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Walker, Alice: The Color Purple
Inhalt:
Alice Walker „The Color Purple“
Einleitung
............................................................................................................................2
Biographie von Alice Walker
.........................................................................................3
Inhaltsangabe des Romans „The Color
Purple“..............................................................4
III. Das Eurozentrische Geschlechtermodell und die Love and
Trouble Situation
..........................................................................................................6
IV. Männerbilder in „The Color Purple“
...........................................................................8
- Mr. ____ / Albert
...................................................................................8
- Harpo
....................................................................................................11
- Samuel
..................................................................................................14
V. Das Eurozentrische Geschlechtermodell und die Love and Trouble
Tradition in Alice Walkers „The Color Purple“
..........................................................16
VI. Reaktionen auf „The Color Purple“
...........................................................................18
VII. Persönliche Stellungnahmen
.....................................................................................21
VIII. Anhang
.....................................................................................................................25
Literaturangaben
...............................................................................................................26
Einleitung
Die folgende Ausarbeitung befaßt sich mit dem Männerbild in
Alice Walkers 1982 bei Pocket Books erschienenem Roman „The Color
Purple“.
Die folgende kurze Biographie der Autorin sowie die Zusammenfassung des
Romans dienen als Grundlage für den sich anschließenden Hauptteil der
Arbeit. In diesem Abschnitt sollen anhand einzelner Charaktere das in „The
Color Purple“ vorherrschende Männerbild sowie das ihm zugrunde
liegende Eurozentrische Geschlechtermodell dargestellt werden. Daß Alice
Walker Ausnahmen dieses negativen Männerbildes zuläßt, und dies
dem Leser als ihre Vision des Zusammenlebens von Mann und Frau nahelegt, soll
ebenfalls behandelt werden.
Die Vorstellung einiger Reaktionen der nach der Veröffentlichung
sowohl des Buches als auch des Filmes kontrovers geführten
öffentlichen Diskussion über die von Alice Walker beschriebene
Geschlechterproblematik soll als Überleitung zur abschließenden
persönlichen Stellungnahme dienen.
I. Biographie von Alice Walker
Alice Walker wird am 9. Februar 1944 in Eatonton, Georgia, geboren. Sie ist
das achte und jüngste Kind von Willie Lee und Minnie Tallulah Grant Walker.
Ihre Eltern verdienen ihr Geld als Landarbeiter. Als Walker acht Jahre alt ist,
erblindet sie auf dem rechten Auge in Folge eines Unfalls während des
Spielens mit ihrem Bruder Bill. 1961, nach Beendigung der High School,
erhält sie ein Stipendium des Spelman College, Atlanta, Georgia. Dort
beteiligt sich Walker aktiv an der von Dr. Martin Luther King angeführten
Bürgerrechtsbewegung. Zwei Jahre später wechselt sie zum renommierten
Sarah Lawrence College in New York. Unter dem Einfluß von Dozenten wie der
Dichterin Muriel Ruykeyser und der Schriftstellerin Jane Cooper entdeckt sie ihr
Interesse und ihr Talent für das Schreiben. Als Alice Walker 1964, nachdem
sie von einer Reise aus Europa und Afrika zurückkehrt, feststellt,
daß sie schwanger ist, ist sie sehr verzweifelt. Nach einer Abtreibung und
während einer Zeit von Depressionen und Angst schreibt sie die
Kurzgeschichte „To Hell With Dying“, die noch im gleichen Jahr
veröffentlicht wird. 1965 beendet sie ihr Studium am Sarah Lawrence College
und kehrt zurück nach Atlanta, wo sie sich erneut der
Bürgerrechtsbewegung widmet. Im gleichen Jahr nimmt Alice Walker eine
Stelle im Welfare Department in New York City an und ihr wird die Mitgliedschaft
der Bread Loaf Writer´s Conference verliehen. Während sie im Sommer
1966 für die Bürgerrechtsbewegung in Mississippi Wähler
registriert, lernt sie den jüdischen Jurastudenten Melvin Leventhal kennen.
Ein Jahr später heiraten Alice Walker und Melvin. 1968, Alice Walker hat
einen Lehrstuhl für afro-amerikanische Geschichte und ihr Mann arbeitet
für die NAACP, ist sie ein zweites Mal schwanger, doch sie verliert ihr
Kind. 1969 nimmt sie ein Lehrstuhl an der Jackson State University an und
veröffentlicht ihren ersten Gedichtsband „Once“.
1970 wird ihre Tochter Rebecca Grant Walker geboren. Im gleichen Jahr wird
ihr erster Roman „The Third Life Of Grange Copeland“
veröffentlicht, für den sie viel Anerkennung, aber auch viel Kritik
erhält. Viele afro-amerikanischen Kritiker sehen in ihrem Roman eine nicht
gerechtfertigte, negative Darstellung der männlichen Charaktere. In den
folgenden Jahren unterrichtet Walker am Tomgaloo College und am Wellesley
College und schreibt für das „Ms. Magazine“. In dieser Zeit
erscheinen auch eine Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel „In Love &
Trouble: Stories Of Black Women“ sowie der zweite Gedichtsband
„Revolutionary Petunias & Other Poems“. 1976 veröffentlicht
Alice Walker ihren zweiten Roman „Meridian“. Im selben Jahr erfolgt
auch die Scheidung von ihrem Mann Melvin Leventhal. Alice Walker zieht daraufhin
nach San Francisco, wo sie den Schriftsteller Robert Allen kennenlernt, mit dem
sie 1979 nach Mendocino zieht. Dort veröffentlicht sie ihre zweite
Kurzgeschichtensammlung „You Can´t Keep a Good Woman Down“ und
beendet ihren dritten Roman „The Color Purple“, für den sie den
Pulitzer Prize und den American Book Award erhält. Ähnlich wie nach
ihrem ersten Roman, sieht sich Walker erneut harter Kritik aus den Reihen der
afro-amerikanischen Gemeinschaft ausgesetzt. Wieder ist die negative und
gewalttätige Darstellung von Männern in ihren Büchern der
Hauptkritikpunkt. Dennoch unterstützt Alice Walker die filmische Umsetzung
ihres Buches durch Quincy Jones und Steven Spielberg im Jahre 1985. In den
darauf folgenden Jahren veröffentlicht sie weitere Gedichtsbände,
„Horses Make a Landscape Look more Beautiful“ und „Her Blue
Body Everything We Know: Earthling Poems“, eine Aufsatzsammlung,
„Living By the Word“, eine Kindergeschichte, „Finding the
Green Stone“, sowie zwei weitere Romane, „The Temple of My
Familiar“ und „Possessing the Secret of Joy“. In ihrem Buch
„The Same River Twice: Honoring the Difficult“ beschreibt sie den
Verlust ihrer Mutter, das Ende ihrer 13-jährigen Beziehung zu Robert Allen,
ihre Bisexualität sowie ihren Kampf mit ihrer schweren Krankheit und ihren
Depressionen. Darüber hinaus schreibt sie über die Entstehung und
über ihre Gedanken zu der Verfilmung von „The Color Purple“.
Zur Zeit lebt Alice Walker in Mendocino, Kalifornien, wo sie im April
diesen Jahres das Buch „Anything We Love Can Be Saved: A Writer´s
Activism“ veröffentlicht hat.
II. Inhaltsangabe zu „The Color
Purple“
Celie schreibt Briefe an Gott. Sie hat niemanden anderen, dem sie schreiben
kann. Ihre Mutter ist in geistiger Umnachtung gestorben und ihr Stiefvater, von
dem sie glaubt, ihr wahrer Vater zu sein, mißbraucht sie. Er nimmt ihr
auch ihre beiden Kinder Olivia und Adam fort und gibt sie zu befreundeten
Missionaren, Corinne und Samuel. Olivia und Adam sind das Ergebnis der
Vergewaltigungen von Celie durch ihren Stiefvater.
Celies leiblicher Vater war ein wohlhabender farbiger Farmer, der um 1903
von neidischen Weißen umgebracht wurde. Celies Mutter ist an diesem
Verbrechen psychisch zu Grunde gegangen.
Auch ihrer geliebten Schwester Nettie, mit der sie ein sehr enges
Verhältnis hat, kann sie nicht schreiben. Nachdem Nettie von zu Hause
fortläuft, kommt sie in das Haus von Celie und ihrem brutalen Mann Mr. ____
/ Albert. Ursprünglich will dieser Nettie heiraten, doch dies wird ihm von
ihrem Stiefvater untersagt. Statt dessen heiratet Mr. ____ Celie, damit diese
sich nach der Ermordung seiner ersten Frau Annie Julia durch ihren Liebhaber um
die Kinder kümmert. Weil sich Nettie Alberts Annäherungen widersetzt,
schickt dieser sie fort und trennt somit Celie und ihre Schwester. Nettie kommt
bei den Missionaren Corinne und Samuel unter, unwissend, daß diese die
Kinder ihrer eigenen Schwester großziehen. Nettie geht mit ihnen nach
Afrika, zu dem Stamm der Olinkas, um dort Missionarsarbeit zu verrichten.
Celie führt im Hause Mr. ____s ein hartes Leben. Sie wird
unterdrückt und geschlagen. Nur ihre Briefe an Gott helfen ihr, ihre Leiden
zu ertragen. Ihr Leben ändert sich als Albert seine erkrankte, ehemalige
Geliebte, die Sängerin Shug Avery, bei sich aufnimmt. Celie, die sie gesund
pflegt, verliebt sich in Shug. Zwischen beiden entsteht eine enge, auch
sexuelle, Beziehung.
In Celies Umgebung lebt auch Mr. ____s Sohn Harpo mit dessen Frau Sofia.
Sofia ist das absolute Gegenteil von Celie. Sie hat gelernt sich gegen
Männer durchzusetzen und tut dies auch. Bei einem Konflikt mit dem
weißen Bürgermeister schlägt sie diesen nieder und wird
verhaftet. Erst nach vielen Jahren im Gefängnis und weiteren Jahren als
Haushälterin beim Bürgermeister wird sie als seelisch gebrochene Frau
in die Freiheit entlassen.
In diesen Jahren hört auch Celie nichts von ihrer Schwester. Erst als
Shug Avery bei Albert Briefe von Nettie findet, stellt sich heraus, daß
diese die ganze Zeit an ihre Schwester geschrieben hat. Aufgrund dieser
Erkenntnis und unterstützt von Shug findet Celie endlich den Mut, Mr. ____
zu verlassen. Sie geht mit Shug Avery nach Memphis und eröffnet dort eine
Schneiderei. Durch die Briefe ihrer Schwester hat sie erfahren, daß es
ihren Kindern gut geht und daß Nettie und Samuel, nach dem Tod seiner Frau
Corinne, geheiratet haben. Auch Celies Sohn Adam hat geheiratet: Tashi, eine
Olinka Frau. Das Dorf der Olinkas ist jedoch von englischen Unternehmern
zerstört worden.
Nach dem Tod ihres Stiefvater erbt Celie das Haus und den Besitz ihrer
Eltern. Zu Albert, der sich in der vergangenen Zeit beträchtlich
verändert hat, entwickelt sie zum ersten Mal ein freundschaftliches
Verhältnis. Eines Tages kehren Nettie, ihr Mann Samuel, Celies Kinder Adam
und Olivia sowie Tashi zu Celie zurück. Nach fast dreißig Jahren sind
die beiden Schwestern Celie und Nettie wieder vereint.
III. Das Eurozentrische Geschlechtermodell und die Love and Trouble
Tradition
Eins der zentralen Themen in „The Color Purple“ ist das
antagonistische Verhältnis zwischen Mann und Frau, das stark von Gewalt
geprägt wird, die „Love and Trouble Tradition“ (siehe P. Hill
Collins „Black Feminist Thought„, NY: Routledge 1991).
Zur Erklärung dieses Verhältnisses ist es zunächst
notwendig, das zugrunde liegende sogenannte Eurozentrische Geschlechtermodell
näher zu betrachten.
Dieses Modell basiert auf zwei Grundlagen, zum einen der der angenommenen
weißen Überlegenheit, zum anderen der der angenommenen
männlichen Überlegenheit.
Das heißt, Weiße stehen über Schwarzen, Männer
über Frauen (Siehe Anlage 1).
Dieses hierarchische System verdeutlicht, daß die schwarze Frau im
sozialen System auf dem untersten Platz gesehen wurde, und so wurde sie
behandelt.
Es war völlig normal, das Männer ihre Frauen schlagen. Daß
das nicht nur in der schwarzen Gesellschaft so ist, wollen wir hier jedoch
außer acht lassen.
Wie läßt sich nun diese „Love and Trouble Tradition“
erklären, in der Männer die Frauen, die sie geheiratet haben, manchmal
vielleicht sogar aus Liebe, schlagen, und die Frauen diesen Umstand erdulden,
vielleicht nicht akzeptieren, aber mehr oder minder protestlos
hinnehmen?
Es werden in der feministischen Literatur verschiedene Erklärungen
angeboten.
Patricia Hill Collins glaubt zum Beispiel, daß viele Frauen die ihnen
angetane Gewalt erdulden aus dem Glauben heraus, dem schwarzen Mann begegne in
der Gesellschaft der größte Teil rassistischer Anfeindungen in Form
psychischer und physischer Gewalt, und deshalb habe der Mann sozusagen das
Recht, sich abzureagieren. Die schwarzen Männer verhalten sich in diesem
Augenblick dann, wie Walker es schreibt, wie „slave owner“ (P. Hill
Collins: „Black Feminist Thought“, NY: Routledge 1991). Die
Tatsache, das Mißbrauch kein Einzelfall ist, sogar schon als
alltäglich angesehen werden kann, jedoch niemand von den betroffenen Frauen
darüber spricht und statt dessen nach außen Normalität
vorgaukelt, läßt viele Frauen sich nicht einmal als das Opfer, das
sie sind, wahrnehmen. Und selbst wenn sie ihre Lage erkennen, so bleibt es mehr
als fraglich, ob sie sich anderen mitteilen, nach Hilfe suchen.
Bell Hooks beschreibt in ihrem Buch „Talking Back“ (Boston,
South End Press 1989), was in einer Frau vorgeht, die von ihrem Mann geschlagen
wird: es ist etwas völlig anderes, von dem Menschen, den man liebt und mit
dem man zusammen lebt, geschlagen zu werden, als von einem Fremden. In dem
Augenblick, in dem eben dies passiert, stürzt, so Hooks, eine Welt ein. Das
Leben, das man bisher kannte, in dem man sich relativ sicher fühlte, ist zu
Ende und man tritt in ein neues Leben ein, ein Leben voller Terror, in dem man
kaum unterscheiden kann zwischen einer sicheren und einer bedrohlichen
Situation, „a gesture of love and a violent, uncaring gesture. There is a
feeling of vulnerability, exposure that never goes away, that lurks beneath the
surface. Adults hit by loved ones usually experience sensations of dislocation,
of loss, of new found terrors“ (Hooks 1989: 86).
Oft ist gerade diese Desillusionierung und Verwirrung der Grund für
ein Verschweigen der Tat vor anderen Frauen, sie realisiert nicht, was mit ihr
geschehen ist und ist deshalb auch nicht in der Lage, es anderen
mitzuteilen.
Diese Umstände bringen die schwarzen Frauen, die im vorherrschenden
Rollenmodell schon an unterster Stelle stehen zusätzlich noch in eine
Isolation, die zu durchbrechen, sofern das überhaupt möglich ist, sehr
viel Kraft und Mut fordert.
Fast unmöglich gemacht wird dieses offene Aussprechen jedoch durch die
Gesellschaft als Gesamtheit, in der Gewalt, insbesondere Gewalt gegen Frauen,
ein Tabuthema ist, über das nicht gesprochen wird.
Die Situation der schwarzen Frauen läßt sich schematisch
darstellen, wie in Anlage 2.
IV. Männerbilder in „The Color
Purple“
Die folgenden drei Darstellungen der Romanfiguren Mr. ____, Harpo und
Samuel sollen anhand von Textbeispielen die Vielschichtigkeit der Charaktere aus
Alice Walkers „The Color Purple“ aufzeigen. Diese Beschreibungen
sind notwendig für ein tieferes Verständnis der Personen und somit des
Buches und ermöglichen im Anschluß den Einstieg in eine Diskussion
über eventuelle stereotype Rollenverteilungen.
Mr. ____/Albert
Mr. ____/Albert ist in Alice Walkers „The Color Purple“
diejenige männliche Romanfigur, an die sich, nach Veröffentlichung des
Buches (des Filmes), innerhalb der Black Community der Großteil der Kritik
gewendet hat. Hauptkritik ist in diesem Zusammenhang immer wieder die
Gewalttätigkeit und Brutalität Mr. ____s gegenüber Frauen
gewesen. Im folgenden Abschnitt soll versucht werden, den kontroversen Charakter
anhand von Zitaten und Textbeispielen näher vorzustellen.
„Celie, git the belt.“ (Walker, 1982, 23). Mit diesen Worten
schickt Mr. ____ seine Frau den Gürtel holen, mit dem er sie schlagen wird.
Seine eigenen Kinder schauen dabei durch die Spalten der Wände zu. Diese
menschenverachtende Brutalität Alberts äußert sich an vielen
Stellen des Buches. Im Gegensatz zu der filmischen Umsetzung des Romans wird im
Buch die Gewalt eher beiläufig von Celie erwähnt. Dadurch
verstärkt sich der Eindruck des Lesers, die Gewalt sei etwas
alltägliches, viel mehr noch, Celie habe sich schon mit ihr abgefunden. Die
Gewaltdarstellung im Buch ist subtiler als im Film, damit aber auch um so
erschreckend wirkender für den Leser.
Celie ist jedoch nicht die einzige Person, die von Mr. ____ geschlagen
wird. Auch seine erste Frau Annie Julia hat er geschlagen. Dies erzählt
Shug Avery Celie in einem Gespräch: „Albert beat her.“ (Walker,
1982, 127). Sogar Nettie versucht er mit Gewalt zu verführen/vergewaltigen.
In einem Brief an ihre Schwester schreibt Nettie: „[...] he got down from
his horse and started to try to kiss me, and drag me back in the woods.“
(Walker, 1982, 131).
Die Brutalität Alberts beschränkt sich jedoch nicht nur auf
physische Gewalt. Die größte Grausamkeit tut er Celie damit an,
Netties Briefe zurückzuhalten. Celie kann zunächst selbst nicht
glauben, daß Mr. ____ zu einer solchen Tat fähig ist: „Naw. Mr.
____ mean sometimes, but he not that mean.“ (Walker, 1982, 124).
Anschließend weckt diese Tat in Celie sogar Mordgedanken für Albert
(Walker, 1982, 125).
Über Mr. ____s Motivation zu dieser Gewaltbereitschaft auf physischer
und psychischer Ebene erfährt der Leser nur beiläufig und
unzureichend. Der Grund, die Briefe an Celie zurückzuhalten, liegt in
Netties Ablehnung gegenüber Albert. Nettie schreibt an Celie: „He
said because of what I´d done I´d never hear from you again, and you
would never hear from me.“ (Walker 1982: 131). Unklarer bleiben die
Gründe für die Gewalt an Celie. „Just a slap now and then when
he ain´t nothing else to do.“ (Walker 1982: 115). Diese Aussage
Celies läßt darauf schließen, daß Albert seine Frau
unmotiviert, aus Frust oder aus Langeweile, schlägt. Da Mr. ____ als Farmer
und Landbesitzer recht wohlhabend ist, und somit ein angenehmes Leben zu
führen scheint, liegt die Vermutung nahe, daß seine Unzufriedenheit
aus der Beziehung zu Shug Avery resultiert. Wie schon in der Inhaltsangabe
erwähnt, ist Shug Alberts große Liebe. Daß er sie auch noch
liebt, als er schon verheiratet ist, zeigt sich besonders in einem Gespräch
mit seinem Vater: „I love Shug Avery. Always have, always will. I should
have married her when I had the chance.“ (Walker 1982: 57). Im
Zusammenhang mit Shug Avery zeigt Mr. ____ auch das erste Mal Gefühle:
„And a litlle water come to his eyes.“ (Walker 1982: 50). Nach Shugs
überstandener Krankheit äußert Albert gegenüber Celie,
daß er Angst gehabt hat: „ ,I been scared. Scared.´ And he
cover up his eyes with his hands.“ (Walker 1982: 54). Als Shug Avery ihren
Mann vorstellt, ist Mr. ____ sehr niedergeschlagen. „He look like the end
of the world.“ (Walker 1982: 113), bemerkt Celie. Die (unerfüllte)
Liebe zu Shug Avery kann durchaus ein Motiv dafür sein, warum es die Frauen
(Annie Julia und Celie) bei Albert so schwer haben.
Der Grund, warum Mr. ____ nicht Shug Avery geheiratet hat, liegt in seiner
schwachen Persönlichkeit und in der Beziehung zu seinem dominanten Vater.
Dies erkennt auch Shug Avery selbst. Über die Gründe, warum Albert sie
nicht geheiratet hat, sagt sie: „[...] he weak. His daddy told him
I´m trash, my mama trash before me. His brother say the same. Albert try to
stand up for us, git knock down.“ (Walker 1982: 127). Auch Alice Walker
charakterisiert den Einfluß von Mr. ____s Vater in ihrem Buch „The
Same River Twice: Honoring the Difficult“ ähnlich: „[Albert] A
man whose father has made the most important decisions of his life for
him.“ (Walker 1996: 52). Dennoch versucht Albert immer noch, Shug vor
seinem Vater zu verteidigen: „All Shug Avery children got the same daddy.
I vouch for that.“ (Walker 1982: 57).
Interessant ist aber, daß Mr. ____ die Dominanz, die er von seinem
Vater erfahren hat, auch auf seinen eigenen Sohn Harpo projiziert. Deutlich wird
dies, als er versucht, seinem Sohn, der sich sehr von seinem Vater unterscheidet
(siehe Harpo), sein eigenes Rollenverständnis von Mann und Frau
aufzuzwingen. In einem Gespräch mit Harpo erzählt Mr ____: „Well
how you spect to make her mind? Wives is like children. You have to let´em
know who got the upper hand. Nothing can do that better than a good sound
beating.“ (Walker 1982: 37). Dieses Beispiel zeigt noch einmal deutlich
die Gewaltbereitschaft Alberts. Darüber hinaus ist diese Textstelle aber
auch sehr aussagekräftig bezüglich Mr. ____s Frauenbild.
„He´s the kind of person who really thinks women are a seperate
species whose feelings are as negligible as those of animals.“ (Walker
1996: 52), beschreibt Alice Walker Alberts Einstellung zu Frauen in ihrem Buch
„The Same River Twice: Honoring the Difficult“. Ein weiteres
Beispiel für sein negatives Frauenbild ist das Gespräch mit Sofia, in
dem Mr. ____ bezweifelt, daß Sofia weiß, wer der Vater ihres Kindes
ist: „Young womens no good these days. Got they legs open to every Tom,
Dick and Harry.“ (Walker 1982: 32). Erstaunlich ist jedoch, daß sich
Albert gegenüber Shug anders verhält: „He hush then.“
(Walker 1982: 76).
Ebenfalls bemerkenswert ist die Tatsache, wie engagiert sich Mr. ____
für Sofia einsetzt, als diese in Schwierigkeiten mit dem Bürgermeister
gerät: „Us got to do something and be right quick about it.“
(Walker 1982: 95). Dieses Beispiel zeigt deutlich wie verwurzelt die Vorstellung
der Zusammengehörigkeit in der Black Community und bei Mr. ____ sind. Die
Tatsache, daß auch Squeak/Mary Agnes, die sich noch zuvor mit Sofia
geschlagen hat, hilft, unterstreicht diese Annahme.
„Albert was so funny. He kept me laughing. How come he ain´t
funny no more? How come he never hardly laugh? How come he don´t dance?.
Good God, Celie, what happened to the man I love?“ (Walker 1982: 126).
Diese Fragen Shug Averys an Celie sollen nicht nur noch einmal zeigen, was
für ein fröhlicher Mensch Albert gewesen sein muß und wie
unzufrieden er nun ist, sondern auch dazu überleiten, wie Mr. ____ sich
verändert hat und sich immer noch ändern kann. Nachdem Celie ihren
Mann verläßt und nach Memphis geht, scheint Albert zunächst zu
Grunde zu gehen. „Mr. ____ live like a pig. Shut up in the house so much
it stunk. [...] Mr. ____ too weak [...]“ (Walker 1982: 231), berichtet
Sofia. Doch mit der Hilfe Harpos entwickelt sich Albert zu einem besseren
Menschen: „[...] Mr. ____ act like he trying to git religion. [...] He
work real hard too. [...] And clean that house just like a woman.“ (Walker
1982: 229), erfährt Celie von Sofia weiter. Auch Alberts Umgang mit Celie
hat sich positiv entwickelt. Seine Gleichgültigkeit gegenüber Celie
ist zu Gunsten von Freundlichkeit gewichen und sogar Fehler der Vergangenheit
gesteht er ein: „I saw it, just too big a fool to let myself care.“
(Walker 1982: 260). Mr. ____ gibt Celie sämtliche Briefe von Nettie
zurück und in der Verfilmung von Steven Spielberg und Quincy Jones bezahlt
er sogar die Einwanderungsgebühren für Celies Kinder, ihrer Schwester
und deren Mann Samuel sowie für Tashi. Das erste Mal seit langer Zeit
fühlt Mr. ____ auch so etwas wie Zufriedenheit: „[...] I´m
satisfied this the first time I ever lived on Earth as a natural man. It feel
like a new experience.“ (Walker 1982: 267).
Auch Celie bemerkt Alberts positive Wandlung und vergibt ihm. In einem
Brief an Nettie schreibt sie: „After all the evil he done I know you
wonder why I don´t hate him.“ (Walker 1982: 267). Celie entwickelt zu
Mr. ____ sogar ein freundschaftliches Verhältnis, das sich vorwiegend in
vielen Gesprächen über die Vergangenheit äußert. „I
mean when you talk to him now he really listens [...]“, schreibt sie
weiter. Die gemeinsame (unerfüllte) Liebe zu Shug Avery scheint Albert und
Celie verbunden zu haben.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Alice Walker in ihrem
Roman „The Color Purple“ mit Mr. ____/Albert einen vielschichtigen
aber kontroversen Charakter geschaffen hat, der am Ende des Buches seine Fehler
der Vergangenheit einsieht und sich zu einem besseren Menschen zu entwickeln
scheint. Diese Entwicklung ist sicherlich keine Entschuldigung oder
Wiedergutmachung für Mr. ____s begangenen Grausamkeiten, dennoch eine
Vision und ein Appell an die Menschlichkeit.
Harpo
Harpo ist Mr. ____s Sohn aus dessen erster Ehe. Er ist völlig
verschieden von seinem Vater, nicht nur in körperlicher Hinsicht:
„Harpo nearly big as his daddy. He strong in body but weak in will. He
scared.“ (Walker 1982: 29)
Er ist das Opfer der Dominanz seines Vaters, der sein eigenes Frauenbild
auf ihn übertragen möchte und Harpo deshalb, als dieser fragt, warum
Mr. ____ Celie schlägt (Walker 1982: 23) erklärt, sie sei
schließlich seine Frau und außerdem stur.
Der Unterschied Harpos Einstellung zu Frauen und der seines Vaters wird
deutlich, als Harpo Celie erzählt, er habe sich verliebt (Walker 1982: 23).
Er möchte sie heiraten, nicht weil er jemanden zum Kochen und putzen
braucht, sondern weil er sie liebt. Er sieht heiraten nicht als puren Zweck an,
sondern als Liebesbeweis.
Als er dann seine große Liebe nicht heiraten darf, weil ihr Vater
dagegen ist, reagiert er völlig ‚unmännlich‘ : er bekommt
Alpträume (Walker 1982: 30), er ist im Vergleich zu seinem Vater ein sehr
sensibler Mensch.
Celie sagt über ihn „Harpo no better at fighting his daddy than
me.“ (Walker 1982: 29), was sich auch bald bestätigt, als seine
Freundin Sofia von Mr. ____ beleidigt wird, und Harpo keinen Widerspruch wagt,
was Sofia, als sie das Haus verläßt, wiederum dazu bringt, Harpo zu
erklären: „Wheen you free, me and the baby be waiting.“ (Walker
1982: 33)
An dieser Stelle beweist Harpo dann zum ersten Mal Mut und heiratet sie
gegen den Willen beider Väter, zieht mit ihr und dem Baby zusammen, mit dem
er sehr liebevoll umgeht.
„Yeah, I see now she going to switch the traces on you.“
(Walker 1982: 36), das ist der Kommentar seines Vaters zu seinem Verhalten. In
der Tat ist ein gewisser Rollentausch zwischen Harpo und Sofia zu erkennen,
Sofia übernimmt Reparaturarbeiten am Dach des Hauses, läuft in Harpos
Hosen herum und zieht Feldarbeit der Hausarbeit vor, im Gegensatz zu Harpo:
„... he love cooking and cleaning and doing little things around the
house.“ (Walker 1982: 63).
Nichts desto trotz bleibt er seines Vaters Sohn, und anstatt zufrieden zu
sein in dieser Beziehung läßt es ihm keine Ruhe, daß Sofia
macht, was sie möchte. Harpo hat von seinem Vater gelernt, daß der
Mann die Kontrolle haben muß und eben die hat er in seiner Ehe, im
Gegensatz zu seinem Vater, nicht. Er fühlt sich von gesellschaftlichen
Zwängen getrieben, diese Kontrolle herzustellen.
Als er von seinem Vater gefragt wird, ob er Sofia je geschlagen hat,
antwortet er peinlich berührt mit „Naw, suh.“ (Walker 1982:
37). Celie, selber Opfer der rüden Attacken von Mr. ____, gibt Harpo dann
auch noch den Tip, seine Frau zu schlagen, um sie gefügig zu machen. Beim
Versuch jedoch, dieses in die Tat umzusetzen, scheitert er kläglich and der
körperlichen Überlegenheit Sofias, was er jedoch nicht eingestehen mag
und seine Verletzungen mit fadenscheinigen Entschuldigungen erklärt:
„Oh, me and that mule. She fractious, you know. She went crazy in the
field the other day. By time I got her head for home, I walked smack dab into
the crib door. Hit my eye and scratch my chin. Then when that storm come up last
night I shet the window down on my hand.“ (Walker 1982: 38).
Dieses Ereignis ist von entscheidender Bedeutung für die Ehe Sofias
und Harpos, der aufgrund der Niederlage anfängt, sich mit Essen
vollzustopfen um Masse zuzulegen, damit er gegen seine Frau bestehen kann. Sofia
hingegen beginnt, sich von Harpo zu distanzieren. Beschleunigt wird diese
emotionale Entfernung dadurch, daß er weiterhin versucht, sie zu schlagen.
Es bleibt jedoch dabei, Harpo kann nicht gegen Sofia bestehen:
„‘What happened to your eyes?‘ [...]
‚Sofia‘“ (Walker 1982: 64).
Sofia verliert schließlich das Interesse an Harpo und
verläßt ihn mit den Kindern. „I’m gitting tired of Harpo,
she say. All he think about since us married is how to make me mind. He
don’t want a wife, he want a dog.“ (Walker 1982: 68).
Harpo seinerseits hält sie nicht auf, anscheinend fällt ihm auch
nicht ein, wie er Sofia zum bleiben bewegen könnte. Vielleicht ist er sich
seiner Fehler bewußt, leid tut ihm Sofias Aufbruch aber sicher: „He
look out toward the creek every once in a while and whistle a little tune. But
it nothing compared to the way he usually whistle. His whistle sound like it
lost way down in jar, and the jar in the bottom of the creek.“. Nach einem
letzten Windelwechsel bei ihrem Baby benutzt er dann dessen alte Windel, um sich
die Augen zu wischen (Walker 1982: 71/72).
Ein halbes Jahr nach Sofias Abreise eröffnet Harpo, in neu erwachtem
Geschäftssinn, zusammen mit seinem Freund Swain eine Kneipe, für die
er sein und Sofias altes Wohnhaus umbaut. Es sieht so aus, als schließe er
völlig mit seiner Ehe ab, beseitige die Scherben.
Seine neue Freundin, die er wenig respektvoll Squeak
(„Quietsch“) nennt, repräsentiert genau die Eigenschaften, die
er an Sofia immer vermißt hat: sie gibt keine Widerworte und tut immer
das, was er von ihr verlangt.
Als Sofia jedoch eines Tages mit ihrem neuen Freund in der Kneipe
auftaucht, geht Harpo sofort auf sie zu und macht ihr Vorwürfe, daß
sie nicht mit den Kindern zu Hause ist, sondern in einer Kneipe: „It just
a scandless, a woman with five children hanging out in a jukejoint at
night.“ (Walker 1982: 86). Als Squeak sich bei Harpo beschwert, daß
er mit Sofia tanzt und diese daraufhin gehen will, macht Harpo deutlich, was er
wirklich denkt und wie er zu Sofia steht. „You don’t have to go
nowhere. Hell, this your house“ (Walker 1982: 87).
Er nimmt auch regen Anteil, als Sofia kurz danach in der Stadt verhaftet
wird, weil sie die Frau des Bürgermeisters geschlagen hat.
Gegen Ende der Geschichte leben die beiden dann wieder zusammen, Squeak hat
Harpo inzwischen verlassen, um Karriere als Sängerin zu machen: Sofia
empfindet wieder etwas für ihn, als er den menschlichen
Besserungsprozeß seines Vaters, Mr. ____, einleitet. Letzterer war,
nachdem Celie ihn verlassen hatte, völlig verwahrlost und emotional
abgestumpft.
„[...] Harpo force his way in. Clean the house, got food. Give his
daddy a bath. [...] Harpo went up there plenty nights to sleep with him. [...]
Well, one night I walked up to tell Harpo something - and the two of them was
just laying there on the bed fast asleep. Harpo holding his daddy in his
arms.“ (Walker 1982: 231).
Harpo hat also mit seinem ‚unmännlichen‘ Verhalten seinem
Vater das Leben gerettet, aus Liebe zu seinem Vater, wegen dessen aufgezwungener
Weltanschauung er einst seine Frau verloren hatte.
Harpo und Sofia haben wieder zu ihrer alten Lebensweise gefunden, diesmal
jedoch ohne daß Harpo das Gefühl hat, Sofia kontrollieren zu
müssen: Sofia führt Celies Laden, während Harpo die am und in
ihrem neuen Haus übernimmt.
Donna Haisty Winchell schreibt in ihrem 1992 bei Twayne Publishers
erschienenem Buch „Alice Walker“, bei Harpo und Sofia sei eine
Verkehrung der Geschlechterrollen zu beobachten. Ich denke auch, daß Harpo
Walkers Beispiel dafür ist, daß das Eurozentrische Geschlechtermodell
(der Mann steht über der Frau) sowie die stereotypische Rollenverteilung
Mann = Feldarbeit und Frau = Hausarbeit nicht etwas angeborenes ist, das
völlig selbstverständlich in jeder Frau und jedem Mann von Geburt an
gespeichert ist.
Harpo und Sofia beweisen im Buch das Gegenteil. Ihr Problem ist, daß
die Gesellschaft, in diesem Fall Harpos Vater - und durch seine Erziehung auch
Harpo selber - ein stereotypisches männliches Verhalten erwartet.
Harpo empfindet sich selber als unmännlich, weil seine Frau nicht
immer das tut, was er gerade verlangt. Ihn stören gar nicht Hausarbeit und
die Versorgung des Kindes, lediglich die Sticheleien seines Vaters lassen ihn
nach und nach glauben, daß es für einen Mann nicht in Ordnung ist, so
etwas zu tun.
Am Ende des Buches ist es ihm dann gleichgültig, ob die
Rollenverteilung das Klischee erfüllt, ihm liegt nur noch daran, daß
er und Sofia glücklich sind: „What I’m gon mind for ? It seem
to make her happy. And I can take care of anything come up at home.“
(Walker 1982: 288).
Samuel
Die Romanfigur Samuel steht im deutlichsten Gegensatz zu den anderen
Charakteren aus „The Color Purple“ und entspricht in keinem Punkt
dem aggressiven, frauenfeindlichen und antiemanzipatorischen Männerbild.
Samuel wird als Charakter erst in der Mitte des Buches eingeführt und
hat keinerlei Einfluß auf die Entwicklung Celies. Er kann deshalb mit
Sicherheit auch als wirkliches Gegenbild zum Prototypen des oben genannten
Männerbildes gesehen werden.
Seine Frau Corinne und Samuel, ein Prediger, der Missionar bei den
amerikanischen Ureinwohnern war, nehmen Celies Kinder auf, die von ihrem
Stiefvater, einem alten Weggefährten Samuels, in seine Obhut gegeben
werden.
Als später dann Nettie bei den beiden um Aufnahme bittet, lassen
Samuel und Corinne auch sie ein und nehmen sie in die Familie auf. Bereits hier
zeigt sich seine Warmherzigkeit und Nächstenliebe.
Nettie beschreibt ihn als großen, tiefschwarzen und obendrein,
abgesehen von seinem Kragen, ständig schwarz gekleideten Mann. Aufgrund
dieses äußeren Erscheinungsbildes hat sie zu Beginn auch etwas Angst
vor ihm. „Until you see his eyes you think he’s somber, even
mean“ (Walker 1982: 144). Seine Augen sind jedoch freundlich und
verständnisvoll, ebenso wie sein Verhalten, „he never says anything
from the top off his head and he’s never out to dampen your spirit or to
hurt“ (Walker 1982: 144).
In ihrem Buch „The Same River Twice“ beschreibt Alice Walker
Samuels Art wie folgt:
„He is a ‘touching’ person and a natural comforter. With
Samuel women feel no need to appear other than themselves because they sense he
is at least capable of loving them as they are. [...] Though Nettie claimed she
never thought of him ‚as a man‘ before he cried in her arms, he is
the kind of man women have fantasies about (erotic rather than pornographic)
because the woman he is with generally seems so contented. He is a vulnerable
man, capable of tears, of being wrong, of admitting failure. In this he is a
success as a human being, as well as a success with women who desire a man who
is humanlike themselves.“ (Walker 1996: 53). Samuel scheint also fast
perfekt, lediglich mit kleinen menschlichen Makeln behaftet. Dieser Mann
hätte nicht in Celies Umfeld gepaßt, darum erscheint er wohl auch nur
im Nebenstrang der Geschichte, in Afrika, dem Kontinent, den so viele aus der
Black Community als ideale Heimat ansehen (auch wenn das in Walkers Romanen
nicht so ist).
V. Das Eurozentrische Geschlechtermodell und die Love and Trouble
Tradition in Alice Walkers „The Color Purple“
Im Verlauf dieser Ausarbeitung sind bisher sowohl das Eurozentrische
Geschlechtermodell sowie die Love and Trouble Tradition als auch Alice Walkers
„The Color Purple“, mit besonderem Schwerpunkt der Darstellung des
Männerbildes anhand der Charakterisierungen Mr. ____s, Harpos und Samuels,
vorgestellt worden. Im folgenden Abschnitt soll nun versucht werden
festzustellen, inwiefern die Love and Trouble Tradition und das Eurozentrische
Geschlechtermodell den Rollenverhältnissen in „The Color
Purple“ entsprechen.
„Mayor ____ bought Miz Millie a new car, cause she said if colored
could have cars then one for her was past due.“ (Walker 1982: 107). Dieser
beiläufige Bericht Celies in einem ihrer Briefe an Gott ist ein treffendes
Beispiel für das Eurozentrische Geschlechtermodell in Alice Walkers Roman.
Es zeigt, wie tief die Vorstellung, Weiße seien den Farbigen
überlegen, in den Äußerungen der Frau des Bürgermeisters
verwurzelt sind. Sie begründet deshalb indirekt ihren Willen, ihr eigenes
Auto besitzen zu wollen, mit den Vorstellungen des Eurozentrischen Weltbildes:
Ihre gesellschaftliche Stellung gilt als Legitimation für ihre
Ansprüche.
Das Eurozentrische Geschlechtermodell beruht jedoch nicht nur auf der
Annahme, Weiße seien den Farbigen überlegen, sondern auch Männer
ständen über den Frauen. Für diese These gibt es in Alice Walkers
„The Color Purple“ eine Menge Hinweise. Besonders in der Beziehung
zwischen Mr. ____ und Celie wird dies deutlich. Dort findet die
Überlegenheit Alberts in der physischen und psychischen Gewalt gegen seine
Frau ihren Ausdruck (Beispiele siehe Mr. ____/Albert). Erschreckend ist in
diesem Zusammenhang die Tatsache, daß sich Celie mit dieser Gewalt
abgefunden zu haben scheint. Dies stellt sich unter anderem in gleichgültig
klingenden Äußerungen wie „Just a slap now and then when he
ain´t nothing else to do“ (Walker 1982: 115) oder „I make
myself wood“ (Walker 1982: 23) dar. Eine mögliche Erklärung
für diesen Zustand findet man in der Frauenliteratur, zum Beispiel bei P.
Hill Collins oder bei Bell Hooks: Beide sehen in der Love and Trouble Tradition
einen möglichen Ursprung. Daß dies jedoch nicht auf Celie und Mr.
____ zutreffen kann, beweist die einfache Tatsache, daß beide nicht sich,
sondern Shug Avery lieben. Einen Hinweis auf die Love and Trouble Tradition in
„The Color Purple“ findet sich jedoch in einer Erzählung Shugs
über ihre Mutter: „She just like me. Mama say. She drink, she fight,
she love mens to death.“ (Walker 1982: 126).
Interessant ist nun die Frage, warum Celie erst so spät und nur mit
Hilfe Shug Averys den Mut findet, Mr. ____ zu verlassen. Die Erklärung
liegt darin, daß Celie vor ihrer Freundschaft mit Shug niemanden hat, dem
sie sich anvertrauen kann und deshalb auf sich allein gestellt ist. Ein weiteres
Indiz für die Hinnahme der Gewalt durch ihren Stiefvater und ihren Mann
findet sich in Celies Briefen an Gott. Dort schreibt sie: „Bible say,
Honor father and mother no matter what. [...] But he my husband.“ (Walker
1982: 43-44). Diese Textstellen verdeutlichen, daß Celie die Gewalt, die
sie erfährt, durch die Bibel legitimiert sieht.
Die erwähnte Annahme, farbige Männer reagierten gewalttätig
gegen Frauen und kompensierten somit ihre angestauten Aggressionen, da ihnen der
Großteil der Unterdrückung der Gesellschaft widerfährt, trifft
im Falle Mr. ____s nicht zu. An keiner Stelle des Romans wird deutlich,
daß Albert persönlich mit der (weißen) Gesellschaft in Konflikt
gerät. Vielmehr ist er ein verhältnismäßig wohlhabender
Farmer auf dem Land seines Vaters, der relativ wenig Kontakt mit Weißen
hat.
Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in „The Color
Purple“ stellt sich jedoch nicht immer so antagonistisch dar wie zwischen
Mr. ____ und Celie. Daß Albert auch eine andere Rolle einnehmen kann,
zeigt sich nicht nur daran, daß er einmal Shugs Kleid anzieht:
„[...] he one time put on my [Shugs] dress.“ (Walker 1982: 153).
Auch sein Verhalten gegenüber der Frau, die er liebt, unterscheidet sich
von seinem Verhalten gegenüber Celie (siehe Mr. ____/Albert). Erst als sich
Albert positiv verändert, kann er auch Celie als gleichgestellten
Partner/Freund akzeptieren.
In der Beziehung zwischen Harpo und Sofia sind die „typischen“
Rollen von Mann und Frau sogar vertauscht. Sofia, die Harpo (physisch)
überlegen ist, trägt seine Hosen und verrichtet vorwiegend
handwerkliche Tätigkeiten, während Harpo sich um das Kind und den
Haushalt kümmert. Die Beziehung zwischen den beiden wird erst dadurch
gefährdet, daß Harpo versucht, das Rollenverständnis seines
Vaters auf seine Ehe zu übertragen.(siehe Harpo)
Weitere Beispiele für harmonische und gleichberechtigte Beziehungen
sind die Ehen zwischen Samuel und Corinne bzw. zwischen Samuel und
Nettie.
Buster/Prizefighter, Sofias zwischenzeitlicher Geliebter bringt seine Rolle
als Mann in einer Beziehung auf den Punkt: „I don´t fight Sofia
battle. My job to love her and take her where she want to go.“ (Walker
1982: 86).
Abschließend läßt sich feststellen, daß Alice Walker
in ihrem Roman „The Color Purple“ neben dem Rollenverhältnis im
Eurozentrischen Geschlechtermodell eine Vielfalt anderer Möglichkeiten der
zwischenmenschlichen Beziehung aufzeigt. Dazu gehört neben den genannten
Formen auch die homosexuelle Beziehung, die Walker in der Liebe zwischen Celie
und Shug Avery beschreibt. Daß die Autorin das Rollenverhältnis des
Eurozentrischen Geschlechtermodells nicht als Alternative zu einer der anderen
Möglichkeiten ansieht, wird deutlich in ihrer Darstellung der
Unmenschlichkeit Mr. ____s gegenüber Celie. Auch die Reaktionen der Leser
(siehe Reaktionen) unterstützen Alice Walker in diesem Punkt.
VI. Reaktionen auf „The Color Purple„
Der folgende Abschnitt befaßt sich mit Reaktionen zu Alice Walkers
„The Color Purple“. Als Quelle soll Alice Walkers 1996 erschienenes
Buch „The Same River Twice: Honoring the Difficult“ dienen. Darin
werden die Geschehnisse und die Erlebnisse der Autorin in der Zeit nach der
Veröffentlichung ihres Buches „The Color Purple“ sowie nach
der Verfilmung dokumentiert. An dieser Stelle soll jedoch hauptsächlich auf
die Diskussion über das Männerbild eingegangen werden.
Gegen die Art der Darstellung des Männerbildes in „The Color
Purple“ wendet sich Tony Brown in einem Kommentar im „Carolina
Peacemaker“ vom 4. Januar 1986 (Walker 1996: 223-225). Da Brown den Film
nicht selber gesehen hat und auch nicht beabsichtigt ihn zu sehen, zitiert er
vorwiegend andere Quellen. TIME: „[...] Walkers message: Sisterhood is
beautiful, and Men stink.“ Willis Edwards, president of the Hollywood
NAACP: „It [the movie] was stereotypical and demeaning.“ Tony Brown
äußert sich anschließend zu der Darstellung des
Männerbildes und zu der Beziehung zwischen farbigen Frauen und
Männern: „While I know that some black men have raped their
daughters, I know that the vast majority have not. [...] And lesbian affairs
will never replace the passion and beauty of a free black man and a free black
woman.“ Brown bedauert vor allem die Tatsache, daß zu einer Zeit, in
der Filme mit „black themes“ selten sind, gerade die Fehler der
farbigen Männer thematisiert werden, anstatt vielmehr über Nelson
Mandela, Martin Luther King oder Malcolm X zu berichten.
Daß es Gewalt gegen Frauen gegeben hat/gibt, begründet er mit
der (psychologischen) Unterdrückung gegen männliche Sklaven durch
Weiße: „Subsequently, he [the male slave] learned to direct his
hostility away from the objects of fear and worship, whites, and towards those
without power instruments - other blacks, women being the most
vulnerable.“
In der selben Ausgabe des „Carolina Peacemaker“ vom 4. Januar
1986 schreibt Anita Jones eine Widerlegung zu Tony Browns Kommentar
„Blacks Need To Love One Another“. In ihrem Artikel „Scars Of
Indifference“ (Walker 1996: 225-228) stellt Jones zunächst die
Ungewöhnlichkeit der Tatsache fest, daß Tony Brown über einen
Film schreibt, den er nie gesehen hat. Des weiteren bezweifelt sie die meisten
Standpunkte Browns: „One would have to ask what basis he has for these
conclusions.“, ist ihre einfache Frage auf Browns Feststellung, daß
die Liebe zwischen zwei Frauen niemals der Liebe zwischen einem Mann und einer
Frau gleichzusetzen sei. Für Jones zeigt Tony Brown „[...] a serious
lack of awareness as to what is happening in the lives of modern black
women.“ Sie stellt auch fest, daß „The Color Purple“ in
erster Linie ein Buch über farbige Frauen sei und nicht ein Buch gegen
farbige Männer. Auch sei es nicht die Aufgabe eines Buches oder eines
Filmes, jede mögliche Situation zu beleuchten. Tony Browns Begründung
für Gewalt gegen Frauen lehnt Anita Jones entschieden ab: „For all
the oppression that black men have suffered, black women have suffered twice as
much because, as Tony Brown has pointed out, black women had to take it from
white society as well as black men.“
Alice Walkers Buch „The Same River Twice: Honoring the
Difficult“ enthält auch Briefe von Lesern, von denen einige auf das
Männerbild in „The Color Purple“ eingehen:
In seinem Brief an Alice Walker vom 12. Februar 1985 schreibt Derrick Bell
aus Stanford, California, daß es ungerecht sei, die Autorin, als
Beobachterin der Zustände, und nicht die Gesellschaft und deren
Mißstände zu kritisieren. Des weiteren stellt er fest, daß es
nicht möglich sei auf der einen Seite zu sagen, die farbigen Männer
wären das Opfer des Rassismus gewesen, auf der anderen Seite jedoch die
seelischen Folgen zu verleugnen und eine heile Welt simulieren zu wollen:
„[...] we cannot have it both ways. Either black males have been the
special victims of American racism as we militants claim and bear the emotional
scars, or we have been lying all these years. If we have been accurate in our
accusations, then your [Alice Walkers] portrayal should be accepted if not
welcomed.“ (Walker 1996: 232).
In einem Brief an das „PEOPLE-Magazine“ vom 12. März 1986
beschwert sich Felicia Kessel von der National Association for the Advancement
of Colored People (NAACP) über ein abgedrucktes Interview mit ihr, in dem
ihre Kommentare aus dem Zusammenhang gerissen wurden, so daß der Eindruck
entstanden ist, die NAACP sei gegen „The Color Purple“. Dies
widerlegt Felicia Kessel in ihrem Brief und schreibt über den Film:
„[...] one truely ,Outrageous Color Purple.’“(Walker 1996:
236). Die NAACP vermutet, daß durch den Artikel im
„PEOPLE-Magazine“ absichtlich Spannungen erzeugt worden wären,
wenn sich bewahrheitet hätte, daß die Vertretung der Farbigen den
Film wirklich negativ beurteilt hätte.
Am 27 Mai 1986 erhält Alice Walker einen Brief, bei dem der Name der
Verfasserin nicht abgedruckt ist (Walker 1996: 245-248). Die Absenderin dankt in
ihrem Schreiben der Autorin für den Roman „The Color Purple“
sowie dessen Verfilmung und beschreibt in welchem Maße sie sich mit der
Protagonistin des Buches identifizieren kann: „ I am a
twenty-seven-year-old white woman who lived in a home where emotional abuse was
commonplace. I can´t identify with how Celie was physically beaten or
sexually abused, but I can identify with her when she was told she had an ugly
smile [...] an she was a woman and was ,nothing at all’.“ Des
weiteren beschreibt sie die Zustände in ihrem Umfeld und in ihrer
Nachbarschaft in dem Bundesstaat, in dem sie lebt: „I live in a state
where incest is rampant [...]. Women are made to feel guilty if they are not
married with several children by the time they are twenty-five years old. These
women are continually suppressed and belittled by their husbands and other men.
Spouse abuse and child abuse are very common within these homes. All of the
polygamist families are white and the incest most happens in white homes.“
Dies ist ein Beispiel, das zeigt, daß Mißbrauch und Gewalt gegen
Frauen keine Frage der Hautfarbe ist. Auch die Verfasserin dieses Briefes teilt
diese Auffassung. In ihrem Schreiben zitiert sie aus einem Interview mit Whoopi
Goldberg aus dem „Ms.-Magazine“: „The Color Purple is not a
movie about race. What happens to Celie is happening to women all over the world
of all races and backgrounds, that is the fact. This is a story about the trials
of the human spirit.“
Gary Paul Wright ist ein 32-jähriger Farbiger, der Alice Walker aus
Astoria, New York, schreibt (Walker 1996: 256). Er teilt nicht die Meinung,
daß „The Color Purple“ die farbigen Männer ungerecht oder
gar falsch beschreibt, denn für ihn ist der Roman eine sehr realistische
Erzählung: „You tell me what family hasn´t had a father,
grandfather, uncle, brother or cousin who wasn´t the spitting image of Mr.
____. You show me one family who denies that and I´ll show you a
pack of liars. Your novel was a slice of life - real life. Black folks are not
immune to reality. Many times we (they) have to face facts. Whether good or bad,
reality simply is...“
VII. Persönliche Stellungnahmen
Christian Rohlfing:
In diesem Abschnitt will ich auf meine persönlichen Gedanken zu Alice
Walkers Roman „The Color Purple“ und dabei
schwerpunktmäßig auf die angesprochenen Themen wie dem
Männerbild, den Rollenverhältnissen zwischen Mann und Frau und den
Reaktionen zu dem Buch eingehen. Des weiteren bietet mir diese persönliche
Stellungnahme auch die Möglichkeit bisher noch nicht erwähnte, mir
jedoch wichtig erscheinende Aspekte zu behandeln.
Zunächst möchte ich beschreiben, wie sich meine Einstellung zu
Alice Walkers Roman im Verlauf der intensiveren Beschäftigung , die eine
solche Ausarbeitung wie diese mit sich bringt, verändert hat. Dabei ist mir
bewußt geworden, wie oberflächlich, sei es aus Zeitmangel oder aus
Desinteresse, man/ich ein Buch lesen kann, um dann im Glauben zu sein, man/ich
habe alles verstanden. Das ich nach dem erstmaligen Lesen noch nicht viel
verstanden hatte, möchte ich an einigen Beispielen zeigen:
Nach dem ersten Lesen des Buches erschien mir der Charakter des Mr. ____s
sehr eindimensional. Ich empfand die Gewaltdarstellung zu sehr in den
Mittelpunkt gestellt. Daher konnte ich Kritiker, die dies bemängelten, sehr
gut verstehen.
Auch Harpo vermittelte meiner Meinung nach kein besseres Männerbild.
Er zeigte Schwächen gegenüber seinem Vater, da er sich nicht
durchzusetzen wußte, und gegenüber Sofia, die er zu schlagen
versuchte. In der filmischen Umsetzung durch Steven Spielberg, teilte/teile ich
Alice Walkers Meinung bezüglich Harpo: „[...] maybe Steven
[Spielberg] assumed Harpo was named with Harpo Marx in mind.“ (Walker
1996: 35).
Charaktere wie Samuel oder Buster habe ich nicht viel Aufmerksamkeit
geschenkt, da sie mir als Randfiguren nicht so wichtig erschienen.
Nach wiederholter Beschäftigung mit dem Buch und dem Film hat sich
mein Standpunkt zu Alice Walkers Roman geändert. Der Hauptgrund liegt
darin, daß ich erkannt habe, wie vielschichtig die einzelnen Charaktere
und „The Color Purple“ an sich sind. Ich denke, daß es an
dieser Stelle nicht noch einmal nötig ist, genauer auf diese Personen
einzugehen. (siehe IV.) In Bezug auf die vielen kritischen Reaktionen innerhalb
der Black Community stelle ich mir im Nachhinein folgende Fragen:
Warum fühlen sich offenbar so viele farbige Männer durch die Art
der Darstellung des Männerbildes in „The Color Purple“
angegriffen ?
Ist die positive Entwicklung Alberts nicht bemerkenswert genug?
Ist Harpos „Rollentausch“ mit Sofia nicht bemerkenswert
genug?
Ist der Umgang Samuels mit seinen Frauen Corinne und Nettie nicht
bemerkenswert genug?
Sollten diese Kritiker das Buch auch so oberflächlich gelesen haben
wie ich beim ersten Lesen?
Die vorangegangenen (rhetorischen) Fragen, sollen noch einmal zeigen,
daß in „The Color Purple“ doch mehr enthalten ist, als man/ich
zunächst denken könnte. Wie wir versucht haben herauszuarbeiten,
betrifft dies eben nicht nur die Charaktere, sondern auch die unterschiedlichen
Beziehungsformen (siehe V.).
Weitere Fragen die ich mir nach dem Lesen und im Verlaufe der Ausarbeitung
gestellt habe, beschäftigten sich mit dem Thema des Buches an sich und mit
der Realitätsnähe des Romans. Zum ersten Punkt kann ich mich der
Meinung Anita Jones anschließen, die in ihrem Artikel „Scars Of
Indifference“ darstellt, daß „The Color Purple“
primär ein Buch über Frauen und nicht über Männer ist (siehe
VI.). Zum zweiten Punkt glaube ich sagen zu können, daß es gar nicht
so wichtig ist, daß alles realitätsnah sein muß. Das Ende des
Buches ist es sicherlich nicht. Es handelt sich schließlich um Fiktion.
Wichtig ist vielmehr, was die Autorin mit ihrem Buch erreichen will. Wie schon
erwähnt kommt dabei auch dem Ende als eine Vision und als ein positives
Zeichen eine wichtige Bedeutung zu. Daß Alice Walker mit ihrem Roman eine
Menge erreicht hat, zeigen meiner Meinung nach die vielen positiven Zuschriften
in „The Same River Twice: Honoring the Difficult“.
Abschließend möchte ich sagen, wie beeindruckt auch ich von
„The Color Purple“ war und von der Tatsache, wie sehr sich mein
Standpunkt geändert hat.
Niels Meyer:
„The Color Purple“ ist ein Buch, hinter dem viel mehr steht,
als das erste Lesen offenbart. Das ist zwar bei den meisten Büchern so,
jedoch ist es mir bei diesem Buch sehr deutlich bewußt geworden. Nachdem
ich es einmal gelesen hatte und wir im Seminar auch über Kritik am Buch
gesprochen hatten, zählte ich mich auch zu den Kritikern Alice
Walkers.
Mich störte, daß, so hatte ich jedenfalls das Gefühl,
Walker in ihrer Darstellung der Männer in ihrem Buch eine so krasse
Schwarz/Weiß-Malerei betreibt, Männer böse Täter, Frauen
arme Opfer. Dementsprechend widerwillig bin ich an diese Hausarbeit
herangegangen.
Ich habe mir also das Buch genommen und es, meinen thematischen Absprachen
mit Christian folgend, noch einmal durchgeblättert. Als ich mich dabei mit
einzelnen Romanfiguren, aufgrund des Titels der Arbeit allesamt männlich,
näher beschäftigt habe, mir ihre persönliche Entwicklung vor
Augen geführt habe, ist mir jedoch aufgefallen, daß ich eigentlich
unrecht und wohl nicht gründlich genug gelesen beziehungsweise nachgedacht
hatte.
Denn das genaue Gegenteil ist der Fall, Alice Walker schreibt in ihrem
Roman sehr vielschichtig, ich habe nur zu vieles übersehen.
Samuel ist ein durch und durch positiver Charakter, Harpo prinzipiell
ebenso, er wird durch seinen Vater in einen Männlichkeitswahn
gedrängt, aus dem er jedoch den Absprung schafft, und sogar eben dieser
Vater, Mr. ____/Albert, bessert sich.
Die Kritik am Männerbild in „The Color Purple“ läuft
also weitestgehend ins Leere, kein Mann wird als bis ins Mark böse
dargestellt, schon gar nicht wird auf irgend eine Art verallgemeinert.
Wenn sich manche Männer von diesem Buch diffamiert gefühlt haben,
dann haben sie, so wie ich, nicht gründlich genug gelesen. Sicherlich ist
manch positive Eigenschaft der Männer nicht so offensichtlich, ein kurzes
Lesen reicht da nicht aus, man muß doch eine Bereitschaft entwickeln, sich
mit dem Buch auseinanderzusetzen.
Aber „The Color Purple“ ist kein Buch über Männer,
also dürfen diese Aspekte wohl auch etwas knapper ausfallen. Es ist jedoch
auch kein radikalfeministisches Pamphlet, wenn die Romanfigur Albert seine Frau
Celie schlägt oder aber deren Stiefvater sie zum Geschlechtsverkehr zwingt,
dann heißt das nicht, das Alice Walker alle Männer als brutal und als
Vergewaltiger anprangern will. Wer den Roman so versteht, hat nicht
verstanden.
Es ist ein Buch über eine Frau und ihr Umfeld, eine
Situationsbeschreibung, aber dennoch eine Fiktion. Das dabei sensible
gesellschaftsspezifische Punkte berührt werden, liegt in der Natur des
Buches.
Ich fürchte, daß die Männer, aus der Black Community, aber
nicht nur die, die sich angegriffen gefühlt haben, allen Grund dazu hatten,
sich wirklich persönlich angegriffen zu fühlen.
Wir haben uns oft darüber unterhalten, ob der Wandel von Mr. ____ zu
Albert realistisch ist, oder ob er überzogen positiv ist, ebenso wie das
„paradiesische“ Ende des Romans, bei dem alle Freunde und
beieinander sind, eine große Familie.
Ich glaube nicht, das es realistisch ist und ich glaube zu wissen, das
Alice Walker das ebenso klar war. Es ist ihre Vision, ihr Utopia, in dem Frauen
Frauen und Männer Männer sind, ohne stereotype Rollen erfüllen zu
müssen, in dem jeder das tut, was sein Naturell ist, sei es nun kochen oder
Häuser bauen, eine laut „klassischer“ Definition männliche
oder weibliche Tätigkeit.
Nach so viel bitteren Erfahrungen, die Celie - und damit auch der Leser -
im Verlauf des Romans macht, tut etwas Licht am Ende des Tunnels sicher auch
ganz gut, auch wenn es vielleicht etwas überspitzt wirkt.
Als persönliches Fazit zu „The Color Purple“ muß ich
sagen, das ich mich mit diesem Buch sehr geirrt habe und meinen eigenen
Standpunkt überdenken mußte, was ich in diesem Fall jedoch gerne tat,
nach intensiverer Auseinandersetzung mit dem Buch halte ich es für ein
wirklich sehr gelungenes und empfehlenswertes Buch.
VIII. Anhang
Anhang 1:
Anhang 2:
Literaturangaben:
Walker, Alice. The Color Purple. New York: Pocket Books, 1982
Walker, Alice. The Same River Twice: Honoring the Difficult. London:
The Women’s Press, 1996
Haisty Wincell, Donna. Alice Walker. New York: Twayne Publishers,
1992
Hooks, Bell. Talking Back. Boston: South End Press, 1989
Hooks, Bell. Feminist Theory: From Margin to Center. Boston: South End
Press, 1984
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