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Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues
Erich Maria
Remarque
Im Westen nichts
Neues
-
Buchbesprechung
ausgearbeitet
von
Jens Salomon und
Moritz Schlie
Inhaltsverzeichnis
1. Titelbild Seite 1
2. Inhaltsverzeichnis Seite 2
3. Einleitung Seite 3
4. Inhaltsangabe Seite 4
5. Personenbeschreibung der Hauptpersonen Seite 7
6. Literarische Stilmittel Seite 10
7. Der Autor - Erich Maria Remarque Seite 11
8. Kritische Stellungnahme Seite 14
9. Hintergrundinformation zur Romanhandlung Seite 15
9.1 Ausgangssituation Seite 15
9.2 Vom Angriffs- zum Stellungskrieg Seite 15
9.3 Von der Schulbank in den Tod Seite 15
9.4 Reaktionen auf Remarques Buch Seite 18
9.5 Remarque und das 3. Reich Seite 23
3.
Einleitung
”Im Westen nichts Neues” ist der mit Abstand bekannteste und
einflußreichste aller Romane Remarques. Direkt nach seinem Erscheinen bei
Ullstein im Jahre 1928 wurde er zu einem Massenerfolg, wie ihn das deutsche
Verlagswesen noch nicht erlebt hatte. Zugleich wurde er aber auch das Ziel
heftigster Angriffe der Rechten und insbesondere der Nationalsozialisten, die zu
der Verbrennung von Remarques Büchern im Mai 1933 und zu seiner
Ausbürgerung 1938 führen sollten.
Die Handlung dreht sich um die Erlebnisse des jungen Soldaten Bäumer,
dessen gesamter Jahrgang sich auf Drängen seines Klassenlehrers im Ersten
Weltkrieg direkt von der Schulbank an die Front meldet. Er erlebt den Tod aller
seiner Freunde und den Zusammenbruch seiner jugendlichen Welt im unvorstellbaren
Grauen des Schützengrabens.
Mit diesem Buch hat Remarque versucht seine Erlebnisse des Ersten
Weltkrieges aufzuarbeiten und vielen anderen Betroffenen dabei zu helfen. Ebenso
ist das Buch als Warnung an alle zukünftigen Generationen zu
verstehen.
4.
Inhaltsangabe
Paul Bäumer und seine Klassenkameraden Kropp, Müller, Kemmerich
und Leer werden zur neunten Korporalschaft beordert, um dort auf den Krieg
vorbereitet zu werden. Die fünf Gymnasiasten sollen dort zusammen mit
anderen vom Unteroffizier Himmelstoß ausgebildet werden. Himmelstoß
macht den jungen Leuten dort das Leben zur Hölle und schikaniert sie, wo er
nur kann.
An der Front trifft Paul den Mann, der während der kommenden
Kriegszeit sein bester Freund werden soll: Stanislaus Katczinsky, genannt Kat.
In der gleichen Kompanie dienen der Schlosser Tjaden, Haie Westhus, ein
Torfstecher und Detering, ein Bauer. Bei den Soldaten herrscht ein vulgärer
Umgangston. Die Kompanie wird als Ablösung in die Schützengräben
geschickt und erleidet schwere Verluste. Josef Behm, einer, der sich nur aus
Gruppenzwang und Drängen des Klassenlehrers Kantorek zum Waffendienst
gemeldet hat, ist der Erste aus Pauls Klasse, der Opfer dieses Krieges wird.
Kemmerich ist der Zweite, der fällt. Er erleidet einen
Oberschenkeldurchschuss und man kann sehen, dass er bald sterben wird.
Müller denkt trotz der Trauer um seinen Kameraden an Kemmerichs Stiefel. Er
will die guten Stücke haben, bevor sie sich irgendein Sanitäter unter
den Nagel reisst. Bald darauf stirbt Kemmerich. Die 2. Kompanie wird mit neuen
Soldaten aufgefüllt und dann wieder zur Front abkommandiert. Sie bauen dort
Verteidigungsanlagen. In der Nacht werden sie plötzlich von feindlicher
Artillerie beschossen. Pauls Kompanie übersteht den Beschuss ohne Verluste,
jedoch haben ein paar in der Nähe befindliche Kolonnen einige Treffer
abbekommen. Während des Rückzuges wird die Kompanie erneut beschossen
und sucht Deckung auf einem alten Friedhof. Paul legt sich unter einen
freigebombten Sarg, dann fliegen auch schon die ersten Gasgranaten. Er hilft
einem Rekruten mit seiner Gasmaske. Dieser wird allerdings von einem
durch die Explosion einer Granate heranfliegenden Sargsplitter tödlich
verwundet. Nachdem das Gas verflogen ist, kümmern sich die Unverletzten um
ihre Kameraden. Die Verluste der 2. Kompanie beschränken sich auf "nur"
fünf Tote und Verwundete.
Später beschäftigt die Soldaten die Frage, was sie tun
würden, wenn es wieder Frieden gäbe. Sie merken, dass sie alle ihre
früheren Ideale aus der Friedenszeiten verloren haben und wissen bis auf
Kat, der eine Familie hat, nicht, was sie mit sich anfangen sollen. Während
dieses Gesprächs kommt Himmelstoß, der inzwischen auch an der Front
ist, zu der kleinen Truppe. Tjaden und Kropp sind unverschämt und sagen dem
Vorgesetzten ins Gesicht, was sie von ihm halten. Daraufhin werden die beiden
"Rebellen" unter Arrest gestellt. Kat und Paul machen sich auf, um Essen zu
besorgen und bringen die Reste ihres Mahls Kropp und Tjaden, die noch Arrest
haben.
Aus Pauls Schulklasse sind zu der Zeit noch dreizehn von ehemals zwanzig am
Leben. Davon sind vier verwundet und einer in der Irrenanstalt.
Die 2. Kompanie wird zwei Tage früher als erwartet an die Front
gerufen. Auf dem Weg dorthin sehen die Männer eine Menge neuer
Holzsärge, wie für sie bereitgestellt. Die Soldaten versuchen ihre
Angst mit Galgenhumor zu verdrängen.
In der Nacht werden die Unterstände mit schwerer Artillerie
beschossen. Durch den Dauerbeschuss ist es so gut wie unmöglich,
Nahrungsmittel nach vorne zu den Gräben zu schaffen. Die Soldaten werden
unruhig. Pauls Unterstand hat bisher noch keine Verluste erlitten. Allerdings
bekommen zwei Rekruten einen Anfall von "Unterstandsangst”, einer
läuft direkt in eine Granate. Nach langem Trommelfeuer beginnt der Angriff.
Von überall kommen die Soldaten aus den Gräben und verteidigen ihre
Stellungen. Dann folgt der Gegenangriff. Paul, Kat und die anderen drehen um und
setzen den flüchtenden Feinden nach, von denen viele getötet werden.
Um die eigenen Stellungen zu sichern, zieht sich die Kompanie schnell
zurück. Während des Rückzuges nehmen die ausgepumpten Soldaten
Proviant aus der französischen Stellung mit. So vergeht jeder Tag mit
Angriffen, Gegenangriffen und nachts mit dem Heimholen der
Verwundeten.
Eines Vormittags sehen die Soldaten mitten in Angst und Leid zwischen
Bombentrichtern und Toten eine bizarre Situation: Zwei Schmetterlinge spielen
inmitten des ganzen Elends und lassen sich schließlich auf einem
Totenschädel nieder.
Die 2. Kompanie bekommt immer wieder Verstärkung, um die Verluste
auszugleichen, meist junge Rekruten, die bei ihrem ersten Angriff
niedergeschossen werden. Paul, Kat, Kropp und andere Erfahrene versuchen, den
Neuankömmlingen ihre Erfahrung und Kenntnisse zu vermitteln, meist jedoch
ohne Erfolg. In einem Graben trifft Paul seinen Ausbilder Himmelstoß
wieder. Dieser versucht sich zu drücken und will sich im Unterstand
verkriechen. Paul prügelt auf ihn ein, um ihn zu veranlassen,
mitzustürmen. Himmelstoß reagiert jedoch nicht. Aber was Pauls
Prügel nicht schaffen, bewirkt ein einziger Satz eines
vorbeistürmenden Leutnants: "Vorwärts, anschließen!"
Bei einem Angriff von Pauls Kompanie sterben 118 von 150 Soldaten, darunter
Haie Westhus. Paul und seine Kameraden werden abgelöst, wobei sich beim
Abzählen Paul, Albert und Kat wieder treffen. Um die Gruppe neu aufzubauen,
kommt sie erst einmal weit hinter die Front in ein Feldrekrutendepot. Dort
treffen die Soldaten Himmelstoß wieder, der hier Küchendienst hat. Er
will sich mit ihnen aussöhnen, indem er dafür sorgt, dass sie gute
Verpflegung erhalten.
Sie verdrängen ihre Erlebnisse, indem sie Witze reißen, saufen
und rauchen, so dass das Leben wieder erträglich wird. Leer, Paul und
Albert besuchen am anderen Ufer drei junge Französinnen, die sich im Tausch
gegen Brot prostituieren.
Dann bekommt Paul Heimaturlaub mit einem anschließenden Abstecher ins
Heidelager. Es gibt gerade sein Lieblingsgericht, als er zu Hause ankommt. Seine
Mutter bricht in Freudentränen aus und opfert für ihn ihre letzten
Leckerbissen. Paul sieht all die bekannten Dinge, die er mit Kindheit und
Jugenderinnerung verbindet, wieder. Trotzdem ist sein Zuhause nicht mehr
dasselbe. Er ist ein anderer geworden, die Heimat erscheint ihm unwirklich. Paul
erfährt, dass seine Mutter Krebs hat.
In der Kneipe fragen ihn sämtliche Bekannte nach dem Krieg und seinen
Erlebnissen an der Front. Er hat jedoch Angst, diese in Worte zu fassen, weil er
fürchtet, dann von ihnen überrollt zu werden. Er kann die Leute nicht
verstehen, die ihm auf die Schulter klopfen und Sprüche reißen
über die heldenhaften Soldaten und deren ehrenvollen Tod
(Stammtischsoldaten, vgl. Stammtischfußballer). Paul zieht sich deshalb in
sein Zimmer zurück und denkt an die Kameraden, die auch jetzt, wo er erst
mal in Sicherheit ist, täglich durch die Hölle gehen müssen. Er
verbringt die meiste Zeit zu Hause, wo er in alten Erinnerungen schwelgt und
sich mit den Dingen, die ihm einmal wichtig waren beschäftigt. Seine
frühere Begeisterung dafür kann er allerdings nicht mehr
verstehen.
Eines Tages geht er in die Kaserne zu seinem ehemaligen Klassenkameraden
Mittelstaedt, unter dem sein alter Klassenlehrer Kantorek als Landsturmmann
eingezogen worden ist. Mittelstaedt schikaniert diesen, wo er nur kann und
rächt sich somit für die Schulzeit und das Verderben, in das Kantorek
alle mit seiner Kriegsverherrlichung geschickt hat. Paul geht schließlich
zu Kemmerichs Mutter, die total verzweifelt über den Tod ihres Sohnes ist.
Sie fragt ihn, wie er gestorben sei. Paul lügt und schwört ihr bei
seinem Leben, dass es für Kemmerich kurz und schmerzlos gewesen sei. Am Tag
vor seiner Abfahrt hat Paul noch ein langes Gespräch mit seiner Mutter. Sie
sorgt sich um ihren Sohn, aber Paul versucht ihr diese Sorge auszureden und ihr
Mut zuzusprechen.
Nach seinem Urlaub hat Paul vier Wochen Dienst in den Baracken im
Heidelager. Neben den Baracken befindet sich ein zweites Lager, in dem russische
Kriegsgefangene untergebracht sind. Den Russen dort geht es noch viel schlechter
als den Deutschen. Abends schleichen sie sich aus dem Lager und durchwühlen
die Mülltonnen nach Eßbarem. Die Kriegsgefangenen tun Paul Leid und
seine Überzeugung in die Notwendigkeit dieses Krieges beginnt zu
bröckeln, als er diese armen Menschen sieht. Die Soldaten könnten
Freunde sein und müssen nur aufgrund eines Befehls aufeinander
schießen.
Als Pauls Vater und seine Schwester ihn im Lager besuchen kommen,
erfährt er, dass seine Mutter ins Krankenhaus gekommen ist und es nicht
mehr verlassen wird. Vorher hat die Mutter trotz ihrer Krankheit noch etwas
gebacken und ihm geschickt.
Paul kommt wieder zurück an die Front. Überall hört er
schlechte Nachrichten. Dann findet er endlich zu seiner Kompanie zurück und
trifft auch seine alten Kameraden Kat, Kropp, Albert und Tjaden wieder. Er
fühlt sich schuldig, sie alleine gelassen zu haben.
Der Kaiser soll persönlich zu einer Parade kommen. Alle Soldaten
werden neu ausgestattet, doch das Kommen des Kaisers wird für viele zur
Enttäuschung. Er ist nicht die Erscheinung, die sie erwartet hatten. Kat,
Albert und Tjaden zerbrechen sich den Kopf darüber, wie es überhaupt
zum Krieg kam und wie es sein kann, dass nur, weil wenige mächtige
Männer beschließen, ihre Kräfte zu messen, Millionen Menschen zu
Feinden werden. Nach der Parade müssen die neuen Uniformen wieder abgegeben
werden.
Paul meldet sich zu einer Patrouille, um die gegnerischen Stellungen
auszuspionieren. Er verliert zwischen den Fronten die Orientierung, gerade als
die Franzosen eine Offensive starten. Paul sucht in einem Bombentrichter Deckung
und stellt sich tot. Auf dem Rückweg springt ein Franzose auf der Suche
nach Deckung zu Paul in den Trichter. Paul sticht ihn reflexartig nieder.
Allerdings bleibt dieser noch einige Zeit am Leben, da Paul es nicht übers
Herz bringt ihm den Gnadenstoß zu geben. Es ist das erste Mal, dass er
sehen muss, was er für Leid angerichtet hat. Deshalb beginnt er den Feind
als Menschen zu sehen und bekommt ihm und seiner Familie gegenüber
Schuldgefühle. Paul versucht dem Mann sein Ableben so angenehm wie
möglich zu machen, indem er ihm Wasser gibt und ihn bequem lagert.
Während Paul im Trichter ausharren muss, plagen ihn immer mehr
Schuldgefühle. Er schwört sich, um sich zu beruhigen, dass er sich um
die Familie des Gegenübers kümmern wird. Er notiert sich dessen Namen
aus dem Soldbuch. Aber jetzt ist sein Opfer nicht irgendwer, sondern ein
einzigartiges Individuum, dessen Namen er nun sogar kennt. In der Nacht wird
Paul zurückgeholt, und am nächsten Morgen erzählt er seinen
Kameraden, was ihn bedrückt. Sie versuchen ihn zu beruhigen, indem sie ihm
einige Scharfschützen zeigen, die sich einen Spaß daraus machen, zu
zählen, wer mehr Franzosen erschossen hat.
Paul, Kat, Albert, Tjaden, Müller, Leer und Detering müssen ein
Dorf bewachen und leben dort im Überfluss an zurückgelassener Nahrung
und Luxusgütern. Sie werden beschossen und fliehen, wobei Albert am Knie
getroffen wird. Auch Pauls Bein wird verletzt. Die beiden retten sich, kommen
ins nächste Lazarett, und werden per Zug ins Hinterland geschafft. Albert
hat Fieber und ist deshalb nicht mehr transportfähig. Um nicht von seinem
Kameraden getrennt zu werden, simuliert auch Paul erhöhte Temperatur. Beide
werden an der nächsten Station in ein katholisches Krankenhaus gebracht.
Dort wehren sich die Soldaten gegen das allmorgendliche Gebet, durch das sie in
ihrem Schlaf gestört werden. Viele Verletzte, die anfangs im Zimmer von
Paul lagen, sterben und machen so die Betten für neue Opfer frei. Alberts
Bein wird amputiert und der Stumpf heilt gut. Auch Paul wird wieder gesund und
nach einem kurzen Erholungsurlaub zu Hause wieder an die Front gerufen. Kurze
Zeit später desertiert Detering, wird auf der Flucht gefasst und
wahrscheinlich vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Auch Müller stirbt
während eines Gefechts unter großen Schmerzen. Nun bekommt Paul die
Stiefel, die einstmals Kemmerich gehörten. Als Ersatz kommen nur noch junge
Rekruten, die aufgrund ihrer geringen Erfahrung massenweise fallen.
Kompanieführer Bertinck opfert sich bei einer gegnerischen Offensive und
rettet so seine Untergebenen. Trotzdem stirbt Leer beim gleichen
Angriff.
Der Kriegssommer 1918 ist für Paul der grausamste überhaupt. Beim
Essenholen wird Kat am Schienbein getroffen, weswegen Paul ihn zur nächsten
Sanitätsstation trägt. Unterwegs wird Kat von einem verirrten
Granatsplitter getroffen und lebt nicht mehr, als Paul mit ihm beim
Sanitäter ankommt.
Paul ist der letzte der sieben Mitschüler, die in seiner Kompanie
gedient haben. Im Spätsommer sind Gerüchte über einen
Waffenstillstand im Umlauf, doch Paul erlebt diesen nicht mehr. ”Er fiel
im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front,
dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte,
im Westen sei
nichts Neues zu
melden.” Die guten Schnürstiefel Kemmerichs wird nun Tjaden bekommen
haben, und wahrscheinlich noch viele andere.
5. Personenbeschreibung der
Hauptpersonen
Paul Bäumer
Paul Bäumer ist in diesem Buch der Erzähler. Er ist zu Beginn des
Buches 19 Jahre alt. Während des Kriegs sind Pauls beste Freunde Kat,
Tjaden, Haie Westhus, Detering und seine Klassenkameraden Behm, Kemmerich,
Müller, Leer und Kropp. Auf Drängen ihres Dorfschulmeisters Kantorek
hatten er und 19 Klassenkameraden sich freiwillig gemeldet. Paul ist
offensichtlich eine Vertrauensperson: Kemmerichs Mutter hatte ihn angefleht auf
Kemmerich aufzupassen, als sie in den Krieg zogen. Paul ist außerdem
mutig. Er kann zwar passieren, dass er kurzzeitig in Panik gerät, er
verliert allerdings selbst unter den schrecklichsten Gefechtsbedingungen nie die
Kontrolle.
Mit der Zeit lernt Paul die Geräusche von den unterschiedlichen
Bombentypen kennen. So kann er augenblicklich in Deckung gehen oder seine
Gasmaske aufsetzen, wenn es die Situation erfordert. Er ist ein hilfsbereiter
Kamerad, beispielsweise tröstet er während eines Gefechts einen
verlegenen Rekruten, der sich in die Hose gemacht hat und denkt später,
nachdem die Hüfte des Rekruten zerschmettert ist, nüchtern ohne
Gewissensbisse darüber nach, ob er ihn erschießen soll, um ihm einen
qualvollen Tod zu ersparen.
Obwohl Paul im Kampf immer gefasst bleibt, ist es doch sehr schwer für
ihn, in dem Ganzen einen Sinn zu sehen. Er erinnert sich oft an Behm, dem Ersten
seiner Klasse, der fällt, und als auch noch ein Zweiter, nämlich
Kemmerich stirbt, kommen in ihm große Zweifel wegen dieses sinnlosen
Abschlachtens von unschuldigen Schuljungen auf. Die gefühllose Einstellung
der Kommandanten und der Befehlshaber gegenüber dem Tod des Einzelnen macht
ihn sehr traurig und desillusioniert ihn.
Seine Eltern lagen falsch - es gibt keinen glorreichen Krieg - aber er kann
die patriotischen Werte, die seine Eltern ihm vermittelt haben, nicht durch neue
ersetzen. Zu Beginn scheinen ihm seine Kameraden oberflächlich, da sie
sofort die Erinnerung an Tod und Grauen abschalten, und ihre gesamte
Aufmerksamkeit dem an sich nehmen von Zigaretten und Lebensmitteln, die
ursprünglich für diejenigen gedacht waren, die inzwischen gefallen
sind, zuwenden. Es fällt ihm anfangs nicht leicht, diese
Gefühllosigkeit als notwendig anzuerkennen.
Paul und seine Freunde merken, dass nichts, was sie gelernt haben, ihnen in
dieser Hölle weiterhelfen kann. Man rettet sich nur von Situation zu
Situation, in der man hoffentlich noch mal davongekommen ist. Paul erkennt, dass
niemand, der nicht selber an der Front ist, seine Lage verstehen kann. Und
nichts aus dem früheren Leben kann Paul so aufrechterhalten, wie die
Kameradschaft derer, die mit ihm das Schicksal teilen müssen. Die
Anwesenheit seiner Freunde gibt Paul Sicherheit. Allmählich erkennt Paul,
dass zwischen dem Feind sowie ihm und seinen Freunden kein Unterschied besteht.
Duval hätte ebenso sein Freund (oder Vater - siehe Biographie des Autors)
sein können und die russischen Kriegsgefangenen haben ebenfalls die selben
Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse wie er und seine Kameraden. Paul
bedauert es sehr, welche Zerstörungskraft von Menschen auf seinesgleichen
aber auch auf andere Lebewesen ausgeht.
Seine Freunde sterben einer nach dem anderen, und Paul sieht für sich
keine positiven Zukunftsaussichten für die Zeit nach dem Krieg.
Pauls Klassenkameraden:
Josef Behm ist einer der Klassenkameraden von Paul und etwas mollig.
Er wird von Kantorek dazu gedrängt, sich mit seinen Klassenkameraden
freiwillig zu melden, und stirbt, als erster seiner Klasse, zwei Monate bevor er
sowieso eingezogen worden wäre. Sein Tod bewegt seine Klassenkameraden
stark und Mittelstaedt, auch ein Klassenkamerad von Paul, rächt sich
später an Kantorek. Als dieser ihm unterstellt wird, schikaniert er ihn und
macht ihn für den frühen Tod Behms verantwortlich.
Franz Kemmerich ist der Zweite aus Pauls Klasse, der fällt. Er
ist ein guter Sportler. Er träumt von einem einfachen Beruf in der
Forstwirtschaft. Im Buch war er der erste Besitzer der guten Lederstiefel, die
zuvor einem englischen Flieger gehörten. Sie werden ein Symbol für Tod
aber auch für Kameradschaft, während sie von einem zum anderen
weitergegeben werden. Er erliegt nach großen Schmerzen einer
Beinamputation.
Albert Kropp ist Freund und Mitschüler Pauls. Er ist eine
kleine Person. Er war als der beste Denker der Klasse angesehen. In Diskussionen
bringt er tiefgründige Lösungsvorschläge und Kommentare ein. Es
ist zum Beispiel sein Vorschlag, Krieg in einen ”Kampf der
Häuptlinge” mit Volksfest und Zuschauertribünen umzuwandeln.
Ebenso ist es auch sein Werk, durch aufsummieren ihrer Jugend, Deillusion und
mangelnder Ausbildung, ihre Zukunftssituation mit durch den Krieg für
nichts mehr zu gebrauchen, zu beschreiben. Er wird mit Paul in das katholische
Krankenhaus gebracht, wo ihm das Bein abgenommen wird und er in eine lange
Periode von Selbstmitleid fällt.
Leer ist ein weiterer Freiwilliger aus Pauls Klasse und sein
Lieblingsfach ist Mathe. Mit Bart und vom Krieg gezeichnet scheint er mindestens
40 zu sein. Im Sommer 1918 verblutet er innerhalb von zwei Minuten aufgrund
einer Hüftverletzung. Paul bedauert wie wenig Leer seine Mathematik jetzt
nützt.
Müller ist auch ein Freiwilliger aus Pauls Klasse. Er
träumt immer noch von einem Schulabschluss, selbst während er
bombardiert wird, sagt er noch physikalische Formeln vor sich her. Müller
hat vorstehende Zähne und ein dröhnendes Lachen. Er isst alles, was er
bekommen kann, da er nicht mit leerem Bauch sterben will. Er ist derjenige, der
Kemmerich um seine Stiefel bittet, bevor dieser weiß, das er sterben wird.
Es ist eine der ersten schockierenden Szenen in dem Buch, jedoch wird
Müller, nach der Erklärung durch den Erzähler, wieder ins rechte
Licht gerückt, und sein Verhalten als rational und vernünftig
dargestellt. Müller stirbt unter furchtbaren Schmerzen an einer
Leuchtkugel, die ihm in den Bauch geschossen wurde.
Pauls gute Kameraden an der Front:
Stanislaus Katczinsky ist Pauls bester Freund und Kamerad beim
Militär sowie Anführer von Pauls Gruppe. Trotz des Altersunterschied
und der höheren Erfahrung wird er ein guter Freund Pauls. Er ist ein
einfacher Mann, Anfang vierzig, zäh, schlau und gerissen. Er hat blaue
Augen, hängende Schultern und ein Gesicht ”wie Erde”. Er hat
aufgrund seiner Erfahrung einiges zu melden und wird auch anerkannt. Er hat
einen guten Riecher wenn es darum geht, Essbares an den unmöglichsten Orten
zu finden. Kat ist ein Praktiker und hat es gelernt sich in jeder Situation
zurechtzufinden. Im Sommer 1918 stirbt er auf Pauls Rücken. Er wird,
während dieser ihn zum Sanitäter tragen will, von einem Granatsplitter
in den Kopf getroffen. Dieser Verlust seines letzten guten Freundes raubt Paul
den letzten Trost an der Front. Kat steht für alle älteren
Männer, deren Werte und Ideale im Krieg zerstört wurden.
Detering ist ein einfacher, friedliebender Bauer, der ununterbrochen
von zu Hause, seiner Frau und seinem Bauernhof träumt. Ihm ist es egal,
warum Krieg ist, Hauptsache ist, dass er bald vorbeigeht. Als es Frühling
wird, und er sich eigentlich um seine Landwirtschaft kümmern müsste,
hält er das Grauen nicht mehr aus. Er desertiert, wird aber gefasst und
vermutlich hingerichtet.
Tjaden ist im Zivilleben Schlosser und ist trotz seines großen
Appetites schlank. Er hat etwa Pals Alter ist aber nicht aus dessen Klasse. Als
er zum erstenmal in dem Buch auftaucht, ist er bereit, den Koch zu
verprügeln, da dieser nicht das Essen, das für die doppelte Truppe
gedacht war, verteilen möchte. Er ist ein guter Freund von Paul und dessen
Mitschülern, jedoch beim Besuch bei den drei Mädchen schließen
sie ihn aus.
Haie Westhus ist ein 19 Jahre alter Torfstecher. Er ist während
Einsätzen für die Beschaffung von Nachschub für die Gruppe
zuständig. Er fühlt sich als Soldat wohler als als armer Torfstecher.
Schließlich hat er bei der Armee zu Essen und einen Schlafplatz. In
Friedenszeiten würde ihm das Soldatenleben gefallen. Er ist das einzige
Mitglied aus der Gruppe von Paul, der sich nach dem Krieg wieder zur Armee
melden will. Er stirbt dann allerdings an einer Rückenverletzung, nachdem
ihn Himmelstoß eigentlich schon in Sicherheit gebracht hat.
Sonstige Personen von Bedeutung:
Kantorek ist der Dorfschulmeister im Ort in dem Paul und dessen
Klassenkameraden zur Schule gingen. Er hat sie dazu gedrängt in den Krieg
zu ziehen. Er ist eine energische, kleine Person. Zentraler Mittelpunkt seines
Lebens ist die typisch preußische Einstellung. Er sieht seine Schüler
als eiserne Jugend, deren edelste Bestimmung im Dienst am Vaterland besteht.
Seine nationalistischen Ideale wird er höchstens geändert haben, als
er als Reservist unter das Kommando eines ehemaligen Schülers gestellt und
dort bloßgestellt wird.
Himmelstoß ist körperlich benachteiligt und im Zivilberuf
Briefträger. Beim Militär ist er Ausbilder von Paul und seinen
Kameraden. Er wird als stereotyper Militär, als Tyrann und sadistischer
Schleifer dargestellt, dem seine Macht zu Kopf gestiegen ist. Als er selbst an
die Front muss, hat er einen Anfall von Angst und nicht mal Schläge
können ihn dazu bewegen weitervorzurücken. Ein einziger Befehl durch
einen Vorgesetzten jedoch reicht aus. Durch extra Essensrationen versucht er
sich mit Paul und dessen Freunden auszusöhnen.
Himmelstoß ist eine von Remarque nicht ganz willkürlich
plazierte Person. Zu seiner Kriegszeit wurde Remarque von einem Mann namens
Himmelreich ausgebildet. Viele seiner im Buch geschilderten Demütigungen
mußte Remarque wohl am eigenen Leib erfahren. So ist es anzunehmen, dass
der Künstler in seine Geschichte auch Charaktere von vielen anderen reellen
Personen miteinfließen ließ.
Frau Bäumer ist die Mutter von Paul und wird an Krebs sterben,
hat allerdings ihren Lebensmut noch nicht verloren. Sie ist die Person hinter
der Front, die am meisten Verständnis für ihren Sohn hat und
täuscht auch nicht vor, dass sie versteht, wie es an der Front
tatsächlich ist. Paul sorgt sich um die Krankheit seiner Mutter und ist
durch ihre Fürsorge überwältigt. Von dem Wenigen das sie hat
gehen die meisten Ersparnisse an Paul, indem sie ihm sein Lieblingsessen kocht
und ihm Unterwäsche kauft.
Gerard Duval ist ein französischer Buchbinder. Er ist
verheiratet und hat ein Kind. Paul sticht instinktiv auf ihn ein, als Duval sich
in dem gleichen Bombentrichter, in den sich zuvor bereits Paul rettete, decken
will. Pauls Angst wächst mehr und mehr, während er auf den Tod von
Duval wartet und lernt ihn nebenher besser kennen. Duval sieht freundlich aus.
Allerdings ist er von Paul getötet worden, was Paul nahezu in den Wahnsinn
treibt, bis das Trommelfeuer nachläßt und er den Trichter verlassen
kann.
6. Literarische
Stilmittel
Der Roman ”Im Westen nichts Neues” ist in drei Teile
gegliedert:
1. Vorwort des Autors
2. Eigentliche Erzählung
3. Schluss: Erzählperspektivenwechsel
1. Am Anfang des Romans steht eine Anmerkung des Autors: Er verweist
darauf, dass das Buch weder Anklage noch Bekenntnis sein soll, sondern der
Versuch über die vom Krieg zerstörte Generation zu berichten. Dies
drückt aus, dass es in keiner fiktionalen Kulisse spielt.
2. Die eigentliche Erzählung ist in 12 Kapitel gegliedert, von denen
jedes soweit abgeschlossen ist, dass es eine unabhängige Kurzgeschichte
bildet (vgl. 9.5 Remarque und das 3. Dritte Reich). Deshalb wird jedes Kapitel
mit einer Beschreibung der jetzigen Lage bzw. Tätigkeit von Paul und dessen
Kameraden begonnen. Und zwischen den Kapiteln befinden sich Zeitsprünge
undefinierbarer Länge.
Die Geschichte wird aus der Sicht des jungen Soldaten Paul Bäumer als
Ich-Erzähler im Präsens erzählt. Der Leser erlebt das Geschehen
dadurch näher mit. Remarque verwendet eine einfache, teilweise vulgäre
Sprache um darauf hinzuweisen, dass die Soldaten einfache Menschen waren, die
nicht für den Kriegsausbruch verantwortlich waren. Sie benutzen lediglich
militärische Fachbegriffe, da diese in ihrer Situation unumgänglich
sind und quasi zur normalen Ausdrucksweise gehören. Es kommt häufig
wörtliche Rede vor, in der viele der vulgären Ausdrücke in den
Text miteinfließen. So erfährt der Leser auch die Meinungen und
Ansichten der anderen Charaktere. Es gibt wenige lange Sätze,
hauptsächlich besteht der Roman aus vollständigen, kurzen Sätzen,
Satzreihen und einzelnen Schachtelsätzen und Aufzählungen.
Innerhalb der Kapitelabschnitte, entspricht die Erzählzeit etwa der
erzählten Zeit. Diese Zeitdekkung tritt deswegen auf, weil der Textinhalt
szenisch dargestellt wird. Ausnahmen bilden gedankliche Rückblicke Pauls,
in denen er dem Leser im Präteritum Vorwissen vermittelt. Dies verhilft dem
Leser zu einem einfacheren Verständnis und einem engeren Bezug zum
Geschehen. Nur zwischen einzelnen Kapitelabschnitten und Kapiteln befinden sich
Zeitsprünge.
”Die Grundzüge seiner Bücher bleiben gleich; der
unbändige, unzerstörbare Lebenswille, Menschen die sich im Leid
behaupten müssen. Weitere Konstanten; der Mythos der Kameradschaft, die
Romantisierung des Alkohols, die nette Hure von nebenan und das politische
Desinteresse.” (aus einer Web-Site über Remarque). Zumindest in
”Im Westen Nichts Neues” trifft dies zu, hinzukommend ist hier
allerdings noch das Rauchen sowie Bestechungen mit allem Möglichen als ein
Grundzug!
Erich Maria Remarque legt auch großen Wert auf die begrenzte
Aussagekraft der Worte. Er stellt fest, dass Worte zwar viele Gefühle
ausdrücken können, jedoch keinesfalls die Grauen das
Krieges.
"Angriff, Gegenangriff, Stoß, Gegenstoß - das sind Worte, aber
was umschließt sie."
"Trommelfeuer, Sperrfeuer, Gardinenfeuer, Minen, Gas, Tanks,
Maschinengewehre, Handgranaten - Worte, Worte, aber sie umfassen das Grauen der
Welt."
"Worte, Worte, Worte - sie erreichen mich nicht."
"Granaten, Gasschwaden und Tankflottillen - Zerstampfen, Zerfressen, Tod.
Ruhr, Grippe, Typhus - Würgen, Verbrennen, Tod, Graben, Lazarett,
Massengrab"
"Die fiktiven Romanfiguren Remarques, insbesondere seine Haupthelden,
lassen eine Fülle autobiographischer Bezüge aufleuchten. Es ist eine
besondere Technik Remarques, Fiktion und Wirklichkeit des eigenen Erlebens so zu
vermengen, dass eine neue fiktive Realität entsteht, die aufgrund ihrer
selbsterfahrenen autobiogarphischen Anteile besonders überzeugend wirkt."
(Zitat aus dem Anhang)
3. Eine Ausnahme in der Auswahl der Stilmittel stellt das Ende dar. Es ist
im Präteritum verfasst und wird von einem Er-Erzähler berichtartig
dargestellt, da der Ich-Erzähler darin stirbt. Der Tod von Paul Bäumer
wird sehr sachlich dargestellt, wodurch die Unwichtigkeit des Todes eines
einzelnen Soldaten für die Armeeleitung betont wird, obwohl dieser soviel
Leid für und durch sie ertragen musste.
7. Der Autor - Erich Maria
Remarque
Der Schriftsteller Erich Maria Remarque ist einer der meistverbreiteten und
meistgelesenen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Remarques
Biographie ist wesentlich von der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts
geprägt: Er hieß ursprünglich Erich Paul Remark und wurde am 22.
Juni 1898 in Osnabrück als Sohn eines Buchbinders geboren (Der Franzose,
den Paul im Graben tötete, war ebenfalls Buchbinder - siehe auch S. 108:
"Käme dein Vater mit denen drüben, du würdest nicht zaudern, ihm
die Granate gegen die Brust zu werfen."), deshalb wächst er in
drükkenden kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Remarque
verbringt seine Kindheit und Jugend im Osnabrück der Kaiserzeit, zwischen
1904 und 1912 besuchte er die Volksschule in Osnabrück. 1912 geht er auf
die "Katholische Präparandie" in Osnabrück zur Vorbereitung auf das
Lehrerseminar. Remarque meldet sich, nachdem er das Notexamen bestanden hat, als
Kriegsfreiwilliger. Am 26. November 1916 folgt seine Einberufung zum
Militär, schließlich wird er am 12. Juni an die Front in Frankreich
abberufen. Remarque wird sechs Wochen später, am 31. Juli, verwundet. Er
muss ins Lazarett in Duisburg.
Ab dem 4. Mai 1920 arbeitet er als Lehrer in Klein-Berssen, ab dem 20.
August in Nahne. In diesem Jahr schreibt er auch den Jugendroman "Die Traumbude"
und veröffentlicht ebenfalls Skizzen und Gedichte in Zeitungen. Er verfasst
mehrere Zeitungsartikel über Sportereignisse und die Herstellung von
Cocktails. Von 1922 an ist er Buchhalter, Kaufmann, Grabstein- und
Denkmalverkäufer bei der Firma Brüder Vogt in Osnabrück. Ab
Oktober ist er Werbeleiter und Redakteur bei der Continental CO. Hannover. Erich
Paul Remark nannte sich seit 1923 Erich Maria Remarque. 1924 wechselt er seinen
Beruf erneut und wird Sportredakteur bei der Zeitschrift "Sport im Bild" im
August-Scherl-Verlag Berlin. Remarque heiratet 1925 Jutta Ilse
Zambona.
1927 schreibt er in sechs Wochen den Roman "Im Westen nichts Neues", der
1929 erscheint und zum Bestseller wird. Die "Vossische Zeitung" druckte 1928
Vorabdrucke, und innerhalb von anderthalb Jahren wurde eine Auflage von 3,5
Millionen erreicht. Der Roman war sofort Gegenstand erbitterter politischer
Auseinandersetzungen, da er für die einen die nüchterne, ehrliche
Beschreibung des Kriegswahnsinns schlechthin, für die anderen ein bewusstes
Anti-Kriegsbuch, eine Beleidigung der Frontsoldaten, war. Mit seiner
realistischen Darstellung des sinnlosen Mordens und der Kriegsgrauen hatte
Remarque die Zeitstimmung aufgegriffen. Das Buch wurde als Antikriegsroman
gefeiert, als undeutsch, zersetzend und pazifistisch von den Rechten
geschmäht.
1929 arbeitet Remarque am Roman "Der Weg zurück", der im Sommer 1930
fertiggestellt wird und 1931 erscheint (Universal verfilmt "Der Weg
zurück” 1937). 1930 verfilmt Universal in Hollywood "Im Westen nichts
Neues". Der Film wird am 11.12.1930 durch die Rechten mit einem
Aufführungsverbot in Deutschland belegt. Remarque lebte ab 1931 in
Ascona/Schweiz und siedelte 1939 nach New York über. Durch seine Kritik am
Militarismus und Nationalsozialismus rief der Autor politische Widersacher auf
den Plan: Am 12. Mai 1933 werden seine Bücher wegen angeblichem
”Literarischen Verrats am Soldaten des Weltkrieges” verboten und
öffentlich verbrannt. Schließlich wird ihm 1938 die deutsche
Staatsbürgerschaft durch die NS-Machthaber entzogen. 1945 schreibt er den
Roman "Arc de Triomph" und erzielt mit dem amerikanischen Bestseller seinen
zweiten Welterfolg (drei Jahre später wird er verfilmt). Ab 1947 ist er
amerikanischer Staatsbürger. 1948 kehrte Remarque in die Schweiz
zurück und heiratete 1958 zum zweiten Mal, diesmal Paulette Godard. In den
kommenden Jahren erhält er folgende Auszeichnungen:
- 1963 J.-Möser-Medaille Osnabrück
- 1967 Großes Bundesverdienstkreuz
- 1968 Ehrenbürgerschaft von Ascona.
- Außerdem wird er Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie
für Sprache und Dichtkunst.
Am 25. September 1970 stirbt Remarque an einem Herzleiden im Krankenhaus
von Locarno in Tessin/Schweiz. Bis zu seinem Tod 1970 wurde Erich Maria Remarque
von keinem der deutschen Nachkriegsstaaten je zur Rückkehr aus der
Emigration eingeladen.
Am 22. Juni 1998 wäre Erich Maria Remarque 100 Jahre alt geworden. Die
bewegte Lebensgeschichte des Bestsellerautors steht seinen Werken an Spannung,
an Höhen und Tiefen in nichts nach. Von Anfang an rankten sich Legenden um
den Autor, der schon im Berlin der "Goldenen 20er" und später im
amerikanischen Exil zu einem lebenden Mythos wurde. Glamour, Glanz und Luxus,
elegante Autos und schöne Frauen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo, oder
Paulette Goddard bestimmten die eine Seite seines Lebens. Flucht, Verfolgung und
Exil waren dessen Schattenseiten. In Berlin paradierte er mit Melone, Monokel
und gekauftem Titel umher. Er versuchte sich aus den kleinbürgerlichen
Verhältnissen abzusetzen aus denen er stammte. Remarque litt unter dem
Zusammenbruch überlieferter Werte und Ideale, die in den 30er Jahren dieses
Jahrhunderts ihre Gültigkeit verloren hatten: Dies spiegelt sich in den
Themen seiner Bücher, in denen er u.a. die Verbrechen am kleinen Mann
schilderte, der wegen der politischen Situation seine Heimat verlassen musste
(”Arc de Triomphe”, ”Liebe deinen Nächsten”,
”Die Nacht von Lissabon” und ”Schatten im Paradies”)
wieder. Auch das Leiden und Hoffen derer, die in Kriegszeiten Opfer zu bringen
hatten, wählte Remarque zu seinem Thema (”Der Funke Leben”). Es
wäre jedoch falsch, Remarque auf Kriegs- und Exilthemen reduzieren zu
wollen. Mit den beiden Romanen ”Der Himmel kennt keine
Günstlinge” - eine bittersüße Liebesgeschichte vor dem
Hintergrund des Todes und ”Drei Kameraden” schrieb er ”eine
der ergreifendsten Liebesgeschichten, die in unserer Zeit erzählt
wurden” (New York Times). Keines der beschriebenen Schicksale hatte
Remarque in dieser Form erleiden müssen. Den Krieg hat er nicht direkt an
vorderster Front erlebt, sondern nur während sechswöchigen
Schanzarbeiten hinter der Front und aus den Erzählungen seiner Kameraden
(die Verletzungen sind ihm jedoch sehr wohl aus seiner Zeit im Lazarett
bekannt). Die später geschriebenen Romane Remarques haben den 2.Weltkrieg
als Thema. Hier fehlte Remarque allerdings die Möglichkeit, aus den eigenen
Erfahrungen zu schöpfen. Die Einzige in seinem Umfeld, die den 2. Weltkrieg
direkt zu spüren bekam, war seine Schwester. ”Wir haben sie zum Tode
verurteilt, weil wir ihren Bruder nicht greifen konnten”, soll der
Präsident des Volksgerichtshofes gegiftet haben. Er verurteilte sie wegen
hetzender, defätistischer Äußerungen zum Tode durch das
Fallbeil. Äußerungen, die ihr Bruder in seinen Büchern vertrat;
Bücher, die von der Welt als Kultbücher bezeichnet und gekauft wurden.
Seine Bücher lesen sich als eine Chronik der Zeit der zwei Weltkriege. Von
”Der Weg Zurück”, einem Heimkehrerstück bis ”Der
Funke Leben”, ein KZ am Ende des Krieges sind alle wichtigen Ereignisse
thematisiert.
Remarques Gesamtwerk ist einerseits eng mit seiner Osnabrücker
Herkunft verknüpft, andererseits zeugt es thematisch von einer kritischen
Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, dabei steht in seinem
literarischen Schaffen stets die Wahrung von Humanität und
Menschenwürde in Zeiten von Unterdrückung, Terror und Krieg im
Vordergrund. Remarque gilt daher weltweit als glaubwürdiger Vertreter eines
"anderen Deutschland". Er wird in der Literaturgeschichte zu den ehrlichsten und
überzeugendsten Chronisten der Zeit zwischen 1914 und 1945
gezählt.
Remarques Romane wurden in über 50 Sprachen übersetzt, die
weltweite Gesamtauflage beträgt viele Millionen Exemplare. Daher
gehört Erich Maria Remarque zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellern
der Gegenwartsliteratur.
Remarques Lebensmotto lautete: "Unabhängigkeit - Toleranz - Humor"
Erich Maria Remarque schrieb nicht Kriegsliteratur sondern Literatur
über Krieg. Er war der typische Autor und Verfechter dieser
Literaturgattung. Mit seinen sehr direkten und erzählten Romanen, im
Deutschen eher eine Ausnahme, wurde Remarque in den USA zum Erfolgsautor.
Kritiker und Literaturgrößen äußerten sich dennoch eher
verhalten zu seinem Werk, manche bezeichneten es gar als Schund.
Seine Helden siedelt Remarque vorzugsweise in Not- und Konfliktsituationen
seiner Zeit an, im Krieg, auf der Flucht, in der Emigration.
Weitere Informationen sind zu finden im
Erich Maria Remarque-Archiv (wissenschaftliche Erforschung des Werkes
Remarques)
Erich Maria Remarque-Ausstellung (Ständige Ausstellung zu Leben und
Werk Remarques)
Erich Maria Remarque-Gesellschaft e.V.("humanistische Kultur, Kunst,
Wissenschaft und Forschung durch die Pflege des Erbes Erich Maria Remarques und
seines Gedankenguts in der Öffentlichkeit" zu fördern und zu
verbreiten; publiziert das Remarque-Jahrbuch)
Erich Maria Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (”Im
Andenken an den Autor werden alle zwei Jahre belletristische, journalistische
und wissenschaftliche Arbeiten ausgezeichnet, die sich mit den Themen "Innerer
und äußerer Frieden" auseinandersetzen.”)
Werke:
Romane:
Die Traumbude, 1920
Im Westen nichts Neues, 1929 (Film 1930)
Der Weg zurück, 1931 (Film 1937)
Three Comrades, 1937 (dt. Drei Kameraden, 1938; Film 1938)
Flotsam (dt. Liebe deinen Nächsten, 1941, auch als: Strandgut, 1941;
Film 1940)
Arch of Triumph, 1945 (dt. Arc de Triomphe, 1946; Film 1948)
Der Funke Leben, 1952
Zeit zu leben und Zeit zu sterben, 1954 (Film 1958)
Der schwarze Obelisk, 1956
Der Himmel kennt keine Günstlinge, 1961
Die Nacht von Lissabon, 1961 (Film 1971)
Schatten im Paradies, 1968
Der Feind,
Dramen, Drehbücher:
The Last Ten Days (mit F. Habeck), 1955 (Drehb.)
Die letzte Station, 1956
Drei Kameraden, 1960.
8. Kritische
Stellungnahme
”Im Westen nichts Neues” beeindruckt sehr. Die Schilderungen
des Kriegselends ist äußerst erschreckend, besonders (verglichen mit
Filmen): Das, was in diesem Buch geschildert wird, ist wirklich geschehen und
kann mit abgewandelten Spielregeln und perfektionierteren Waffen auch heute noch
geschehen. Während in Horror-, Action-, ...filmen Fantasien gezeigt werden,
sind Handlung und Thematik in Remarques Roman realistisch und immer noch
zeitgemäß, da das Ausmaß des Leids für den Betroffenen
selbst verglichen mit damals unverändert geblieben ist: Zwar wird man heute
nicht mehr vom Pferd geschossen, aber die Leute, die sich in von
Marschflugkörpern getroffenen und zusammengestürzten Gebäuden im
Irak befanden, werden sich vergleichbar ”tot fühlen”. So sollte
im Zeitalter des Golfkrieges, der kriegerischen Auseinandersetzungen im
ehemaligen Jugoslawien sowie der Gefahr durch radikale Islamisten dieses Buch
bzw. seine Verfilmung viel weiter verbreitet sein, als es jetzt schon der Fall
ist.
Es wird auch als Denkmal des unbekannten Soldaten gesehen!
So heißt es schon im Vorspann: ”Dieses Buch soll weder eine
Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine
Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde - auch wenn sie
seinen Granaten entkam.”
Als Soldat erlebte Paul Bäumer die Grausamkeiten des Krieges und
fällt schließlich gegen Ende des Krieges. Und keinen interessiert`s.
Sein Tod hat keinerlei Einfluss auf das Weltgeschehen. Remarque arbeitet, indem
er dieses Buch schreibt, Kriegserlebnisse auf, und hat an diesem Einzelschicksal
das Schicksal einer ganzen Generation dargestellt. Die Schrecken des Krieges,
die er erlebt, machen gleichzeitig auch Millionen anderer Soldaten mit durch.
Die jungen Soldaten merken, wie unbedeutend vieles ist, was sie in der Schule
eingetrichtert bekommen haben. Sie wissen zwar eine ganze Menge, jedoch so gut
wie nichts über das "wahre Leben". Sie haben all ihre früheren Ideale
aus Friedenszeiten verloren und sind nun ziel- und planlos. Einzig ihr Leben
sowie das ihrer Mitstreiter wollen sie bewahren, denn Kameradschaft ist das
Wertvollste, was sie an der Front haben. Remarque: "Das Wichtigste aber war,
dass in uns ein festes, praktisches Zusammengehörigkeitsgefühl
erwacht, das sich im Felde dann zum Besten steigert, was der Krieg
hervorbrachte: zur Kameradschaft!"
Durch den Krieg lernen die jungen Männer einiges. Sie bekommen einen
Sinn fürs ”Wesentliche”: Wir haben den Sinn für andere
Zusammenhänge verloren, weil sie künstlich sind. Nur die Tatsachen
sind richtig und wichtig für uns. Und gute Stiefel sind selten.
Die Evolution geht rückwärts, der Mensch entwickelt Instinkte und
wird während des Gefechts mehr und mehr zum Tier, zur rasenden Bestie. "...
wir schleudern die Granaten nicht gegen Menschen.[...] Nicht gegen Menschen ..."
Eigentlich schon, aber das verdrängen die jungen Soldaten. Doch Paul merkt
es. Er verwundet einen Franzosen schwer. Paul begreift, dass er einen Menschen
ermordet hat. Unwiderruflich, endgültig. Er ist verzweifelt, ihn plagen
Schuldgefühle. Doch was kann er tun. Was geschehen ist, ist geschehen. In
diesem Moment will er ausbrechen und kämpfen. Aber nicht gegen Frankreich,
England, Rußland, oder sonst irgendeinen Staat. Nein! Sondern gegen das,
was den Menschen dazu bewegt, solches Leid zuzulassen.
Das Leben findet schon seinen Weg. Es gibt den Willen nie auf und bringt
den Soldaten auch Hoffnung, wie Remarque überspitzt darstellt, indem er
Schmetterlinge auf Totenschädeln ausruhen läßt.
Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" gehört zu den bekanntesten
Schilderungen des Stellungskrieges im Ersten Weltkrieg (1914 - 1918). Das
Erscheinen des Romans einige Zeit nach dem Ersten Weltkrieg rief bei den Lesern
äußerst gegensätzliche Reaktionen hervor. Vielen Menschen half
er die Schrecken der Granaten und Nahkämpfe zu verarbeiten, andere
leugneten diese Darstellung des Krieges und griffen den Autor persönlich
an. Es gab aber auch viele positive Rückmeldungen in Form von Leserbriefen.
Deren Verfasser schrieben, dass ihnen der Roman sehr geholfen habe, ihre eigenen
Kriegserfahrungen zu verarbeiten.
Remarques Buch ist selber Teil der Geschichte geworden und hat die Politik
und Denkweise vieler Personen (vor und nach 45) beeinflusst.
9. Hintergrundmaterial zu ”Im Westen Nichts
Neues”
9.1 Ausgangssituation
Man war es seit Napoleon gewöhnt, dass die preußischen Truppen
nur zu erscheinen brauchten, um die Gegner in die Flucht zu schlagen.
Grabenkämpfe mit Millionen von Toten waren bis 1914 unbekannt und
unvorstellbar. In den Schulbüchern vor dem 1. Weltkrieg war von der
Unwiderstehlichkeit des preußischen Infanterieangriffes zu lesen. Auch ein
Krieg, der jahrelang dauert, war für die Bevölkerung unvorstellbar.
Die Soldaten rechneten ebenfalls nicht mit so etwas, sie beschrieben ihre
Waggons mit Worten wie ”Ausflug nach Paris”, ”Weihnachten sind
wir wieder da”, aber auch mit ”Auf Wiedersehen auf dem
Boulevard”, was 1914 die Siegessicherheit der Deutschen zum Ausdruck
brachte. Eine Siegessicherheit, die aus der Vergangenheit herrührte. Unter
dem Kaiser war es vorangegangen, Reichsbahn, Reichspost und Reichsmark sorgten
dafür, dass die Industrie wuchs und außerdem waren dadurch alte
Bedrohungen wie Hungersnöte ausgeblieben. Die Leute waren dem Kaiser
dankbar. So sahen es im Gegenzug Eltern und Lehrer als ihre Pflicht an, die
Kinder in Liebe und Opferbereitschaft für Kaiser und Vaterland zu erziehen.
Daher ist es nachvollziehbar, dass die Jugendlichen mit Stolz und Freude in den
Krieg zogen. Ebenso nachvollziehbar sind aber auch die von Remarque
beschriebenen Reaktionen, die in Kneipen im Hinterland stattfanden: Ältere
Männer, zum Teil Veteranen, taten ihr Unverständnis für die
Erfolglosigkeit des Stellungskrieges kund. Diese Form des modernen Krieges war
unbekannt und konnte nicht nachvollzogen werden.
9.2 Vom Angriffs- zum Stellungskrieg
Die Ypernschlacht bringt keine Kriegsentscheidung
Am 19. Oktober 1914 begann das deutsche Oberkommando die Schlacht von Ypern
in Belgien.
Erich von Falkenhayn, der Chef des deutschen Generalstabes, suchte die
Kriegsentscheidung im Westen, da die OHL (= Oberste Heeresleitung) der
Auffassung war, dass die Kampfkraft der Entente erschöpft sei und nur noch
eine letzte Offensive bis zum Sieg vonnöten sei. Diese Operation sollte in
Flandern mit dem Ziel des Durchbruches zur Nordseeküste anfangen. Die
Festung Antwerpen war das einzige Hindernis für dieses Vorhaben. Als die
Stadt am 9. Oktober gefallen war, konnte der Angriff vorbereitet werden,
für den als letzte Reserve die 4. Armee eingesetzt wurde. Sie war aus
Kriegsfreiwilligen und älteren Reserveoffizieren neu aufgestellt worden,
die eine nur achtwöchige mangelhafte Ausbildung absolviert hatten, und
sollte gegen das britische Expeditionskorps und einige geschwächte
belgische Divisionen antreten. Der Zahl nach waren die deutschen Truppen
überlegen, infolge des unerwartet hohen Verbrauches an Munition erhielten
die Angriffskräfte jedoch nicht die notwendige
Artillerieunterstützung. Am 19. Oktober begann die Schlacht von Ypern.
Trotz großen Einsatzes erzielten die Deutschen auf dem durch Regen
aufgeweichten Boden nur geringe Geländegewinne.
Am 18. November 1914 erkannte die OHL die Aussichtslosigkeit der deutschen
Offensive und befahl die Einstellung der Kämpfe. Die 4. und die 6. deutsche
Armee hatten insgesamt 100.000 Mann verloren.
Danach begann die Zeit des Stellungskrieges, in dem beide Seiten bis 1918
vergeblich versuchten, die gegnerische Front zu durchbrechen.
9.3 Von der Schulbank in den Tod
Hierzu haben wir folgenden Textausschnitt aus einem anderen Text
(Hans-Peter Peschke, Von der Schulbank in den Tod), der sehr deutlich den Wandel
der Denkweise eines Jugendlichen, der für alle anderen steht, im Krieg
zeigt.
Gefallen bei Langemarck
10. November 1924: Die Aula des städtischen Gymnasiums zu B. ist mit
schwarz-weiß-roten Fahnen und frischem Tannenreisig geschmückt. Neben
einem schwarz verhüllten Gebilde steht eine Rednertribune.
Der Pedell weist den Schulklassen im Sonntagsstaat ihren Platz zu.
Während die Schüler stehen müssen, werden die Ehrengäste von
Lehrern - viele haben ihre alte Uniform angezogen - zu ihren Stühlen
geführt. Erwartungsvolle Feierlichkeit erfüllt den Raum...
Schließlich ertönt vom Pedell ein lautes: "Achtung!
Stillgestanden!"; der Schulchor stimmt auf der Empore die "Wacht am Rhein" an.
Dann steht der Oberstudiendirektor auf - auch er in einer arg eng sitzenden
Reserveoffiziersuniform - und schreitet nach vorne.
Er verneigt und räuspert sich, dann beginnt er mit geübter
Stentorstimme zu sprechen: "Wieder einmal haben wir uns hier versammelt, um
derer zu gedenken, die in der Blüte ihrer Jahre ihr Leben unserem teuren
Vaterlande gewidmet haben! Ich bin stolz und glücklich, daß auch
Schüler dieses Gymnasiums unter diesen Helden waren, die freudig in den
Kampf zogen. Kann, ja darf es etwas Schöneres geben als den Heldentod
fürs Vaterland zu sterben...?"
Schon nach den ersten Worten ist die Rede durch ein unterdrücktes
Schluchzen aus der ersten Reihe gestört worden, jetzt aber wird die Eloge
durch eine ältere Frau unterbrochen, die aufsteht und ruft: "Es waren doch
noch Kinder! In den Tod habt ihr sie geschickt für eine verlorene Sache!"
Die Versammlung ist peinlich berührt; der Oberstudiendirektor findet
als erster die Sprache wieder: "Frau Wilmer, die Erinnerung und der Schmerz
haben Euch wohl übermannt; Ihr wißt nicht mehr, was Ihr redet.
Gerold, führen Sie die arme Frau hinaus!" Der Pedell versteht den Wink und
zerrt die Widerstrebende mit sich in die Hausmeisterwohnung.
"Nehmen Sie erst einmal einen Schluck Tee, Frau Wilmer", sagt er nicht
unfreundlich. Die setzt sich hin, hört von Ferne noch die Worte "Dulce et
decorum est pro patria mori" ("Süß und ehrenvoll ist es, fürs
Vaterland zu sterben") und flüstert dann vor sich hin: "Es war doch alles
ganz anders!"
Sie zieht ein Bündel Briefe aus ihrer Handtasche, die Schrift ist kaum
mehr zu lesen...
München, 1. August 1914
Liebe Mutter,
nie werde ich diesen Tag vergessen. Kaum hatten wir das Gerücht
gehört, da eilten wir auch schon vom Biergarten am Chinesischen Turm in die
Ludwigsstraße.
Vor der Feldherrnhalle stand ein Trommlerkorps mit blitzenden
Pickelhauben. Als ein Feldwebel die Kriegserklärung an Rußland und
Frankreich verlas, jubelten alle; Strohhüte flogen in die Luft. Nie habe
ich das Deutschlandlied so inbrünstig gesungen gehört, ich
schämte mich meiner Tränen nicht. Überall Militärmusik,
wildfremde Menschen fielen sich in die Arme.
Es hat wohl sein müssen, und unsere Sache ist gerecht. Viel zu lang
haben Kaiser und Kanzler gezögert, das Schwert zu ziehen. Aber wie sagt das
Dichterwort: "Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen
Nachbarn nicht gefällt! "
Auch für mich gibt es nun kein Halten mehr. Ade, schöne
Ludwig-Maximilian-Universität, die ich eben erst betreten habe! Wie alle
meine Kommilitonen habe ich mich sofort freiwillig gemeldet!
5. August 1914,
München (noch immer!)
Hurra! Endlich habe ich meine Beorderung: heute in der
Türkenkaserne. Gestern habe ich mich fast geschämt, als ich Doris (ich
habe Dir ja von ihr geschrieben) traf: noch immer in Zivilkleidern!
Habe auch Deinen kurzen Brief erhalten. Ich verstehe, daß Du Angst
hast, mich zu verlieren. Aber in solchen Zeiten darf man nicht zuerst an seine
Angehörigen denken, sondern an Volk und Vaterland...
Dortmund, 20. August 1914
Was für eine Enttäuschung! Man will uns freiwillige Studenten
und Schüler noch nicht sofort zur Front schicken. Wir üben hier Krieg.
Ein paar alte, tattrige Offiziere üben mit uns Gefechtsformationen.
Nun gut, ein paar von uns können auch nicht sonderlich gut mit dem
Gewehr umgehen. Aber es ist grausam, hier in der Etappe zu sitzen, während
unsere Truppen kurz vor Paris stehen! Ich fürchte, Weihnachten ist alles
vorbei und mein ganzes Kriegserlebnis ist eine Kaserne in Dortmund!
6. Oktober 1914
(im Eisenbahnzug westwärts)
Es ist soweit! Vor wenigen Stunden haben wir Dortmund verlassen. Das
ganze Bataillon marschierte, Uniform und Helme mit Blumen geschmückt, zum
Bahnhof. Unermüdlich Tücherschwenken aus allen Fenstern und
Straßen, tausend Hurras!
Bisher sind Franzosen und Engländer noch einmal davongekommen. Aber
jetzt werden wir es ihnen zeigen. Die Stimmung ist gut, wir werden drauflosgehen
"wie Blücher"! Wir werden siegen! Das ist bei unserem Siegeswillen gar
nicht anders möglich. Mach Dir keine Sorgen!
16. Oktober 1914, irgendwo in Flandern
Ich höre fernes Schießen von der Front. Wir sitzen hier,
spielen Karten oder Schach, lesen Zeitung oder schreiben Briefe. Vor zwei Tagen
kamen wir zum Regiment und zwar in eine vorgeschobene Stellung.
Wir lagerten in verlassenen Bauernhäusern; plötzlich regnete
es Granaten und lnfanteriesalven auf uns herab. Wir gingen in die Keller, aber
als die Franzosen näher kamen, mußten wir doch hinaus. Und wir hatten
keine Schützengräben oder sonst gedeckte Stellungen. Das waren schwere
Stunden, die vielen Kameraden das Leben gekostet haben. Erst viel später
griff auch unsere Artillerie in den Kampf ein und zwang den Feind zum
Rückzug.
Jetzt schaffen wir uns eine sichere Stellung, denn wir werden immer
wieder stark beschossen, besonders die englischen Schiffsgeschütze machen
uns zu schaffen. Unser Hauptmann hat uns erklärt, daß wir hier die
Stellung halten müssen, bis unser rechter Flügel mit uns in einer
Linie steht...
28. Oktober 1914, in Flandern
Mit welchen überschwenglichen Gefühlen bin ich in diesen Kampf
gezogen, liebe Mutter. Und jetzt sitze ich hier, von Grauen geschüttelt,
und genieße jeden Atemzug an Leben!
Eigentlich wollte ich Dir von der großen Schlacht schreiben, von
der großen Flandernoffensive, wie sie unsere Offiziere nennen. Aber mir
stehen nur wenige, grauenvolle Einzelheiten vor Augen, die ich ganz schnell
wieder vergessen möchte: der Kamerad mit dem blutenden Armstumpf, das
zerschossene Gesicht eines Freundes, die nichtendenwollenden Salven englischer
Maschinengewehre...
Es war furchtbar, so habe ich mir den Kampf nicht vorgestellt! Nicht das
vergossene Blut, nicht der Schmerz um die gefallenen Kameraden stößt
mich ab, es ist die ganze Kampfesweise. Wir wollen kämpfen und können
uns nicht wehren. Wir rennen nach vorne, zur nächsten Deckung. Den Feind,
der uns mit den tödlichen Geschossen eindeckt, den sehen wir gar
nicht...
8. November 1914, in Flandern
Es geht der Entscheidung zu: Heute um 10 Uhr hatte man uns zum
Feldgottesdienst befohlen. In einer Dorfkirche, die auch als Feldlazarett dient,
verlas unser Divisions-Kaplan eine Bibelstelle, dann sangen wir ein Lied. Nach
der Predigt folgte noch der Choral "Nun danket alle Gott. "
Ich habe das starke Gefühl, daß wir auch so ein Wunder
brauchen wie damals der Alte Fritz in Leuthen...
11. November 1914, Langemarck
Du wirst Dich wundern, liebe Mutter daß Du die Handschrift nicht
erkennst. Ich diktiere diesen Brief einem Kameraden in unserem Feldlazarett.
Keine Sorge: Ich mache mein Versprechen wahr, daß ich vor Weihnachten
zurück bin! Ich bin von einer Kugel in die Brust getroffen worden, und der
Arzt meint, ich komme durch. Bald werde ich hinter die Front geschafft
Wir alle wußten, daß der entscheidende Angriff begann. Alle
Reservekorps - inzwischen sind noch viele Gymnasiasten und sogar Lehrlinge zu
uns gestoßen - befinden sich hier im Raum zwischen Ypern und Bixmuiden.
"Die Jugend", so sagte unser Kommandant vor der Schlacht, "wird den großen
Durchbruch schaffen!. "
Und so zogen wir im Morgennebel los, immer in der Hoffnung, der Feind
würde uns nicht sehen und wir könnten ihn überraschen. Aber es
kam ganz anders: Donnerschläge und Blitze zerrissen die Stille. Die
Hölle konnte nicht schlimmer sein! Die Luft kochte, so stark war das
Infanterie- und Maschinengewehrfeuer. Und dann hauten die
Flachbahngeschütze dazwischen.
Überall um mich her Schreien und Stöhnen, das vergebliche
Rufen nach dem Sanitäter. Dann plötzlich ein Schlag gegen die Brust,
dann wurde es schwarz um mich. Und jetzt bin ich hier in der Dorfkirche
aufgewacht, umgeben von vielen verletzten Kameraden. Die kühle Nachtluft
tut gut; ich freue mich, Dich bald wieder zu sehen.
Luxemburg, 16. November 1914
Sehr geehrte Frau Wilmer!
Leider muß ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, daß ihr
Sohn Andreas Wilmer den Folgen eines Lungensteckschusses, den er in der
glorreichen Schlacht von Langemarck erhielt, erlegen ist. Es mag Ihnen ein Trost
sein, daß er sanft und ohne Schmerzen entschlafen ist.
Er starb für Gott und Vaterland!
gez.: Kübler, Oberstabsarzt
Die Frau verstaut das Bündel Briefe wieder in ihrer Tasche. Sie
öffnet die Türe der Wohnung des Pedells und sieht hinüber zur
Aula, wo sich der Festakt gerade seinem Höhepunkt nähert:
"Deutschland, teures Vaterland! Hat jemand diese Worte, diese Werte
erhabener, weihevoller gelebt als unsere jungen Helden, die ihr Blut bei
Langemarck gaben?"
Nach dieser rhetorischen Frage herrscht Stille in der Aula des
städtischen Gymnasiums. Der Oberstudiendirektor zieht an einer Schnur, die
schwarzen Tücher fallen und ein Gedenkstein aus schwarzem Marmor wird
sichtbar.
"Auf diesem Stein sind die Namen unserer lieben Mitschüler, die bei
Langemarck starben, auf ewig eingegraben, so wie in unseren Herzen. Ihrer
Tapferkeit, ihrer Opferbereitschaft wollen auch wir gedenken und ihnen
versichern, daß sie nicht vergebens gefallen sind, daß wir ihr
Vermächtnis einlösen und unser teures Vaterland wieder zu neuer
Größe führen wollen!"
Während der Schulchor das Deutschlandlied anstimmt, rinnen der Frau
die Tränen über die Wangen. Aber es sind keine Tränen der
Rührung, es sind Tränen der Wut. "Und sie werden unsere Kinder wieder
in den Tod schicken", flüstert sie, "und niemand wird sie daran
hindern!"
9.4 Reaktionen auf Remarques Buch
Am 31. Januar 1929 erscheint im Ullstein-Propyläen Verlag Berlin der
Roman »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque und wird zu
einem Bestseller, der den Weltkrieg aus der Perspektive des einfachen Soldaten,
der von der Schulbank eingezogen worden ist, schildert. Nach dem Vorabdruck in
der »Vossischen Zeitung« (ab 10.11.1928) ist die Erstauflage des Buchs
schon vor Erscheinen vergriffen; es entwickelt sich zum meistgelesenen Werk der
ersten Jahrhunderthälfte. Andere Verlage, etwa S.Fischer, hatten das
Manuskript zuvor abgelehnt.
Der Kampf um Remarque
Als das Buch ”Im Westen nichts Neues” auf den Markt kam, war es
bereits ein sehr umstrittenes Buch. Es gab wohl keine Zeitung, die nicht
Stellung nahm. Eine ganze Reihe von Blättern berichtete mehrmals. Nicht
immer war die Würdigung objektiv, je nach der politischen Ausrichtung des
Blattes las man die verschiedensten Tendenzen aus dem Buch.
So wurde ihm u.a. vorgeworfen, "die deutschen Soldaten grausamer Handlungen
zu beschuldigen, deren sie niemals fähig gewesen wären - denn der
deutsche Soldat war bekannt für schmerzlosen Nahkampf und humanes
Trommelfeuer" (Kasper Hauser [d.i. Kurt Tucholsky] in: die Weltbühne,
Berlin, 11.06.1929)
Hier sind einige weitere Ausschnitte von Zeitungsartikeln aus dieser
Zeit.
Über 450 000 Exemplare verkauft! Das bedeutet rund eine Million
Leser! Ist es das Kriegsbuch, als das es gepriesen wird?
Wir sind gewiß, daß es alles andere als die Schilderung des
inneren Erlebens des Frontsoldaten ist. Manche Gefühle, die den Soldaten
durchtobt, sind zweifellos richtig erfaßt. Die schwachen Stunden sind gut
wiedergegeben, aber das Heldische, das den Mitläufer auf Befehl
überragte, das das Kleine im Menschen besiegte, das fehlt. Erich Maria
Remarque heißt im bürgerlichen Leben Kramer. Sein Schriftstellername
ergibt sich aus der Umstellung des Vaternamens mit der Verwelschung des "k" in
"que". Unter dem Namen "Remarque" sind schon früher Bücher geschrieben
worden, die den Verfasser von "Im Westen nichts Neues" zum Urheber
haben...
(Der Dichter...Textausschnitt)
J. E.: Nichts Neues im Westen
Von der Schulbank in den Feuerofen des Krieges geworfen, ist eine ganze
Generation zerstört worden. Was nicht durch Eisen und Feuer ausgetilgt
wurde, fand die Heimat nicht mehr. Herausgerissen aus allem Sein, losgelöst
von Familie und Beruf, zweifelnd an allem Gewesenen und an allem Werdenden,
verzweifelt über den gleichgültigen Gang des Alltags, von
Wachträumen verfolgt, aus dem Schlaf durch jähes Erinnern
aufgeschreckt, der Sorge um das tägliche Leben preisgegeben, im Kampf um
die nackte Existenz mit zerrütteten Nerven, geschwächtem
Körper.
Sie haben die Zähne zusammengebissen und geschwiegen. Während
das Entsetzliche geschah, konnten sie nicht reden. Man hätte sie nicht
gehört und nicht verstanden. Und als alles zu Ende war, waren sie
müde, mürbe, ausgelöscht, hatten sie nur den einen Wunsch, zu
vergessen.
Andere haben geredet. Dicke Bücher sind erschienen, in denen
Schlachten geschildert und Lorbeeren verteilt wurden. Die Strategen führten
das große Wort. Denkmäler wurden errichtet, und an Reden mit
klingender Musik und wehenden Fahnen war kein Mangel. Was den Menschen im
Feuerofen geschah, was sie empfunden, erhofft, gelitten, gelobt und verflucht,
ging unter in dem lärmenden Tusch der Fanfaren, in dem leeren Gerede von
Heldentum und Dank des Vaterlandes.
Sie standen dabei, ließen es geschehen, suchten vergebens nach
einem Wort, nach einem Ausruf, der all das wegwischte, zum Schweigen brachte,
was da mit Wortgepränge und billigen Phrasen die alten Legenden erneuerte,
die Lügen von der Macht und Herrlichkeit des Soldatenlebens, von dem Glanz
und Glück der Vergangenheit, von der Notwendigkeit, immer neue
Massengräber zu füllen.
Zehn Jahre sind seit dem bitteren Ende der bitteren Jahre vergangen.
Zehn Jahre, in denen sich allmählich aus irren und wirren Gefühlen,
aus Haß und Verzweiflung eine neue Beziehung zu dem Geschehenen
gestaltete. Jetzt ist ein gewisser Abstand gewonnen, der es ermöglicht, das
Einzelerlebnis in den großen Zusammenhang einzuordnen. Und der Ablauf der
Zeit hat das Schwere so weit abgerückt, daß unsere Ohren willig und
fähig sind, zu hören.
Einer aus der grauen Masse, einer von den Hunderttausenden, die als
halbe Kinder dem Ruf zu den Fahnen freiwillig folgten, begeistert, ahnungslos,
fortgerissen durch die Ermahnungen patriotischer Lehrer und das Beispiel der
Kameraden, ein Soldat, der bis zum letzten Tag seine Pflicht tat und,
zurückgekehrt, untertauchte im Gleichmaß bürgerlicher Arbeit,
ein geordneter, schlichter, schwerblütiger, schweigsamer Mensch, muß
für alle sprechen, muß das Gespenst der Vergangenheit stellen, am
Kreuzweg um Mitternacht, muß es packen und halten und noch einmal mit
Lebensblut erfüllen - damit es Zeugnis ablege und ihnen allen die Ruhe
bringe, allen, die für immer schweigen, und allen, auf denen heute noch der
Druck unklaren Erinnerns, geteilter Gefühle, zerrissenen Empfindens
liegt.
Erich Maria Remarque, kein Schriftsteller von Beruf, ein junger Mensch
in den ersten Dreißigern, hat zugegriffen, hat plötzlich vor einigen
Monaten den Drang und Zwang empfunden, das in Worte zu fassen, zu gestalten und
innerlich zu überwinden, was ihm und seinen Schulkameraden, einer ganzen
Klasse von jungen, lebenshungrigen Menschen, von denen keiner wiederkehrte,
geschehen war. Was entstanden ist, läßt sich nicht in irgendeine
Literaturgattung einreihen. Es ist kein Kriegsroman, auch kein Tagebuch. Es ist
erlebtes Leben und doch abgerückt durch eine Gestaltungskraft, die das
persönliche Erleben ohne Kunstgriff, ohne Verzerrung und Verzeichnung in
eine Sphäre der Allgemeingültigkeit hebt. So ist das erste wirkliche
Denkmal des Unbekannten Soldaten« entstanden. Ein Werk, das Blatt für
Blatt den Eindruck ergreifender Wahrheitstreue erweckt, ein Gemälde, in den
schlichtesten Farben gehalten und doch so erfüllt von innerem Leben, von
einer Leidenschaft des Erinnerns, von einer Heiligkeit und Stärke des
Empfindens, daß niemand ohne innerliche Beteiligung, ohne stärkste
Erschütterung bleiben kann.
Es ist ein Buch ohne Tendenz und doch ein Mahnmal stärker als
Stein, dauernder als Erz, ein Mahnmal, das die Herzen ergreift, die Köpfe
erfüllt, das kommenden Generationen das wahre Bild des furchtbarsten
Krieges lebendig erhält.
Die »Vossische Zeitung« hält es für ihre Pflicht,
der Öffentlichkeit dieses starke und wahre Werk - sein Titel lautet "Nichts
Neues im Westen" - vorzulegen, in diesen Novembertagen, in denen alte Formen
zerbrachen und neues Leben unter Wehen ward.
Vossische Zeitung, 8. 11. 1928
Worin besteht die geheime Kraft seines Buches? Was macht es
einzigartig?...daß Remarque nicht dem Leser eine fertige Gesinnung Seite
für Seite einlöffelt, sondern es ihm überläßt, selbst
aus dem Buche Schlüsse zu ziehen: das ist das Geheimnis seiner Wirkung.
Remarque hat offenbar mit dem Buch nichts anderes zu tun gewünscht, als
sich eine furchtbare Erinnerungslast vom Nacken zu wälzen. So gibt es bei
ihm Dinge, die auf verschiedene Menschen ganz verschieden
wirken...
Aber so vieldeutig ist das Leben selbst ja auch. Und daß Remarque
dieses Leben so gibt, wie er es sah und hatte, daß er einem nicht
andauernd den Kopf mit privaten Meinungen verkeilt, sondern die Tatsachen durch
sich wirken läßt, das ist der Reiz des Buches.
"Im Westen nichts Neues" wurde innerhalb von 12 Wochen von 500000
Menschen gekauft! 14 Nationen lassen es in ihre Sprache übersetzen. Bilden
Sie sich bitte selbst ein Urteil und lesen Sie das Buch, das im
Propyläen-Verlag erschien und für 4 Mark broschiert, für 6 Mark
in Ganzleinen überall zu haben ist.
Die Welt am Montag, Berlin
"Er beginnt damit, daß die Schüler von einem Lehrer, welcher
selbst als Drückeberger dargstellt wird, zur Meldung als Kriegsfreiwillige
bewogen werden. Bei der Ausbildung in der Kaserne ist fast nur von einem
Unteroffizier die Rede, der ein vollendeter Menschenschinder ist, andere
Vorgesetzte, welche durch ihr Beispiel Begeisterung bei den jungen Leuten wecken
konnten, fehlen. Bei sämtlichen Erlebnissen an der Front sind nur die
schaurigsten Ereignisse gemalt; der Frontsoldat wird als ein in seinen
Gewohnheiten fast zum Tier gewordenes, stumpfsinniges Wesen dargestellt, dem
jeder Zug heldischen Geistes und vaterländischer Gesinnung vollständig
abgeht. Bei der Schilderung eines Urlaubs wird in der Heimatgarnison nur ein
Stabsoffizier beschrieben, der in übertriebener Weise den
übermüdet aus der Sommerschlacht zurückkommenden Frontsoldaten
schurigelt und ihm droht, er werde ihm die verfluchten Frontmanieren schon
austreiben. Schöne und erhebende Erlebnisse fehlen gänzlich
(Graf von Schlieffen in: Deutsches Adelsblatt, 16.03.1929).
WAHR ODER NICHT WAHR?
Viele Zeitungsartikel beschäftigten sich mit dem Wahrheitsgehalt des
Buches:
Das Buch Remarques ist eine geschickte Federzeichnung aller Kehrseiten
des Krieges...
(Deutsche Zeitung, Berlin)
...all diese Schilderungen sind so wahr und so erschütternd,
daß alles noch einmal miterlebt wird...
(Kölnische Zeitung)
Das, was Remarque, erlebte, das haben tausend und aber tausend erlebt,
und gerade so...
(Hamburger Fremdenblatt)
...daß hier Maulwürfe am Werke sind, die in geschickt
getarnter Weise das wahre Kriegserlebnis fälschen...
(Völkischer Beobachter, München)
...die ehemaligen Frontsoldaten erkennen in diesem Buche die erste ganz
unkonstruierte und unverbogene Darstellung des Krieges...
(Schwäbische Tagwacht, Stuttgart)
Dem Buch von Remarque die Wahrheit des Inhalts abzusprechen, ist eine
äußerst kühne Anmaßung. Wer selbst im Kriege an der Front
war und den ganzen Schlamassel durchgemacht hat, kann nur sagen, so war es
tatsächlich.
(Jenaer Volksblatt.)
PAZIFISTISCH ?
Häufig war auch die Frage nach pazifistischen Tendenzen Streitpunkt
der Zeitungen:
...dennoch verbirgt sich unter der scheinbar referierenden Wiedergabe
die Drachensaat des Pazifismus
(Hamburger Nachrichten)
Die Leute, die von dem Buch "Im Westen nichts Neues" eine pazifistische
Wirkung erwarteten; haben sich getäuscht. Die Front lebt auf und nicht ein
pazifistisches Gefühl.
(Der Jungdeutsche, Berlin)
...Kein pazifistisches Buch! Es trägt nicht zur Verhinderung des
Krieges bei: weil es zwar aufzeigt, was ist, nicht aber Stellung nimmt, nicht
zur Abwehr aufruft, nicht den Weg zur Tat zeigt.
(Die Friedenswarte)
Wer pazifistischer Wegweiser im üblen Sinne des Wortes werden
möchte, der verbreite dies Buch...
(Jenaische Zeitung)
Die Stärke von "Im Westen nichts Neues" liegt in der Jugend der
heimlichen Melodie dieses Werkes. Diese Melodie ist nicht pazifistisch.
(Berliner Tageblatt)
...einen äußerst geschickt verkleideten Versuch, den
wehrhaften Geist des deutschen Volkes zu ertöten...
(Österreichische Wehrzeitung, Wien)
...Bei Gott, ein pazifistischer Roman ließe sich raffinierter
anlegen...
(Hochland, München)
Das Buch fördert nicht so sehr den Abscheu vor dem Kriege, als es
die latent gewordene Kriegslust weckt.
(Die Welt am Abend, Berlin)
WIE WAR WAHRES HELDENTUM?
Auch diese Frage zeigte die extremen Differenzen zwischen den verschiedenen
Weltanschauungen der Blätter, und somit die verschiedenen Bewertungen von
Remarques Buch.
Diesem Buch fehlt auf jeder Seite die große Konzeption vom
Empfinden des vaterländischen Heroismus, vor dem jeder einzelne nichts war,
die Gemeinschaft der Frontsoldaten aber zur gewaltigen Persönlichkeit
emporwuchs.
(Hamburger Nachrichten)
...Dieses im wahrsten Sinne heroische Buch gehört in jedes deutsche
Haus!
(Tremonia, Dortmund)
Die Selbstverständlichkeit der Pflichterfüllung bis in den Tod
tritt bei Erich Maria Remarque in den Vordergrund seiner
Schilderung...
(Der Jungdeutsche, Berlin)
Das ist der Mut, der sich zur Feigheit bekennt...
(Bergisch-Märkische Zeitung, Elberfeld)
Frontgeist - hier haben wir ihn in seinen besten natürlichen,
menschlichsten Art, befreit von jeder Phrase...
(Der Altmärker, Stendal)
Es ist weder Anklage noch Tendenz, wenn der "Heldentod" eine Schilderung
seiner Wahrheit erfährt, der Wahrheit von tausendmal Erlebtem.
(Darmstädter Tagblatt)
Sie haben alle dasselbe erlebt. So und nicht anders waren die
Gespräche unter ihnen. So und nicht anders ihre kleinen und großen
Sorgen, so und nicht anders ihre Kameradschaftlichkeit.
(Essener Anzeiger)
BELEIDIGEND UND TENDENZIÖS?
Schwere Vorwürfe wurden von der einen Seite erhoben und von der
anderen abgelehnt
...eine grobe Beleidigung des deutschen Heeres und des deutschen
Frontsoldaten...
(Bundesblatt des Königin-Luise-Bundes)
Kein Wort der Anklage, des Aufruhrs, der Hetze. Dies Buch ist kein
Leitartikel, sondern ein Bericht...
(Gießener Anzeiger)
...wird das Buch vielfach mit der Bemerkung abgetan: "Tendenz,
übelste Tendenz". Doch ist die "Tendenz", die aus dem Werke Remarques
spricht, weiter nichts als die bitterste Wahrheit...
(Danziger Zeitung)
ANSTÖSSIG?
Ein weiterer Vorwurf, der in manchen Buchkritiken über ”Im
Westen nichts Neues” erhoben wurde
Wenn man es versucht, Herrn Remarque den Absatz seines
Latrinenschmökers zu erschweren, dann wollen wir doch nicht darüber
klagen...
(Coburger Tageblatt)
...er ist nicht zimperlich auf die Tanten beiderlei Geschlechts, die von
ihm damals erwarteten, daß er auch für die Welt ihrer Sofaschoner
rücksichtslos sein Leben einsetzte, kann er keine Rücksicht nehmen, er
muß, wenn er das Ganze geben will, auch von Dingen sprechen, von denen man
nicht spricht. Seine Bekenntnisse werden Anstoß erregen, wie jede
unumwickelte Wahrheit.
(Württemberger Zeitung, Stuttgart)
GEFAHR FÜR DIE JUGEND ?
Manche Zeitungen warfen Remarque Jugendgefährdung vor, andere hielten
es für wichtig, daß möglichst viele Jugendliche das Buch
lesen:
Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß dieses Buch eine sittliche
Gefahr bedeutet, besonders für unsre heranwachsende Jugend...
(Steinfurter Anzeiger)
Dieser Erich Maria Remarque hat ein Jugendbuch geschrieben, eines der
wichtigsten vielleicht, die geschrieben wurden...
(Kölner Tageblatt)
9.5 Remarque und das 3. Reich
Remarques Bücher wurden von den Nazis öffentlich verbrannt
(12.5.1933) und 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.
Besonders eingegangen wird auf die skandalöse Veröffentlichung der
Soldatengeschichte "Nacht an der Front" von F.Scheinpflug
Das Besondere:
Titel und Autor sind reine Erfindung. Tatsächlich handelt es sich bei
der Geschichte um einen leicht gekürzten und veränderten
Textausschnitt aus dem heiß und kontrovers diskutierten Bestseller-Roman
"Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque (1928/29). Historisches: Der
Text ist Anfang des Jahres 1931 von der Berliner NS-Zeitung "Angriff", hrsg. von
Dr. Joseph Goebbels, als "heroische" Soldatengeschichte unter dem Autorennamen
F.Scheinpflug mit dem Titel "Nacht an der Front" veröffentlicht worden.
Niemand in der Nazi-Redaktion hatte bemerkt, dass es sich bei der
Soldatengeschichte um eine Schlüsselszene aus dem von den Nazis gehassten
Roman und Spielfilm "Im Westen nichts Neues" (1929/30) handelte. Der
nationalsozialistische Gauleiter Dr. Joseph Goebbels (nach der
Machtübernahme durch Adolf Hitler, 1933, Reichspropagandaminister des
"Dritten Reichs") hatte sich kurz zuvor zum "Bewahrer deutscher Kultur"
aufgespielt und im Dezember 1930 die Aufführungen der Remarque-Verfilmung
"Im Westen nichts Neues" in Berlin massiv gestört und Straßenkrawalle
provoziert. Diese "Nazi-Randale" um die "Remarque Verfilmung" gehört heute
zu einem der größten Skandale in der Chronik der internationalen
Filmgeschichte. Die Veröffentlichung des Remarque-Textes in dem Berliner
NS-Kampfblatt "Angriff" kann heute als nationalsozialistische Kultur-Blamage
ersten Ranges verstanden werden.
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