), stehen nach W. Menninghaus in diesem
Gedicht für die arbiträren
Zeichen, [150] von denen der Dichter, der
Bakensammler, “die Hucke voll” (3) hat. Der “Wortstier”
(6) stehe für eine “besondere, einzigartige
Sprachgestalt” [151], deren Anflug nicht
durch die Baken selbst, sondern durch den Bakensammler geleitet werde. Mit dem
“Leitstrahl” (4) am Fingerende, möglicherweise dem
Schreibmaterial, meistere er gleichsam durch eine Blendung des Blendenden die
arbiträren Zeichen.
Der “an-/fliegende[] Wortstier” (5f.) steht im Kontrast zu den
arbiträren Zeichen, während allerdings der “Leitstrahl”
(4), der den Landevorgang des “Wortstier[s]” (6) regeln soll,
dieselben Eigenschaften wie die Baken selbst
hat. [152] Die Landung kann nur glücken,
wenn dem “Wortstier” (6) die Funktionsweise der Baken – in
Form des “Leitstrahl[s]” (4) – entgegengehalten wird.
Menninghaus schreibt dazu:
“Das Wort ‚Leitstrahl‘ markiert mithin sowohl die
inhaltliche Funktion und die semiologische Form der Bake als auch – eine
Art Mimikry – die Strategie dessen, der die arbiträr-instrumentelle
Zeichen-Logik, bis zum Überdruß von ihr erfüllt (‚die
Hucke voll‘), immanent durchbricht und aus einem Zeichen-Sammler zu ihrem
Bewältiger, Überwältiger, kurz: ‚Meister‘
wird.”[153]
Wenn der Dichter den “Wortstier” (6) so zur Landung bringt,
schafft er aus arbiträren Zeichen etwas Neues und wird dadurch selbst vom
Bakensammler zum Bakenmeister. Die neuartige sprachliche Figur, der
“Wortstier” (6), kann aber nur im Durchgang durch die Funktionsweise
der “Baken” zur Landung gebracht werden – vergleichbar dem im
“Meridian” beschriebenen Gang der Dichtung durch die Kunst
hindurch. [154]
W. Menninghaus weist ein dichtes sprachliches Beziehungsgefüge nach,
zeigt aber gleichzeitig, daß dessen “Vielstelligkeit” nicht
mit seiner “Präzision”
konkurriert. [155] Das Gedicht aktiviert auf
poetische Weise seine Metapoesie: Die Bake als Inbegriff der “zu
versenkenden Zeichen” (GWII, 37), “Bakensammler” und
“Bakenmeister” als neologische Metaphern für den Dichter. Der
Landevorgang des “an-/fliegenden Wortstier[s]” (5f.) (als
Einebnung der Differenz) zeigt ebenfalls sehr deutlich eine Opposition zur
vertikalen semiologischen Differenz der Baken als arbiträre
Zeichen. [156]
Es stellt sich allgemein die Frage nach der Intention des angestrebten
“Versenkens” der semiologischen Differenz. Zunächst ließe
es sich – rein theoretisch – als eine Intention auf eine
“natürliche” Nomenklatur der Dinge verstehen, also auf
onomatopoetische Relationen zwischen singulären Worten und singulären
Dingen. Obwohl Celans metapoetische Gedichte (durch die Intention auf den
“ Namen”) das zu bestärken
scheinen [157] – weshalb viele
Interpreten diese Intention nahegelegt
haben [158] –, widerspricht hier, nach
Menninghaus, die Poetologie der “Meridian”-Rede, die auf ein
“signifié sui generis” hindeutet, “das sich durch die
Worte hindurch realisiert” [159].
Menninghaus sieht das signifié, das im Gedicht zu unmittelbarer
“Präsenz” gelangen soll, “statt auf der atomistischen
Ebene singulärer signifiants in der inneren Form, in der strukturellen
Bewegung der Worte [...], in demjenigen, was Benjamin eine sprachliche
‚Mimesis‘ im ‚weiteren Sinn‘ nennt
[...].” [160] Das scheint viel eher der
“Meridian”-Poetologie zu entsprechen, in der die angestrebte
“Gegenwart und Präsenz” (GWIII, 198) des Gedichts nicht als
Vergegenwärtigung von Dingen in einzelnen Worten definiert wird, sondern
als Verbindung der “Gestalt” einer Person und des (historischen)
“Neigungswinkels [ihres] Daseins” (GWIII, 197) mit
“Gestalt”, “Richtung” und “Atem” (GWIII,
188) ihres Sprechens. Deshalb spricht auch Menninghaus von einer
“‚magische[n]‘=nicht-instrumentelle[n] Ineinsbildung von
(historischer, psychologischer) Subjektivität und der
‚Gestalt‘, der inneren Form ihres
Sprechens.” [161]
Im “Namen” sieht er den Inbegriff dieser “eigenen
Gestalt” des Sprechens, das – “un-/berührt von
Gedanken” (GWII, 15) – “Gestalt” und
“Richtung” (GWIII, 188) der Subjektivität einer Person und
ihrer historischen Bedingungen zum Ausdruck bringen
soll. [162] Da sich dieses Sprechen nur im
Extremfall direkt in einem singulären Wort (“Name”) realisieren
kann, hat es ihren “Ort” (GWIII, 199) in der inneren Gestalt des
Sprechens.
“KLEIDE DIE WORTHöHLEN AUS
mit Pantherhäuten,
[...]
und lausch ihrem zweiten
und jeweils zweiten und zweiten
Ton.” (GWII, 198)
Die angestrebte Sprachform kann sich nicht in verbalen Inhalten der Worte
verwirklichen, sondern nur im “zweiten / Ton” einer Sprachbewegung.
Es handelt sich in vielen Gedichten um metapoetische Umschreibungen dieser
Sprachdimension, “die Humboldt die innere Sprachform und Benjamin die
‚magische Seite der Sprache‘ nennt, ihren ‚physiognomischen
Ausdruckscharakter‘ jenseits der ‚verbalen Inhalte‘, kurz: die
‚Sprache der
Sprache‘.” [163]
Aus all dem resultiert eine Paradoxie von Celans Metapoesie des
“Namens”. Eine Sprachform jenseits von transportierten Inhalten wird
gefordert, während die Gedichte selbst dennoch weitgehend der kritisierten
(inhaltstransportierenden) Sprachlogik gehorchen. In nicht-metapoetischen
Gedichten finden sich, nach Menninghaus, sogar “stark markierte
‚Bedeutungen‘ im traditionellen
Sinn” [164].
Anders betrachtet verwirkliche, so Menninghaus, zumindest die Metapoesie
“in manchem bereits an sich selbst, was sie scheinbar nur
postuliert” [165]. Das geschehe
einerseits durch Parallelismen und Oppositionen der metapoetischen Metaphern
(“Licht” – “Schatten”) und Motiven, andererseits
in der Art der Verwendung des Wortes “Name”.
Im Verhältnis zur nicht-metapoetischen Lyrik Celans finde hier wieder
die Bewegung einer Vermittlung der Differenz in die Indifferenz statt.
“Beide Momente – der Widerspruch zwischen dem metapoetischen
Postulat des Transzendierens instrumenteller Signifikativität und der
selbst noch in vielem der kritisierten Sprachlichkeit verhafteten Form sowohl
des Formulierens als auch des ‚poetischen‘ Realisierens dieses
Postulats einerseits, die immanente Poetisierung der metalingualen
Sprachfunktion und damit die Ineinsbildung von Poesie und Metapoesie
andererseits – werden [...] immer wieder als ein konstruktives
Spannungsfeld von Celans ‚Sprechen‘ erkennbar
[...].”[166]
2.4.2. Die historische Reflexion im Innern der linguistischen Programmatik
Celan bezieht die Arbitrarität des Zeichens – wie die
Sprachmystik – auf die Motive des Sündenfalls und der
Sprachverwirrung von Babel. Babel wird zu einer Chiffre für die
Arbitrarität des Zeichens, von dem sich das “lebendige
Sprechen” des Gedichts abstoßen
muß. [167] Das Besondere an Celans
Reinterpretation dieses theologisch-mystischen Erklärungsschemas besteht in
dessen nahtloser Verknüpfung mit den historischen Erfahrungen des
Faschismus und der Judenverfolgung. Durch diese Verbindung werden die
sprachverwirrenden Folgen von Babel aktualisiert und
dramatisiert. [168] Die Formulierung
“blutschwarz umbabelt” (GWII, 339), “blutschwarz” als
Steigerung von “blutrot” bzw. als Beschreibung getrockneten Blutes,
verknüpft deutlich die Katastrophe der Konzentrationslager mit der
Sprachverwirrung von Babel.
Celan betreibt eine enge Parallelisierung von herrschaftsförmiger
Abstraktion in Sprache und Realität:
“Auseinandersetzung mit der ‚Verkrüppelung‘
gesellschaftlichen Lebens durch abstrakte politische Gewalt und mit der
‚Verkrüppelung‘ sprachlichen Lebens durch
abstrakt-arbiträre Bedeutungsfunktionen sind für Celan zwei bis zur
Indifferenz identische Seiten desselben Abstoßens von
‚huriger‘ und ‚umbabelter‘ [...] Abstraktion:
[...].”[169]
Anhand zahlreicher Beispiele weist W. Menninghaus die Bedeutung des Wortes
“Baum” (Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis) in Celans Darstellung
des “Sündenfalls” von Sprache (Babel) und Realität
(Auschwitz) [170] nach und zeigt, daß
die Metaphorik des Brennens, Glühens und Strahlens die
Evokation faschistischer Vernichtung mit der sprachreflexiven
Licht-Metaphorik verbindet und ihr entspricht. Damit leistet Celan
“auch im metaphorischen Volumen der (metapoetischen) Sprache selbst die
Verschränkung von Sprach- und
Geschichtskritik.” [171] Parallel dazu
entspricht die Metaphorik des “ Schattens” (und
“ Atems”) als unmittelbare “Präsenz” des
Sprechens dem “Postulat einer sich selbst bestimmenden Individualität
[...] als der Voraussetzung der Überwindung politisch-gesellschaftlicher
Fremdbestimmung” [172].
Abschließend sollen diese Aspekte am Gedicht “Deine Augen im
Arm”, das allerdings keine mystisch-theologischen Topoi zitiert,
nachgewiesen und veranschaulicht werden.
[173]
“DEINE AUGEN IM ARM,
die
auseinandergebrannten,
dich weiterwiegen, im fliegen-
5 den Herzschatten, dich.
Wo?
Mach den Ort aus, machs Wort aus.
Lösch. Miß.
Aschen-Helle, Aschen-Elle – ge-
10 schluckt.
Vermessen, entmessen, verortet, entwortet,
entwo
Aschen-
Schluckauf, deine Augen
15 im Arm,
immer.” (GWII, 123)
Die “auseinanderge brannten Augen” verweisen auf einen
beschädigten Zustand des Angesprochenen, wobei die elliptische Grammatik
der ersten Strophe offen läßt, ob das Subjekt der Verse ein
angesprochenes Du oder ein sich selbst zum “Weiterwiegen”
aufforderndes Ich ist. Das “Weiterwiegen” kann als Appell zum
Durchhalten und Weitermachen, Weiterleben trotz der erwähnten Verletzung
verstanden werden. Mit dieser Situation vergleichbar ist die Verfassung der
Juden, die die nationalsozialistische Ära überlebt haben. Der
“Herzschatten” (5) bezeichnet offenbar dasjenige, das vom Brand
geschützt oder zumindest verschont worden
ist. [174]
In der zweiten Strophe – “Wo?” (6) – wird nach dem
Ort des “Weiterwiegens” gefragt, dem eine Reihe von Antworten
folgen, “die den Gegensatz von Brand und Schatten, [...] einer Metapoesie
des ‚Wortes‘ einbeschreiben und in sich die Bewegung vom
abstrakt-arbiträr ‚brennenden‘ Wort zum
‚schattenverheißenden Baumwort‘ (= ‚Name‘) sowohl
postulieren als auch vollziehen.” [175]
“Mach den Ort aus, machs Wort aus.
Lösch. Miß.”
Dazu schreibt Menninghaus:
“Ort und Wort ‚ausmachen‘ kann einerseits
heißen, die lebensvernichtende Abstraktion (Brand) in Geschichte wie
Sprache zu tilgen, zu ‚löschen‘. Andererseits und gleichzeitig
dagegen, den lebensermöglichenden (Herz-)‚Schatten‘ in
Realität und Sprache zu entdecken, ihn auszumessen, zu ermessen. Des
weiteren realisiert diese – durch den Vers ‚Lösch.
Miß.‘ auch explizit auseinandergelegte – Ambivalenz von
‚ausmachen‘ bereits eben dasjenige, was sie postuliert. Indem die
Worte in und an sich selbst zu einem sprachlichen ‚Leben‘ gebracht
werden, wird ihr bloß ‚dienender‘ Status
‚ausgemacht‘ im Sinne von ‚gelöscht‘ und ihre
expressive Potenz ‚ausgemacht‘ im Sinne von
‚ausgemessen‘.”[176]
Diese doppelte Ambivalenz von “ausmachen” (in der
“primären” Semantik und in der Beschaffenheit der Sprache
selbst) wird in die folgenden Verse aufgenommen:
“Aschen-Helle, Aschen-Elle – ge-
Die “Aschen-Helle” (9) stellt eine Verbindung mit den
“auseinandergebrannten Augen” der ersten Strophe her und wird
gleichzeitig zur “Aschen-Elle” (9), einem Maßstab also, der
sich auf das “ausmessen” (“Miß.” [8]) und
“ausmachen” in der dritten Strophe zu beziehen scheint. Den
politisch-moralischen Gehalt der Verse hält Menninghaus so fest:
“Celan sieht in dem vergangenen Leid [“Aschen-Helle”]
den Maßstab [“Aschen-Elle”], an dem die angestrebte
Positivität in Realität (‚Ort‘) und Sprache
(‚Wort‘) sich auszurichten hat, eine leidvolle, ‚bittere
Pille‘, die ‚ge-/schluckt‘ werden
muß.”[178]
Gleichzeitig hat das Wort “ge-/schluckt” (9f.) aber noch eine
unmittelbar negative Bedeutung:
“[...] die ‚Asche‘ als die ‚Elle‘
gegenwärtiger und künftiger Praxis ist bereits
‚ge-/schluckt‘, nämlich aus dem Erfahrungshorizont
verdrängt und vergessen
worden.”[179]
Die folgende Strophe stellt wieder eine Verbindung mit der in der dritten
Strophe festgestellten Ambivalenz her:
“Vermessen, entmessen, verortet, entwortet,”
“Vermessen” (11) im Sinne von “anmaßend”,
“überheblich” erzeugt einen negativen Impuls, wodurch die
positive Konnotation von “Messen” als produktives Erschließen
von “Ort” und “Wort” in Frage gestellt wird und so Ort
und Wort als das zu “Löschende” (“Lösch.” [8])
in den Vordergrund gerückt wird. Das zweite Wort dieser Strophe und
Verzeile – “entmessen” (11) – ergänzt, nach
Menninghaus, die Bedeutung eines “Befreiens von negativen Formen
äußerlicher Erfassung und Markierung (man denke z.B. an die
‚Vermessung‘ der Juden vom Judenstern bis zur
KZ-Nummer).” [180] Damit entspräche
dieses “entmessen” (11) dem positiven und angestrebten
“verorten”, das dann zugleich ein “entworten” wäre
– und zwar “im Sinne der Überwindung einer – mit der
abstrakten Herrschaftsförmigkeit der Realität analogen –
arbiträr-instrumentellen
Sprachlichkeit” [181].
In der folgenden Strophe wird dieses “entworten” am Wort selbst
vollzogen:
“entwo”
Diese “Wortruine” ist wiederum zweierlei: Zum einen
“unmittelbarer Vollzug der Negation instrumenteller Semantik” und
zugleich “Position bzw. Richtung auf eine aus sich selbst lebende
‚Präsenz‘ und ‚Gestalt‘ von
Sprache” [182].
“Aschen-
Schluckauf, deine Augen
im Arm,
immer.”
Der “Schluckauf” (14) dürfte Celans Forderung nach einer
“unabdingbaren Vielstelligkeit des Ausdrucks” (GWIII, 167)
genügen. Nach Menninghaus spielt er erstens er auf das
“Aufstoßen” derer an, die das vergangene Leid einfach
folgenlos hinunter-“schlucken”, zweitens darauf, daß dieses
(negative) Schlucken nicht gut bekommt oder bekommen wird. Drittens
“reaktiviert er auch das Motiv der Umkehrung des Leids [...] und damit der
verändernden Aneignung von Realität und Sprache (‚Ort‘ und
‚Wort‘) im Bewußtsein leidvoller Erfahrungen
(‚Aschen-Helle‘ als
‚Aschen-Elle‘).” [183] Vor
allem an die dritte Bedeutung schließt die Wiederholung von “deine
Augen / im Arm” (14f.) an; das “Weiterwiegen” wird durch das
abschließende “immer” (16) verewigt.
Diese Interpretation des Gedichts bestärkt die anfangs vorgestellte
Theorie einer Verschränkung von Sprach- und Geschichtskritik bzw. Sprach-
und Geschichtsutopie. Aufgrund dieser Verschränkung aber ist Celans
Intention auf eine Sprache jenseits der “totzuschweigenden
Zeichen-/Zone” (GWII, 91) (d.h. jenseits der semiologischen Differenz)
konstitutiv gebrochen; die Sprache kann sich nicht vom grellen
“Lichtzwang” (so der Titel eines Gedichtbandes) der sprachlichen
Abstraktion und vom arbiträren “Leuchtschopf / Bedeutung”
(GWII, 297) lösen. Denn nach Celan ist das Gedicht “nicht
zeitlos” (GWIII, 186), sondern “wirklichkeitswund und Wirklichkeit
suchend” (GWIII, 186), weshalb seine Sprache an zeitlich-historische
Wurzeln gebunden bleibt. Das bedeutet, daß der “unerhörte
Anspruch” (GWIII, 199) des Gedichts nicht in “absoluter” Weise
erfüllbar ist, und erinnert an die Worte aus dem
“Meridian”:
“Das absolute Gedicht – nein, das gibt es gewiß nicht,
das kann es nicht geben!” (GWIII, 199)
Die Parallele ist offensichtlich: Celans Gegenüberstellung von Kunst
und Dichtung im “Meridian” entspricht der Gegenüberstellung von
semiologischer Differenz und Indifferenz in der Metapoesie seiner Gedichte. Wie
die Dichtung den “Weg der Kunst” (GWIII, 193) gehen muß, kann
auch die semiologische Indifferenz nicht jenseits von signifikativer Bedeutung
existieren, sondern muß ebenso durch diese hindurch gehen. Auch in den
metapoetischen Gedichten thematisiert Celan diese Dialektik seines
“Sprechens” – und zwar hauptsächlich im ambivalenten
Motiv des “Spiegelns”:
“Wo immer dieses Motiv begegnet, bringt es gleichzeitig zweierlei
zur Darstellung. Einerseits, in Übereinstimmung mit der negativen
Lichtmetaphorik, die unauratisch-reflektorischen ‚Blendeffekte‘
sprachlicher wie realer Gleichgültigkeit und Abstraktion. Andererseits, als
Spiegeln in zweiter Potenz, das Zurückwerfen und immanente Überwindung
der kritisierten Geschichts- und Sprachverfassung mit deren eigenen
Mitteln.”[184]
3. DIE GEDICHTE “TODESFUGE” UND “ENGFüHRUNG”
3.1. “Todesfuge”
Schon der Ausdruck “Todesfuge” birgt eine unversöhnliche
Zusammensetzung: Tod und Musik, Nichtigkeit und Ordnung. Die Umbenennung von
“Todestango” in “Todesfuge”, die Celan 1947 vornimmt,
erweitert zudem die Bedeutung des Titels: Die Kunst der Fuge war die
musikalische Summe des Schaffens von Johann Sebastian Bach, einem “Meister
aus Deutschland”. Jetzt wirft der Terminus “Todesfuge” einen
“Schatten des Zweifels auf diesen Gipfel der Musik, welche ihrerseits der
Inbegriff von Kunst ist. Jener Zweifel war bereits unüberhörbar, als
Fugen von Bach vor dem Wohnhaus des Auschwitzer Lagerkommandanten
erklangen.” [185] Mit der Verbindung von
Tod und Musik greift “Todesfuge” auch in eine Tradition deutscher
und österreichischer Kultur ein, [186]
die sie gravierend modifiziert, denn “die Negation aller Werte der Welt
[ließ] doch die Musik und die Idee der Musik grotesk
werden.” [187]
Etwa im gleichen Zeitraum (1944-45) wie “Todesfuge” entsteht
das Gedicht “ER” von Immanuel
Weißglas [188], das für den
Werdegang von Celans Text von großer Bedeutung ist. Es ist im Gegensatz zu
“Todesfuge” in einem konventionellen Formschema (vier Strophen aus
fünfhebigen, jambischen Vierzeilern in Kreuzreimen) verfaßt,
während es inhaltlich offensichtlich Ähnlichkeiten gibt. Von einer
“Abhängigkeit der ‚Todesfuge‘ von diesen nur wenige
Monate zuvor verfaßten
Versen” [189] zu sprechen, wäre
allerdings übertrieben, da Celans formale Gestaltung, Komposition,
Sprachbehandlung, die bildliche und motivische Spannungsweite und der
ausdrucksmäßige Gesamtduktus in eine diametral andere Richtung
weisen. Zudem enthält Weißglas‘ Gedicht perspektivische
Ungenauigkeiten, [190] eine Unangemessenheit
des sprachlichen Ausdrucks [191] sowie eine
unangenehme Affinität zu anachronistischem
Wortmaterial, [192] wie Theo Buck zeigt und
damit zu dem Schluß kommt: “Verbrauchte Wörter, verbrauchte
Bilder, schiefe Formulierungen und unpassende Vergleiche machen den Text
insgesamt unbrauchbar.” [193]
Dennoch dient dieses Gedicht Celan als Grundlage für einen neuen
Text, [194] in den er viele Motive und Bilder
direkt übernimmt [195] – er
verwirft allerdings Wendungen, die ihm vermutlich zu antiquiert, verbraucht oder
zu subjektiv erscheinen. Die Verse 9 und 10 aus “ER” (“Und
wenn die Dämmrung blutig quillt am Abend, / Öffn‘ ich
nachzehrend den verbissnen Mund”) beeinträchtigen etwa mit ihrem
Pathos die gebotene Intensität und würden außerdem “die
Semantisierung der Technik der kurzen, harten Fügung von Hauptsätzen
gestört und unmöglich gemacht
haben.” [196] “Todesfuge”
wird von einem einfacheren Sprachduktus beherrscht, der bei vermindertem Pathos
die Eindringlichkeit der Aussage steigert.
Celan verwendet Parataxe, woraus sich eine relative Selbständigkeit
und Abgeschlossenheit der Rede- und Leseeinheiten ergibt, die die
Möglichkeit der Einzelteile erhöht, Korrespondenzen herzustellen.
Gottfried Schneider leitet davon den Begriff der
“Flächenhaftigkeit” des Textes her:
“Das Gedicht erhält eine neue Dimension dadurch, daß
die Leseweise nicht mehr linear sein muß. Die Fugentechnik produziert
[...] eine Topographie zu den Topoi. Die Interpretationsweisen gehen von den
Texteinheiten aus, die entsprechende Signale aus korrespondierenden oder
kontrastierenden Reihen auffangen und resonieren lassen
können.”[197]
So können auch zyklische und prozeßhafte Veränderungen
dargestellt werden. Dieses Verfahren findet ihre musikalische Entsprechung eben
in der Fuge, welche einen mehrstimmigen Satz in strengster Form
kontrapunktorisch organisiert. Theo Buck spricht von einer “quasi
musikalische[n] Komposition mit Worten”, von einer “in die Sprache
überführte ‚Kunst der
Fuge‘.” [198]
Den Punkt zum Kontrapunkt bildet die Wortgruppe “Schwarze Milch der
Frühe” (1, 10, 19, 27), und die weitere Folge “wir trinken sie
abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir
trinken und trinken” (1ff.). Drei poetische Techniken lassen sich hier
aufzeigen: das Oxymoron “Schwarze Milch”, die Genitivmetapher
“Schwarze Milch der Frühe” und die anaphorische Folge von
“trinken” + Zeitangabe.
Gottfried Schneider versucht das Oxymoron “Schwarze Milch”
aufzulösen, indem er zwei Kontextreihen mit äquivalenten Signalen aus
dem Gesamttext extrapoliert:
“Für ‚Schwarz‘ ließe sich die Reihe
aufstellen: Schwarz-dunkel-in Deutschland-Nacht-Grab-Tod-Asche-Rauch. Man
beachte, daß hier vorwiegend Substantiva angeboten werden und damit
zugleich als charakterisierend die Statik und Abstraktheit des
Nomens.
Dieser Reihe kann die ‚Milch‘ in der semantischen Kongruenz
von: Milchtrinken=Leben gegenübergestellt werden. Dann vor allem die
dynamische Bewegung von ‚wir trinken sie mittags und morgens wir trinken
sie nachts wir trinken und
trinken‘.”[199]
Die erste Reihe kann unter die Kategorie des Todesprinzips gestellt werden,
die zweite unter die des Lebensprinzips. Die kühne Metapher “Schwarze
Milch der Frühe” kombiniert die beiden.
Gerade das Oxymoron “schwarze Milch” hat aber Wurzeln in Texten
anderer, wobei verschiedene Quellen in Frage
kommen: [200] Rose Ausländers Gedicht
“Ins Leben” [201], Alfred
Margul-Sperbers Gedicht “Ferner
Gast” [202], sowie verschiedene
Bildformeln mit vergleichbaren Konnotationen bei Trakl (“schwarzer
Frost”, “schwarzer Schnee”, “schwarzer Engel”,
“schwarze Sonne” etc.). Wenn man so will, kann man diese Metapher
bis ins Alte Testament
zurückverfolgen. [203]
Das Gleiche gilt bezüglich des Figurengegensatzes von Margarete und
Sulamith. Dem deutschen, blonden Gretchen (Anspielung auf Goethes Faust) wird in
der Gestalt Sulamiths das exemplarische jüdische Frauenbild im
“Hohenlied”
gegenübergestellt. [204]
Viele weitere Bezüge lassen sich feststellen, die die Celan-Philologie
mit “immer neue[m]
Finderglück” [205] aufgedeckt hat.
Anspielungen auf Bilder von Rilke und
Trakl [206], auf Heines “Die
schlesischen Weber”, auf Puccinis “Tosca” fließen in
diesem Gedicht zusammen. [207] Dabei stellt
sich unweigerlich die Frage, was Celan mit diesen Übernahmen bezwecken
wollte. Theo Buck meint:
“Das zu registrierende Weiterdichten mit dem poetischen Material
anderer ist, einmal abgesehen von der spätzeitlichen,
alexandrinisch-eklektischen Komponente, zu verstehen als ein ebenso
souveränes wie produktives Spiel mit Formeln der Lyriktradition. [...] in
solcher Evokation und Wiederholung [liegt] ein aufhebender Gegenwurf, der
– gleichsam überprüfend – die konventionell
festgeschriebenen Sinnbezüge in Frage stellt
[...].”[208]
Wie schon im Frühwerk setzt sich Celan hier also produktiv mit der
Tradition auseinander. Zudem dienen die poetisch transformierten
“Zitate” der von ihm angestrebten Verbindung von Konkretheit und
Gleichnischarakter, denn die Montage etablierter lyrischer Wendungen erlaubt ihm
die nötige Entsubjektivierung des ihn existentiell betreffenden
Gegenstands. [209] Celan geht es jedoch
ohnehin nicht um mimetische Repräsentation, sondern darum, die erfahrene
und erlebte Wirklichkeit vor dem Vergessen zu bewahren. Die gebrauchten
Metaphern vermeiden in diesem Sinn, das Vernichtungsgeschehen direkt
nachzubilden und damit zu poetisieren. Theo Buck kommt so zu dem Schluß,
es handle sich um “kein Gedicht über Auschwitz, [...] sondern eine
lyrische ‚Fuge‘ des
Erinnerns.” [210]
Dem entspricht nun wieder die “bis ins Detail durchkomponierte
Wortpartitur” [211], die mit
Wiederholung, Antithetik und ihrer Vermischung arbeitet. Lyrische Strategien
sind dabei etwa die Kombinatorik [212] und die
Modulation [213], welche ohne ein konsequent
umgesetztes parataktisches Darstellungssystem (radikale Nebenordnung der
Sätze, Teilsätze und Satzteile; gleitende Übergänge;
ausgesparte Interpunktion; häufige Enjambements) weitaus weniger wirksam
wären. Auch die nur angedeutete strophische Gliederung unterstützt
dieses Konzept; erst bei genauerem Hinsehen werden vier Teile erkennbar, die
jeweils mit der Zentralmetapher (“Schwarze Milch der Frühe”)
eingeleitet werden.
Die durchgängige Antithetik des inhaltlichen Ablaufs findet ihre
Begründung im “imitierenden kontrapunktischen
Stil” [214] der Fuge. Die Gegensatzpaare
werden einander kontrapunktisch gegenübergestellt: “wir”
– “er”, “schwarz” – “blau”,
“aschen” – “golden”, “Sulamith”
– Margarete”, ausgelieferte Opfer (“wir trinken”)
– kommandierender Täter (“er pfeift”, “er
befiehlt”, “er ruft” etc.).
“Die eine Seite bilden [...] die ‚Trinkenden‘, das
heißt die Objekte deutscher Judenvernichtung; auf der anderen Seite steht
der ‚Tod‘ als ‚ein Meister aus
Deutschland‘.”[215]
Metaphorische Linien ergänzen die kontrapunktische Konstruktion, wie
bereits oben am Beispiel der “schwarze[n] Milch” gezeigt wurde, die
Lebens- und Todesprinzip in sich kombiniert, wobei allerdings letzteres
ausschlaggebend ist. Denn das adjektivische Beiwort “Schwarz”
zerstört die positiven Implikationen des Substantivs “Milch”,
so daß sich die “lebenspendende Kraft der weißen
Flüssigkeit” in ihr “verdorbenes und Verderben bringendes
Gegenteil” [216] verkehrt. Die der
Zentralmetapher folgenden temporalen Zuweisungen deuten in diesem Sinn auf eine
schwer zu bestimmende Grenzzone des Übergangs vom Leben zum Tod, aber auch
umgekehrt vom Tod zu neuem Leben. [217]
Während so gegenwärtiges Leben als Leiden erfaßt wird, liegt im
Sterben zugleich die Möglichkeit eines Lebens jenseits der
Leiden. [218]
Durch die tragende Metapher “Schwarze Milch der Frühe”
wird so die Tatsache der Menschenvernichtung vermittelt, ohne daß konkret
von “Gaskammern” oder “Verbrennungsöfen” gesprochen
wird. Auf diese Weise gelingt es Celan, das in seiner Totalität sonst
Unsagbare zur Sprache zu bringen. Es ist deshalb verfehlt, von einer
Verbundenheit der Zentralmetapher mit dem Surrealismus zu sprechen, da sie
keinem spontanen Traumbild entspricht, sondern “auf exakter Erkenntnis
beruht” [219]. Wie sehr Celan um die
Gestaltung des Konkreten bemüht war, beweisen etwa die detailgetreue
Darstellung des Mörders mit den “blauen Augen” und die
Formulierung “wir schaufeln ein Grab in den
Lüften” [220]. Selbst wenn ganz
unmittelbar archetypische Zusammenhänge einbezogen werden, wie beim
“Spiel” “mit den Schlangen”, ist klar, was konkret
gemeint ist. Es handelt sich stets um die “signifikante Inkarnation jener
diabolischen Spannung von Ästhetik einerseits, Barbarei, Verbrechen, Gewalt
und Vernichtung andererseits, die das Schöne zum Greuel
denaturiert.” [221] Die traditionsreiche
Metapher wird so durch “Kontextdetermination” der Sinnebene des
Gedichts einverleibt. Celan selbst spricht von der Notwendigkeit einer
“aktualisierte[n] Sprache” (GWIII, 197) in der Literatur.
Der Gedichttext ist insgesamt zu verstehen als die Stimme der Leidenden,
denen der Verursacher des Mordens als ein “Meister aus Deutschland”
gegenübersteht. [222] Wie
widerspruchsvoll eine Charakteristik dieses Mannes sein muß, zeigt sich
schon in den ersten Zeilen. Es werden kunstvoll zwei Texte
ineinandergefügt:
Text 1: “Ein Mann wohnt im Haus der spielt [...] der schreibt [...]
dein goldenes Haar Margarete / er schreibt es und tritt vor das Haus und es
blitzen die Sterne” (5ff.)
Text 2: “der spielt mit den Schlangen [...] er pfeift seine
Rüden herbei / er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein
Grab in der Erde” (5ff.)
Text 1 ermöglicht einen Makrokontext von deutscher Idyllenhaftigkeit,
während Text 2 bereits die sadistisch-diabolischen Züge des Mannes
zeigt. [223] Dieser “menschliche
Vulgärromantiker und
Mordästhet” [224] verkörpert
den banalen Prototyp der tötenden “Herrenrasse”.
Die Leidenden beschreiben aber nicht nur ihren gewaltsamen Tod, sondern
bewahren ihn mittels ihrer Vergegenwärtigung auf, wodurch die personalen
Perspektiven aufgerissen werden. Damit wird das Sprechen der Opfer zum an die
Überlebenden adressierten
Totengedenken. [225] Hier zeigt sich die
dialogische Ausrichtung der Todesfuge. [226]
Sie wird zum poetischen Notat eines Erinnerungsvorgangs im Wissen, daß das
Geschehene eine völlige Zurücknahme der tradierten Sinn- und
Wertordnung bedingt. [227]
3.2. “Engführung”
3.2.1. Einführung
“Engführung” (1958 entstanden) kann als eine Art
“Gegenentwurf” zu “Todesfuge” verstanden werden; schon
die Form zeugt von einem entscheidenden konzeptionellen Wechsel. Systematische
Konterdetermination [228], fragmentierende
Wort- und Satzbrechungen und die generelle Reduktion des Ausdrucks bilden eine
neue lyrische Textur, durch die dem Einzelwort verstärktes Gewicht gegeben
wird. Celans neuer Ausdrucksgestus zielt so auf den Abbau
bedeutungsmäßiger Determination und damit auf die Auslösung
kreativer Impulse – die Texte sind daher denotativ angelegt. Das bedeutet
einen Abschied von mimetischen Praktiken “bebilderte[r] Sprachen”
(GWI, 213) in ihrer Einsinnigkeit zugunsten semantischer Offenheit und Dynamik.
Celan selbst soll gesagt haben: “Ich trachte sprachlich wenigstens
Ausschnitte aus der Spektral-Analyse der Dinge wiederzugeben, sie gleichzeitig
in mehreren Aspekten und Durchdringungen mit anderen Dingen zu zeigen:
mit nachbarlichen, nächstfolgenden, gegenteiligen. Weil ich leider
außerstande bin, die Dinge allseitig zu
zeigen.” [229] Immer aber bleiben Celans
Gedichte auch ihrer “Daten eingedenk” (GWIII, 196), weil in ihnen
der Autor “mit seinem Dasein zur Sprache” (GWIII, 186) geht.
Wie auch in “Todesfuge” bedient sich Celan in
“Engführung” einer Kompositionstechnik, die aus dem Bereich der
Musik stammt. “Engführung” heißt “eine Reihe von
dicht aufeinander folgenden imitierenden Einsätzen [im letzten Teil der
Fuge], wobei das Thema in einer neuen Stimme erklingt, bevor die alte dieses
beendet hat [...].” [230] In Celans
“Engführung” “erklingen” insgesamt neun Stimmen,
deren Einsatz jeweils durch ein Sternchen (*) angekündigt wird; die Frage
nach der Verteilung der Stimmen ist wesentlich für jede
Interpretation. [231]
3.2.2. Interpretation
Durch den Bezug zu “Todesfuge” im Titel wird die Erwartung
geweckt, auch dieses Gedicht behandle das Thema der Vernichtungslager – es
wird sich zeigen, daß Celan in “Engführung” aber nicht
nur die Thematik der historischen Erfahrung ausweitet, sondern diesen Bereich
zusätzlich mit der Sprachproblematik überblendet.
In der folgenden schrittweisen Interpretation soll eine Synthese
verschiedener, teilweise gegensätzlicher Deutungsversuche – soweit
möglich – angestrebt werden, ohne dabei die “unabdingbare[]
Vielstelligkeit des Ausdrucks” (GWIII, 167) zu beeinträchtigen, wohl
aber mit dem Ziel, die Intention des Gedichts mit möglichst hoher
“Präzision” (GWIII, 167) zu bestimmen.
Die ersten Verse lauten: [232]
*
VERBRACHT ins
Gelände
mit der untrüglichen Spur:
Gras, auseinandergeschrieben. Die Steine weiß,
5 mit den Schatten der Halme:
Lies nicht mehr – schau!
Schau nicht mehr – geh!
Das Partizip Perfekt Passiv “verbracht”, mit dem der Text
einsetzt, deutet auf eine unfreiwillige Verbringung an einen Ort, der scheinbar
als bekannt vorausgesetzt wird. Marlies Janz sieht das erste Wort als
“Signalwort”, “das die amtsdeutsche Bezeichnung ist für
den gerichtlich oder polizeilich verfügten Transport von
Menschen” [233]. So wird gleich zu
Beginn das Thema der Deportation angeschlagen, das Gelände erweist sich als
eine “Landschaft der Gewalt und des
Todes” [234]. P. Szondi bemerkt, der
Leser sei “von Anfang an verbracht – in eine fremde und
fremdartige Gegend” und kommt daher zu dem Schluß: “[...] das
lesende Subjekt fällt zusammen mit dem Subjekt des gelesenen
Gedichts.” [235]
Der Auftakt der zweiten Versgruppe beschreibt jenes
“Gelände” (2) genauer. Die Wortfolge “Gras,
auseinandergeschrieben” (4) läßt zu, das
“Gelände” nicht nur als reale Landschaft, sondern auch als
einen Zustand von Sprache zu verstehen:
“Die Szenerie ist eine Landschaft, aber eine, die beschrieben wird
als eine geschriebene. [...] die Gräser sind zugleich Buchstaben, und die
Landschaft ist Text. [...] Wird das Gras erst einmal Buchstabe, dann ist das
Weiß der Steine zugleich das Weiß der Seite [...], durchschnitten
nur von Buchstaben-Halmen, oder genauer: vom Schatten, den sie
werfen.”[236]
Die “Spur” ist folglich ein Zustand der semiologischen
Differenz (“ auseinandergeschrieben”), die senkrecht stehenden
Gräser erinnern an die vertikale Differenz des in sich gespaltenen
Zeichens. [237]
Die folgenden Imperative richten sich an jeden Leser: Es genügt nicht,
die Zeichen zu lesen, aber auch “schauen” (als “inneres
Erkennen” [238]) genügt nicht
– erst das “Gehen” durch das Gelände ermöglicht ein
wirkliches Verstehen. [239] Die Erfahrung soll
durch diese Stufenfolge intensiviert werden.
Das Gelände erweist sich als Schauplatz einer dreifachen
Verwüstung: durch einen Völkermord, durch eine Beschädigung der
Sprache und durch Atombombenexplosionen (wie sich später
herausstellt) [240]. Im Gedicht werden diese
Verwüstungen vergegenwärtigt, die Aufforderung zum “Gehen”
wird im nächsten Abschnitt bestärkt: “[...] der
Erinnerungsvorgang wird
stimuliert.” [241]
Geh, deine Stunde
hat keine Schwestern, du bist –
10 bist zuhause. Ein Rad,
langsam,
rollt aus sich selber, die Speichen
klettern,
klettern auf schwärzlichem Feld, die Nacht
braucht keine Sterne, nirgends
15 fragt es nach dir.
Diese Verse verschaffen weitere Klarheit über den Gegenstand der
Trauerarbeit. Die “untrügliche[] Spur” (3) ist an den Tod
gebunden, [242] es folgen Beschreibungen der
“Stationen aufhebender
Entzeitlichung” [243]. Das
“Rad” (10), das “aus sich selber [rollt]” (11), ein Bild
aus Nietzsches “Reden
Zarathustras”, [244] deutet auf
Auflösung und Neubeginn; auch die “kletternden Speichen”, als
das sich Auflösende, streben in ihrer unaufhaltsamen Aufwärtsbewegung
nach einer Neuformation. Die Bewegung läuft “auf schwärzlichem
Feld” (13) aus, ein Gebiet des Todes, das “keine Sterne” (14)
mehr braucht; es ist “das Dunkel ewiger
Nacht” [245]. Hier erreicht den
“Verbrachten” auch keine Kommunikation mehr: “nirgends / fragt
es nach dir.” (14f.) [246]
Wenn man aber, wie Szondi, davon ausgeht, daß man sich hier in einer
reinen Textlandschaft bewegt, Celans Dichtung also nicht mehr die Wirklichkeit
beschreibt, sondern selbst Realität wird, muß man zu dem Schluß
kommen, daß “das schwärzliche Feld nicht mehr [ist], was
die Dichtung beschreibt, sondern was durch sie ist. Auf dem Feld, auf dem sie,
sich selbst schreibend, geht, schreitet auch der Leser
voran.” [247]
*
Nirgends
fragt es nach dir –
Der Ort, wo sie lagen, er hat
einen Namen – er hat
20 keinen. Sie lagen nicht dort.
Etwas
lag zwischen ihnen. Sie
sahn nicht hindurch.
Sahn nicht, nein,
redeten von
25 Worten. Keines
erwachte, der
Schlaf
kam über sie.
Der Beginn einer neuen Partie (wie hier der zweiten) ist jeweils durch ein
Sternchen gekennzeichnet; darauf folgt eine Vorstrophe, die das Wortmaterial der
vorangegangenen Schlußverse wiederholend aufnimmt. Diese Technik
korrespondiert mit der genauen Bedeutung des musikalischen Begriffs
“Engführung”, der – vereinfacht ausgedrückt –
eine möglichst gleichzeitige Zusammenführung von Themen im letzten
Teil der Fuge bezeichnet. Die typographische Anordnung drückt demnach die
“Fast-Gleichzeitigkeit” [248] mit
dem eigentlichen Beginn der folgenden Partie aus. Im vorliegenden Fall bewirkt
die Vorstrophe einen intensivierenden Nachhall, der nochmals an das
“radikale Herausfallen aus dem
Lebenszusammenhang” [249] gemahnt.
In dieser zweiten Partie meldet sich eine neue Stimme zu Wort; sie gibt in
Form eines erinnernden Rückblicks einen Bericht über die Geschehnisse
im “Gelände”. Im Gegensatz zur ersten Partie überwiegt
hier das Präteritum, der Bericht ist außerdem in der dritten Person
Plural gehalten. Die Paradoxien zu Beginn der ersten Versgruppe werden von
verschiedenen Interpreten unterschiedlich
aufgelöst. [250] Theo Buck meint:
“Die anonymen Toten liegen in der Tat und liegen auch nicht; denn
von ihren Leibern ist nichts mehr übrig geblieben. Die industriell
organisierten Massenmörder arbeiteten gründlich. Deswegen sind die
Namen der Opfer ebenso erloschen wie die Namen der meisten
Opferstätten.”[251]
Das “Etwas”, das zwischen ihnen lag, versteht Buck als das
Mordgeschehen, das selbst für die Opfer in seiner ganzen Tragweite
undurchschaubar blieb: “Sie / sahn nicht hindurch.” (21f.) Etwas
weniger überzeugend ist aber seine Interpretation der zweiten Versgruppe,
wenn er das “Reden von Worten” als “unangebrachtes Vertrauen
in tradierte humane Wertbegriffe” [252]
versteht.
Hier kann es sinnvoller sein, den “Ort” (auch) als einen Ort
der Differenz zu sehen, der Differenz im Innern des sprachlichen Zeichens. Auch
so lassen sich die Paradoxien auflösen: “Nicht zufällig ist
dieser Ort ein Gebiet, von dem nicht klar ist, ob es einen Namen hat oder
nicht, denn der Name wäre Mittel, um die Kluft zu
überbrücken.” [253] Jetzt wird
auch verständlich, daß – im Gebiet der Differenz –
“von / Worten” (24f.) geredet wird, nicht in Worten. Die
Worte sind nicht “lebendig”, sie sind nicht (zum Leben)
“erwacht”; so erfaßt der Schlaf auch die Sprechenden.
*
Kam, kam. Nirgends
30 fragt es –
Ich bins, ich,
ich lag zwischen euch, ich war
offen, war
hörbar, ich tickte euch zu, euer Atem
35 gehorchte, ich
bin es noch immer, ihr
schlaft ja.
In der dritten Partie spricht jenes “Etwas” selbst, Buck nennt
es eine “Anti-Stimme”, die geradezu “ichbesessen” kommt,
die das “schlechthin Bedrohliche, Tödliche” verkörpert und
deren Bekundungen einen “Triumphgesang des
Bösen” [254] darstellen. Damit
verknüpft ist das zentrale Motiv der
Zeitbombe [255] (“ich tickte euch
zu” [34]). Diese “Anti-Stimme” betont sowohl ihre
verbrecherische Vergangenheit als auch ihre sicht- und hörbare
Präsenz, trotzdem bleibt und blieb sie unbeachtet – deshalb ihr
ironisches “[...] ihr / schlaft ja.” (36f.) Die Bemerkung “ich
/ bin es noch immer” (35f.) weist außerdem in die Gegenwart, in der
das lebensfeindliche und inhumane “Etwas” immer noch wirksam ist.
Gleichzeitig spricht auch die semiologische Differenz (als
“Etwas”); die unüberbrückbare Distanz ist ebenso
verknüpft mit der Existenz der Bombe, die Differenz kontrolliert den
“Atem” (“euer Atem / gehorchte” [34f.]):
“‚Bombe‘ und ‚Atem‘ bewegen sich im Gleichklang;
unter diesen Voraussetzungen kann kein Wort im emphatischen Sinne Celans
entstehen.” [256]
Die Vorstrophe der vierten Partie betont nochmals die Fortdauer des
Bedrohlichen, Inhumanen: [257]
*
Bin es noch immer –
Jahre.
40 Jahre, Jahre, ein Finger
tastet hinab und hinan, tastet
umher:
Nahtstellen, fühlbar, hier
klafft es weit auseinander, hier
45 wuchs es wieder zusammen –
wer
deckte es zu?
Diese Versgruppe thematisiert die zwischen den Verbrechen und der
“untrüglichen Spur” (3) liegende Zeit – damit ist die
Zeitstruktur “offen [...] im Hinblick auf die jeweilige
Rezeptionsgegenwart des Lesers.” [258]
Der “hinab und hinan” (41) tastende “Finger” (40)
ermöglicht dem erinnernden Menschen, der ins “Gelände”
“verbracht” wurde, die “Jahre” (39) genauer zu
erkunden. [259] Der “Finger”
ertastet “Nahtstellen” (43), die sowohl Wunden sind, die eine
inhumane Vergangenheit angerichtet hat, als auch (vertikale) Risse und damit
Orte der Differenz. [260] Die Frage
“[...] wer / deckte es zu?” (45f.) versteht Buck folglich als die
“Frage nach den Urhebern des Verdrängungsprozesses und der damit
verweigerten
Trauerarbeit.” [261]
*
Deckte es
zu – wer?
Kam, kam.
50 Kam ein Wort, kam,
kam durch die Nacht,
wollt leuchten, wollt leuchten.
Asche.
Asche, Asche.
55 Nacht.
Nacht-und-Nacht. – Zum
Aug geh, zum feuchten.
Der Übergang zur fünften Partie läßt einen deutlichen
Wechsel der Stimme erkennen. [262] Buck deutet
das Kommen des Worts, das unstrittig positiv besetzt sei, als “wundersame
Begebenheit”; es sei das “Wort des Lebens” oder auch
“das von Celan proklamierte
‚Gegenwort‘” [263]. Die
gewählte Zeitform, Präteritum, verdeutlicht – verstärkt
durch die nachfolgende Versgruppe – das Scheitern des Worts an der
“Wirklichkeit”, an der “Blutspur der
Geschichte” [264].
Der zweite Abschnitt der fünften Partie ist dem ersten
entgegengesetzt; [265] Buck sieht in der
Opposition von “Wort” und “Asche” die
“Unvereinbarkeit von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit”, wobei
“die Reste der Ermordeten und tiefstes Dunkel [‚Nacht‘], [...]
das leider obsiegende Gegengewicht zum Wort
[bilden].” [266] Dieser Welt der Asche
und Nacht soll – in der Schlußwendung – “wenigstens die
tränenlösende Kraft des
Mit-Leidens” [267] entgegengesetzt
werden. Interessant ist hier der Reim “leuchten” –
“feuchten” nicht nur, weil Reime in Celans reifer Dichtung
Seltenheitswert haben, sondern auch, weil erst durch die Verbindung mit
“feucht” die (angestrebte) Leuchtkraft des Worts positiver Natur ist
– und so nicht zur Gruppe der negativ konnotierten
“Lichtkeile” (GWII, 268) zu zählen
ist. [268]
*
Zum
Aug geh,
60 zum feuchten –
Orkane.
Orkane, von je,
Partikelgestöber, das andre,
du
65 weißts ja, wir
lasens im Buche, war
Meinung.
War, war
Meinung. Wie
70 faßten wir uns
an – an mit
diesen
Händen?
Die sechste Partie bildet mit ihren 62 Versen ein Hauptstück der
“Engführung” (die Partien I-V umfassen zusammen 57 Verse, die
Partien VII-IX zusammen 52 Verse). Die neue Stimme spricht erstmals in der
ersten Person Plural (“wir”), zur dominierenden Zeitstufe wird das
Präteritum. Diese Partie spaltet die Interpreten in nahezu
gegensätzliche Lager: Während Buck “die mit der Atombombe
erfahrbar gewordene Möglichkeit einer Selbstvernichtung der
Menschheit” [269] thematisiert sieht,
bestimmt Szondi das Thema dieses Teils als “Erschaffung der Welt, ihre
Wiedererschaffung durch das Wort” [270],
A. Luther glaubt sogar, “daß die sechste Partie, als die sechs Tage
der Weltgeschichte, den Spannungsbogen von der Urgeschichte zur Vergangenheit
abschreitet, von den Orkanen am Anfang bis zum Tausendkristall als der Genesis
des schöpferischen
Erinnerungsprozesses” [271]. Hier soll
zunächst die Interpretation Bucks – in leicht revidierter Form
– vorgestellt werden, anschließend – in bescheidenerem
Maß – die von Leutner, die einige Gedanken Szondis aufgreift, aber
zu einer überzeugenderen Deutung gelangt.
Nach Buck übernimmt die Vorstrophe der sechsten Partie den Appell zum
Mitleiden im Sinne einer traurigen, betroffenen Anteilnahme an einem
Prozeß unerhörter
Destruktion. [272] Die erste Versgruppe
besteht aus zwei inhaltlichen Abschnitten; zunächst werden Extremformen der
Zerstörung genannt (“Orkane” [61],
“Partikelgestöber” [63]), anschließend ist die Rede von
idealistischen Illusionen. Während die “Orkane” leicht
erkennbar für verheerende, menschenvernichtende Naturgewalten stehen, ist
die Deutung des “Partikelgestöber[s]” problematischer. Celan
spielt hier auf einen Satz des Vorsokratikers Demokrit an: “Urgründe
des Alls sind die Atome und das Leere, alles andere ist nur schwankende
Meinung” [273]. Leutner bemerkt dazu
treffend: “Im an den Atomismus Demokrits erinnernden
‚Partikelgestöber‘ sieht Celan die ‚Auflösung des
lebendigen Zusammenhangs von Seiendem‘ (Janz) am Werk, den nach der Lehre
des Empedokles, der gegen Demokrit ausgespielt wird, die Liebe
stiftet.” [274] Deshalb kann Janz die
“Partikelgestöber” als “atomare
Orkane” [275] bezeichnen, die gemeinsam
mit den natürlichen Orkanen “das uns bedrohende historische und
ebenso das aktuelle
Vernichtungspotential” [276]
symbolisieren.
Im zweiten Teil der ersten Versgruppe steckt ein weiteres Zitat (“wir
/ lasens im Buche” [65f.]), diesmal aus Dantes “Divina
Commedia”: [277] “An jenem Tage
lasen wir nicht weiter.” [278] Buck
schreibt dazu: “Gemeinsames Lesen, gemeinsames Erfahren stiften eine Form
menschlicher Steigerung.” [279] Buck
will hier, ebenso wie Janz, autobiographische Bezüge herauslesen
können, was den “thematischen Akzent intensiver
Partnerschaft” [280] unterstreiche;
sicher aber verweist die Zwischenbemerkung “du / weißts ja”
(64f.) auf vertrauensvolle Verständigung. Damit bildet dieser zweite
Teilsatz eine Gegenkraft zu den Bedrohungen des
“Partikelgestöber[s]” (63). Warum Buck hier zusätzlich
eine “Einsicht in Wechselhaftigkeit und Relativität des Geredes der
öffentlichen
‚Meinung‘” [281]
thematisiert sieht, ist fraglich, wo doch die “Meinung” in
deutlicher Opposition zum “Partikelgestöber” steht (“das
andre, [...] war / Meinung” [63ff.]) und damit mit der Kraft des
menschlichen Zusammenhalts harmoniert.
Im zweiten Versabschnitt der sechsten Strophe glaubt Buck, der Autor
bekräftige nicht ohne “unterstreichendes Pathos [...] seine
Überzeugung, herrschende ‚Meinungen‘ als belanglos anzusehen
[...]. Celan konnte eben dem üblichen Kommunikationsverschnitt nichts
abgewinnen.” [282] Vielmehr scheint
Celan hier nochmals auf das Demokrit-Zitat anzuspielen, indem er –
keineswegs pathetisch, sondern eher in einem traurigen Ton – auf die dort
als nichtig bestimmte “Meinung” zurückkommt. Die Wiederholung
(“[...] war / Meinung. // War, war / Meinung.” [66ff.]) wirkt
Demokrits Satz durch die Betonung von “Meinung” deutlich entgegen;
er will nicht die Nichtigkeit und Belanglosigkeit der öffentlichen Meinung
betonen, sondern im Gegenteil den Wert der menschlichen “Meinung”
als individuellen Ausdruck (im Gegensatz zum
“Partikelgestöber”)
hervorheben. [283] So kann auch die folgende
Frage als ironische Replik auf Demokrits Satz verstanden werden: “Wie /
faßten wir uns / an – an mit / diesen / Händen?” (69ff.)
Natürlich sind die sich ergreifenden Hände “Zeichen liebender
Übereinstimmung” [284], die
Betonung von diese (ein Ein-Wort-Vers, ebenso wie “Meinung”
und “Händen”) – “[...] mit / diesen /
Händen?” (69ff., Hervorhebung vom Verfasser) – kann aber
auch darauf deuten, daß hier nicht nur von einer körperlichen
Berührung die Rede ist, sondern auch eine gedankliche oder geistige
Berührung der “Meinungen” gemeint ist. Das Fragezeichen betont,
daß eine solche (zweifellos mögliche) Berührung im Widerspruch
zu Demokrits Satz steht; das lyrische Subjekt fragt, wie denn eine solche
Berührung dennoch möglich war. Die Zeitstufe des Präteritums
bedeutet hier aber nicht, daß von Vergangenem gesprochen wird, sondern in
einer möglichen Zukunft von der Rezeptionsgegenwart des Lesers.
Nach Buck vermittelt die zweite Versgruppe der sechsten Partie eine
“Ahnung gelingender Liebe”, deren Andauern durch das Fragezeichen am
Ende in Zweifel gezogen wird. [285]
Es stand auch geschrieben, daß.
75 Wo? Wir
taten ein Schweigen darüber,
giftgestillt, groß,
ein
grünes
80 Schweigen, ein Kelchblatt,
es
hing ein Gedanke an Pflanzliches dran –
grün, ja,
hing, ja,
unter hämischem
85 Himmel.
An, ja,
Pflanzliches.
Den Wechsel von der zweiten zur dritten Versgruppe der sechsten Partie
kennzeichnet eine deutliche Zäsur in Form eines gedanklichen Sprunges. Es
folgt das Aufgreifen der biblischen Formel “Es steht geschrieben”,
die Celan aber vielsagend verändert:
“In der neutestamentlichen Fassung ist das, was ‚geschrieben
steht‘, das Wort Gottes. Hier im Text hingegen ist das, was
‚geschrieben [stand]‘ (V.74), hinfällig geworden und darum
nicht mehr benennbar. In seiner gewollten Dürftigkeit reproduziert das
Satzfragment das Ausmaß der vorgefallenen Katastrophe
[...].”[286]
Das nachgestellte Fragefürwort “wo” macht ergänzend
darauf aufmerksam, daß nicht einmal mehr festzustellen ist, wo
überhaupt etwas geschrieben stand. Die “Wir”-Perspektive sieht
Buck gänzlich verändert: Nunmehr ist das “Kollektiv der
zudeckenden [...] Mitwisser und der verdrängenden
Mitmacher” [287] gemeint, die “ein
Schweigen darüber [taten]” (76) – worüber erhellen erst
die nachfolgenden Verse genauer. Das Schweigen wird als “giftgestillt,
groß” (77) und “grün” beschrieben; Buck deutet das
als “Kennzeichen einer denaturierten
Natur” [288], der organische
Lebenszusammenhang ist zerstört. In dieser toten Landschaft ist das
exemplarisch herausgegriffene “Kelchblatt” (80) kein echtes
Kelchblatt mehr, es hängt nur noch “ein Gedanke an Pflanzliches
dran” (81).
Die beiden folgenden Versgruppen entbehren fast jeglicher Begrifflichkeit,
sie bestehen aus bloßen Reliktspuren der vorhergehenden Inhalte. Die Form
entspricht dem Inhalt: “Reduziertes Leben, reduzierte Verse, reduzierte
Sätze.” [289]
Ja.
Orkane, Par-
90 tikelgestöber, es
blieb
Zeit, blieb,
es beim Stein zu versuchen – er
war gastlich, er
fiel nicht ins Wort. Wie
95 gut wie es hatten:
Körnig,
körnig und faserig. Stengelig,
dicht;
traubig und strahlig; nierig,
100 plattig und
klumpig; locker, ver-
ästelt –: er, es
fiel nicht ins Wort, es
sprach,
105 sprach gerne zu trockenen Augen, eh es
sie schloß.
Sprach, sprach.
War, War.
Die anfängliche Bilanz des Restbestandes dient der Wiederaufnahme der
am Beginn der sechsten Partie eingeführten Symbolik des Destruktiven
(“Orkane” [61], “Partikelgestöber” [63]), die jetzt
dem reduzierten Ausdrucksgestus angepaßt wird
(“Par-/tikelgestöber” [89f.]). Diese Reduktion, die hier
erstmals den Wortkörper zerlegt, verdeutlicht den Verlust einer Sinn- und
Wertordnung unmittelbar auf der Ebene der lyrischen
Sprache. [290]
Die sechste Versgruppe der sechsten Partie thematisiert einen verzweifelten
Versuch der Existenzbewältigung, der paradoxerweise unter den Bedingungen
unbelebter Natur (“beim Stein” [92]) vor sich gehen
muß. [291] Daß dennoch nicht
direkt von Kommunikationsverlust, Isolation und Leid die Rede ist, erklärt
Buck damit, daß hier die “ironische Distanz des Autors auf einen
Höhepunkt” [292] getrieben werde:
“Wie / gut wir es hatten: [...].” (94f.)
Die nächste Versgruppe, in der die angebliche
“Gastlichkeit” des Steins in konkreten Bildern vorgeführt wird,
erweist sich als eine Aufzählung mineralogischer Formstrukturen. Die an
sich wertneutralen Strukturen erhalten durch die Reihung eine negative
Qualität; die Bedeutungslinie des “Partikelgestöber[s]”
(63) wird verlängert, außerdem glaubt Buck durch die “sonore
Wirkung der monoton gehäuften Endsilben” eine
“Klangironie” [293]
herauszuhören. Auffallend ist jedenfalls, daß Celan nur Strukturen
amorpher Mineralisation aufzählt, was Auflösung und Verfall
suggeriert.
Die zwei Personalpronomen “er, es” (102) nach Gedankenstrich
und Doppelpunkt gemahnen einerseits, daß von einem leblosen Stein, keiner
Person die Rede ist, andererseits wird so das Leitmotiv des
“Es” [294] wieder aufgenommen, dem
“Signal einer verdinglichten
Welt” [295]. Zwar fällt der
anorganische Stein “nicht ins Wort” (94), er kann aber “durch
die Vielfalt seiner
Erscheinungsformen” [296]
“trockene Augen” ansprechen, die – im Gegensatz zum Symbol des
“feuchten Auges” – negativ besetzt sind, da “unsere
Affekte dabei ausgeklammert” [297] sind.
Das Schließen der Augen deutet außerdem auf eine Nähe zur
Sphäre des Todes.
Die kurze achte Versgruppe dieser Partie hält resümierend die
Werte anorganischen Seins fest: “[...] sich mitzuteilen und zu
sein.” [298] Damit wird auch die
Beschränktheit des Seins ohne Bewußtsein angedeutet; das
rudimentäre Versgebilde erzeugt zusätzlich ein intensives
Vorstellungsfeld bloßen Seins.
Wir
ließen nicht locker, standen
110 inmitten, ein
Porenbau, und
es kam.
Kam auf uns zu, kam
hindurch, flickte
115 unsichtbar, flickte
an der letzten Membran,
und
die Welt, ein Tausendkristall,
schoß an, schoß an.
Die beiden letzten Versgruppen der sechsten Partie berichten zunächst
erneut von einem verzweifelten Versuch der Lebensbewahrung: “Wir /
ließen nicht locker, [...].” (108f.). “Wir [...] standen /
inmitten, [...]” (108ff.) betont die schwierigen Bedingungen dieses
Versuchs. [299] Der Begriff
“Porenbau” (111) hat im Lauf der Jahre unterschiedlichste
Interpretationen erfahren; [300] Buck
meint:
“Damit sind die Öffnungen oder Hohlräume in der
Körperwand gemeint, deren Porosität den Austausch [...] mit der
Außenwelt gewährleistet. Doch dringen durch die gleichen
Öffnungen auch gefährliche Stoffe, [...] in den subkutanen Bereich und
damit in den Körper. Für Opfer eines atomaren Schlages gilt das in
noch höherem Maß. Die Poren werden zum ‚Durchgang‘ des
Todes [...].”[301]
Laut Buck kündigt sich diesen Versen Bedrohliches an, die
Atmosphäre der Gewalt verdichtet sich. Durch das “Flicken”
“verliert der ‚Porenbau‘ seine Durchlässigkeit. Die Haut
kann nicht mehr atmen. Der Tod ist damit
unausweichlich.” [302] Parallel zum
“Partikelgestöber” (63) interpretiert er den
anschießenden “Tausendkristall” (118) als
Atombombenexplosion [303] und bestimmt
“Engführung” als “Gedicht über die generelle
Auslöschung des Humanen in der
Welt.” [304]
*
120 Schoß an, schoß
an.
Dann –
Nächte, entmischt. Kreise,
grün oder blau, rote
Quadrate: die
125 Welt setzt ihr Innerstes
ein
im Spiel mit den neuen
Stunden. – Kreise,
rot oder schwarz, helle
Quadrate, kein
130 Flugschatten,
kein
Meßtisch, keine
Rauchseele steigt und spielt mit.
Die Deutungen gehen auch bei dieser (siebten) Partie weit
auseinander; [305] Buck sieht hier das
Ergebnis der atomaren Explosion ins Bild gesetzt. Die “Nächte,
entmischt” (122) evozieren völlige Finsternis ohne jegliches Leben.
Es folgen “Informationen über das Funktionieren des apokalyptischen
Mordsystems” [306], indem von
“Zonen des Todes” (“Kreise” [122, 127],
“Quadrate” [124, 129]) gesprochen wird. Die Planungsstellen, die
diese Zonen festlegen, und der Vollzug ihrer Anweisungen hinterlassen keine
Spur: “[...] kein / Flugschatten, / kein / Meßtisch, [...].”
(129ff.) Im Vergleich zu “Todesfuge” erscheint das Sterben –
im Zeitalter der Atombombe – noch stärker entpersonalisiert:
“[...] keine / Rauchseele steigt und spielt mit.”
(132f.) [307]
*
Steigt und
135 spielt mit –
In der Eulenflucht, beim
versteinerten Aussatz,
bei
unsern geflohenen Händen, in
140 der jüngsten
Verwerfung,
überm
Kugelfang an
der verschütteten Mauer:
Ab der achten Partie geht es weniger um Berichte und Reflexionen angesichts
einer historisch erfahrenen Realität, als direkt um die erinnernde
Evokation der Stimmen der Opfer.
In der Vorstrophe offenbart sich erneut die bittere Ironie Celans:
Aktivität (“steigen”) und Leichtigkeit (“spielen”)
stehen in einem Kontext der Vernichtung.
Gleich in der ersten Versgruppe geht die Stimme an die Betroffenen
über; es ist die “Stimme der
Toten” [308], die konsequenterweise von
einer Todeslandschaft und den dortigen Opfern spricht. Zunächst wird eine
Lokalisierung vorgenommen, indem fünf Merkmale des Ortes genannt werden.
“Eulenflucht” (136) bedeutet einerseits
“Dämmerung” [309] (zeitliche
Bestimmung), andererseits bezeichnet sie ebenso die Stelle, wo die Eulen
auffliegen (örtliche Bestimmung). [310]
Der “versteinerte[] Aussatz” (137) bezeichnet die “zu toter
Substanz gewordenen Überreste der
Ermordeten” [311], die “geflohenen
Hände[]” (139) weisen auf einen verzweifelten, aber gescheiterten
Fluchtversuch, die “jüngste[] Verwerfung” (140), ein
geologischer Begriff für Erschütterungen und Katastrophen in der
Erdgeschichte, [312] meint hier die Schicht
aus Überresten der Opfer oder allgemein “die Schicht der perversen
Geschichte der
Menschenvernichtung” [313]. Der
“Kugelfang an / der verschütteten Mauer” (142f.) spielt auf
einen nachprüfbaren Sachverhalt an: “In den Lagern gab es für
die Erschießungskommandos einen speziell dafür angelegten
Platz”, ein Mauerstück mit “Kugelfang”. Es soll also
deutlich werden: “Wo einst Mörder [...] wüteten, steht heute nur
noch eine ‚verschüttete[]
Mauer‘.” [314]
sichtbar, aufs
145 neue: die
Rillen, die
Chöre, damals, die
Psalmen. Ho, ho-
sianna.
150 Also
stehen noch Tempel. Ein
Stern
hat wohl noch Licht.
Nichts,
155 nichts ist verloren.
Ho-
sianna.
In der Eulenflucht, hier,
die Gespräche, taggrau,
160 der Grundwasserspuren.
Die “Rillen” (146) bezeichnen “Spuren” in der
Landschaft, die, “sichtbar, aufs / neue” (144f.), wieder
wahrgenommen werden, und sind damit allgemein erkennbare
Indizien. [315] Äußerst stark
divergierende Deutungen existieren zu der zerstückelten hebräischen
Gebetsformel “Ho, ho-/sianna.” (148f.) Einige Interpreten verstehen
sie als Ausdruck triumphaler Überwindung, andere als eine Art
Verzweiflungshandlung. [316] Buck sieht hier
einen “Anflug des Integralen als Reaktion auf eine verzweifelte,
aussichtslose Lage”, eine “Gegenhaltung zum Fatalismus des
Sterbens” durch die sich die “Chöre” (147) und
“Psalmen” (148) zu einem “neuen Gesang menschlichen
Sichbehauptens über den Tod hinaus” verwandelten, ohne Hoffnung aber
auf ein Jenseits, ohne Bezug auf Gott, wodurch es sich in Wahrheit um
“Anti-Gesänge” [317] handle.
In der vierten Versgruppe der achten Partie drückt sich zwar Hoffnung aus
(“nichts ist verloren” [155]), ein skeptischer Unterton schwingt
jedoch mit (“noch” [151], “wohl noch” [153]).
Die “Gespräche, [...] / der Grundwasserspuren” (159f.) in
der letzten Versgruppe, die das Bild der “Eulenflucht” (158)
klammerartig wieder aufnimmt, deutet Buck als “düsteres
Schweigen”; die “Grundwasserspuren” versteht er als
“Zeichen des verschwundenen Lebenselements”, deren
“Gespräch” nur ein
“Nicht-Gespräch” [318] sein
könne. Deshalb glaubt er, die futuristische Komponente des Textes bestehe
darin, die Wichtigkeit zu betonen, daß “nicht allein unsere
Bewußtseinsbildung gefördert” werde, sondern auch
“Folgerungen für die gesellschaftliche Praxis gezogen
werden.” [319]
*
( – – taggrau,
der
Grundwasserspuren –
Verbracht
165 ins Gelände
mit
der untrüglichen
Spur:
Gras.
170 Gras,
auseinandergeschrieben.)
Da in der neunten und letzten Partie kein einziges neues Wort vorkommt (das
Textmaterial der ersten dreieinhalb Verse der “Engführung” wird
hier auf acht Verszeilen ausgebreitet), liegt es nahe, die Funktion dieser
Partie im erinnernden Rückbezug zu sehen. Gleichzeitig gewinnen die Worte
durch die veränderte Rhythmisierung (durch die Aufteilung auf mehrere
Verszeilen) ein größeres Gewicht, sie werden einprägsamer oder
– mit Buck –: “Der Stakkato-Text hämmert die Erinnerung
an das ‚Gelände mit der untrüglichen Spur‘ endgültig
ins Gedächtnis des Lesers.” [320]
Das Gedicht endet mit der Wiederaufnahme der ersten Verse aber nicht in einer
Kreisbewegung, da der Leser durch den Text auf ein höheres Erfahrungsniveau
gebracht worden ist; man kann eher von einer
“Spiralbewegung” [321] sprechen.
Angesichts des so veränderten Bewußtseins des Lesers kann die
Parenthese als “Zeichen der Verständigung mit dem
Adressaten” [322] verstanden werden.
Erst jetzt, am Ende des Gedichts, glaubt Buck das Adjektiv
“auseinandergeschrieben” auch auf den Schreibvorgang beziehen zu
können: “Durch die Erfahrung des Textes ist inzwischen wirklich das
Gras im Bewußtsein des Lesers wortwörtlich
‚auseinandergeschrieben‘
worden.” [323]
Als Intention von “Engführung” bestimmt Buck die Einsicht:
“Allein die Kenntnis der falschen Vergangenheit kann uns vor einer
falschen Zukunft bewahren
[...].” [324]
Gänzlich andere Wege geht die Interpretation von P. Leutner, die (mehr
als Buck) Rücksicht auf Celans Sprachauffassung nimmt und hier exemplarisch
für ähnliche Deutungsversuche stehen soll.
Ein entscheidender Unterschied zur Deutung Bucks liegt im völlig
anderen Verständnis der sechsten Partie. Das Scheitern des Worts in der
fünften Partie führt, wie auch Buck feststellt, zu einem Gefühl
der Trauer (“Zum / Aug geh, zum feuchten.” [56f.]), das in die
nächste Partie (als Vorstrophe) übernommen wird, wo anschließend
die Schrecken der historischen Ereignisse in Bildern der Auflösung
thematisiert werden. In der sechsten Partie wird aber auch die Ordnung der
semiologischen Differenz überwunden; zuerst durch die Auflösung in
vollständige Partikularisierung (“Partikelgestöber” [63]),
danach durch die Schaffung einer anderen Ordnung (“Tausendkristall”
[118]).
Das “Partikelgestöber” (wie den “Orkan” [61])
sieht Leutner wie Buck negativ konnotiert, es steht sowohl für die
Atombombenexplosion wie für die Folgen der Vernichtungslager. Der
atomistischen Dissoziierung im “Partikelgestöber” ist, nach
Leutner, das Bild des “Tausendkristall[s]” – anders als bei
Buck – entgegengesetzt. Der “Tausendkristall” symbolisiert
für sie die “heilsame Wiederherstellung der
Welt” [325].
Die sechste Partie bildet demnach eine geschlossene Einheit, in der
zunächst mehrere mißlingende Versuche, die historischen Ereignisse zu
bewältigen, dann die Ankunft des Worts benannt
wird. [326] Die Zufluchtsuche beim Stein
fungiert dabei (auch im Hinblick auf die Aufzählung unterschiedlicher
Kristallisationsweisen) als Zwischenstadium vor dem Entstehen des
“Tausendkristall[s]”, obwohl es im Bereich des “Steins”
“keine lebendigen Gefühle” und “keine aktive
Auseinandersetzung mit der Welt” [327]
geben kann.
In den beiden letzten Versgruppen der sechsten Partie wird
schließlich das “Kommen des
Worts” [328] thematisiert.
Leutner versteht den Ausdruck “Porenbau” (111) als Bezugnahme auf
das Verschließen von Wunden: “Das Wachsen von Haut wird angedeutet,
das Heilen der Risse, die die Ankunft des Worts verhindert
haben.” [329] Die mehrfache Verwendung
von “kam” verweist auf die fünfte Partie (“Kam, kam. /
Kam ein Wort, kam [...].” [49f.]); das “Flicken” zeigt an,
daß die Kluft der Differenz sich schließt. Das ankommende Wort
deutet Leutner als “göttliches Wort”, das mit der
“welterschaffende[n] Kraft des Urworts” und der
“Wirkung der göttlichen Namen” die “Restitution von Welt
und Sprache” [330] herbeiführen
kann. Wichtig ist auch, daß das Bild des “Tausendkristall[s]”
wie ein Trugbild erscheint, da in der Folge ein paradiesischer, ahistorischer
Zustand zum Ausdruck gebracht wird (“kein Flugschatten, / kein /
Meßtisch, keine / Rauchseele” [129ff.]). Möglicherweise macht
Celan hier ironisch darauf aufmerksam, daß “die Offenbarung von
jenen auf die Katastrophen verweisenden Dingen
schweigt.” [331]
Die in der sechsten Partie aufgelöste Ordnung der Differenz wird
später jedoch wieder hergestellt: “[...] sichtbar aufs / neue: die /
Rillen, [...].” (144ff.) Das Bild der “Spuren” wird wieder
aufgenommen, die Spuren sind aber verändert. Ein verschwommenes Grau
bestimmt die Szene (“Eulenflucht” [158] (Dämmerung),
“taggrau” [159], “Grundwasserspuren” [160]), es wird
nicht mehr “über Worte” gesprochen, vielmehr “werden
[jetzt] Worte gewechselt, die etwas von dem Schmutz der Massengräber, in
denen Grundwasser steht, an sich
haben.” [332] Die Erinnerungsarbeit ist
demnach erfolgreich verlaufen.
Gemäß dieser Deutung werden also im Gedicht zwei verschiedene
Ordnungen einander gegenübergestellt: eine Ordnung der Differenz
(“Gras, auseinandergeschrieben” [4]; “Etwas / lag zwischen
ihnen” [20f.]; “Nahtstellen” [43]; “Rillen” [146];
“Grundwasserspuren” [160]) und eine Ordnung der ungeteilten Ganzheit
(“kam hindurch” [113f.]; “flickte” [114];
“entmischt” [122]). Die zweite Ordnung findet im Bild einer totalen
Dissoziierung (“Orkane” [61]; “Partikelgestöber”
[63]) außerdem noch ein spezielles Gegenstück. Die Ordnung der
Differenz ist zu Beginn des Gedichts durch eine innere Spaltung gekennzeichnet,
gegen Ende durch “Mischungen” die sich – gemäß dem
Verständnis Menninghaus‘ – in Farbattributen und Lichtwerten
spiegeln (“Eulenflucht” [158]; “taggrau”
[159]). [333]
Bezeichnend für das Gedicht “Engführung” ist auch die
konsequente Anwendung der Mehrdeutigkeit der Sprache. Das “Gelände /
mit der untrüglichen Spur” (2f.) beispielsweise erfährt im
Verlauf des Textes verschiedene Bestimmungen, es handelt sich demnach um einen
“überdeterminierten
Signifikanten” [334]. Auch die
Verwendung von (teilweise neologischen) Komposita (“Flugschatten”
[130], “Rauchseele” [133]) stellt eine spezifische Form der
Mehrdeutigkeit dar, was schon Szondi zu dem Schluß brachte, daß es
bei der Analyse von Gedichten Celans “nicht weniger als bei
Mallarmé unangemessen ist, das Saussure’sche Modell des Zeichens
beizubehalten” [335]. Die
Überdeterminierung des Signifikanten stärkt die Funktion desselben,
wodurch sich das zeichenimmanente Verhältnis der Repräsentation
verschiebt; außerdem hält die Gleichzeitigkeit verschiedener
Bedeutungsmöglichkeiten die Bedeutung in
Schwebe. [336] Dadurch wird der Leser
animiert, spezielle Bedeutungsvarianten zu finden, die auch etwa von der Gestalt
der Signifikanten oder der graphischen Anordnung der Schrift wesentlich
beeinflußt werden.
Deshalb spricht Menninghaus auch davon, daß Celans Sprechen eine
“‚Grenzgängerei‘ zwischen ‚Bedeutungsflucht‘
(Auflösen der mit einem Wort verbundenen
Laut-Bedeutungs-Zuordnungserwartungen) und ‚Bedeutungsjagd‘
(schwimmendes ‚Zuhalten‘ auf neue und motivierte
Bedeutungswerte)” [337] betreibe.
Das “Gehen” ins “Gelände / mit der untrüglichen
Spur” (2f.) ist zunächst ein “Gang in die arbiträre
Differenz des Zeichens hinein. Es ist jedoch ein Gehen, das seine eigenen
Voraussetzungen im Zurücklegen der Wegstrecke zugleich transzendieren
will” [338] – damit ist es jener
“Weg der Kunst” (GWIII, 193), auf dem sich Dichtung freisetzen soll.
3.3. Vergleich der Gedichte “Todesfuge” und
“Engführung”
3.3.1. Inhaltlich
Nach den meist relativ autobiographischen Jugendgedichten wird das Thema
der Judenvernichtung in Celans Gedichten (oft weiterhin verknüpft mit
autobiographischen Elementen) bestimmend. Auch in “Todesfuge” ist
explizit von “Juden” (als den Opfern) und von
“Deutschland” (als Herkunftsland der Täter) die Rede, was die
Thematik deutlich festlegt. Das vierzehn Jahre später entstandene Gedicht
“Engführung” läßt sich ebenso als Text über die
Judenvernichtung im Deutschen Reich lesen, erfährt aber insofern eine
Ausweitung, als im Grunde jedes Verbrechen in der Geschichte (mit-)gemeint ist;
insbesondere lassen sich Hinweise darauf finden, daß auch von der Gefahr
eines atomaren Schlages, einer Atombombenexplosion gesprochen wird. Diese Art
der Mehrdeutigkeit bestimmt das Wesen aller späteren Gedichte Celans.
Außerdem läßt sich “Engführung” auch als
metapoetisches Gedicht lesen, in dem die Ordnung der semiologischen Differenz
(nach dem Zeichenmodell Saussures) einer Ordnung der ungeteilten Ganzheit
gegenübergestellt wird. Die Verknüpfung von Sprachproblematik und
historischer Erfahrung zieht sich durch das gesamte Spätwerk
Celans. [339]
3.3.2. Formale Aspekte und Sprache
Auf die Umsetzung des Fugenstils und der Technik der
Engführung in den Gedichten wurde schon in den jeweiligen
Interpretationen hingewiesen. “Todesfuge” verzichtet auf jegliche
Interpunktion, bedient sich eines konsequent umgesetzten parataktischen
Darstellungssystems und wiederholt und variiert – ganz dem musikalischen
Prinzip der Fuge entsprechend – Satzteile und ganze Teilsätze.
In “Engführung” sind sowohl Interpunktion als auch
Hypotaxe vorhanden. Allerdings präsentiert sich das Gedicht in einer
besonderen typographischen Gestalt und verzichtet auf ein einheitliches
lyrisches Subjekt (wie es noch in “Todesfuge” existierte
[“wir”]) zugunsten von neun verschiedenen, einander ablösenden
“Stimmen” [340]. Die neun Stimmen
verteilen sich auf neun Partien, die sich durch Vorstrophen, die Wortmaterial
aus der jeweils vorangegangenen Strophe wiederholen, überlappen. Adornos
Plan, den Weg des Bandes “Sprachgitter” von den
“Stimmen” zur “Engführung” “als musikalische
Gebilde zu erklären” fand Celan allerdings “eher
belustigend” [341].
Während in “Todesfuge” immer wieder bestimmte
Wortgruppen wiederholt werden, konzentriert sich
“Engführung” auf die Wiederholung einzelner Worte:
“Jahre. / Jahre, Jahre [...]”. Besonders deutlich wird das in der
fünften Partie:
“Kam, kam.
Kam ein Wort, kam,
kam durch die Nacht,
wollt leuchten, wollt leuchten.
Asche.
Asche, Asche.
Nacht.
Nacht-und-Nacht. – Zum
Aug geh, zum feuchten.”
Das bewirkt eine Konzentration auf das einzelne Wort, wodurch dessen
evokative Kraft und damit auch die Möglichkeit poetischer Erkenntnis
gesteigert wird. Wieder wird deutlich, daß “Engführung”
auf die Auslösung kreativer Impulse zielt.
Eine andere Funktion haben freilich die
Wiederholungen [342] in den jeweiligen
Vorstrophen. Sie dienen dazu, die Übergänge zwischen den Partien zu
verwischen; es soll – in deutlicher Anlehnung an die musikalische Technik
der Engführung – eine
“Fast-Gleichzeitigkeit” [343] von
Ende der vorangegangenen und Beginn der neuen Strophe (= Stimme)
ausgedrückt werden, was durch die typographische Anordnung der Vorstrophen
noch verstärkt wird.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist, daß sich in beiden Gedichten
Reime finden lassen. In “Todesfuge” heißt es:
“der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist
blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau”
(30f.)
Hier wird über die phonologische Ebene eine Identität angestrebt.
Der Reim dient nicht zur Beschönigung, in ihm vollzieht vielmehr
sprachmimetisch der Vorgang des
Tötens. [344]
In “Engführung” reimen im letzten Teil der sechsten Partie
“kam”, “Membran” und “schoß an”, sowie
in der fünften Partie “leuchten” und “feuchten”.
Interessant ist, daß es in einer Vorstufe der fünften Partie noch
heißt:
“Es kam ein Wort, kam durch die Nacht,
wollt leuchten, wollt leuchten.
– Was Asche ist {,} ward, bleibt
unentfacht, { – }
Zum Aug geh, zum
feuchten!”[345]
In einer überarbeiteten Fassung enden die Verse 1 und 3 beide auf
“Nacht”, bis in der Endversion das Wortmaterial auf zwei Strophen
und neun Verse ausgedehnt wird und nur mehr “leuchten” und
“feuchten” als erkennbarer Reim übrig bleiben, als einzige
Verbindungslinie zweier gegensätzlicher Versgruppen.
Neologismen, die in Form von Komposita für die
spätere Lyrik Celans kennzeichnend werden, finden sich in
“Todesfuge” keine. In “Engführung” lassen sich
hingegen durchaus einige ausfindig machen, etwa
“Partikelgestöber”, “Porenbau”,
“Tausendkristall” oder “Rauchseele”. Schon Szondi machte
auf die Mehrdeutigkeit dieser Komposita aufmerksam, in der er eine
zusätzliche Steigerung der syntaktischen Ambiguität Mallarmés
sah. [346] Ab dem Band “Die
Niemandsrose” lassen sich bei Celan vermehrt mehrteilige Nominalkomposita
finden, [347] “Engführung”
markiert etwa den Wendepunkt.
Auch typische Schlüsselworte Celans finden sich in
“Todesfuge” nur wenige (“Stern”, “Auge”),
verglichen mit “Engführung” (“Asche”,
“Nacht”, “Schlaf”, “Stein”,
“Wort” etc.).
Hinsichtlich der Technik der Wortdestruktion bildet
“Engführung” wieder einen Wendepunkt im Gesamtwerk Celans. In
“Todesfuge” und den früheren Gedichten ist noch kein
Wortzerfall bemerkbar, mit “Engführung” aber etwa beginnend
wird diese Technik zunehmend bedeutender (besonders in “Die
Niemandsrose”). Die Wortzerlegung durch Enjambements wird in
“Engführung” ab der sechsten Partie angewendet:
“Par-/tikelgestöber”, “ver-/ästelt”,
“Ho-/sianna”. Aus den isolierten Gliedern einfacher Worte
können so neue poetische Vokabeln entstehen, wie z.B. im Gedicht “. .
. rauscht der Brunnen”: [348] “mit
den Men, mit den Schen, mit den Menschen, [...]” (GWI, 237) oder in
“Engführung” die Abspaltung der Vorsilbe “Ho” des
Wortes “Hosianna” und ihre Wiederholung (“Ho, ho”).
Durch Silbentrennung kann aber auch im einzelnen Wort eine mimetische Energie
freigesetzt werden. [349]
Dieses Stammeln und
“Lallen” [350], das besonders im
Band “Die Niemandsrose” mehrfach auftritt, kann auch als Ausdruck
einer zum Problem gewordenen Spaltung zwischen Sinn und Gestalt der Worte
verstanden werden, da es als Beschreibung des modernen dichterischen Sprechens
auftritt. [351]
Der Trend zu immer kürzeren, fragmentierten Versen im Gesamtwerk
Celans läßt sich an den beiden besprochenen Gedichten exemplarisch
ablesen. So beträgt die durchschnittliche Wortanzahl pro Verszeile in
“Todesfuge” 10,3, in “Engführung” 2,8.
Außerdem erhält die typographische Gestalt der Gedichte
eine zunehmend größere Bedeutung. In “Engführung”
hat die besondere Anordnung der Vorstrophen ihre Funktion im Nachbilden einer
Eigenheit der musikalischen Engführung der
Fuge. [352] Auch die graphische Gestaltung der
Texte kann eine spezifische Form der Motivierung der Sprache sein, indem die
Bedeutungen durch die Anordnung der Schrift visuell erfahrbar gemacht
werden [353] (Celan setzt diese Form der
Motivierung hauptsächlich in den Gedichtbänden
“Atemwende”, “Fadensonnen” und “Lichtzwang”
ein). [354]
3.3.3. Zitate
“Goethes gesammelte Werke
sackhüpfen über den
Strand”[355]
Sowohl “Todesfuge” als auch “Engführung”
enthalten Zitate und Anspielungen auf andere Texte. Schneider gab schon 1974 an,
daß bei einem Durchschnitt von ca. 60 Gedichten pro Band der Anteil
eindeutig fundierbarer Zitate 8-10 Stück betrage, also über
10%. [356] Die Frage, von welcher Bedeutung
die Kenntnis dieser Textbezüge ist, führte zu einer breiten Diskussion
in der Celan-Philologie. [357] Menninghaus
kritisiert die Sucht, immer mehr Zitate und Anspielungen in Celans Gedichten
aufzuspüren, ohne dabei über die Berechtigung oder Angemessenheit
dieser Interpretationsmethode theoretisch Rechenschaft zu
geben. [358] Schon Szondi trennt bewußt
Sachkommentar (biographisch-historische Anspielungen) und Interpretation und
fragt, ob die gefundenen Anspielungen und Zitate überhaupt relevant
für Lektüre und Interpretation
sind. [359]
Allgemein können zwei Gruppen von Zitaten unterschieden werden; von
Celan markierte und ungekennzeichnete (in “Todesfuge” und
“Engführung” handelt es sich ausschließlich um
unmarkierte). Wenn ein Leser aber alle versteckten Referenzen kennen sollte, um
Leser sein zu können, dann wäre Celans Dichtung ein
“aleatorisches Versteckspiel mit und für gelehrte
Leser” [360]. Gadamer wendet sich schon
früh vehement gegen diese Auffassung, er sieht Celans “Dichtung nicht
als gelehrtes Kryptogramm für
Gelehrte” [361] und verzichtet in seinen
Interpretationen auf “jede Information besonderer Art”. Menninghaus
meint sogar, daß das “Finderglück des Philologen eher
‚Pech‘ für das Gedicht sein
kann” [362].
Verständlich scheint seine Forderung, die Celan-Forschung müsse
begründen können, “welchen poetischen ‚Sinn‘ es
macht, Dichtung auf einer super-enzyklopädischen Kenntnis
verschiedenartigster, versprengter und zumeist unmarkierter Anspielungen zu
fundieren” [363]. Er stellt fest,
daß Celan die Deutlichkeit von Verweisen im Prozeß des Arbeitens an
den Gedichten zunehmend getilgt hat und fragt nach dem Grund
dafür:
“[...] vielleicht ist es gerade das Geheimnis des Gedichts,
daß es mögliche Anstöße seines Werdens im Bestand seines
Daseins so sich assimiliert hat, daß der Weg zurück nur um den Preis
der Dichtung selbst beschritten werden kann. Denn die Vorstellung eines
decodierenden Zurück zu den vermeintlich kodierten Anlässen und
Anspielungen [...] nivelliert Werk wie Lektüre auf ein Rätselspiel von
Codierung und Decodierung, [...] die beide nur unter der Celan-fremden
Voraussetzung reiner Eigentlichkeit (Präsenz) funktionieren und auf ein
heute kaum noch vertretbares ‚Konzept‘ von Sprache und Dichtung
zurückfallen.”[364]
Deshalb verweist Menninghaus darauf, daß eine gefundene Anspielung
geradezu kontraproduktiv sein könne und stellt dem ein “produktives
Nicht-Wissen” entgegen: “Nicht-Wissen meint dabei keine
Voraussetzungslosigkeit der Lektüre, kein Nichts-Wissen, sondern
eine Differenz zum Setzen auf ‚Entschlüsselung‘ durch
abstrakt-singuläres
Fakten- Wissen.” [365]
In den vorliegenden Interpretationen der Gedichte “Todesfuge”
und “Engführung” wurde dennoch auf einige Zitate hingewiesen,
da sie manche Stellen erst (wenn schon nicht aufschlüsselbar, so doch)
zugänglicher machen – freilich auf die Gefahr hin, daß die
betroffene Textstelle “jene Unbestimmtheitsvaleurs, die es im Spiel des
Textes vielleicht gerade haben
soll” [366], verliert – diese
Gefahr geht aber jede Interpretation in gewissem Maß ein.
Eine positivere Haltung gegenüber dem Auffinden neuer Zitate nimmt L.
Koelle ein, die – ganz im Gegensatz zu Menninghaus, der gegen die Ansicht
polemisiert, Celans Gedichte zögen den Leser durch das Auffinden der Zitate
“in einen Prozeß bildender Aneignung
hinein” [367] – Celans Auswahl der
zitierten Texte, Daten und Orte als “Curricula der Gegen-Worte und
-Zeichen” [368] schätzt.
Eine mögliche Begründung für Celans
“Anspielungswut” [369] gibt O.
Lorenz, wenn er – insbesondere bezüglich “Todesfuge”
– vermutet, “daß Celans offenkundiger Eklektizismus motiviert
sein könnte durch den Verzicht auf ein selbstverantwortetes Reden. Nur in
den – zu einzigartigen Kunstwerken gefügten – Worten anderer
hat er vom Nazi-Terror sprechen können und wohl auch wollen, und er hat
damit bereits die Unmöglichkeit einer Rede über das Leid der Juden
angezeigt.” [370] Für wie bedeutsam
Lorenz die “Frage der Intertextualität” hält, zeigt seine
Interpretation von “Engführung”, in der er zu dem Schluß
kommt, “daß Celans Gedicht nur eine ‚Engführung‘
von Zitaten und Allusionen” [371] sei.
3.3.4. Semantik
Problematik der Methode der Wortkonkordanz bei Celan
Oft wird versucht, mit Hilfe der Methode der Wortkonkordanz Gedichte Celans
zu interpretieren; dieses Vorgehen setzt aber die Existenz eines in sich
geschlossenen hieroglyphischen Zeichensystems in seiner Lyrik
voraus. [372] Obwohl eine auffallend
häufige Verwendung bestimmter, relativ weniger Leitwörter festgestellt
werden kann, zeigt sich aber, daß Celan seine Kernmetaphern eben gerade
“nicht in einer konstanten Bedeutung [gebraucht]; als
‚ Übersetzungen ohne Originale‘ führen sie vielmehr
ein dynamisches Eigenleben im Text und bilden lediglich einen
Verweiszusammenhang
untereinander.” [373] Wenn also in zwei
verschiedenen Gedichten vom Augenmotiv die Rede ist, muß es doch nicht
dasselbe bedeuten. Mit seiner radikalen Deutung von
“Engführung” wollte schon Szondi zeigen, daß es nicht um
den Sinn der Worte geht, sondern nur um ihre Funktion im Gesamtkontext des
Gedichts. [374] So soll auch – nach
einem Bericht Gadamers – Celan bei “Leuten, die beim Interpretieren
eines seiner Gedichte vom ‚lyrischen Ich‘ redeten” mahnend
gesagt haben: “Aber nicht wahr, das lyrische Ich dieses
Gedichts!” [375]
Es drängt sich also die Frage auf, welcher Art und Reichweite der
Versuch sein kann, “mit einem Anspruch auf relative Allgemeinheit einige
Elemente des semantischen Bewegungsraums von Celans Sprechen zu
bestimmen” [376]. Eine solche
Allgemeinbestimmung kann jedenfalls unmöglich die individuelle Semantik
eines Gedichts erschöpfen, auch ist sie das “Schalere” im
Vergleich zu dieser; sie schärft aber gerade deshalb zugleich den
“Blick für den von Celan in jedem einzelnen Gedicht
zurückgelegten
‚Weg‘.” [377] Menninghaus
sucht folglich nach Elementen von Celans Sprechen, an denen sich die
generierenden “Uhrfedern” seines semantischen Bewegungsraumes so
transparent machen lassen, “daß die Alternative einer unendlichen
additiven Rekonstruktion der Semantik aller einzelnen Gedichte und einer
schlecht summarischen, von Sprachgestalt und Wortbestand abgehobenen
Durchschnittsbestimmung methodisch sinnvoll unterlaufen werden kann
[...].” [378] Er findet sie in stark
betonten, in auffälliger Kontinuität gesetzten leitwortähnlichen
“Topoi”. [379]
Jetzt stellt sich aber erst recht die Frage, ob identische Worte, die sogar
überwiegend in ähnlichen Kontexten begegnen, als sich gegenseitig
erhellende Parallelstellen gelesen werden dürfen, oder ob darauf verzichtet
werden muß, um die Singularität der Gedichte zu wahren. Einzeln
angewendet erweisen sich beide interpretative Verhaltensweisen als unbrauchbar.
Eine Verabsolutierung der Gedichtimmanenz etwa wird dem Umstand nicht gerecht,
daß bei Celan eine “intertextuelle Kommunikation der Gedichte oft
integraler Bestandteil ihrer Intra-Kommunikation
ist.” [380] Am deutlichsten zeigt sich
das im zitierenden Erinnern fremder Autoren oder Theoreme – oder auch
eigener Verse. [381] Die häufig
verwendeten leitwortähnlichen Topoi stiften ebenso einen intertextuellen
Zusammenhang von Bezügen, was letztlich eine Verankerung des einzelnen
Gedichts im Kontext aller Gedichte bewirkt. Diese
“Konsistenzbildung” durch ein “Ineinanderspielen von Inter-
und Intrakommunikation der Gedichte” geschieht jedoch “keineswegs in
der Form eines rekurrenten Übernehmens einmal fertiger
‚Chiffren‘. Vielmehr baut jedes Gedicht [...] die Evokationskraft
der identischen Worte jedesmal aufs neue und jedesmal auch anders
auf.” [382] Das bedeutet also:
“[...] die intertextuelle Konsistenz ist auch bei den identischen,
leitmotivähnlichen Worten keine additive oder gar deduktive, sondern
allenfalls eine diskontinuierlich
konstruktive.”[383]
Eine Interpretation muß also auf ein “übersetzendes
Fixieren von (vermeintlichen) Bedeutungen” verzichten, es ist aber
durchaus methodisch zulässig, “die dem Wortlaut wie dem Kontext nach
parallelen ‚Chiffren‘ auf die ihnen konfigurativ gemeinsame
‚Richtung‘ transparent zu
machen.” [384]
Ebendies soll an einigen Begriffen aus den Gedichten
“Todesfuge” und “Engführung” im folgenden versucht
werden.
In “Todesfuge” werden Farben primär dazu verwendet,
Kontraste herzustellen: “dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar
Sulamith”. Auch in der Zentralmetapher “Schwarze
Milch” [386] werden schwarz und
weiß einander gegenübergestellt. Dieser Schwarz-weiß-Kontrast
läßt sich auch am Beginn von “Engführung”
feststellen, wo der dunkle “Schatten der Halme” auf die
ausdrücklich weißen “Steine” fällt, was auch ohne
den Zusatz “Gras, auseinandergeschrieben” eine metapoetische
Bedeutungsebene des Gedichts
eröffnet. [387] In
“Todesfuge” hingegen fehlt noch die Dimension der Sprachreflexion,
Farben stützen hier den Kontrast zwischen der grauen (“aschenes
Haar”) bzw. schwarz-weißen (“Schwarze Milch”) Welt der
Juden und der vergleichsweise bunten, farbigen Welt der Deutschen (goldenes
Haar, blaue Augen). [388] Das Wort
“Asche” erscheint in “Engführung” losgelöst
von seinem Gegenstück “Gold” in Verbindung mit dem
“Wort” (GWI, 199) wie in vielen weiteren Gedichten Celans auch (GWI,
227; GWII, 158, 236 etc.). “Gold” bleibt aber als negativer Gegenpol
erhalten, wenn auch nur in wenigen Gedichten erneut eine direkte
Gegenüberstellung erfolgt (z.B. GWI, 227; GWII, 100):
“Boshaft wie goldene Rede [...]” (GWI, 35)
“Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife.
Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.” (GWIII, 40)
“FLüSSIGES GOLD, in den Erd-
wunden erkennbar,
[...]”[389]
Die Negativität der Farbe Gold in sprachreflexiven Kontexten belegen
Formulierungen wie “getriebene[s] Gold[]” und “klaffende[s]
Gold[]” (GWI, 110), die eine Verwandtschaft mit grellen Lichtmetaphern
(“Lichtkeile” [GWII, 268]) nahelegen, indem sie auf die
semiologische Differenz verweisen.
Der “Schatten der Halme”
Schon im Band “Mohn und Gedächtnis” werden Naturbegriffe
immer wieder in Zusammenhang mit dem Wort “Wort”
gebracht: [390] “AUS Herzen und Hirnen /
sprießen die Halme der Nacht, / und ein Wort, von Sensen gesprochen, /
neigt sie ins Leben.” (GWI, 70) Auch die Verwandtschaft der
“Hand”, die bei Celan häufig das “Gedicht” selbst
symbolisiert, [391] mit Halmen und
Gräsern (“EINIGES HAND-/äHNLICHE, finster, / kam mit den
Gräsern: [...]” [GWI, 236]) stützt diesen Zusammenhang. Verse
wie “deiner Hände laubgrüner Schatten” (GWII, 274)
drängen diese Bereiche auf engsten Raum zusammen und bekräftigen noch
die sprachreflexive Bedeutungsebene des Schattens. Bucks Interpretation, Celan
evoziere in “Engführung” nur “konkrete Gräser,
konkrete Steine und konkrete Halme [...] als Elemente einer realen
Landschaft” [392] scheint damit
fragwürdiger als zuvor.
Der “Stern”
Der “Stern” wird nicht nur zweimal in
“Engführung” genannt, sondern auch schon in
“Todesfuge”. Während es dort aber heißt “und es
blitzen die Sterne”, so braucht in “Engführung”
zunächst “die Nacht / [...] keine Sterne”, bis es gegen Ende
wieder hoffnungsvoller heißt: “[...] Ein / Stern / hat wohl noch
Licht.” In “Todesfuge” ist der “Stern” Teil eines
Zitats aus Puccinis “Tosca”, Felstiner will auch einen Anklang an
Hitlers “Blitzkrieg”
heraushören. [393] In
“Engführung” hingegen hat der “Stern” bereits eine
komplexere Bedeutung angenommen, er steht durch sein mild aus der Ferne
scheinendes Licht sowohl in Verbindung mit dem positiven Pol von Celans
sprachreflexiver Optik, als auch mit der sprachutopischen
“Nacht”-Metaphorik. [394] Die
“Sprache” selbst wird definiert als “Mitstern”:
“Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.” (GWI,
269) [395] An anderer Stelle steht der
“Stern” auch für individuelles Schicksal oder die Seele des
Einzelnen (“[...] in deiner Halsgrube lernt / mein Stern, wie man wegsackt
/ und wahr wird, [...]” [GWIII, 90]), er erinnert in bestimmten Kontexten
auch an den “Judenstern”, wenn es etwa heißt: “[...]
sechsbeinig / hockt unser Stern im Schaum, [...]” (GWIII, 72).
Der “Tausendkristall”
Der Begriff “Tausendkristall” spaltet die Interpreten von
“Engführung” in nahezu gegensätzliche Lager. Buck versteht
ihn als “explodierende[n]
Neologismus” [396] für eine
Atombombenexplosion; für Leutner symbolisiert er die “heilsame
Wiederherstellung der Welt” [397].
Allein das Wort “Kristall” erfährt widersprüchliche
Deutungen von verschiedenen Interpreten. P.H. Neumann betrachtet das Motiv des
“Kristalls” im Zusammenhang mit den Begriffen “Schnee”
und “Eis” als Chiffre der Sprachlosigkeit und des
Schweigens. [398] G. Kaiser schreibt zum
Gedicht “Weggebeizt” (GWII, 31), in dem ein “Weg durch den
menschen-/gestaltigen Schnee, den Büßerschnee, zu / den gastlichen
Gletscherstuben und -tischen” benannt wird, der letztlich zum
“Atemkristall” führt:
“Der Weg, den diese Sprache auswirbelt, führt noch nicht
einmal ins ewige Eis der Gletscher, er führt in die tote Abstraktion der
Fachsprache der Glazialwissenschaft, [...]. Der Mensch ist nur noch als
gefrorene Erinnerung in dieser menschenleeren Sphäre anwesend, als
menschengestaltiger Büßerschnee. [...] Auch die Sprache, die hierher
reicht, gefriert zum ‚Atemkristall‘, einem
‚unumstößlichen Zeugnis‘, das zum Antipoden des
wortverwandten Zeugens geworden
ist.”[399]
Im Gegensatz dazu sehen H.G. Gadamer und C. Jamme diesen “Weg”
als einen “Weg der Reinigung des
Wortes” [400], der allerdings “auf
Kosten der lebendigen Sprache” zurückgelegt wird. Die Genauigkeit der
neuen Sprache “resultiert aus einer Erstarrung der lebendigen
Formen”, weshalb es sich um eine bestimmte “Art von Sprachlosigkeit,
von Schweigen” [401] handelt. Jamme
sieht deshalb die Doppeldeutigkeit der Sprache im Wort “Kristall”
aufbewahrt: “Sprache einmal als ‚versteinertes‘ Gespräch,
als Unwahres, zum andern als neue, wahre Sprache:
Schweigen.” [402] Auch Menninghaus
erkennt eine “selbstpräsente[]
Objektivität” [403] der Sprache,
die “von den Gletschern [kommt]” (GWIII, 170). Er deutet das als
positives “Für-sich-sein der ‚Sprache‘ jenseits der
semiologischen Differenz von Signifikant und
Signifikat” [404]. Ein solches
Verständnis des “Kristalls” und damit auch des
“Tausendkristall[s]” in “Engführung” stützt
die Interpretation Leutners im selben Maß, wie sie die Deutung Bucks
schwächt.
4. REZEPTION UND LITERATURKRITIK
Dieser Abschnitt soll nicht zuletzt auch erhellen, warum sich Celans
sprachlicher Ausdruck derart verändert hat, wie es im Vergleich der
Gedichte “Todesfuge” und “Engführung” deutlich
geworden ist, indem die Rezeptionsgeschichte der beiden Gedichte kurz
nachgezeichnet wird.
Die Präsenz von Versen Celans in Form von Zitaten in den Werken von
Gegenwartsautoren kann hier nur angedeutet werden. So ist ein längerer
Abschnitt in Ingeborg Bachmanns “Malina” (1971) durchdrungen von
vielen direkten und indirekten Zitaten aus Celans “Der Sand aus den
Urnen”, [405] aber auch etwa Herta
Müllers “Überall, wo man den Tod gesehen hat. Eine Sommerreise
in die Maramuresch” [406] (1987),
Elfriede Jelineks “Stecken, Stab und Stangl” (1997), Bettina
Galvagnis “Melancholia” (1997) oder Petra Nagenkögels
“FREMDGÄNGE und nach spuren die suche” (in: Die Rampe, 1/97)
greifen Celansche Verse auf.
4.1. “Todesfuge”
1952 besucht Celan ein Treffen der Gruppe 47, auf dem er einige seiner
Gedichte, darunter “Todesfuge”, vorliest. Trotz der eher ablehnenden
Grundhaltung der Gruppe 47 – einer befindet, Celan habe “in einem
Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge”, ein anderer glaubt in seinem
Vortrag den “Tonfall von
Goebbels” [407] zu erkennen –
nimmt ihn ein Verleger unter Vertrag. Als im Dezember 1952 “Mohn und
Gedächtnis” erscheint, wird “Todesfuge” einem
größeren Publikum zugänglich. Kaum eine Rezension aber wird den
Gedichten gerecht; Celan muß über seine Dichtung lesen, sie sei
“poésie pure, zaubrische Montage”, sie habe
“französischen Schmelz und die Pracht des Balkans, die
Suggestivität des Chansons und die Modulationen der Schwermut. Sie lebt
ganz aus der Metapher, aus Bild und Inbild –: die Wirklichkeit wird in die
Geheimschrift der Poesie
transponiert!” [408] Auch
“Todesfuge” bleibt von derartigen Interpretationen nicht verschont,
es gefällt der “Abhub alles Gegenständlichen, der saugende
Rhythmus, die romantisierende Metapher, die lyrische Alchimie”, was zu dem
fatalen Schluß führt: “Celans Gedicht ist ohne alle
Absichtlichkeit. Es will nichts sein als Hauch, Laut, Lichtfigur, leicht und
fast sangbar.” [409]
Berechtigt ist aber Reinhard Baumgarts 1965 formulierte Frage, die auf das
moralisch-ästhetische Problem aller Lyrik über Auschwitz hinweist:
“Celans Todesfuge [...] und ihre Motive, die schwarze Milch der
Frühe, der Tod mit der Violine, ein Meister aus Deutschland,
alles das durchkomponiert in raffinierter Partitur – bewies es nicht schon
zuviel Genuß an Kunst, an der durch sie wieder ‚schön‘
gewordenen Verzweiflung?” [410] Auf
diesen Vorwurf der Verharmlosung antwortet Walter Müller-Seidel:
“[...] ein Gedicht – auch ein modernes – kann gar nicht
schön genug sein, wenn es nur nichts beschönigt. Von jeder
Beschönigung aber ist Celans Todesfuge [...] so weit entfernt wie nur eines
[...].” [411] Von einer
“Schönheit” der Gedichte Celans zu sprechen, bedeutet aber, dem
Autor zu widersprechen, der von seiner Sprache sagt: “[...] sie
mißtraut dem ‚Schönen‘, sie versucht, wahr zu
sein.” (GWIII, 167) Theo Buck antwortet deshalb Walter Müller-Seidel:
“Wer die ‚Todesfuge‘ ‚schön‘ findet, hat sie
nicht verstanden.” [412] P.H. Neumann
weist außerdem darauf hin, wie sich in “Todesfuge”
Kunst und Grauen durchdringen: “[...] mit befohlenem Wohlklang, Fideln und
Tanzen [...] müssen die Ausgelöschten ihre Erniedrigung als
schönes Fest begehen; sie werden exekutiert, indem sie Schönheit
exekutieren.” [413] Damit spricht
“Todesfuge” doch einen “Genuß an Kunst” an:
“Wessen Kunstgenuß? Den sadistischen eines ‚Meisters aus
Deutschland‘. Hier wird kein geschichtliches Grauen beschönigt.
Vielmehr werden das historisch Schöne, die Kunst der Fuge und Celans
Gedicht in eins gesetzt mit dem Grauen: nicht als Schönheit des
Grauens, sondern als ein Greuel der
Schönheit.” [414]
Die Rezeption der “Todesfuge” in den fünfziger und
sechziger Jahren ignoriert diese Aspekte aber weitgehend. Celan gerät
gegenüber dem Ausdrucksgestus seiner Verse schließlich selbst in
ästhetische Zweifel. Dennoch ist es falsch zu behaupten, Celan habe sich
explizit von “Todesfuge”
distanziert. [415] Er faßt allerdings in
der Folgezeit seine ästhetischen und poetologischen Prinzipien noch enger
und schärfer. Ein Bericht über “Todesfuge” als
Unterrichtsthema in höheren
Schulen, [416] der 1957 erscheint und in der
Interpretation des Gedichts davon ausgeht, daß das dargestellte Leid auf
eine höhere Ebene der Kunst erhoben und damit objektiviert werde, wird so
zum Anlaß für die Entstehung von “Engführung”.
Es verwundert folglich auch nicht, daß Celan “Todesfuge”
schließlich nicht mehr öffentlich vorträgt und die Aufnahme des
Gedichts in Schulbücher verbieten lassen möchte: “Das Gedicht
sollte nicht zum billigen Alibi für fehlende eigene Bemühungen um
Herkunft und Vergangenheit
werden.” [417] Er kann sein Gedicht aber
kaum vor Gebrauch und Mißbrauch schützen; es wird – von
unzähligen Interpretationen “lesebuchreif
gedroschen” [418] – in etlichen
Anthologien abgedruckt, wird mehrere Male
vertont [419] und lebt in Israel als
“Nationalhymne der toten und überlebenden Opfer der
Shoa” [420] fort.
Aber auch in den neunziger Jahren gibt es noch neue Kritik an
“Todesfuge”. Gert Mattenklott verweist auf eine “plakative
Wirkung” des Textes in Gestalt des “Appell[s] an eine Reihe
deutscher Stereotypen” und kommt zu dem Schluß: “Die
Assoziationen Celans stilisieren und dämonisieren die Shoa zu einem
Ereignis der deutschen Kulturgeschichte klassisch-romantischer
Prägung.” [421] Er kritisiert die
“Denunziation einer gewissen deutschen Tradition, die von den Nazis als
ihr Erbe in Anspruch genommen worden
ist” [422]. Daß das
“Szenario deutscher Mythologie” unversehens “mit der
‚Endlösung‘ in symbolische Koinzidenz
gerät” [423] ist zwar sicherlich
richtig, allerdings will Celan mit “Todesfuge” keineswegs generell
eine “gewisse[] deutsche[] Tradition” denunzieren, die sich die
Nazis “als ihr Erbe” angemaßt haben, sondern vielmehr
“unerbittlich das, was die braunen Verbrecher aus der deutschen Tradition
zu machen beliebten.” [424] Der Kritik
Mattenklotts, “Todesfuge” zitiere deutsche Stereotypen herbei,
stellt Buck die Frage entgegen: “Was hätte er anderes tun
können, angesichts der hier unbedingt zu vermittelnden Auswirkungen der
Naziideologie, die bekanntlich in starkem Maße davon
lebte?” [425]
4.2. “Engführung”
Wie sehr gewisse Rezensionen der “Todesfuge” Celan
berühren, zeigt etwa sein Gedicht “Mutter, Mutter”, das im
Zusammenhang mit der Veröffentlichung eines Artikels Reinhard Baumgarts
entsteht, in dem es u.a. um Theodor (Wiesengrund-)Adornos Diktum über Lyrik
nach Auschwitz geht: [426]
“[...]
Vor die Messer
schreiben sie dich,
kulturflott, linksnibelungisch, mit
dem Filz-
schreiber, auf Teakholztischen, anti-
restaurativ, proto-
kolarisch, prä-
zise, in der neu und gerecht
zu verteilenden Un-
menschlichkeit Namen,
meisterlich, deutsch,
mannschmannsch, nicht
ab-, nein wiesen-
gründig,
schreiben sie, die
Aber-Maligen, dich
vor
die
Die Fülle von enttäuschenden Rezensionen führt letztlich
auch zur Entstehung des Gedichts “Engführung”, das sprachlich
eine radikale Neuorientierung bringt. Doch auch dieser konzeptionelle Wechsel
wird kritisiert; Friedhelm Kemp schreibt, es handle sich um keine Verse mehr,
der Autor verliere sich in “typographischer Verkünstelung”;
Kemp vermißt eine “akustische Einheit” sowie ein
“Minimum an Bild, Gedanke,
Sinn” [428]. Auch Hans-Jost Frey findet
in “Engführung” nur “vorgetäuschte Verse” und
eine “Beliebigkeit” [429] der
Anordnung.
Celan fühlt sich aber nicht nur deshalb unverstanden; er klagt 1968:
“Mein letztes Buch [...] wird überall für verschlüsselt
gehalten. Glauben Sie mir – jedes Wort ist mit direktem Wirklichkeitsbezug
geschrieben. Aber nein, das wollen und wollen sie nicht verstehen
[...].” [430] Noch wenige Wochen vor
seinem Tod schreibt er in seinem letzten Brief an Franz Wurm:
“Die Lesung wurde totgeschwiegen oder als
‚unverständlich‘ abgetan.
Gestern, bei Prof. Baumann, Lesung im kleinen Kreise. Heidegger war da,
die Tochter Ludwig von Fickers, zwei Assistenten von Prof. Baumann, der eine von
ihnen, [...] hatte schon vorher meine Gedichte ins
‚Absolut-Metaphorische‘ verrückt. Frau Baumann und eine junge
Studentin haben wirklich zugehört, auch der andere Assistent (und dessen
Frau), auch Prof. Baumann, auch Heidegger.
Ich habe hier, auch hier, manche Erfahrung gewonnen, manchen
Einblick.”[431]
5. ZUSAMMENFASSUNG
Der erste Abschnitt dieser Arbeit sollte einen Einblick in die historischen
und biographischen Umstände und Bedingungen geben, unter denen Celans Werk
entstand. Der Zweite Weltkrieg und die Judenverfolgungen im Deutschen Reich,
denen auch Celans Eltern zum Opfer fielen, sind die wesentlichen Erfahrungen,
aus denen sich Celans Dichtung speist. Celan geriet in die Zwangslage, als
Dichter keine Sprache zur Verfügung zu haben, die dem Geschehen gerecht
würde.
Adornos schroffes Urteil, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei
barbarisch, konnte Celan – als Dichter – unmöglich akzeptieren,
weshalb er eine eigene Poetologie entwickelte, die er im Rahmen seiner
Büchner-Preis-Rede “Der Meridian” 1958 darlegte. Darin zeigt er
die unauflösliche Dialektik von Kunst und Dichtung auf; Dichtung bezeugt
eine “Gegenwart des Menschlichen” (GWIII, 190), während Kunst
“Ich-Ferne” (GWIII, 193) schafft. Trotz dieser
Gegensätzlichkeit kann Dichtung ohne künstlerische Elemente nicht
existieren, weshalb “Kunst der von der Dichtung zurückgelegte
Weg” (GWIII, 194) sein muß; den Augenblick der Freisetzung der
Dichtung von der Kunst nennt Celan “Atemwende” (GWIII, 195). Dieser
Gegenüberstellung von Kunst und Dichtung im “Meridian”
entspricht die Gegenüberstellung von semiologischer Differenz und
Indifferenz in der Metapoesie der Gedichte Celans. Celan begnügt sich
ebensowenig mit der Arbitraritätsthese Saussures wie mit der archaischen
Idee einer Wort-Ding-Identität, sondern entwirft ein differenziertes Modell
für ein mögliches Zusammenwirken von Signifikant und Signifikat im
Gedicht, für das der Begriff des “Namens” von besonderer
Bedeutung ist. Das Anliegen, die arbiträre Zeichenlogik der Sprache auf der
Ebene des Gedichts zu transzendieren, steht in Verbindung mit Celans Forderung
nach einer Sprache des Einzelnen, der “Individuation” im
“Meridian”; die Funktion der Motivation besteht eben darin, auf der
Ebene der Sprache dem “Einzelnen” in Form einer
“Präsenz” Raum zu
geben. [432] Tatsächlich ereignet sich in
den Gedichten Celans auch eine “Ineinsbildung von Sprachform und
Geschichtserfahrung” [433], wie etwa bei
einer metapoetischen Deutung der optischen Metaphorik Celans deutlich
wird.
Im dritten Abschnitt wurde versucht, die Kenntnis der Grundzüge der
Poetik Celans auf konkrete Texte anzuwenden. Aufgrund des frühen
Entstehungsdatums der “Todesfuge” (1945) konnten an diesem Gedicht
noch keine unmittelbaren Realisationen der im “Meridian” geforderten
Poetologie aufgezeigt werden. Durch den Vergleich mit dem Gedicht
“Engführung” (1958) wurde aber deutlich, welche Entwicklung die
Dichtungstheorie Celans durchgemacht haben mußte, um von den langen,
suggestiven Versen der “Todesfuge” und den frühen Gedichten zu
den fragmentierenden Wort- und Satzbrechungen, zu der generellen Reduktion des
Ausdrucks der späten Gedichte zu gelangen.
Der vierte und letzte Abschnitt dieser Arbeit wies auf die
Rezeptionsgeschichte der beiden Gedichte hin, die in ihren Anfängen nicht
unmaßgeblich zur Weiterentwicklung der Poetologie Celans beigetragen haben
dürfte, wenn auch – oder vielmehr gerade weil – seine Gedichte
oft als in der Tradition des Symbolismus, der poésie pure stehend
mißverstanden wurden. Der Sprache Celans wurde immer wieder ihr starker
Hermetismus vorgeworfen, weshalb sich der Dichter bis zu seinem Tod unverstanden
fühlte: “Glauben Sie mir – jedes Wort ist mit direktem
Wirklichkeitsbezug geschrieben. Aber nein, das wollen und wollen sie nicht
verstehen [...].” [434]
Anhang: Die Gedichte
“ER” und “Todesfuge”
ER (Immanuel
Weißglas) [435]
Wir heben Gräber in die Luft und
siedeln
Mit Weib und Kind an dem gebotnen Ort.
Wir schaufeln fleißig, und die andern
fiedeln,
Man schafft ein Grab und fährt im Tanzen
fort.
5 ER will, daß über diese Därme
dreister
Der Bogen strenge wie sein Antlitz
streicht:
Spielt sanft vom Tod, er ist ein deutscher
Meister,
der durch die Lande als ein Nebel
schleicht.
Und wenn die Dämmrung blutig quillt am
Abend,
10 Öffn‘ ich nachzehrend den verbissnen
Mund,
Ein Haus für alle in die Lüfte
grabend:
Breit wie der Sarg, schmal wie die
Todesstund.
ER spielt im Haus mit Schlangen, dräut und
dichtet,
In Deutschland dämmert es wie Gretchens
Haar.
15 Das Grab in Wolken wird nicht eng
gerichtet:
Da weit der Tod ein deutscher Meister war.
Todesfuge (Paul
Celan) [436]
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie
abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie
nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht
eng
5 Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes
Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die
Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein
Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
10 Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich
nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich
abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der
schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes
Haar Margarete
15 Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den
Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen
singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen
sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter
zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich
nachts
20 wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich
abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar
Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den
Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein
Meister aus Deutschland
25 er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als
Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht
eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich
nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und
trinken
30 der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist
blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich
genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar
Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in
der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein
Meister aus Deutschland
35 dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Literaturverzeichnis
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Begleitprotokoll
23. 5. 97 Erstes Vorbringen des Wunsches, eine Fachbereichsarbeit über
Paul Celan zu schreiben; Einwilligung von Dr. Glaßer
25. 6. 97 Unterredung über den ungefähren Aufbau der
Arbeit
2. 7. 97 Unterredung: Genauere Themenbestimmung und erste Auswahl der
Sekundärliteratur
15. 9. 97 Unterredung: Genaue Themen- und Titelfestlegung
16. 9. 97 Schriftliche Bestätigung des Themas
3. 10. 97 Unterredung: Gliederung der Arbeit, Zitierregeln (Kopien
erhalten)
15. 10. 97 Vorlegen des Abschnittes “Jugendjahre und
Frühwerk”
12. 11. 97 Vorlegen des Abschnittes “Todesfuge”
(Interpretation)
26. 11. 97 Vorlegen des Abschnittes “Der Meridian”
13. 12. 97 Vorlegen des Abschnittes “Metapoetische
Reflexionen”
18. 12. 97 Unterredung zum Abschnitt “Metapoetische
Reflexionen” und zum weiteren Vorgehen
10. 1. 98 Vorlegen der Abschnitte “Engführung”
(Interpretation), “Lyrik nach Auschwitz” und “Vergleich
der Gedichte”
15./16. 1. 98 Unterredungen zu den abgegebenen Abschnitten, Vereinfachung
der Quellennachweise
28. 1. 98 Vorlegen der Abschnitte “Semantik” und
“Dichtung als Dialog”
4. 2. 98 Vorlegen der Abschnitte “Rezeption” und
“Zusammenfassung”
13. 2. 98 Abgabe der Fachbereichsarbeit
Erklärung
Ich erkläre, daß ich die Fachbereichsarbeit ohne fremde Hilfe
verfaßt und dazu nur die angegebene Literatur verwendet habe.
Außerdem habe ich die Arbeit einer Korrektur unterzogen und Tippfehler
ausgebessert.
Bad Goisern, 11. Februar 1998
1. Biographische und historische Aspekte
1 Celan, Paul: Gedichte
1938-44, Frankfurt am Main 1986, S. 41.
[2] Celan, Paul: Gesammelte
Werke in fünf Bänden, Frankfurt am Main 1986. Die ab nun verwendete
Abkürzung lautet GW, die römische Zahl bezieht sich auf die
Bandzählung (I-V), die abschließende arabische Zahl verweist auf die
Seitenzahl, auf der das Gedicht beginnt.
[3] Vgl. Chalfen, Israel:
Paul Celan. Eine Biographie seiner Jugend, Frankfurt am Main 1983, S. 36 und
61f.; Felstiner, John: Paul Celan. Eine Biographie, München 1997, S.
29.
[6] Celan, Brief an Minna
Antschel, 30. 1. 1934; zit.n.: Chalfen, S. 51.
[7] Vgl. Chalfen, S.
56f.
[9] Der trockene
Materialismus der “Väter des Sozialismus” stößt ihn
allerdings ab, so daß er sich dem anarchistischen Fürsten Peter
Kropotkin zuwendet, dessen Werk “Gegenseitige Hilfe” ihn fasziniert.
(Vgl. Chalfen, S. 63f.) 1960 bezeichnet Celan sich selbst als einen “auch
mit den Schriften Peter Kropotkins und Gustav Landauers Aufgewachsenen”
(GWIII, 190).
[10] Vgl. Chalfen, S.
62f.
[11] Vgl. Felstiner, S. 32;
Chalfen, S. 73.
[12] Über die
Beziehung zwischen Weißglas und Celan gibt es sehr divergierende, mitunter
widersprüchliche Aussagen. Heinrich Stiehler etwa berichtet von einem
“freundschaftlichen Wettbewerb” (Neumann, Peter Horst: Zur Lyrik
Paul Celans. Eine Einführung, Göttingen 21990, S. 106)
zwischen den beiden; Israel Chalfen hingegen behauptet, daß sich
“Paul weder damals noch später mit Weißglas eingelassen”
(Chalfen, S. 72) hätte. Wahrscheinlicher ist erstere Position, bedenkt man
die auffälligen Parallelen ihrer Gedichte “ER” und
“Todesfuge” (vgl. S. 18 dieser Arbeit).
[13] Vgl. Felstiner, S.
31.
[14] Im Band “Die
Niemandsrose” (1963) verarbeitet er vermutlich das dort Erlebte:
“[...]
Über Krakau
bist du gekommen, am Anhalter
Bahnhof
floß deinen Blicken ein Rauch
zu,
der war schon von morgen. [...]” (GWI,
283)
[15] Vgl. Chalfen, S. 86f.
und Felstiner, S. 34f.
[16] Vgl. Günzel,
Elke: Das wandernde Zitat. Paul Celan im jüdischen Kontext, Würzburg
1995, S. 22.
[17] Vgl. Chalfen, S.
93f.
[18] Vgl. ebd., S.
115ff.
[19] Vgl. ebd., S.
126ff.
[20] Vgl. z.B.: “Es
war Erde in ihnen” (GWI, 211).
[21] Vgl. Chalfen, S.
120f.
[22] Abgesehen davon,
daß es bisher nur vergleichsweise wenig Sekundärliteratur zu Celans
Jugendgedichten gibt, werden viele Interpretationen ihrem Gegenstand nicht
wirklich oder überhaupt nicht gerecht. Vivian Liska leitet ihre Analyse,
die hier als hauptsächliche Grundlage dient, mit einer gelungenen Kritik
bisheriger Deutungsversuche ein: Liska, Vivian: Die Nacht der Hymnen. Paul
Celans Gedichte 1938 - 1944, Frankfurt am Main [u.a.] 1993, S.
17-35.
[23] Celan ordnet bereits
diese Gedichte in Zyklen, den einzelnen Titeln zufolge, Zyklen der Nacht.
[24] Buck, Theo:
Celan-Studien. 1. Muttersprache, Mördersprache, Aachen 1993, S.
15.
[29] Celan, Gedichte
1938-44, S. 36. Vgl. die ausführliche Interpretation Vivian Liskas in:
Liska, S. 54ff.
[31] In späteren
Gedichtbänden entwickelt sich daraus eine Kritik an der Normalsprache. Vgl.
Voswinckel, Klaus: Paul Celan. Verweigerte Poetisierung der Welt, Heidelberg
1974, S. 183.
[32] “Wo Sprache und
Realität aufeinanderprallen, stehen lauter Negationen [...].”
(Voswinckel, S. 17)
[33] Celan, Gedichte
1938-44, S. 41.
[39] Celan, Gedichte
1938-44, S. 51.
[40] Vgl. Liska, S.
68ff.
[42] Celan, Gedichte
1938-44, S. 102.
[43] “Was wär
es, Mutter: Wachstum oder Wunde – / versänk ich mit im Schneewehn der
Ukraine?” (Celan, Gedichte 1938-44, S. 112.)
[44] “Und duldest du,
Mutter, wie einst, ach daheim, / den leisen, den deutschen, den schmerzlichen
Reim?” (Celan, Gedichte 1938-44, S. 130.)
[45] Vgl. Liska, S.
127ff.
[46] Celan, Gedichte
1938-44, S. 128. Schon der Titel weist auf einen geschichtlichen Zeitpunkt hin:
Im Frühling 1944 wurde Czernowitz zum zweiten Mal von sowjetrussischen
Truppen besetzt.
[47] Vgl. Wiedemann-Wolf,
Barbara: Antschel Paul - Paul Celan. Studien zum Frühwerk, Tübingen
1985, S. 129ff.
[48] Vgl. Liska, S. 28ff.;
Voswinckel, S. 111.
[49] Brief an Harald
Hartung, 4. 12. 1958; in: Park 14/15 (1982), S. 7; zit.n.: Felstiner, S.
50.
[50] Vgl. Chalfen, 136f.;
Felstiner, S. 52.
[51] Celan hat im Sommer
1940 begonnen, Russisch zu lernen. (Vgl. Chalfen, S. 93)
[52] Kittner, Alfred:
Erinnerungen an den jungen Paul Celan; in: Zeitschrift für Kulturaustausch
32/3 (1982), S. 218; zit.n.: Felstiner, S. 52.
[53] Chalfen, S. 144 (von
ihm zitiert nach Protokollen von Gesprächen mit Ruth
Lackner).
[55] Vgl. Chalfen, S.
146ff.
[57] Contemporanul 32,
2.5.1947; zit.n.: Felstiner, S. 56.
[58] Vgl. Felstiner, S.
57f.
[59] Er findet dennoch
einige verständnisvolle Freunde wie Edgar Jené, Milo Dor, Klaus
Demus und Ingeborg Bachmann. Vgl. dazu: Böschenstein, Bernhard; Weigl,
Sigrid (Hrsg.): Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Poetische Korrespondenzen,
Frankfurt am Main 1997, passim.
[60] Seine anfängliche
Paris-Begeisterung verliert sich mit der Zeit etwas. So schreibt er am 5.5.1967
an Franz Wurm: “Ich selbst muß die Hundstage
gallischerweise in Lutetia verbringen [...].” (Celan, Paul;
Franz Wurm: Briefwechsel, Frankfurt am Main 1995, S. 65); und am 20.10.1969:
“Paris, das sind die Härten und dann und wann ein kleines
Gedicht.” (Ebd., S. 220)
[61] Brief an Ludwig von
Ficker, 5. 2. 1951; zit.n.: Felstiner, S. 93.
[62] Vgl. Felstiner, S.
93.
[63] Sein erstes Jahr in
Paris bezeichnet er als “ein Schatten- und Dunkeljahr [...], das [...]
keinen anderen Namen trug als den der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit und der
Verschlossenheit.” (Brief an Ruth Lackner, 2.12.1949; zit.n.: Buck, S.
35.) So gewinnen Begegnungen und kurze Freundschaften wie mit Diet
Kloos-Barendregt an Bedeutung. Vgl. dazu: Sars, Paul: ‚Ein solcher
Ausgangspunkt wären meine Gedichte‘. Zu den Briefen von Paul Celan an
Diet Kloos-Barendregt, passim.
[64] Seine Empfindlichkeit
gegenüber Nachkriegs-Deutschland, das er nun erstmals bereist, verdeutlicht
folgende Anekdote: “Bei einem Spaziergang durch Hamburg stieß er auf
einen Hund, der von einem Auto überfahren worden war, und ein paar Frauen,
die über den Unfall die Hände rangen: ‚Bei einem Hund
jammern sie!‘ rief Celan aus.” (Felstiner, S. 98)
[65] Vgl. Felstiner, S.
98f.
[66]
“Todesfuge” ist bereits in Celans erstem Gedichtband “Der Sand
aus den Urnen” (1948) enthalten, der jedoch (offiziell aufgrund von
vielen, teilweise sinnentstellenden Druckfehlern) vom Autor selbst
zurückgezogen wurde. (Vgl. Felstiner, S. 92f.)
[67] Die “Frankfurter
Allgemeine Zeitung” etwa druckt, er sei in Wien aufgewachsen. (Vgl.
Felstiner, S. 106)
[68] Vgl. S. 35 dieser
Arbeit.
[70] Im Erscheinungsjahr
von seinem Gedichtband “Sprachgitter” (1958), in dem
“Engführung” enthalten ist, schreibt Celan, daß die
Sprache der deutschen Lyrik “nüchterner, faktischer geworden [ist],
sie [die deutsche Lyrik] mißtraut dem ‚Schönen‘, sie
versucht, wahr zu sein.” (GWIII, S. 167)
[71] Vgl. GWIII, S. 197.
Vgl. dazu: Buck, S. 93ff.
[72] Vgl. Szondi, Peter:
Schriften II. Essays, Frankfurt am Main 1978, S. 423ff.
[73] Vgl. Felstiner, S.
133f.
[74] Vgl. dazu:
Günzel, passim. Es findet sich dort außerdem eine hilfreiche
Übersicht zu Celans Nachlaßbibliothek (Ebd., S. 327-369), die
allerdings noch fragmentarisch und unvollständig ist, da alle Briefe,
Notizen, Exzerpte und Tagebücher Celans bis zum Jahr 2020 unter
Verschluß bleiben.
[75] Vgl. Günzel, S.
327f.
[76] Vgl. dazu: Gellhaus,
Axel: Marginalien. Paul Celan als Leser, passim.
2. Literaturtheoretische Reflexionen Celans
[77] Adorno, Theodor W.:
Kulturkritik und Gesellschaft, S. 49.
[79] Enzensberger, Hans
Magnus: ‚Die Steine der Freiheit‘, S. 73.
[80] Adorno, Theodor W.:
Meditationen zur Metaphysik, S. 57.
[81] Adorno, Theodor W.:
Engagement, S. 54f. Adorno lehnt jede Art von Dichtung nach Auschwitz ab, die
“Sinn” suggeriert. (Vgl. Kiedaisch, Petra: Einleitung, S.
14)
[82] Vgl. dazu den
folgenden Abschnitt “Der Meridian”. Nach Celan muß Dichtung
ihrer “Daten eingedenk” (GWIII, 196) bleiben; er führt aus:
“Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein ‚20.
Jänner‘ eingeschrieben bleibt?” (GWIII, 196) (Vgl. dazu S. 11
dieser Arbeit.)
[83] Adorno, Theodor W.:
Ist die Kunst heiter?, S. 68.
[84] Kiedaisch, Einleitung,
S. 16.
[86] Zit.n.: Koelle, Lydia:
Paul Celans pneumatisches Judentum. Gott-Rede und menschliche Existenz nach der
Shoah, Mainz 1997, S. 342. Die Notiz findet sich im Nachlaß-Konvolut des
Gedichtzyklus “Atemwende”.
[87] Brecht, Bertolt:
Ausgewählte Gedichte, Frankfurt am Main 1970, S. 56.
[88] Vgl. dazu:
Janssen-Zimmermann, Antje: ‚Überall, wo man den Tod gesehen hat, ist
man ein bißchen wie zuhaus.‘ Schreiben nach Auschwitz – Zu
einer Erzählung Herta Müllers, S. 245f; Kaiser, Gerhard: Wozu noch
Literatur? Über Dichtung und Leben, München 1996, S. 84f. Menninghaus
weist auf eine weitere Bedeutungsebene des Gedichts hin: Menninghaus, Winfried:
Paul Celan. Magie der Form, Frankfurt am Main 1980, S. 37ff. (Vgl. S. 41
[Anm. 85] dieser Arbeit.)
[89] Vgl. Szondi, S.
384f.
[90] Adorno, Theodor W.:
Gesammelte Schriften, Bd. 7, Frankfurt am Main 1970, S. 477; zit.n.: Kiedaisch,
Einleitung, S. 16.
[91] Janz, Marlies: Vom
Engagement absoluter Poesie. Zur Lyrik und Ästhetik Paul Celans, Frankfurt
am Main 1976, S. 99.
[92] O. Lorenz sieht in
Celans dichtungstheoretischen Schriften “gezielte
Rezeptionsanweisungen” und “Verständnishilfen” (Lorenz,
Otto: Paul Celan, S. 3).
[93] Vgl. Taibon, Markus:
Ein Wort nach dem Bilde des Schweigens. Zur Sprach-Metaphorik im Werk Paul
Celans, Salzburg 1992, S. 90.
[94] Szondi, Peter:
Celan-Studien, Frankfurt am Main 1972, S. 45. Mitte der 60er Jahre, als
die Literaturwissenschaft begann, sich mit dem Werk Celans zu beschäftigen,
“ordnete man ihn in die Tradition des Symbolismus, der poésie pure,
in die Tradition der Loslösung von der empirischen Realität ein. Das
Gedicht entwerfe sich seine eigene Wirklichkeit. Gegenwirklichkeit, Hermetismus
sei die notwendige Folge.” (Jamme, Christoph: Paul Celan. Sprache
– Wort – Schweigen, S. 213) Nach C. Jamme vertritt Celan eine
“nach-Mallarmésche Position” (Ebd., S. 214).
[95] Vgl. Menninghaus,
Magie, S. 15; Jamme, S. 213ff.
[96] Leutner, S. 147. Der
von Leutner verwendete Begriff “Realismus” ist hier nicht
terminologisch abgesichert; Celan selbst benutzt den Ausdruck des “auf die
Kreatur zu beziehenden Worts” (GWIII, 197).
[97] Menninghaus, Magie, S.
14.
[98] C. Jamme spricht
außerdem der “Erfahrung (mehrfachen) Exils” (Jamme, S. 214)
Bedeutung zu.
[100] Vgl. dazu: Taibon,
Markus: Ein Wort nach dem Bilde des Schweigens. Zur Sprach-Metaphorik im Werk
Paul Celans, Salzburg 1992, passim.
[101] “[...] ich
[befinde] mich [...] in den reinsten Gletschern der Ästhetik [...] –
denn nachdem ich das Nichts gefunden habe, habe ich die Schönheit gefunden
[...].” (Mallarmé, Stéphane: Correspondance 1862-1871, Paris
1959, S. 220f.; zit.n.: Schulze, Joachim: Die reinsten Gletscher der
Ästhetik, S. 227)
[102] Celan zitiert hier
aus Büchners “Leonce und Lena”.
[103] Camille kritisiert
dort das idealistische Theater: “Schnitzt einer eine Marionette, wo man
den Strick hereinhängen sieht, an dem sie gezerrt wird und deren Gelenke
bei jedem Schritt in fünffüßigen Jamben krachen – welch
ein Charakter, welche Konsequenz!” (Büchner, Georg: Dantons Tod,
Stuttgart 1995, S. 35)
[104] “Lenz, also
Büchner, hat, ‚ach, die Kunst‘, sehr verächtliche Worte
für den ‚Idealismus‘ und dessen
‚Holzpuppen‘.” (GWIII, 191)
[107] “CAMILLE. Was
sagst du, Lucile? LUCILE. Nichts, ich seh dich so gern sprechen. CAMILLE.
Hörst du mich auch? LUCILE. Ei freilich! CAMILLE. Hab ich recht?
Weißt du auch, was ich gesagt habe? LUCILE. Nein, wahrhaftig nicht.”
(Büchner, Georg: Dantons Tod, Stuttgart 1995, S. 36)
[110] Leutner, S. 152.
Dem gegenüber steht P. Lacoue-Labarthes Interpretation, wenn er behauptet:
“Das, was Celan Luciles ‚Gegenwort‘ nennt, ist eigentlich
nichts entgegengesetzt, [...]. Es befürwortet auch nichts: es
plädiert nicht für die Monarchie, ist kein politisches Wort –
und kein anarchistisches. Es ist ‚absurd‘: es sagt nichts aus. Und
dennoch ist es nicht ‚neutral‘, [...]. Gegenwort ist es nur,
sofern es eine solche Geste ist, und insofern es, [...] von einer
‚Entscheidung‘ herrührt: der Entscheidung, oder Geste, zu
sterben.” (Lacoue-Labarthe, Philippe: Katastrophe, S. 40) Er nimmt hier
Bezug auf Celans Aussage, Luciles “Gegenwort” huldige “der
für die Gegenwart des Menschlichen zeugenden Majestät des
Absurden.” (GWIII, 190) Laut P. Leutner ist dieses “absurde
Sprechen” notwendig, um das Pathos der Revolutionäre abzulösen.
(Vgl. Leutner, S. 152)
[111] Leutner, S. 153. P.
Leutner findet dazu eine Parallele in Kants “Kritik der
Urteilskraft”, worin dieser darlegt, “daß die Hervorbringungen
des Genies sowohl ‚originell‘ als auch ‚exemplarisch‘
sein müssen. In diesem Sinne kann man auch das poetische Gegenwort
verstehen als ‚originell‘, d.h. keiner bereits existierenden Regel
folgend, aber doch als ‚Muster‘ für andere gelten
wollend.” (Ebd., S. 153)
[112] Vgl. Koelle, S.
144.
[113] Celan
befürwortet einen eigenständigen Bereich der Kunst; die Formel
“Elargissez l’Art” weist er zurück. (Vgl. GWIII,
200)
[115] “Das
mortifizierende Prinzip der Ästhetisierung gemahnt aufgrund seiner
strukturellen Ähnlichkeit mit dem Akt realer Tötung an die
historischen Ereignisse der Massenvernichtung.” (Leutner, S.
154)
[116] Celan spricht von
einer “radikale[n] In-Frage-Stellung der Kunst” bei Büchner,
“zu der alle heutige Dichtung zurück muß, wenn sie weiterfragen
will” (GWIII, 192f.).
[118] Laut P. Leutner
bezieht sich Celan hier ausdrücklich auf Mallarmé, um sich
einerseits damit gegen zeitgenössische Dichter (besonders Gottfried Benn)
zu wenden, die sich auf die Poetik der poésie pure berufen, andererseits
weil das artifizielle Moment der Mortifizierung bei Mallarmé eine
herausragende Stellung einnimmt. (Vgl. Leutner, S. 155)
[119] Hier gibt es in der
Sekundärliteratur allerdings unterschiedliche Auffassungen. Janz geht davon
aus, daß Celan sich weigere, Mallarmé konsequent zu Ende zu denken,
da ihm der Vergleich mit ihm unangemessen erscheine. (Vgl. Janz, S.
226)
[120] Vgl. Leutner, S.
156.
[121] Celan
äußerte 1965 gegenüber D. Meinecke: “Es gebe Artistik, und
sie könne von höchstem Rang sein, aber es gebe auch eine andere
Sprechweise, die das Artistische nicht umginge, sondern durch es
hindurchginge.” (Meinecke, Dietlind: Wort und Name bei Paul Celan. Zur
Widerruflichkeit des Gedichts, Bad Homburg-Berlin-Zürich 1970, S. 29;
zit.n.: Koelle, S. 146.)
[122] Diesen Vorgang
erläutert Celan am Beispiel Büchners Erzählung
“Lenz”, worauf aus Raumgründen hier nicht weiter eingegangen
werden kann.
[123] Lacoue-Labarthe, S.
44.
[124] Vgl. Koelle, S.
148.
[125] Deshalb Celans
Bemerkung über Luciles “Gegenwort”: “Gehuldigt wird hier
der für die Gegenwart des Menschlichen zeugenden Majestät des
Absurden.” (GWIII, 190) (Vgl. S. 40 [Anm. 34] dieser
Arbeit.)
[126] Adorno, Theodor W.:
Arnold Schönberg, S. 678; in: Der goldene Schnitt. Große Essayisten
der Neuen Rundschau 1890-1960, Frankfurt am Main 1960; zit.n.: Koelle, S. 140.
Celan besaß diese Arbeit Adornos und strich die zitierte Stelle
an.
[127] Vgl. dazu: Leutner,
S. 157ff.; Janz, S. 105; Jamme, Celan, S. 214; Lorenz, Celan, S. 7f.;
Pöggeler, Otto: Spur des Worts. Zur Lyrik Paul Celans,
Freiburg/München 1986, S. 145f.
[128] Vgl. Leutner, S.
163f.
[129] Der
“Meridian” ist bei Celan aber auch Chiffre von Heimat, er findet als
solche auch Eingang in Gedichte (vgl. GWI, 290). Möglicherweise wurde Celan
auf das Meridian-Motiv durch einen Brief Nelly Sachs‘ vom 28. 10. 1959 an
ihn aufmerksam: “Zwischen Paris und Stockholm läuft der Meridian des
Schmerzes und des Trostes.” (Celan, Paul; Sachs, Nelly: Briefwechsel,
Frankfurt am Main 1995, S. 25. – Zu dieser Zeit lebte Celan in Paris,
Sachs in Stockholm.) M. Taibon wiederum sieht im Tropus des Meridians eine
Verbindung der Pole Utopie und Wirklichkeit und versteht den Meridian deshalb
auch als “Bild für die Sprache in ihrem Wechsel- und Zusammenspiel
zwischen dem Wirklichen und dem Unmöglichen” (Taibon, S. 101).
[130] P.H. Neumann
schreibt, die Begegnung mit Mandelstamm werde Celan zu einer
“Selbstbegegnung im Vergangenen” (Neumann, S. 31). Celan
übersetzte eine Auswahl Mandelstammscher Gedichte und widmete ihm seinen
Gedichtband “Die Niemandsrose”. In zwei seiner Gedichte (GWI, 261
und 284) spricht Celan Mandelstamm direkt an. Vgl. zu diesem
“Gespräch” zwischen den Autoren Celan und Mandelstamm:
Schneider, Gottfried Reinhard: Untersuchungen zur Poetik Paul Celans. Versuch
zum ‚dunklen‘ Gedicht, Salzburg 1974, S. 147-160. Vgl. zum
Verhältnis zwischen Celan und Mandelstamm weiters: Neumann, S. 31ff.;
Günzel, S. 117ff.; Broda, Martine: “An Niemand gerichtet”. Paul
Celan als Leser von Mandelstamms ‚Gegenüber‘, S. 209-221;
Lehmann, Jürgen (Hrsg.): Kommentar zu Paul Celans ‚Die
Niemandsrose‘, Heidelberg 1997, S. 12-16, 45-47.
[131] Mandelstamm, Ossip:
Vom Gegenüber, S. 202f.
[135] Vgl. Broda, S. 211.
[136] “Alles
möchte dichten das moderne Gedicht, dessen monologischer Zug außer
Zweifel ist. Die monologische Kunst, die sich abhebt von der geradezu
ontologischen Leere, die über allen Unterhaltungen liegt und die die Frage
nahelegt, ob die Sprache überhaupt noch einen dialogischen Charakter in
einem metaphysischen Sinne hat.” (Benn, Gottfried: Probleme der Lyrik, S.
30)
[137] Vgl. zum
unterschiedlichen Lyrik-Verständnis von Celan und Benn: Zschachlitz, Ralf:
Vermittelte Unmittelbarkeit im Gegenwort. Paul Celans kritische Poetik,
Frankfurt am Main 1990, S. 63-79.
[138] Vgl. Mandelstamm,
S. 202.
[139] Vgl. dazu: Leutner,
S. 162.
[140] Vgl. Menninghaus,
Magie, S. 12f.
[141] Ebd., S. 13. Peter
Szondi hat als erster Benjamins Begriff der Intention auf die Sprache zum
erklärten Ausgangspunkt einer Celan-Interpretation gemacht. (Vgl. Szondi,
Peter: Celan-Studien, Frankfurt am Main 1972) Er erkennt aber nicht die
Bedeutung der “geschichtlichen Erfahrung und Reflexion im Innern von
Celans Intention auf die Sprache” (Menninghaus, Magie, S. 14), weshalb er
zu dem fragwürdigen Schluß kommt, Celan trete eine “Nachfolge
des späten Mallarmé” (Szondi, Celan, S. 45) an. Vgl. dazu
Menninghaus‘ fundamentale Kritik an Szondis Celan-Studien: Menninghaus,
Magie, S. 13-16.
[142] Menninghaus, Magie,
S. 23.
[143] Vgl. S. 9 dieser
Arbeit; vor allem seine Äußerung: “Die deutsche Lyrik geht,
glaube ich, andere Wege als die französische. [...] Ihre Sprache ist
nüchterner, faktischer geworden, sie mißtraut dem
‚Schönen‘, sie versucht wahr zu sein.” (GWIII,
167)
[144] Menninghaus, Magie,
S. 24.
[145] Ebd., S. 24. Beda
Allemann drückt dies folgendermaßen aus: “[...] die Worte
werden nicht mehr nur als Bezeichnungen der Dinge aufgefaßt, sondern
erscheinen als selbständige Wesen gleichrangig und ohne kategoriale
Differenz neben und zwischen den Erscheinungen der im Gedicht ausgesprochenen
Welt.” (Allemann, Beda: Nachwort, S. 159)
[146] Menninghaus, Magie,
S. 25.
[147] Allerdings bildet
der “Schatten” keinen absoluten Gegensatz zum “Licht”,
da er sowohl materiell einen gewissen Grad an Licht enthält, als auch (in
seiner metaphorischen Funktion bei Celan) zur gleitenden Skala positiv
determinierter Lichtmetaphern (dämmerndes, lauschendes, schwimmendes Licht
etc.) gezählt werden kann. (Vgl. dazu: Menninghaus, Magie, S.
43-47)
[148] Menninghaus, Magie,
S. 26.
[150] Nach Menninghaus
sind Baken deshalb besonders geeignet, “instrumentelle Zeichen- und
dichterische ‚Wort‘-Logik zu kontrastieren, weil in ihnen ein
doppelter Parallelismus (im Sinne Jakobsons) statthat. Zum einen zwischen ihrer
allgemeinen Semio-Logik als Signifikant und der konkreten Substanz ihres
Signifikant-Seins – die Bake ist als Gegenstand ebensosehr ein Schild ohne
räumliche oder gar geistige ‚Tiefe‘, wie sie
abstrakt-zeichentheoretisch ein ‚leerer‘ Signifikant ist [...]. Zum
andern zwischen ihrer allgemeinen Semiologik als Signifikat und dem konkreten
Inhalt dieses Signifikat-Seins – die Bake hat als singuläres Zeichen
genau das zum Inhalt, was nach Celan die allgemeine Form arbiträren
Bedeutens charakterisiert” (Menninghaus, Magie, S. 29f.), nämlich das
grelle Herausstehen der Bedeutung aus einem in seiner Materalität
bedeutungslosen Wort.
[151] Menninghaus, Magie,
S. 29.
[152] Der
“Leitstrahl” ist Bestandteil der negativen Licht-Metaphorik, er
entspricht etwa den “Lichtkeilen” und dem
“Leuchtschopf”. Das grell Blendende des “Leitstrahl[s]”
wird durch das Wort “nächtlings” zusätzlich
verstärkt.
[153] Menninghaus, Magie,
S. 30.
[154] Vgl. S. 11 dieser
Arbeit.
[155] “Dieser
Sprache geht es, bei aller unabdingbaren Vielstelligkeit des Ausdrucks, um
Präzision.” (GWIII, 167)
[156] “[...] die
Bildung von Baken (Zeichen) [...] ist durch das Aufreißen einer vertikalen
semiologischen Differenz von Ding (Laut) und Bedeutung charakterisiert.”
(Menninghaus, Magie, S. 31)
[157] Vgl. dagegen die
Begründung für die Intention auf den “Namen” bei
Menninghaus, Magie, S. 52f.
[158] Menninghaus
hingegen spricht von einem “sprachphilosophischen Dilettantismus solcher
in der Literaturwissenschaft beliebten Amateur-Mystica”, den schon die
“Untauglichkeit zur praktisch-interpretativen Erschließung von
Celans Sprechen” (Menninghaus, Magie, S. 36) hinreichend widerlege.
[159] Menninghaus, Magie,
S. 36.
[161] Ebd., S. 37. W.
Menninghaus sieht eine direkte Gegenüberstellung von instrumentellem Inhalt
und innerem Form-Gehalt der Sprache nicht nur in der von Celan selbst
formulierten Opposition von Reden und Sprechen (vgl. GWIII, 171), sondern auch
in bestimmten Gedichten thematisiert (z.B.: “Ein Blatt” [GWII,
385]).
[162] Menninghaus
betrachtet das Wort “Name” als außergewöhnlich zentralen
Begriff der Lyrik Celans, das “von zahlreichen Gedichten
nachdrücklich exponiert und insistierend umkreist” (Menninghaus,
Magie, S. 9) werde. Auch enthalte es “offenkundige Anklänge an
mystische Spekulationen” (Ebd., S. 21), weshalb es in
Celan-Interpretationen immer wieder Hinweise auf die kabbalistische Namensmystik
gebe.
[163] Menninghaus, Magie,
S. 43. Er bringt den “Schatten” in Verbindung mit dieser
Sprachdimension und erweitert so dessen (bisher angenommene) metaphorische
Bedeutung (vgl. ebd., S. 44ff.): Im Schatten der verbalen Inhalte realisiere
sich die nicht-instrumentelle Sprachlichkeit. (Vgl. ebd., S. 50) Ebenso erkennt
er einen Zusammenhang mit dem häufigen Motiv des Schweigens. Die
sprachphilosophische Reflexion mache “das Schweigen nicht nur als
Verstummen oder Versagen der Sprache angesichts eines bestimmten Inhalts,
sondern zugleich als formgeborene Implikation des postulierten Sprechens selbst
erkennbar” (Ebd., S. 47), weil das Schweigen vergleichbar mit dem
Nicht-Gesagten eines Sprechens sei und dadurch der “inneren
Sprachform” gleiche. (Vgl. zum Motiv des Schweigens auch: Schmitz-Emans,
Monika: Poesie als Dialog. Vergleichende Studien zu Paul Celan und seinem
literarischen Umfeld, Heidelberg 1993, S. 224ff.)
[164] Menninghaus, Magie,
S. 50.
[167] Vgl. dazu das
Gedicht “Hinausgekrönt” (GWI, 271): “[...] / Und wir
schicken / keinen der Unsern hinunter / zu dir, / Babel.”
[168] Vgl. Leutner, S.
181.
[169] Menninghaus, Magie,
S. 55. Menninghaus weist in der Folge darauf hin, daß diese Analogisierung
als allgemeine sprachphilosophische Theorie für kurzschlüssig und in
dieser Form für unangemessen gehalten werden könne, bestärkt aber
ihre Bedeutung für Celans Programmatik des “Namens”. (Vgl.
Menninghaus, Magie, S. 56)
[170] Vgl. dazu vor allem
die Gedichte “Weißgeräusche” (GWII, 146) und
“Solve” (GWII, 82).
[171] Menninghaus, Magie,
S. 57.
[172] Ebd., S. 59. Vgl.
dazu beispielsweise die Verse “du sollst atmen, / atmen und du sein”
(GWI, 178) und “Für-niemand-und-nichts-Stehn” (GWII, 23).
[173] Die Interpretation
folgt im Wesentlichen den Auslegungen von W. Menninghaus (Menninghaus, Magie, S.
62-67) und O. Pöggeler (Pöggeler, Spur, S. 381f.).
174 Menninghaus
erklärt sich das Attribut “fliegend” dadurch, “daß
auch dieser unversehrte Teil des ‚Herzens‘ (noch) vor Schmerz und
Angst rasend und nur ganz leicht an gesicherter Lebenskraft ist.”
(Menninghaus, Magie, S. 63f.)
[175] Menninghaus, Magie,
S. 64.
[177] Die parallele
Zweiteiligkeit des zweiten dieser Verse ist nicht wie noch in der dritten
Strophe gegeben, sie wurde gleichsam “ge-/schluckt” (9f.) –
dadurch ergibt sich eine Konvergenz von Verstechnik und Semantik, die noch
verstärkt wird, indem die Zeitstruktur des Gedichts (mit Zäsur und
Enjambement zwischen “ge-” und “schluckt”) den Moment
des “Schluckens” nachbildet.
[178] Menninghaus, Magie,
S. 65.
[184] Ebd., S. 69.
Menninghaus belegt dieses Verständnis des Spiegelmotivs mit der
Interpretation einiger Gedichte; vgl. ebd., S. 69-78.
3. Die Gedichte “Todesfuge” und
“Engführung”
[186] Vgl. z.B. Schuberts
“Der Tod und das Mädchen”, Wagners “Liebestod der
Isolde”, Brahms‘ “Ein deutsches Requiem”, Mahlers
“Kindertotenlieder”.
[187] Felstiner, S. 61.
Vgl. dazu auch: Pöggeler, Otto: Die göttliche Tragödie.
Mozart in Celans Spätwerk, S. 68.
[188] Vgl. S. 38 (Anm.
12) dieser Arbeit.
[189] Stiehler, Heinrich:
Die Zeit der Todesfuge. Zu den Anfängen Paul Celans; in: Akzente 19, 1972,
S. 23; zit.n.: Buck, S. 67.
[190] Es findet sich
neben der verallgemeinernden Perspektive (“wir”) die
individualisierende (“ich”) und zusätzlich noch relativierende
Zuschreibungen (“man”; “die andern”). Das führt zu
einer diffusen Verteilung der Stimmen.
[192] Z.B.: der
“gebotne Ort”, “strenge wie sein Antlitz”,
“nachzehrend”, “die Todesstund”, “dräut und
dichtet”.
[194] Theo Buck sieht in
“Todesfuge” einen “produktiven
‚Gegenentwurf‘” (Buck, S. 62) zu “ER”.
[195] Weißglas
begehrt nie dagegen auf. Als er erfährt, daß manche hinter den
“Parallelismen” Übernahmen und Entlehnungen, im Grunde also
Plagiat wittern, wendet er sich sogar empört gegen “das schakalartige
Schnüffeln [...] mit dem unlauteren Ziel, eine dichterische Erscheinung von
hölderlinscher Prägung in Frage zu stellen [...].” (Brief von
Weißglas, 27.5.1975; zit.n.: Buck, S. 62)
[201] “Sie speist
mich eine lange, trübe Zeit / mit schwarzer Milch und schwerem
Wermutwein.” (Scherzer-Ausländer, Rose: Der Regenbogen. Gedichte,
Cernauti 1939, S. 9; zit.n.: Buck, S. 74, Anm. 29). Ausländer schreibt zu
dieser Übernahme: “Daß Paul die Metapher ‚schwarze
Milch‘ [...] gebraucht hat, erscheint mir nur selbstverständlich,
denn der Dichter darf alles als Material für die eigene Dichtung
verwenden.” (Chalfen, S. 133)
[202] Dort die
Formulierung “dunkle Milch des Friedens” (Margul-Sperber, Alfred:
Geheimnis und Verzicht, Cernauti 1939, S. 23; zit.n.: Buck, S.
74.)
[203] In den Klageliedern
Jeremias heißt es dort: “Ihre Fürsten waren [...] klarer denn
Milch; [...]. Nun aber ist ihre Gestalt so dunkel von Schwärze,
[...].” (Klagelieder 4:7f.).
[204] Vgl. Hoheslied
7:1.
[205] Menninghaus,
Winfried: Zum Problem des Zitats bei Celan und in der Celan-Philologie,
S. 170. Vgl. dazu S. 31 dieser Arbeit.
[206] “In seinem
Grab spielt der weiße Magier mit seinen Schlangen”,
“Leichenzug / In Lüften” etc. (Trakl, Georg: Werke -
Entwürfe - Briefe, Stuttgart 1995, S. 37 und S. 7.)
[207] Vgl. dazu:
Felstiner, S. 62-68; Buck, S. 75.
[209] P. H. Neumann weist
darauf hin, daß auch der Rückgriff auf die Fuge, eine Form
vorindividualistischer Musik, der Objektivierung diene und somit als Versuch
verstanden werden könne, “die ästhetische Gestaltung des Grauens
der Ohnmacht des subjektiven Gedichtes zu entziehen [...], [was] das Gebilde
auch von dem Vorwurf einer unangemessenen Schönheit freihalten
sollte.” (Neumann, S. 96)
[211] Ebd., S. 78. Durch
die Verwendung der strengen Fugentechnik zeigt Celan zugleich die
“Konsumierbarkeit des Todes” (Schneider, S. 60) an, wie sie durch
die Automatik der Destruktion des Massenmordes im technologischen Zeitalter
möglich geworden ist.
[212] Z.B. einerseits die
Themenexposition “wir trinken [...]”, andererseits “Ein Mann
wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
[...]”.
[213] Übergänge
wie: “dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar
Sulamith”.
[218] Deshalb verbindet
Celan häufig Leben und Tod; sehr deutlich etwa in “Sprich auch
du”: “Beim Tode! Lebendig!” (GWI, 135).
[220] Celan schreibt dazu
in einem Brief: “Das Grab in der Luft [...], das ist, in diesem
Gedicht, weiß Gott weder Entlehnung noch Metapher.” (Brief an Walter
Jens, 19.5.1961; zit.n.: Buck, S. 82.)
[222] Die
Gegenüberstellung von Tätern und Opfern erreicht in den letzten Zeilen
in der Gestalt der Symbolfiguren Margarete und Sulamith einen Höhepunkt des
Kontrastes.
[223] Vgl. Schneider, S.
57f.
[225] Theo Buck schreibt
dazu: “[...] Celans lyrisches Gedenken [zwingt] Vergangenes, das nie
vergessen werden darf, in jede Rezeptionsgegenwart hinein [...].” (Buck,
S. 85)
[226] Vgl. S. 11 dieser
Arbeit.
[227] Das wird im Gedicht
deutlich durch den Gleichnischarakter der (dem Konkreten abgewonnenen)
Metaphorik. Vgl. Buck, S. 84.
[228] Harald Weinrich
versteht unter “Konterdetermination” die “Auflösung der
in der Wortbedeutung angelegten Erwartung durch eine kontextuell unerwartete
Bedeutung” (Arnold, Heinz Ludwig; Detering, Heinrich (Hrsg.):
Grundzüge der Literaturwissenschaft, München 1996, S. 263).
[229] Zit.n.: Huppert,
Hugo: ‚Spirituell‘. Ein Gespräch mit Paul Celan, S.
321.
[230 ]“Fuge”,
Microsoft® Encarta® 98 Enzyklopädie. Genauer formuliert bedeutet
“Engführung” “‚die zeitlich enge, d.h.
möglichst gleichzeitige kontrapunktische Zusammenführung von Themen.
Im engeren Sinne ist die E. der dritte (letzte) Teil der Fuge, in dem die kurz
aufeinanderfolgenden kanonischen Themeneinsätze der verschiedenen Stimmen
eine besonders dichte Verflechtung des kontrapunktischen Gewebes bewirken‘
(Der Große Brockhaus).” (Szondi, S. 351)
[231] Vgl. Szondis
Analyse der einzelnen Stimmen (= Partien): Szondi, S. 351ff.
[232] Der Abdruck des
Gedichtes folgt: GWI, 197.
[235] Szondi, S. 346. T.
Buck bestreitet das: “Was die Kommunikationsstruktur des ersten
Versabschnitts bewirkt, ist nicht etwa eine wie immer geartete Identität
von Leser und ‚gelesenem Gedicht‘. Bestenfalls gelingt es dem Autor,
dem Leser eine Möglichkeit zu Identifizierung mit dem Text zu vermitteln.
Jede andere Deutung verbietet sich schon deswegen, weil Celan nicht der Mann
lyrischer Suggestion und literarischer Vereinnahmung war.” (Buck, S.
114)
[236] Szondi, S. 347f. T.
Buck verwirft diese Interpretation: “‚Die Gräser‘ sind
eben nicht ‚zugleich Buchstaben‘ und ‚die Landschaft‘
nicht zugleich ‚Text‘.” (Buck, S. 115) Entgegen der
“eigenartigen These” (Buck, S. 104) Szondis interpretiert Buck:
“[...] der ästhetische Text vermittelt Informationen über ein
Gelände, aber er ist nicht das Gelände. [...] Celan evoziert
[...] konkrete Gräser, konkrete Steine und konkrete Halme [...] als
Elemente einer realen Landschaft [...].” (Buck, S. 105)
[237] Vgl. Leutner, S.
192.
[239] “Das
‚Gehen‘ durch das Gelände der Verwerfung könnte einen
Modus der Erfahrung darstellen, der jene Verwerfung aufzuheben vermag.”
(Leutner, S. 193) Nach Szondi will der Text “poetische
Realität” (Szondi, 349) sein, weshalb weder “lesen” noch
“schauen” angemessen seien, vielmehr werde vom Leser gefordert,
“voranzugehen”. Vgl. dagegen die Kritik von Menninghaus an Szondis
radikaler Position: Menninghaus, Magie, S. 15f.
[240] Nach P. Leutner
verweisen schon die “Schatten der Halme” auf eine
Atombombenexplosion (durch die Assoziation mit Schatten von Menschen, die dabei
umkommen; vgl. Leutner, S. 193).
[242] “Die Stunde,
die keine Schwestern mehr hat, ist die letzte Stunde, der Tod. Wer dort ist, ist
zuhause.” (Szondi, S. 349)
[244] Vgl.: Nietzsche,
Friedrich: Also sprach Zarathustra, Stuttgart 1995, S. 26. Vgl. dazu:
Pöggeler, Spur, S. 249.
[246] Buck kommentiert
dazu: “Alle Bezüge zum bisherigen Leben sind abgebrochen. Daß
man dabei nicht allzuviel verloren hat, bezeugt die neutrale Form des
Personalpronomens (‚es‘).” (Buck, S. 117)
[247] Szondi, S. 349. Er
geht sogar so weit, zu behaupten, “[...] zuhause hört das
Subjekt auf, Subjekt zu sein, geht es, radikaler noch als zu Beginn, ein in den
Text.” (Szondi, S. 350)
[250] Vgl. Felstiner, S.
165; Szondi, S. 354; Buck, S. 118f.; Leutner, S. 194.
[253] Leutner, S. 194.
Die Ambivalenz weist auf eine Störung des Namens: “[...] weil der
Name nicht funktioniert, hat der ‚Ort‘ sowohl einen Namen
als auch keinen; [...].” (Leutner, S. 194) Die Störung des Namens
wird durch eben jenes differenzierende Hindernis (“Etwas”) bewirkt.
[255] Celan selbst soll
Wert darauf gelegt haben, “daß ‚Bomben in diesem Gedicht
ticken‘, daß sich etwas ankündigt” (Meinecke, Dietlind:
Wort und Name bei Paul Celan. Zur Widerruflichkeit des Gedichts, Bad Homburg
v.d.H., Berlin, Zürich 1970, S. 177, Anm. 8; zit.n.: Buck, S. 121, Anm.
47). Szondi versteht diese Partie – insbesondere das “Ticken”
– gänzlich anders als Buck; er bemerkt, daß
“ticken” auch “mit der Fingerspitze berühren”
bedeuten könne und spricht jenem “Etwas” den Willen zu, die
“Schlafenden” (Toten) wieder “ins Dasein
zurück[zu]führen” (Szondi, S. 358f.), sie
aufzuwecken.
[257] Szondi, der der
Vorstrophe eine “tröstliche Versicherung” (Szondi, S. 359)
zuspricht, stößt damit durchwegs auf Kritik. (Vgl. Buck, S. 122, Anm.
49)
[259] Für Buck steht
der “Finger” pars pro toto “für jeden, der nicht
vergessen will.” (Buck, S. 123) Nicht sonderlich überzeugend ist
dagegen Szondis Interpretation, wenn er von einer “Öffnung der
inneren Zeit” (Szondi, S. 360) durch den “Finger” spricht.
[260] Vgl. Leutner, S.
195f.
[262] Szondi sieht einen
entscheidenden “Bruch”, einen “Riß” (Szondi, S.
362) zwischen vierter und fünfter Partie.
[264] Ebd., S. 125. P.
Leutner meint, das semantisch ausgesprochene Scheitern des Worts solle
“konterkariert werden, indem der Leser in die ‚Zeichen-Zone‘
hineingeführt wird.” (Leutner, S. 196)
[265] Szondi bemerkt:
“Zwischen der Welt des Worts, das durch die Nacht kam, um zu
leuchten, [...], und der Welt der Asche, der absoluten
Nacht, die nur sich selbst kennt, [...] ist nichts als Gegensatz,
Zäsur.” (Szondi, S. 363)
[268] Vgl. dazu S. 13
dieser Arbeit.
[271] Luther, Andreas:
‚Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch‘. Zur
Möglichkeit von Lyrik nach Auschwitz am Beispiel Paul Celans, Berlin 1987,
S. 341; zit.n.: Buck, S. 130, Anm. 63.
[272] Vgl. Buck, S. 130.
Szondi hingegen sieht im “feuchten Aug” den “Grund des
Scheiterns” (Szondi, S. 370), den “Weg”, der nicht
“hätte eingeschlagen werden sollen” (Ebd., S. 367).
273 Zit.n.: Buck, S. 131.
Schon Szondi verweist auf das Demokrit-Zitat (vgl. Szondi, S. 366). Celan
schrieb in ein Geschenkexemplar des Bandes “Sprachgitter” die
Widmung: “Es gibt nichts als die Atome und den leeren Raum; alles andere
ist Meinung (Demokrit)” (Mayer, Hans: Der Repräsentant und der
Märtyrer. Konstellationen der Literatur, Frankfurt am Main 1971, S. 182f.;
zit.n.: Buck, S. 132).
[277] Celan machte Peter
Szondi, Dietlind Meinecke und Marlies Janz persönlich auf diese Anspielung
aufmerksam. (Vgl. Buck, S. 132)
[278] Dante, Alighieri:
Die Göttliche Komödie, Stuttgart 1996, S. 25 (Inferno, 5. Gesang, V.
138).
[283] Gegen Buck, S.
133.
[290] Vgl. Schalk, Axel:
Sprachverlust – Schreiben nach Hiroshima und Tschernobyl, S. 200f.
[291] Vgl. Buck, S. 136.
Szondi dagegen spricht vom “Gelingen des [...] kosmogonischen
Versuchs” (Szondi, S. 369), das sich hier vollziehe.
[294] “Etwas / lag
zwischen ihnen.” (20f.), “Bin es noch immer –” (38),
“[...] hier / klafft es weit auseinander, hier / wuchs es wieder zusammen
– wer / deckte es zu?” (43ff.)
[298] Ebd., S. 139.
“Kein Sprechen in Zungen ist gemeint, sondern das beredte Schweigen
abgewürgter, verhinderter Worte, die das Vergessene in sich
bewahren.” (Buck, S. 139)
[299]
“Stehen” als Versuch sich zu bewähren, kehrt bei Celan oft
wieder: “Auch wir hier, im Leeren, / stehn bei den Fahnen” (GWI,
190); “auch er / steht gegen / die Pest” (GWI, 230).
[300] Vgl. Leutner, S.
201; Szondi, S. 372. Vgl. auch S. 29 dieser Arbeit.
[303] Vgl. ebd., S. 140.
(Er spricht von einer “Atomexplosion”.) “Der Text
veranschaulicht dem Leser, wie der Mikrokosmos, das Atom als das
‚Kleinkristall‘, mittels der Kernspaltung den Makrokosmos,
jedenfalls den ‚Tausendkristall‘ unserer Erde, mit Vernichtung
überziehen kann.” (Buck, S. 140f., Anm. 87)
[305] Vgl. dazu: Szondi,
S.373ff.; Janz, S. 86.
[307] In
“Todesfuge” heißt es noch: “[...] dann steigt ihr als
Rauch in die Luft” (GWI, 42). Bei einer Atombombenexplosion bleibt nicht
einmal eine “Rauchseele” übrig.
[309] Vgl. Szondi, S.
379.
[310] Außerdem
steht die zweite Worthälfte (“-flucht”) im Zusammenhang mit der
Situation der Verfolgten.
[311] Buck, S. 146.
Szondi schreibt: “Nun meint Aussatz nicht nur die Krankheit. Das
Wort gehört zu ‚aussetzen‘, der Behandlung, der man jene
unterzog, die von dieser Krankheit befallen waren.” (Szondi, S.
380)
[312] Vgl. Pöggeler,
S. 173.
[315] Vgl. ebd., S. 148.
Andere Erklärungen der “Rillen” geben Szondi (“für
immer in das Gedächtnis der Menschheit eingegraben”; Szondi, S. 383)
und Janz (“die einzigen ‚Tempel‘, die von der Geschichte der
Juden noch übriggeblieben sind”; Janz, S. 87f.).
[316] Vgl. Szondi, S.
382. L. Koelle schreibt: “Die Verdopplung der ersten Silbe könnte
[...] auch als Intensivierung der dringenden Bitte um göttlichen Beistand
in der Situation der Todesbedrohung verstanden werden.” (Koelle, S.
108f.)
[326] Vgl. die genauere
Analyse bei Leutner, S. 200ff.
[330] Ebd., S. 203. Zu
den beiden Momente göttlichen Sprechens vgl.: Leutner, S. 202f.; Rey,
William H.: Poesie der Antipoesie, Heidelberg 1978, S. 299f.
[333] Vgl. Menninghaus,
Magie, S. 25ff.; Leutner, S. 203.
[334] Geier, Manfred:
Poetisierung der Bedeutung. Zu Struktur und Funktion des sprachlichen Zeichens
in einem Gedicht von Paul Celan, S. 244.
[336] Menninghaus
schreibt über die Schwierigkeit, bei den Metaphern Celans dem Signifikanten
ein eindeutiges Signifikat zuzuordnen: “Seine Worte sind in ihrer
Differenz zur instrumentell zupackenden Denotation dingfest gemachter
Signifikate (wie) ‚Steine‘, die derart ‚durch die Luft
(gehn)‘, daß sie ‚nicht niedergehn, nicht stürzen, /
nicht treffen. Sie gehen / auf, / wie die geringen Heckenrosen, so tun sie sich
auf, / sie schweben‘ [...].” (Menninghaus, Magie, S.
170)
[337] Menninghaus, Magie,
S. 169f.
[339] Vgl. S. 15 dieser
Arbeit.
[340] Vgl. den
“Stimmen”-Zyklus am Beginn des Bandes “Sprachgitter”
(GWI, 147).
[341] Janz, S. 95. Eine
genauere Untersuchung über Celans Verhältnis zur Musik und im
Speziellen zu Mozart (vgl. das Mozart-Zitat in “Anabasis” [GWI, 256]
und das Gedicht “Müllschlucker-Chöre” [GWII, 160])
unternimmt Pöggeler in: Pöggeler, Tragödie, S. 67-85.
[342] Es handelt sich
dabei manchmal um keine reinen Wiederholungen, sondern um freiere
Wiederaufnahmen des Wortmaterials der vorangegangenen Strophe.
[344] Vgl. Schneider, S.
56.
[345] Celan, Paul:
Sprachgitter. Vorstufen – Textgenese – Endfassung, Frankfurt am Main
1996, S. 90.
[346] Vgl. Szondi, S.
376f.
[347] Z.B.:
“Herzhammersilber” (GWI, 271), “Nacktpflanzenreigen”
(GWII, 47), “Rundgräberschatten” (GWII, 48),
“Augenschlitz-Krypta” (GWII, 65),
“Schwarzgestirn-Schwarm” (GWII, 97).
[348] Vgl. die
Interpretation Neumanns in: Neumann, S. 20f.
[349] Vgl. die Verse aus
“Huhediblu”: “Schwer-, Schwer-, Schwer-/fälliges auf /
Wortwegen und -schneisen.” (GWI, 275)
[350] Vgl. folgende Verse
aus dem Gedicht “Tübingen, Jänner”: “[...] nur
lallen und lallen / immer-, immer- / zuzu.” (GWI, 226) Leutner zeigt u.a.
an diesem Gedicht, daß es neben dem Namen auch andere Formen der
Motivierung der Sprache gibt: “Die Bedeutung des Worts
‚lallen‘ wird in den auf die Erwähnung des Ausdrucks folgenden
Verszeilen auf die Konstitution der Sprache übertragen.” (Leutner, S.
228)
[351] Vgl. Leutner, S.
228.
[352] Vgl. S. 22 dieser
Arbeit.
[353] Vgl. Leutner, S.
229.
[354] Eine Verbindung von
Wortdestruktion und graphischer Abbildung enthält das Gedicht “Keine
Sandkunst mehr”, dessen letzten Verse lauten:
“Deine Frage – deine Antwort.
Dein Gesang, was weiß er?
Tiefimschnee,
Iefimnee,
I - i - e.”
(GWII, 39)
[355] Aus einem Entwurf
des Gedichtes “Mövenküken”. Zit.n.: Pöggeler,
Tragödie, S. 76.
[356] Vgl. Schneider, S.
121, Anm. 1. Menninghaus glaubt sogar, ein “‚ideeller
Gesamtleser‘ würde vermutlich bei fast allen Gedichten Celans in
irgendeiner Weise fündig werden” (Menninghaus, Zitat, S.
178).
[357] Vgl. dazu: Koelle,
S. 125-129; Szondi, S. 390ff.; Gadamer, S. 112-156; Schneider, S. 120-161;
Schulz, Georg Michael: ‚fort aus Kannitverstan‘. Bemerkungen zum
Zitat in der Lyrik Paul Celans, passim; Gellhaus, Axel: Marginalien. Paul Celan
als Leser, passim.
[358] Vgl. Menninghaus,
Zitat, S. 170.
[359] Vgl. Szondi, S.
390ff.
[360] Menninghaus, Zitat,
S. 180.
[362] Menninghaus, Zitat,
S. 181.
[367] Ebd., S. 181. Er
schreibt: “[...] was soll man von einer Bildung halten, die im
angestrengten und auf Zufälle angewiesenen Suchen nach isolierten –
und überdies oft gar nicht als solchen markierten – Daten und Fakten
der Literatur, Theorie oder Geschichte besteht? Statt von Bildung [...]
wäre hier wohl eher von einem abstrakten Datenwissen zu sprechen.”
(Ebd., S. 181)
[368] Koelle, S. 127. Sie
schreibt: “Nähme man alle von Celan erinnerten ‚Daten‘
zusammen, die jeweils auch ihren Kontext mitsprechen lassen, ergäbe
sich tatsächlich ein eigener Kosmos, der von vergangenen Zeitebenen, im
Gedicht revitalisiert, durchdrungen wäre: [...].” (Ebd., S.
127)
[369] Menninghaus, Zitat,
S. 187.
[370] Lorenz, Celan, S.
10.
[371] Lorenz, Otto:
Schweigen in der Dichtung: Hölderlin – Rilke – Celan.
Studien zur Poetik deiktisch-elliptischer Schreibweisen, Göttingen 1989, S.
243.
[372] Vgl. Jamme, Celan,
S. 215.
[373] Jens, Walter
(Hrsg.): Kindlers neues Literatur-Lexikon, Bd. 3, München 1996, S.
775.
[374] Vgl. dazu die
überzeugende Kritik Menninghaus‘ an Szondis radikaler Position:
Menninghaus, Magie, S. 13ff.
[376] Menninghaus, Magie,
S. 82.
[379] Vgl. ebd., S.
87-129. Es handelt sich um astrologische Topoi (Himmel, Stern, Mond, Sonne),
geologisch-chemische (Meer, Land, Erde, Gebirge, Gletscher, Schnee, Eis),
botanische (Blume, Baum, Blatt), optische (Licht, Schatten), anthropologische
(Auge, Mund, Lippen, Hand, Herz, Haar, Haut, Atem) und chronologische (Zeit,
Uhr, Stunde, Tag, Abend, Sommer, Herbst, Winter, Erinnerung, Vergessen).
[380] Menninghaus, Magie,
S. 84.
[381] Vgl. ebd., S. 269,
Anm. 7.
[385] Menninghaus
versucht nicht, bestimmte Farbabstimmungen “auf ein metaphorisches Was
ihres Bedeutens hin” zu verstehen, sondern fragt “statt nach dem
materialen ‚Symbolwert‘ nach der formbezogenen
‚Funktionalität der Farbe‘” (Menninghaus, Magie, S.
181f.). Er stellt fest, daß bei Celan die “sprachgestische
Bedeutungsinsistenz” von Farbworten “in umgekehrter
Proportionalität zu ihrer ‚Dechiffrierbarkeit‘ steht”
(Ebd., S. 179) und kommt zu dem Schluß: “Indem die extrem betonten
Farbprädikationen (Attribuierungen) in ebenso extremer Resistenz gegen eine
Aneignung durch argumentative semantische Begründungslogik verharren [...],
lenken sie Schreiben und Lesen aus der Fixierung auf ein sie
‚dechiffrierendes‘ Für-Anderes-Sein der Worte auf eine
‚Aufmerksamkeit‘ (Me 18) gegenüber ihrem
Für-Sich-Sein.” (Ebd., S. 183) Vgl. zur nicht-instrumentellen
Funktionalität der Farbadjektive: Menninghaus, Magie, S.
183ff.
[386] Sowohl
“schwarz” als auch “Milch” kehren im späteren Werk
Celans in Kontexten des Leids und der schmerzvollen Erinnerung wieder:
“SCHWARZ, / wie die Erinnerungswunde, [...]” (GWII, 57);
“Milchschwester / Schaufel.” (GWII, 150); “[...] daß die
Welle, die honig-/ferne, die milch-/nahe, wenn / der Mut sie zur Klage bewegt, /
die Klage zum Mut, wieder, [...]” (GWII, 134).
[387] Vgl. beispielsweise
den Vers “Wahr spricht, wer Schatten spricht” (GWI, 135) und die
Bemerkungen zur Lichtmetaphorik auf S. 13 dieser Arbeit.
[388] Eine Häufung
von Farbworten muß deshalb aber nicht automatisch negative Bedeutung haben
(vgl. die siebte Partie von “Engführung” [GWI,
202]).
[389] Celan, Paul: Die
Gedichte aus dem Nachlaß, Frankfurt am Main 1997, S.
116.
[390] Vgl. u.a. auch:
“Ein Wort, [...] / schlüpft unters Laub: [...]” (GWI, 68);
“[...] ein Wort nach dem Bilde des Schweigens, / umbuscht von
Singgrün und Kummer.” (GWI, 92); “[...] und das Wort, das
über dir glänzt, / glaubt an den Käfer im Farn.” (GWI, 71);
“[...] gedankenfarben und wild / überwuchert von Worten.” (GWI,
128)
[391] Vgl. dazu: Lehmann,
Jürgen (Hrsg.): Kommentar zu Paul Celans ‚Die Niemandsrose‘,
Heidelberg 1997, S. 150f.
[393] Vgl. Felstiner, S.
65.
[394] Vgl. Menninghaus,
Magie, S. 116f.
[395] Vgl. dazu auch GWI,
135 und GWI, 235.
[398] Vgl. Neumann, S.
74.
[401] Jamme, Celan, S.
223.
[403] Menninghaus, Magie,
S. 109.
4. Rezeption und Literaturkritik
[405] Vgl. dazu: Koschel,
Christine: ‚Malina ist eine einzige Anspielung auf Gedichte‘,
S. 17-22; Weigel, Sigrid: Die Erinnerungs- und Erregungsspuren von Zitat und
Lektüre. Die Intertextualität Bachmann – Celan, gelesen mit
Benjamin, S. 231-249; Böttiger, Helmut: Orte Paul Celans, Wien 1996, S.
79ff.
[406] Vgl. dazu:
Janssen-Zimmermann, Antje: ‚Überall, wo man den Tod gesehen hat, ist
man ein bißchen wie zuhaus.‘ Schreiben nach Auschwitz – Zu
einer Erzählung Herta Müllers, passim.
[407] Zit.n.: Felstiner,
S. 98f.
[408] Piontek, Heinz:
Welt und Wort 8 (1953), S. 200f; zit.n.: Felstiner, S. 106.
[409] Haas, Helmuth:
‚Mohn und Gedächtnis‘; in: Neue literarische Welt 4/13 (1953),
S. 12; zit.n.: Felstiner, S. 107.
[410] Baumgart, Reinhard:
Unmenschlichkeit beschreiben. Weltkrieg und Faschismus in der Literatur; in:
Merkur 19 (1965), S. 48f.; zit.n.: Neumann, S. 94.
[411] Müller-Seidel,
Walter: Probleme der literarischen Wertung. Über die Wissenschaftlichkeit
eines unwissenschaftlichen Themas, Stuttgart 1965, S. 180; zit.n.: Neumann, S.
94.
[415] Vgl. Buck, S. 89;
Koelle, S. 340.
[416] Rumpf, Charlotte:
Die ‚Todesfuge‘ von Paul Celan. Vgl. dazu: Felstiner, S.
162.
[417] Pöggeler,
Tragödie, S. 70.
[418] Huppert, Hugo:
Sinnen und Trachten. Anmerkungen zur Poetologie, Halle 1973, S. 32; zit.n.:
Buck, S. 70.
[419] Vgl. dazu:
Pöggeler, Tragödie, S. 71.
[420] Dora Schrager in
einem Gespräch mit Lydia Koelle; zit.n.: Koelle, S. 341.
[421] Mattenklott, Gert:
Zur Darstellung der Shoa in deutscher Nachkriegsliteratur, S. 30. Vgl. dazu:
Buck, S. 88-92; Koelle, S. 341.
[422] Mattenklott, S.
30.
[426] Baumgart, Reinhard:
Unmenschlichkeit beschreiben. Weltkrieg und Faschismus in der Literatur; in:
Merkur 1/1965, S. 37-50.
[427] Celan,
Nachlaß, S. 104.
[428] Kemp, Friedhelm:
Dichtung als Sprache. Wandlungen moderner Poesie, München 1965, S. 131;
zit.n.: Buck, S. 94.
[429] Frey, Hans-Jost:
Verszerfall; in: Frey, Hans-Jost; Lorenz, Otto: Kritik des freien Verses,
Heidelberg 1980, S. 66; zit.n.: Buck, S. 112.
[430] Zit.n.: Felstiner,
S. 332. Vgl. dazu: Koelle, S. 129ff.
[431] Celan, Paul; Franz
Wurm: Briefwechsel, Frankfurt am Main 1995, S. 239f.
5. Zusammenfassung
[432] Vgl. Leutner, S.
222ff.
[433] Menninghaus, Magie,
S. 16.
[434] Zit.n.: Felstiner,
S. 332.
[435] Weißglas,
Immanuel: ER; in: Neue Literatur 2, 1970; zit.n.: Buck, S. 66f.
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