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Cassandre, A. Mouron
A.M. Cassandre,mit bürgerlichen Namen Adolphe Mouron wurde am 24.
Januar 1901 in Charkow in der Ukraine geboren. Als
jüngstes von fünf Kindern wuchs er in einer wohlhabenden Familie
auf. Sein Vater, Georges Mouron, der ein erfolgreicher
Geschäftsmann war und ursprünglich aus Libourne in Frankreich
stammte, ermöglichte ihm, sowie seinen anderen vier Kindern,
eine ausgezeichnete Ausbildung. So schickte er seinen Sohn schon in
frühster Jugend nach Paris wo er zur Schule ging, so daß
er lediglich in den Ferien bei seinen Eltern in Charkow war. Während
des 1. Weltkriegs beschloß die Familie, aufgrund der
schlechten wirtschaftlichen Situation in Rußland, wieder nach
Frankreich über zu siedeln. Im Jahr 1917 waren schließlich
alle
Verbindungen in die Ukraine getrennt, im selben Jahr machte Adolphe Mouron,
von allen meist nur mit Dola gerufen, sein Abitur
mit Auszeichnung am Lycée Condorect in Paris. Das war der Zeitpunkt
an dem er beschloß, sein zukünftiges Leben der Malerei
zu widmen. Zuerst studierte er bei dem Maler Lucien Simon, dann in
verschiedenen Ateliers am Montparnasse, an der Akademie
Julian und an der berühmten Malschule La grand Chaumière. Sehr
bald aber schon merkte Adolphe Mouron sein Interesse für die
Plakatmalerei, wohl auch weil er so eine Möglichkeit sah, seine
finanzielle Situation zu verbessern. Bereits 1919 gewinnt er den
dritten Platz bei einem Plakatwettbewerb der von Michelin ausgeschrieben
war. Dieser Erfolg war nicht ohne Auswirkungen auf
seine spätere Karriere, Adolphe Mouron beschloß sich nun
ausschließlich der Plakatmalerei zu widmen. Zu diesem Zeitpunkt
nannte er sich auf Raten eines Freundes in A.M. Cassandre um, um seinen
richtigen, bürgerlichen Namen zu wahren für den Tag,
an dem er mit seiner wahren Leidenschaft, der Malerei, Anerkennung finden
würde. Nach einer Menge von Rückschlägen von
denen Cassandre sich aber nicht entmutigen läßt, gelingt es ihm
nach über drei Jahren, endlich sein erstes Plakat zu
veröffentlichen. Der Auftraggeber war eine französische
Nudelfabrik, Pâtes Garres, die ihn weiterempfiehlt an andere
Unternehmen, so daß Cassandre nun auch langsam die nötigen
Kontakte knüpfen konnte.
Ein Jahr später jedoch mußte er keine Beziehungen mehr pflegen.
Sein 1923 entstandenes Plakat "Au Boucheron" das er für das
große Pariser Möbelhaus Hachard & Cie.gestaltet, wird als
Monumentaldruck in ganz Paris ausgehängt. Das Plakat erregt
großes Aufsehen und macht ihn auf einen Schlag berümt. Zwei
Jahre später wird er sogar den Großen Preis der "Exposition
Internationale des Arts Décoratifs" für diese Arbeit
erhalten.
Die nächsten vier Jahre arbeitet Cassandre exklusiv für Hachard
& Cie. 1924 heiratet er seine erste Frau Madelaine Cauvet, mit
der er 1925 nach Versailles zieht wo er sich ein Haus gebaut hat. Im Jahre
1929 schafft sich Cassandre auch international
Anerkennung durch seine erste selbst entworfene und für die Werbung
bestimmte Schrift:"BIFUR". Die Schrift wird von Deberny &
Peignot für den Bleisatz gegossen und erste ausländische
Agenturen aus Großbritanien und den Niederlanden zeigen ihr
Interesse an dem französischen Typografen. Ein Jahr später
veröffentlicht Derberny & Peignot die zweite von Cassandre
gestaltete Schrift, die "ACIER". Im gleichen Jahr noch gründet Maurice
Moyrand die Alliance Graphique L. C. Loupot-Cassandre.
Die beiden großen Plakatkünstler stellen zusammen in der Galerie
Pleyel aus. 1935 übernimmt Cassandre die Leitung der
Alliance Graphique, beginnt zu unterrichten an der Ecole des Arts Graphique
und feiert außerdem sein Debüt als Bühnenbildner.
Inzwischen arbeitet er auch für italienische und schweizer
Auftraggeber, verbringt viel Zeit in New York, wo im Januar 1936 eine
Retrospektivausstellung seiner Plakate im Museum of Modern Art gezeigt
wird. Dem Großteil seiner Arbeiten, bzw. Entwürfe
allerdings wird keine Aufmerksamkeit geschenkt und so auch nicht
verwirklicht.
In Europa wird aus Anlaß der Pariser Weltausstellung 1937 seine
Schrift "Peignot" veröffentlicht.
Das alles tangiert aber Cassandre nicht wirklich, der seit 1936 sich wieder
seiner wahren Leidenschaft widmet, der Malerei.
Durch ein Treffen mit Balthus im gleichen Jahr fühlt er sich der
Ölmalerei näher als je zuvor die er bis 1944
außschließlich betreibt.
In dieser Phase seines Schaffens trennt er sich von seiner Frau, durch die
er sich blockiert fühlt und verbringt zwei Jahre beim
Militär. Nach seiner Dienstzeit lernt er die Modellistin Nadine
Robinson kennen, die er nach dem Krieg, 1947, heiratet.
Gleichzeitig wendet er sich wieder der Malerei ab, die ihm außer ein
paar kleinen unbedeutenden Ausstellungen keinen Ruhm
einbrachte und so wenig Befriedung darstellte. Aus dieser Zeit existiert
kein einziges Bild mehr, so daß man davon ausgehen
muß, das Cassandre seine eigenen Werke komplett vernichtet
hat.
In den nächsten Jahren arbeitet Cassandre wieder als Werbegrafiker
für Anzeigen, Titelblätter, Plakate oder sogar auch
Spielkarten. Allerdings nie wieder mit dem Erfolg und Aufsehen den er
früher erreichte.
1948 geht er nach Italien, wo er seine Leidenschaft für die
Bühnenmalerei wiederentdeckt. Cassandre entwirft verschiedene
Bühnenbilder und macht auf diese Weise seinen Namen wieder so
populär, daß er 1950 von der Leitung des Festivals in
Aix-en-Provence beauftragt wird, die Konstruktion des Freilufttheaters zu
übernehmen und gleichzeitig die Bühne und Kostüme
für
die Aufführung der Mozart Oper "Don Giovanni" zu entwerfen. Die
Eröffnung des Theaters und Aufführung der Oper wird zum
internationalen Erfolg. Der Name Cassandre ist wieder in aller Munde. Im
selben Jahr wird er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt,
eine der höchsten Auszeichnungen in Frankreich. Das Musée des
Arts Décoratifs zeigt in einer großen Ausstellung einen
Überblick über über seine fünfundzwanzigjährige
Arbeit auf den verschiedenen Gebieten.
In den folgenden zehn Jahren arbeitet Cassandre weiter als
Bühnenbildner, gestaltet aber gleichzeitig auch Schriften, Plakate
und
Schallplattencover. Zwar bleibt ein Erfolg wie der von "Don Giovanni" aus,
trotzdem aber bleibt er europaweit angesehen und
arbeitet auch international. In dieser Zeit trennt er sich von seiner
zweiten Frau.
Cassandres am stärksten bestechendes Merkmal war die geometrische
Konstruktionsweise mit der er seine Plakate, aber auch
seine Schriften, entwarf. Cassandre war kein Mensch, der die Entwicklung
eines Plakats dem Zufall überließ, alles was später zu
sehen sein sollte, war manisch bis ins Detail voraus geplant. Es war bei
weitem nicht seine Stärke, einfach aus dem Bauch
heraus seiner Kreativität freien lauf zu lassen. Rational und
berechnend, meist strengen Schemata folgend, kreierte er seine
Arbeiten am Reisbrett. Seine Werke spiegeln, mit sehr wenigen Ausnahmen,
durchweg seinen Hang zur Architektur wieder, die
immer sein heimliches Hobby blieb, und die er nur bei seinen Arbeiten als
Bühnenbildner halbwegs ausleben konnte.
Aber genau wie die Architektur festen Regeln der Statik und Mechanik
unterworfen ist, hielt sich Cassendre an ebenso genaue
Vorgaben. Goldener Schnitt oder rechter Winkel waren ihm oberstes Gebot,
waren nicht genug Einschränkungen vorhanden,
schaffte er sich selber welche um sich so in seinem Schaffen zu
kontrollieren. In seinen Aufzeichnungen fand man nach seinem
Tod immer wieder Regeln zu Gestaltung eines Plakats. Es ist niemals
geklärt worden, ob diese Regeln für die Allgemeinheit
bestimmt waren, und nur nie veröffentlicht worden sind, oder aber ob
sie einfach ihm selbst gedient haben. Sicher ist nur das er
sie stets beachtet hat. In vielen Kompositionen ist die Geometrie in einem
Maße betont, daß die Aufgabe klärender Linien weit
überschritten ist. Die Linien regeln die Form der inhaltlichen
Elemente so sehr, daß es unmöglich wird, sie nicht zu
beachten.
Cassandres Plakate sind voll von Horizontalen und Vertikalen, sowie
Diagonalen die meist im exakten Winkel von 45° die
Komposition durchlaufen. Zu dem läßt Cassandre die
Konstruktionslinien in genau festgelegten numerischen Verhältnissen
zu
einander stehen, was einen Rhythmus erzeugt, der so starr ist, daß
wenn er musikalischer Natur wäre, jeden Tänzer zum
Stillstand
veranlassen würde.
Ein weiteres stilistisches Mittel, was Cassandre zu gerne benutzte, war der
Einsatz von Fluchtpunkten. Waren seine Plakate
immer von einer klassischen Statik bestimmt, versuchte er dies durch den
Gebrauch des Raumes zu brechen. Massiv verzerrte er
Gegenstände um so dem Bild ein wenig Bewegung zu
zuführen.
Anfang der sechziger beschließt Cassandre endgültig, Paris zu
verlassen und aufs Land zu ziehen. Nachdem er diverse Aufträge
abgelehnt hat, unter anderem sogar die Leitung der Villa Medici in Rom,
zieht er in die Nähe Belley, wo er die nächsten Jahre mit
der Planung einer internationalen Schule der bildenden Künste sowie
mit einem erneuten Versuch der Ölmalerei verbringt.
Im Jahr 1965 allerdings kehrt Cassandre niedergeschlagen und zerfressen von
Selbstzweifel zurück nach Paris. Die geplante
ländlich-zurückgezogene Selbstfindung war fehlgeschlagen und
Cassandre versuchte erneut einen Halt in der Plakatgestaltung
und im Schriftentwurf zu finden.
Die nächsten Jahre leiten Cassandre von einer Enttäuschung zur
nächsten bis er sich schließlich am 17. Juni 1968 in Paris
in
seiner eigenen Wohnung das Leben nimmt.
Aber auch Perspektive und sogar Schatten unterlagen klaren
Proportionsverhältnissen und konstruktivistischer Logik. An jedes
Plakat, das er gestaltete, stellte er den Anspruch, die Komposition
muß sich selbst erklären.
Es ging soweit, das Cassandre sogar die Wahl der Farben nicht nach
gefühlsmäßigen Bedürfnissen zu ließ, sondern auch
hier
nach mathematisch erklärbaren Definitionen seine Auswahl traf. Zwar
waren am Anfang der Großteil seiner Arbeiten in schwarz /
weiß gehalten, war es das Prinzip das er in seinen späteren
farbigen Arbeiten oft übernahm. Immer wieder sieht man in seinen
Plakaten das Gegenüberstellen von Komplementärfarben um so eine
möglichst kontrastreiche Komposition zu erreichen.
Leider geht durch diese rationale Farbwahl oft der emotionale Charakter der
Bilder verloren und Cassandre schießt ein wenig
über das Ziel hinaus.
Seine Schriften waren ebenfalls rein konstruierte, ohne ein Funken von
verspielter Leichtigkeit, Produkte die der Geometrie und
Symmetrie entsprungen und verhaftet waren. Vernachläßtigte
Cassendre hier auch manchmal ein wenig die Funktionalität, glich
er
diesen Anflug von Emotionaltität durch die Berechen-, und
Erklärbarkeit einer jeden einzelnen Linie jedes Buchstaben jedes
Schrifttyps aus.
Glücklicher Weise hat Cassandre nie von sich selbst behauptet,
Künstler zu sein. Er hat sein Schaffen immer in den Dienst der
Werbung und als reines Kommunikationsmittel gesehen. Cassandre hat sich
einmal selbst als visuellen Telegraphisten
bezeichnet, was ich eine sehr schöne Bezeichnung finde. Außerdem
hat er der Anforderung, ein Plakat muß gesehen und schnell
gelesen werden, immer genüge getan. Man muß anerkennen,
daß seine Plakate den Anspruch der Übermittlung der
direkten,
naiven Botschaft perfekt erfüllt haben. Dennoch denke ich daß A.
M. Cassandre an dieser einfachen, naiven, zweckerfüllenden
Kunst zerbrochen ist, da er seinen eigentlichen, künstlerischen
Bedürfnissen nie wirklich gelebt oder beachtet hat.
"Das Plakat verhält sich zur Malerei wie die Vergewaltigung zur
Liebe."
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