|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Walser, Martin: Ehen in Philippsburg
Walser, Martin: Ehen in Philippsburg
Stephan Waba
Proseminar-Arbeit
Martin
Walser:
Ehen in Philippsburg
15 Seiten
4524 Wörter
für das
Proseminar
“Martin Walsers
Prosa”
bei Dr. M.
Loew-Cadonna
WS 1998/99
Wenn du diese Arbeit
verwendest, schick bitte ein email an sw.arbeiten@iname.com!
Inhalt
- Zur Entstehung
........................................................................................................... 2
1.1 Martin Walser – Seine Herkunft und deren
Einfluss auf sein Werk ............... 2
1.2 Die Lösung von Franz Kafka
................................................................................ 4
- Ehen in Philippsburg – eine
gesellschaftliche Entjungferung
....................... 4
2.1 Aufbau und Handlung
............................................................................................ 4
2.2 Philippsburg und seine Bevölkerung
.................................................................... 6
2.3 Hans Beumann – eine typische
Walserfigur?
...................................................... 8
2.4 Behandelte Themenbereiche
.................................................................................. 9
- Ehen in Philippsburg im Spiegel
der Kritik
........................................................
11
3.1 Karl Korn: Satirischer Gesellschaftsroman
.......................................................
11
3.2 Rudolf Hartung: Explosion im Wasserglas
.......................................................
12
3.3 Roland Wiegenstein: Gerichtstag über
feine Leute
..........................................
13
- Bibliographie
..............................................................................................................
15
- Zur Entstehung
1.1 Martin Walser – Seine Herkunft und deren
Einfluss auf sein Werk
Martin Walser wurde am 27. März 1927 in
Wasserburg am Bodensee geboren und wuchs auch dort auf. Seine Heimat war und
bleibt zeitlebens die Gegend um den Bodensee, was sich auch auf seine Arbeit als
Schriftsteller auswirkte. Ingrid Kreuzer spricht im Zusammenhang damit von einer
“zähe[n] Verwurzelung im Heimatboden an den Ufern des
Schwäbischen
Meeres”[1],
die jeglichen Mangel an zeitweiser religiöser und politischer
Zugehörigkeit Walsers teilweise kompensierte.
Es wäre aber falsch, Walser zu den
Heimatdichtern im herkömmlichen Sinne zu zählen. Er ist nie ein
provinzieller Autor gewesen, sondern leitete die große Welt aus der
kleinen, intimen Welt des Bodenseegebietes ab. Walser entwickelte sich zu einem
“realistischen Beobachter aktueller menschlicher und gesellschaftlicher
Verhältnisse”[2],
was wohl seinem mit Alltagsproblemen überhäuften Elternhaus, seiner
von der Geschichte unmittelbar betroffenen Jugend und dem Erlebnis der sich
formierenden bundesdeutschen Gesellschaft zu verdanken war.
Walsers Eltern stammten aus bäuerlichen
Verhältnissen und betrieben eine bescheidene Gastwirtschaft in Wasserburg.
Eine der stärksten Erinnerungen aus Walsers Kindheitserinnerungen galt dem
wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, dem die Familie ausgesetzt war. Er begann,
“das Konkurrenzdenken auch auf der untersten Ebene zu
hassen”.[3]
Seine Kindheit und Jugend waren nicht leicht, schon früh mussten er und
seine zwei Brüder im elterlichen Betrieb mitarbeiten.
Die finanzielle Situation verschärfte sich noch
weiter, als 1938 der Vater starb und die gesamte Schuldenlast und die
Führung des Betriebs Walsers Mutter zufiel. Der katholische Glauben half
ihr und ihren Kindern über alles, sogar den Nationalsozialismus hinweg,
wenngleich Walser seine
“Verkrümmung”[4]
auf den Katholizismus zurückführt. Auf Grund des demütigenden
Schicksals der Familie fühlte er sich in seinem kleinbürgerlichen
Bewusstsein unsicher und minderwertig, ein Gefühl, das für seine
schriftstellerische Arbeit noch sehr wichtig werden wird.
Ein weitere negative Erscheinung des Bürgertums
schien Walser die Schule, deren Lehrer “ganz im Dienste eines sie selbst
übersteigenden
Klassenbegriffs”[5]
standen und den Bauernbuben mit einem lächerlichen Klassenanspruch
gegenübertraten, der sich vorwiegend auf Kleidung, Benehmen, Wortwahl und
Geschmack bezog. In Walsers Erinnerungen tritt viel häufiger dieses
merkwürdige Klassenbewusstsein seiner Lehrer zutage, als zum Beispiel deren
nationalsozialistische Gesinnung.
Seine Schulzeit war “von vielen
Kriegsanforderungen
durchlöchert[...]”[6],
Walser musste neben Schule und Arbeit auch Arbeitsdienst leisten, wurde
Flakhelfer, kam zur Hitlerjugend und meldete sich 1944 schließlich zu den
Gebirgsjägern. Kurz vor Ende des Kriegs desertierte er und kam in
amerikanische Gefangenschaft, wo er mit der Betreuung der Lagerbibliothek
beauftragt wurde, was in ihm ein intensives Interesse an Literatur
weckte.
Er wurde früher entlassen, machte 1946 sein
Abitur nach und sich dann auf in das “politisch und wirtschaftlich
verwüstete[...]
Land”.[7] Die
Begegnung mit der städtischen Welt von Regensburg und Tübingen, aber
auch Stuttgart, Stationen seiner Studentenzeit, müssen von dem im
bäuerlich-kleinbürgerlichen Milieu aufgewachsenen Walser besonders
tief empfunden worden sein. Er zeichnete diesen “Aufbruch in die
Welt”[8] in
seinem ersten Roman Ehen in Philippsburg in der Gestalt des Hans Beumann
nach.
Wie schon seine Schulzeit wurde auch Walsers
Studentenzeit durch höhere Gewalt unterbrochen. Auf Grund der
Währungsreform 1948 konnte ihm seine Mutter das Studium nicht mehr
länger bezahlen. Walser kam Dank seiner Beziehungen über das
Studententheater zum Süddeutschen Rundfunk, für den er fortan, bald in
verantwortungsvoller Position, als freier Mitarbeiter tätig war. Obwohl er
immatrikuliert blieb, gab Walser das Studium praktisch auf, entschloss sich aber
1950 dennoch, sein Studium mit einer Dissertation über Franz Kafka
abzuschließen. Im selben Jahr heiratete er Käthe Neuner-Jehle, mit
der er vier Töchter hat.
1951 stieß er während einer Dienstreise
auf eine Tagung der Gruppe 47, dieses Schriftstellerkreises, der aus dem
Redaktionsteam der Zeitschrift Der Ruf hervorging und sich die
“demokratische Elitenbildung auf dem Gebiet der Literatur und
Publizistik” und “die praktisch angewandte Methode der Demokratie in
einem Kreis von Individualisten immer wieder zu demonstrieren mit der Hoffnung
der
Fernwirkung”[9]
zum Ziel setzte. Es ging also um Literatur mit Veränderungsauftrag, eine
Forderung, der auch Walser lange Zeit Nachdruck verlieh. Durch die
“Aufklärungsinstanz”[10]
Literatur sollte Wissen weitergegeben werden, das dem kollektiven Bewusstsein
entzogen ist. Im Umgang mit der Gruppe zeigte Walser Überheblichkeit, aber
auch Können; gewann er doch 1955 für seine Erzählung Templones
Ende den Preis der Gruppe.
Im gleichen Jahr brachte er sein erstes Buch, eine
Sammlung von kafkaesken Kurzgeschichten unter dem Titel Ein Flugzeug
über dem Haus und andere Geschichten heraus; 1957 dann den ersten
Roman, Ehen in Philippsburg, für den er mit dem Hermann-Hesse-Preis
ausgezeichnet wurde. Der Erfolg dieser beiden Publikationen bestätigte
Walser in seinem Wunsch, freier Schriftsteller zu werden. Er kündigte beim
Süddeutschen Rundfunk und kehrte zurück an den Bodensee, von wo er
erneut die Welt entdecken würde.
1.2 Die Lösung von Franz
Kafka
Der schon im Zusammenhang mit seiner Dissertation
erwähnte Franz Kafka übte den ersten und vielleicht tiefgreifendsten
Einfluss auf die schriftstellerische Entwicklung Walsers aus. Ihn faszinierte an
Kafka die “Bestimmtheit der Personen [...], das Unfreiwillige aller
Vorgänge, das Zwanghafte aller
Vorgänge”[11],
er sah, “dass ein Einzelner nichts machen
kann”.[12]
Zu Beginn in seinen ersten Erzählungen hatte er
mit Kafka gemein den Sinn für die “in der Realität liegende
Absurdität”[13],
wodurch eine andere Wirklichkeit sichtbar wird. Das Unerwartete überrumpelt
uns, wir werden in unserem Lebensgefühl unsicher. Und mit uns Walsers
Figuren, die der Absurdität ausgeliefert sind. Sie sitzen “gefangen
in ihrem Lebensschicksal, in dem doch alles geschehen kann, selbst das
Unwahrscheinlichste”.[14]
Walser kopierte Kafka allerdings nicht, sondern
entwickelte von Anfang an einen eigenen Stil, der bloß an Kafka angelehnt
war, in dem “die schweren Empfindungen des Meisters in den Spielraum
freier Erfindung gestellt und abgewandelt
wurden”.[15]
So sind sein Ton und Humor ganz anders und der Druck, den er auf seine Figuren
ausübt, weniger beklemmend als der Kafkas. Zeitkritik ist in Form von
Übersteigerungen der Wirklichkeit ins Groteske zu
erkennen.
Walser brauchte ungefähr 10 Jahre, um sich
schreibend aus seiner Kafka-Faszination herauszulösen. Er erkannte, dass es
ihm schier unmöglich gewesen wäre, die ihm so wichtige soziale
Lebenswelt ausreichend in das Geschehen zu integrieren, hätte er weiterhin
derart
“abstrakte
Konstellationen”[16]
zum Ausgangspunkt seiner Erzählungen gewählt.
- Ehen in Philippsburg
– eine gesellschaftliche
Entjungferung
2.1 Aufbau und Handlung
In Martin Walsers erstem Roman Ehen in
Philippsburg ist von Kafkas Einfluss kaum etwas übriggeblieben. Der
Roman ist realistisch, nicht phantastisch, und ist ein aus vier
unterschiedlichen Teilen zusammengefügtes Panorama einer großen
deutschen Stadt nach dem Krieg und dem Eintritt des Wirtschaftswunders. Walser
intensivierte in ihm die zeitkritischen Ansätze und die satirischen Aspekte
seiner frühen Erzählungen und zieht eine Bilanz der frühen
politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik
Deutschland.
Es geht in den Ehen in Philippsburg besonders
um die “Entlarvung von Druck und Anpassungszwängen, die [...] sich
negativ und deformierend auf alle
auswirken”[17],
besonders aber auf die, die nicht gewillt sind, ihre Prinzipien und ihre
Identität aufzugeben.
Die Handlung lässt sich wie folgt kurz
zusammenfassen:
Im ersten Teil, “Bekanntschaften”, kommt
der ehemalige Student und nunmehrige Journalist Hans Beumann nach Philippsburg
und versucht, dort Fuß zu fassen. Er, der junge, naive Ankömmling aus
dem Dorf Kümmertshausen, sucht vergeblich Arbeit bei einem Verleger, trifft
aber am Tag darauf zufällig seine ehemalige Studienkollegin Anne Volkmann,
die Tochter eines wohlhabenden Rundfunkfabrikanten. Die ganze Familie findet
Gefallen an ihm, der Vater bietet ihm eine Stelle als Redakteur der
Firmenzeitschrift an und Anne wird seine Assistentin. Die tägliche
Nähe bei der Arbeit führt, obwohl Beumann Anne gegenüber eher
gemischte Gefühle empfindet, zu einer sexuellen Beziehung. Der erste Teil
endet mit einer Abtreibung, der sich Anne in der Folge
unterzieht.
Im zweiten Teil, “Ein Tod muß Folgen
haben”, wird von dem erfolgreichen Gynäkologen Dr. Benrath,
Partygänger und deswegen Stütze der Philippsburger Gesellschaft,
erzählt. Benrath führt ein Doppelleben, er betrügt seine sensible
Frau Birga mit der Inhaberin eines Antiquitätenladens, Cécile. Immer
wieder beteuern beide, die Affäre abbrechen zu müssen, aber es kommt
nicht dazu. Schließlich begeht Birga Selbstmord. Sozial ruiniert
verlässt Benrath Cécile und stiehlt sich aus der Verantwortung,
indem er aus Philippsburg flieht.
“Verlobung bei Regen” heißt der
dritte Teil; im Mittelpunkt steht Dr. Alwin, Rechtsanwalt und angehender
Politiker. Auch er hat einige Affären hinter sich, über die er
allerdings nicht spricht; lieber stellt er seine “perfekte Ehe” zur
Schau. Wir treffen Beumann und die Volkmanns wieder, da die Alwins zu Hans und
Annes Verlobungsfeier geladen sind. Den ganzen Abend unterhält sich Alwin
neben Größen aus den Medien, die ihm für seine politische
Karriere nützlich sein könnten, mit Cécile. Er nimmt sie nach
der Feier im Auto mit, sieht sie die ganze Zeit im Rückspiegel an und
verursacht durch seine Unkonzentriertheit einen Autounfall. Aus Angst um seine
politische Zukunft schiebt er die ganze Schuld auf den verunglückten
Motorradfahrer, aber er weiß, dass seine Hoffnungen auf eine Affäre
mit Cécile nun keine Chancen mehr haben.
Mit dem vierten Teil, “Eine Spielzeit auf
Probe”, kehrt der Erzähler zu Hans Beumann zurück. Zunächst
aber geht es um Berthold Klaff, der bei der selben Vermieterin wie Beumann in
Untermiete lebte und gerade Selbstmord begangen hatte. Seine gesamten
Bücher und persönlichen Aufzeichnungen hinterlässt er Beumann. Es
sind allesamt kritische Bemerkungen und Beobachtungen zur Kunst, Gesellschaft,
Politik und der ganzen Welt. Seine Kritik sowie seine Weigerung, sich
anzupassen, stehen in starkem Gegensatz zu Beumanns erfolgreicher Assimilation.
Diese wird nämlich im vierten Teil vollendet; Beumann erhält quasi die
“letzten
Weihen”[18]
der Philippsburger Gesellschaft, er wird in den exklusiven
“Sebastian-Klub” eingeführt. Der Streit mit Hermann, einem
Arbeiter der städtischen Straßenreinigung, der im Toto gewonnen
hatte, und nun seinen Gewinn zum Leidwesen der anderen “Sebastianer”
lautstark im Klub verprasst, zeigt, dass Beumann “angekommen ist”
und nun zur Philippsburger Oberschicht gehört. Dazu gehört
natürlich auch eine außereheliche Affäre, die er sogleich mit
Marga, einer schönen Bardame, anfängt.
2.2 Philippsburg und seine
Bevölkerung
“Philippsburg ist ein Seldwylda oder Abdera. Es
liegt überall und
nirgends”.[19]
Es ist das Modell einer großen deutsche Stadt
zur Zeit Wirtschaftswunders und hebt sich von manch anderer Großstadt
vielleicht nur dadurch ab, dass es das Zentrum eines mächtigen
Massenmedienkomplexes ist. Auch die vielen großen und wenigen kleinen
Leute sind bloße Musterexemplare der modernen Gesellschaft. Denn
“Gesellschaft” bedeutet in Walsers Roman, dem engeren Sinne des
Wortes folgend, “tonangebende Gesellschaft”. Und den Ton geben in
Philippsburg mehrere mittlere Fabrikanten, ein Rechtsanwalt, ein
Gynäkologe, die leitenden Herren vom Rundfunk, der Chefredakteur der
großen Wochenzeitung und die Inhaberin eines exquisiten
Antiquitätenladens an. Die Porträts der zahlreichen Figuren entstehen
aus der gesellschaftlichen Aktion. Ihren gesellschaftlichen Rang weisen die
Leute nämlich durch Parties aus. Je reger die Teilnahme an ihnen, desto
höher das gesellschaftliche Ansehen.
Untereinander sind all die Gruppen der Philippsburger
Gesellschaft eng vernetzt und gemeinsam verfolgen sie ihre “heuchlerischen
und eigennützigen
Interessen”.[20]
Es stört sie nicht im geringsten, welche Opfer ihre Einstellungen und
Handlungen fordern. Das in dieser Hinsicht vielleicht krasseste Beispiel ist der
Rechtsanwalt Dr. Alwin, der, aus kleinbürgerlichem Milieu stammend, in die
“Gesellschaft” eingeheiratet hat. Er ist im Begriff, eine neue
Partei zu gründen, die CSLPD (Christlich-sozial-liberale Partei
Deutschlands), eine Partei, die für alles und nichts steht und die den
politischen Opportunismus versinnbildlicht. Alwin will nämlich seine Macht
nicht zum Wohle der Menschen einsetzen, sondern die Politik nur zu seinem
persönlichen Erfolg missbrauchen.
Diese Einstellung, nämlich die persönliche
Stellung zu missbrauchen und den schrecklichen Egoismus hinter einer
scheinheiligen Fassade des Mittelmaßes zu verstecken, zieht sich quer
durch die Bank. Des Mittelmaßes, ja. Denn je weniger die Bewohner von
Philippsburg es wahrhaben wollen, desto mehr akzentuieren sie “das
Provinzielle, Muffige, todtraurig Zurückgebliebene, verstockt
Kleinliche”.[21]
Das alte Thema von der doppelten Ehemoral wird plötzlich wieder aktuell,
der Zwiespalt zwischen der bürgerlich-konventionellen Zweckehe und
“freien” Verhältnissen wird zweimal durchgespielt, einmal mit
tragischem, einmal mit kläglich-komischem Ende. Die Frau des
Gynäkologen Dr. Benrath nimmt sich das Leben, er setzt sich daraufhin ab
und Dr. Alwin verursacht auf Grund seiner Schwärmerei einen Verkehrsunfall,
der seiner weiteren politischen Karriere wohl nicht sehr zuträglich sein
wird.
Frank Pilipp attestiert der Philippsburger
Gesellschaft “a dualistic view of social reality, polarizing the haves and
the have-nots, the mighty and the weak, the free and the
unfree”.[22]
Auch Karl Korn schlägt in diese Kerbe und geht noch weiter, wenn er meint,
sie “ziert sich durch Manieren, kulturelle Interessen und Phrasen –
und läßt es an dem fehlen, was soziale Führung rechtfertigen
könnte, an Großzügigkeit, Stil und
Ehre”.[23]
Der Durchschnitt, so Korn, sei “biederes
Provinzspießertum”.[24]
Passendes Gegenbild dazu ist wohl nur der
Nonkonformist Berthold Klaff, einer der “have-nots” und
“weaks”, Untermieter bei der selben Vermieterin wie Hans Beumann und
kürzlich entlassener Theaterportier. Spielt sich Beumann von seinem
anfänglichen Außenseiterposten allmählich in die erste Liga der
Gesellschaft vor, bleibt Klaff Außenseiter, verachtet die Kultur, die
Menschenliebe im Allgemeinen und seine Frau im Besonderen. Er verkörpert
Eigenschaften von Beumann, die dieser im Zuge seines Anpassungsprozesses
unterdrücken muss. Klaff ist nicht bereit, sein Ich aufzugeben, sein
intellektuelles Vermögen gegen Geld zu verkaufen. Mit dieser
Kompromisslosigkeit deutet er auf die einzige Alternative zum
“Selbstauflösungsprozess”[25]
Beumanns. Er ist ja die einzige Figur, die ihr Ich behalten
hat.
2.3 Hans Beumann – eine typische
Walserfigur?
In diesen Sumpf der Philippsburger Gesellschaft
gerät nun die Hauptfigur, der junge Journalist Hans Beumann aus
Kümmertshausen, was schon sehr stark eine ländliche,
kleinbürgerliche Herkunft impliziert. Er stammt aus unterprivilegierten
sozialen Verhältnissen, ist ungeübt im Umgang mit der Mittelschicht.
Er ist aber bereit, entsprechende Verhaltensweisen zu lernen. Beumann
“fühlt sich linkisch, ist es wohl
auch”[26],
kann aber Empfehlungen vorweisen und erreicht somit das Ziel seiner Klasse,
“aufzusteigen in die oberste Sphären derer, die etwas zu gelten
glauben”.[27]
Er kommt natürlich bei seinem Versuch, den Chefredakteur der
Weltschau zu sprechen, nicht über die Vorzimmerdamen hinaus, sehr
wohl aber über Anne, die Tochter des Fabrikanten Volkmann. Binnen weniger
Monate avanciert er zum erfolgreichen Philippsburger Bürger und
Fabrikantenschwiegersohn, wird vom “faule[n]
Kulturbetrieb”[28]
zurechtgebogen. Beumanns Handeln ist einerseits durch Unsicherheit im Umgang mit
den gesellschaftlichen Konventionen geprägt, andererseits durch den Wunsch,
sich in dieser Gesellschaft Akzeptanz zu verschaffen.
Seine Aufnahme in die Philippsburger Gesellschaft ist
gleichsam eine Entjungferung seiner bäuerlich-natürlichen Art, die der
scheinheilig-konditionierten schließlich unterliegen muss. Speziell dieser
Konflikt macht Beumann zu einer zerrissenen Figur. Aber auch seine
persönliche Situation, in der er zwischen seiner Verlobten Anne und seiner
Geliebten Marga hin- und herschwankt, sein Alter zwischen Unreife und
Erwachsensein und seine Wohnsituation, nämlich unten im Arbeiterviertel zu
wohnen, während er mit der Familie in dem oben am Berg liegenden
Villenviertel verkehrt, vertiefen diese Zerrissenheit.
Walser schildert die Entwicklung Beumanns als einen
“Prozeß mißlingender
Individuation”.[29]
Es gelingt ihm zwar, die ihm fremden Verhaltensweisen zu lernen, die das
tägliche Leben regelnden Konventionen hindern ihn aber daran, in
Übereinstimmung mit seinen Vorstellungen zu handeln. So entwickelt er sich
zu einem funktionstüchtigen Mitglied der Philippsburger Gesellschaft,
treibt aber schlussendlich nutzlos und ohnmächtig zwischen den
Fronten.
Zwischen den gesellschaftlichen Extremen verliert er
seine Orientierung und schließlich auch seine Identität. Gegen Ende
des Romans, im Zuge seiner Aufnahme in den exklusiven Nachtklub
“Sebastian”, gewissermaßen den Olymp der Philippsburger
“guten Gesellschaft”, schlägt er Hermann, den Arbeiter der
städtischen Straßenreinigung nieder und verleugnet damit
endgültig seine Herkunft. Er entwickelte sich wie all die anderen
systematisch zum erfolgsbesessenen Egoisten um den Preis seiner
Identität.
Mit dieser Entwicklung der Hauptfigur stellt Martin
Walser die bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückreichende Tradition des
Bildungsromans auf den Kopf. Findet dort der Held auf seinem Reifeweg aus einem
anfänglichen Zustand der Verworrenheit und Widersprüchlichkeit zur
inneren Harmonie und Ausgeglichenheit, ist Walsers
“Anti-Held”[30]
am Schluss in zwei Hälften zerrissen
All das macht Beumann zu einer typischen Walserfigur.
Sie alle haben Probleme mit ihrem wenig gefestigten sozialen Status und
können auf wichtige politische und gesellschaftliche Entscheidungen nur
geringen Einfluss ausüben. Ob es sich nun um Hans Beumann, Sabine und
Helmut Halm oder die Zürns handelt, sie sind durchschnittliche
Angehörige der Mittelschicht und kämpfen um sozialen Aufstieg oder
wehren sich gegen den drohenden Abstieg. Sie stehen in einer Welt, der sie sich
nur unterwerfen können oder an der sie zu Grunde gehen müssen. Hans
Beumann, der “intellektuelle
Verräter”[31]
unterwirft sich, Gegenfiguren wie Berthold Klaff gehen zu
Grunde.
2.4 Behandelte Themenbereiche
An erster Stelle ist wohl der Egoismus zu nennen, und
die damit verbundene Sozialkritik. Für Anthony Waine sind die Ehen in
Philippsburg überhaupt eine “abschreckende Studie über den
männlichen
Egoismus”.[32]
Das Buch zeige, wie er sich manifestiert und welche Folgen er haben kann. Neben
der Entwicklung Beumanns zum “erfolgsbesessenen
Egoisten”[33]
erfüllen für Waine besonders die beiden zentralen Kapitel, “Ein
Tod muß Folgen haben” und “Verlobung im Regen” diese
Funktion. Sie sind nämlich fast ausschließlich im Ich der Männer
Benrath und Alwin angesiedelt, wodurch der Leser ihre allerpersönlichsten
Gedankengänge und Motive kennenlernt. Doch führt das
“ungebändigte Ausleben des eigenen
Ichs”[34] zu
tödlichen Konsequenzen, die wiederum eine nachhaltige Wirkung auf das Leben
der Männer ausüben. Auch Berthold Klaff, der Nonkonformist, ist
egoistisch und in dieser Hinsicht um nichts besser als die “hohen
Herren”. Aber das einzige Opfer seines Egoismus bleibt er
selbst.
Zwei weitere Themenbereiche sind mit dem
männlichen Egoismus eng verknüpft, Sexualität und Tod. Speziell
die Sexualität außerhalb der Ehe wird in den Mittelpunkt
gerückt. So meint etwa Anthony Waine, der Titel Ehen in Philippsburg
sei etwas irreführend, da der Leser fast nur etwas über
außereheliche Verhältnisse
erfährt.[35]
Was Waine aber außer acht gelassen hat, ist, dass sehr eindrucksvoll die
Folge der außerehelichen Sexualität auf die Ehe dargestellt wird. Ist
diese Sexualität nämlich, wie schon angedeutet, Ausdruck des Egoismus,
so ist der Tod dessen Folge, die entweder, wie im Falle Benraths, die Ehe
eindeutig beeinflusst oder, wie im Falle Alwins, auf diese wenigstens ziemlich
stark abfärbt. Abgesehen von den, ziemlich offensichtlichen,
Zentralkapiteln über Benrath und Alwin, zeigt aber auch Hans Beumann
bereits nach den ersten hundert Seiten bedenkliche Anzeichen. Dass Anne ihr
uneheliches Kind, hervorgegangen aus ihrem sexuellen Verhältnis, unter
größten Qualen abtreiben muss, vereint die Bereiche Sexualität
und Tod wieder unter dem Gesichtspunkt des Egoismus. Beumann gibt ja selber zu,
“das hat sie alles mir zuliebe
getan”.[36]
Ein weiterer Themenbereich wird weniger plakativ
behandelt, ist aber trotzdem sehr wichtig. Die Verdrängung der
nationalsozialistischen Vergangenheit nämlich. Obwohl seit dem Kriegsende
erst zehn Jahre vergangen sind, scheint es, also ob zumindest die
Gesellschaftsschicht, die in den Ehen in Philippsburg im Mittelpunkt
steht, im Land des Wirtschaftswunders “darüber hinweg” sei. Der
Schein trügt jedoch, es ist deutlich eine “untergründige
Präsenz der faschistischen
Vergangenheit”[37]
spürbar, wenn Berta, die Frau des Betriebsbesitzers Frantzke, zum Beispiel
plant, einen Musikpreis für den Komponisten zu stiften, der “am
reinsten jenen Geist spüren lasse, der deutscher Wesensart Geltung in der
ganzen Welt verschafft
habe”.[38]
Machtmissbrauch; ein weiterer behandelter
Themenbereich, der schon unter 2.2 besprochen wurde. Aber nicht nur die Politik,
auch die Kultur wird missbraucht. Sie hat durch ihren Verbund mit Geld und Macht
viel von ihrem “positive[n], aufklärerische[n]
Potential”[39]
eingebüßt. Sie wird zur Werbung, wird kommerzialisiert. Das zeigt
sich besonders in einer Aussage des Rundfunkfabrikanten Volkmann, für den
Rundfunkprogramme ein volkswirtschaftlicher Faktor sind. “Sie hatten so
auszufallen, daß immer mehr Leute sich Apparate wünschten und immer
bessere Apparate, denn nur so konnten die Umsätze gesteigert [...]
werden”.[40]
Und so sollte auch die neugegründete “programm-press”, deren
Redakteur Beumann wird, ein “Sprachrohr für die eigene [Volkmanns,
Anm.]
Meinung”[41]
sein. Die schon angesprochene Vernetzung der Philippsburger Gesellschaft zur
Steigerung des persönlichen Einflusses und Wohlstandes wird auch bei der
Kultur deutlich, wenn es heißt, Harry Büsgen, der Zeitungsverleger,
sei ein Verbündeter, “weil er in seinen Programmzeitschriften
für die Verbreitung der UKW-Geräte und die Erweiterung der
UKW-Programme eintrete; dafür werde er aber auch mit ersprießlichen
Werbeaufträgen der Gerätefirmen für die Zeitungen [...]
belohnt”.[42]
- Ehen in Philippsburg im
Spiegel der Kritik
“Ein Roman allerdings ist es
nicht”[43]
behauptete Marcel Reich-Ranicki im Hinblick auf die Ehen in Philippsburg.
Er gestand dem Buch zwar das selbe Milieu zu und auch, dass manche Gestalten
auch über ihren Wirkungsbereich, das heißt, den Teil, in dem sie im
Mittelpunkt stehen, hinaustreten. Trotzdem handelt es sich bei den Ehen in
Philippsburg seiner Meinung nach “um vier in sich abgeschlossene,
gänzlich selbständige Erzählungen, die wohl nur aus kommerziellen
Gründen mit der Bezeichnung ‚Roman‘ versehen
wurden”.[44]
Reich-Ranickis oft radikale Beurteilungsmanier ist ja
hinlänglich bekannt, trotzdem steht diese Aussage exemplarisch für
eine Reihe von Kritikern, die den Roman einerseits lobten, andererseits aber
auch ähnliche Schwachpunkte bemängelten. Im Folgenden nun eine
willkürliche Auswahl einiger typischer Standpunkte.
3.1 Karl Korn: Satirischer
Gesellschaftsroman
Auf den ersten Blick, so Korn, scheint Walsers Buch
recht “unerfreulich” zu sein, was die dargestellte Gesellschaft
angehe. Sie ziere sich durch Manieren, kulturelle Interessen und Phrasen und es
fehle ihr an dem, was soziale Führung rechtfertigen könnte,
“Großzügigkeit, Stil und
Ehre”.[45]
In Wahrheit, so Korn weiter, sei das Buch aber vergnüglich, weil es bei
aller Direktheit Humor habe. Walser sei, wie die Jury des Hermann-Hesse-Preises
bereits attestiert hat, ein Satiriker, aber kein “humorloser
Sittenprediger”.[46]
Einige kinohafte Effekte, wie zum Beispiel den
Selbstmord Birgas oder die blamable nächtliche Autokarambolage Dr. Alwins,
nehme der Leser hin und halte sich an den satirischen Witz Walsers. Dem Autor
seien einige treffliche Motive eingefallen, in denen die Philippsburger
Gesellschaft pointiert erscheint, wie das nächtliche Roulettespiel in der
Verlobungsszene, das Nachtlokal “Sebastian”, das aus einem
Etablissement für sakrale Kunst hervorgegangen ist oder die Karikatur des
“weltanschaulichen
Parteimischmaschs”.[47]
Aber, so fragt sich Korn, was sei von solch einem
Autor zu halten. Wie halte es jemand, in dessen Buch andauernd von
“Moral” die Rede ist, selbst mit der schriftstellerischen Moral?
Korn entdeckt hinter der Ironie und dem Vergnügen am gesellschaftlichen
Spiel in der sozialkritischen Darstellung Walsers ein “indirektes
Engagement”[48],
etwa wie “Hier habt ihr das Tableau! Macht euch euren Vers
drauf!”.[49]
Diese Ansicht deckt sich auch mit der der Jury des Hermann-Hesse-Preises, die
dem Leser einen ”kritischen
Standpunkt”[50]
nahelegte.
Walser, so Korn am Schluss, “attackiert nicht,
sondern er trifft. Was könnte man Positiveres
sagen?”.[51]
3.2 Rudolf Hartung: Explosion im
Wasserglas
Rudolf Hartung hebt in seiner Rezension die
Zeitkritik Martin Walsers stark hervor. “Kann uns”, so fragt er,
“ein junger Autor anderes als Kritisch-Polemisches über
Bürgertum und Ehen einer Stadt zu sagen haben, für die er einen
Decknamen wählt, um vielleicht den Vorwurf allzu genauer Porträtierung
von vornherein
abzubiegen?”.[52]
Nein, denn Philippsburg ist nur das Modell einer Stadt und ihre Bewohner als
Musterexemplare der modernen Gesellschaft gedacht.
Die Hauptschwäche dieses “vorzüglich
geschriebenen satirischen
Romans”[53]
liege aber darin, dass Walser dem Leser die Mühe, einen kritischen
Standpunkt einzunehmen, so wie es in der Begründung des
Hermann-Hesse-Preises heißt, gänzlich abnehme. Man habe es mit
Figuren zu tun, die “von ihrem Schöpfer selbst schon ausgezeichnet
exekutiert”[54]
würden.
Außerdem sei der Ausschnitt, den Walser dem
Leser von der Philippsburger Gesellschaft gibt, zu eng. Auch klappe er die
Figuren zu früh auf; der Leser wisse am Ende, was er schon gleich zu Beginn
wusste: “Der Kulturbetrieb ist lächerlich und ziemlich korrupt, seine
Funktionäre und die anderen Honorationen der Stadt sind ehrgeizig, dumm,
eitel”.[55]
Das alles seien Faktoren, die die Spannung minderten.
Die Philippsburger Persönlichkeiten habe Walser
ziemlich krass dargestellt, nur dass diese Krassheit, laut Hartung,
überhaupt nicht schockiere. Die Explosion bleibe bloß im Wasserglas,
“das quirlt und sprudelt munter, aber
unaufregend”.[56]
Bezüglich seines Helden Hans Beumann habe sich
Walser nicht klar entschieden. Wird er auf der einen Seite als Fremdling und
Ausgeschlossener eingeführt, der die Chance hat, mit dem verfremdeten Auge
auf das Geschehen zu blicken und den Status des Nichtangepassten eindrucksvoll
zu schildern, will Walser an Beumann auf der anderen Seite aufzeigen, wie
schnell sich der faule Kulturbetrieb einen Neuankömmling zurechtbiegt.
Eine, wie Hartung meint, unglaubwürdige Entwicklung, da der Held so
ursprünglich nicht angelegt war.
Die grundlegende Problematik, so fasst er zusammen,
liege darin, dass der Roman Walsers zwei einander sich widersprechende
Intentionen verfolge. “Er stellt mit dem negativen Helden eine
‚literarische‘ Figur auf die Bühne, und er will die heutige
Gesellschaft kritisch-ironisch
beleuchten”.[57]
Wird die erste Intention im Laufe des Buches weitgehend preisgegeben, so
schieße die Gesellschaftskritik zu kurz, weil sie sich bloß an der
Oberfläche halte und von keinem “echten
Problembewusstsein”[58]
getragen werde.
3.3 Roland Wiegenstein: Gerichtstag über
feine Leute
Roland Wiegenstein vergleicht Martin Walsers Buch mit
einer Gerichtsverhandlung, einer Verhandlung über “feine
Leute”.
Walser, so meint er, ekle sich vor der Gesellschaft,
genauer vor der “guten Gesellschaft”. So ist sein Philippsburg ein
“bitter treffendes Abbild bundesrepublikanischen
Mittelmaßes”[59]
und sein Held erreicht sein Ziel, aufzusteigen in die oberen Sphären jener,
die etwas zu gelten glauben. Hier begegnet uns auch schon die erste kritische
Äußerung Wiegensteins. “Beumann hat es eigentlich schon nach
hundert Seiten geschafft”, so meint er, “obgleich sein Autor ihn aus
Gründen literarischer Ökonomie weiter mitschleppt und ihm die letzten
Weihen erst später zukommen
lässt”.[60]
Die übrigen Seiten des Buches brauche Walser
nämlich, um genüsslich und mit Scharfsinn die Gesellschaft zu
exekutieren. Den “Angeklagten” Dr. Benrath, Cécile und Dr.
Alwin, deren Fälle genau dargestellt und durchgespielt werden, gesellen
sich viele Zeugen bei, “die nach der Prozeßordnung alle das Recht
hätten, die Aussage zu verweigern, weil sie gezwungen sind, sich selbst zu
belasten”.[61]
Zu ihnen zählt Wiegenstein das Ehepaar Volkmann, den Zeitungsverleger
Büsgen, und einige andere Figuren, die immer wieder auftauchen und damit
die einzelnen Geschichten miteinander verbinden. Dieses gleichbleibende
Personenverzeichnis sei aber, und hier schließt sich Wiegenstein Marcel
Reich-Ranicki an, ein Hilfsmittel, das die Erzählungen nur mühsam
verbinde. Es werde lediglich der Anschein geschaffen, dass mit den Ehen in
Philippsburg ein Roman präsentiert werde.
Ähnlich verhält es sich laut Wiegenstein
mit dem Zorn, den Walser für die “Angeklagten” empfindet.
Selbst wenn mit immer neuen Anspielungen nachgeholfen werde, “so lange,
wie man an dem Buch zu lesen hat, bleibt halt niemand
zornig”.[62]
Ein Moralstück, das nur Todsünden sieht, werde auf Dauer langweilig.
“Walser hat mit jansenistischer Prüderie sein Buch so fest im Griff
gehalten, daß es daran beinahe
erstickt”.[63]
Wenn jemand sich vornehme, ganz strikt bei der Sache zu bleiben, versteinere ihm
die ganze Sache unter den Händen.
Es zeuge nichts eindringlicher, so Wiegensteins
Resümee, von der deutschen Misere, als das “Scheitern eines Autors,
der sie zu beschreiben
unternahm”.[64]
- Bibliographie
Fetz, Gerald: Martin Walser. Stuttgart: Verlag
J. B. Metzler 1997.
Frenzel, Herbert und Elisabeth: Daten deutscher
Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Band 2.
Vom Realismus zur Gegenwart. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
1997.
Hartung, Rudolf: Explosion im Wasserglas. In:
Über Martin Walser. Hrsg. v. Thomas Beckermann. Frankfurt: Suhrkamp
Verlag 1970, S. 19-22
Kindlers Literaturlexikon. München: Kindler
Verlag 1992.
Korn, Karl: Satirischer Gesellschaftsroman.
In: Über Martin Walser. Hrsg. v. Thomas Beckermann. Frankfurt:
Suhrkamp Verlag 1970, S. 28-32.
Morriën, Adriaan: Erotische und
gesellschaftliche Entjungferung. In: Über Martin Walser. Hrsg.
v. Thomas Beckermann. Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1970, S.
16-19.
Pilipp, Frank: The Novels of Martin Walser. A
critical Introduction. Columbia: Camden House Inc. 1991.
Scholz, Joachim: Der Kapitalist als Gegentyp.
Studien der Wirtschaftswunderkritik in Walsers Romanen. In: Martin
Walser: International Perspectives. Hrsg. v. Jürgen Schlunk u. Armand
Singer. New York: Peter Lang Publishing Inc. 1987.
Siblewski, Klaus: Martin Walser. In:
Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Hrsg. v.
Heinz Arnold. München: edition text & kritik 1978.
Waine, Anthony: Martin Walser. München:
Verlag C. H. Beck, 1980.
Walser, Martin: Ehen in Philippsburg.
Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1957.
Wiegenstein, Roland: Gerichtstag über feine
Leute. In: Über Martin Walser. Hrsg. v. Thomas Beckermann.
Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1970, S. 23-28.
© 1999 by Stephan Waba. All rights
reserved.
[36] Suhrkamp
Taschenbuch 1209, S. 129
|