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Cicero, Marcus Tullis (106v.-43v.)
M. TULLIUS
CICERO
LEBEN UND
WERK
Über Cicero ist aus der Antike reichlich Material
erhalten. Die bedeutendsten Quellen sind die über 800 erhaltenen Briefe aus
seiner Korrespondenz (16 Bücher “Ad familiares,” 16 Bücher
an seinen Freund und Verleger T. Pomponius Atticus, “Ad Atticum”,
und 3 Bücher “Ad Quintum fratrein”), zahlreiche Selbstzeugnisse
in seinen anderen Werken und eine von Plutarch (um 46 bis nach 119) in
griechischer Sprache verfaßte Biographie.
Jugend und Ausbildung
Wie so viele bedeutende Vertreter des Römertums ist
auch Marcus Tullius Cicero - der Beiname der Familie wird auf
“cicer”, die Kichererbse, zurückgeführt – nicht in
Rom geboren, sondern am 3. Jänner 106 in Arpinum, einer kleinen Landstadt
ungefähr 100 Kilometer südöstlich von Rom. Sein Vater
gehörte dem politisch zweitrangigen “ordo equester”, dem
Ritterstand, an und hatte als Bürger von Arpinum das Stimmrecht in der
“tribus cornelia” in Rom, einem der städtischen Wahlbezirke.
Allerdings fehlte es der Familie nicht an Verbindungen zur römischen
Nobilität, und so konnten den Söhnen, Marcus und seinem vier Jahre
jüngeren Bruder Quintus, in Rom die besten Voraussetzungen für
Ausbildung und politische Karriere geschaffen werden. Als junger Mann wurde er
im festlichen Zug aufs Forum geleitet, und dort erfolgte die Eintragung in die
Bürgerliste. Anschließend wurde er der römischen Sitte
gemäß in der Form der “deductio“ führenden
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens beigegeben, in deren Gefolge
wurde er Zeuge des Wirkens der Politiker auf dem Forum und im Senat und lernte
so die politische Praxis kennen. Der hochverehrte Crassus war 91 v. Chr.
gestorben und Cicero kam zu einem berühmten Rechtsgelehrten, dem Augur
Quintus Mucius Scaevola. Dieser hatte im Jahre 117 v. Chr. das Konsulat inne
gehabt. Cicero nahm an den Rechtsberatungen des Scaevola teil und legte damit
den Grundstein zu seiner profunden Kenntnis des privaten und öffentlichen
Rechts. Nach dem Tode des Augurs kam er zu einem weiteren Mitglied dieser
Familie, dem Pontifex Scaevoila bei dem er seine Studien weiterführte. Doch
als auch dieser verstarb, beendete Cicero seine Ausbildung und leistete unter
Pompeius Strabo sein Militärjahr. Großen Eindruck auf Cicero machte
danach der aus Athen emigrierte Philosoph Philon von Larissa, der lehrte, man
könne durch das Erörtern von Für und Wider (in utramque partem
disputare) der Wahrheit am nächsten kommen. Dafür die besten
Gesichtspunkte zu ermitteln, war wesentlicher Teil der Rhetorik und wurde als
“inventio” bezeichnet (Auffindung des Themas). In einem nicht
vollendeten Lehrbuch der Rhetorik mit dem Titel “Rhetorici libri”,
auch “De inventione” genannt, legte Cicero die Ansicht dar,
daß entgegen der gängigen Meinung Rhetorik mit Philosophie verbunden
werden müsse.
Das eigentliche Ziel Ciceros war jedoch, wie seine
Vorbilder, die Redner Crassus (140-91) und Antonius (143-87), kraft seiner
Rhetorik politisch wirksam aufzutreten. Daß es der ebenfalls aus Arpinum
stammende C. Marius auf sieben Konsulate gebracht hatte, obwohl auch er nur ein
Neuling (homo novus - ohne frühere Mitglieder seiner Familie im
senatorischen Rang) aus dem Ritterstand gewesen war, mag Cicero angespornt
haben.
Ämtertaufbahn
Die erste veröffentlichte Prozeßrede Ciceros
stammt aus dem Frühjahr 81 und handelt von einer Schuldforderung. Hier
gelang es Cicero, die berühmten Prozeßredner Philippus und Hortensius
zu schlagen. Im nächsten Jahr übernahm Cicero die Verteidigung in dem
Kriminalprozeß “Pro Sexto Roscio Amerino” gegen einen
Günstling Sullas.
Die aufreibende Prozeßtätigkeit
beeinträchtigte Ciceros Gesundheit. Um eine weniger anstrengende
Sprechtechnik zu erlernen, aber auch um seine philosophische Bildung zu
vertiefen, entschloß er sich zu einer Reise (79-77). Zunächst
studierte er in Athen an der Akademie, der von Platon (428/27-348/47)
gegründeten Philosophenschule. Nach Studien in Kleinasien traf er in Rhodos
auf den Rhetor Apollonios Molon, der unter dem Eindruck einer Redeübung
Ciceros gesagt haben soll: ,,Dich, Cicero, lobe und bewundere ich, aber
Griechenlands Schicksal beklage ich, da das einzige, was uns noch geblieben war,
Bildung und Redekunst, durch dich auch noch auf die Römer überging"
(Plutarch 4,7).
Nach Rom zurückgekehrt, setzte Cicero seine
Anwaltstätigkeit fort. Im Jahr 76 wurde er zum Quästor gewählt,
damit hatte er die erste Stufe des “cursus honorum” erreicht. Er
erhielt 75 Lilybaeum (am Westkap Siziliens, j. Marsäla) als Amtsgebiet.
Seine wichtigste Aufgabe war es, die für den Staat notwendig gewordene
Getreideversorgung sicherzustellen, die er mit einer für damalige
Verhältnisse geradezu einzigartigen Gewissenhaftigkeit und
Unbestechlichkeit erfüllte. Nach der Quästur gehörte Cicero in
Rom nunmehr dem Senat an. Um in der Ämterlaufbahn aufzusteigen, setzte er
sich als “patronus” im Bemühen um künftige Wähler
für Hilfesuchende aller Schichten ein.
Gaius Verres, ein Vornehmer (“nobilius”) mit
weitreichenden Verbindungen in Rom, hatte 73-71 als Statthalter die Provinz
Sizilien verwaltet und übler gehaust als in einem feindlichen Land. Die bis
auf den letzten Blutstropfen ausgesogenen Sizilier konnten erst nach Ablauf
seiner Amtszeit einen Versuch unternehmen, Verres zur Rechenschaft zu ziehen.
Die Siziler wandten sich an ihren früheren Quästor Cicero und
erinnerten ihn an sein Versprechen, ihnen zu helfen. Er konnte sich also der
Bitte dieser nicht entziehen und reichte als deren “patronus” anfang
des Jahres 70 v. Chr. die Klage gegen Verres ein. Aus dem Prozeß gegen
Verres ging er endgültig als der unbestritten beste Prozeßredner Roms
hervor.
Als Ädil kam Cicero im Jahr 69 der diesem Amt
zukommenden Organisation der öffentlichen Spiele nach. 66 war er
Prätor. Zu den wichtigsten Aufgaben des Prätors gehörte das
Richteramt und die Übernahme des Gerichtsvorsitzes. Cicero erhielt den
Vorsitz im Repetuntengerichtshof, nach seinem Auftretten im Verres-Prozeß
erschien er als der berufene Mann für dieses Amt. Das Wort des Prätors
besaß politisches Gewicht, und seine Stellungnahme zu politischen Fragen
konnte ihm entweder Gegner oder Helfer bei seiner Wahl zum
nächsthöheren Amt, dem Konsulat einbringen. Cicero hielt seine erste
politische Rede als Prätor in einer Volksversammlung. Reden vor Gericht,
die dem rhetorischen “genus iudiciale” zugeordnet wurden, zum
“genus deliberativum”, der beratenden Art der Rede.
In der Rede “De imperio Cn. Pompei” setzte er
sich für den Oberbefehl des Pompeius im Mithridatischen Krieg ein. Er sah
die Notwendigkeit, ihn nicht der Senatspartei zu entfremden und ihn nicht
völlig ins populare Fahrwasser geraten zu lassen – auch der
Quaestorier Caesar sprach für den Antrag - , zugleich fühlte sich
Cicero aber auch persönlich zu dem ritterbürtigen Standesgenossen
hingezogen, weil dieser gerade wie er die Ressentiments der Adelskaste zu
spüren bekam. So weiß Cicero in der Rede vielsagend darauf hin, wie
ungewöhnlich und unglaublich es sei, das ein römischer Ritter zu all
diesen Ehren emporgestiegen sei, und dazu noch ohne die Ämterlaufbahn
ordnungsgemäß absolviert zu haben. Pompeius erhielt den Oberbefehl
und kehrte erst 61 siegreich aus Kleinasien zurück.
Weiters verteidigte Cicero zur Förderung seiner
politischen Laufbahn im Jahr 66 sogar einen ehemaligen Gegner.
Um auf dem Wege zum Konsulat nicht behindert zu werden,
ließ sich Cicero nach Ablauf seiner Prätur von der Verpflichtung
befreien, eine Provinz zu übernehmen. Von seinen Gegenkandidaten betrieben
hauptsächlich C. Antonius Hybrida und L. Catilina unverhohlen
Wählerbestechung, was den Senat zum Beschluß eines verschärften
Gesetzes gegen “ambitus” (unerlaubte Wahlwerbung) veranlaßte.
Als ein Volkstribun dagegen Einspruch erhob, nutzte Cicero die Gelegenheit zu
seiner “Oratio in toga candida” (die reinweiße Toga des
Amtsbewerbers, des “Kandidaten”), einer Wahlrede, in der er die
verbrecherischen Umsturzpläne seiner beiden gefährlichsten
Konkurrenten um das Konsulat aufdeckte und sich selbst als den
“defensor” des röm. Volkes ankündigte. Sein Bruder Quintus
sagt über seine Gegner, “sie seien zwar von Adel, aber ausgemachte
Lumpen. In ihrem Falle wage man sogar nicht einmal das sonst unweigerlich
auftauchende Argument zu gebrauchen, daß ihr Adel sie mehr empfehle als
andere ihre Tüchtigkeit” und weiters “ der Ruhm Ciceros als
Redner sei sein Hauptvorteil – darauf müsse er alles
abstellen”.
Schließlich wurde Cicero für das Jahr 63 mit den
Stimmen sämtlicher Zenturien (Einheiten der Volksversammlung) zum Konsul
gewählt. Sein Kollege wurde C. Antonius, dem der Cicero nahestehende P. als
Quästor zugeteilt war.
Als Konsul wandte sich Cicero zunächst gegen das
Plebiszit (in der Versammlung der Plebs gefaßter Beschluß) einer
Landverteilung, ein seit den Gracchen ungelöstes Problem. In seinem
Gegenvorschlag für eine “lex agraria” versuchte er, sowohl den
Bedürftigen der Großstadt ausreichenden Grundbesitz zuzuteilen als
auch die bisherigen Grundbesitzer gerecht zu entschädigen. Seine drei Reden
“De lege agraria” führten zu einem Sieg der Autorität des
Senats.
Den größten und zugleich verhängnisvollsten
Erfolg seiner politischen Laufbahn errang Cicero mit der Aufdeckung der
Verschwörung des Catilina. Als dieser nämlich auch bei den Wahlen des
Jahres 63 das Konsulat verfehlte, konnte ihn nichts mehr von seinen
Umsturzplänen abhalten. Aus Ciceros vier Reden “In L.
Catilinarn” und aus Sallusts historischem Werk “Bellum
Catilinae” läßt sich das Geschehen der Verschwörung
nachvollziehen. Durch seine erste Rede zwang er Catilina zum Verlassen der
Stadt, doch blieb eine Anzahl seiner Genossen zurück. Cicero teilte in
seiner zweiten Rede das Vorgefallene dem Volke mit und beruhigte die
Bürger. Durch Briefe der Catilinarier an eine damals in Rom weilende
Gesandtschaft der Allobroger wurden ihre Pläne aufgedeckt. In der Nacht zum
3. Dezember wurden die Verschwörer verhaftet. Die dritte Rede berichtet
darüber dem Volke. Die entscheidende Senatssitzung war am 5. Dezember. Der
designierte Konsul Silanus stimmte für die Hinrichtung. Caesar warnte
davor, da gesetzmäßig die Tötung eines römischen
Bürgers ohne Gerichtsurteil unstatthaft sei, und beantragte
lebenslängliche Haft und Vermögenseinziehung. Cicero sprach in seiner
vierten Rede für den Antrag des Silanus, dem auch Cato zustimmte, und
dieser Antrag ging durch. Noch in derselben Nacht wurden die Gefangenen im
Tullianum erdrosselt. Ein Dankfest wurde beschlossen und Cicero stand auf der
Höhe seines Ruhmes, man feierte ihn als “pater patriae”. Zu
Beginn des Jahres 62 wurde Catilina, der in Etrurien ein Heer gesammelt hatte,
von dem Senatsheer bei Pistoria geschlagen und fiel selbst in der
Schlacht.
Exil und Rückkehr
Cicero trat vehement gegen Caesars antisenatorische Politik
auf, weshalb dieser ihn auszuschalten trachtete; dabei bediente er sich eines
Mittelsmannes:
Er verhalf dem Patrizier P. Claudius, einem Feind Ciceros,
das Volkstribunat zu erlangen, indem er ihm den Übertritt in den
Plebejerstand ermöglichte. Als Clodius (plebejische Namensform) brachte
dieser dann im Jahr 58 ein Gesetz durch, das sogar rückwirkend die
Ächtung dessen verlangte, der einen röm. Bürger ohne ordentliches
Gerichtsverfahren und ohne Zustimmung des Volkes habe hinrichten lassen.
Daraufhin sah sich Cicero gezwungen, ins Exil zu gehen Er begab sich
zunächst nach Dyrrhachion, j. Durrez, Albanien, dann nach Thessalonike.
Inzwischen ließ Clodius durch seine Straßenbanden Ciceros Haus auf
dem Palatin und sein Landhaus in Tusculum (Villenvorort in der Nähe Roms)
zerstören. Als der Terror immer unerträglicher wurde, stellten die
Volkstribunen T. Annius Milo und P. Sestius eigene Gegentruppen auf. Erst durch
deren Schutz wurde es möglich, daß man sich für Cicero im Senat
einsetzte. Endlich sprach auch Pompeius für die Rückkehr Ciceros. Mit
Beifall und Glückwünschen wurde Cicero bei seiner Heimkehr empfangen.
Seine Freude darüber brachte er in den Dankesreden an den Senat und an das
Volk zum Ausdruck. Als P. Sestius, der wesentlich an der Rückberufung
Ciceros beteiligt gewesen war, von den Hintermännern des Clodius wegen
Gewaltanwendung (de vi) angeklagt wurde, nutzte Cicero in der Verteidigungsrede
Pro Sestio die Gelegenheit, sein politisches Programm darzulegen und zum
“consensus omnium bonorum”, d. h. aller verfassungstreuen
Bürger, aufzurufen. Die Erneuerung des Triumvirats zwischen Caesar,
Pompeius und Crassus machte allerdings diese Hoffnungen Ciceros zunichte, und er
mußte sich dem Druck der Mächtigen beugen. So führte er in der
Rede “De provinciis consularibus” für Caesar rechtliche
Gründe an, warum dieser nicht aus Gallien zurückbeordert werden
dürfe. In der Politik ausgeschaltet, beschäftigte sich Cicero in den
Jahren 55 bis 51 mit wissenschaftlichen Arbeiten, aus denen rhetorische und
philosophische Schriften hervorgingen. In der Öffentlichkeit trat er nur
als Sachverwalter auf, so verteidigte er den T. Annius Milo, der der Mitschuld
an Clodius´ Ermordung (52) angeklagt war; doch mußte dieser trotzdem
nach Massila in die Verbannung gehen.
Prokonsulat
Ehemalige Konsuln waren gesetzlich verpflichtet, als
Prokonsuln für mindestens ein Jahr die Verwaltung einer Provinz zu
übernehmen. Daher mußte auch Cicero - gegen seinen Willen - im Sommer
51 in die Provinz Cilicien (im Südwesten Kleinasiens) aufbrechen. Dort
zeichnete er sich (wie schon als Quästor in Sizilien) durch unbestechliche
und gerechte Amtsführung aus. In Kämpfen gegen die Parther, bei denen
er von seinem durch Caesar in den Gallischen Kriegen ausgebildeten Bruder
Quintus wesentlich unterstützt wurde, war er so erfolgreich, daß
seine begeisterten Soldaten ihn durch Zuruf mit dem Titel
“imperator” auszeichneten.
Bürgerkrieg
Inzwischen war der Gegensatz zwischen Pompeius und Caesar
immer stärker geworden. Wenige Tage nach Ciceros Rückkehr aus seiner
Provinz überschritt Caesar mit seinen Soldaten den Fluß Rubico und
eröffnete durch dieses bewaffnete Vordringen gegen Rom den Bürgerkrieg
(49 v. Chr.). Cicero hatte zu vermitteln versucht, jedoch ohne Erfolg. Vielmehr
hatte der Senat gegen Ciceros Stimme durch ein “senatus consultam
ultimum” den Notstand ausgerufen, Caesar zum Staatsfeind erklärt und
Pompeius den Oberbefehl übertragen. Nach langem inneren Ringen, wem er sich
anschließen sollte, entschied sich Cicero für Pompeius, nahm aber an
den Kämpfen nicht teil. Als nach der Niederlage von Pharsalos und der
Ermordung des Pompeius im Jahr 48 Cato d. J. dem ranghöheren Cicero den
Oberbefehl über die restlichen Truppen des Pompeius anbot, lehnte dieser ab
und wäre daraufhin beinahe von fanatischen Pompejanern erschlagen
worden.
Unter Caesar
Die Hauptstadt befand sich nunmehr vollständig in den
Händen der Caesarianer. Nach einem Jahr bangen Wartens im
süditalischen Brundisium (jetzt Brindisi) traf Cicero endlich mit dem von
Kämpfen in Ägypten und Kleinasien heimkehrenden Caesar zusammen und
erhielt die Erlaubnis zur Rückkehr nach Rom. Er sah sich aber dazu
genötigt, dem öffentlichen Leben völlig fernzubleiben. Nur als
Verteidiger trat er für die Begnadigung nahestehender Persönlichkeiten
ein z.B. in den Reden “Pro Marcello”, “Pro Ligario” oder
“Pro Deiotaro”.
In dieser Zeit entstanden die Werke “Brutus” und
“Orator”, die sich mit der Geschichte der römischen Redekunst
und der Theorie der Rhetorik befaßten. Im Frühjahr 45 starb Ciceros
Tochter Tullia, was ihn tief erschütterte. In dieser Lage nahm er Zuflucht
zur literarischen Gattung der “consolatio” (einer Trostschrift an
sich selbst) und erneut zu philosophischer Schriftstellerei.
Nach Caesars Tod
Da M. Antonius die Nachfolge Caesars beanspruchte, galt es
für Cicero, der sich jetzt als der eigentliche Repräsentant der
“res publica” fühlte, ihm den Kampf anzusagen. Immerhin hatte
ja der Caesarmörder Brutus nach der Tat Ciceros Namen gerufen und ihn zur
wiedererlangten Freiheit beglückwünscht. In 14 Reden - in Erinnerung
an die Reden des Demosthenes gegen König Philipp von Makedonien, welcher
der griechischen Demokratie ein Ende bereitet hatte (im Jahr 338 durch die
Schlacht bei Chaironeia), Orationes Philippicae genannt, ein Begriff, der bis
heute für die Bezeichnung einer Brandrede verwendet wird - trat Cicero
energisch gegen Antonius auf und versuchte den Senat zu überzeugen,
Antonius für einen Staatsfeind zu erklären. Ein letztes Mal hoffte er
auf die Verwirklichung der “concordia omnium bonorum”, mit denen er
jetzt eine Front gegen Antonius bilden wollte. Doch Ciceros Hoffnungen wurden
zerschlagen, als Antonius sich mit C. Caesar Octavianus (dem späteren
Kaiser Augustus) verbündete, den Caesar testamentarisch adoptiert und zum
Erben eingesetzt hatte. Auf Betreiben des Antonius wurde Cicero geächtet
und der Überlieferung nach am 7. Dezember 43 ermordet. Seiner Leiche wurden
Kopf und Hände abgeschlagen und dem Wunsch des Antonius gemäß
auf den “rostra” (Rednerbühne) in Rom
ausgestellt.
Der Schriftsteller
Den schriftstellerischen Ertrag von Ciceros Tätigkeit
als Staatsmann und Anwalt stellen die Reden dar, deren wichtigste und
bedeutendste in seiner Lebensbeschreibung angeführt wurden. Dort ist auch
erwähnt, daß Cicero Werke über die Theorie der Beredsamkeit und
über verschiedene Fragen der Philosophie verfaßt hat. In der ersten,
der wissenschaftichen Schriftstellerei gewidmeten Ruhepause (nach seinem
Konsulat) vollendete Cicero die Schrift ,,De oratore". In drei Büchern
behandelt sie das Wesen des Redners, seine Ausbildung, die Auffindung des
Stoffes, seine Einteilung, Einprägung, den rednerischen Stil und die
Vortragskunst. Die zweite Schrift ,,De re publica" (54), in sechs Büchern,
hat Plato als Vorbild und beschäftigt sich eingehend mit der besten
Staatsform. Die drei Bücher ,,De legibus" ergänzen diese Schrift,
untersuchen die Grundlagen des Rechtes und geben auch Vorschläge
für sakrale und Verfassungsgesetze. Die Hauptwerke der zweiten Periode
(nach seiner Rückberufung aus der Verbannung) sind: ,,Brutus de claris
oratoribus", eine Geschichte der römischen Beredsamkeit, der ,,Orator", das
Idealbild des Redners, beide 46. Im verlorenen ,,Hortensius" hat Cicero den Wert
und die Bedeutung der Philosophie erörtert und zur Beschäftigung mit
ihr ermahnt. 45 erschien das bedeutendste der philosophischen Werke Ciceros
“De finibus bonorum et malorum”; es handelt über die Lehren vom
höchsten Gut und vom größten Übel. An dieses reihen sich in
demselben Jahre die ,,Tusculanarum diputationum libri quinque" an, die in
leicht faßlicher Art ethische Fragen erörtern. Die folgenden ,,De
natura deorum libri tres" sind Untersuchungen über die Entstehung und
Erhaltung der Welt und über das Walten der Gottheit. ,,Cato maior de
senectute” sucht nach griechischen Vorbildern die Vorwürfe, die
gewöhnlich gegen das Greisenalter erhoben werden, durch den Mund des alten
Cato zu widerlegen. Als Cäsar ermordet wurde, schrieb Cicero eben an den
zwei Büchern “De divinatione”. Sie behandeln die Frage nach
Möglichkeit und Umfang der Weissagekunst. Die ,,Academica" setzen sich mit
den damaligen Erkenntnisproblemen kritisch auseinander. ,,De officiis" ist ein
wichtiges Handbuch der Pflichtenlehre. Im ,,Laelius de amicitia", einem Dialog,
den Ciceros Freund Atticus gewidmet ist, läßt er C. Laelius, einen
Freund Scipios, seine Gedanken über Wert und Wesen der Freundschaft
entwickeln.
Außer den Reden, den rhetorischen und philosophischen
Schriften sind uns von Cicero vier große Briefsammlungen erhalten, drei
Sammlungen von Briefen an je einen Empfänger und eine mit Briefen an
verschiedene Empfänger. Diese umfaßt in 16 Büchern die
sogenannten ,,epistulae ad familiares”. Die Empfänger der anderen
erhaltenen Sammlungen sind Ciceros Bruder Quintus (3 Bücher mit Briefen aus
den Jahren 60-54), T. Pomponius Atticus (16 Bücher aus der Zeit 68-44), M.
Junius Brutus (2 Bücher aus dem Jahre 43). Das gesamte Erleben Ciceros
spiegelt sich in seinen Briefen wider, so daß sie uns den besten Einblick
in alle Lebenslagen geben, von denen er Freunden Mitteilung machte. Neben diesem
Inhalt sind sie heute ebenso wie seine Reden Quelle für die Kenntnis der
damaligen Zeitvorgänge, indem sie uns viele Tatsachen für das
Verständnis der Vorgänge im öffentlichen und privaten Leben
darbieten.
Die nach den Lehren griechischer und lateinischer Rhetoren
gebauten Reden galten für alle Jahrhunderte als mustergültig. Durch
seine sprachlich formvollendeten und planvoll aufgebauten Reden wurde
Cicero zum Schöpfer der lateinischen Kunstprosa, die in seinen
rhetorischen und philosophischen Schriften ebensolche Meisterwerke aufzuweisen
hat. Seine Sprache gilt neben der Cäsars als das mustergültige
klassische Latein. Auf philosophischem Gebiete hat er das Verdienst, für
die Römer und in der Folge auch für das ganze Abendland der Vermittler
der Leistungen hellenischer Denker geworden zu sein. Seine rhetorischen und
philosophischen Schriften sind aber auch wichtige Zeugnisse für seine Zeit
selbst, die es ermöglichen, diese in den großen Zusammenhang der
europäischen Kulturentwicklung einzuordnen und die Eigenart der
römischen Bildung zu erkennen, die uns auch heute noch wichtig
ist. Wenn Cicero trotz seiner hohen geistigen Begabung und seines lauteren
Charakters als Persönlichkeit nicht gleich groß war wie als
Schriftsteller, so liegt der Grund in der Selbstüberschätzung,
namentlich seiner staatsmännischen Fähigkeiten, und in seinem
schwankenden Wesen. Doch hat er als Staatsmann und Beamter achtungswerte
Leistungen vollbracht. Daß sie nicht größer waren, ist an
seiner Zeit gelegen, die nur für Parteiführer ein aussichtsreiches
Betätigungsfeld bot. Doch hat ihn menschlich sein mit wahrhaft
philosophischem Gleichmut ertragener Tod groß gemacht.
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