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Kriterien der Definition von Wirtschaftsblöcken
Universität Heidelberg
Geographisches Institut
Sommersemester 1993
Hauptseminar:
Seminarleiter:Prof.Dr.W. Mikus
Kriterien der Definition von
Wirtschaftsblöcken
Bearbeiter:Martin Ripsam,
12.Sem./LA
6904 Eppelheim
Hildastr. 11A
Tel.:06221/766187
Verzeichnis der Abbildungen und der
Tabellen
Inhaltsverzeichnis Seite
Vorwort
Das vorliegende Referat beschäftigt sich mit den
Definitionskriterien bei der Einteilung und Abgrenzung von
Wirtschaftsblöcken, wobei etwaige historisch bedingte Veränderungen
bei den jeweiligen Kriterien aufgezeigt werden sollen. Genauso sollen anhand von
ausgewählten Ländern Frag- und Merkwürdigkeiten, sowie
Schwächen, aber auch Vorzüge der Kriterien betrachtet werden.
Dieser Teil soll nur als Hintergrund für die im
Seminarsvortrag behandelten neueren geschichtlichen Entwicklungen dienen, die
zahlreiche neue Länder produzierten, welche noch nicht eindeutig
irgendwelchen Wirtschaftsblöcken zugeordnet sind. Dies wirft die Frage auf,
ob die klassischen Kriterien überhaupt noch anwendbar sind, oder ob
für diese neuen Länder ebenfalls neue Kriterien geschaffen werden
müssen.
Es werden in diesem Referat nur Wirtschaftsblöcke
behandelt, die heute existent sind, oder zumindest noch bis vor 2-3 Jahren
vorhanden waren wie zum Beispiel die Planwirtschaft in den Ostblockländern.
So wird zum Beispiel das Phänomen "wie wurden heutige
Entwicklungslännder zu Entwicklungsländer?" nur kurz erläutert,
aber durch Hinweise im Literaturverzeichnis kann je nach Interessenlage des
Lesers weiterführende Literatur zur Vertiefung des Sachverhalts
herangezogen werden.
Prinzipiell wird dieses Referat kein
wirtschaftsgeschichtlicher Abriß, sondern es soll die Kriterien, deren
historische Entwicklung und determinierenden Institutionen zur Definition von
Wirtschaftsblöcken charakterisieren.
Einleitung
Ein Wirtschaftsblock charakterisiert eine Gruppe von
Staaten, in denen ähnliche Wirtschaftsordnungen vorherrschen, wobei die vom
jeweiligen Staat gesetzte Wirtschaftsordnung eine Rahmenbedingung für das
wirtschaftliche Handeln darstellt. Es kann hierbei grob zwischen vier Idealtypen
unterschieden werden, wobei aber global betrachtet zahlreiche Mischformen der
einzelnen Wirtschaftsordnungen auftreten
(SCHÄTZL,1991:15).
Die einfachste Unterscheidung kann zwischen dem
Wirtschaftssystem der Marktwirtschaft und der Planwirtschaft getroffen werden.
Innerhalb dieser beiden Wirtschaftssysteme werden anhand von Indikatoren -auf
die später eingegangen wird- Länder nach ihrem Entwicklungsstand
klassifiziert.
Mitte der 80er Jahre war zum Beispiel der
Entwicklungsstand von Ländern eine wichtige Klassifikation von
Wirtschaftsblöcken. Hierzu wurde eine Vielzahl von Kriterien herangezogen.
Als da wären:das Bruttosozialprodukt, das Realeinkommen pro Einwohner, der
Anteil der im primären und im sekundären Sektor Beschäftigten,
der Energieverbrauch und die Stahlproduktion pro Einwohner. Weiterhin noch der
Technisierungsgrad der Landwirtschaft, die Kapitalbildung und die
Investitionsquote. Demographische Kriterien waren die räumliche und die
zeitliche Bevölkerungsdynamik, der Bildungsstand sowie die Infrastruktur
des Landes (HAGEL,1984:308).
Wie sich nun diese Kriterien im Laufe der Zeit
geändert haben (haben sie sich geändert?) wird im folgenden
untersucht.
Allerdings gäbe es anhand dieser Kriterien
innerhalb einzelner Länder "Entwicklungsländer" wie zum Beispiel
Süditalien und Sizilien im Vergleich zu Norditalien. Eine solche regionale
Anwendung dieser Kriterien soll in diesem Referat nicht erfolgen, sondern wie
bestimmte Wirtschaftsblöcke anhand bestimmter Kriterien bestimmt werden, so
daß regionale Disparitäten innerhalb bestimmter Länder
vernachlässigt werden.
1. Kriterien zur Abgrenzung von
Wirtschaftsblöcken
[Anm.:Der Mangel an weiteren Literaturangaben
außer BOBEK deuten nicht auf einen Mangel an Literatur hin, sondern auf
den Mangel an seriöser Auseinandersetzung von Wirtschaftsforschern und
Geographen in den 50er und 60er Jahren. Die meisten Aufsätze befassen sich
mit Kolonialherrenarroganz mit der Einteilung in Wirtschaftsblöcken, so
daß BOBEK, der die Vorgehensweisen der Vereinigten Nationen beschreibt,
hier eine Ausnahme bildet.]
Die einzelnen Wirtschaftsblöcke und
Wirtschaftsregionen grenzen sich durch Unterschiede in puncto Ökonomie,
Kultur, sowie politischer und sozialer Hinsicht von einander ab. All diese
Faktoren müßten theoretisch berücksichtigt werden, wenn eine
genaue Klassifikation aller Länder nach ihrem Entwicklungsstand vorgenommen
werden sollte (FINKING,1978:228)
Diese Kriterien änderten sich im Laufe der Zeit
mehrmals. Waren gegen 1955 die Verteilung des Welteinkommens, die
Ernährungsverhältnisse und der Prozentsatz der im agrarischen Sektor
Beschäftigten die Hauptkriterien zur Abgrenzung von
Wirtschaftsblöcken, so waren die Einkommensunterschiede zwischen den
einzelnen Pro-Kopf-Quoten sehr kraß, was vor allem die im Zweiten
Weltkrieg unmittelbar betroffenen europäischen Länder betraf. An der
Spitze dieser Länderhierarchie standen die USA, Kanada, Neuseeland,
Australien und die Schweiz mit Pro-Kopf-Einkommen von über 1200 $,
während die übrigen europäischen Länder bis 700 $
herabreichen. Die UdSSR markierte die obere Grenze der sozialistischen
Länder, in denen die Planwirtschaft als Wirtschaftsform vorherrschte. Das
Ende dieser Hierarchie bildeten Indien, China, Pakistan sowie andere asiatische,
afrikanische und die lateinamerikanischen Länder. Die Einkommensgrenze
wurde für die sogenannten unterentwickelten Länder bei 300 $
angesetzt, während Länder mit einem Durchschnittseinkommen zwischen
300 bis 500 $ eine Übergangsstellung einnahmen
(BOBEK,1962:72).
Die Ernährungsverhältnisse, d.h., die
Kalorienmengen pro Tag und Kopf klassifizierten 64% der Weltbevölkerung
unterhalb des Weltdurchschnitts von 2500 Kalorien. 56% der damaligen
Weltbevölkerung blieben sogar noch unter 2150 Kalorien pro
Tag.
Die obigen Einteilungen verfeinerte dann die
Miteinbeziehung des prozentualen Anteils der in der Landwirtschaft
Beschäftigten. So charakterisierte ein Prozentsatz von unter 30%
Industrieländer, die auch schon unter dem Kriterium der
Einkommensverhältnisse die Gruppe der sogenannten "Reichen Länder"
bildeten.
Unter die Kategorie der "Mittleren Länder" fallen
die UdSSR, Japan, Brasilien, Mexiko, Polen und Ungarn, während die
Kategorie mit über 2/3 aller Beschäftigten in
der Landwirtschaft von den restlichen Ländern gebildet wird
(BOBEK,1962:73)
Mitte der 50er Jahre wurden vor allem von amerikanischen
Wissenschaftlern wie HARTSHORNE, BERRY, GINSBURG Merkmale wie Ernährung,
Erziehung, Arbeitsbedingungen, Verbrauch von verschiedenen Gütern,
Infrastruktur, um nur einige zu nennen, zur besseren Charakterisierung von
unterentwickelten Ländern verwendet. Insgesamt waren es 47 Struktur- und
Verhaltensmerkmale, die 96 Länder der Welt charakterisierten
(BOBEK,1962:73).
BERRY verwendete um 1960 Merkmale wie das
Pro-Kopf-Einkommen, die Bevölkerungsdynamik, den
Pro-Kopf-Kalorienverbrauch, den Prozentsatz der nichtagrarischen
Beschäftigten, den Weizen- und Reisertrag pro ha, den Prozentsatz der
alphebetisierten Bevölkerung, den Verbrauch an Stahl und
Handelsdünger, sowie die Menge an Motorfahrzeugen und erzeugter Energie, um
zu einer "feineren" Zuordnung der untersuchten Länder zu
kommen.
Den aus den obigen Merkmalen erhaltenen
Wirtschaftsblöcken wurden folgende Länder zugeordnet:
1. Westliche Industrieländer,
2. Ostblockländer
3. Die Länder im circum-mediterranen
Raum
4. Die lateinamerikanischen Länder
5. Die Länder des heutigen Mittleren
Ostens
6. Das tropische Afrika
7. Süd- und Ostasien
(BOBEK,1962:74f).
In den 60er Jahren kam dann im internationalen
Sprachgebrauch die Dreiteilung in die 1.Welt der Industrieländer, in die
2.Welt der Länder mit einer zentral geplanten Wirtschaft und in die 3.Welt
der ärmeren Länder auf (GOTW,1983:1).
Nach der sogenannten Ölkrise im Jahre 1973, und dem
damit verbundenen gestiegenen Wohlstand und Wirtschaftskraft der
OPEC-Länder, wurden diese zwar berücksichtigt, aber nicht als
eigenständiger Wirtschaftsblock, sondern als Gruppe innerhalb der
regionalisierten Entwicklungsländer aufgeführt, wie Abbildung 1
zeigt.
Gegen Ende der 70er Jahre wurden dann seitens der
Weltbank vermehrt soziale und politische Kriterien, wie das Einkommensniveau,
Industrieland oder Agrarland, OPEC-Länder mit einem
Kapitalüberschuß, sowie die Länder mit einer zentralen
Planwirtschaft verwendet, um fünf Gruppen von Ländern mit
unterschiedlichen Wirtschaftsordnungen und Entwicklungsständen zu
unterscheiden, d.h., fünf Wirtschaftsblöcke zu erhalten.
Um nun zwischen den Entwicklungsniveaus zu
differenzieren, verfaßte die Weltbank weitere Kriterien wie der
Pro-Kopf-Kalorienverbrauch, der prozentuale Anteil der Beschäftigten in der
Landwirtschaft, die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Geburtsperiode
zwischen 1970-75, die Analphabetenrate unter der Bevölkerung, die
älter als 15 Jahre ist. Weiterhin wurde der prozentuale Exportanteil von
landwirtschaftlichen Produkten und industriellen Gütern
berücksichtigt.
1.1. Schwächen der
Kriterien
Schießt man zuerst einen Meter
links, dann einen Meter rechts von einem Fuchs vorbei, so ist er statistisch
gesehen tot (Al Bundy).
Das Bruttosozialprodukt (BSP) als alleiniger Indikator
für ein bestimmtes Entwicklungsniveau genügt nicht, um verschiedene
Entwicklungslevels zu charakterisieren. Um sich verschiedene BSP´s vor
Augen zu führen, sollen hier einige Dimensionen von BSP´s
aufgeführt werden:die USA geben quantitativ mehr von ihrem BSP für
militärische Zwecke aus als die BSP´s von Dänemark, Norwegen und
Finnland zusammengenommen. Prozentual gesehen sind die Militärausgaben vom
BSP von Israel und Saudi-Arabien aber höher als die der USA. Somit kann das
BSP nur eine ungefähre Zuordnung liefern. Es sagt nämlich nichts
über die Verteilung der Mittel innerhalb der Bevölkerung aus.
(DADAYAN, 1988:12) Hinzukommen müßte, so die Meinung von DADAYAN, der
aus der ehemaligen UdSSR stammt, ein von ihm vorgeschlagenen sozialer Abzug,
d.h., inwieweit der durchschnittliche Mensch in einem ihm angemessenen sozialen
Umfeld wie soziale Leistungen, beschäftigt oder arbeitslos, lebt. Wobei die
Arbeitslosenrate als Maßstab für einen bestimmten Entwicklungsstand
dienlich erscheint, die dann vom BSP abgezogen werden sollte. Aber selbst dieser
Vorschlag kann nicht als ein perfekter Indikator für wirtschaftliche
Entwicklungsniveaus dienen (DADAYAN, 1988:18)
Allerdings verwendet die Weltbank weiterhin
monetäre Kriterien zur Kategorisierung von Ländern, die dann zu
Wirtschaftsblöcken zusammengefaßt werden. Hierbei wird die Grenze
zwischen "arm" und "reich" bei einem Pro-Kopf-BSP von 5000 $ gezogen, so
daß Großbritannien mit 5030 $ zu den "reichen" Ländern
gehört, während Italien, Irland und Neuseeland unter den "armen"
Ländern geführt werden (GOTT, 1983:10)
Jedoch sind im Kriteriumskatalog der Weltbank, wie oben
aufgeführt, weitere Kriterien enthalten. Aber das Beispiel "arm"/"reich"
mit der Grenze bei 5000 $ zeigt, daß Nuancen bei den Kriterien
genügen würden, so daß sich die Grenzen von
Wirtschaftsblöcken verschöben . Das gleiche würde auch für
all die anderen Kriterien der Weltbank gelten (GOTW, 1983:11).
2. Zuordnungskriterien zur
zentralen Planwirtschaft
[...] Ja mach´ nur einen Plan,
sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ´nen zweiten Plan, gehn
tun sie beide nicht. Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlecht
genug. [...] Bertolt Brecht
Im Realen Sozialismus ist das Einparteiensystem die
alles dominierende Regierungsform. "Alles" bedeutet dabei Kunst, Politik,
Religion und auch die Wirtschaft, so daß die Gesellschaft, im Gegensatz zu
den westlichen Marktwirtschaften, von all diesen Bereichen als Entscheidungs-
und Innovationsinstanz ausgeschlossen ist. Dies bedeutet dann, daß oben
aufgeführte Bereiche in erster Linie eine politische Dimension erhalten und
daß Protagonisten im Sinne der Partei handeln
müssen.
In den westlichen Marktwirtschaften können
Haushalte, Unternehmen, Konsumenten und Produzenten ihr wirtschaftliches
Verhalten weitgehend in eigener Verantwortung gestalten und planen , wobei der
Markt regulativ für die notwendige Koordination zwischen den Produzenten
und Konsumenten sorgt (MATIS, 1991:184).
Diese oben genannten Merkmale werfen die Frage nach der
notwendigen Verbindung zwischen einer staatlichen Wirtschaftsplanung und einem
Einparteiensystem auf.
Literaturverzeichnis:
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unterentwickelten Länder. in:Entwicklungsländer. Darmstadt. 1985. S.
66-92
Clarke, C.G.; Dickenson, J.P. et ali (1983):A
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Dadayan, Vladislav (1988):The orbits of the
global economy. Moskau. 245 S.
Damus, Renate (1986):Die Legende von der
Systemkonkurrenz. Kapitalistische und realsozialistische Industriegesellschaft.
Frankfurt/ New York. 245 S.
Finking, Gerhard (1978):Grundlagen der sektoralen
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Systems. New York. 493 S.
Hagel, Jürgen
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(4.Qrtl. 1988):Entwicklungsländer. München. 40 S.
Lühring, Joachim / Schmidt-Wülfen, Wulf
D. (1982):Nach der Modernisierungs- und Dependenzdebatte. Karlsruher
Manuskripte zur mathematischen und theoretischen Wirtschafts- und
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Matis, Herbert / Stiefel, Dieter (1991):Die
Weltwirtschaft:Struktur und Entwicklung im 20. Jahrhundert. Wien. 275
S.
Schätzl, Ludwig
(19912):Wirtschaftsgeographie. Bd.3. Politik Paderborn. 238
S.
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