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Märchen

Kurzinformation:
Wörter: 11000
Seiten:
Typ: Referat
Sprache: Deutsch
Autor: Unbekannt
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1. Einleitung


1.1. Das Vorfeld der Kinder- und Hausmärchen



Das Wort “Märchen” ist eine Verkleinerungsform von “Mähre”.

“Die Mähre ist im eigentlichen Sinn ... eine Nachricht oder Botschaft von einer Sache, einem Geschehnis, einer Wahrheit die berühmt ist oder berühmt zu werden verdient, so dass sie sich herumspricht.” 1

In dieser Definition ist bereits enthalten, dass Märchen ursprünglich mündlich überliefert wurden. Dass es sich bei “Märchen” um eine Diminutivform handelt, weist auf die Art dieser Literaturgattung hin. Denn Märchen sind meist kurz und werden oft nicht ernst genommen. Eine Verkleinerungsform kann den Anspruch auf Ernsthaftigkeit vermindern, dies zeigt der Vergleich von “Freund” und “Freundchen”. Auch die Bezeichnung “Ammenmärchen” wurde wahrscheinlich von dieser Seite geprägt, denn Ammenmärchen sollten zur Unterhaltung von Kleinkindern und kleinen Geistern beitragen und wurden deshalb niemals als glaubwürdig eingestuft.

Die Gebrüder Grimm sind nicht die ersten, die sich mit dieser Literatur für Kinder beschäftigten. Der Italiener Francesco Francesco Straparola wird als erster Märchensammler aufgeführt, nachdem er ‚Le piacevoli notti‘ veröffentlicht hat. Diese zwei Teile mit insgesamt 74 Erzählungen waren noch im 16. Jahrhundert auf dem kirchlichen Index der verbotenen Bücher verzeichnet, da Straparola die Texte so gut wie unverändert festhielt.

Rund 120 Jahre später erschien das Pentamerone, das als eines der bedeutendsten Märchenbücher der Weltliteratur bezeichnet wird. Die Brüder Grimm erwogen sofort eine deutsche Bearbeitung dieser Märchensammlung von Giambattista Basile, um sie in ihren ‚Kinder- und Hausmärchen‘ als Anhang zu verwenden. So erscheint 1822 selbständig ein Anmerkungsband zu den ‚Kinder- und Hausmärchen‘, der alle 50 Märchen des Pentamerone in gekürzter Form enthält. Baslie hat diese Märchen zwar der mündlichen Tradition entnommen, hat sie aber im Gegensatz zu Straparola aufgebauscht und so dem Geschmack der Barockzeit angepasst. Das Pentamerone ist für die Märchenforschung bereits deshalb so wichtig, weil Wilhelm und Jacob Grimm mehr als 30 dieser Geschichten in der deutschen Märchenkultur, die wohl kaum durch Basile beeinflusst wurde, entdeckten. Folgendermassen sind Basile die Erstbelege für viele berühmte europäische Märchen zuzuschreiben.

Ein weiterer erwähnenswerter Märchensammler ist Charles Perrault. Er hatte einen sehr breiten und tiefen Einfluss auf die deutsche Märchentradition. Wilhelm Grimm schreibt über ihn:

“Perrault hat die Märchen rein aufgefasst und, Kleinigkeiten abgerechnet, nichts zugesetzt; der Stil ist einfach und natürlich, und, so weit es die damals schon glatte und abgerundete Schriftsprache zuliess, ist auch der Kinderton getroffen.” 2

Diese Vorgehensweise bei der Sammlung von Märchen entspricht der der Brüder Grimm. So haben auch sie versucht die Texte wenig abzuändern und sie in einer einfachen Sprache festzuhalten.

Die Frage, weshalb die Grimmschen Märchen so erfolgreich waren und sind, ist einfach zu beantworten, wenn man die Lebensumstände dieser Zeit kennt. Durch die industrielle Revolution wurden die Familienstrukturen sowie die Erwerbs- und Lebensgewohnheiten stark verändert. Die allgemeine Schulpflicht bewirkte, dass die Zahl der Analphabeten sank und so die mündliche Weitergabe von Märchen von der schriftlichen verdrängt wurde. Auch die Auflösung vieler Meisterbetriebe und die Herausbildung der Kleinfamilie aus der einstigen Grossfamilie bewirkte dasselbe. Die Menschen hatten weniger Orte der familiären und gemeinsamen Gemeinschaftsarbeit und –freizeit. Als nun die Märchen in Buchform erhältlich war und die Mütter lesen konnten, glaubten sie in den Kinder- und Hausmärchen ein ideales Vorlesebuch gefunden zu haben. Die Märchen sind in einer kindgerechten Sprache geschrieben und vermitteln teilweise Moralvorstellungen. So kann der grosse Erfolg der Kinder- und Hausmärchen nicht derer Qualität zugeschrieben werden, sondern der Tatsache, dass sie genau zur richtigen Zeit von der mündlichen zur gedruckten Form wechselten.


1.2. Entstehung der ‚Kinder- und Hausmärchen‘


Der Rechtshistoriker Carl von Savigny schulte das historische Denken der Brüder Grimm, was wohl ihr Interesse an historisch-wissenschaftlichen Betrachtungen von Volkspoesie anregte. Zusätzlich arbeiteten Wilhelm und Jacob Grimm mit dem romantischen Dichter Clemens Bretano an dessen Liedersammlung ‚Des Knaben Wunderhorn‘, wo sie das Sammeln und Publizieren alter literarischer und volksläufiger Texte lernten. Da sie beruflich in Kassel als Bibliothekare tätig waren und sich zusätzlich in eben genannter Weise für Volkspoesie interessierten, war der Grundstein für die eigene Sammeltätigkeit gelegt. Denn bei der Untersuchung ‚Des Knaben Wunderhorn‘ wird festgestellt, dass die Bearbeitungweise der Wunderhorn-Quellen stark der, der Grimmschen Sammelunternehmen ähnelt.

Als nun der erste Wunderhorn-Band erschienen war, forderte Bretano auf, ihm alte mündlich überlieferte Sagen und Märchen zukommen zu lassen, um damit eine Fortsetzung ‚Des Knaben Wunderhorn‘ zu verwirklichen. Er plante, das ganze Land mit einem Sammelnetz zu überziehen, um so sein Vorhaben systematisch zu verwirklichen. Volkslieder erhielt er daraufhin reichlich, doch Sagen und Märchen nur sehr spärlich. Deshalb veröffentlichte Bretano einige Beispiele, was er sich unter Märchen und Sagen vorstellte, worauf er tatsächlich einige Texte erhielt. Die Qualität und Quantität reichte allerdings bei weitem nicht für die Wunderhorn-Fortsetzung. Bretanos folgende schicksalhafte Entscheidung schildert Heinz Rölleke:

“...weil er inzwischen Begeisterung, Begabung und Fleiss der jugendlichen Brüder Grimm kennen- und schätzengelernt hatte, beauftragte Bretano nunmehr diese, kontinuierlich für ihn zu sammeln, und zwar sowohl Lesefrüchte aus älterer Literatur als auch mündlich verbreitete Texte.” 3

Dies zeigt, dass die erste Sammeltätigkeit der Brüder Grimm völlig unter dem Einfluss von Bretano stand: Er entwickelte mit ihnen die Pläne, sie durften seine umfangreiche Bibliothek benutzen und er beanspruchte die Bearbeitung und Veröffentlichung der Texte ausschliesslich für sich.

Landläufig herrscht die Meinung vor, die Brüder Grimm seien umhergereist und hätten sich von alten Weiblein Märchen erzählen lassen. Doch bereits deren eben beschriebene Art und Weise, wie sie in die Arbeit an Märchen eingeführt wurden, lässt darauf schliessen, dass dem nicht so war. Mannel, Wild und Hassenpflug, das sind die Namen, die zur Entstehung der Kinder- und Hausmärchen entscheidend beigetragen haben. Es handelt sich hierbei nämlich um junge, gebildete Frauen aus reichen Familien.

Friederike Mannel war Tochter eines Pfarrers, der gleichzeitig eine Privatschule führte. Sie sprach französisch und war literarisch sehr gebildet. Im November 1808, sie war damals 25 Jahre alt, schickte sie den Brüdern Grimm erstmals Märchentexte. 5 der späteren Kinder- und Hausmärchen stammen von ihr, teilweise selbst niedergeschrieben, teilweise aus Aufsätzen der Schüler ihres Vaters.
Dorothea Wild, eine Apothekersgattin aus Kassel, war eine Nachbarin der Brüder Grimm, als diese in Kassel wohnten. Eine ihrer Töchter wurde sogar Wilhelm Grimms Frau. Die ersten Aufzeichnungen für die ‚Kinder- und Hausmärchen‘ entstanden nach ihren Erzählungen. Sie und die sogenannte Marburger Märchenfrau, bei ihr hatte Wilhelm Grimm das einzige Mal einen Versuch gemacht, von einer alten Frau in einem Spital Märchen zu erfahren, was jedoch misslang, waren die einzigen unter den Märchenerzählerinnen, die eine Generation älter waren als die Gebrüder Grimm selbst.
Die meisten und gewichtigsten Märchen stammen jedoch von den drei Schwestern Hassenpflug, Deren Vater Amtmann war, die Mutter entstammte eine Hugenottenfamilie. Deshalb sprachen die Schwestern Hassenpflug zu Hause nur französisch, dies erklärt auch, warum viele Märchen der Hassenpflugs stark verschiedenen französischen Märchenfassungen des 18. Jahrhunderts ähneln. Mit diesen drei jungen Damen trafen sich die Grimms seit 1808 zu einer Art literarischem Teekränzchen. So schreibt Rölleke über die Entwicklung der Märchensammlung:

“Damit war der durch Bretano ... bestimmte Ansatz entschieden verstärkt: Die jungen Damen Mannel, Wild, Hassenpflug ... erzählten gut, und ihr Repertoire bestand aus abgerundeten, sinnvollen, Obszönitäten und Grobianismen säuberlich vermeidenden, Geschichten.” 4


1.3. Inhalt von Schneewittchen


Das Märchen ‚Schneewittchen‘, das von den Brüdern Grimm niedergeschrieben wurde, handelt von der wunderschönen Königstochter Schneewittchen. Deren Stiefmutter ist jedoch neidisch auf sie, da die Stiefmutter die Schönste im ganzen Land sein möchte. Deshalb erteilt sie einem Jäger den Auftrag, das Mädchen zu töten. Schneewittchen kann sich jedoch retten und flüchtet in das Haus der sieben Zwerge. Die bösartige Stiefmutter erfährt von ihrem Zauberspiegel, dass sich ihre Stieftochter zu den Zwergen gerettet hat und versucht sie darauf mit einem Schnürriemen, später mit einem Kamm und schliesslich mit einem vergifteten Apfel zu töten. In den beiden ersten Fällen können die freundlichen Zwerge dem jungen Mädchen helfen, doch den tödlichen Apfelbissen, der in Schneewittchens Hals steckt, finden sie nicht. Ein Königssohn sieht die in einen Glassarg gebettete Prinzessin und verliebt sich in sie. Als er den Sarg zu seinem Schloss tragen lässt, löst sich das Apfelstück, worauf Schneewittchen zu neuem Leben erwacht. Bei der darauffolgenden Hochzeit des jungen Prinzenpaares, muss sich die Stiefmutter der Braut zur Strafe in glühenden Pantoffeln zu Tode tanzen.

In einer anderen Fassung ist nicht von einer Stiefmutter die Rede, sondern die leibliche Mutter versucht ihr Kind aus Neid auf deren Schönheit zu töten.


1.4. Inhalt von Frau Holle


Das Märchen ‚Frau Holle‘ handelt von zwei Schwestern. Eine ist schön und fleissig, die andere ist hässlich und faul. Die Mutter der beiden hat die faule und hässliche aber viel lieber, weil sie ihre eigene Tochter ist. Die Stieftochter hingegen muss alle Arbeit verrichten. Eines Tages fällt diese durch einen Brunnen in eine andere Welt, wo sie Brot aus dem Ofen holt und Äpfel vom Baum schüttelt. Frau Holle ist eine alte Frau, die in dieser Welt wohnt, das Mädchen einlädt, bei ihr zu wohnen und sie als Dank einfache Arbeiten verrichten lässt. Als die Stieftochter wieder nach Hause will, wird sie für ihren Fleiss mit Gold belohnt. Wieder bei ihrer Familie, erzählt sie ihre Geschichte und die Mutter schickt ihre leibliche Tochter ebenfalls durch den Brunnen, damit auch sie Gold bekomme. Die faule Tochter lässt das Brot allerdings verbrennen und schüttelt die Äpfel nicht vom Baum. Im Haus der Frau Holle verrichtet sie die Arbeiten nur schlecht oder gar nicht. Als auch sie wieder nach Hause will, wird sie mit Pech überschüttet, das nie mehr abgehen soll.

Von diesem Märchen sind sehr viele unterschiedliche Fassungen vorhanden.


1.5. Inhalt vom Froschkönig


Das Märchen ‚Froschkönig‘ handelt von einer Prinzessin, die beim Spielen an einem Brunnenrand ihre goldene Kugel ins Wasser fallen lässt, und von einem Frosch, der ihr anbietet, diese wieder heraufzuholen. Der Frosch verlangt von der Königstochter als Lohn allerdings, dass er ihr Geselle werden darf, was sie ihm auch zusichert. Als sie ihr Spielzeug jedoch wiederhat, läuft sie davon, ohne ihr Versprechen zu halten. Als der Frosch dann beim Abendessen an die Tür des Schlosses klopft und das Versprechen einfordert, weigert sich die Prinzessin, den Frosch hereinzulassen. Ihr Vater zwingt sie jedoch zu tun, was sie versprochen hat. Schliesslich will der Frosch in ihr Bett und sie wird so wütend, dass sie ihn an die Wand wirft, worauf sich dieser in einen schönen Prinzen verwandelt. Am nächsten Tag fahren die beiden mit einer Kutsche in das Schloss des Prinzen. Während dieser Fahrt brechen die Bande, die sich der treue Diener Heinrich um sein Herz gelegt hat, als sein Herr ein Frosch war und er darüber so betrübt war.


1.6. Beschränkung


Märchen werden in der heutigen Zeit als nicht ernstzunehmende Literatur für Kinder abgetan. In dieser Arbeit versuche ich zu zeigen, dass Märchen zu Unrecht abgewertet werden. Mit einer tiefenpsychologischen Analyse von ‚Schneewittchen‘, einer philosophischen Untersuchung von ‚Frau Holle‘ und einer Analyse des ‚Froschkönig‘ werde ich die Tiefe, mit der einige der Märchen zu sehen sind, darstellen.
Probleme und Vorgänge der heutigen Gesellschaft werden von verschiedenen Märchen zum Thema genommen, gleichzeitig haben sie sich in den letzten Jahren zu einem Diskussionsthema entwickelt, um die Frage ihrer Kindgerechte zu klären. Dieser Bezug zur Gegenwart ist auch entstanden, weil sich Märchen vor und nach ihrer Niederschrift gewandelt haben. Diese Aspekte werde ich ebenfalls behandeln.
Abschliessend führe ich in einem Exkurs in die Sage ein, da diese oft in einem Atemzug mit Märchen genannt werden. Dafür verwende ich Sagen aus Liechtenstein, um zu zeigen, dass auch hier wertvolles Erzählgut existiert.
Somit zeigt sich in dieser Arbeit, wie interessant und geistvoll Märchen gesehen werden können und deshalb nicht abgewertet werden dürfen.

2. Hauptteil


2.1. Tiefenpsychologische Analyse von ‚Schneewittchen‘


Wie bereits in der Inhaltsangabe erwähnt, besteht eine Fassung von ‚Schneewittchen‘ in der nie von einer Stiefmutter die Rede ist. Diese Version scheint davon auszugehen, dass der Tod der Mutter ein Symbol für die Veränderung der Mutter von Schneewittchen ist, die sich von einer liebevollen Frau in eine bösartige Egoistin, die aus Neid versucht ihr eigenes Kind zu töten, verwandelt. So baut auch diese Analyse auf diesem symbolischen Tod auf.

2.1.1. Die Sage von Blanca


Das Märchen ‚Schneewittchen‘ basiert auf der mittelalterlichen Sage der schönen Blanca von J.K.A. Musäus. Um nun dieses Märchen richtig analysieren zu können, ist es notwendig, etwas über diese Sage zu erfahren. Die Sage von Blanca ist sehr viel ausführlicher als das Märchen, so enthält sie die ganze Kindheit der Stiefmutter, in der Sage heisst sie Richilde, die für die Analyse sehr wichtig ist. Nachfolgend sind die für die Analyse wichtigen Ausschnitte der Sage kurz zusammengefasst.
Richilde lebt als Kind im Kloster, wo sie von allen Männern umschwärmt wird. Als ihre Mutter stirbt, bekommt sie von ihr einen Zauberspiegel. Die Männer veranstalten Turniere, um zu bestimmen, wen Richilde als Gatten erhalten soll, doch Richilde will den schönsten Mann im ganzen Land heiraten. Eines Tages besinnt sie sich auf den Spiegel und lässt sich von ihm den schönsten zeigen. Es ist Graf Gombald, der jedoch bereits mit seiner Cousine verheiratet ist, diese aber mit dem Vorwand der Blutschande verlässt, als er erfährt, dass er der Traummann von Richilde ist. Seine verstossene Gemahlin ist schwanger und bringt in einem Kloster die schöne Blanca zur Welt, die nach dem Tod ihrer Mutter Richilde als Stiefmutter bekommt. Zum Schluss muss Richilde auf der Hochzeit von Blanca als Strafe für ihren Neid auf deren Aussehen ihn glühenden Pantoffeln tanzen und wird dann in einem Kerker eingesperrt.

2.1.2. Die Frau am Fenster


“Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn herab, da sass eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte.” 5

Es herrscht Winter und es ist kalt, nicht nur draussen, sondern auch im Innern dieser Königin, es handelt sich nämlich um Richilde. Richilde hat ihre ganze Kindheit in einem Kloster verbracht, ihre Mutter, so schreibt Musäus, war unfähig, Gefühle zu zeigen. Der Mann, den sie geheiratet hat, ist nur von ihrer Schönheit betört. Diese Frau kann keine Gefühle zeigen, weil sie es nie gelernt hat. Auch der Ebenholzrahmen um ihr Gesicht erinnert eher an eine Todesanzeige als an ein idyllisches Winterbild. Mit dieser Winterlandschaft werden die Gefühle von Richilde bildlich beschrieben.
Als sie nun nach den Schneeflocken aufblickt, sich in den Finger sticht, die Bluttropfen im Schnee sieht und in ihr der Wunsch nach einem Kind auftaucht, verliert sie keinen Gedanken an ihren Mann. Es ist schon sehr aussergewöhnlich bei Blut im Schnee an ein Kind zu denken, doch dabei den Vater des Kindes zu übergehen ist noch viel sonderbarer. Den Ehemann trifft dieser Kinderwunsch genauso, wie die Frau, deshalb würde jede normale Frau ihren Mann mit einbeziehen. Doch Richilde macht das nicht, was die Distanz zu ihrem Mann zeigt.
Der grosse farbliche Kontrast von rotem Blut, weissem Schnee und von schwarzem Ebenholz fällt eingangs der Geschichte auf. Diese grossen Widersprüche herrschen auch im Innern von Richilde. Zu dieser Zeit musste die Frau nämlich schön sein, das brachte ihr eine grosse Wertschätzung ein. Ihr Geist wurde nie beachtet, so konnte eine Frau nur mit ihrem Körper Anerkennung finden. Es war allerdings unmoralisch die eigene Schönheit zu zeigen, was in vielen Frauen einen inneren Konflikt auslöste, so auch in Richilde. In ihr herrschen die sehnsüchtige Frau am Fenster und die narzistische Frau vor dem Spielgel, die gleich erläutert wird. Dieses Kind, das sie sich nun wünscht, soll rot, weiss und schwarz zugleich sein, soll alle Widersprüche der Mutter in sich vereinen, was schon von vornherein als eine unlösbare Aufgabe erscheint. So werden an Schneewittchen bereits bei ihrer Geburt riesige Anforderungen gestellt.

2.1.3. Die Frau vor dem Spiegel


Richilde trägt, wie bereits erwähnt, zwei Charaktere in ihr. Die bereits beschriebene Frau am Fenster und die Frau vor dem Spiegel. Der Spiegel ist das Mass der Schönheit, und da die Schönheit die einzige Möglichkeit ist, Wertschätzung zu erlangen, ist der Spiegel das Mass aller Dinge überhaupt. Deshalb denkt Richilde,

“...sie wäre...die erste und allerschönste, trat vor ihren Spiegel und sprach:
‚Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?‘” 6

Richilde braucht diese Bestätigung des Spiegels, und als er ihr zur Antwort gibt, sie sei die schönste, da scheint die Welt noch in Ordnung, als er aber sagt, dass Schneewittchen schöner sei als sie, da erst scheint der Konflikt zu eskalieren. Doch die Probleme von Richilde bestehen schon, als alles noch in Ordnung scheint. Sie muss sich ihre Anerkennung von einem Spiegel geben lassen, was doch eigentlich die Aufgabe des Ehemannes oder einer Freundin wäre. Von einer Freundin ist nie die Rede und der Gatte ist selbst viel zu eitel, um die Probleme seiner Frau zu erkennen und sie zu unterstützen. Denn er ist der grosse König, er kann nichts mit einer hilfsbedürftigen Frau anfangen. Frauen sind unnütz, auch wenn sie schön sind, sie sollen Kinder gebären, das ist ihre einzige Bestimmung. Die ideale Frau ist also eine schöne Mutter, das birgt schon wieder einen Widerspruch in sich.

2.1.4. Das Essen von Lunge und Leber


Als nun Schneewittchen in diese Welt voller Gegensätze geboren wird, ist sie das Wunschkind ihrer Mutter. Sie vereint rein äusserlich die Gegensätze von rot, weiss und schwarz, wie es sich ihre Mutter gewünscht hat. Doch sie ist auch wunderschön und als der Spiegel sagt, dass Schneewittchen schöner ist als ihr Mutter, da entfacht in Richilde ein grenzenloser Neid, bis sie eines Tages einem Jäger befiehlt:

“Du sollst es (Schneewittchen, Präzision der Verfasserin) töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.” 7

Doch der Jäger tötet Schneewittchen nicht, sondern lässt es aus Mitleid in den Wald fliehen. Dann tötet er einen Frischling und bringt der Königin dessen Lunge und Leber, die sie sofort kocht und isst. Die Nahrungsaufnahme ist in der Tiefenpsychologie das Symbol für Identifikation. Richilde wäre gern wie Schneewittchen, sie möchte deren Schönheit. Die Leber ist der Ort der aggressiven Gefühle. Indem sie ihre Leber isst, erstickt sie jedes Aufbegehren von Schneewittchen im Kern. Durch das Essen der Lunge erstickt sie ihr Kind ebenfalls, jedoch vor lauter Fürsorge. Schneewittchen ist ihr Wunschkind und auch ihre einzige Tochter, die ganze Aufmerksamkeit gilt also diesem Mädchen, da sie ja sonst niemanden hat.

2.1.5. Die Beziehung zwischen Richilde und Schneewittchen


Da Schneewittchen ein Wunschkind ist, wird sie dauernd umsorgt, wie bereits erwähnt. Doch in krassem Gegensatz dazu steht Richildes Neid auf die Schönheit ihrer Tochter. Daraus entsteht eine Hassliebe, denn Hass gründet immer in enttäuschter Liebe. Als nämlich die Königin wieder einmal ihren Spiegel fragt, wer denn die Schönste im ganzen Land sei, da antwortet er, dass das Schneewittchen tausendmal schöner sei, und die Reaktion von Richilde ist voraussehbar:

“Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid.” 8

Aus dieser Hassliebe heraus versucht sie durch den Jäger, mit einem Schnürriemen, mit einem Kamm und schliesslich mit einem vergifteten Apfel ihr Kind zu töten. Diese vier Anschläge auf Schneewittchens Leben sind aber als Symbole zu verstehen. Richilde tötet ihre Tochter unbewusst, nach und nach. Der Kamm und der Schnürriemen dienen zur Verschönerung von Schneewittchen, doch der gute Wille wird dem Kind zuviel, so dass sie zu stark eingeengt wird und – bildlich gesprochen- daran erstickt. Dies erklärt die Wahl dieser Metapher. So kann man wieder die inneren Konflikte in der Mutter sehen, auf der einen Seite möchte sie ihrem Kind helfen, auf der anderen ist sie neidisch und kann die Schönheit von Schneewittchen nicht mehr ertragen. Richilde möchte ihre Tochter glücklich machen, doch was ihr als Glück erscheint, bedeutet für Schneewittchen Unglück, so führen beide Charaktere in Richilde zu Leid für Schneewittchen.

2.1.6. Der Glassarg um Schneewittchen


Als Schneewittchen nach dem vierten Tötungsversuch der Mutter von den Zwergen nicht mehr zum Leben erweckt werden kann, trauerten die Zwerge

“...und liessen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen...” 9.

Wer sich Schneewittchen so im Sarg vorstellt, denkt eher an ein Ausstellungsstück als an ein totes Kind. Auch die fehlende Verwesung deutet darauf hin. Warum wollte Richilde denn ein Kind? Es sollte ihre inneren Gegensätze vereinen und ihr eine Funktion als Frau geben, es wurde von ihr erwartet, ein Kind zu haben. Darum ist Schneewittchen ein Leben lang das Vorzeigekind ihrer Mutter. Doch die tote Prinzessin wird ja zum Schluss erneut wiederbelebt, es stellt sich die Frage, warum sie nie wirklich stirbt. Dieser Sarg ist das Rettungsboot für Schneewittchen, denn tot stellt sie für ihre Mutter keine Bedrohung mehr dar. So überlebt sie im Sarg die Attacken von Richilde, sie flieht vor deren Neid und vor deren übertriebener Fürsorge. Deshalb darf der Sarg auch nicht zertrümmert werden, weil so seine Schutzfunktion verloren ginge. Schneewittchen muss den Sarg mit eigener Kraft öffnen, sie muss die Kraft entwickeln, ihrer Mutter standzuhalten.

2.1.7. Die Rolle des Königssohnes


Als die Zwerge Schneewittchen auf dem Berg aufgebahrt und mit goldenen Buchstaben auf den Sarg geschrieben haben, dass Schneewittchen eine Königstochter ist, da kam ein Prinz in den Wald, sah das tote Mädchen und verliebte sich in sie, was auch nicht sehr ungewöhnlich ist, wenn man wiederum die Sage von Blanca kennt. Dieser Königssohn heisst Gottfried und seine Lebensaufgabe ist es, den heiligen und den aggressiven Teil seines Vaters in sich zu vereinen, darin zeigt sich eine Seelenverwandtschaft zu Schneewittchen, die ihre narzistische und ihre sehnsüchtige Mutter versöhnen soll. Als Gottfried sein Schneewittchen auf Händen trägt, stolpert er. So rüttelt er seine Geliebte wach und sie spuckt den vergifteten Apfel aus, mit dem ihre Mutter sie töten wollte. Nun nimmt Gottfried die Stelle der Mutter in Schneewittchens Leben ein und sie ist erlöst. Als Schneewittchen erwacht, trägt sich folgendes zu:

“‘Ach Gott, wo bin ich?‘ rief es (Schneewittchen, Präzision der Verfasserin). Der Königssohn sagte voll Freude: ‘Du bist bei mir...Ich habe dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloss, du sollst meine Gemahlin werden.‘” 10

Schneewittchen versteht nicht, was mit ihr geschieht. Sie hat noch nie so viel Liebe erhalten und vor allem bekommt sie jetzt die Unterstützung, die schon Richilde gebraucht hätte. Diese Liebe ist das einzige, das Schneewittchen für immer von ihrer Mutter erlösen kann.


2.2. Analyse von ‚Frau Holle‘


Das Märchen von der Frau Holle, die es angeblich auf der Erde schneien lässt, wenn sie ihre Decken ausschüttelt, kann nach naturmythologischen oder philosophisch-religiösen Aspekte untersucht werden. Da beide Vorgehensweisen zu interessanten Ergebnissen führen, werden hier beide erläutert.

2.2.1. Die natur-mythologische Analyse


Die Gold- und die Pechmarie werden als Symbole für Sonne und Mond verstanden. Im Falle der Pechmarie wird die Entstehung des Mondes verstanden. Sie hat die gleichen Voraussetzungen wie die Goldmarie, doch durch ihre Faulheit verdirbt sie alles und wird zur Strafe mit Pech übergossen. Deshalb kommt sie mit dunklen Flecken auf die Welt zurück. Diese Flecken sind auch beim Mond zu beobachten, vor allem, wenn Vollmond herrscht. Die Goldmarie steht für die Sonne, die jeden Morgen wieder golden, kraftvoll und verjüngt aufgeht. Sie wird vom Mond jeden Abend vom Himmel gejagt, um aber am nächsten Morgen wieder zu glänzen. Frau Holle stellt die germanische Göttin Hulda, oder auch Berchta, dar. Eugen Drewermann schreibt über sie:

“In ihr lebt die Gestalt der Mutter Erde fort, zu der man gelangt, wenn man durch den Weltenbrunnen in die Unterwelt hinabsteigt. Zugleich ist sie als die Grosse Göttin die Königin des Himmels, deren Bettfedern als Schnee zur Erde fallen. Die absolute Macht dieser Göttin lässt sich daran erkennen, dass sie es ist, die der Sonne und dem Mond ihre heutige Gestalt verliehen hat.” 11

Die Stiefmutter ist das Gegenteil von Frau Holle, sie ist das Symbol für die sichtbare, schlechte Erde. So zeigt sich, dass die Erde äusserlich zwar schlecht und ungerecht ist, im Innern jedoch gut und loyal.

2.2.2. Die philosophische Analyse


Anfänglich wird das Unglück des Guten und das Glück des Bösen dargestellt, eine Wendung, die in vielen anderen Märchen wie ‚Aschenputtel‘ ebenfalls vorkommt. Doch was bedeutet eigentlich “Gut” und “Böse”? Gut und Schön, wird in der mittelalterlichen Philosophie oft als identisch benannt und kann als das bezeichnet werden, das mit seinem Wesen übereinstimmt, es möglichst unverfälscht zur Darstellung bringt, was ja seinem Wesen wieder entspricht. Das Böse und Hässliche, auch sie werden als identisch bezeichnet, zeigt also innere Zerrissenheit und eine Abweichung von seiner Wesensgestalt.
Die Goldmarie, die für das Gute steht, wird von ihrer Stiefmutter nur geduldet. Sie wird missbraucht, denn sie

“...musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen musste sich täglich auf die grosse Strasse setzten und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.” 12

Sie ist allein und verloren auf der grossen Strasse und als sie in den Brunnen springt, ist dies ein Zeichen für ihre Hoffnungslosigkeit, in dieser Welt noch etwas Gutes zu finden, worauf sie den letzten Weg zur Flucht einschlägt. Als sie dann auf der anderen Seite des Brunnens erwacht und die Gegend erkundet, ist sie völlig überrascht von der neuen Welt. Diese Welt erscheint ihr wie die alte, nur dass ihr alle Enttäuschungen erspart bleiben und sie Gutes findet. Erst nachdem sie sich überwunden hat und nicht resigniert hat, hat sie das Gute gefunden.
Doch die Dinge dieser neuen Welt, der Backofen mit Brot und der Apfelbaum, sprechen zur Goldmarie, denn sie wollen bedient werden. Das Mädchen versteht deren Sprache, weil nur diejenigen, die in Harmonie mit sich selbst leben die Botschaft anderer empfangen können. Die Goldmarie kann aber gar nicht allen Dingen helfen, das würde für sie eine riesige Verantwortung und eine totale Überforderung bedeuten. Als sie nun zum Haus der Frau Holle kommt, ist sie vom Anblick der alten Frau noch verängstigter. Doch Frau Holle ruft ihr zu:

“Was fürchtest du dich, liebes Kind?” 13

Diese Frage vermag das Mädchen auf zwei Arten zu beruhigen. Zum einen zwingt sie sie mit dem Teil, wovor sie sich fürchtet, zum Nachdenken, unterbricht ihr furchtsames Umherirren und deutet an, dass es gar nichts Furchteinflössendes gibt. Zum anderen zeigt Frau Holle mit der Vokabel “Kind”, dass sie sie als solches anerkennt und sie deshalb bestimmt nicht überfordern will. Nachdem die Goldmarie bei Frau Holle dann einige Tage fleissig gearbeitet hat, äussert sie den Wunsch, wieder nach Hause zurückzukehren. Rein naturmythologisch betrachtet, ist sofort klar, dass die Sonne wieder aufgehen muss, doch in der philosophischen Analyse ist der Grund nicht sofort erkennbar. Wenn die Goldmarie bei Frau Holle bleiben würde, hiesse das, als ob es nur in dieser anderen Welt Gerechtigkeit gebe. Der Schluss dieses Märchens hätte eine traurige Nuance und jeder Leser würde sich nach dem Weltenbrunnen sehnen. Da die Goldmarie jedoch mit einem grosszügigen Lohn bedacht wieder zurückkehrt und ihre Familie sie freudig aufnimmt, fällt dieser düstere Aspekt weg. Auch wenn sie nur wegen ihres Reichtums angenommen wird, so müssen die Menschen trotzdem erkennen, dass das Gute unermessliche Vorteile bringen kann.
Das Gute wird am Ende des Märchens belohnt und das Böse mit noch mehr Hässlichkeit bestraft. Es stellt sich die Frage, warum das Böse, da es mit der gegebenen Unansehnlichkeit ja schon genug bestraft wäre, erneut Busse tun muss. Doch die Mutter der Pechmarie will, dass auch ihr eigenes Kind mit Gold überschüttet wird. Sie glaubt, ihr faules Kind könne den gleichen Ruhm erreichen wie ein fleissiges, indem es sich in der anderen Welt heuchlerisch verhält. So schreibt Drewermann über das Böse und dessen Verhaltensweise:

“...es gibt sich nur den Anschein eines Daseins, indem es so tut, als sei es selbst das Gute, nur zu ermässigten Gebühren.” 14

Doch dieses Märchen verdeutlicht, dass dies zu keinem Erfolg führt. Denn das Böse kann auch niemals glücklich werden, weil Glück auch Harmonie mit sich selbst bedeutet. Das Böse versucht jedoch immer das Gute zu kopieren und kann so niemals mit sich selbst in Einklang kommen. Auch will es den Preis für die innere Schönheit, die sich einfach durch äussere zu ersetzen versucht, nicht bezahlen. Die Angst, die Verzweiflung, die Kraft, dem Bösen zu widerstehen und die Treue zu sich selbst, das alles ist das Böse nicht gewillt aufzubringen, so kann es auch niemals gut und folglich auch nicht glücklich werden.
Um die Quintessenz dieses Märchens aufzuzeigen, ist ein Beispiel japanischer Perlenzüchter nötig. Sie pflanzen den Muscheln einen Fremdkörper ein. Dieser Eindringling schmerzt die Muscheln so sehr, dass sie ihn mit Sekreten umhüllen, die später erstarren. So bringen die Muscheln durch grösste Qualen Perlen hervor, das Schönste, was sie zu bieten haben.

“Ebenso ist ein Mensch am Ende gerade besonders schön und wertvoll durch das, worunter und wofür er am meisten hat leiden müssen.” 15

Für Menschen, die nur auf Äusserlichkeiten achten, bleibt dies verborgen. Denn nur wer die Muschel öffnet, wird die Perle finden, und nur wer in die Tiefe geht oder durch den Brunnen springt, kann wahre Schönheit finden. So werden diese Menschen auch nur den Sieg des Bösen verfolgen können, da das Gute nie von der grausamen Welt belohnt wird. Das Schöne und Gute wird erst dann, wenn es auf Hilfe von Aussen nicht mehr zu hoffen wagt und sich auf sich selbst hört, von Innen belohnt.


2.3. Analyse vom ‚Froschkönig‘


2.3.1. Die Botschaft für Kinder


Der ‚Froschkönig‘ ist wohl eines der bekanntesten Märchen, wenn vom lehrreichen Charakter von Märchen gesprochen wird. Anfangs verspricht die junge Königstochter dem Frosch, dass er ihr Geselle werden könne, wenn er ihr ihre goldene Kugel vom Grund des Brunnens wieder heraufbringe. Als sie ihre Kugel jedoch wieder hat, läuft sie schnell weg und ignoriert den Frosch, der nun seinen Lohn einfordert. Das hartnäckige Tier kommt daraufhin zum Schloss der Prinzessin, um seinen Verdienst erneut zu verlangen, doch sie weigert sich immer noch. den Frosch bei sich aufzunehmen, bis der König eingreift und seine Tochter belehrt:

“Was du versprochen hast, musst du auch halten...” 16

Diese Aussage ist für jedes Kind klar verständlich. Durch diesen Sinn des Märchens ist der ‚Froschkönig‘ zu einem der beliebtesten und bekanntesten Märchen der ‚Kinder- und Hausmärchen‘ geworden. Doch kaum jemand hinterfragt den Schluss des Märchens. Warum wird die treulose Prinzessin mit dem Prinzen belohnt, nachdem sie ihn erst noch gegen die Wand geworfen hat? Dieser Schluss passt eigentlich gar nicht zur Handlung. Dieser Frage wird später nachgegangen, wenn das ganze Märchen genauer betrachtet wurde.

2.3.2. Zur Betrachtungsweise des Märchens


‚Der Froschkönig‘ kann auf verschiedene Weisen untersucht werden, wie auch ‚Frau Holle‘ unter natur-mythologischen und unter philosophisch-religiösen Aspekten betrachtet wurde. In diesem Kapitel wird ein extremer Blickwinkel gewählt, um zu zeigen, dass Märchen nicht ausschliesslich als Kinderliteratur verstanden werden können.

2.3.3. Der Lohn des Frosches


Als der Frosch die Prinzessin weinen hört, scheint er grosses Mitleid mit ihr zu haben, versucht sie zu trösten und bietet seine Hilfe an. Dies sieht auf den ersten Blick recht ehrenhaft aus, doch er würde der Prinzessin nicht umsonst helfen. Gleich auf sein Angebot, ihr zu helfen, folgt nämlich die Frage, was er ihr denn geben würde, wenn er ihr ihr liebstes Spielzeug aus dem Brunnen holen würde. Die Prinzessin bietet ihm darauf alles an, was sie hat, die grössten Kostbarkeiten. Der Frosch allerdings hat schon eine genaue Vorstellung davon, was er von der Prinzessin gerne hätte. Den Reichtum lehnt er ab, dafür äussert er folgenden Wunsch:

“...ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, ... in deinem Bettlein schlafen. ... so will ich dir die goldene Kugel wieder heraufholen.” 17

Diese Aussage zeigt schon den schlechten Charakter des Frosches, weil er sofort nach einer Belohnung verlangt, als er sieht, wie verzweifelt die Prinzessin ist und er der einzige ist, der ihr helfen kann und weil er dem jungen Mädchen einen unsittlichen Antrag macht.

2.3.4. Die Reaktion der Prinzessin


Die in Tränen aufgelöste Prinzessin willigt natürlich sofort ein, da sie ja ihr Lieblingsspielzeug wiederhaben will und antwortet dem Frosch:

“Ach ja, ...ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst.” 18

Aus diesen Worten spricht das grosse Unglück der Königstochter. Denn sie glaubt auch, dass der Frosch ihr nichts anhaben könne, wenn sie seinem schamlosen Angebot auch nicht nachkommt, weil er ja im Wasser lebt und ziemlich dumm ist. So handelt sie recht überlegt, lässt sich nicht ausnutzen und befreit sich geschickt aus dieser verzwickten Situation, in der sich andere auf Grund ihrer Verzweiflung nicht mehr zu helfen gewusst häten. Sie scheint mit diesem scheinbar schlauen Schachzug ihre Kugel zurückzubekommen, ohne dem Frosch seine Gelüste befriedigen zu müssen. Ihr Plan wäre auch erfolgreich gewesen, wenn sie den Frosch nicht unterschätzt hätte.

2.3.5. Der Zwang des Versprechens


Als die Prinzessin jedoch am nächsten Tag beim Mittagessen sitzt, da

“...klopfte es an die Tür... Sie lief und wollte sehen, wer draussen wäre; als sie aber aufmachte, sass der Frosch davor. Da warf sie die Tür rasch zu, setzte sich wieder an den Tisch, und sie bekam Angst.” 19

Als sie dem Vater erzählen muss, warum sie so verängstigt ist, da befiehlt ihr der Vater ihr Versprechen zu halten. Der König muss so handeln, da alle Hofleute die Geschichte gehört hatten und er als Staatsoberhaupt nicht dulden kann, dass seine Tochter ihr Ehrenwort bricht. So muss er sein Kind zwingen den Frosch hereinzubitten. Die Prinzessin muss diesem Befehl natürlich nachkommen, was der Frosch wieder schamlos ausnützt, als sie in ihrem Zimmer sind und sie sich so ekelt, dass sie ihn nicht in ihr Bett nehmen will. Da droht ihr der Frosch, ihrem Vater zu erzählen, dass sie ihn nicht ins Bett nehmen will.

2.3.6. Der scheinbar paradoxe Schluss


Wie bereits an Anfang erwähnt, scheint der Schluss überhaupt nicht zum Schema der Handlung zu passen. Denn als die Prinzessin keinen anderen Weg als die Brutalität mehr sieht, wird sie belohnt. Die Verzweiflung, der Ekel und die Angst, die zu der folgenden Tat geführt haben, werden gar nicht beachtet.

“Da wurde sie bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand: ‘Nun wirst du Ruhe geben, du garstiger Frosch!‘
Als er aber herabfiel, war er kein Frosch mehr, sondern ein Königssohn mit schönen, freundlichen Augen.” 20

Bereits in ihrem Ausruf bei dieser Verzweiflungstat drückt sie wieder den verständlichen Ekel aus, den sie für dieses Tier empfindet. So wird sie zum Schluss für ihre Qualen entschädigt, die sie erlitten hat und der Prinz, der von einer bösen Hexe verzaubert worden war, hat nun endlich sein hässliches Äusseres und Inneres ablegen können.


2.4. Das Kindgerechte von Märchen


2.4.1. Brutalität


Ein weitverbreitetes Argument gegen Märchen ist die in ihnen vorhandene Brutalität. In vielen Märchen werden die bösen Hexen und Stiefmütter zum Schluss brutal ermordet oder gequält. Ein klassisches Beispiel stellt der Schluss von ‚Schneewittchen‘ dar.

“Da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.” 21

Es ist bestimmt gerecht, die Bösen zu bestrafen, doch in vielen Märchen fallen diese Strafen sehr hart aus. Die Kleinen verstehen nicht, dass diese Gewalt in Märchen oft übertrieben dargestellt ist und können auch noch nicht zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Doch auch wenn sie diese Fähigkeiten besitzen würden, ändert das nichts an der Tatsache, dass die Kinder abgestumpft werden. Als Gute-Nacht-Geschichte eignen sich diese Bücher deshalb nicht, böse Hexen, Riesen und Kobolde könnten die Kinder in ihren Träumen verfolgen. Kinder werden bereits mit genügend brutalen Szenen aus dem Fernsehen konfrontiert. Die Trickfilme, die jeden Nachmittag zu sehen sind, haben oft nur das Töten von Monstern oder das Ärgern anderer zum Thema. Deshalb ist es sicher empfehlenswert, eine Bettgeschichte mit möglichst wenig Grausamkeit zu wählen und nicht ein Märchen.

2.4.2. Das Medium “Buch”


Bücher haben zwei wertvolle Vorteile: Zum einen können sie gelesen und vorgelesen werden, zum anderen regen sie die Phantasie an.
Kleine Kinder, die selbst noch nicht lesen können, haben die Möglichkeit, sich die Geschichten von ihren Eltern oder einer anderen Bezugsperson vorlesen oder erzählen zu lassen. So kann die Brutalität der Geschichten mit jemandem besprochen werden, was Kindern gewiss hilft, diese zu verarbeiten und zu verstehen, dass es sich bei Märchen um Fiktion handelt. Kinder kommen leicht in Versuchung, das Gehörte oder Gelesene nachzuahmen und für wirklich zu halten. Das kann man verhindern, indem man mit den Kindern darüber redet.
Das Vorlesen hat auch noch eine andere Auswirkung, es fördert das Zusammensein in der Familie. Die Zeit, in der Eltern, ältere Geschwister oder auch Grosseltern mit den Jüngsten beim Lesen von Geschichten verbringen ist bestimmt wertvoller, als wenn sie sich vor dem Fernseher verweilen würden. Durch die Gespräche während und nach dem Lesen kommt man sich nahe. Beim Fernseher wäre die Möglichkeit am Ende einer Sendung gegeben, wenn man das Gerät ausschalten würde, doch meist sieht man sich die nachfolgende Sendung auch noch an und wenn man die Kleinen dann endlich dem Bann des Fernsehers entreissen kann, ist es Zeit, ins Bett zu gehen. Gespräche während einer Sendung sind auf die Werbepausen begrenzt. Deshalb ist Lesen, nicht nur von Märchen, es gibt viele andere schöne Kindergeschichten, sicher sinnvoller verbrachte Zeit, als ein Fernsehnachmittag. Ältere Kinder, die bereits selbst lesen können, finden in Märchen ein gutes Lesebuch, da sie die Geschichten oft schon kennen und ihnen das Lesen daher sicherlich leichter fällt. Das Lesen in der Freizeit fördert die Schüler, was natürlich wünschenswert ist.
Wie bereits erwähnt, regen Märchen die Phantasie der Leser und Zuhörer an. Die Märchenbücher sind fast immer mit verschiedensten Bildern illustriert, was den Kindern hilft, sich grundlegende Szenen besser vorzustellen. Wenn ein Kind irgendwo ein Bild sieht mit einem Mädchen, das wie Schneewittchen gekleidet ist und aussieht wie sie, dann erkennt es die Figur als Schneewittchen, sofern es die Geschichte kennt. Denn Märchenfiguren werden immer mit gleicher Kleidung und gleichem Aussehen dargestellt, weil sie so wiedererkannt werden. Mit dieser Eigenschaft der Figuren wird viel Geld gemacht. Es werden Gläser, Lampen, Schultaschen und viele andere Dinge mit Gestalten aus Märchen verziert. Die Firma Ravensburger hat sogar vor Jahren das Spiel “Sagaland” auf den Markt gebracht, indem sich die Spieler die Standorte verschiedener berühmter Märchenfiguren, die verdeckt auf dem Spielbrett stehen, zu merken haben, um diese dann im richtigen Zeitpunkt aufzudecken. So werden Kinder immer wieder mit den Geschichten und deren Figuren konfrontiert, was sie anhält, sich mit diesen zu beschäftigen. Die Kinder können die Märchen in ihrer Phantasie immer wieder neu ausschmücken, sie können sich vorstellen, wie es ist, eine Prinzessin oder ein Prinz zu sein. Viele Mädchen wählen für den Fasching das Kostüm einer Prinzessin, was sicher auch auf Märchen zurückzuführen ist. Diese Identifikation kann auch mit Figuren aus dem Fernsehen stattfinden, da man auch sie an vielen Orten antreffen kann, doch die Möglichkeit, diese Geschichten auszuschmücken ist kleiner, da die Abläufe im Fernsehen nicht gestoppt werden können und deren Geschwindigkeit für Phantasie fast keinen Platz lässt.

2.4.3. Der lehrreiche Charakter


Ein Grund, warum das Märchen so grosse Popularität erreicht hat, ist, dass die Mütter des frühen 19. Jahrhunderts ein Vorlesebuch suchten, das schöne Geschichten für Kinder enthielt. Dieses Kriterium erfüllen die Kinder- und Hausmärchen, doch zusätzlich haben sie noch einen lehrreichen Charakter. ‚Frau Holle‘ zeigt den Kindern, dass der Fleissige im Gegensatz zum Faulen belohnt wird, denn als die Goldmarie wieder in ihre Welt zurückkehren will, wird sie nach den Worten von Frau Holle:

“Das sollst du haben, weil du so fleissig gewesen bist...” 22

mit Gold überschüttet. So enthalten viele Märchen eine Botschaft wie auch der ‚Froschkönig‘, “Halte was du versprichst!”, ‚König Drosselbart‘, “Sei nicht eitel und verspotte andere Menschen nicht!”, oder ‚Dornröschen‘, “Tu nicht, was man dir verbietet!”. Den Kindern soll so vor Augen geführt werden, was recht ist und was Ungehorsam in einer übertriebenen Welt für Konsequenzen haben kann. Die Märchen vermögen dies anschaulich und schon für kleine Kinder verständlich darzustellen. So wurden die Märchen der Brüder Grimm im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt und sind es noch heute. Dass sie ihren Stellenwert während über 150 Jahren in einem so grossen Raum behalten und sogar noch weiter ausdehnen konnten, verdanken sie sicher auch diesen Aussagen, die die Märchen beinahe zu einem erzieherischen Mittel machen.

2.4.4. Die gebildete Sprache


Märchen erkennt man meist auf den ersten Blick. Nicht nur am Inhalt, sondern auch an bestimmten Formulierungen, wie “Es war einmal...” oder “...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.”. Diese Wendungen kommen allerdings nicht in allen Märchen vor, die zweite sogar äusserst selten. Ausser diesen Wortlauten findet man noch eine andere Erkennungsmöglichkeit, nämlich die Sprache der Märchen. An einem Beispiel aus ‚Schneewittchen‘, es wäre auch jedes andere Märchen der Brüder Grimm geeignet, kann diese Sprache gut aufgezeigt werden.

“Da erschrak sie, denn sie wusste, dass der Spiegel keine Unwahrheit sprach, und merkte, dass der Jäger sie betrogen hatte und Sneewittchen noch am Leben war. Und da sann sie aufs neue, wie sie es umbringen wollte; denn solange sie nicht die schönste war im ganzen Land, liess ihr der Neid keine Ruhe.” 23

Diese Sprache enthält keine Schimpfwörter, die Worte sind gewählt, auch wenn teilweise ungebräuchliche Ausdrücke zu finden sind. Dies kommt daher, dass die Brüder Grimm sich gebildete Damen ausgesucht haben, die ihnen abgerundete und wohl formulierte Märchen erzählten. Die gute Bildung dieser Damen und der Gebrüder Grimm prägten die Sprache der ‚Kinder- und Hausmärchen‘. So ist es bestimmt sinnvoller, die Kinder an eine solche Sprache zu gewöhnen, nur wegen ein paar Märchen werden sie kaum anfangen, auch so zu sprechen, als an die eher schmutzige Sprache des Fernsehens.


2.5. Die Aktualität von Märchen


2.5.1. Das Unglück des Guten


Menschen sind nur sehr ungern selbst schuld an einem Misserfolg und weigern sich oft, sich Fehler einzugestehen. Deshalb sehen sie sich oft als diejenigen, die benachteiligt werden, obwohl sie unschuldig sind. Es liegt auch in der Natur des Menschen, sich selbst als die Guten zu sehen. Neid ist ein Charakterzug, der zusammen mit den bereits erwähnten eine vermeintlich ungerechte Situation schafft. Denn wenn man will, findet man immer etwas, womit man andere schlecht machen kann, und Neid ist wohl der stärkste Ansporn, eine solche Tat oder eine solche Eigenschaft zu suchen. Da man ja selbst der Gute ist und der andere der Böse, schliesst man schnell, dass die Bösen ungerechterweise Glück und die Guten Pech haben. So kann man seinem Neid freien Lauf lassen und mit dieser Formel alle eigenen Misserfolge und Fehler entschuldigen. ‚Frau Holle‘ unterstützt diese Verhaltensweise, indem es mit den Worten beginnt:

“Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleissig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein.” 24

Wenn in den Medien noch ein Beispiel, wie das von Prinzessin Diana gefunden wird, ist das eigene Denken erst recht bestätigt und das Selbstmitleid geschürt. Diana heiratete als junge und verschüchterte Kindergärtnerin den Thronfolger von England. Alles schien perfekt und die ganze Welt verfolgte deren Traumhochzeit. Die Zeitungen begannen jedoch bald von der Entfremdung zwischen dem vermeintlichen Traumpaar zu berichten und Diana wurde von einer Flut des Mitleids überrollt, als bekannt wurde, wie sehr sie unter der Queen und ihrem Gatten zu leiden hatte und dass sie die Belastung ihrer auferlegten Pflichten in die Bulimie getrieben hatte. Man verzieh ihr sogar ihr Verhältnis zu ihrem Reitlehrer. Nach ihrer Scheidung von Prinz Charles wurde sie immer beliebter, was jedoch zur Folge hatte, dass sie immer mehr von gierigen Fotografen verfolgt wurde, die ihr ganzes Intimleben erforschten und an die Zeitungen verkauften. So auch ihre Beziehung mit einem Millionärssohn, die anscheinend den Anfang von glücklicheren Tagen in Dianas Leben bedeutete. Dieses Leben endete jedoch völlig unverhofft bei einem noch ungeklärten Autounfall nach einer Flucht vor neugierigen Fotografen durch die Strassen von Paris. Die erbarmungslosen Fotografen werden heute als Übeltäter und Mörder dahingestellt, doch kaum jemand, der solche Anschuldigungen vornimmt, denkt daran, dass er selbst diese Fotografen unterstützt, indem er die Boulevardblätter kauft, die solche Spannerfotos abdrucken. Auch trotz dieses Unfalls lechzen die Menschen immer noch nach Bildern, die die Intimsphäre von Prominenten verletzen und machen sich so zu Voyeuren.

2.5.2. Die Ausbeutung anderer


Eine andere Charaktereigenschaft des Menschen, als die Neugierde und der Neid verbunden mit der Benachteiligung der eigenen Person, ist der Egoismus. Man ist oft viel zu sehr um das eigene Fortkommen bedacht und übersieht oft, dass andere dabei stark benachteiligt werden und dabei untergehen. Nur wenige, die sich selbst einmal in der Lage befunden haben, dass auf ihre Kosten ein anderer begünstigt wurde, nehmen Rücksicht. Meist werden die sozial Schwächeren ausgenutzt, was die Menschen, die bereits benachteiligt sind, noch tiefer in ihr Elend stürzt und sie mit der Zeit fast keine Möglichkeit mehr erhalten, sich in eine bessere Position zu bringen. Selbstverständlich kann hier nicht generell über alle Menschen geurteilt werden und es versteht sich auch von selbst, dass in der heutigen Zeit nicht immer mit Nachsicht gehandelt werden kann, da Erfolg so nur äusserst schwer zu erreichen wäre, doch man kann unmöglich bestreiten, dass diese Tendenz nicht besteht. Ein Mittel, um durch andere nach oben zu kommen ist, ihnen falsche Versprechungen zu machen und sich so ihre Unterstützung zu sichern. Wenn sie einem geholfen haben, werden sie jedoch nicht für ihren Aufwand entschädigt. So handelt auch die Prinzessin im Froschkönig, wie die folgenden Zeilen zeigen:

“Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort.
‚Warte, warte‘, rief der Frosch, ‚nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du!‘ Aber was half es ihm, dass er ihr sein ‚Quak, quak‘ so laut nachschrie, wie er nur konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Hause und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste.” 25

Diese Taktik ist solange erfolgreich, wie ein einmal Untergebener auch ein Untergebener bleibt. Doch sobald eine Person, die man einst benutzt hat, plötzlich in der Hierarchie über einem steht, könnte dessen Rache hart ausfallen.

2.5.3. Der Schönheitswahn


Eines der Probleme von Schneewittchens Mutter Richilde ist, dass sie denkt sie sei nur soviel wert, wie sich von anderen geschätzt werde und sie sei das, wie die anderen sie sehen. Das heisst, dass sie völlig von der Meinung ihrer Umwelt abhängig ist und ihr Aussehen die einzige Möglichkeit ist, um Wertschätzung zu erhalten. Daher ist sie auch dem Zwang unterworfen, sich täglich ihrem Spiegel zu präsentieren und ihn zu fragen:

“Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die schönste im ganzen Land?” 26

Als ihr der Spiegel eines Tages nicht mehr die erhoffte Antwort gibt, unternimmt sie alles, um wieder die Schönste zu sein. Dieses Problem betrifft jedoch nicht nur die Märchenkönigin, viele Menschen leiden darunter, dem Schönheitsideal der Medien zu entsprechen, Männer wie Frauen. Gefährlich wird das Modediktat, wenn jemand versucht, eine magere Figur wie das Modell Kate Moss zu erreichen, was zur Magersucht führen kann, so dass er oder sie fast nichts mehr isst und völlig das eigene Körpergefühl verliert. Dies schadet dem Körper enorm, da ihm Vitamine, Mineralstoffe und andere wichtige Nährstoffe vorenthalten werden. Magersucht kann bei zu grossem Körperverlust zum Tod führen, und weil die Betroffenen nicht mehr merken, wie krank sie sind und sich trotz krassem Untergewicht noch zu dick fühlen, ist es schwer, ihnen zu helfen. Es gibt jedoch auch weit weniger gefährliche Auswirkungen des Modediktats. Früher waren es Schnürriemen, die, wie auch bei ‚Schneewittchen‘, so fest angezogen waren, dass die Trägerin das Bewusstsein verliert, heute trägt man Plateau-Schuhe, die durch extrem hohe Absätze und Sohlen das Laufen so stark erschweren, dass sich schon manche einen Fuss gebrochen oder einen Knöchel verstaucht hat. Dieser Schönheitswahn kostet auch Unmengen von Geld, da viele Geschäftsmänner entdeckt haben, dass den Menschen ihr Äusseres viel Wert ist. Überall werden Therapien und Cremen gegen Orangenhaut, neue Wundermittel bei Haarausfall, verschiedene Diäten, Getränke oder Pflaster zur Gewichtsreduktion und vieles mehr angeboten. Leider sind diese oft teuren Waren nur selten ihr Geld wert und nützen kaum etwas. Doch viele Menschen glauben den Versprechungen der skrupellosen Geschäftemacher und zahlen die horrenden Beträge nur für ihr Aussehen. Innere Werte scheinen überhaupt nicht mehr zu zählen.

2.5.4. Die fehlende Vaterfigur


In ‚Schneewittchen‘ wird über den Konflikt zwischen Mutter und Tochter berichtet, über das Leben der Tochter nach der Flucht vor der Mutter und über die endgültige Loslösung von der Mutter. Der Vater wird lediglich in der Textstelle erwähnt:

“Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.
Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig...” 27

Schneewittchen hatte also einen Vater, er hat sich jedoch kaum um seine Tochter gekümmert und spielt anscheinend eine unwichtige Rolle in ihrem Leben. Der Gemahl von Schneewittchen hält bei ihm nicht einmal um ihre Hand an. Dieses Fehlen der Vaterfigur ist ein Problem, das die damalige, wie die heutige Zeit betrifft, es hat hingegen andere Ursachen. Früher sind die Männer in den Krieg gezogen, heute sitzen sie bis spät Abends im Büro. Viele Väter haben einfach keine Zeit mehr, sich ihrer Familie zu widmen, da sie oft Überstunden machen müssen und zu Hause ihre Ruhe wollen, weil sie todmüde sind. Das Wochenende ist die einzige Möglichkeit, etwas mit der Familie zu unternehmen, doch dann möchten sie auch gerne eigenen Hobbys nachgehen. Die Situation, den Vater unter der Woche nicht zu sehen, kennen auch Kinder geschiedener Eltern. Diese “Wochenendväter” lassen vor allem bei kleinen Kindern ein verzerrtes Bild der Vaterfigur entstehen. Seit einer Weile lässt sich die leichte Tendenz beobachten, dass Frauen den Mann nur noch als Samenspender benutzen und ihn an der Erziehung des Kindes nicht mehr teilhaben lassen. Dies ist jedoch noch recht selten. Eine Variante dieser Handlungsweise kann in homosexuellen Beziehungen zwischen Frauen beobachtet werden. Sie wünschen sich ein Kind und suchen sich deshalb einen Bekannten oder einen Freund, der ihnen seine Samenzellen zur Verfügung stellt und so deren Kinderwunsch erfüllt. Die Öffentlichkeit wehrt sich aber gegen diese Familienstruktur, die auch in Beziehungen homosexueller Männer angestrebt wird, in diesem Fall jedoch durch Adoption erreicht werden muss. Die meisten Menschen glauben, dass Kinder, die in homosexuellen Beziehungen aufwachsen, eine falsche Vorstellung eines Vaters oder einer Mutter bekommen. Die Variante, mit der Frauen die Adoption umgehen, kann jedoch nicht verhindert werden und so werden wohl in Zukunft noch viele Kinder in Lesbenbeziehungen aufwachsen, wie auch die Zahl der Scheidungskinder laufend wächst.


2.6. Die Änderung von Märchen


2.6.1. Die mündliche Überlieferung


Ein Kennzeichen von Märchen ist, wie bereits erwähnt wurde, die Tatsache, dass sie mündlich überliefert und erst lange nach ihrer Erfindung und Entstehung aufgeschrieben wurden. Dies hat zwei Auswirkungen auf die Märchen: Zum einen werden die Handlungen nicht immer exakt weitererzählt und verändern sich, zum anderen können Missverständnisse auftreten, wenn die Märchen aufgrund akustischer oder linguistischer Probleme falsch verstanden werden. Auch wenn ähnliche Geschichten auf anderen Grundlagen beruhen, können sie vermischt werden und sich so verändern. Ein extremes Beispiel hierfür ist eine Fassung von ‚Frau Holle‘, die in einer alten Märchensammlung der Brüder Grimm unter dem Namen ‚Murmelthier‘ zu finden ist. Die Geschichte beginnt so:

“eine böse stiefmutter u. ihr garstige Tochter quälen das schöne fromme stiefkind, das sie Murmelthier (liron) nennen u. in der gröbsten Bauernkleidung zu harter Arbeit schicken. ...Sie setzt sich oft an einen Brunnenrand u. singt ihre Lieder. Eines Tages will sie sich das Gesicht im Waßer waschen, verliert so knieend das Gleichgewicht u. fällt hinein. Als sie sich vom Schrecken erholt, befindet sie sich in einer klaren Cristallkugel unter den Händen einer schönen Brunnenfrau, die ihr gar freundlich ist, ihr ein kostbares Kleid anthut u. die Gabe macht, daß so oft sie ihre Haare schüttelt und kämmt, glänzende Blumen heraus fallen sollen.” 28

Murmelthier erhält von der Brunnenfrau noch andere Kostbarkeiten, die ihr helfen, die verschiedensten Abenteuer zu bestehen. Der Teil des Märchen, in dem diese Abenteuer vorkommen, unterscheidet sich jedoch so grundsätzlich von ‚Frau Holle‘, dass keine Gemeinsamkeiten gefunden werden können. So zeigt sich sehr deutlich, wie Märchen in verschiedenen Fassungen erzählt wurden, bevor sie die Brüder Grimm schriftlich festgehalten haben.

2.6.2. Veraltetes Deutsch


Die Märchen der Brüder Grimm weisen ein hohes Alter auf, was sich selbstverständlich auch auf deren Sprache auswirkt, die, wie bereits im Kapitel, das sich mit der Tauglichkeit von Märchen für Kinder auseinandersetzt erwähnt, teilweise veraltet ist. Wer jedoch die eine ursprüngliche Fassung der Märchenbücher der Brüder Grimm durchblättert, wird feststellen, dass das Deutsch nicht nur veraltet ist, sondern heute teilweise total ungebräuchlich ist. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen.:

“Sie erzählt alles, wie es ihr ergangen, wird aber nur ausgescholten und geheißen, dem Vieh Futter zu geben und den stall zu misten.” 29

Heutzutage würde bestimmt niemand mehr “heissen” für “befohlen” verwenden. Das ist durchaus ein Problem, das zu Missverständnissen führen kann.

2.6.3. Die bösen Stiefmütter


Es ist auffällig, dass in vielen Märchen eine Stiefmutter vorkommt, die den Part des Bösen übernehmen muss. Dabei stellt sich die Frage, ob das immer so war und weshalb das so ist. Auch Schneewittchen hat unter der Boshaftigkeit ihrer Stiefmutter zu leiden, doch auch hier besteht eine Fassung, in der nicht die Stief- sondern die leibliche Mutter aus Eifersucht ihr Kind töten will, und genau diesem Umstand liegt die vorangegangene Analyse von ‚Schneewittchen‘ zugrunde. In dieser Fassung wird die Zeitspanne zwischen Schneewittchens Geburt und der schrecklichen Offenbarung des Spiegels wie folgt beschrieben:

“Bald darnach bekam sie ein wunderschönes Töchterlein, so weiss wie Schnee, so roth wie Blut, so schwarz wie Eben u. das Töchterlein wurde Schneeweisschen genannt. Die Frau Königin war die allerschönste Frau im Land, aber Schneeweisschen war noch hunderttausendmal schöner u. als die Frau Königin ihren Spiegel fragte: ...” 30

So werden durch die Änderungen von bösen Müttern in böse Stiefmütter die Mütter geschützt. Denn Kinder könnten plötzlich Angst bekommen, wenn die eigene Mutter ihrem Kind etwas Gemeines antut. An die Stiefmütter wird jedoch nicht gedacht, so hat sich sicher schon manche Stiefmutter über diesen Umstand aufgeregt und er hat sie wohl auch traurig gestimmt.


2.7. Exkurs: Sagen


2.7.1. Der historische Kern


Jede Sage enthält einen sogenannten historischen Kern. So wird in Sagen eine wahre Begebenheit erzählt, die jedoch mit frei erfundenen Aspekten ausgeschmückt und ergänzt wird. Der Bergsturz, bei dem ein Teil der liechtensteiner Gebirge ins Tal krachten und die Landschaft stark veränderten, ist in einer Sage mit dem Namen ‚Der Untergang von Trisona‘ festgehalten:

“Das Weib kniete im Kirchlein nieder und betete, als ein furchtbares Getöse sie aufschreckte. Sie trat unter die Türe und sah zu ihrem Entsetzen das ganze Trisona durch eine Rüfe überschüttet.” 31

Dieser Bergsturz hat sich tatsächlich zugetragen, jedoch tausende von Jahren, bevor die St. Mamerten-Kapelle gebaut wurde, in der die Frau gebetet haben soll.

2.7.2. Die Personen, deren Herkunft und der Handlungsort


‚Der Untergang von Trisona‘ beginnt mit den Worten:

“Das Dorf Triesen war einst eine schöne Stadt und hiess Trisona.” 32

Der Ort ist hier also ganz klar bekannt. Auch sind Personen und deren Herkunft, die in den Sagen genannt werden, oft historisch belegt. Das macht die Sage zum einen glaubwürdiger und zum anderen sind diese Angaben oft ein wichtiger Bestandteil der Handlung. Dies ist ein grosser Unterschied zu den Märchen, da dort selten Namen genannt werden, welche nicht belegt werden können.

2.7.3. Die mündliche Überlieferung


Ein Punkt, in dem Märchen und Sagen übereinstimmen, ist die mündliche Überlieferung. Diese Verbreitungs-weise der Sagen ist den liechtensteiner Sagen bis zum Jahr 1912 eigen gewesen. Denn in diesem Jahr erschien die erste Sagen-Sammlung, die auch Erzählgut aus Liechtenstein enthielt, erst im Jahr 1948 wurde das erste liechtensteinische Sagenbuch veröffentlicht. Otto Seger, Autor von ‚Sage aus Liechtenstein‘, schreibt in dessen Vorwort folgendes über die Auswirkungen der mündlichen Überlieferung:

“Es gehört zum Wesen der Sage, dass sie wandert, über Raum und Zeit. ... Bei näherer Betrachtung ist ... festzustellen, dass die meisten unserer liechtensteinischen Überlieferungen sich im Kreis des alemannischen Stammes einordnen lassen, dem wir angehören. ... Wie alt einzelne Motive sind, konnte ich daraus erkennen, dass auf dem Triesenberg Erzählungen vorkommen, die auf den Kanton Wallis hinweisen, von dem aus unsere Triesenberger Walser um das Jahr 1300 eingewandert sind.” 33

So können das Alter und die Herkunft der Sagen bestimmt werden, was teilweise interessante Zusammenhänge aufweisen kann.

2.7.4. Der Inhalt von Sagen


Das Verzeichnis der Sagen in ‚Sagen aus Liechtenstein‘ ist in folgende neun Kapitel unterteilt:

  • “Von Drachen und vom Teufel, von Riesen und von Zwergen
  • Untat und Strafe
  • Von Schätzen und Schatzsuchern
  • Hexenzeit und Hexenwerk
  • Schrättlig und Doggi
  • Das Nachtvolk
  • Im Reiche der Geister
  • Verschiedenes
  • Nachklang der Geschichte” 34

Diese Übersicht macht dem Leser schnell klar, was der Inhalt von Sagen ist. Es wird von wunderbaren und gruseligen Begebenheiten und von aussergewöhnlichen Ereignissen berichtet. Deshalb sind Sagen ganz sicher nicht als Bettgeschichten, sondern eher als Schauergeschichten, die erzählt werden um Kinder zu erschrecken, geeignet. Die Sagen sind spannend und sind deshalb auch für Jugendliche interessant, was für Märchen eher nicht zutrifft.

2.7.5. Die Ausgestaltung von Sagen


Wie bereits erwähnt, haben Sagen zwar ein Körnchen Wahrheit in sich, können durch den Erzähler jedoch ganz nach eigenem Geschmack ausgeschmückt werden. Der Erzähler kann seiner Phantasie freien Lauf lassen und kann seine eigenen Interpretationen und Glaubensgesichtspunkte einbringen. So würde beispielsweise die Sage ‚Die Hexe im Butterkübel‘ heute ganz sicher anders lauten. In dieser Fassung ist sie niedergeschrieben:

“Ein Schaaner zog den Butterkübel, aber unmöglich wollte es schmalzen. Da ging der Mann und steckte zwei glühende eiserne Bundhaken in den Kübel, und alsbald gab es Schmalz in Hülle und Fülle.
Es dauerte nicht lange, so kam zu dem Manne ein Nachbarsweib, die ihn um etwas Rahm anbettelte; sie habe sich beide Hände verbrannt und möchte mit dem Rahm dem Brand löschen. Der Mann aber, nicht faul, jagte sie zur Tür hinaus. Die Nachbarin war eine Hexe.” 35

Damals zweifelte bestimmt niemand an der Behauptung, dass sie eine Hexe sei, ein Zufall wurde sicherlich ausgeschlossen. Doch heute würde vielleicht von einer chemischen Reaktion die Rede sein, niemand würde die Nachbarin als eine Hexe bezeichnen. Erst die mündliche Überlieferung ermöglicht diese Ausgestaltung der Sagen.

2.7.6. Das Ende von Sagen


Die letzten Zeilen der Sage von ‚Die Hexe im Butterkübel‘ sind recht traurig, andere Sagen enden ähnlich pessimistisch. Das macht Sagen jedoch weit realistischer als Märchen, denn das glückliche Ende ist sicher erfreulich, entspricht dem wirklichen Leben aber leider nur selten. Auch die Brutalität von Sagen, die auch teilweise in Märchen vorhanden ist, lässt die Sagen wirklicher erscheinen, was ja auch nötig ist, wenn man die Themen von Sagen betrachtet. Den Grund, warum Märchen meist ein positives Ende haben, muss man in der Zeitgeschichte suchen. Märchen kommen aus der Romantik und die Romantik war optimistisch geprägt, was auch die Märchen beeinflusste.


3. Schlussgedanken



Bereits im Hauptteil ist eindeutig klar geworden, dass in Märchen Probleme, wie das Unglück des Guten, die Ausbeutung anderer Menschen, der fanatische Wunsch der oder die Schönste zu sein oder das Problem, wenn Kinder ohne Vater aufwachsen, aufgezeigt werden, die in der damaligen Zeit, wie auch heute aktuell sind, obwohl diese Probleme damals andere Ursachen hatten. Ein weiteres Beispiel, das hier noch nicht diskutiert wurde, ist in ‚Schneewittchen‘ zu finden. Schneewittchens Aufgabe, mit der sie geboren wird, ist das zu vereinen, was in ihrer Mutter so grosse Widersprüche auslöst. Allgemein ausgedrückt, soll das Kind das erreichen, was die Eltern nie geschafft haben. Viele Eltern erwarten dies auch heute noch von ihren Kindern, doch das setzt als erstes voraus, dass das Kind die selben Interessen hat wie seine Eltern. Das ist oft schon die entscheidende Schwierigkeit, eine andere entsteht, wenn sich das Kind überfordert fühlt, seine Eltern jedoch nicht enttäuschen möchte und so stark unter Druck gerät, was sich wieder hinderlich auf die Leistung auswirken kann. Die Eltern sehen das Dilemma ihres Kindes oft gar nicht, meinen es eigentlich gut und würden sich schwere Vorwürfe machen, wenn sie die Problematik erkennen würden. Wenn die Töchter oder Söhne jedoch aufbegehren gegen den elterlichen Wunsch, können die Eltern dies nicht begreifen. So zerstört ein ganz aktuelles Problem bereits zu Schneewittchens Zeit die Grundlage, ein gutes Verhältnis zur Mutter aufzubauen.

Dieser Bezug hat sicherlich auch zur Grundlage, dass sich die Märchen bereits vor ihrer Niederschrift und auch danach immer wieder leicht gewandelt haben. Ein Grund hierfür ist, dass sich das Leben und die Moralvorstellungen immer wieder geändert haben. Es sind einige alte Fassungen zu finden, die sich mit den heutigen decken, andere hingegen sind völlig verschieden. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist ‚Murmelthier‘, das nur am Anfang dem heutigen ‚Frau Holle‘ gleicht, gegen Ende hin sich jedoch immer weiter davon entfernt. Um verschiedene Fassungen von Märchen zu finden, kann man auch in anderen Büchern, aus anderen Länder wie dem Pentamerone suchen. Die Sprache ist das Element, das wohl am aufwendigsten angepasst wurde. Aus ‚Sneewittchen‘ wurde beispielsweise ‚Schneewittchen‘. So ist es recht interessant in alten Büchern zu schmökern, weil man dort immer wieder Neues entdeckt.

Um sich nochmals mit der Frage zu beschäftigen, ob es sich bei Märchen um geeignete Kinderliteratur handelt, kann man abschliessend zusammenfassen, dass Märchen für Kinder geeignet sind. Es sprechen sehr viele Argumente, wie das Anregen der Phantasie, die interessante Sprache, der lehrreiche Charakter und die Förderung der Familie durch das Vorlesen dafür. Die Brutalität, oft der einzige Einwand von Gegnern der Märchen, kann abgeschwächt werden. Zum einen kann man mit den Kleinen über die gewalttätigen Elemente während oder nach dem Vorlesen reden, zum anderen sind Märchen erfundene Geschichten, was jedes Kind weiss und auch einleuchtet. Bestimmt ist es nicht empfehlenswert, die Märchen vor dem zu Bett gehen vorzulesen, an einem gemütlichen Nachmittag zu Hause, der genügend Zeit bietet, das Gehörte zu erklären, sind sie jedoch unbedenklich.

Sagen werden oft mit Märchen in einem Zuge erwähnt, es ist nun jedoch klar geworden, dass es neben den Gemeinsamkeit auch grosse Unterschiede gibt. Sie können als interessante Geschichten über ein Land betrachtet werden, man kann sie jedoch, wie Märchen auch, als Kindereien abtun und nicht ernst nehmen, was jedoch sehr schade wäre, da beispielsweise die liechtensteinischen Sagen schönes Erzählgut sind und den Jugendlichen auch viel aus früheren Zeiten gezeigt werden. Als Bettgeschichten für kleine Kinder sind sie jedoch ungeeignet, da sie brutal und teilweise äusserst gruselig sind.

Bei der Lektüre der tiefenpsychologischen Analyse von ‚Schneewittchen‘ kann man sich die Frage stellen, ob solche Analysen überhaupt sinnvoll sind. Eines ist sicher, diese Analysen sind interessant für diejenigen, die nicht alles gedankenlos hinnehmen, sondern die Dinge des Lebens hinterfragen. Für die meisten ist es bestimmt neu, dass man in einem Märchen, das man schon von Kindheit an kennt, so viele tiefgründige Erkenntnisse gewinnen kann. So ausführliche Untersuchungen wie sie in dieser Arbeit von ‚Schneewittchen‘ zu finden sind, können nur von Psychologen erstellt werden. Für einen Laien ist es unmöglich, so tief in ein Märchen vorzudringen. Doch was jeder Mensch tun kann, ist ein Märchen nicht einfach zu lesen und wieder zu vergessen, sondern darüber nachzusinnen, wo der Sinn und die Quintessenz dieser Geschichte liegt. Zu viele Menschen lassen einfach die Vorurteile gelten, die an den Märchen haften und überlegen überhaupt nicht, dass man auch in einfachen Dingen wertvolle Inhalte finden kann.

Die ‚Kinder- und Hausmärchen‘ der Brüder Wilhelm und Jacob Grimm sind das meistübersetzte Buch deutscher Sprache! Deshalb kann man sagen, dass der Erfolg den ‚Kinder- und Hausmärchen‘ recht gibt. Sie werden seit vielen Jahren gelesen und sind überall äusserst bekannt. Das weist auch darauf hin, dass Märchen nicht nur von Kindern gelesen werden, obwohl Kinder sicherlich die grösste Zielgruppe darstellen. Diverse Vorträge über Märchen, Ende 1997 hat Eugen Drewermann in Balzers ein Referat über ‚Schneewittchen‘ gehalten, das sich regem Zustrom erfreute, bezeugen, dass sich viele Erwachsene für diese Literaturgattung interessieren. Denn Märchen zeigen alte Lebensweisen auf, und dies ist nicht der einzige Grund, warum sie es verdienen, erhalten zu werden.

4. Anmerkungen


1 Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. München (Artemis Verlag) 1985, S.9

2 a.a.O., S.14

3 a.a.O., S.31

4 a.a.O., S.72

5 Drewermann, Eugen: Schneewittchen Nr. 53 aus der Grimmschen Sammlung. Zürich und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1997,S.7

6 a.a.O., S.9

7 a.a.O., S.7

8 a.a.O., S.7

9 a.a.O., S.11

10 a.a.O., S.11

11 Drewermann, Eugen, Neuhaus, Ingritt: Frau Holle Nr. 24 aus der Grimmschen Sammlung. Solothurn und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1994, S.27

12 a.a.O., S.7

13 a.a.O., S.10

14 a.a.O., S.41

15 a.a.O., S.40

16 Grimm, Brüder, Hecke, Dr. Hans [Bearbeitung]: Kinder- und Hausmärchen. Wien und Heidelberg (Verlag Carl Ueberreuter) o. J., S.10

17 a.a.O., S. 8

18 e.b.d.
19 Grimm, Brüder, Hecke, Dr. Hans [Bearbeitung]: Kinder- und Hausmärchen. Wien und Heidelberg (Verlag Carl Ueberreuter) o. J., S.9

20 a.a.O., S.11

21 Drewermann, Eugen: Schneewittchen Nr. 53 aus der Grimmschen Sammlung. Zürich und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1997, S.12

22 Drewermann, Eugen, Neuhaus, Ingritt: Frau Holle Nr. 24 aus der Grimmschen Sammlung. Solothurn und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1994, S.14

23 Drewermann, Eugen: Schneewittchen Nr. 53 aus der Grimmschen Sammlung. Zürich und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1997, S.9

24 Drewermann, Eugen, Neuhaus, Ingritt: Frau Holle Nr. 24 aus der Grimmschen Sammlung. Solothurn und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1994, S.7

25 Grimm, Brüder, Hecke, Dr. Hans [Bearbeitung]: Kinder- und Hausmärchen. Wien und Heidelberg (Verlag Carl Ueberreuter) o. J., S.9

26 Drewermann, Eugen: Schneewittchen Nr. 53 aus der Grimmschen Sammlung. Zürich und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1997, S.7

27 e.b.d.

28 Rölleke, Heinz: Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Cologny und Genf (Fondation Martin Bodmer) 1975, S.208

29 e.b.d.

30 a.a.O., S.244

31 Seger, Otto [Hrsg.]: Sagen aus Liechtenstein. Nendeln (Kraus – Thomson Organisation Limited) 1980, S.16

32 e.b.d.

33 a.a.O., S.5

34 a.a.O., S.171-175

35 a.a.O., S.51

5. Verzeichnis der benützten Literatur



5.1. Primärliteratur


  • Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. München (Artemis Verlag) 1985.

  • Drewermann, Eugen: Schneewittchen Nr. 53 aus der Grimmschen Sammlung. Zürich und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1997.

  • Drewermann, Eugen, Neuhaus, Ingritt: Frau Holle Nr. 24 aus der Grimmschen Sammlung. Solothurn und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1994.

  • Grimm, Brüder, Hecke, Dr. Hans [Bearbeitung]: Kinder- und Hausmärchen. Wien und Heidelberg (Verlag Carl Ueberreuter) o. J..

  • Rölleke, Heinz: Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Cologny und Genf (Fondation Martin Bodmer) 1975.

  • Seger, Otto [Hrsg.]: Sagen aus Liechtenstein. Nendeln (Kraus – Thomson Organisation Limited) 1980.


5.2. Sekundärliteratur


  • Drewermann, Eugen: Schneewittchen Nr. 53 aus der Grimmschen Sammlung. Zürich und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1997.

  • Drewermann, Eugen, Neuhaus, Ingritt: Frau Holle Nr. 24 aus der Grimmschen Sammlung. Solothurn und Düsseldorf (Walter-Verlag) 1994.

6. Eidesstattliche Erklärung



Ich erkläre, dass ich die Facharbeit selbständig angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Hilfsmittel benützt habe.


Vaduz, den 15.März 1998


Yvonne Gassner












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