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| Dürrenmatt, Friedrich (1921-1990)
Dürrenmatt, Friedrich (1921-1990)
Friedrich Dürrenmatt und die
Komödie
Inhaltsverzeichnis:
1. Vom Wesen und den Werken Friedrich
Dürrenmatts .... 2
2. Friedrich Dürrenmatt und die Komödie
.... 4
3. Die Physiker .... 7
3.1. Inhalt .... 7
3.2. Interpretation .... 9
4. Der Besuch der alten Dame ....
11
4.1. Inhalt .... 11
4.2. Interpretation .... 13
5. Der Meteor .... 14
5.1. Inhalt .... 14
5.2. Interpretation .... 17
6. Quellenverzeichnis ....
19
6.1. Primärliteratur .... 19
6.2. Sekundärliteratur ....
19
1. Vom Wesen und den Werken Friedrich
Dürrenmatts
Friedrich Dürrenmatt wird am 5. Jänner 1921
in Konolfingen (Kanton Bern) als Sohn eines Pfarrers geboren. Sein
Großvater ist ein konservativer Nationalrat, der mit satirischen Gedichten
Bürokratismus und ähnliche Mißstände anprangert. Dieser
erreicht mit seinen Gedichten etwas, um das ihn Friedrich immer beneidet. Er
muß nämlich für ein Gedicht ins Gefängnis. Eine "Ehre", die
seinem Enkel nie zuteil wird. Im Gegenteil. Friedrich Dürrenmatt erringt
mit seinen gesellschaftskritischen Werken immer nur Ehrungen und
Ehrentitel.
Trotz seiner Erziehung in einem Pfarrhaus hat er zu Gott und
Glauben ein eher distanziertes Verhältnis. Ursprünglich will
Dürrenmatt Maler werden und wird von seinen Lehrern mit den
Naturwissenschaften bekannt gemacht. Einem Wissensgebiet, zu dem
Dürrenmatt auch später noch eine sehr enge Beziehung hat und das auch
Stoff eines seiner größten Werke wird. Friedrich Dürrenmatt
besucht das Gymnasium mit mäßigem Erfolg und studiert
anschließend Philosophie und Germanistik, ohne jemals einen Abschluß
zu machen.
Zu schreiben beginnt er während des Zweiten
Weltkrieges, den er, in der Schweiz lebend, durch Zeitungen und Rundfunk erlebt.
Seine ersten Werke haben eine apokalyptisch-phantastisch-schauerliche Note an
sich.
"Ein Mensch erschlug seine Frau und verwurstete sie
(...)" [1].
So beginnt die Geschichte "Die Wurst". In diesem Stück geht es um einen
Mann, der seine Frau ermordet und sie zu Wurst verarbeitet hat. Als er dann vor
Gericht gestellt wird, wird er natürlich zum Tod verurteilt. Er hat aber
noch einen Wunsch: Er möchte die letzte verbliebene Wurst, die als
Beweisstück im Prozeß gedient hatte, essen. Seinem Wunsch wird
stattgegeben. Als die Wurst jedoch geholt werden soll, stellt sich heraus,
daß sie bereits der Richter verzehrt hat.
In seinem gesamten Schaffen der damaligen Zeit sind derart
makabere und absurde Begebenheiten zu finden. Auch die Motive seiner Bilder sind
in dieser Zeit meist Folterknechte, Scharfrichter, Skelette, Krüppel,
Menschentiere und Figuren aus seinen Geschichten.
Erste abendfüllende Dramen von Dürrenmatt
erscheinen nach dem Zweiten Weltkrieg. Allen diesen Stücken ist eine
grausame und machthungrige Hauptperson gemeinsam. Er versucht in diesen
Stücken als einer der ersten die noch keine fünf Jahre
zurückliegende Vergangenheit aufzuarbeiten und dem Trauma, das der Zweite
Weltkrieg bei allen Menschen hinterlassen hat, ein Ende zu
bereiten.
Dürrenmatt gerät 1949 durch seine
Zuckerkrankheit, der Geburt seines zweiten Kindes und einigen Mißerfolgen
in finanzielle Bedrängnis und beginnt 1950 für die Zeitung "Der
Schweizerische Beobachter" an einem Fortsetzungsroman zu schreiben. Der Roman
mit dem Titel "Der Richter und sein Henker" erscheint in acht Folgen und wird zu
einem großem Erfolg.
Es ist der erste Kriminalroman Dürrenmatts. Ein Roman
voll überraschender Wendungen, aber auch voll von Satirischem über das
Genre des Kriminalromans, über die ganze Schweiz, die Polizei und über
die Gangster. Auch Dürrenmatts zweiter Kriminalroman "Der Verdacht", den er
1952 für die gleiche Zeitung schreibt, und der mehr oder weniger eine
Fortsetzung des ersten ist, wird ein Erfolg.
Nach seinen Erfolgen als Kriminalautor beginnt sich
Dürrenmatt mehr mit Gesellschaftsproblemen zu beschäftigen. Es
entstehen die wahrscheinlich wichtigsten Werke Dürrenmatts: "Der Besuch der
alten Dame" (1956) und "Die Physiker" (1962).
Ab 1966 beginnt eine neue Schaffensphase, die Bearbeitung
fremder (König Johann nach Shakespeare, Play Strindberg nach Strindbergs
Totentanz, Urfaust nach Goethe) und eigener Werke für die Bühne.
Dürrenmatt nimmt eine Zeitlang eine feste Stelle beim Theater an. Die
historischen Stoffe treten nun in den Hintergrund und die aktuellen Themen
verstärken sich.
In den letzten Lebensjahren entwickelt sich zwischen
Dürrenmatt und seinem Publikum bzw. seinen Kritikern ein immer gespannteres
Verhältnis.
Friedrich Dürrenmatt stirbt am 14. Dezember 1990 im
Alter von 69 Jahren in seinem Haus in der Schweiz in Neuchatel.
2. Friedrich Dürrenmatt und die
Komödie
Dürrenmatt ist ein schonungsloser Moralist und
Satiriker, zu dessen literarischen Ahnen Aristophanes, Plautus, Moliere,
Nestroy, G. Kaiser, Wedekind, Sternheim, Giraudoux, Pirandello, Wilder
zählen. Er erkennt keine dramatischen Gesetze an; in dem Vortrag
"Theaterprobleme" (1955) erklärt er die Komödie zur einzigen heute
möglichen Bühnenform, aus der heraus sich das Tragische wie bei
Shakespeare noch erzielen lasse. Die Tragödie im Sinne Schillers setze
eine überschaubare Welt voraus, die im Atomzeitalter nicht mehr gegeben
sei.
Er will nicht "allzu billig" Trost geben, vielmehr mit dem
"Abenteuer die Wahrheit sagen", sein Publikum "ärgern", will "grotesk sein
aus der Notwendigkeit heraus, tendenziös und künstlerisch zugleich
aufzutreten". Er weiß "um das Absurde dieser Welt", verzweifelt aber
nicht, "denn wenn wir auch wenig Chancen haben, sie zu retten - es sei denn,
Gott sei uns gnädig -, bestehen können wir sie immer noch". So
hält er in einfallsreichen Farcen und parodistischen Fabeln, stofflich der
Moritat und Räuberpistole verwandt, formal vom Lyrischen bis zum
Kabarettistischen gespannt, dem Zeitgenossen mit heizendem Humor, Witz und
Zynismus den Weltspiegel vor, daß dessen Gewissen geweckt
werde.
Schon der umstrittene Erstling "Es steht geschrieben"
(Tragikomödie, 1947) mit 41 Rollen, ein ironisch skeptischer Bilderbogen
aus der münsterischen Schreckensherrschaft der Wiedertäufer, brachte
Dürrenmatt in den Ruf eines "unbequemen Zeitgenossen". In der leichteren
"ungeschichtlichen historischen Komödie" bzw. späteren "komischen
Tragödie" "Romulus der Große" (1949; zweite Fassung 1957) verulkt
Dürrenmatt sarkastisch die Staatsraison im Beispiel des letzten
römischen Kaisers, der hühnerzüchtend das Imperium liquidiert,
weil man "das Vaterland weniger lieben soll als den Menschen" .
Unmittelbar die Zeitgenossen trifft die "leichenreiche"
Komödie "Die Ehe des Herrn Mississippi" (1952; Neufassung 1957), Mischung
aus Moritat, Panoptikum, moralischem Überbrettl und dramatischem Pamphlet,
die Dürrenmatts Weltruf begründete. Drei Weltverbesserer, ein
Staatsanwalt, der im Sinne einer Wiedereinführung des Gesetzes Mosis seine
ungetreue Ehefrau vergiftet hat, ferner ein Edelkommunist und ein
heruntergekommener Tropenarzt, letzterer ein idealistischer Liebender, gehen
darin zugrunde, auch eine Witwe, die lügenhafte Geliebte ähnlich der
Lulu Wedekinds, die ihren Mann vergiftet hat und darum vom Staatsanwalt zu
gemeinsamer "Sühne" zur Ehefrau genommen wird; lediglich ein brutaler
Machtmensch überlebt, davon überzeugt, daß man "alles
ändern" könne, "nur den Menschen nicht".
Weniger moralisierende Zeitsatire als parodistische
Phantasmagorie, ein Märchen und zugleich kabarettistisches Gleichnis ist
die "Komödie" "Ein Engel kommt nach Babylon" (1953; Neufassung 1957),
ausgezeichnet mit einem Anerkennungspreis der Stadt Bern; der tyrannische
König Nebukadnezar, unfähig, der Macht zu entsagen und arm zu werden,
verliert darum ein reines Mädchen, das von einem Engel auf die Welt
gebracht worden war, an einen Bettler und attackiert mit einem Turmbau
frevelhaft den Himmel.
International erfolgreich war die tragische Komödie
"Der Besuch der alten Dame" (1956; Uraufführung 1956 im Schauspielhaus
Zürich), in der eine amerikanische Milliardärin in ihren verschuldeten
Heimatort kommt und von den Einwohnern gegen ein Milliardenangebot ihren
Jugendgeliebten, der sie schändete und verstieß, als Leiche fordert -
und bekommt, nachdem die zunächst entrüstet ablehnenden Bürger
Kredit auf das lebende Opfer aufgenommen haben und dieses schließlich aus
"moralischen Beweggründen" töten.
In der Komödie "Die Physiker" (1962) brandmarkt
Dürrenmatt den Griff der Großmächte nach atomaren
Vernichtungsmitteln und kennzeichnet die Last der Verantwortung, die auf
Forschern und Erfindern ruht; aber nicht einmal in der Abgeschiedenheit eines
Irrenhauses sind sie vor einer heimtückischen Auswertung ihrer Forschungen
durch eine vom Wahnsinn besessene, machtgierige Welt sicher.
Ein großer Bühnenerfolg war die 1966 im
Züricher Schauspielhaus uraufgeführte, sich an die klassischen Regeln
der drei Einheiten haltende, äußerst konzentrierte Komödie "Der
Meteor", in der Dürrenmatt die Thematik des Wunders der Auferstehung
behandelt.
.
Das Weltgefühl, das aus Friedrich Dürrenmatts
Werken spricht, liegt vor aller rationalen Erfahrung, es ist ursprünglich
und unauflöslich: das Gefühl der Kleinheit und Ohnmacht des Menschen
vor einer chaotischen, nicht zu bewältigenden Welt, die ein Ungeheures ist,
ein Rätsel an Unheil, das hingenommen werden muß, vor dem es jedoch
kein Kapitulieren geben darf. In seinen theoretischen Äußerungen
leitet Dürrenmatt dieses Gefühl immer wieder aus dem heutigen Zustand
der Welt ab, aus dem Terror der Apparate und Organisationen, aus der
Bürokratisierung und Technisierung aller Gesellschaftsformen, die das
entmachtete Individuum unter sich begraben - im Grunde aber sind das nur
Erscheinungen, in denen ein ursprüngliches Gefühl der Ohnmacht sich
bestätigt findet, eine Verlorenheit, die nicht durch eine veränderte
Gesellschaft aufgehoben werden könnte, sondern durch den Glauben an eine
allseits gerechte göttliche Ordnung der Welt.
Obwohl Dürrenmatts Werke immer wieder Erscheinungen
unserer Zivilisationsgesellschaft aufgreifen, obwohl er selbst immer wieder Art
und Stil dieser Werke nicht nur zu unserer Zeit in Beziehung setzt, sondern
sogar theoretisch aus ihr ableitet, sind sie im wesentlichen nicht
Auseinandersetzung oder gar Antworten auf diese Zeit. Sie stellen im
Kostüm unserer Welt Ursituationen dar, tragen unter den Bedingungen unserer
Zeit Urkonflikte aus.
Es geht in Ihnen nicht um den Wohlfahrtsstaat, das
kapitalistische System oder den Atomkrieg, sondern um Verrat, Schuld,
Sühne, Treue, Freiheit und Gerechtigkeit -
nicht um Psychologie, Soziologie, Politik, sondern zuerst
und zuletzt, im absolutesten Sinne des Wortes, um Moral.
Ein Drama soll - das ist für Dürrenmatt die
Möglichkeit und Pflicht des Theaters - den Zuschauer aufstören, soll
in ihm Fragen provozieren, aber nicht Fragen an das Stück, sondern an ihn
selbst, an seine eigene Moral. Dürrenmatts Geschichten bringen in einer
unmoralischen (untragischen) Weit Menschen in Konfliktsituationen, die sie zu
moralischen (tragischen) Entscheidungen zwingen. Das heißt für
Dürrenmatt: Theater ist eine Sache sinnvoller Übertreibung, es wirkt
nicht durch Nuancen, sondern durch möglichst starke Kontraste, Wendungen
müssen nicht subtil vorbereitet werden, sondern möglichst direkt und
frappant zustande kommen, die Konturen dürfen nicht durch psychologische
Verästelung verwischt werden, vielmehr müssen die Personen schon durch
Habitus und Redeweise drastisch typisiert sein, die Distanz zwischen den
Gegenspielern soll möglichst extrem sein: der erste und der letzte,
König und Bettler, Richter und Henker, Mörder und Opfer. Die
Theatralik dieser Weit der Superlative ist enorm, so enorm, daß es
manchmal unmöglich scheint, der Auseinandersetzung zwischen Treue und
Verrat, zwischen Schuld und Sühne, die in ihr ausgetragen wird,
ähnliche Dimensionen zu geben.
Dürrenmatts Einfälle, seine Anfänge sind
immer unanfechtbar zwingend, ihre dramaturgische Entwicklung aber kann die
Gegenspieler in so extreme Positionen treiben, daß alle moralischen
Kategorien gesprengt werden, sie nähern sich Punkten jenseits der Dialektik
von Gerechtigkeit und Gnade, wo nur noch rhetorische Rückzüge
möglich sind, weil dramaturgisch notwendiges und moralisch zwingendes
Handeln nicht mehr übereinstimmen. So ist zu erklären, daß
Dürrenmatts Geschichten oft in verschiedenen Fassungen verschiedene
Schlüsse haben. Viel später erst als mit der Notwendigkeit, vom
Einfall auszugehen und ins Blaue hinein zu schreiben, hat Dürrenmatt sich
mit der Schwierigkeit auseinandergesetzt, seine sich eigenmächtig
entwickelnden Fabeln zu einem zwingenden Schluß zu führen, und
postuliert: "Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre
schlimmstmögliche Wendung genommen hat."
[2]
3. Die Physiker
3.1. Inhalt
Die Handlung des Stücks spielt im Salon der Villa
eines privaten Sanatoriums, oder besser gesagt eines Irrenhauses. Während
im südlichen, neu gebauten Teil des Sanatoriums prominente Gäste ihr
Dasein zu horrenden Preisen fristen, leben in der schon etwas verlotterten Villa
nur mehr drei Patienten. Es sind dies drei Physiker. Sie nehmen gemeinsam ihr
Essen ein, diskutieren über physikalische Probleme oder leben eingesponnen
ihr eigenes Leben. Ihre drei Zimmer grenzen direkt an den Salon
an.
Leiterin und Gründerin des Irrenhauses ist
Fräulein Dr. h. c. Dr. med. Mathilde von Zahnd. Einzig noch lebender
Sproß einer einst angesehenen und mächtigen Industriellenfamilie. Sie
genießt einen Weltruf als Menschenfreund und Psychiater.
Es ist kurz nach halb fünf Uhr nachmittags. Aus einem
der den Salon angrenzenden Zimmer dringt Geigenspiel mit Klavierbegleitung. Auf
dem Boden des Salons liegt die Leiche einer Krankenschwester. Im Raum herrscht
Unordnung. Um die Leiche bemühen sich mehrere Kriminalbeamte. Inspektor
Richard Voß befragt gerade die Oberschwester zur Person des Opfers und des
Täters. Über den Täter muß er erfahren, daß es sich
um Ernst Heinrich Ernesti handelt. Ernesti ist einer der drei Physiker, er
hält sich für Einstein.
Während der Inspektor auf die Leiterin des Hauses
wartet, betritt Herbert Georg Beutler den Salon. Beutler, der sich für
Newton ausgibt, erkundigt sich nach dem Lärm, der im Salon herrscht. Als
Newton erfährt, daß Einstein seine Pflegerin erdrosselt hat, wundert
sich Newton, wie man nur eine Krankenschwester erdrosseln kann. Der Inspektor
entgegnet ihm, daß auch er, Newton, seine Krankenschwester erdrosselt
hätte. Newton erklärt dem Inspektor, daß es bei ihm ganz anders
gewesen sei. Seine Krankenschwester hätte sich in ihn verliebt, und er
erwiderte diese Liebe. Dieses Dilemma sei nur noch mit einer Vorhangkordel zu
lösen gewesen. Allein schon der Altersunterschied, er müßte doch
jetzt schon über zweihundert Jahre alt sein, wäre ein Hindernis
gewesen. Außerdem, so vertraut er dem Inspektor an, sei er gar nicht
verrückt. Er tue nur so, damit Ernesti nicht verwirrt sei, denn Ernesti ist
in Wirklichkeit Newton und er ist Einstein.
Nach diesem verwirrenden Zwiegespräch betritt die
Leiterin des Hauses den Raum. Als ihr der Inspektor von seinem Gespräch mit
Newton erzählt, meint sie, daß er das jedem erzähle, daß
er sich aber tatsächlich für Newton halte, denn sie bestimme in diesem
Haus für wen sich ihre Patienten halten.
Der Inspektor weist Frau Zahnd darauf hin, daß der
Staatsanwalt nach diesem zweiten Mord nun darauf besteht, daß starke
männliche Pfleger die Betreuung der drei Physiker übernehmen
müssen. Nach einigem Zögern gibt sie nach und sichert zu, daß
sie hier von nun an männliche Pfleger einsetzen wird.
Nachdem der Inspektor verschwunden ist, erscheint Frau Rose
mit ihrem Mann und ihren Kindern. Sie ist die ehemalige Frau von Johann Wilhelm
Möbius, dem dritten Physiker. Frau Rose hat den Missionar Rose geheiratet
und will sich nun von Möbius verabschieden.
Sie erkundigt sich nach dem Befinden, und fragt ihn, ob ihm
König Salomo noch immer erscheine. Möbius kann sich nur schwach an
seine Kinder erinnern, und beginnt den Irren zu spielen. Er schüchtert
seine Familie ein und wirft sie mit wüsten Beschimpfungen aus dem
Raum.
Nachdem die Familie den Raum verlassen hat, beruhigt
Schwester Monika den aufgebrachten Möbius. Sie hat bemerkt, daß er
gar nicht verrückt ist. Dabei gesteht sie ihm ihre Liebe und berichtet ihm,
daß sie die Erlaubnis habe, mit ihm das Irrenhaus zu verlassen und in
einem kleinen Dorf eine neue Existenz aufzubauen. Möbius ist das zuviel,
und er erdrosselt sie. Nach diesem dritten Mord erscheinen nun riesenhafte
Pfleger, die Türen werden abgeschlossen und die Fenster
vergittert.
Beim Mittagessen überrascht Newton die beiden anderen
Physiker mit einem Geständnis. Er gesteht, daß er Alec Jasper Kilton
sei, der Begründer der Entsprechungslehre, und daß er sich in das
Irrenhaus eingeschlichen habe, um hinter das Rätsel um Möbius
Verrücktheit zu kommen. Er sei Angehöriger eines Geheimdienstes und
hat seine Krankenschwester nur deshalb umgebracht, weil sie seine wahre
Identität erahnt hat. Er hält Möbius für den
größten Physiker aller Zeiten, hat alle seine Dissertationen gelesen
und muß ihn nun bewachen und notfalls entführen, falls sich ein
gewisser Verdacht bestätigt.
Nach diesem Geständnis gibt Einstein ebenfalls zu,
daß er nicht verrückt ist. In Wahrheit ist er Joseph Eißler,
der Entdecker des Eißler-Effekts. Auch er arbeitet für den
Geheimdienst, und seine Aufgabe ist es, Möbius zu
bewachen.
Nun bekennt auch Möbius, daß er eigentlich gar
nicht verrückt ist. Weil er hinter das Geheimnis der Schwerkraft gekommen
ist und nun fürchtet, daß seine Entdeckung für die Menschheit
verheerende Folgen hätte, wenn sie bekannt würde, ist er ins Irrenhaus
geflüchtet.
Newton entgegnet Möbius, daß Physiker
Pionierarbeit zu leisten hätten und daß die Erkenntnisse, die sie
machen, der Menschheit zugeführt werden müssen. Ob die Menschen mit
diesen Erkenntnissen richtig umgehen, sei nicht Sache der Physiker. Darauf meint
Einstein, daß die Verantwortung des Physikers nicht außer acht
gelassen werden darf, und daß nur der Physiker entscheiden darf, was mit
seinen Erkenntnissen geschieht.
Beide Agenten bemühen sich um Möbius und halten
sich gegenseitig in Schach. Doch sie müssen sich eingestehen, daß nur
Möbius selbst entscheiden kann, welcher Seite er sein Wissen zur
Verfügung stellt.
Da gesteht Möbius, daß er seine Manuskripte
bereits verbrannt hat. Er begründet dies damit, daß er nicht in die
Abhängigkeit von Politikern kommen möchte. Es fällt der Kernsatz
des Stückes: "Es gibt Risiken, die man nicht eingehen darf: Der
Untergang der Menschheit ist ein solches"
[3]
. Er hat sich daher entschlossen, sein Wissen nicht
zu veröffentlichen. Die Menschheit ist nicht reif genug für sein
Wissen: "Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es
zurück- genommen"
[4]. Möbius bleibt im
Irrenhaus. Nach diesem Geständnis entschließen sich auch Newton und
Einstein, ebenfalls im Irrenhaus zu bleiben, als vermeintlich Irre wollen sie
weiterleben: "Verrückt, aber weise. Gefangen, aber frei. Physiker, aber
unschuldig." [5]
.
Da erscheint die Leiterin des Irrenhauses mit ihren
Pflegern im Salon. Zur Überraschung der Physiker spricht sie sie mit ihren
richtigen Namen an. Aus ihrem Mund müssen die Physiker erfahren, daß
sie ihr Bündnis umsonst geschlossen haben. Seit Jahren hat die
Anstaltsleiterin alle Manuskripte von Möbius heimlich fotokopiert. In einem
mächtigen, von ihr geschaffenen Trust wird sie auch das System aller
möglichen Erfindungen für den Weg zur Weltherrschaft ausnutzen. Dies
alles geschehe im Auftrage des goldenen Königs Salomo, der auch ihr
erschienen sei. Es zeigt sich, daß die Irrenärztin selber
geisteskrank ist.
Die Lage der Physiker ist aussichtslos geworden. Sie
müssen, als gefährliche Geisteskranke zum Schweigen verurteilt, ihr
Dasein weiterhin im Irrenhaus fristen. In kurzen Schlußmonologen geben sie
ihrer tiefen Resignation Ausdruck.
3.2. Interpretation
Dürrenmatt bezeichnet das Stück als Komödie
mit der Begründung, daß in der heutigen Zeit nur noch das Komische
dem Realen beikommt. Die klassische Tragödie kann die heutige Zeit nicht
mehr darstellen. Die klassische Tragödie verlangt einen Helden, der frei
entscheiden kann und daher auch für sein Schicksal selbst verantwortlich
ist. In der heutigen Zeit ist dies jedoch nicht möglich. Jeder ist
eingeschlossen in einem Gesellschaftssystem, aus dem es für ihn kein
Entrinnen gibt. Er handelt nicht mehr nach freiem Willen, sondern muß sich
dem Willen vieler unterwerfen. Diese Komödie ist ein beklemmendes Beispiel
dafür.
Der Physiker Möbius entdeckt eine Formel, die alle
Probleme der Physik löst. Er erkennt, welche Macht in dieser Formel steckt
und opfert sein Leben als freier Bürger, nur um die Menschheit vor dem
sicheren Untergang zu bewahren. Erst am Ende erkennt er, daß es umsonst
war: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen
werden"
[6].
Die Geschichte des genialen Physikers Möbius ist
keineswegs eine erfundene. Möbius steht in dem Stück stellvertretend
für Albert Einstein. Einstein legte mit seinen Erkenntnissen den Grundstein
für den Bau einer Atombombe und konnte, nachdem er die Gefährlichkeit
seiner Erfindung erkannt hatte, die Herstellung einer solchen nicht verhindern.
"Im Sommer 1939 hätten noch zwölf Menschen durch gemeinsame
Verabredung den Bau verhindern können (...). Doch sie taten es nicht."
[7]
So ernst, wie die Situation der Menschheit, ist
Dürrenmatts Gegenstand. In einem Gespräch hat er seinen dramatischen
Ansatz im Grundsätzlichen charakterisiert: "Das Komödiantische ist
suspekt, wird nicht voll, nicht ernst genommen. Ich bin jedoch von hier aus zu
verstehen, vom ernst genommenen Humor her. In diesem paradoxen Satz drückt
sich meine Liebe zur Tragikkomödie aus. Ich gehe vom Komödiantischen
aus, vom Einfall, um etwas ganz Unkomödiantisches zu tun: den Menschen
darzustellen - so könnte ich vielleicht meine Kunst definieren."
[8]
Dürrenmatt formuliert hier die Bankrotterklärung
der Wissenschaftler. Nur im Irrenhaus darf noch geforscht werden.
Außerhalb seiner Umgrenzungen führt Forschen zu irrsinnigen
Zuständen.
"Physiker" und "Techniker" sind hier im Sinne modellhafter
Vereinfachung gebrauchte Synonyme. Sie stehen für diejenigen, welche kraft
höherer Einsicht die Folgen wissenschaftlicher Entwicklungen abzusehen
vermögen und für jene anderen - mithin die Masse der Menschen - die
zum Fortschrittsglauben mangels besserer Einsicht ein ungetrübtes
Verhältnis bewahren.
Wissen ist hier zu Macht geworden. Sie hat dem Menschen
Macht gegeben, sich selbst zu vernichten. Das Stück ist ein Appell an die
Wissenschaft, manches Denkbare nicht zu denken.
4. Der Besuch der alten Dame
4.1. Inhalt
In der Kleinstadt Güllen, nahe der
deutsch-schweizerischen Grenze, erwartet man den Besuch einer reichen alten
Dame, der Multimillionärin Claire Zachanassian, die als Klara Wäscher
in Güllen geboren und aufgewachsen ist. Ihr Vermögen, das sie von
ihrem ersten Mann, einem armenischen Ölscheich, geerbt hat, ist
unübersehbar, auch die Zahl der Ehemänner kann sich sehen lassen. Zur
Zeit ist sie mit ihrem siebenten Ehemann unterwegs.
Der Bürgermeister und die Notabilitäten des einst
wohlhabenden, nun aber völlig verarmten und heruntergekommenen
Städtchens versammeln sich vor dem verwahrlosten Bahnhof, um Claire
Zachanassian einen großen Empfang in der Heimat zu bereiten. Sie hoffen
natürlich darauf, daß sie eine ansehnliche Stiftung machen wird, die
die Finanzen des kleinen Städtchens verbessern und den Lebensstandard der
Bürger heben könnte.
Währenddessen erzählt der Kaufmann Ill, ein Mann
Mitte Sechzig, was die Kläri Wäscher für ein bildhübsches,
wildes und leidenschaftliches Mädchen gewesen sei und daß leider das
Leben sie nach einer stürmischen Liebe von ihm getrennt habe. Noch ehe er
damit zu Ende ist, erscheint Frau Zachanassian mit ihrem Gatten und ihrem
Gefolge, vier kaugummikauenden ehemaligen Gängstern und zwei blinden
Eunuchen.
Die Ovationen, die ihr dargebracht werden, unterbricht sie
kurz und bündig mit der Ankündigung, sie werde der Stadt die Summe von
einer Milliarde stiften, fünfhunderttausend für die Stadt und
fünfhunderttausend aufgeteilt auf alle Bürger, aber nur unter der
Bedingung, daß sie sich dafür "Gerechtigkeit" kaufen könne. Sie
will, daß jemand sich bereit erklärt, Ill zu töten. Er habe sie
nämlich seinerzeit mit einem Kind sitzenlassen und in einem
Vaterschaftsprozeß zwei bestochene Zeugen mitgebracht, die beschworen,
ebenfalls ein Verhältnis mit Kläri Wäscher gehabt zu haben. Es
sind die beiden Eunuchen, die sie, als sie reich geworden war, aufspüren,
entmannen und blenden ließ und dann in ihr Gefolge aufnahm. Ihr Butler
aber ist der Oberrichter, der damals den Vorsitz in dem Prozeß gegen Ill
führte.
Der Bürgermeister lehnt das Angebot bestimmt ab:
"Frau Zachanassian: Noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden. Ich
lehne im Namen der Stadt Güllen das Angebot ab. Im Namen der
Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt."
[9]
Nun geht eine seltsame Veränderung in Güllen vor.
Obwohl sich der Bürgermeister natürlich weigerte, die
Milliardenstiftung unter diesen Bedingungen anzunehmen, fangen auf einmal alle
Einwohner an, auf großen Fuß zu leben, Anschaffungen zu machen,
besser zu essen und zu trinken, kurz alle leben so, als ob sie sicher mit einem
beträchtlichen Vermögenszuwachs rechnen könnten. Sie lassen
überall anschreiben, und die Kaufleute gewähren ihnen ebenso sorglos
Kredit, wie jene ihn in Anspruch nehmen.
Ill wird es unbehaglich. Zwar gewährt er auch seinen
Kunden jeden Kredit, aber er fühlt, daß sich etwas gegen ihn
zusammenbraut. Claire Zachanassian aber sitzt ruhig im Hotel "Zum Goldenen
Apostel" und beobachtet die Entwicklung der Dinge. Als ein schwarzer Panther,
den sie als Haustier bei sich hat, ausbricht und die männlichen Bewohner
von Güllen infolgedessen alle mit Schußwaffen herumlaufen, fühlt
Ill sich zum ersten Mal wirklich bedroht.
Er will die aufblühende Stadt verlassen, ist aber
innerlich bereits so im Netz seiner Angst verstrickt, daß er es nicht mehr
vermag. Er findet sich eines Tages bereit, sich dem Gericht seiner
Mitbürger zu stellen. Er selbst und alle wissen, wie es ausgeht: "Die
Stiftung der Claire Zachanassian ist angenommen. Einstimmig. Nicht des Geldes
sondern der Gerechtigkeit wegen und aus Gewissensnot. Denn wir können nicht
leben, wenn wir ein Verbrechen unter uns dulden, welches wir ausrotten
müssen, damit unsere Seelen keinen Schaden erleiden und unsere heiligsten
Güter."
[10]. Der
Bürgermeister aber findet einen genialen Dreh, den moralisch verurteilten
Ill nach außen hin zu rehabilitieren: Die Presse wird informiert,
daß die Milliardenstiftung von Frau Zachanassian durch Vermittlung des
Herrn Ill, ihres Jugendfreundes, zustande gekommen ist. Die Bürger bilden
eine Gasse, durch die Ill auf einen "Turner", der ihn am Ende erwartet,
zuschreitet. Die Gasse schließt sich. Als sie sich wieder öffnet,
liegt Ill am Boden, tot. "Herzschlag", stellt der Stadtarzt fest. Claire
Zachanassian läßt ihn in den Sarg legen, den sie in ihrem
Reisegepäck mitgebracht hat. Der Bürgermeister erhält den Scheck
über eine Milliarde.
4.2. Interpretation
Das Tragikkomische des Stücks beruht auf der
Kreisbewegung zweier gegenläufiger Geschichten: hier die lächerliche
Groteske von der Käuflichkeit der Moral einer ganzen Stadt, dort die
exemplarische Demonstration der Entwicklung des sittlichen Bewußtseins in
einem Einzelnen. Beide werden, die eine in absteigender, die andere in
aufsteigender Richtung in Gang und zu Ende gebracht von der "reichsten Frau
der Welt, die durch ihr Vermögen in der Lage ist, wie eine Heldin der
griechischen Tragödie zu handeln, absolut, grausam, wie Medea etwa. Sie
kann es sich leisten."
[11]
Die späte Rache der Klara Wäscher besitzt schon
von der Dauer des Daraufwartens her antikes Format: fünfundvierzig Jahre.
Mit der kalt rechnenden Präzision einer Schachspielerin bestimmt sie in
Güllen Schicksale als Herrscherin über Leben und Tod, auch darin den
Göttern gleichend. Freilich hätte sie als wandelnde Prothesensammlung
längst gestorben sein müssen. Aber da Gottheiten in aller Regel
unsterblich sind, gönnt ihr der Autor wenigstens eine Art
Pseudo-Unsterblichkeit; er läßt die Milliardärin als einzige an
Bord einen Flugzeugabsturz überstehen.
Bilder und Motive (Ruin, hohle Phrasenhaftigkeit,
Lüge, Vergänglichkeit) sind verknüpft mit Themen der griechischen
Tragödie: Verhängnis und Gericht, Schuld und Sühne, Rache und
Opfer. In einem vergeblichen Versuchs Ills, sich der bürgerlichen
Gemeinschaft und der eigenen Verantwortung zu entziehen, überschneiden sich
beide Geschichten; in seinem Tod, der ihn in die Gemeinschaft
zurückführt, laufen sie zusammen. Der simultane Verlauf der
Geschehnisse entspricht dem Sachverhalt, daß innerhalb einer Gesellschaft
die Moral zugleich erkannt und vertuscht werden kann - "dargestellt von
einem, der sich von diesen Leuten durchaus nicht distanziert und der nicht so
sicher ist, ob er anders handeln würde"
[12]
In diesem Stück wird der Spruch "Geld ist Macht"
tragische Realität. Erstens in materieller Hinsicht. Die alte Dame hat die
Stadt Güllen mehr oder weniger aufgekauft und heruntergewirtschaftet und so
die Güllner völlig von ihrem Geld abhängig gemacht, und zweitens
in geistiger Hinsicht. Das in Aussicht gestellte Vermögen ließ die
Güllner erst recht in die von ihnen angeprangerte Ungerechtigkeit
schlittern. Sie wurden blind und zu Marionetten der alten Dame, die eigentlich
nur eines wollte: Alfred Ills Tod.
Wieviel ist ein Mensch wert? Ist die Todesstrafe
überhaupt jemals gerechtfertigt? Noch dazu wenn das "Gericht" mit einer
Milliarde bestochen wird.
5. Der Meteor
5.1. Inhalt
Die Szene des ersten Aktes der Komödie "Der Meteor"
stellt ein armseliges Maleratelier im Dachgeschoß eines
Großstadthauses dar; eine Nische mit schrägem Oberlicht und
Klappfenster gibt den Blick auf Mietskasernen und Himmel frei. Im Atelier
herrscht ein ziemliches Durcheinander: Gestelle mit Farben, Pinseln, Geschirr,
an der rechten Seitenwand ein Bett, hinter dem eine spanische Wand steht, zwei
alte Stühle, eine wackelige Kommode; in der Mitte des Ateliers ein
Eisenofen, der als Kochstelle dient, mit einer phantastischen Ofenröhre,
die sich über dem Ofen teilt und in der rechten Seitenwand verschwindet.
Überall hängen Aktbilder herum, andere stehen auf dem Boden. Windeln
sind auf Schnüre gehängt, links neben dem Ofen steht ein alter,
wackliger Lehnstuhl neben dem alten, runden, etwas schiefen Tisch. Vor einer
Staffelei arbeitet der Maler Nyffenschwander, Zigarette zwischen den Lippen, an
einem Akt. Das Modell, seine Frau Auguste Nyffenschwander, liegt nackt vor ihm
auf dem Bett.
Plötzlich tritt der Nobelpreisträger Wolfgang
Schwitter ein, trotz der mörderischen Hitze des längsten Sommertages
in einem kostbaren Pelz, zwei prall gefüllte Koffer in der Hand, unter den
linken Arm zwei Kerzen geklemmt. Er ist soeben vom Totenbett aufgestanden und
aus der Klinik ausgerissen, wo er operiert und verstorben war - Professor
Schlatter, der Chirurg, eine bekannte Kapazität, hatte seinen Tod
festgestellt -, hat den städtischen Autobus genommen und ist hierher, in
sein altes Atelier, das er vor vierzig Jahren bewohnt hatte, gekommen, um hier
in Ruhe zu sterben.
Er bittet, das Atelier mieten und sich hinlegen zu
dürfen, um zu sterben. Seine Beine seien schon gefühllos, er leide an
Atemnot, er will an nichts mehr denken, einfach verdämmern. Schwitter
bittet Nyffenschwander, seine letzten Manuskripte zu verbrennen, die Kerzen
aufzustellen und anzuzünden "Ein wenig Feierlichkeit gehört nun
einmal zum Sterben"
[13] und ihn sich
selbst zu überlassen.
Kaum haben Nyffenschwander und seine Frau den Raum
verlassen, springt Schwitter auf, öffnet einen der Koffer und beginnt, den
Inhalt in den Ofen zu stopfen. Bei dieser Tätigkeit überrascht ihn
der gerade eintretende Pfarrer Emanuel Lutz. Schwitters Frau hatte ihn an das
Krankenlager des Nobelpreisträgers in der Klinik gerufen, dort hatte man
ihm gesagt, daß Schwitter nach seinem Tode entwichen sei; die
Oberschwester hatte gehört, wie Schwitter in der Agonie geäußert
habe, sein altes Atelier aufsuchen zu wollen.
So sei er hierher gekommen. Er hilft nun Schwitter, dessen
gesamtes Vermögen, lauter Tausendernoten, in den Ofen zu stecken und zu
verbrennen. Obwohl Schwitter dem Pfarrer sagt, er sei nur scheintot gewesen,
meint der Pfarrer, ein Wunder sei geschehen. Die Tatsache der Auferstehung
Schwitters von den Toten erregt den Pfarrer so sehr, daß er stirbt.
Es erscheint nun der Hauswart Glauser. Dieser,
Nyffenschwander, dessen Frau Auguste und Schwitter tragen die Leiche des
Pfarrers auf den Korridor hinaus, das Bett ist wieder frei für Schwitter.
Er bittet Auguste, ihn ins Bett zu führen; sie gefällt ihm immer mehr.
Dem hereinstampfenden achtzigjährigen Hausbesitzer Muheim erzählt
Schwitter, er habe ihn, als er noch in diesem Atelier hauste, mit seiner Frau
betrogen "Ich brachte Ihrer Gattin jeweils am Ersten des Monats den Zins, wir
stiegen ins Bett, und ich durfte die hundert wieder mitnehmen!"
[14]; auf diese Nachricht
hin bricht Muheim seelisch zusammen. Nun erscheint das schöne
neunzehnjährige Callgirl Olga, Schwitters vierte Frau. Er sagt ihr wenig
Erfreuliches und schickt sie brutal weg.
Nun kommt Jochen Schwitter, der Sohn aus erster Ehe, um von
dem vermeintlich Verstorbenen sein Erbe abzuholen. Als er vernimmt, daß
sein Vater alles Geld verheizt hat, verläßt er den Sterbenden, nicht
ohne ihm vorher den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht geblasen zu haben.
Schwitter, der inzwischen einige Flaschen Kognak geleert hat, bleibt allein. Er
liegt wie tot und hofft endlich sterben zu können. Als Auguste zu ihm
kommt, läßt er von ihr die Türe verriegeln, die Vorhänge
zuziehen und fordert sie auf, sich auszuziehen. Während ihr Mann
draußen an der Türe rüttelt, steigt Auguste zu Schwitter ins
Bett.
Der zweite Akt spielt im Atelier Nyffenschwanders eine
Stunde später. Schwitter ist endlich entschlafen. Um sein Bett herum
stehen mehrere schwarzgekleidete Herren, unter anderem der Starkritiker
Friedrich Georgen und Schwitters Verleger. Presseleute fotografieren mit
Blitzlicht. Der Starkritiker hält die Leichenrede und preist Schwitters
Eigenart und Bedeutung.
Nachdem die Trauergesellschaft das Atelier verlassen hat,
kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Nyffenschwander und seiner Frau.
Sie hat in Schwitter noch auf dessen Totenbett einen faszinierenden Mann
kennengelernt und will Nyffenschwander nunmehr verlassen. In diesem Moment
richtet sich Schwitter im Totenhemd auf, nimmt sich die Kinnbinde ab und sagt:
"Das Bett steht falsch."
[15]
Nyffenschwander stellt ihn sofort wegen Hintergehung und
Zerstörung seiner Ehe zur Rede, aber Schwitter entgegnet:
"Nyffenschwander, Ihre Sorgen möchte ich haben. Da sterbe ich
unaufhörlich, da warte ich Minute um Minute auf einen würdigen Abgang
in die Unendlichkeit, verzweifle, weil es nie so recht klappen will, und Sie
kommen mir mit einer Nebensächlichkeit."
[16] Als Nyffenschwander
Schwitter tätlich bedroht, erscheint plötzlich Muheim und wirft
Nyffenschwander die Treppe hinunter, wo er sich das Genick bricht. Schwitter
fühlt sich so wohl, daß er wieder zu saufen und zu rauchen beginnt;
dann kommt er erneut auf Muheims Frau zu sprechen, verwechselt diese aber - ob
absichtlich oder nicht, bleibt dahingestellt - mit anderen früheren
Geliebten, bis Muheim gereizt auf ihn losgeht, von eintretenden Polizisten
jedoch wegen der "Ermordung" Nyffenschwanders und Bedrohung eines Sterbenden
verhaftet und abgeführt wird.
Zugleich mit der Polizei ist der berühmte Chirurg
Schlatter gekommen, um die Todesursache Nyffenschwanders festzustellen. Er
untersucht jetzt Schwitter und stellt fest, daß dieser bei bester
Gesundheit ist. Schwitters Bitte, ihm eine Spritze zu geben, damit er endlich
sterben könne, lehnt Schlatter ab. Mit den Worten "Jetzt bringt Ihre
Todesraserei auch mich zur Strecke"
[17] stürzt
er davon. Endlich erscheint die Abortfrau, Frau Nomsen, die Mutter des
Callgirls Olga und somit Schwitters Schwiegermutter. Schwitter findet in ihr
die erste wirkliche Partnerin und legt vor ihr sozusagen seine Lebensbeichte ab.
Er stellt seine Tätigkeit und sein Gewerbe dem ihren gleich: "Sie gaben
sich mit Hurerei ab, ich bloß mit Literatur. Ich schrieb nur, um Geld zu
verdienen. Mit einem gewissen Stolz, Frau Nomsen, darf ich nachträglich
sogar feststellen: Ich war Ihnen geschäftlich und moralisch nicht ganz un-
ebenbürtig." [18]
Diese Bankrotterklärung Schwitters "Mein Leben war
nicht wert, daß ich es lebte"
[19] trifft Frau
Nomsen so tief, daß sie stirbt. Nun dringt die Heilsarmee herein und
begrüßt den Auferstandenen mit feierlichen Hymnen. In ihr von
Posaunen untermaltes Halleluja hinein tönt Schwitters verzweifelter Schrei:
"Wann krepiere ich denn endlich?"
[20]
5.2. Interpretation
Einen Totentanz hat man Dürrenmatts "Meteor" nicht
selten genannt. Denn im "Meteor" ist der Tod die Figur, die eigentlich sterben
will, sterben müßte: Wolfgang Schwitter. Er, mit seinem
meteorgleichen Aufflammen, ein erloschenes Gestirn, das durch die Reibung an
fremder Substanz neu erglüht, er bringt allem, was sich ihm nähert,
Tod oder Verderben. Er wird immer lebendiger dadurch, daß er den Tod um
sich herum aussät. Dabei bleibt er ein Mensch mit all seiner
Anfechtbarkeit: Daß er wiedererweckt worden ist, nimmt er ja nicht an, er
bäumt sich auf gegen den Einbruch einer ungebetenen Gnade in sein
Leben.
Dürrenmatt verpaßt keine Gelegenheit, Schwitter
unsere Sympathie zu verunmöglichen. Und doch bezwingt uns Schwitter -
durch seine Theatergerechtheit, seine komödiantische Vehemenz. Wenn er
gleich zu Anfang des Stücks im Atelier des unbegabten und
schwächlichen Malers Nyffenschwander erscheint, nein "aufkreuzt", im Pyjama
und Pelzmantel, trotz mörderischer Hitze, mit zwei prallen Koffern und zwei
Riesenkerzen unter den Arm geklemmt, wenn es dann heißt- "Sie Sie sind
doch -" [21], und
Schwitter antwortet: "Ich bin`s. Wolfgang Schwitter"
[22], so ist das die Art,
wie sich klassische Helden seit eh und je vorgestellt haben. Der Auftritt ist
lapidar, ein meteorgleicher Einbruch.
Aber ähnlich stark bezwingende Situationen folgen das
ganze Stück hindurch. Eine solche ist natürlich die zweite
Auferstehung Schwitters am Anfang des zweiten Teils - die erste wurde
erzählt, die zweite sehen wir im Theater. Grotesk in ihrer Banalität,
sagt doch der mit Kränzen bedeckte und zum Begräbnis hergerichtete
plötzlich: "Das Bett steht falsch."
[23] Wenn dann gleich
darauf ein wildes Aufräumen und Ummöblieren angeht, verwoben in einen
Streit zwischen dem neuen Lazarus und dem Maler, dem der "Meteor" kurz vorher in
einem besonders starken Aufglühen die Frau weggenommen hat, so ist auch das
von nicht mehr zu steigernder Situationskomik. Die Wirkung ist unwiderstehlich.
Die Unvereinbarkeit der beiden Sphären des Stücks tritt in einem so
unvermittelten Anprall zutage, daß ein Lachen entsteht, wie es eigentlich
nur in der Welt des Schwanks heimisch ist.
Hier bäumen sich die Gegensätze höher
aneinander auf als je zuvor. Wilde Lästerung der Schöpfung durch
Schwitter prallt gegen das Halleluja der Gläubigen. Das Leben sei
"eine Schindluderei der Natur, eine obszöne Verirrung des Kohlenstoffs,
eine bösartige Wucherung der Erdoberfläche, ein unheilbarer
Schorf" [24], schreit
Schwitter. Aber was vermag solches gegen ein Halleluja aus den gläubigen
Kehlen der Armen im Geiste? Schwitter fleht die Sänger an:
"Zerreißt mich, ihr Himmelstrommler, zerstampft mich, ihr
Handorgelbrüder, schmettert mich die Treppe hinunter, ihr Psalmenjodler,
seid gnädig, ihr Christen, schlagt mich mit euren Gitarren und Posaunen
tot." [25] Die
Antwort ist der Choral "Morgenglanz der Ewigkeit", einer der schönsten der
protestantischen Kirchenliteratur. Schwitter versucht, ihn aufzuhalten, er
schreit: "Wann krepiere ich denn endlich!"
[26] Das wird
nicht sein letztes Wort sein, er lebt ja weiter. Der Pfarrer war dem
Glück, seinen Glauben leibhaftig bestätigt zu sehen, erlegen. Die
Heilsarmisten haben kräftigere Gemüter, ihnen wird der lästernde
Schwitter zur reinen Erbauung.
Kein Stück Dürrenmatts ist so sehr wie der
"Meteor" auf den paradoxen Zusammenprall der Motive hin konstruiert. Da ist
nirgends Entspannung, da wird alles zum unlösbaren Zusammenprall,
Höchstes und Niedrigstes, Erhabenes und Banales, Reines und Schmutziges.
Das ist kein Spiel mit dem Tod, sondern aus dem Tod, wie es ein Spiel ist aus
der Gnade, Spiel aus dem Unglauben, Spiel aus dem Glauben. Durchaus
unerträglich. Aber das will es sein, so soll es sein. Wer das spielen
will, muß komisch sein können und entsetzlich zugleich.
Dürrenmatt: "Wer hier mildert, macht das Stück kaputt."
[27]
6. Quellenverzeichnis
6.1. Primärliteratur
Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Zürich
Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20837-5
Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame.
Zürich Diogenes Verlag 1980, ISBN 3-257-20835-9
Dürrenmatt, Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes
Verlag 1980, ISBN 3-257-20839-1
6.2. Sekundärliteratur
Goertz, Heinrich: Dürrenmatt, Reinbeck bei Hamburg:
Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1987, ISBN 3-499-50380-8
Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich
Dürrenmatt, Die Physiker, Hollfeld: Bange 1991, ISBN
3-8044-0360-3
Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich
Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Hollfeld: Bange 1991, ISBN
3-8044-0359-X
Kaestler, Reinhard: Erläuterungen zu Friedrich
Dürrenmatt, Der Meteor, Hollfeld: Bange 1991, ISBN
3-8044-0273-9
[1]Goertz, Heinrich:
Duerrenmatt, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1987, Seite
19
[2]Kaestler, Reinhard:
Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Der Meteor, Hollfeld: Bange
1991, Seite 13
[3]Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
73
[4]Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
74
[5]Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
77
[6]Dürrenmatt,
Friedrich: Die Physiker. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
85
[7]Kaestler, Reinhard:
Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker, Hollfeld: Bange
1991, Seite 71
[8]Kaestler, Reinhard:
Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker, Hollfeld: Bange
1991, Seite 62
[9]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
50
[10]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
124
[11]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
142
[12]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
141
[13]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
17
[14]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
34
[15]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
59
[16]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
61
[17]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
83
[18]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
90
[19]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
91
[20]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
95
[21]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
13
[22]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
13
[23]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
59
[24]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
94
[25]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
95
[26]Dürrenmatt,
Friedrich: Der Meteor. Zürich Diogenes Verlag 1980, Seite
95
[27]Kaestler, Reinhard:
Erläuterungen zu Friedrich Dürrenmatt, Der Meteor, Hollfeld: Bange
1991, Seite 64
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