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Tieck, Johann L.: Des Lebens Überfluss
Des Lebens Überfluss
Interpretation der Novelle von Johann Ludwig Tieck
Schon der Titel – „Des Lebens
Überfluss“ – ist sehr doppelsinnig aufgebaut, und könnte
symbolisieren, dass das Leben bis zum „Überfluss“ gelebt und
ausgereizt ist, und dass das „Überflüssige Leben“
abgeschlossen ist, oder werden will. Demgegenüber könnte man
„Leben im Überfluss“, also genug oder sogar zuviel, im positive
Sinne, aus dem Titel herauslesen.
In der Geschichte, in der Heinrich mit dessen Frau
– Clara – die Hauptpersonen sind, wird sehr wenig
Hintergrundinformation gegeben, und von sehr wenig effektiver Handlung
erzählt, was auf einen hohen Symbolgehalt der Novelle schliessen
lässt.
Die Überstürzte Flucht Claras aus ihrem
Elternhaus, die Armut, und die Unzugänglichkeit, Anonymität und
Isolation in der sie gegenüber ihrem Mitmenschen leben, die bis zur
Vernichtung ihrer einzigen Brücke zur Aussenwelt, der Treppe, geht, sind
alles Hinweise auf die Scheinwelt Liebe in der das junge Paar lebt. Die
ausserdem sehr kärgliche Kost und der Mangel an Feuerholz, im ach so kalten
Winter, lässt sich in dem Redensart „Ich lebe von der Liebe“
sehr simpel ausdrücken.
„..., dass ein wütender Verbrecher, zum
Hungertode verdammt, sich selber nach und nach aufspeiset; im Grunde ist das nur
die Fabel des Lebens...“
Das obige Zitat ist eine Metapher dafür, dass jeder
Mensch, schon bei der Geburt, ein Verbrecher, also zu etwas verdammt ist. Das
Schicksal, oder die Erbsünde, muss man abarbeiten, dafür Leiden oder
in Form eines bestimmten Zieles erreichen. Wenn man Kinder hat, belastet man
auch die mir einem Schicksal, und einer Verpflichtung. Da aber „jeder
seines eigenen Glückes Schmied“ ist, glaube ich nicht, dass ein
Schicksal unbeeinflussbar sein muss.
„Und, wie gesagt, ich treibe dergleichen nicht
aus zynischer Sparsamkeit, nach Art der
Diogenes[1], aus
dem Hause, sondern im Gegenteil im Gefühl meines Wohlstandes, um nur nicht,
wie die jetzige Zeit, aus törichtem Sparen zum Verschwender zu
werden.“
Zuerst auf das Frack, die Servietten und das Tischtuch,
und dann schliesslich auf immer mehr, wurde,„nicht aus zynischer
Sparsamkeit“, verzichtet, sondern um den Wohlstand zu
vergrössern. Dies soll zeigen, dass es die einfachen Dinge im Leben sind,
die es lebenswert machen. Das diese Theorie, trotzt, aller moralischen
Grundsätze nicht hundertprozentig aufgehen kann, zeigt Tieck, in dem er
Clara sagen lässt: „Wir entbehren fast alles...“.
Trotzdem zeigt die Novelle deutlich, dass alles was man braucht, sich selbst und
ein bisschen Liebe ist. Das dies – eine allgemeine Botschaft der Religion
– von Tieck artikuliert wird, ist nicht weiter erstaunlich, da er ja
selber etwa zwei Jahren Theologie studiert hat.
„...aus törichtem Sparen zum Verschwender
zu werden.“ Dieser Teilstück ist fast schon paradox und bedeutet,
dass nicht materielle Besitztümer unbedingt behalten werden müssen,
sondern, dass das wichtigste, was man besitzen kann, dasein und Liebe sind. Das
Paar lies alles auf sich zukommen, lebte einfach und unbeschwert in den Tag
hinein, nach dem Motto: „Sorgen sind für Morgen
gut“.
Heinrich erzählt seiner Frau auf ihr Drängen
hin, von dem Traum, den er in der Nacht hatte. In diesem Traum wurde er in einem
grossen Saal verauktioniert. Anfänglich wollte niemand etwas für ihn
bieten, was ihn zutiefst Erniedrigte, und symbolisiert, dass jeder Mensch ein
gewisses Bedürfnis nach Respekt, Anerkennung und Liebe hat, und sich
unbestätigt fühlen muss, wenn sich niemand um ihn kümmert. Als
niemand bieten wollte, und er dann mit drei anderen Gestalten versteigert werden
sollte, und ein Mindestbetrag für die Gruppe geboten war, trat seine Frau
in das Zimmer, empörte sich über die Auktion, die von statten lief,
und bot sogleich einen hohen Betrag für ihren Mann, was ein Sinnbild
dafür ist, dass die Frau alles dafür tun, oder geben würde, damit
sie ihren Mann nicht hergeben müsste. Nun aber entstand ein Wettstreit um
den Besitz von ihm, zwischen Clara und anderen vornehmen und reichen Damen im
Raum, was zeigt, dass immer eine gewisse Rivalität zwischen Menschen
vorhanden ist, da nur Minuten vorher noch niemand für ihn geboten
hatte.
Die Gebote stiegen schnell und bis in die
Hunderttausenden stark an.
„Mit jedem tausend erhob ich mich mehr, stand
stolz und gerade...“
Dies zeigt wie Heinrich es geniesst, von den,
enthusiastisch für ihn bietenden, Damen, begehrt zu werden. Als aber die
Gebote derart hoch sind, dass Clara, seine Frau, nicht mehr mithalten kann, sagt
sie: „Ich sehe jetzt ein, dass er für mich zu kostbar
ist“, was nicht unbedingt auf den Preis bezogen sein muss. Unter
Umständen fragt sie sich, ob sie einen Mann der so „hoch
geschätzt“ und begehrt wird, überhaupt verdient. Als sich
die Auktion nun entschieden hat, wird die Summe aus irgend einem Unerfindlichen
Grund Heinrich selber ausgehändigt, was dafür spricht, dass er nicht
verkauft worden war, sondern sich selber verkauft hat. Dies stimmt auch mit der
Kostbaren Schriftstück, mit dem er sich so identifiziert hat, dass für
einen Bruchteil seines Wertes verkaufen musste. Nun stellt sich seine Frau,
welche die unchristliche Versteigerung ihres Mannes in Frage stellte, selber dem
harten Schicksal und lässt sich verauktionieren. Dies zeigt, dass sie
herausfinden will, wie sehr ihr Mann sie liebt. Clara, eine junge
Schönheit, wir sofort hoch gehandelt. Heinrich, der nun ja ein
Vermögen besitzt, bietet unermüdlich mit, und stellt schlussendlich
alle seine Nebenbuhler in den Schatten. Als er jedoch sein Geld auf den
Auktionstisch legt, stellt er mit Schrecken fest, dass „noch viele
Tausende fehlen“. Dies stellt Anschaulich dar, wie er seiner Frau zu
beweisen Versucht wie sehr er sie Liebt, aber es wegen Mangel an Geld –
das Paar lebt in Armut – nicht zustande bringen kann. Dies stellt wiederum
die These, mit Liebe allein zu leben, in Frage. Als er anfänglich in den
Saal kommt, ist er das wert, was andere für ihn zu bieten bereit sind, also
nichts. Als aber seine Frau zu bieten beginnt, ist er ihre Liebe, die sich in
ihren Geboten widerspiegeln, wert. Ein Mensch ist nicht das wert, was andere
für ihn bezahlen, sondern soviel wie andere ihn lieben.
Am Schluss der Geschichte gerät das Paar in eine
Kontroverse mir dem Hausbesitzer und der Polizei und sind bereit zu sterben,
sich dem Schicksal hinzugeben. Aber dann kommt der für tot gehaltene
Jugendfreund, mit eben jener kostbaren Schrift, die ihn zu ihnen geführt
hat und die Heinrich verkaufen musste, und erzählt, von dem ihm angetrauten
Kapital Heinrichs, welches das Paar vollends von der Armut befreit. Der Disput
kann nun mittels finanziellen Mitteln bereinigt werden. Dies stellt eine der
Männerfreundschaften dar, die als stärker wie die Liebe zu einer Frau
gelten, und die auch in diesem Fall sehr lange gehalten hat.
Die Novelle beginnt und endet mit dem Ende der
Geschichte, und die Protagonisten unterhalten sich kontinuierlich über die
Vergangenheit. Heinrich lies ausserdem sein Tagebuch rückwärts, um so
den Anfang besser zu verstehen. Dies ist ein bildhafter Ausdruck für die
Ewigkeit, die sich, wie eine Schlange die sich in den Schwanz beisst,
ständig in einer Schlaufe zu wiederholen scheint. Anfang und Ende sind so,
wie in der Novelle, innig ineinander vereint.
Nachwort
Zitate die im speziellen interpretiert wurden, und
direkt aus dem Buch stammen habe ich in Anführungszeichen und kursiv
dargestellt.
Ich glaube, dass ich eine sehr schwierige Novelle
gewählt habe. Aber um einfach Aufzugeben, und eine andere, leichtere, zu
nehmen, war mein Ehrgeiz zu gross. Aus diesem Grunde habe ich auch keinerlei
Sekundärliteratur verwendet, weil ich sonst wahrscheinlich Stellen, die ich
nicht vollständig verstand, einfach Abgeschrieben
hätte.
[1] Diogenes von
Sinope, griechischer Philosoph, einer der Vorbilder für die Philosophie der
Kyniker. In Athen studierte er bei dem Sokrates-Schüler Antisthenes, der
die Missachtung der Sittengesetze lehrte und zu einer asketischen Existenzweise
aufrief. Dem entsprechend führte Diogenes ein enthaltsames
Leben.
Die Philosophie des Diogenes war ganz auf
praktische Anwendung ausgerichtet. Er verhöhnte die Gebildeten, die ihre
Theorien nicht auch lebten.
Zahlreiche Anekdoten ranken sich um seine
Person und seinen Witz. Angeblich lebte Diogenes in einer Tonne und ging
tagsüber mit einer Laterne durch Athen und suchte den wahren Menschen. Auf
die Frage Alexanders des Großen nach seinem größten Wunsch soll
Diogenes geantwortet haben: „Geh mir aus der
Sonne“.
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