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Politisch-, wirtschafts- und bevölkerungsgeographi
Holger Tuttas
Politisch-, wirtschafts- und
bevölkerungsgeographische Perspektiven Macaos
Studienarbeit im Fach K 426 - Geographie II
Fachhochschule Karlsruhe - Hochschule für Technik
Fachbereich Geoinformationswesen
Studiengang Kartographie
Dozent: Prof. Dr. Dietrich O. Müller
Wintersemester 1998/99
Zwischen Hongkong und Macao liegen nicht nur die lehmig-gelben, von
pausen-los verkehrenden Tragflügelboten durchpflügten Fluten des
Perlflußdeltas, sondern Welten. Die rund 60 Kilometer voneinander
entfernten Städte weisen zwar viele Gemeinsamkeiten auf, die Unterschiede
überwiegen jedoch (K. A. DIETSCH & E. PANSGERAU 1989, S. 116). Sowohl
Hongkong, als auch Macao gelten als chinesisches Territorium – das eine
war unter britischer, das andere steht noch unter portugiesischer Verwaltung.
Beide waren Brückenköpfe westlicher Zivilisationen, Macao allerdings
schon 300 Jahre früher als Hongkong. Und beide haben das gleiche Schicksal:
die Rückgabe an China. Man fühlt sich in Macao immer noch wie in
einer südchinesischen Provinzstadt mit einem kräftigen iberischen
Make-up (K. KRÄNZLE 1986).
Macao wurde 1557 von den Portugiesen gegründet. Dies geschah mit dem
Segen der chinesischen Regierung, denn die Portugiesen bekämpften von Macao
aus die Piraterie im Chinesischen Meer. Macao entwickelte sich schnell zum
wichtigsten Handelszentrum der Europäer in Asien. Auch die Kirche nutzte
den Stützpunkt Macao, und Papst Gregor XIII. ernannte die Stadt 1576 zur
Diözese für den gesamten Fernen Osten. Als Portugal durch seine
Niederlage gegen Philipp II. von Spanien stark geschwächt war und immer
mehr an Bedeutung einbüßte, verlor auch Macao schließlich seine
Vorrangstellung als Handelsstützpunkt an das spanische Manila und das
niederländische Batavia (Djakarta), bis diese wiederum vom britischen
Hongkong entmachtet wurden (K. A. DIETSCH & E. PANSGERAU 1989, S. 121).
Macao erreichte nie wieder die wirtschaftliche Bedeutung, die es einst
hatte, sondern stand und steht bis heute im Schatten des mächtigen
Hongkongs. Zum Vergleich: während sich das Bruttoinlandsprodukt Hongkongs
1991 auf 81.154 Mio. US$ belief, betrug das Macaos lediglich 4.162 Mio.US$ (Y.
NIEH 1992, S. 878). Macao hat keinen Fernstraßenanschluß, keine
Bahnverbindung, keinen Flughafen und die Häfen sind wegen der Ablagerungen
des Perlflusses nur drei Meter tief, damit außer für die Fähren
aus Hongkong nur für kleinere Schiffe zugänglich. Außerdem ist
Macao mit einer Fläche von 16 km² 66 mal kleiner als Hongkong mit 1063
km² (D. BÖHN 1987, S. 123). Traditionell galt und gilt Macao als eine
„verlängerte Produktionsstätte“ Hongkongs (Y. NIEH 1992,
S. 878).
Produziert werden nahezu ausschließlich leichtindustrielle Güter
wie Streichhölzer, Feuerwerkskörper, Kunstblumen und vor allem
Textilien (D. BÖHN 1987,
S. 123). Aufgrund der Nähe zu China mit noch billigeren Löhnen
und Bodenpreisen verlagerten in den letzten Jahren nicht nur Hongkong sondern
auch die Macaoer ihre Produktionsstätten über die Grenze hinweg. Dies
zwingt sowohl Macao als auch Hongkong, ihre Wirtschaft umzustrukturieren, d.h.
statt der arbeitsintensiven Industrie müssen die kapitalintensive Industrie
und der Dienstleistungsbereich verstärkt werden. Die Umstrukturierung
läßt sich in der Außenwirtschaft Macaos deutlich erkennen. 1991
ging der reale Wert der Güterexporte gegenüber dem Vorjahr um 6,9%
zurück, der der Güterimporte stieg hingegen um 7%. Ein wesentlicher
Wirtschaftszweig Macaos ist der Tourismus geworden. Nicht zuletzt wegen des
Glückspielverbots in Hongkong besuchen jedes Jahr mehrere Millionen
Touristen (davon ca. 80% Hongkong-Chinesen) Macao, mit steigender Tendenz. Die
Konzessionsabgaben der 6 Spielkasinos hatten 1991 einen Anteil von 31,5% an den
Regierungseinnahmen (Y. NIEH 1992, S. 878-880).
Macao ist mit einer Bevölkerungsdichte von 20 494 Einw. / km² das
am dichtesten besiedelte Territorium der Erde (R. GLASER und P. HABERZETTL 1994,
S. 86). Die Chinesen bilden mit ca. 97% die große Mehrheit der
Bevölkerung. 27,9% der Bevölkerung Macaos haben die portugiesische
Staatsbürgerschaft (R. GLASER und P. HABERZETTL 1994, S. 91 - 92). Eine
kleine, aber einflußreiche Minderheit bilden die Macanesen, Mischlinge aus
portugiesisch-asiatischen (vor allem chinesischen) Ehen, deren Familien
teilweise schon seit Jahrhunderten in Macao seßhaft sind. Die Macanesen
– etwa drei Prozent der Bevölkerung – identifizierten sich
stets stärker mit Portugal als mit China. Die chinesische
Bevölkerungsmehrheit in Macao schätzt die macanesische Elite deshalb
nicht besonders, zumal da die macanesischen Beamten in der Regel chinesisch zwar
sprechen, nicht aber lesen und schreiben können (K. KRÄNZLE 1986).
1992 wurde Chinesisch als offizielle Landessprache anerkannt. Seitdem sind alle
Gesetze, Verordnungen usw. ins Chinesische übersetzt worden, so daß
ein Großteil der Bevölkerung zum ersten Mal die Möglichkeit hat,
sich über seine bürgerlichen Rechte und Pflichten zu informieren und
sich aktiv an der Politik zu beteiligen (K. BRANDT 1994).
Macaos Bevölkerungsentwicklung war stets von politisch und
wirtschaftlich motivierten Wanderungsbewegungen geprägt. So führten
insbesondere die Flüchtlingsströme nach dem Zusammenbruch des alten
Kaiserreiches, während des zweiten Weltkrieges und während Chinas
Kulturrevolution in Macao zu sprunghaften Bevölkerungszuwächsen. In
Friedenszeiten oder in Zeiten ökonomischer Krisen hatte Macao wiederum
einen starken Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen, weil die Menschen
auf der Suche nach Arbeit abwanderten, oder einfach zurück in ihre alte
Heimat gingen (R. GLASER und P. HABERZETTL 1994, S. 88-90). Auch in Zukunft wird
Macaos demographische Entwicklung in starkem Maße von Migrationsbewegungen
abhängen. Mit Sicherheit wird die Zahl der Europa-Portugiesen und
wahrscheinlich auch Macanesen stark zurückgehen, die Zahl der Chinesen
dagegen weiter ansteigen (R. GLASER und P. HABERZETTL 1994, S. 97).
Ein großes Problem der Bevölkerungsentwicklung Macaos ist
schlicht Platz-mangel. Bereits heute besteht das Gebiet von Macao zu rund einem
Drittel aus Aufschüttungen. Landgewinnungsmaßnahmen können als
augenfälliger räumlicher Reflex angesehen werden, der durch die
Bevölkerungsentwicklung mittel- und unmittelbar ausgelöst wurde (R.
GLASER und P. HABERZETTL 1994, S. 95).
Nach der Rückgabe an China soll Macao ähnlich wie Hongkong einen
Status als besondere Wirtschafts- und Verwaltungszone mit einem auf 50 Jahre
garantierten eigenen (kapitalistischen) Witschaftssystem erhalten (K. GROBE
1986). Rechte wie etwa Meinungsfreiheit, freie Religionsausübung, freie
Wahl des Arbeitsplatzes, Pressefreiheit, Gründung von Gewerkschaften usw.
sollen nicht angetastet werden. Macao bleibt freier Hafen, China wird keine
Steuern erheben, selbst die Währung „Pataca“ bleibt erhalten.
Für Verteidigung und Auswärtiges ist ab Ende des Jahrhunderts Peking
verantwortlich. Vor Gericht und in der gesetzgebenden Versammlung wird neben
Chinesisch auch Portugiesisch weiterhin zugelassene Sprache sein (W. MOELLERS
1987).
Die Nationalitätenfrage war einer der wenigen Streitpunkte bei der
Verhandlung um die Übergabe. Portugal versuchte zunächst eine doppelte
Staatsangehörigkeit durchzusetzen, was die Chinesen jedoch ablehnten. Man
einigte sich darauf, daß alle Besitzer eines Portugiesischen Passes diesen
auch nach der Übergabe behalten dürfen. Danach jedoch kann niemand
aufgrund seiner Verbindung zu Macao portugiesischer Staatsbürger werden (W.
MOELLERS 1987).
Wegen seiner eher bescheidenen Wirtschaft ist Macao für China von
weit geringerer Bedeutung als Hongkong. Was in Macao produziert wird, machen die
Chinesen heute zum größten Teil auch (K. KRÄNZLE 1986). Es ist
zu erwarten, daß die Portugiesen bei der Übergabe Macaos wenig
Schwierigkeiten machen werden, da sie schon lange das Interesse an Macao
verloren und schon zweimal (1974 und 1979) die Rückgabe an China
versuchten.
Macao wurde immer und muß vermutlich auch weiterhin in einem Atemzug
mit Hongkong genannt werden. Die Macanesen waren stets wenig besorgt um ihre
Zukunft und warteten ruhig ab und beobachteten das Geschehen in Hongkong, das
die Übergabe an China ja bereits „ohne größere
Schäden“ überstanden hat. Es ist wohl zu erwarten, daß die
Übergabe Macaos an China ebenso unspektakulär wird wie die Hongkongs,
denn die Chinesen scheinen sich der Gefährlichkeit eines Eingreifens in
funktionierende Systeme bewußt zu sein. Sicherlich ist Macao für die
Chinesen von weit geringerer Bedeutung als Hongkong. Macao ist aber das
„Amüsierviertel“ Hongkongs, und eine Veränderung in Macao
(z.B. die Unterbindung kapitalistischer Einrichtungen wie Spielkasinos oder
Pferderennbahnen) würde Hongkong empfindlich treffen, was die Chinesen wohl
vermeiden werden.
Macaos Geschäftsleute sind davon überzeugt, daß China das
Vertrauen in die Stabilität Hongkongs und Macaos und seine Politik der zwei
Systeme in einem Land auf keinen Fall erschüttert sehen will – aus
wirtschaftlichen Erwägungen, aber vor allem aus politischen. In diesem
Zusammenhang fällt dann der Name Taiwan, dessen Wiedervereinigung mit dem
Festland nach einhelliger Meinung oberste Priorität in Peking hat (G.
VENZKY 1986). Man kann wohl sagen, daß sich die Lage Macaos nach der
Jahrtausendwende weder wirtschaftlich noch politisch großartig
verändern dürfte, lediglich die Zusammensetzung der Bevölkerung
wird sich eindeutig zu Gunsten der Chinesen verändern.
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Literatur
BÖHN, Dieter 1987: China: Volksrepublik China, Taiwan, Hongkong und
Macao. 1. Auflage Stuttgart. (=Klett Länderprofile - Geographische
Strukturen, Daten, Entwicklungen).
BRANDT, Kirsten 1994: Macau - 1999... Das Ende einer 500jährigen
Geschichte? In: Tranvia, Revue der iberischen Halbinsel. Berlin.
33(1994), S. 26 - 29.
DIETSCH, Klaus A. & Erhard PANSEGRAU 1989: Hongkong und
Macao. München.
GLASER, Rüdiger & Peter HABERZETTL 1994: Phasen und
Einflußgrößen der Bevölkerungsentwicklung Macaus im
20. Jahrhundert. In: Petermanns Geogr. Mitteilungen. Gotha. 138(1994), S. 85 -
97.
GROBE, Karl 1986: Macao soll bald „heimkehren“.
In: Frankfurter Rundschau. 01.07.1986, Nr. 148, S. 2.
HEHN, Jochen 1986: Gelassen wartet Macao auf Pekings Hoheit.
In: Die Welt. 28.06.1986, Nr. 147, S. 5.
KRÄNZLE, Karl 1986: Macao steuert auf Peking zu. Nach vier
portugiesischen Jahrhunderten Rückkehr nach China.
In: Süddeutsche Zeitung. 07.05.1986, Nr. 104, S. 12.
MOELLERS, Wolfgang 1987: Am 20. Dezember 1999
„Wiedervereinigung“
mit China. In: Das Parlament. 30.05.1987, Nr. 22, S. 13.
Y. NIEH, yu-hsi 1992: Die Wirtschaftslage von Hongkong und Macau.
In: China Aktuell. Hamburg: Institut für Asienkunde. 21(1992),
S. 875 - 880.
VENZKY, Gabriele 1986: In Macao geschieht nichts, was Peking nicht will.
Unter den Geschäftsleuten der Portugiesischen Kolonie breitet sich
Nervosität aus - Ein Modell für Hongkong und Taiwan? In: Stuttgarter
Zeitung. 11.03.1986, Nr. 58, S. 4.
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