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Lessing, Gotthold Ephraim: Fabeln
LESSING: Fabeln B. Schmid
Definition
Fabel (von lateinisch fabula: Erzählung)
Im weiteren Sinne das Handlungsgerüst eines epischen oder dramatischen
Werkes, also der stoffliche und thematische Grundplan, heute häufig auch
mit dem englischen Begriff Story bezeichnet.
Im engeren Sinne selbständige, kurze episch-didaktische Gattung in
Prosa- oder Versform, die eine allgemein gültige Lebensweisheit oder
moralische Wahrheit vermittelt, die üblicherweise als “Moral”
(Fachbezeichnung Epimythion) am Ende der Geschichte zusammengefasst wird. Thema
der Fabel sind in der Regel Auseinandersetzungen zwischen Tieren, die mit meist
stereotyp verwendeten menschlichen Charaktereigenschaften ausgestattet sind (der
schlaue Fuchs, der mächtige Löwe), seltener können die
Handlungsträger auch Pflanzen oder Gegenstände aus der unbelebten
Natur sein. Dabei wird der Vergleich in allen Einzelheiten ausgeführt, auch
wenn die Umstände und Ereignisse nicht immer realistisch sind (sprechende
Tiere).
Lessings Fabeltheorie
Die wohl bekannteste Definition der Fabel verfasste Lessing in seiner
Abhandlung “Von dem Wesen der Fabel”.
Das folgende Zitat Lessings stammt aus dieser Abhandlung: “Wenn
wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall
zurückführen, diesem besonderen Falle die Wirklichkeit erteilen, und
eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend
erkennt. So heisst diese Erdichtung Fabel.”
Lessing war fest davon überzeugt, die Fabel müsse ein Lehrwerk,
ihr Endzweck ist also der moralische Lehrsatz, sein, und nicht die Belustigung
als Ziel haben. Von den Fabel Jean de la Fontaines (franz. Fabulist, Ende 17.
Jhd.), die mit viel Zierat und Schwulst versehen waren, sagte er sie seien
untauglich für das unmittelbare erkennen der moralischen Wahrheiten.
Lessing verfocht also theoretisch und praktisch die epigrammatisch zugespitzte
und knappe Prosaform. Die “typische” Lessing’sche Fabel ist
kurz, pointiert, vers –und reimlos und fällt gegenüber jener
seiner Zeitgenossen, Breitinger, Gottsched, Haller, Hagedorn, Gleim, J.P. Uz
oder Gellert, an prägnanter Einfachheit auf. Dies verleiht seinen Werken
einen tiefen Realitätsgehalt. Dazu kommt noch die äusserst exakte
Sprache als ein wichtiges Element des Realismus. Seine tiefgreifende
Beschäftigung mit der Äsop’schen Fabelform (Äsop: ein
Fabulist aus der Antike) spielte eine wichtige Rolle für Lessings
Theorie.
Obwohl in Lessings Fabeln auch Götter und Menschen, Bäume und
Pflanzen auftreten können, sind für sie doch handelnde Tiere
charakteristisch. Als Ursache, “warum der Fabulist die Thiere oft zu
seiner Absicht bequemer findet, als die Menschen (1)”, nennt Lessing
“die allgemein bekannte Bestandheit (Beständigkeit) der
Charaktere (2)”. Würde man Personen mit ihren oft unbekannten
Verhältnissen in Fabeln benutzten, wäre eine umständliche
Charakterisierung notwendig, um bestimmte moralische Wahrheiten sichtbar zu
machen und bei allen Lesern die gleichen Assoziationen zu erwecken. Die
Tiercharaktere jedoch ist einfach und jedem bekannt. Lessing gibt in seiner
zweiten Abhandlung “Von dem Gebrauch der Tiere in der Fabel”,
aus der auch die Zitate (1) und (2) stammen, ein gutes Beispiel um dies zu
erläutern.
“Man hört: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie
hören? Wer war dieser? Wer jener? In welchem Verhältnis stehen sie
gegeneinander? – Aber wenn man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich
weis jeder, was er höret, und weis, wie sich das eine zu dem andern
verhält.”
Lessings Position in der Aufklärung
Lessing, der ähnlich wie Kant als grosser Geist am Ende der
Aufklärung deren rigiden Rationalismus teilweise überwand, war der
einzige Schriftsteller, der in gleichem Masse auf literaturtheoretischem und
–kritischem Gebiet sowie in der dichterischen Praxis hervorragende
Bedeutung erlangte. Obwohl erst Herder (deutscher Philosoph, Theologe und
Dichter, Ende 18. Jhd.) zu einer wirklich historischen Sicht dieses Genres
gelangte, hat Lessing dadurch, dass er bei seiner Fabeltheorie –und praxis
von einer realen Weltanschauung ausging und gewisse Beziehungen zwischen Tier
und Mensch zur Erklärung der Besonderheit der Fabel heranzog, den Grund
für eine solche auf die Erkenntnis der Gesetzmässigkeiten der
Wirklichkeit orientierte Sicht gelegt.
Quellen: -Von Wilpert, Gero: Sachwörterbuch der
Literatur
-Kindlers neues Literaturlexikon
-Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie
-Der neue Brockhaus, Band 2
-Meyers Enzyklopädie
-Die Deutschen Klassiker; Epochen
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