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Zweig, Stefan (1881-1942)
1.) Lebenslauf und Werke des
Schriftstellers
Stefan Zweig * 28.11.1881 †
23.02.1942
Universität in Wien Philosophie, Romanistik und
Germanistik. Er litt an der sogenannten “schwarzen Leber”, einer Art
immer wiederkehrender Depression, die ihn selbst bei bester Stimmung für
die “Schattenseiten des Lebens” anfällig machte.
Stefan Zweig war immer pazifistisch und weltpolitisch
eingestellt, wünschte sich ein Kultureuropa ohne Grenzen und fungierte oft
als Vermittler zwischen den Nationen. Sein Leben war durch ständiges Reisen
innerhalb Europas, unter anderem durch Belgien, Frankreich, England und Italien,
geprägt. Diese Reisen nannte er seine “wirklichen Studien”.
Schon 1919 zog er nach Salzburg um, da diese Stadt zentraler
gelegen und somit geeigneter für seine Auslandsreisen war als Wien.
Sein Erfolg – schon zu Lebzeiten war er der
meistübersetzte und international bekannteste österreichische
Schriftsteller – läßt sich durch verschiedene Faktoren
erklären: Stefan Zweig besitzt die Kunst, geschichtliche Begebenheiten auf
eine novellistische Art zu erzählen, kann typisch menschliches Verhalten
auf eine fesselnde Art und Weise darstellen und weiß sich dabei des
psychoanalytischen “Auseinandernehmens” zu bedienen; eine Art
Einfühlungsvermögen ist in seinen Werken zu erkennen.
Er selbst war ein für alles offener und in einer
selbstaufopfernden Weise Hilfe leistender Mitmensch, der immer an das Gute im
Menschen zu glauben schien. Eine Art “Überparteilichkeit”
gehörte ebenfalls zu seinen Charakterstärken. Durch eine
“böse Vorahnung”, die er für Österreichs politische
Entwicklung hegte, entschloß er sich, 1933 nach London zu reisen. 1934
ließ er sich dort nieder und nahm 1940 die britische
Staatsbürgerschaft an. Seine Ehefrau Friderike (gebürtige von
Winternitz) blieb derweil in Österreich zurück. In Lotte Altmann,
seiner Sekretärin, fand er in England bald seine neue Lebensgefährtin.
Stefan Zweig ließ sich durch seine Eigenschaft der
“Überparteilichkeit” nicht vom damals aufkommenden Fanatismus
begeistern, wodurch er auffiel. Seine eigene politische Meinung tat er, wie so
oft, durch seine folgenden Werke kund, jedoch mußte er durch den
aufkommenden Nationalsozialismus mit seinem Verlag brechen, der seit 30 Jahren
seine Werke veröffentlicht hatte. Doch auch in England fühlte er sich
nicht wohl, ihn überfiel eine Art innere Unruhe, der er sich nicht
entziehen konnte, seine Idee vom vereinigten Kultureuropa war zerstört.
Durch eine Vortragsreise kam Stefan Zweig 1940 nach
Brasilien. Dort ließ er sich in Petrópolis (nahe bei Rio de
Janeiro) mit seiner nachgereisten Lebensgefährtin nieder. Er wollte nicht
mehr in eine völlig zerstörte Welt in Europa zurückkehren. Dort
schrieb er nicht nur die “Schachnovelle”, sondern auch 1941 seine
eigene Biographie, die er “Die Welt von gestern” nannte – die
Welt, die er nie wieder sehen würde. Die Ideale, die ihm einst so wichtig
waren, waren vernichtet worden.
Mit dem Eintritt Japans in den Weltkrieg und der Niederlage
Singapurs, den schlimmen Nachrichten aus Europa und der Hoffnungslosigkeit
seiner eigenen Lage, wählten Stefan Zweig und seine Lebensgefährtin
Lotte Altmann am 23. Februar 1942 in Petrópolis den Freitod.
1941 erschien mit der psychologischen Schachnovelle
Zweigs wohl bekanntestes Werk. Jeremias (1917) ist eine
“dramatische Dichtung” und ebenfalls sehr bekannt. Stefan Zweig
schrieb außerdem Biographien und Novellen, darunter Der
Amokläufer (1922), Angst (1925) und Verwirrung der
Gefühle (1927). Neben zahlreichen Essays, z. B. Drei
Meister (1920), Drei Dichter ihres Lebens (1925), Die Heilung
durch den Geist (1931) sowie Sternstunden der Menschheit (1927)
entstanden auch Spätwerke. Zu ihnen gehören die Romanbiographien
Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934), Marie
Antoinette (1932) und Maria Stuart (1935). Seine nostalgische
Autobiographie Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers
wurde 1942 posthum herausgegeben. Weitere Werke des Autors sind die
Gedichtbände Silberne Saiten (1901) und Die frühen
Kränze (1906), die Dramen Tersites (1907) und Das Haus am
Meer (1912), die Biographien Joseph Fouché (1929) und
Magellan (1938) sowie die Prosabände Erstes Erlebnis (1911),
Die Augen des ewigen Bruders (1922), Begegnungen mit Menschen,
Büchern, Städten (1937) und Rausch der Verwandlung
(veröffentlicht 1982).
2.) Inhaltsangabe des Buches
An Bord eines Passagierdampfers der Linie New York –
Buenos Aires begegnet der Ich-Erzähler dem Schachweltmeister Mirko
Czentovic. In einem Rückblick wird Czentovics Weg zum Erfolg
geschildert.
Mirko ist der Sohn eines armen, südslawischen
Donauschiffers, welcher bei einem Schiffsunglück ums Leben kam. Der
Ortspfarrer nimmt den damals Zwölfjährigen aus Mitleid auf und
bemüht sich sehr um seine Bildung. Mirko kann jedoch keinen Sinn in
Buchstaben und Wörtern erkennen. Willig verrichtet er häusliche
Arbeiten, jedoch mit “totaler Teilnahmslosigkeit”. Abends, wenn der
Pfarrer mit dem Polizisten Schach spielt, sitzt Mirko scheinbar schläfrig
daneben. Seine Fähigkeit, Schach spielen zu können, stellt sich
heraus, als der Pfarrer zu einer Kranken gerufen wird und Mirko mit dem
Polizisten die angefangene Partie zu Ende spielt. Später stellt Mirko sein
Können im Schachclub in der Nachbarstadt unter Beweis. Die Mitglieder des
Clubs sind von Mirkos Talent begeistert und fördern seine Karriere. Aus dem
geistig zurückgebliebenen Schiffersohn wird schließlich der
Schachweltmeister.
Der Ich-Erzähler möchte mit dem Slawen Kontakt
aufnehmen, um etwas über ihn zu erfahren. Er versucht, durch ein
(gestelltes) Schachspiel mit seiner Frau im Smoking Room des Schiffes Czentovics
Interesse zu wecken, um ihn anschließend in ein Gespräch verwickeln
zu können. Doch als erster Interessierter gesellt sich nicht Czentovic zu
ihnen, sondern ein reicher, schottischer Tiefbauingenieur namens McConnor.
Dieser fordert den Ich-Erzähler zu einem Match auf. Mitten in dem sich
anschließenden Spiel betritt Czentovic den Raum und beobachtet das Spiel
just zu dem Zeitpunkt, als McConnor einen besonders ungeschickten Zug macht. Der
Weltmeister würdigt den “Schachlaien” keines weiteren Blickes
und verläßt den Smoking Room wieder. Als McConnor klar wird,
daß niemand anders als der amtierende Schachweltmeister ihre Partie, wenn
auch nur kurz, verfolgt hat, eilt er hinter Czentovic her und fordert ihn zu
einer sogenannten “Simultanpartie” heraus. Dieser sagt zu,
allerdings nur unter der Bedingung, daß er ein Honorar von 250,- $ pro
Spiel bekommt. Der Millionär willigt ein. Die erste Runde erweist sich als
äußerst kurz, und Czentovic geht als triumphaler Sieger hervor. Bei
der zweiten Partie jedoch greift ein fremder Herr, der österreichische
Emigrant Dr. B., beratend in die schon fast verlorene Partie ein. Durch dessen
geschickte Taktik und meisterhafte Vorausberechnung kann er ein Remis gegen den
Weltmeister retten.
In einem weiteren Rückblick wird die Schachkunst des in
Schachkreisen Unbekannten erklärt: Dr. B. wurde zur Nazizeit als
Vermögensverwalter großer Klöster von der Gestapo verhaftet und
während seiner Haft in einem Hotelzimmer mit lediglich einem Bett, einem
Sessel, einer Waschschüssel und einem vergitterten Fenster festgehalten.
Die Absicht der Nazioffiziere war, ihn so zu isolieren, daß er irgendwann
die Geheimnisse der Reichsgegner verraten würde, nur um wieder unter
Menschen zu kommen. Er konnte sich nur vor nervlicher Zerrüttung und
geistiger Aushöhlung bewahren, indem er monatelang eine Sammlung von 150
Meisterpartien auswendig lernte, welche er aus dem Mantel eines
Militäroffiziers hatte stehlen können. Dieses Buch bot ihm eine
geeignete Beschäftigung gegen die Monotonie der Haft. Als er aber alle
Partien auswendig konnte, ging der Reiz verloren, Partien lediglich im Geist
nachzuspielen. So verfiel er der geistigen Schizophrenie und versuchte, gegen
sich selbst zu spielen, also sein Bewußtsein in ein
“Ich-Weiß” und “Ich-Schwarz” zu teilen. Diese
künstliche Bewußtseinsspaltung brachte Nebenwirkungen mit sich: Der
Gefangene wurde nervös und ging in seinem Zimmer auf und ab. Außerdem
litt er unter ständigem Durst, wieviel er auch trank. Schließlich
verlor er fast seinen Verstand, von ihm selbst als
“Schachvergiftung” bezeichnet. Dabei zog er sich eine Schnittwunde
an der rechten Hand zu, die dauerhaft als Narbe sichtbar blieb. Der Verletzte
wurde in ein Hospital verlegt, dessen Leiter bald darauf seine Entlassung
erwirkte.
Czentovic, der sehr von den Schachkenntnissen des Dr. B.
beeindruckt ist, fordert den Österreicher zu einer Partie ohne andere
Mitspieler auf. Dr. B. sagt nach einigem Zögern zu, will jedoch nur eine
einzige Partie gegen Czentovic spielen, um zu erfahren, ob er der psychischen
Belastung dieser Partie standhalten kann. Er trifft sich mit Czentovic und
spielt zum ersten Mal seit seiner Haft nun wieder Schach, aber diesmal auf einem
richtigen Schachbrett und gegen einen menschlichen Gegner. In der ersten Partie
schlägt er Czentovic, zeigt aber schon klare Symptome der wiederkehrenden
“Schachvergiftung”. Er rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her
und leidet, wie in seiner Einzelhaft, an einem unstillbaren Durst. Auch beginnt
er wieder, nervös umherzulaufen. Czentovic bemerkt, daß die Ursache
für Dr. B.s Nervosität in den langen Pausen zwischen den Zügen
liegt, die sich Czentovic gestattet. Trotzdem geht der Österreicher als
Sieger aus dieser Partie hervor. Im folgenden Spiel hemmt der kühle und
berechnende Schachweltmeister den Spielfluß durch absichtliche
Verzögerungen. Für Dr. B. ist das ständige Wartenmüssen so
belastend, daß er beginnt, sich mit imaginären Partien zu
beschäftigen. Sein Zustand eskaliert, und er muß kurz vor seinem
endgültigen Delirium vom Schachbrett entfernt werden.
3.) Charakteristik der
Personen
Aus der großen anonymen Menge der Passagiere hebt
Stefan Zweig nur drei Personen hervor. Um sie gruppieren sich
“Statisten” ohne größere Bedeutung. Die drei
hervorgehobenen Personen sind:
McConnor, ein Tiefbauingenieur, der in Amerika zu
beträchtlichem Wohlstand gekommen ist, wird schon am Anfang der Novelle mit
eindeutig negativen Merkmalen eingeführt. Er wird als “...ein
stämmiger Mensch mit starken, fast quadratisch harten
Kinnbacken...”1 beschrieben. Sein Aussehen findet sich auch in
seinem rüden, selbstgefälligen, mürrischen, rücksichtslosen
und triumphierenden Charakter wieder (“Die auffällig breiten, fast
athletisch vehementen Schultern machten sich leider auch im Spiel
charaktermäßig bemerkbar, denn dieser Mister McConnor gehörte zu
jener Sorte selbstbesessener Erfolgsmenschen, die auch im belanglosesten Spiel
eine Niederlage schon als Herabsetzung ihres
Persönlichkeitsbewußtseins empfinden.”2). Er selbst
wird als ein sogenannter “Selfmademan”3, seine Sprache
als direkt, unqualifiziert und als zum Teil unhöflich
dargestellt.
Mirko Czentovic, geboren als Sohn eines armen
südslawischen Donauschiffers, wird nach dem Tode seines Vaters als
Zwölfjähriger von einem Dorfpfarrer aufgenommen und erzogen. Trotz
allen Anstrengungen gelingt es diesem nicht, dem Jungen eine elementare Bildung
zu verschaffen. Mirko wird als “maulfaules, dumpfes, breitstirniges
Kind”4 beschrieben. Sein Gehirn arbeitet nur schwerfällig.
Willig verrichtet er häusliche Arbeiten, aber mit “totaler
Teilnahmslosigkeit”5.
Der Chronist stellt Czentovic zwar als Schachprofi dar,
gleichzeitig aber schildert er auch dessen negative Charakterzüge. Der
Slawe ist behäbig und unbeweglich, seine Kaltschnäuzigkeit und
Emotionslosigkeit ist sein Erfolgsrezept, an seiner “zähen und kalten
Logik”6 sind viele intelligentere und ihm an Phantasie
überlegene Champions gescheitert. Sein ganzes Leben lang hat er all seine
Denkweise dem Schachspiel gewidmet, dem einseitig Begabten bleibt jeder Zugang
zur eigentlichen Welt verschlossen. Er ist stur und nimmt keinen Kontakt zu
seinen Mitmenschen auf, da er fürchtet, daß diese seinen fehlenden
Intellekt bemerken. Mirko wird als “unmenschlicher
Schachautomat”7, der nur einen “flüchtigen
Blick” aufs Schachbrett wirft und die Gegner von oben herab behandelt,
beschrieben. Auf dem Schachbrett hat er Erfolg, doch im Leben ist er eine
“groteske, beinahe komische Figur”8.
________________________________________________________________
1 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 26
2 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 26
3 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 26
4 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 9
5 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 10
6 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 16
7 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 34
8 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 17
Dr. B. ist eine stille und unauffällige Person,
bevor er in der Isolationshaft der Nazis an der
“Schachvergiftung”9 erkrankt. In dem “Hotel”
ist Dr. B. von der
Außenwelt abgeschnitten, jegliche Beschäftigung
und Kommunikation mit
Mitmenschen wird ihm untersagt. Um nicht dem psychischen
Druck der Nazis zu unterliegen, beschäftigt er sich mit aufgezeichneten
Schachpartien. Dies endet in einer “künstlichen
Schizophrenie”10. Dr. B. versucht, “eine Spaltung in ein
Ich Weiß und ein Ich Schwarz”11 zu vollziehen, um Partien
nicht nur im Geist nachzuspielen, sondern gegen sich selbst zu spielen –
nach Dr. B. “eine solche Paradoxie, wie über seinen eigenen Schatten
zu springen.”12 Nachdem seine geistige Verwirrung durch einen
Arzt festgestellt wird, kann er das Gefängnis der Nazis verlassen.
Doch Dr. B. ist nach dieser Haft nicht mehr derselbe. Die
vollständige Einsamkeit hatte ihn menschenscheu, verwirrt und unruhig
gemacht. Wenn er unter Streß steht, ist er ängstlich und nervös.
Besonders im Schachspiel gegen Czentovic, der immer die volle Zugzeit ausnutzt,
wirkt er unruhig und sehr gereizt. Schließlich steht er kurz vor dem
nervlichen Zusammenbruch und kann nur durch Hilfe des Erzählers vor einem
Delirium geschützt werden, indem dieser ihn an seine Vergangenheit erinnert
(“Ich sagte nichts als ,Remember!‘13 und fuhr ihm mit dem
Finger über die Narbe seiner Hand.”14). Aus dem ehemals
freundlichen und bescheidenen Menschenfreund ist durch die Nazihaft eine
psychisch gestörte Person geworden.
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9 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 85 f.
10 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 82
11 vgl. Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite
78
12 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 78
13 engl. für “Erinnere dich!”
14 Stefan Zweig: Schachnovelle, Seite 109
4.) Aufbau des Buches
Die Novelle “Die Schachnovelle” von Stefan Zweig
ist eine Ich-Erzählung, in der die erzählende Person jedoch eine
untergeordnete, beobachtende Stellung einnimmt, so daß über weite
Abschnitte hinweg der Eindruck einer Er-Erzählung entsteht. Unterbrochen
wird die auf dem Schiff spielende Handlung durch zwei eingeschobene
Erzählungen, von denen die eine in der Erform (Karriere Czentovics), die
andere in der Ichform (Isolationshaft Dr. B.s) vorgetragen
wird.
Die Novelle ist deutlich in zwei Abschnitte geteilt. Den
ersten Teil bestimmt die Gestalt des Schachmeisters, den zweiten die des Dr. B.
Beide Teile zeigen einen ähnlichen Aufbau. Nachdem das Interesse an der
jeweiligen Hauptperson geweckt ist, wird dessen Geschichte wiedergegeben –
Czentovics Weg zum Erfolg bzw. Dr. B.s Gefangenschaft. Die Teile unterscheiden
sich durch den unterschiedlichen Gebrauch der Erzählform, der Personen, der
Zeiten und des Ortes. Dr. B.s Erzählung ist sehr ausführlich
beschrieben (ca. 53 von 120 Seiten), während Czentovics Kindheit auf nur
gut 12 Seiten dargestellt wird. Dadurch wird deutlich, daß Stefan Zweig
den Schwerpunkt der Novelle auf die grausamen Foltermethoden der Nazis und deren
Nachwirkungen legt, was durch den Titel “Schachnovelle” jedoch nicht
sehr deutlich wird. Aber gerade durch diese geschickte Verschmelzung zweier
normalerweise völlig unterschiedlicher Themen bringt Stefan Zweig auch eine
bestimmte Gruppe von Lesern dazu, sein Werk mit Interesse und Spannung
durchzulesen, nämlich diejenigen, die sich nicht für die Vergangenheit
Deutschlands, das Hitlerregime und dessen schreckliche Methoden interessieren.
Diese Leser vermuten hinter dem Titel des Buches eine vordergründige
Erzählung über das Schachspiel, fangen an zu lesen, und finden sich
später völlig vertieft und gespannt gerade in Dr. B.s Erzählung
wieder.
5.) Eine typische Textstelle des Buches
“Daß nun ein Weltmeister ein halbes Dutzend
mittlerer oder unmittlerer Spieler mit der linken Hand niederfegt, war an sich
wenig erstaunlich; verdrießlich wirkte eigentlich auf uns alle nur die
präpotente Art, mit der Czentovic es uns allzu deutlich fühlen
ließ, daß er uns mit der linken Hand erledigte. Er warf jedesmal nur
einen scheinbar flüchtigen Blick auf das Brett, sah an uns so lässig
vorbei, als ob wir selbst tote Holzfiguren wären, und diese impertinente
Geste erinnerte unwillkürlich an die, mit der man einem räudigen Hund
abgewendeten Blicks einen Brocken zuwirft.” (Schachnovelle Seite 33
f.)
Der Ausschnitt ist im Prinzip so aufgebaut wie die Mehrzahl
der Satzgefüge dieser Novelle. Der sachlichen Feststellung folgt als
Beispiel ein ins Bild gehobener Vergleich. Auffällig an diesem Zitat ist
aber die Häufigkeit von Pronomen und Adverbien, die dem Ganzen, trotz
einiger hervorstehender, schlagkräftiger Adjektive und bedeutungsvoller
Substantive das Flüssige, aber auch das Farblose der Alltagssprache geben.
Dies ist ein Zug, der durch die ganze Novelle zu verfolgen ist, selten aber so
offensichtlich wie hier. Hervorgehoben werden muß neben der
charakteristischen Neubildung “unmittlerer...” das Adjektiv
“präpotent” (veraltet: übermächtig), das
hervorstechend das Überhebliche und zugleich Ungeistige Czentovics
bezeichnet. Ebenso charakteristisch für die geringschätzige Art des
Weltmeisters ist die Wendung “mit der linken Hand”.
6.) Merkmale einer Novelle
Die “Schachnovelle” besitzt wie alle anderen
Novellen charakteristische Merkmale, die typisch für “die kleine
Schwester des Dramas” (Benno von Wiese) sind. Die Merkmale
sind:
- Authentizitätsnachweis
- Geschlossene Form
- Exposition
- strammer Handlungsstrang
- Höhe-/Wendepunkt
- der “Zufall als Regent”
- Dingsymbol
- Authentizitätsnachweis:
Der
Autor Stefan Zweig läßt die “Schachnovelle”
glaubwürdig erscheinen, indem er den Ort des Geschehens, die Zeit und die
handelnden Personen genau bestimmt. Die Handlung findet auf einem
Passagierschiff statt, das in New York gestartet ist und den Hafen von Buenos
Aires als Ziel hat. Diese Schiffsreise findet in der Vorkriegszeit des zweiten
Weltkrieges statt, die Personen werden namentlich vorgestellt; der
Ich-Erzähler bewahrt jedoch seine Anonymität und gibt weder sein Alter
noch seinen Namen oder seine Herkunft preis. Von den Personen Dr. B. und Mirko
Czentovic wird sogar ein Teil ihres Lebens erzählt – von Dr. B.
erfährt man die Ursache seiner Schachkunst, von Mirko Czentovic wird die
Kindheit geschildert.
- Geschlossene Form:
1.)
Exposition:
In der Exposition werden die Hauptpersonen, der Handlungsort
und die Zeit, in der die Novelle spielt, dargestellt. Die Exposition in der
“Schachnovelle” reicht von dem Beginn der Schiffsreise bis zu der
Vorstellung der Person Mirko Czentovic. Näheres siehe
“Authentizitätsnachweis”.
2.) strammer Handlungsstrang:
Der hauptsächliche Handlungsstrang, nämlich die
Schiffahrt und die dort stattfindenden Begebenheiten, werden nur durch die
Rückblicke unterbrochen, die dem Leser die Personen des Dr. B. und des
Czentovic näherbringen sollen. Bis zum Ende der Novelle läuft die
Handlung hintereinander ab, es gibt keine Nebenhandlungen, die sich parallel zu
den Ereignissen mit Czentovic, Dr. B., McConnor und dem Erzähler
entwickeln.
- Höhe-/Wendepunkt
Die
Form der Novelle ist in sich abgeschlossen – sie beginnt mit dem Antritt
der Schiffsreise und endet mit einem annähernden Nervenzusammenbruch von
Dr. B. Fast die ganze Zeit wird der Höhepunkt der Novelle, nämlich die
Partie Czentovic – Dr. B., angestrebt. Durch das plötzliche Eintreten
Dr. B.s bei dem Spiel zwischen McConnor und Czentovic wird der erste Teilnehmer
vom “Kampf der Giganten” vorgestellt, vorher wurde Czentovic durch
seine bloße Anwesenheit auf dem Schiff eingeführt. Durch die geniale
Hilfestellung Dr. B.s bei dem fast schon verlorenen Kampf wird der Leser und
auch Czentovic auf ihn aufmerksam und ist auf seine Fähigkeiten im
abschließenden Spiel gegen den Weltmeister gespannt. Auch ist der Leser
neugierig, wie sich der kühle Czentovic im Spiel gegen Dr. B. behaupten
wird, da dieser ihm in einer schon gewonnen geglaubten Partie noch ein
Unentschieden abringen konnte.
- der “Zufall als
Regent”
Der Zufall spielt auch in
dieser Novelle eine große Rolle. Die erste glückliche Begebenheit
ist, daß sich sowohl der Schachweltmeister Czentovic auf dem selben Schiff
befindet wie der Erzähler als auch Dr. B. Dazu kommt, daß McConnor
– ein wohlhabender Millionär und Schachliebhaber, der es sich leisten
kann, sich den Wunsch nach einem Match gegen den amtierenden Weltmeister zu
erfüllen – auch an Bord ist.
- Dingsymbol
Das Dingsymbol
(der “Falke”) ist als Merkmal einer Novelle umstritten, da eine
Novelle nicht zwingend ein Leitmotiv besitzen muß. In der
“Schachnovelle” ist jedoch ein Dingsymbol, nämlich das
Schachspiel, vorhanden. Es begleitet den Leser die gesamte Erzählung
hindurch und tritt immer wieder in Erscheinung.
7.) Persönlicher
Eindruck
Die “Schachnovelle” von Stefan Zweig
gefällt mir gut, da der Stil von Stefan Zweig sehr einfach und flüssig
zu lesen ist. Die ca. 120 Seiten sind schnell durchgelesen. Schon nach den
ersten fünf Seiten hatte ich mich eingelesen und legte das Buch erst wieder
beiseite, nachdem ich das Ende der Novelle erfahren hatte. Das Buch zog mich
besonders bei Dr. B.s Erzählung in seinen Bann, da es in diesem Abschnitt
sehr spannend und anspruchsvoll geschrieben ist. Ich fieberte mit dem Gefangenen
mit und hoffte auf eine Befreiung oder Entlassung Dr. B.s. Doch auch die
Geschehnisse an Bord des Passagierschiffes sind fesselnd in Szene gesetzt
– die Schachspiele hat Stefan Zweig sehr dramatisch und nervenaufreibend
beschrieben.
Auch gefällt mir die Thematik der Novelle, da der Autor
dem Naziregime gegenüber kritisch eingestellt ist und die psychischen
Foltermethoden der Offiziere tadelt. Der Leser wird durch Dr. B.s Erzählung
über die unmenschliche Behandlung der Regimegegner aufgeklärt. Da
Stefan Zweig nicht nur nackte Zahlen sprechen läßt, sondern das
Schicksal der betroffenen Personen an einem Beispiel besonders ausführlich
schildert, wurde mir das Verhängnis dieser Leute erst richtig
bewußt.
8.) Historischer Hintergrund
Die “Schachnovelle” wurde von Stefan Zweig im
Jahre 1941 zur Zeit des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Zweig war sehr
pazifistisch und weltoffen eingestellt und konnte sich daher mit dem
faschistischen Regime Hitlers nicht identifizieren. Andersdenkenden wie ihm
wurde von diesem Regime jedoch jede Art von Widerstand im eigenen Lande
unmöglich gemacht, weshalb Zweig ins Exil flüchten mußte. In
Brasilien verfaßte er seine letzte abgeschlossene Prosadichtung, die
“Schachnovelle”, ein Werk aus der Gattung der Exilliteratur.
Czentovic, der stumpfsinnige, ungebildete Schachspieler verkörpert den
“Ungeist” und somit für diese Zeit den Nationalsozialismus,
während Dr. B. als gebildeter, eloquenter und überaus intelligenter
Mensch ein Symbol für die geheimen Widerstandsbewegungen (z. B. die
“Weiße Rose”) gegen das Hitlerregime verkörpert. Dr. B.
erscheint zweifellos als der bessere Schachspieler, verfällt im Schachspiel
gegen Czentovic jedoch dem Nervenfieber und muß die Partie abbrechen. Dies
legt dar, daß die Widerstandsbewegungen im 3. Reich die falsche Propaganda
der Nationalsozialisten frühzeitig durchschauten und die Absicht eines
Krieges erkannten, jedoch von dem Hitlerregime und der Gestapo aufs bitterste
verfolgt und schließlich durch Einweisungen in Konzentrationslager oder
Zuchthäuser mundtot gemacht wurden.
9.) Quellenverzeichnis
- Stefan Zweig: Schachnovelle,
Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt
am Main 474, 45. Auflage: 399
- Microsoft Encarta 99 Enzyklopädie
- Hartmut Müller: Stefan
Zweig,
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg 1188, 8. Auflage: 498
- Meyers Großes
Taschenlexikon,
Bibliographisches Institut
& F.A. Brockhaus AG, Mannheim 95
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