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Luxemburg, Rosa (1871-1919)
Rosa Luxemburg
1871-1919
“Wenn die Unterdrückung
zunimmt,
werden viele entmutigt,
aber sein Mut
wächst....
wo immer geschwiegen
wird,
dort wird er
sprechen.
Und wo Unterdrückung
herrscht
Und von Schicksal die Rede ist,
wird er Namen
nennen.”
Bert Brecht, Lob des
Revolutionärs
Rosa Luxemburg wurde am 5.März 1871 in
Zamost (Russisch-Polen) als jüngste von fünf Geschwistern geboren. Da
ihr Vater, Elias Luxemburg, der Holzhändler war Geschäftsbeziehungen
nach Deutschland unterhielt und außerdem ein großer Bewunderer
Deutschlands war, waren die Umgangssprachen in der Familie Deutsch und Polnisch,
-obwohl es sich um Juden handelte kein Jiddisch. Als Rosa drei Jahre ist, zieht
die Familie nach Warschau um, weil der Vater hofft, dort bessere Geschäfte
machen zu können. Rosa ist zwar ein ausgesprochen intelligentes Kind, aber
häßlich (sie hat einen großen Kopf und eine unförmige,
große Nase) und sehr klein. Als Fünfjährige ist sie gezwungen
wegen eines Hüftleidens (durch das sie ihr ganzes Leben lang hinken wird)
ein Jahr lang im Bett zu verbringen. In dieser Zeit bringt sie sich selbst Lesen
und Schreiben bei. 1884 tritt Rosa in das Zweite Warschauer Frauengymnasium ein.
Es ist die beste Schule, auf die ein Kind aus einer polnisch-jüdischen
Familie überhaupt gelangen kann, dass sie ein Mädchen ist, macht sie
zu einer noch größeren Besonderheit. Die Unterrichtssprache ist
Russisch und es ist den Schülern polnischer Herkunft verboten, sich in
ihrer Muttersprache zu unterhalten. Die Lehrer sind Russen, es besteht ein
Spitzelsystem. Schüler, die gegen das Verbot Polnisch zu sprechen
verstoßen, werden von der Schule verwiesen. Die Zustände an der
Schule und die Unterdrückungspolitik des zaristischen Regimes in
Russisch-Polen sind für Rosa der Anlaß, sich einem geheimen
Fortbildungszirkel anzuschließen, in dem polnische Sprach und Kultur an
die junge Generation vermittelt werden. Dort diskutiert man auch die politischen
Ereignisse und über Studenten, die diesen Fortbildungszirkel leiten lernt
Rosa die damals noch sehr
-1-
kleine Partei “Proletariat”, die
Kontakte zu der tonangebenden revolutionären Partei “Narodnaja
Wolja” (Volkswille) hat, kennen und tritt ihr bei. Am 14. Juni 1887
erhält ihr (ausgezeichnetes) Abschlußzeugnis vom Gymnasium. Nach dem
Abitur wohnt sie weiterhin bei den Eltern und betreibt Propaganda für die
revolutionäre Bewegung. Sie ist noch sehr unerfahren in diesen Dingen, doch
der von ihrem Engagement begeisterte Dachdecker Kasprzak, ein erfahrener
Sozialist, unterstützt sie und bringt ihr die Lehren Marx nahe. Im Herbst
1888 kommt die Polizei der Organisation auf die Spur, es kommt zu ersten
Verhaftungen, aus denen im Dezember des gleichen Jahres Massenverhaftungen
werden. Rosa taucht in der Provinz unter und holt sich eine starke
Lungenentzündung. Kasprzak sorgt dafür, dass ein katholischer
Priester, dem er erzählt, sie sei eine Jüdin , die zum Christentum
übertreten möchte, deren Angehörige aber dagegen seinen und sie
deshalb ins Ausland müsse, sie unter einer Fuhre Stroh über die Grenze
bringt.
Rosa geht nach Zürich, wo sie an der
einzigen Universität immatrikuliert, an der damals Männer und Frauen
gleichberechtigt studieren können. Zürich galt zu der Zeit als der
bedeutendste Sammelpunkt der polnischen und russischen Emigration und seine
Universität als eine Hochschule für Revolutionäre. Studenten
debattierten stundenlang über die Revolution, alles Andere erscheint
unwichtig. Rosa hat nur ein mokantes Lächeln für Diskussionen, die zu
nichts führen: Sie möchte arbeiten. An der Universität belegt sie
zunächst Mathematik und Philosophie, später Volkswirtschaft und
Öffentliches Recht, außerdem anfangs “zum Spaß”
Astronomie, Botanik und Zoologie. Sie ist eine überzeugte Marxistin, was
sie aber nicht davon abhält, die Marxsche Lehre kritisch zu betrachten. So
sehr sie einerseits für die Durchsetzung der sozialistischen
Gesellschaftsordnung kämpft und lebt, so besteht sie auf der anderen Seite
auch darauf, für sich ein bißchen individuelles Glück zu
beanspruchen. Sie verliebt sich in Leo Jogiches, einen schwierigen, verschlossen
wirkenden, von Selbstzweifeln geplagten Mann, der sich voll und ganz auf den
Sozialismus konzentriert. Sein Wahlspruch ist: “Mann muß arbeiten,
das ist alles” Für fünfzehn Jahre sind sie ein Paar, doch aus
Gründen der Staatsbürgerschaft und der Tarnung können sie nicht
heiraten. Sie führen eine sehr enge, aber auch sehr konfliktbeladene
Beziehung. Was ihm Rosa bedeutet hat, wird eigentlich erst nach ihrem Tod
sichtbar, als er sich für die Aufklärung des Mordes an ihr einsetzt
und dafür mit dem Leben bezahlt. In Rosas kleinem Zimmer in Zürich
treffen sie häufig mit Freunden zusammen, die ähnliche Ansichten
haben, wie sie. Gemeinsam erarbeiten sie ein politisches Programm, in dem sie
die Revolution in ganz Rußland und allen kapitalistischen Ländern
fordern. Um auf ihr Programm aufmerksam zu machen, gründen sie eine Zeitung
und versuchen auf diesem Weg Propaganda zu machen. Es kommt zu
Auseinandersetzungen mit der, unter Führung ehemaliger Mitglieder der
Partei “Proletariat” entstandenen, Partei PPS (Polska Partia
Socjalistyczna – Vereinigte Polnische Sozialistische Partei), die auf dem
dritten Internationalen Sozialistenkongreß, der vom 6. Bis 12. August in
Zürich stattfindet, dafür sorgt, dass Rosas Mandat angefochten wird.
Im März 1894 gründen Rosa, Leo und einige andere Freunde die SDKP
– “Sozialdemokratie des Königreiches Polen”-. Durch diese
Parteigründung wird Rosa endgültig zur Berufsrevolutionärin. In
den Jahren zwischen 1893 und 1896 reist sie ständig zwischen Zürich
und Paris, wo die Zeitung der Partei gedruckt wird, hin und her. Sie ist
gekränkt, das Leo in seine
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Briefen immer nur über Revolution spricht
und in den Briefen aus dieser Zeit an ihn, die fast alle erhalten sind, wird
deutlich wie kompliziert die Beziehung zwischen ihnen ist. 1896 wird die Zeitung
wegen mangelndem Erfolg eingestellt. Rosa schreibt nun in Zeitungen in Italien
und Deutschland gegen den Nationalismus. Vom 27. Juli bis 1. August 1896 findet
in London ein weiterer Sozialistenkongreß statt. Diesmal wird Rosas Mandat
nicht angefochten, -die SDKP stellt sogar eine ganze Delegation. Am 1. Mai 1897
promoviert sie mit magna cum laude als Doktor des öffentlichen Rechts. Kurz
darauf fährt sie mit Leo in Urlaub und die beiden diskutieren Rosas
Entschluß nach Deutschland zu gehen, um dort arbeiten zu können. Leo
stimmt ihr zu, und um in Deutschland öffentlich auftreten zu dürfen,
geht sie am 19. April 1898 mit dem in Zürich lebenden deutschen Gustav
Lübeck eine Scheinehe ein.
Als Rosa am 12. Mai 1898 in Berlin eintrifft,
wirkt die Stadt auf sie “kalt, massiv und geschmacklos”. Unterwegs
hat der Zug gegen 12 Uhr nachts einen Menschen überfahren, was sie als
unangenehmes Omen ansieht. Die ersten Tagein Berlin verbringt sie mit
Wohnungssuche, sobald sie eine gefunden hat, stellt sich Rosa bei der
Geschäftsstelle des SPD-Parteivorstandes vor. Sie kann der Partei in den
Ostgebieten nützlich sein und reist noch im gleichen Jahr nach
Oberschlesien, um Propaganda für die SPD zu betreiben. Die Arbeit erweist
sich als körperlich sehr anstrengend, die Unterbringungsmöglichkeiten
sehr primitiv. Am 17. Juni fährt Rosa nach Berlin zurück , - am Ende
ihrer Kräfte. An Leo schreibt sie :”Ich sehe aus wie der Tod und
krieche kaum.” Nach der Wahl stellt sich raus, dass ihr Einsatz nicht
umsonst gewesen ist: In einigen Gebieten stiegen die für die
Sozialdemokraten abgegebenen stimmen um über das Doppelte. Auf dem
Parteitag der SPD, der zwischen dem 3. Und 8. Oktober 1898 in Stuttgart
stattfindet, ist unter den zweihundertfünfzehn Delegierten auch Rosa. Auch
für sie eine Überraschung. Innerhalb der Partei muß sie sich
jedoch von Anfang an dagegen wehren, nur als Vorkämpferin der Frauenrechte
zu gelten. Für sie geht es nicht allein um die Emanzipation der Frau,
sonder um die Emanzipation der Menschen. Im September 1898 wird ihr die Leitung
der “Sächsischen Arbeiterzeitung” übertragen. Doch durch
Streitigkeiten mit der Redaktion legt sie bald darauf ihr Amt nieder. Auf dem
Parteitag in Stuttgart hat Rosa Luxemburg Clara Zetkin kennengelernt, mit der
sie ein Leben lang befreundet sein wird.
In den Jahren zwischen 1899 und 1914 bereist Rosa
neben ihrer theoretischen Arbeit als Agitatorin für die SPD fast alle
Gegenden des Deutschen Reiches. Sie wird zu einer bekannten und bei den Massen
beliebten Rednerin, die ihre Zuhörer mitreißen kann. Auf einer Rede
1903 kritisiert sie Wilhelm II : “Der Mann, der von der guten und
gesicherten Existenz der deuschen Arbeiter spricht, hat keine Ahnung von den
Tatsachen.” Sie wird wegen Majestätsbeleidigung angeklagt und zu drei
Monaten Gefängnis verurteilt. Ende August tritt sie die Strafe in Zwickau
an, wird aber nach sechs Wochen wieder entlassen, da es durch die Krönung
des Königs Friedrich August von Sachsen zu einer Amnestie politischer
Straftäter kommt. Da sie von einem König keine Gnade will, weigert
sich Rosa zunächst, ihre Zelle zu verlassen, -man muß sie regelrecht
rauswerfen. Während dieser Zeit kommt es in ihrer Beziehung zu Leo zu immer
größeren Konflikten. Er ist eifersüchtig auf ihre Karriere, sie
enttäuscht, ihn immer aus seiner Verschlossenheit rütteln zu
müssen. Sie überlegt, ob sie sich von ihm trennen soll. 1900 schreibt
sie an ihn: “Um Dir meinen Zustand
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und mein Handeln in der letzten zeit zu
erklären, sage ich nur kurz, dass ich aus der ganzen letzten zeit,
geschlossen habe, dass du aufgehört hast, mich zu lieben, vielleicht sogar
mit jemandem anderes beschäftigt bist, dass ich jedenfalls aufgehört
habe, für Dich der Mensch zu sein, der Dich im Leben glücklich machen
könnte – soweit das überhaupt möglich ist. Mir ist das Herz
schon so schwer vor Ermüdung vom äußeren und inneren
Herumzigeunere, dass ich direkt ohnmächtig werde, wenn ich Deine Briefe
öffne und sechs Bögen allein Abhandlungen über die PPS oder
über unsere Beziehungen zueinander lese, aber nicht ein Krümelchen
sichtbaren, praktischen, normalen Lebens. Ich bin so müde, so müde.
Laß uns um Himmels willen anfangen zu leben. Lieber Leo, laß und
doch anfangen zu leben.” Als 1905 in Rußland die erste Revolution
ausbricht, reist Rosa Ende des Jahres nach Warschau, in der Hoffnung, dort die
Revolution mit vorantreiben zu können, in Warschau trifft sie auch Leo
wieder, die beiden geben sich unter falschem Namen als deutsche Journalisten
aus. Später sagt Rosa über die Zeit in Warschau, es sei mit die
Glücklichste ihres Lebens gewesen. Im Januar 1906 entschließt sie
sich nach Petersburg zu reisen, um bei einem Parteitag der russischen
Sozialdemokratie Deutschland zu vertreten. Doch bevor sie abreisen kann, wird
sie am Abend des 4. Januars 1906 verhaftet. Die Haftbedingungen sind unzumutbar,
sie erleidet einen Anfall von Gelbsucht, der nicht behandelt wird, doch trotzdem
verweigert sie die Hilfe von außen, aus dem Gefängnis entlassen zu
werden. Schließlich kauft der Parteivorstand der SPD sie frei. Am 8.
August 1906 darf sie Warschau endlich verlassen, sie ist in schlechter
körperlicher Verfassung. Sie reist nach Kuokkala in Finnland, wo sie mit
Gleichgesinnten das Scheitern der Revolution diskutiert. Am 14. September 1906
verläßt Rosa Finnland. Bei ihrer Landung in Hamburg ist erwartet sie,
verhaftet zu werden, doch ihre Befürchtung erweist sich als
unbegründet. Am 23. September des gleichen Jahres ist sie auf dem
SPD-Parteitag in Mannheim. Gegen Ende des Jahres kommt es zum Bruch mit Leo. Die
Gründe dafür sind nicht ganz klar. Einerseits wird behauptet Leo
hätte in Krakau ein Verhältnis mit einer gewissen Izolska gehabt,
andererseits wird behauptet, Rosa hätte ihn wegen einem Anderen, Kostja,
der 22jährige Sohn ihrer Freundin Clara Zetkin, verlassen. Leo weigert sich
aus Rosas Wohnung in Berlin auszuziehen und macht ihr wiederholt
Eifersuchtsszenen. Er droht sogar, sie und Kostja umzubringen. In
Angelegenheiten der polnischen Partei muß sie weiterhin mit Leo verkehren,
was in rein sachlich gehaltenen Briefen geschieht. Trotzdem ist es auch für
sie nicht leicht die letzten fünfzehn Jahre ihrer Beziehung zu Leo einfach
zu vergessen. Sie wird skeptischer in der Haltung gegenüber Anderen und
auch sich selbst. “Deshalb glaube ich auch nie ein Wort niemandem”.
Sie beginnt ihre Zuneigung auf Katzen zu konzentrieren.
Am ersten Oktober 1907 nimmt Rosa Luxemburg die
Tätigkeit als Dozentin an der SPD-Parteischule auf. Neben der
Lehrtätigkeit aber geht für Rosa die kritische Auseinandersetzung mit
anderen SPD-Parteimitgliedern weiter. Innerhalb der SPD kommt es zu immer
größeren Konflikten. Die Partei spaltet sich in drei Blöcke: Die
Reformisten neigen immer mehr der offiziellen Regierungspolitik zu, das
marxistische Zentrum verteidigt angeblich die reine Lehre, im
revolutionär-radikalen Flügel treffen Rosa, Clara Zetkin und einige
–wenige- zusammen. Rosa kämpft mit allen ihr zur Verfügung
stehenden Mitteln gegen den Krieg. Sie versucht, die Massen darüber
aufzuklären, dass ihnen ein Krieg nichts bringen würde, was dazu
führt,
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dass sie sich am 20. Februar 1914 vor der zweiten
Strafkammer des Landesgerichts
Frankfurt am Main wegen “Aufwiegelung der
Massen zum Ungehorsam gegen die Obrigkeit” verantworten muß. Sie
wird zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt, sie legt Berufung
ein. Überall in Deutschland protestieren Arbeiter gegen ihre Verurteilung.
In dem zweiten Prozeß, der am 29. Juni 1914 vor dem Landgericht II Berlin
beginnt kommt es zu einer Vertagung des Prozesses auf unbestimmte Zeit. Am abend
des 29. Juli 1914 findet im Cirque Royal ein großes Antikriegsmeeting der
belgischen Arbeiter statt. Für Stunden kommt bei manchen Delegierten kommt
die Illusion auf, es sei noch nicht alles verloren. Doch Rosa sitzt nur da, die
Hände vors Gesicht geschlagen und lehnt es trotz mehrfacher Aufforderung
ab, das Wort zu ergreifen. Sie hat begriffen, dass auch eine leidenschaftliche
rede jetzt nichts mehr ändern würde. Niedergeschlagen reist sie kurz
darauf ab. Während noch einmal eine Delegation der SPD nach Paris reist, um
mit französischen Sozialisten zu sprechen, kommt es in der
Parteiführung zu dem Entschluß zu Kaiser und Reich zu stehen. Als
Deutschland am 1. August 1914 Rußland und Frankreich den Krieg
erklärt; ist Rosa verzweifelt. Sie ist entsetzt, mit welcher
Selbstverständlichkeit die SPD der patriotischen Stimmung, die im ganzen
Land herrscht folgt. Sie schreibt: ”Im Frieden gelten im Inneren jedes
Landes Klassenkampf, nach außen die internationale Solidarität, im
Krieg gelten im Inneren des Landes die Klassensolidarität, nach außen
der Kampf zwischen den Arbeitern verschiedener Länder.” Die kleine
Gruppe um Rosa in Berlin diskutiert darüber, ob man zum Zeichen des
Protests aus der Parte austreten soll. Rosa lehnt das ab, - man könne
schließlich nicht aus der ganzen Menschheit austreten. Durch ihren
hartnäckigen Kampf gegen die offizielle Politik trifft sie auf Karl
Liebknecht, die Beiden beschließen zu handeln und unternehmen eine
Agitationsreise durch West- und Süddeutschland.
Am 18. Februar 1915 wird Rosa zwecks Strafantritt
aus dem Frankfurter Prozeß verhaftet. Im Gefängnis schreibt sie
jedoch weiter Artikel, die mit Hilfe einer sympathisierenden
Gefängnisbeamtin herausgeschmuggelt werden. Als im März die erste
Ausgabe der Zeitschrift “Internationale”, die Rosa und Karl
Liebknecht gegründet haben, erscheint, werden Rosa, Clara, der Drucker und
der Verleger der Zeitschrift des Hochverrats angeklagt. Das Verfahren wird zwar
eingestellt, aber die Zeitschrift wird konfisziert. Während ihres
Gefängnisaufenthaltes verschlechtert sich Rosas Gesundheitszustand
zusehends. Ihre Sekretärin und Freundin Mathilde Jacob, die in Rosas
Abwesenheit auch für deren geliebte Katze Mimi sorgt, darf ihr einmal pro
Woche Zusatznahrung bringen. Am 22. Januar 1916 wird Rosa endlich entlassen,
doch schon im Juli des gleichen Jahres in Sicherheitshaft genommen. Zuerst
bringt man sie in das Weibergefängnis in Berlin, doch da sie eine Tafel
Schokolade nach einem Beamten schleudert, wird sie in das Polizeipräsidium
strafverlegt. Ihre Zelle dort ist elf Kubikmeter groß, schmutzig, verwanzt
und sehr primitiv eingerichtet, trotzdem schreibt sie weiterhin Flugblätter
und Artikel. Ende Oktober 1916 kommt Rosa auf die Festung Wronke in Posen,
-Luxus im Vergleich zu dem Polizeipräsidium in Berlin. Während dieser
Zeit steht sie in regelmäßigem Briefwechsel mit Hans Diefenbach,
einem alten Freund, der ihr durch seine Briefe hilft, die einsame zeit im
Gefängnis zu überstehen. Im Juli 1917 wird Rosa in das Gefängnis
nach Breslau verlegt, “ein düsterer Bau”. Wenig später
erreicht sie die Nachricht, dass Hans Diefenbach in der Nacht vom 24. Auf den
25. Oktober 1917 von
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einer Granate zerrissen worden ist. In seinem
Testament hinterläßt er ihr die Zinsen von fünfzigtausend Mark
aus seinem Vermögen bis an ihr Lebensende. Zwischen dem 6. Und 9. April
1917 wird die “Unabhängige Sozialdemokratische Partei
Deutschlands” (USPD) unter der Führung Karl Kautskys gegründet.
Auch der Spartakusbund um Rosa schließt sich der USPD an. Durch die lange
Zeit im Gefängnis wird Rosa immer depressiver. 1918 schreibt sie:
“Meine Nerven, meine Nerven. Ich kann nicht mehr schlafen.”
Am 9. November 1918 wird Rosa endlich entlassen.
Vorerst bleibt sie in Breslau bei freunden, da noch keine Züge nach Berlin
verkehren. Sobald es möglich ist, reist sie nach Berlin. Am Bahnhof wird
sie von Leo und Karl Liebknecht erwartet, die sie bitten die Redaktion der
“Roten Fahne”, einem Konkurrenzblatt zu dem von der SPD
kontrollierten Blatt “Vorwärts”. Mit ungeheurer Energie
stürzt sich Rosa sofort in die Arbeit. Doch es wird nicht leicht für
sie und die anderen Mitglieder des Spartakusbundes, denn die SPD sorgt unter
Anderem dafür, dass am 11. November das Setzer- und Druckerpersonal sich
weigert, die Zeitung zu drucken. Auch durch regierungstreue Soldaten, die immer
wieder in der Redaktion des Blattes erscheinen, kommt es zu
Auseinandersetzungen. Schon bald kommt es in der Öffentlichkeit, durch die
schonungslosen Artikel der Zeitung angestachelt, zu dem Vorwurf, Rosa und der
Spartakusbund wollen einen Sowjetstaat russischer Prägung in Deutschland
herstellen. Wie weit dieser Vorwurf gerechtfertigt ist, bleibt umstritten.
Anfang Dezember spricht Rosa auf sechs öffentlichen Versammlungen des
Spartakusbundes, um dessen Programm bekannt zu machen. Ungefähr um die
gleiche Zeit tritt der Spartakusbund aus der USPD aus. Immer wieder werden
Gerüchte ausgestreut, Spartakus sei für Mordtaten verantwortlich und
befürworte den Terror. Am 29. Dezember 1918 treten im Festsaal des
Preußischen Abgeordnetenhauses die Delegierten des Spartakusbundes zur
Reichskonferenz zusammen. Man beschließt eine eigene Partei, die KPD
(Kommunistische Partei Deutschlands) zu gründen. Bereits am folgenden Tag
schreibt die “Deutsche Allgemeine Zeitung”: Zur Niederwerfung dieser
Partei werden Theorien nicht genügen. Es kommt darauf an, ihr Gewalt
gegenüberzustellen.”
Am 15. Januar 1919 erscheint in der letze Ausgabe
der “Roten Fahne” bis zum Februar ein Artikel Karl Liebknechts, der
mit dem Satz endet: “Und ob wir dann noch leben werden, wenn das Ziel
erreicht wird – leben wird unser Programm. Es wird die Welt der
erlösten Menschen beherrschen. Trotzalledem.” Noch am selben Abend
werden er und Rosa verhaftet und in das Eden-Hotel in Berlin gebracht. Rosa wird
brutal zusammengeschlagen und über den Boden geschleift. Schließlich
wird sie in ein Auto gezerrt, das anfährt. Nach etwa hundert Metern zieht
einer der Bewacher einen Revolver und legt auf die Gefangene an. Sie ist noch
bei Bewußtsein. Leise sagt sie: ”nicht schießen.” Beim
ersten Versuch versagt die Waffe, der zweite Schuß aber löst sich.
Rosa ist tot. Ihre Leiche wird von den Männern in das schlammige Wasser des
Landwehrkanals geworfen. Erst am 31. Mai wird ihre Leiche angeschwemmt. Nachdem
sie zur Beerdigung freigegeben ist, wird sie am 13. Juni 1919 neben dem Grab von
Karl Liebknecht beigesetzt. Ihre Mörder werden zu nicht einmal zwei Jahren
Gefängnis verurteilt.
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Rosa Luxemburg
(1871-1919)
1871: 5.März geboren in Zamost
1880: Rosa tritt in das zweite Warschauer Mädchengymnasium
ein
1887: 14.7., Abitur
1889: Flucht aus Polen
1890: Immatrikulation Rosas an der Universität
Zürich
1893: Rosas Mandat wird auf dem Internationalen Sozialistischen
Arbeiterkongreß in Zürich abgelehnt
1897: 1.Mai, Rosa promoviert magna cum laude als Doktor des
öffentlichen Rechts
1898: Scheinehe mit Gustav Lübeck, Rosa geht nach
Berlin
1899: (Ende Dezember) Reise nach Oberschlesien
1900: Rosa auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in
Berlin
1903: Scheidung von Gustav Lübeck
Reise in östliche Provinzen des Deutschen Reiches
1904: Gefängnisstrafe wegen
Majestätsbeleidigung
1905: 29.12., Reise nach Warschau
1906: Haft in Warschau
(August) Reise nach Finnland
(September) SPD-Parteitag in Mannheim
(gegen Ende des Jahres) Trennung von Leo Jogiches
1907: 1.10., Beginn als Dozentin an der
SPD-Parteischule
1914: 20.2., Verurteilung zu einem Jahr
Gefängnis
Teilnahme an der Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros in
Brüssel
1915: 18.2., Rosa wird zwecks Strafantritt
verhaftet
1916: Rosa von Februar bis Juli in Freiheit
dann in Sicherheitshaft, erst auf dem Berliner Polizeipräsidium, dann
Frauengefängnis Barnimstraße
ab Oktober: Festung Wronke, Provinz Posen
1917: Rosa im Gefängnis in Breslau, Verschlimmerung des
nervösen Magenleidens
1918: 9.11., Haftentlassung Rosas
Reise Rosas nach Berlin
Arbeit in der Redaktion der >>Roten Fahne<<
29.-30.12., Gründungsparteitag der KPD
1919: 15.1. abends, Verhaftung Rosas in Berlin-Wilmersdorf,
Mißhandlung im Eden-Hotel, -Ermordung
31.5., ihre Leiche wird angeschwemmt
13.6., Beerdigung in Berlin-Friedrichsfelde
>>Eine Welt muß
umgestürzt werden, aber jede Träne, die geflossen ist, obwohl sie
abgewischt werden konnte, ist eine Anklage....<<
R.L. 1918
Quelle:
Frederik Hetmann “Rosa
L.”
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