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Mann, Thomas: Lotte in Weimar
Referat zu Thomas Manns
„Lotte in Weimar“
Die Frage, ob Goethes „Werther“ ein
rein fiktiver Roman ist, oder, ob es für den tragischen Helden und dessen
große Liebe reale Vorbilder gegeben hat,
hat sich wohl jeder von uns beim Lesen des
Romans gestellt.
Eine Frage, die um so brennender wird, wenn man
den kurzen Text im Anhang der Reclam-Ausgabe gelesen hat, und sich der Verdacht
auf einen gewissen „Realitätsbezug“ des Romans bestätigt.
Diese Frage hat mich wohl am meisten gereizt,
als ich das dann als Referat-Thema: eines Romans über eben jene Lotte aus
Goethes Werteher übernommen habe.
Es gab sie wirklich, die Lotte aus Goethes
Briefroman. Die Frau, die den jungen Werther so beeindruckte, dass dieser seinen
einzigen Ausweg aus der hoffnungslosen Liebe im Freitod sah.
Wie sah sie wohl aus, jene
Lotte?
Hier ist sie: Folie 1
Lotte Kestner, geborene Buff, die Frau, die das
Vorbild der berühmten Romanfigur werden sollte.
Gefunden habe ich das Bild nicht in einer
Gothe-Biographie, wie man ja vermuten sollte, sondern in der eines anderen
Autors. Dem Autor von „Lotte in Weimar“, dem Roman, über den
ich heute mein Referat halten möchte.
Es handelt sich um
Thomas Mann und seinen Roman
„Lotte in
Weimar“
Der Inhalt und die Entstehungsgeschichte des
Romans sind eng miteinander verknüpft, so dass es schwierig ist diese
beiden Gebiete zu trennen, ich will es aber versuchen und erst einmal mit dem
Inhalt beginnen:
Von einer Handlung im eigentlichen Sinne kann
man eigentlich gar nicht sprechen, denn es passiert fast
nichts.
Die verwitwete Hofrätin Charlotte Kestner
geborene Buff aus Hannover, nun dreiundsechzig Jahre alt, hat inzwischen elf
Kinder zur Welt gebracht und neun davon großgezogen und reist, nebst
Tochter und Zofe im September 1816 nach Weimar.
Vierundvierzig Jahre nachdem sie als Werthers
Lotte in Goethes Jugendroman ihren wirklichen und literarischen Ruhm
begründete.
Der Roman beginnt mit ihrem Eintreffen im
Gasthof „Zum Elefanten“ in Weimar.
Sie will dort Verwandte besuchen, aber ein
Nebenzweck, wenn nicht der heimliche Hauptzweck ihres Besuchs scheint doch das
Wiedersehen mit Goethe zu sein.
Sie weiss natürlich, wie sehr Goethes Ruhm
inzwischen ins Dichterfürstliche gewachsen und in welchem Maße der
Verfasser des „Faust“, des „Wilhelm Meister“ und der
Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ der Welt bedeutend geworden
ist.
Das der heimliche Hauptzweck ihres Besuchs ein
wiedersehen mit Goethe ist, zeigt sich auch daran, dass sie ihn gleich nach
ihrer Ankunft durch ein Billett, das sie zum Frauenplan schickt, über ihre
Ankunft in Weimar informiert.
Durch ihren Eintrag auf der Meldetafel des
Hotels erkennt der Kellner Mager in ihr als erster jene Lotte, das Vorbild
für Goethes inzwischen berühmten Romanfigur.
Nachdem ihre Identität gelüftet ist,
kann sie sich des Besucherdrangs nicht erwehren, bei dem der Kellner Mager
diensteifrig und devot Regie führt.
Die Sensation wird um so größer da
Lotte ihren Porträtisten, Goethe, ja seit vierundvierzig Jahren nicht mehr
gesehen hat.
Lotte hatte sich gerade zur kurzen Ruhe in ihr
Zimmer zurückgezogen, als es an der Tür klopft und eine junge Irin,
Miss Rose Cuzzle, sich ins Zimmer drängt.
Heute würde man von Miss Cuzzle
wahrscheinlich als einen Groupie sprechen, also einer Prominentenjägerin,
die unbedingt ein Portrait von jener berühmten Person erstellen
will.
Für den Leser wird hier Lottes
Berühmtheitsgrad erstmalig verdeutlicht und da Lotte zwischen Stolz und
Ärger hin und her schwankt, gelingt es der Irin denn eine Stunde lang Lotte
zu zeichnen, bis schon der nächste Gast, „Herr Doktor Riemer“
gemeldet wird.
Friedrich Wilhelm Riemer, Goethes
langjähriger Sekretär und vertrauter Reisebegleiter. Und damit
entspinnt sich, Hofrätin Kestner kann und will es am Ende nicht verhindern,
das erste der insgesamt drei langen Zwiegespräche des Romans. Der Dialog
Lotte-Riemer umfaßt nicht weniger als siebzig Druckseiten und ist
über drei Stunden lang.
Der Leser lernt Riemer als einen etwas steifen,
leicht verdrießlichen Philologen kennen, der extrem stolz auf seine
Nähe zu Goethe ist und der doch gerade auch selbst etwas gelten
möchte.
Doktor Riemer entwirft ihr nun im Gespräch
ein höchst zwiespältiges Porträt des großen Dichters, von
dem Riemer meint, dass es das Göttlich-Teuflische in einer Person
umfasse.
Diese Worte Riemers lösen auch Lotte die
Zunge, die nun aus der „Werther-Zeit" mit Goethe
berichtet.
Inzwischen ist nun eine weitere Besucherin im
Empfangszimmer des Elefanten erschienen, die Demoiselle Schopenhauer, die
Schwester des berühmten Philosophen und Tochter der Schriftstellerin
Johanna.
Das Gespräch bleibt zunächst im
Konventionell-Gesellschaftlichem und bietet dem Leser Gelegenheit, das Weimar
Goethes aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen: den Klatsch um Goethes wenig
standesgemäße Ehe mit Christiane Vulpius, Goethes Neigung zum Humor,
seine Fähigkeit, Leute zum Lachen zu bringen, dann aber verrät Adele
den Grund ihres eigentlichen Besuchs.
Die Bitte um Fürsprache und Sorge für
ihre beste Freundin, Ottilie von Pogwisch, die präsumptive Verlobte von
Goethes Sohn August.
Adele hält diese Verbindung, die nun schon
drei Jahre dauert für ein Unglück, da die beiden sich durch
Zeitumstände und Unstimmigkeit der Charaktere auseinandergelebt
hätten.
Dieses lange fünfte Kapitel im Untertitel
„Adeles Erzählung“ genannt, ist eine regelrechte Novelle im
Zentrum des Romans und allein mit ihrer genauen Betrachtung könnte man
Stunden füllen.
Gesagt soll sein, dass die Hauptfiguren auch
hier aus dem wirklichen Leben der Goethezeit stammen.
Kaum hat Adele Schopenhauer geendet, da wir ein
neuer Besucher gemeldet, und es ist kein anderer, als August von Goethe, der
zuletzt und wenig schmeichelhaft Besprochene.
Der siebenundzwanzigjährige August besitzt
eine Neigung zum Jähzorn und zum Alkohol und so führt er auch das
Gespräch mit Lotte im nicht ganz nüchternen Zustand.
Er soll eigentlich Nachricht von seinem Vater
überbringen, verliert sich aber bald in Mitteilungen über die
Missgunst die die Weimarer-Gesellschaft seiner eben verstorbenen Mutter
entgegengebracht hatte.
Dann berichtet er aber seiner lauschenden
Zuhörerin auch von den neuesten poetischen Erzeugnissen seines Vaters.
Der Leser erfährt Details aus Goethes
Leben und Wirken.
Nach August Abgang beginnt „Das siebente
Kapitell, das sich schon durch den Artikel vor der Ordnungszahl von den
Vorangegangenen unterscheidet.
Sechs Kapitel begegnetet der Leser ja nie
Goethe selbst, sondern einem Goethe-Bild oder Denkmal, wie es an jenem
Septembermorgen von Lottes Besuchern gezeichnet wurde. Alle dienten der Weimar
Touristin Lotte sozusagen als Goethe Fremdenführer, deren subjektive
Einzellberichte ein Goethe-Bild für den Leser erstellten, ohne je wirklich
ihm selbst zu begegnen.
Im siebten Kapitell nun, begegnet der Leser
Goethe im von Thomas Mann so genannten „Morgengemurmel“ endlich
selbst.
In diesem inneren Monolog setzt Goethe sich mit
Zeit und Epoche, mit der Kunst und seinem Leben, mit den Deutschen denen
Befreiungskriegen und der jüngsten Generation der Romantiker auseinander.
Durchbrochen wird der Monolog immer wieder
durch Alltagsgespräche, etwa mit Diener Ferdinand oder dem Schreiber
John.
Das Kapitel ist das längste des Romans und
nimmt nicht nur durch die Masse eine wichtige Stellung ein.
Nachdem der Leser hier Goethe also selbst
begegnet, und auch eine Einladung zum Mittagessen an Lotte ausgesprochen ist,
soll es nun nach vierundvierzig Jahren zum Wiedersehen zwischen Dichter und
Lotte-Urbild kommen.
Dieses Wiedersehen ist natürlich eine
heikle Angelegenheit und Goethe nimmt hierbei die Konventionen zu Hilfe, in dem
er Lotte förmlich aber sehr freundlich gegenüber
tritt.
In diesem formellen Rahmen, es sind insgesamt
sechzehn Personen geladen, unterhält Goethe die Gesellschaft mit
Geschichten. Eine wirkliche Aussprache zwischen Lotte und Goethe findet nicht
statt.
Doch im letzten Kapitell kommt es zu einem
erneuten Zusammentreffen von Lotte und Goethe, als Lotte nach Endde eines
Theaterbesuchs von Goethes Wagen erwartet wird. Und da sitz er dann der
große Dichterfürst und es kommt zu einer Aussprache zwischen Lotte
und Goethe!
Einschub – Lesen aus On Myself -
Der Roman endet mit der Anfangssituation,
nämlich mit der Empfangsnahme Lottens durch den Kellner Mager, der auch
noch mal betont, und zwar mit ganz ähnlichen Worten wie zu Beginn, was ihr
Besuch für ihn bedeutet, wenn er sagt: Wether´s Lotte aus Goethes
Wagen zu helfen, dass ist ein Erlebnis – wie soll ich es nennen? Es ist
buchenswert!“
Soweit also die Handlung in Manns
Roman.
Eine Frage die sich hier nun aufdrängt: In
wie weit entspricht Manns Geschichte der Realität? Was an seinen Figuren
ist Real, was ist lediglich Fiktion?
Oder um es mit Goethe zu sagen: Was ist
Dichtung und was Wahrheit?
Das man hier eine parallele zwischen Goethe und
Mann ziehen kann ist durchaus kein Zufall.
Die Auseinandersetzung mit Goethe hat Thomas
Mann sein ganzes Leben lang begleitet.
Der Roman hat eine politisch
–historischen Hintergrund: Lotte in Weimar“,
der Goethe Roman von Thomas Mann, entstand in
den späten dreißiger Jahren, zwischen 1936 und 1939.
Der Autor befand sich damals während der
nationalsozialistischen Herrschaft im amerikanischen Exil. Der Roman versucht
zum einen in der kritischen Mythologie des “großen Mannes“
diesen dem ideologischen Anspruch der Nazis zu entreißen, die Beziehungen
zwischen Mann und Goethe lassen sich aber noch weiter spinnen. Parallelen gibt
es mehr als genug (zwischen „Werther“ und „Tonio
Kröger“, zwischen „Hermann und Dorothea“ und dem
„Gesang vom Kindchen“, zwischen Dichtung und Wahrheit“ und den
Bekenntnissen Felix Krulls; im Helden „Joseph und seine Brüder“
und natürlich zwischen Goethes „Faust“ Und Manns „Doktor
Faustus“,..)
Goethe war, mit einem Wort der große
Fixstern an Thomas Manns Himmel.
Aber vielleicht noch stärker als Goethes
Werk beschäftigt Mann dessen Person, seine menschliche Gestalt , sprich,
seine Persönlichkeit. Mann sah in Goethe irgendwo das Lebensvorbild, den
großen Pädagogen, den klassischen Humanisten, einen Lehrer der
Deutschen.
Dies ist umso weniger verwunderlich, wenn man
bedenkt, dass Mann schon zu Lebzeiten als der Literat des 20 Jahrhunderts galt.
Er fühlte sich zum „Goethe-Nachfolger“ berufen und wurde es
nicht müde, über Jahrzehnte hinweg Parallelen zum großen
Dichterfürtsen zusammenzutragen, mochte es sich um wesentliche
Charakterzüge handeln oder auch nur um Nebensächlichkeiten:
(so bemerkte er einmal mit besonderem Behagen,
auch Goethe habe eine Vorliebe Für Kuchen und Süßigkeiten
gehabt. Dieses halb bewußte- halb unbewußte In-Spuren gehen, findet
im Roman „Lotte in Weimar“ seinen Höhepunkt. So hat er in
diesem Roman nun viele eigene Züge auf Goethe Übertragen im
unermüdlichen Dienst an der Idee der Nachfolge.
Man darf aber nicht vergessen, dass Mann
für seinen Roman genauestens recherchiert hat.
So ist Goethes Wiedertreffen mit Charlotte
Kestner in Weimar historisch belegt, durch eine Tagebucheintragung von Goethe
selbst, die aber lediglich heißt: „Lottes Abkunft – also 22.
September, sie bleibt bis nach Mitte Oktober.“
Mehr nicht, und wenn auch alle auftretenden
Personen historisch real und existent waren, so bleibt deren Zusammentreffen
lediglich Fiktion. Auch das zweite Zusammentreffen von Lotto und Goethe ist
historisch nicht zu belegen und Mann selbst läßt es dem Leser offen,
zu entscheiden, wie wahrscheinlich ein solches Treffen ist/war.
Thomas Manns Roman ist ein Goethe Roman –
ein Roman über Goethe, aber der Verfasser war sich von Anfang an den kaum
lösbaren Schwierigkeiten bewußt, den größten Dichter der
Deutschen zu einer handelnden Person zu machen.
So zeigt er Goethe, bevor er ihn im inneren
Monolog des siebten Kapitells selbst auftreten läßt, nur im Spiegel
der anderen, die mit Goethe leben, oder mit ihm zu tun haben.
Und aus den vielfältigen Spiegelsplittern,
die dabei entstehen, fügt sich erst das Bild Goethes für den Leser
zusammen, das immer noch das Bild der anderen ist, nicht das eigentliche Bild
Goethes, - ein solches kann es kaum geben.
In diesem Sinn ist „Lotte in
Weimar“ alles andere als ein historischer Roman, der sich um die
Rekonstruktion der Vergangenheit bemüht.
Thomas Manns Roman handelt von einer fiktiven
Wirklichkeit, und dabei geht es ihm immer wieder um das große Thema: Kunst
und Leben, Genie und Normalität.
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