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Wolfgruber, Gernot: Herrenjahre
Über den Autor und seinen
Lebensweg
Gernot Wolfgruber besuchte die Hauptschule und studierte Publizistik und
Politologie. Sein erster Roman hieß „Auf freiem Fuße“.
Darauf folgten weitere Romane wie „Verlauf eines Sommers“ ,
„Die Nähe der Sonne“ und „Herrenjahre“.
Herrenjahre
Bruno Melzer, Hauptschüler und Tischlerlehrling in einer
österreichischen Kleinstadt, will >alles anders machen<, um
sich nichts bereits in jungen Jahren bereits durch Heirat, Kinder und Eigenheim
das Lebensglück zu verbauen, das Kino und Werbung verheißen. Doch
schon früh versucht man, ihn mit >Sprüchen stillzuhalten<
und seine >vergeblichen Ausbruchs=
versuche< in Bahnen zu lenken: >Lehrjahre sind keine
Herrenjahre. Das ist einmal so. Immer so gewesen. Da kann man eben nichts
machen. Dauernd ist er auf später vertröstet worden. Lehrjahre sind
keine Herrenjahre. Das war keine Frage. Das sah er schon. Aber wann kamen
sie?< Auch als er ausgelernter Tischler in einem Kleinbetrieb ist,
ändert sich nichts am Gleichmaß des Lebens, das zwischen der Arbeit
immer nur von kurzen Frauen=
bekanntschaften oder durch die Besäufnisse freitäglicher
>Herrenabende< unterbrochen sind. In beschwörender
Wiederholung redet er sich ein, frei zu sein und das eigentliche Leben noch vor
sich zu haben: >Er hat doch alle Möglichkeiten, denkt er, alle
Möglichkeiten hat er noch, bei ihm kommt alles, wird alles noch. Er hat
sich den Weg noch nicht vernagelt wie die anderen.< Die Hoffnung auf eine
bessere Zukunft bleibt selbst dann noch, als sich der ihm verhaßte
kleinbürgerliche Lebensvollzug doch nun doch anbahnt: Maria, eine seiner
zahl=
reichen Zufallsbekanntschaften, wird schwanger und darum von ihrer
Fabrikantenfamilie, deren Ziehtochter sie ist, auf die Straße
gesetzt.
Die gleichmütige Selbstverständlichkeit, mit der Melzer auf die
Unvermeidbarkeit einer Heirat regiert, nimmt er bei sich selbst als
>Entschlossenheit< wahr, >sein Leben in die Hand genommen zu
haben<. Das trotzige Bewußtsein, sich selbst zu verwirklichen,
speist sich aus flotten Sprüchen gegenüber den Arbeitskollegen und
bleibt Motor seines Lebens selbst unter den widrigen Umständen nach der
Hochzeit: Er wohnt mit Maria, drei Kindern und seiner Mutter in einer kleinen
Wohnung; die bedrückende Enge und der Blick auf den Wohlstand der anderen
lassen langsam und unmerklich das Bedürfnis nach einem eigenen Haus
aufkommen. Melzer wechselt den Job und wird wegen der Akkordzulagen
Fließbandarbeiter in einer großen Fabrik. Sehr genau zeichnet
Wolfgruber nach, wie die anfängliche Euphorie, eine >ganz neues
Leben< mit Aussicht auf materiellen Wohlstand begonnen zu haben, erneut
in die Alltäglichkeit absackt, ohne das Melzer spürt, wie seine
Wahrnehmung sich dem vorgegebenen Rhythmus der Maschinen angleicht. Die
Müdigkeit am Abend, die den Umgang mit Maria und den Kindern
verkümmern läßt, wird nur noch von Wutausbrüchen
unterbrochen. Nachdem ihm schon bald die Energie für einen Fernkurs zum
Meister schwindet wird schließlich das in Eigenregie gebaute Haus zum
Projektionsraum eines besseren Lebens. Doch zur gleichen Zeit erkrankt Maria an
Kehlkopfkrebs. Ein Jahr später ist er Witwer, der sich mit einem
halbfertigen Haus als >Fürsorgefall< beim Sozialamt melden
muß, weil er wegen der Arbeit seine Kinder nicht mehr versorgen kann. Zur
letzten Chance wir ihm eine Heiratsannonce: >und ich kann dirs ehrlich
sagen, sagt er, wenn sich auf die Annonce eine meldet, die nicht nimmt, obwohl
ich gar nichts hab als drei Kinder und einen Haufen Arbeit daheim, ehrlich, sagt
er, ich würd eine jede nehmen, ganz wurscht, wie sie ausschaut, wenns nur
halbwegs zum Aushalten wär und mit den Kindern umgehen könnt, da
würd ichs nehmen, weil auf die Liebe oder sowas, sagt er, kommts bei mir
nicht mehr an, weil drauf darfs garnicht mehr ankommen.< Bereits auf
>die erste Heiratsanzeige, die Melzer aufgegeben hat, hat er drei
Zuschriften bekommen<.
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