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Zweig, Stefan: Angst (Fritz Wagners Vergeltungsakt
Hausaufgabe im Fach Deutsch
Themenstellung: 30. März 2000
Aufsatzabgabe: 13. April 2000
Literarische Erörterung
Thema IV
Fritz Wagners Vergeltungsaktion –
Motive für sein Handeln und Bewertung seiner Vorgehensweise in Stefan
Zweigs Novelle „Angst“
NOTE: 2
LEHRKRAFT: E. HUBER
GYMNASIUM PARSBERG
Gliederung
I. Stefan Zweigs Werk „Angst“ – geprägt durch seine
Bekanntschaft mit Sigmund Freud
II. Analyse von Fritz Wagners Motiven sowie seines Vorgehens
1. Sein streng strukturiertes Vorgehen im Kampf um Irene
- Die Erpressung als Druckmittel
- Zunehmende Entdeckungsgefahr der Erpressung durch Annäherung an das
Wohnhaus Irene Wagners
- Schnelle, schrittweise Steigerung der Geldsumme sowie Akzeptanz von
Sachgütern als Bezahlung
- Die psychologische Komponente in seinem
Vorgehen
2.2.1. Fritz Wagner befragt seine Frau
eindringlichst über das aus, was mit ihr geschieht
- Im Gegensatz dazu: Er versucht seiner Frau
verständnisvoll gegenüberzutreten, um ihr ein
Geständnis zu erleichtern
2. Die Motive für seine Vergeltungsaktion
1.1. Familiäre und gesellschaftliche Gründe
für seine Tat
1.1.1. Er wünscht, dass Irene sich wieder ihren häuslichen
Pflichten widmet
- Fritz will seine Frau zurückgewinnen, da die Kinder ihrer bedürfen
- Egoistische Einflüsse auf die Ausführung seines
Planes
1.2.1. Fritz trachtet danach, ihr
Schuldgeständnis zu hören
1.2.2. Er liebt seine Frau immer noch, und kann deshalb die Fortsetzung
der Affäre nicht dulden
3. Zutreffen des Begriffes „Vergeltungsaktion aufgrund von:
3.1. Fritz Wagner nimmt Schäden in der Psyche seiner Frau in
Kauf
- Er verstößt gegen das Gesetz um seine Frau
zurückzugewinnen
III. „Angst“ – ein Beispiel für die Revolution der
Bücher
- Der 1881 in Wien geborene Autor Stefan Zweig schildert in seiner 1910
entstandenen Novelle „Angst“ die Geschichte der Ehebrecherin Irene
Wagner und ihres Ehepartners Fritz. Trotz der Zuneigung zu ihrem Mann
unterhält sie eine außereheliche Beziehung zu einem Künstler.
Fritz will dem nicht tatenlos zusehen, er inszeniert eine Erpressung, die ich in
der Analyse als „Vergeltungsaktion“ bezeichnen werde. Durch diese
wohlüberlegten Intrigen versucht er mit allen ihm zur Verfügung
stehenden Mitteln, seine Frau zurückzugewinnen. Das Werk schildert in
eindringlicher Weise die verschiedensten Angstzustände Irenes und hat somit
einen psychologischen Tiefgang, der für die Entstehungszeit selten ist.
Dies ist wohl zu einem großen Teil auf die Freundschaft Zweigs mit dem
bekannten Psychoanalytiker Sigmund Freud zurückzuführen, denn erst
dessen Erkenntnisse im Bereich der Psychoanalyse machten die Beschreibung
unterbewusster Vorgänge möglich. Somit lieferte Freud erst den
psychologischen Hintergrund für diese Erzählung. Hier wirft sich die
Frage auf, welche Beweggründe Fritz Wagner zu seinem Handeln verleiten und
wie diese Vorgehensweise zu bewerten ist.
II. Das Beantworten dieser Frage ist Gegenstand meiner
Abhandlung.
1. Zuerst möchte ich Fritz Wagners Vorgehen bei der Durchführung
dieser „Vergeltungsaktion“ behandeln.
1.1. Sein Handeln lässt sich wiederum in zwei Kategorien einteilen,
wobei ich mit der Erpressung seiner Frau, einem starken Druckmittel, beginnen
möchte. Dies ist zum einen durchaus verständlich, da er seine Frau
nicht verlieren möchte, aber zum anderen sehr fragwürdig, da er als
Rechtsanwalt und somit als Rechtskundiger eigentlich gesetzestreu sein sollte.
Es ist umso mehr zu verurteilen, da er eine dritte Person, die Schauspielerin,
zu einem Verbrechen anstiftet.
1.1.1. Auffallend ist hier, dass die Schauplätze des Zusammentreffens
von Irene und der „Erpresserin“ immer näher an das Wohnhaus der
Wagners heranrücken. Das was in einem neutralen Hausflur begann, findet
seinen Höhepunkt in der Wohnung der Wagners. Durch diese Steigerung der
Entdeckungsgefahr wird Irene einem immensen psychischen Druck ausgesetzt, der
dazu dienen soll ihr Geständnis zu provozieren. Dies entbehrt nicht einer
gewissen Ironie, denn Frau Wagner fürchtet die Entdeckung, sie ist sogar
bereit die „Erpresserin“ zu protegieren, ohne jedoch zu ahnen, dass
diese Aktion von ihrem eigenen Mann initiiert wurde. Fritz Wagner inszeniert
diese Erpressung nur zu dem Zweck, die psychische Gegenwehr seiner Frau zu
durchbrechen, um ihr Geständnis zu hören. Er rechnet jedoch nicht
damit, dass dieser Druck zu einem Selbstmordversuch seiner Frau führen
könnte.
1.1.2. Eine weitere Steigerung der Brisanz findet bei den Erpressungssummen
statt.
„[...]einer vagen Eingebung gehorchend, [griff Irene] in ihr
Portemonnaie und faßte, was ihr gerade an Banknoten in die Hand
kam.“ (S. 5) Der Geldbetrag erhöht sich im Laufe der Erzählung,
bis sich Irene schließlich gezwungen sieht, ihren Ring zu verpfänden:
„Ohne erst zu überlegen, riß sie sich den Ring vom Finger und
streckte ihn der Wartenden hin[...]“ (S. 44). Sie ahnt nicht, dass all
dies auf Geheiß ihres Mannes geschieht, sieht für sich keinen Ausweg
mehr und fasst schließlich den Entschluss Selbstmord zu begehen. Fritz
Wagner will mit dieser Erpressung seine Frau auf den rechten Weg zurück
zwingen, für ihn stellt die Bezahlung mit dem Ring das Ende des
Seitensprungs dar. Er glaubt, seine Frau würde auf Grund dieses finalen
Schrittes die Beziehung abbrechen, denn der Preis der ihre Ehe symbolisiert, war
zu hoch.
1.2. Die zweite Kategorie, in welche sich Fritz Wagners Handeln einteilen
lässt, ist diejenige, welche seine psychologischen Maßnahmen
beschreibt. Ihr Einsatz ist äußerst verantwortungslos, da er als
Rechtsanwalt keine oder keine ausreichende psychologische Ausbildung erfahren
hat. Er nimmt also in Kauf, irreparable Schäden an der Psyche seiner Frau
anzurichten, und ihr Urvertrauen zu vernichten.
1.2.1. Er versagt seiner Frau seine Unterstützung in dieser für
sie sehr schwierigen Lage, er führt sogar verhörähnliche
Gespräche mit ihr, in welchen er durchklingen lässt, dass er ihr
Geständnis fordert: „ [...] ein Zittern um [...die] Nasenflügel
[...], das bei ihm immer Zorn verriet. Ruhig blickte er jetzt herüber;
„Ich will dich nur aufmerksam machen, daß du nicht verpflichtet
bist, mir deine Briefe zu zeigen. Wenn du es wünscht, Geheimnisse vor mir
zu haben, so steht dir das vollkommen frei.““ (S. 30) Diese
Sätze enthalten eine unterschwellige Drohung und eine kaum verhohlene
Aufforderung zum Gehorsam gegenüber ihrem Mann. Dieses Mittel benutzt
Fritz, um seiner Frau jeden Rückhalt in der Familie zu entziehen und sie so
in einen Zustand der geistigen Labilität zu versetzen, in welchem sie dann
ihren Widerstand aufgibt und ihm ihre Affäre gesteht. Er rechnet nicht
damit, dass Irene diesem Druck standhalten könnte und sieht sich somit
gezwungen, seine „Vergeltungsaktion“ fortzuführen.
1.2.2. Ganz im Gegensatz dazu steht sein verständnisvolles Verhalten,
welches er oft nach diesen psychologischen Angriffen an den Tag legt. „Die
drohende Strenge jener ersten inquisitorischen Tage war bei ihm einer eigenen
Art von Güte und Besorgtheit gewichen, [...]“. Dies ist genau das
selbe Verhaltensschema, welches er bei der improvisierten Gerichts-verhandlung
mit seiner Tochter anwendet. (s. S. 35 ff) Er stellt gegenüber dem
Angeklagten, also seiner Frau, den strengen unbeugsamen Richter dar. Sobald sich
Irene in sich selbst zurückziehen will, ändert er seine Taktik und
gibt sich verständnisvoll um ihr Vertrauen zu erlangen und um sie somit zu
verleiten, ihre Affäre zu gestehen. Dieses Vorgehen ist recht geschickt,
dennoch erreicht er das gewünschte Geständnis nicht.
2. Im Folgenden widme ich mich dem Aspekt der Motive, welche Fritz Wagner
zu dieser ungewöhnlichen „Vergeltungsaktion“ verleitet haben.
- An wohl erster Stelle steht die Beeinflussung durch gesellschaftliche und
familiäre
Zwänge, denen der Ehemann entsprechen muss.
2.1.1. Als einen Grund für seine Tat führt er die Notwendigkeit
an, seine Frau zurück zu ihren „Pflichten“ als Ehefrau und
Mutter (S. 56) zu rufen. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Rechte
der Frau noch beschnitten und ihr Aufgabenbereich auf den heimischen Bereich
beschränkt war, galt es als unschicklich, seiner Ehepartnerin ein Leben
außerhalb der bestehenden Normen zu erlauben. Da Fritz zudem noch als
bekannter Anwalt der bürgerlichen Oberschicht angehört, kann er die
Eskapaden seiner Frau erst recht nicht dulden, es sei denn, er wolle einen
Ansehensverlust in Kauf nehmen.
2.1.2. Ein weiteres, ebenfalls nicht zu unterschätzendes Motiv ist die
Erziehung der Kinder, die einer Mutter bedürfen. Er versucht sich im
klärenden Gespräch gegen Ende des Buches zu rechtfertigen, indem er
die Kinder anführt: „[...]nur wegen der Kinder, weißt du, wegen
der Kinder mußte ich dich doch zwingen...[...]“ (S. 56). Dies zeigt
Fritz Wagner als einen Mann, dem die Zukunft seiner Familie und vor allem seiner
Kinder sehr wichtig und dem es deshalb unmöglich ist, diese ohne Mutter
aufwachsen zu lassen. Dies beweist, dass der Aspekt der Kindeserziehung zu
seiner Entscheidung, diese „Vergeltungsaktion“ durchzuführen,
beigetragen hat.
2.2. Doch Herr Wagner wird nicht nur durch diese, für einen Vater
natürliche Motive geleitet, bei ihm spielen auch egoistische Faktoren eine
Rolle.
2.2.1. Fritz Wagners Liebe zu „psychologischen
Spürjagd[en]“ ( S. 29) nimmt beinahe fanatische Züge an, die in
mehreren Versuchen Irenes Geständnis zu erringen, gipfeln.
„Da traf sie sein Blick, in dem eine Gier war, nach dem
Geständnis, nach irgend etwas von ihrem Wesen, eine glühende
Ungeduld,[...]“ (S. 40) Dies zeigt sein Verlangen nach Irenes
persönlichem Geständnis, welches diese aber nicht ablegt. Aus diesem
beständigen Schweigen folgt eine Eskalation der ganzen Situation, was
beinahe Irenes Selbstmord zur Folge gehabt hätte. Dies zeigt, dass Fritz
wegen seiner Vorliebe zu psychologischen Spürjagden, in äußerst
leichtsinniger Weise das Leben Irenes riskiert .
- Doch auch seine Liebe zu ihr, die trotz ihres Seitensprungs fortdauert, ist
ein deutlicher Indikator für den Anteil an Egoismus an seiner
„Vergeltungsaktion“. Er spricht davon, dass er sie zurückwolle
und dass jetzt, nachdem die Beziehungskrise überstanden wäre, alles
wieder gut sei. (S. 56) Diese egoistische Reaktion ist durchaus
verständlich, denn Fritz, der seine Frau immer noch liebt, kann nicht
ertragen, dass sie ihn mit einem anderen Mann betrügt, da dies vor allem
seinem Selbstwertgefühl schadet. Daraus lässt sich erschließen,
dass dieser extreme Rückgewinnungsversuch in seinen Augen die einzige
logische Möglichkeit war.
- In meiner abschließenden Wertung möchte ich noch einmal
hervorheben, dass der Begriff „Vergeltungsaktion“ durchaus
zutreffend ist, denn um nichts anderes handelt es sich.
- Fritz Wagner zieht eine äußerst fragwürdige Intrige gegen
seine Frau einem klärenden Gespräch vor. Seine Besessenheit ein
Geständnis seiner Frau zu erreichen, treibt diese fast in den Selbstmord.
Diese Obsession ist umso verwunderlicher, da Fritz glaubt im Feld der
Psychologie zumindest gewisse Fähigkeiten zu haben. Gerade als Kenner der
Psychologie sollte er es besser als manch anderer wissen, welche Gefahren die
Manipulation der menschlichen Psyche in sich birgt.
- Auch sein Einsatz rechtswidriger Mittel, die Anstiftung zur Erpressung, ist
zutiefst zu verurteilen.
Sein extrem pervertierter Versuch seine
Eheprobleme zu lösen kann nur als Vergeltungsaktion bezeichnet werden, das
Vertrauen seiner Frau in ihn wird dadurch sicher erschüttert werden.
III. Stefan Zweig hat mit seiner Novelle „Angst“ ein Werk
geschaffen, das Leser aller Altersschichten zu fesseln vermag. Das Thema des
Buches hat auch heute noch nichts von seiner Brisanz eingebüßt. Er
verknüpft Charaktere und Handlung seiner Novelle mit Spannung und
psychologischem Tiefgang. Das Buch weist auf die Gefahr hin, wie leicht eine
scheinbar logische Maßnahme zur Rettung der Ehe eskalieren und sich somit
in eine lebensbedrohende Situation wandeln kann. Das offene Ende, die
Ungewissheit über den Fortgang der Geschichte, veranlasst den Leser
über das Buch nachzudenken und selbst nach Lösungen zu suchen. Somit
werden Parallelen zwischen Fiktion und Realität gezogen, welche als
Lebenshilfen dienen können.
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LITERATURVERZEICHNIS:
Rahe, Sebastian : Biographie Stefan Zweigs, Vorgelegt im
Referat
Schuljahr : 1996/ 97
Klasse 10a
Zweig, Stefan: „Angst“ , Nachwort, Stuttgart 1957
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