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Hermetische Lyrik: Stefan George, Georg Trakl, Got
Hermetische
Lyrik
Stefan George – Georg
Trakl – Gottfried Benn
“Erst wenn in der Dunkelheit die Worte gerade durch
ihre Vieldeutigkeit, ja Unverständlichkeit, ihren eigenen Glanz, von
praktischen Bedeutungsfunktionen befreit, entfalten können und in der Nacht
des Bewußtseins unbekannte Sterne aufgehen, erst dann ist das Gedicht
da.”
(K. Leonhardt)
Inhalt
0. Einleitung 2
1. Stefan George 8
1.1. Leben
1.2. Poetik
1.3. Werke
2. Georg Trakl 12
2.1. Leben
2.2. Poetik
2.3. Werke
3. Gottfried Benn 16
3.1. Leben
3.2. Poetik
3.3. Werke
Literaturverzeichnis 21
0. EINLEITUNG
Als Vorläufer der modernen europäischen Dichtung gelten drei
französische Lyriker, Baudelaire, Rimbaud und Mallarmé, die auch auf
deutsche Dichter wie Stefan George (der Mallarmé in Paris persönlich
kennenlernte), Georg Trakl (der schon früh Baudelaire liest und später
Verse aus einer Rimbaud-Übersetzung unverändert in die eigene Dichtung
einfließen läßt) und Gottfried Benn entscheidenden
Einfluß hatten.
Im 19. Jahrhundert kommt es zu einer grundlegenden Veränderung der
Poesie, die ab diesem Zeitpunkt nicht mehr das idealisierende Bilden
geläufiger Stoffe oder Situationen als ihre Aufgabe sieht. Die Poesie
gerät in Opposition zu einer “mit ökonomischer Lebenssicherung
beschäftigten Gesellschaft”, wird zur “Klage über die
wissenschaftliche Weltenträtselung und über die Poesielosigkeit der
Öffentlichkeit” [1]. Dadurch entsteht
ein scharfer Bruch mit der Tradition; dichterische Originalität
rechtfertigt sich aus der Abnormität des Dichters; Lyrik wird als reinste
und höchste Erscheinung der Dichtung bestimmt, “die ihrerseits in
Opposition trat zur übrigen Literatur und sich zur Freiheit
ermächtigte, grenzenlos und rücksichtslos alles zu sagen, was ihr eine
gebieterische Phantasie, eine ins Unbewußte ausgeweitete Innerlichkeit und
das Spiel mit einer leeren Transzendenz
eingaben.” [2]
Damit ergibt sich die Aufgabe, neue Kategorien zu suchen, mit denen die
neue Lyrik zu beschreiben ist; während früher positive Kategorien
(etwa in den Gedichtrezensionen Goethes oder Schillers) zur Beurteilung von
Gedichten verwendet worden sind (negative nur zum Zweck der Verurteilung eines
Textes), wird die neue Poesie fast durchgehend mit negativen Kategorien
beschrieben – “negativ” nicht abwertend, sondern
definitorisch angewendet. Schon Novalis benutzt negative Kategorien nicht
tadelnd, sondern beschreibend, Lautréamont entwirft schließlich
1870 ein Bild der nach ihm kommenden Literatur mit Begriffen wie: Ängste,
Wirrnisse, Entwürdigungen, Grimasse, Herrschaft der Ausnahme und des
Absonderlichen, Dunkelheit, wühlende Phantasie, das Finstere und
Düstere, Zerreißen in äußerste Gegensätze, Hang zum
Nichts. [3]
Die theoretische Vorbereitung dieser Entwicklung findet sich bereits im 18.
Jahrhundert bei Rousseau und Diderot. Rousseau verkörpert in seiner
autistischen Haltung die “erste radikale Form des modernen
Traditionsbruchs” [4], die zugleich ein
Bruch mit der Umwelt ist. Er empfindet einen Riß zwischen sich und der
Gesellschaft, eine Unversöhnlichkeit zwischen Ich und Welt. Weiters
vollzieht Rousseau in einigen seiner Schriften die Beseitigung des Unterschieds
zwischen Phantasie und Wirklichkeit; er prägt den Begriff der
“schöpferischen Phantasie”, die dem Subjekt erlaubt, das
Nichtexistierende zu schaffen und es über das Existierende zu stellen:
“Die Phantasie wird absolut.” [5] Auch
Diderot betont die unabhängige Stellung der Phantasie, die nicht
mehr an sachlicher und logischer Zulässigkeit gemessen werden soll, und
verweist in seinen Schriften auf das häufige – vielleicht notwendige
– Zusammentreffen von Immoralität und Genialität, womit er die
seit der Antike geläufige Gleichordnung der ästhetischen Kräfte
mit den erkennenden und ethischen aufhebt. Die Dichtung ist für Diderot
nicht mehr Gegenstandsaussage, sondern “emotionale Bewegung mittels freier
Metaphernschöpfung” [6], womit sich
bereits eine eindeutige Überordnung der Sprachmagie über den
Sprachgehalt ankündigt. Weiters entwickelt Diderot eine Theorie des
Verstehens, nach der es Verstehen im Idealfall nur als Selbstverstehen gibt,
während der Kontakt zwischen Dichtung und Leser – wegen der
Unzulänglichkeit der Sprache – kein Verstehen ermöglicht,
sondern nur magische Suggestion.
Diese neuen Bestimmungen der Phantasie und der Dichtung verstärken
sich in der Romantik, wobei diesbezüglich die dichtungstheoretischen
Reflexionen Novalis‘ von besonderer Bedeutung sind. Novalis
bestimmt die Lyrik als das “Poetische schlechthin”; das lyrische
Subjekt deutet er als “neutrale Gestimmtheit”, als eine
“Ganzheit des Innern, die sich zu keiner präzisen Empfindung
zusammenzieht.” [7] Lyrik ist für ihn
“Schutzwehr gegen das gewöhnliche Leben”, stofflich ist sie
durch eine Vermischung des Heterogenen gekennzeichnet, ihre Phantasie
genießt die Freiheit, “alle Bilder durcheinanderzuwerfen”.
Wesentlich ist auch die Gleichsetzung der Poesie mit der Magie, wobei poetische
Magie “Vereinigung der Phantasie und der Denkkraft” ist. Durch die
Verbindung mit der Magie gelangt er zum Begriff der Beschwörung:
“Jedes Wort ist Beschwörung”. Der Poet hat die Macht, die
Bezauberten dazu zu zwingen, “eine Sache so zu sehen, zu glauben, zu
fühlen, wie ich will” [8]
(diktatorische Phantasie). Die Sprache ist weiters eine
“Selbstsprache” ohne Mitteilungszweck, sie bildet eine Welt für
sich, die notwendigerweise dunkel ist; der Dichter achtet mehr auf Ton- und
Spannungsabfolgen, die nicht mehr auf die Bedeutung der Worte angewiesen sind.
Von der Dichtung werden nicht mehr Richtigkeit, Deutlichkeit, Reinheit,
Vollständigkeit und Ordnung erwartet, sondern Harmonie und Euphonie:
“Der Sprachmagie wird also erlaubt, im Dienste der Verzauberung die Welt
zu Fragmenten zu zerschlagen. Dunkelheit und Inkohärenz werden
Voraussetzungen der lyrischen
Suggestion.” [9]
“Neutrale Innerlichkeit statt Gemüt, Phantasie statt
Wirklichkeit, Welttrümmer statt Welteinheit, Vermischung des Heterogenen,
Chaos, Faszination durch Dunkelheit und Sprachmagie, aber auch ein in Analogie
zur Mathematik gesetztes kühles Operieren, das Vertrautes entfremdet: dies
ist genau die Struktur, innerhalb deren die Dichtungstheorie Baudelaires, die
Lyrik Rimbauds, Mallarmés und der Heutigen stehen
werden.”[10]
Novalis und Friedrich Schlegel, der von der Trennung des Schönen vom
Wahren und Sittlichen, von der poetischen Notwendigkeit des Chaos spricht, regen
Leitgedanken der französischen Romantik an, die das bisher Geschilderte an
Baudelaire weiter vermittelt.
Baudelaires (1821-1867) Problem ist die Frage nach der Poesie in der
kommerzialisierten und technisierten Zivilisation. Als Besonderheit des modernen
Künstlers sah er die Fähigkeit, “in der Wüste der
Großstadt nicht nur den Verfall des Menschen zu sehen, sondern auch eine
bisher unentdeckte geheimnishafte Schönheit zu
wittern.” [11] Dichtung und Kunst versteht
Baudelaire als “gestaltschaffende Verarbeitung des
Zeitschicksals” [12].
Wesentlich für das Schaffen Baudelaires ist der Einfluß E. A.
Poes, mit dem die Entpersönlichung der modernen Lyrik beginnt; nicht mehr
die Empfindungsfähigkeit des Herzens ist für die Dichtung von Vorteil,
sondern die Phantasie, verstanden als intellektuell gelenktes
Operieren. [13]
Mit seinem eigenen Werk, den Fleurs du Mal, beweist Baudelaire einen
gesteigerten Formwillen, der sich in der äußeren und inneren Ordnung
der Gedichte zeigt. Die negativen Inhalte der Gedichte stehen im Gegensatz zu
ihrer Form, die Form trennt sich vom Gehalt. Es kommt zu einem Übergewicht
des Formwillens über den Willen zum bloßen Ausdruck, weshalb es nicht
verwundert, daß Baudelaire, wie Novalis und auch Poe, in seinen
theoretischen Schriften den Begriff der Mathematik verwendet –
“Schönheit ist das Erzeugnis von Vernunft und
Calcul.” [14]
Der Begriff der Modernität bedeutet für Baudelaire zweierlei. In
negativer Hinsicht meint er die “Welt der pflanzenlosen
Großstädte mit ihrer Häßlichkeit, [...] ihren Einsamkeiten
im Menschengewimmel” [15] und die Epoche
der Technik und des Fortschritts, den er als “progressive Abnahme der
Seele, progressive Herrschaft der
Materie” [16] definiert. Gleichzeitig
fasziniert ihn die Modernität aber, da das Armselige, Verfallene,
Böse, Nächtliche und Künstliche Reizstoffe bietet, Geheimnisse,
die poetisch wahrgenommen werden wollen.
Im Zuge seiner Überlegungen gelangt Baudelaire auch zu einem neuen
Begriff der Schönheit; schön ist, was rein und bizarr ist, er
wünscht aber auch ausdrücklich die Häßlichkeit, denn:
“Aus dem Häßlichen weckt der Dichter neuen
Zauber.” [17]
Der schon von Rousseau empfundene Riß zwischen Autor und Publikum
wird von Baudelaire noch verstärkt. Er spricht vom “aristokratischen
Vergnügen zu mißfallen” [18]
und rühmt sich, den Leser zu irritieren und nicht mehr von ihm verstanden
zu werden.
Auch Baudelaire entwickelt eine Theorie der Sprachmagie, erkennt eine
Verwandtschaft zwischen Poesie und Magie. Wie schon Novalis rückt er
Begriffe wie Mathematik und Magie zueinander, in dem spezifisch modernen
Bedürfnis, Dichtung ebenso zu intellektualisieren wie an archarische
Praktiken anzuschließen. Die theoretischen Erörterungen des
französischen Dichters deuten bereits auf eine Lyrik voraus, die zugunsten
der magischen Klangkräfte zunehmend auf sachliche, logische, affektive und
auch grammatische Ordnung verzichtet und den Gehalt aus den Impulsen des Wortes
gewinnt, Gehalte abnormen Sinnes, an der Grenze oder jenseits der Grenze des
Verstehbaren. [19]
Durch den “Ekel am Wirklichen”, den Baudelaire empfindet,
erstrebt seine Lyrik nicht Kopie, sondern Verwandlung und Entrealisierung des
Wirklichen. Die Natur (alles Vegetative) wird degradiert zum Chaos und Unreinen,
während Anorganisches als Symbol des absoluten Geistes verwendet und mit
dem Kunsthaften gleichgesetzt wird.
Die Phantasie gilt dem Dichter als Königin der menschlichen
Fähigkeiten, da sie das Wirkliche in seine Teile zerlegt und zertrennt, es
deformiert. Die Deformation soll daher am Beginn des künstlerischen Aktes
stehen, der eine “neue Welt” aus dieser Zerstörung bildet, die
keine real geordnete Welt mehr sein kann. Baudelaire befürwortet damit ein
Wegstreben aus der beengten Wirklichkeit, eine Entrealisierung in der Kunst. Die
damals aufkommende Photographie verurteilt er ebenso wie die
Naturwissenschaften, da diese wissenschaftliche Weltdurchdringung von ihm als
Weltverengung und als Verlust des Geheimnisses empfunden wird. Der Dichter
antwortet darauf – wie später der Symbolismus – mit extremer
Machtausweitung der Phantasie. [20]
Arthur Rimbaud (1854-1891), dessen Werk u.a. von Stefan George, Paul
Celan und Karl Krolow ins Deutsche übertragen worden ist, verwirklicht in
seiner Dichtung die theoretischen Entwürfe Baudelaires. Der Kern seines
Dichtens ist kaum noch thematischer Art, ab einem gewissen Zeitpunkt gibt es
keine nachvollziehbaren Sinngefüge mehr; im Gegensatz zu Mallarmé
gelangt Rimbaud dabei nicht zu einem Zertrümmern syntaktischer Ordnungen,
sondern spannt die chaotischen Gehalte in sehr einfache Sätze. Dieses
irreale Chaos wird von vielen Zeitgenossen als Erlösung von der beengenden
Realität empfunden, was zum Teil die enorme Wirkung Rimbauds erklärt.
Rimbaud beansprucht für den Dichter den Rang eines Sehers, dessen Ziel
lautet: “ankommen im
Unbekannten” [21]. Dieses Ziel, das
Friedrich treffend als “leere Transzendenz” bezeichnet, wird nicht
näher bestimmt, sondern nur mit negativen Begriffen umschrieben (das
Nicht-Geläufige, das Nicht-Wirkliche, das schlechthin
andere). [22] Das taugliche Subjekt ist dabei
nicht mehr das empirische Ich, es wird entmächtigt durch kollektive
Tiefenschichten. Diese Selbstentmächtigung muß durch einen operativen
Akt erreicht werden, der von Wille und Intelligenz geleitet wird. Eine operative
Verhäßlichung der Seele und Selbstverstümmelung wird angestrebt,
um in jenem Unbekannten anzukommen. Der Dichter wird “der große
Kranke, der große Verbrecher, der große Verfemte – und der
Höchste aller Wissenden” [23]. Die
Abnormität des Dichters wird zu einem vorsätzlichen
Draußenstehen, wird zur Norm. Durch diese Operationen kommt eine Dichtung
zustande, die keinen Wert mehr auf Form legt.
Bei Rimbaud führt der Deformationstrieb zur Abstoßung alles
Vergangenen, zu Ausbrüchen gegen Tradition und Schönheit; er sondert
sich von der Vergangenheit ebenso wie vom Publikum ab. Das Gefühl der
Heimatlosigkeit in der herkömmlichen Welt des Dinglichen, Seelischen und
Vernünftigen bestimmt seine Lyrik. Der Zwang zum “Unbekannten”,
das “heilige Verlangen”, drängt in imaginäre Weiten
– diese “Leidenschaft zur Transzendenz” bewirkt die ziellose
Zerstörung der Realität. [24]
Mit der Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich wird die
Dichtung selbst enthumanisiert, sie wird monologisch. Statt unterscheidbaren
Gefühlen findet sich in den Gedichten ein “neutrales
Vibrieren”, wahrnehmbar ist nur noch ein “Taumel des Unbestimmten im
Bild wie in der Emotion” [25]. Menschen
gehen nur noch als herkunftslose Fremdlinge oder als Fratzen in die Dichtung
ein; anatomische Fachausdrücke in ihrer Beschreibung bewirken eine harte
Versachlichung.
Das Wesen Rimbaudscher Bildinhalte kennzeichnet Friedrich mit dem Begriff
der “sinnlichen Irrealität”: “Der deformierte
Wirklichkeitsstoff spricht sehr häufig in Wortgruppen, von denen jeder
Bestandteil sinnliche Qualität hat. Jedoch vereinigen derartige Gruppen
sachlich Unvereinbares auf so abnorme Weise, daß aus den sinnlichen
Qualitäten ein irreales Gebilde
entsteht.” [26] Ein weiterer Begriff aus
diesem Umfeld ist der der “diktatorischen Phantasie”: “Die
reale Welt bricht auseinander unter dem Machtanspruch eines Subjekts, das seine
Inhalte nicht mehr empfangen, sondern selber herstellen
will.” [27] Die diktatorische Phantasie
erzeugt ein verzerrtes, unvertrautes Bild der Welt und kann bis zur
Absurdität führen. [28]
Stéphane Mallarmé (1842-1898) geht einen etwas anderen
Weg als Rimbaud, der in eine absolute Dunkelheit des Dichtens führt, was er
ontologisch begründet. [29] Es handelt sich
um ein Denken, das um das absolute Sein (gleichgesetzt dem Nichts) und um dessen
Verhältnis zur Sprache kreist; Dichtung versteht er als den einzigen Ort,
an dem das Absolute und die Sprache einander begegnen können. Eine kurze,
vereinfachende Erklärung von Mallarmés ontologischem Schema
könnte so lauten: “Dinge, sofern sie reale Gegenwart haben, sind
unrein, nicht absolut; erst im Vernichtetwerden ermöglichen sie die Geburt
ihrer reinen Wesenskräfte in der Sprache. Eine solche Sprache kann,
verglichen mit der Normalsprache, nur eine Als-ob-Sprache sein, eine
transzendierende Sprache, die sich vor jeder Sinn-Eindeutigkeit
hütet.” [30]
Ein Grundakt Mallarméschen Dichtens besteht also im Verweisen den
Dinglichen in die Abwesenheit (dem entspricht das Wegstreben aus der
Realität bei Baudelaire und Rimbaud). Diese Entrealisierung erscheint bei
Mallarmé nicht mehr nur als Folge zeitgeschichtlicher Gründe,
sondern als Folge einer ontologisch verstandenen Unstimmigkeit zwischen
Realität und Sprache. [31] Diesem
Wegstreben aus der Realität entspricht das Hinstreben zu einer
Idealität, die der Dichter “le néant” nennt, das Nichts.
Dieser Begriff des Nichts ist identisch mit seinem Begriff des Absoluten, sie
bezeichnen beide eine Idealität, in der alle “Zufälle” des
Empirischen ausgelöscht sind. Das Absolute ist durch seine Loslösung
vom Gewohnten, Natürlichen, Lebendigen, durch seine Loslösung von
Zeit, Ort und Ding das Nichts: “das reine Sein und das reine Nichts werden
identisch” [32].
Die ontologische Kernfrage Mallarmés betrifft das Verhältnis
zwischen dem Nichts und der Sprache. Durch die Entrealisierung (das
Abrücken des Dinglichen, alles Wirklichen überhaupt, in die
Abwesenheit) erteilt die Sprache dem Ding die Abwesenheit, “die es
kategorial dem Absoluten (dem Nichts) angleicht und welche die reinste (von
aller Dinglichkeit freie) Anwesenheit im Wort ermöglicht. Was sachlich
vernichtet ist durch die Sprache, die sein Wegsein aussagt, erhält in der
gleichen Sprache, durch seine Benennung, seine geistige
Existenz.” [33]
Durch das gesamte Denkgefüge geht allerdings ein Riß, der
Riß zwischen Sprache und Idealität, zwischen Wollen und Können,
zwischen Streben und Ziel. Es handelt sich um ein doppeltes Mißlingen:
eines der Sprache gegenüber dem Absoluten (subjektives Mißlingen) und
eines des Absoluten gegenüber der Sprache (objektives Mißlingen).
Beide Pole, Sprache wie absolutes Sein, unterliegen dem Gesetz des
Mißlingens. [34]
Bei Mallarmé verstärken sich die schon vorher beobachteten
Tendenzen der modernen Lyrik; er radikalisiert etwa die Enthumanisierung in
seiner Lyrik, indem er nicht nur die private Person, sondern auch die normale
Menschlichkeit ausscheidet. Das dichterische Subjekt wird zu einer
überpersönlichen Neutralität. Damit einher geht auch die
Abriegelung gegen die vegetative Natur. Selbst Liebes- und Todessituationen
werden enthumanisiert, indem sie durch oft mehrere geistige Sinnschichten
überwölbt werden. Die unauflösbare Mehrdeutigkeit verwehrt
absichtlich ein Zurücklenken in natürliches
Menschentum. [35]
In der Poesie sieht Mallarmé die einzige Möglichkeit, die
Zufälligkeit, Enge und Unwürde des Realen vollständig zu tilgen.
Auch er versteht Dichtung als Widerstand gegen die kommerzialisierte
Öffentlichkeit und gegen die wissenschaftliche Austreibung des
Weltgeheimnisses. Paradoxerweise überwacht er jedoch selbst sein
hochspezialisiertes Dichten mit der Verantwortung eines Technikers – eines
Technikers der Intellektualität und der Sprachmagie; er spricht von seinem
“Laboratorium”, von der “Geometrie der Sätze”.
Im Gegensatz zu Rimbaud wahrt Mallarmé die Konvention metrischer,
reimtechnischer, strophischer Gesetze. Diese Formenstrenge kontrastiert
allerdings zu den verschwebenden Gehalten – der Dichter schreibt:
“Je weiter wir unsere Gehalte ausdehnen, und je mehr wir sie
verdünnen, desto mehr müssen wir sie binden in deutlich markierten,
anfaßbaren, unvergeßlichen Versen” – und später:
“Nachdem ich das Nichts gefunden hatte, fand ich die
Schönheit.” [36] Seine Dichtung, die
alle Realität vernichtet, ruft also um so stärker nach der geformten
Schönheit der Sprache. Auch Gottfried Benn wird später von der
formfordernden Gewalt des Nichts sprechen.
Die Dunkelheit seiner Lyrik sieht Mallarmé nicht als dichterische
Willkür, sondern ontologische Notwendigkeit. Er leitet sein dunkles Dichten
aus jener Dunkelheit ab, die im Urgrund aller Dinge liegt. Durch die
Enthumanisierung wird das Dreieck Autor-Werk-Leser zerstört und trennt das
Werk von beiden menschlichen Bezügen; das Werk ist unpersönlich, es
steht allein. Weiters ist die Symbolik Mallarmés autark; die meisten
Symbole sind von ihm selbst gesetzt und können nur aus ihm selbst begriffen
werden.
Seine Sprache ist nur noch Äußerung ihrer selbst; sein Dichten
ist nicht verstehbar, sondern suggestiv. Mallarmé wünscht einen
Leser, “der offen ist für das vielfältige
Verstehen” [37], er soll selbst
weiterproduzieren, soll weniger enträtseln, als vielmehr selbst in das
Rätselhafte kommen, wo er Entzifferungen ahnt, aber nicht verfrüht
beendet. Valéry, ein Schüler Mallarmés, schreibt später:
“Meine Verse haben den Sinn, den man ihnen
gibt.” [38] Mallarmé verwendet
selbst den Begriff der Suggestion: “Ein Ding nennen, heißt
dreiviertel des Genusses an einer Dichtung verderben; das Genießen besteht
im allmählichen Erraten; das Ding suggerieren, hier liegt das
Ziel.” [39] In der suggestiven Wirkung des
Gedichts wird so die einzige Brücke zum Leser gewahrt.
In diesem Zusammenhang steht auch der Begriff der poésie pure. Nennt
Mallarmé ein Ding rein (pure), so meint er dessen Wesensreinheit, sein
Freisein von störenden Beimischungen. Die Voraussetzung dichterischer
Reinheit ist also die Entdinglichung; so wird die Dichtung frei zum Waltenlassen
der Sprachmagie. Der Begriff der poésie pure behält aber auch
über Mallarmé hinaus seine “Geltung für alle Lyrik, die
nicht primär Empfindung und Reaktion auf Weltinhalte sein will, sondern
Spiel der Sprache und der
Phantasie.” [40]
Für seine Überzeugung von einer Entsprechung zwischen Dichtung
und Magie spricht Mallarmés starkes Interesse an okkultistischer
Literatur. “Er stand in Briefwechsel mit V. E. Michelet, der die unter dem
Namen des Hermes Trismegistos gehenden spätantiken Geheimlehren
verbreitete, dafür den Namen ‚Hermetismus‘ gebrauchte und ihre
Übertragung auf die Dichtung empfahl. (Noch heute bedeutet in Frankreich
‚hermétisme‘ vorwiegend Okkultismus, Alchimie usw.)
Mallarmé hatte dieser Übertragung
zugestimmt.” [41] Der Dichter schreibt
selbst: “Es besteht zwischen den alten Praktiken und der in der Poesie
wirkenden Zauberei eine geheime Verwandtschaft.” Dichten heißt
deshalb: “in ausdrücklich gewolltem Dunkel die verschwiegenen Dinge
beschwören, mittels anspielender, nie direkter
Worte.” [42] Schon bei Rimbaud, der von
einer “Alchimie des Wortes” spricht, wird vermutet, daß er die
“Hermetischen Bücher” des Hermes Trismegistos gekannt hat. Die
Annäherung der Dichtung an Magie und Alchimie ist seit dem 18. Jahrhundert
allgemein üblich geworden, man sieht im dichterischen Akt eine Entsprechung
zum magischen und alchimistischen Operieren.
Der Begriff der “ Hermetischen Lyrik” geht auf
diese Schriften des Hermes Trismegistos zurück: “Nach okkultischen
Offenbarungsschriften aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert, dem Corpus
Hermeticum, das dem Gott Hermes Trismegistos zugeschrieben wurde, nennt man
zunächst die dunkle, geheimnisvolle und vieldeutige Literatur der
französischen Symbolisten ‚hermetisch‘, dann auch Gedichte des
späten Rilke, Gedichte von Trakl, Benn, Bobrowski, Celan
usw.” [43]
1. STEFAN GEORGE
1.1. Leben
Stefan George wird 1868 in Büdesheim bei Bingen geboren, besucht das
Gymnasium in Darmstadt und studiert später Romanistik, Philosophie und
Kunstgeschichte in Berlin, München und Paris. Bereits als Schüler
betätigt er sich als Herausgeber einer Zeitschrift (“Rosen und
Disteln”), in der ausdrücklich keine Artikel religiösen oder
politischen Inhalts abgedruckt werden, was bereits die spätere georgesche
Programmatik andeutet. [44] In Paris lernt
George den Lyriker Albert Saint-Paul kennen, der ihn Stéphane
Mallarmé vorstellt. Mallarmé, einer der Begründer des
französischen Symbolismus und der poésie pure, versteht den Dichter
nicht nur als perfekten Meister der Sprache, sondern mehr noch als einen in die
Mysterien eingeweihten Seher; Dichten bedeutet für ihn daher einen
abgezogenen, esoterischen Vorgang, das Geheimnis schlechthin.
“Soziologisch handelt es sich um die Bildung einer Elite aus Protest gegen
die Massen, gegen die Demokratisierung von Kunst und
Literatur.” [45] Der Kontakt mit
Mallarmé und anderen französischen Symbolisten leitet George zur
elitären Kunstauffassung des l’art pour l’art hin, aus der er
seine sakrale Auffassung von Kunst und Poesie entwickelt.
Die Begegnung mit dem Symbolismus führt George zu der Absicht, in
Deutschland ähnlich wirksam zu werden wie Mallarmé und sein Kreis in
Frankreich; die neue französische Dichtung wird ihm zum Vorbild seiner
Poesie. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland versammelt er literarische
Gefährten um sich – im Gegensatz zum späteren Kreis noch
Gleichaltrige und Gleichberechtigte –, mit denen ihn die Idee verbindet,
eine neue Kunst nach französischem Vorbild zu schaffen.
1891 kommt es zur ersten Begegnung zwischen George und Hofmannsthal, auf
dessen – noch unter dem Pseudonym Loris veröffentlichte –
Gedichte George aufmerksam geworden ist. George versucht verzweifelt,
Hofmannsthal zum Freund zu gewinnen, dieser reagiert aber mit höflicher
Zurückhaltung und wahrt Distanz. Es kommt schließlich zu einer
schweren Auseinandersetzung, sogar zu einer Duelldrohung Georges, bis sich die
Beziehung letztlich doch – zumindest nach außen –
neutralisiert. Nach immer neuen Mißverständnissen endet ihr
Briefwechsel 1906 aber endgültig.
Den Plan, eine Zeitschrift für die neue Dichtung zu gründen,
verwirklicht George 1892 mit dem Erscheinen des ersten Bandes der
“Blätter für die Kunst”: “Der name dieser
veröffentlichung sagt schon zum teil was sie soll: der kunst besonders der
dichtung und dem schrifttum dienen, alles staatliche und gesellschaftliche
ausscheidend.” [46] Dieses Programm
entspricht den Forderungen der französischen Symbolisten. Die bis 1919
erscheinenden “Blätter für die Kunst” werden allerdings
nicht als für den öffentlichen Buchhandel bestimmte Zeitschrift
vertrieben, sondern als poetisches Forum für Freunde und Gleichgesinnte.
Aus den Mitarbeitern der Zeitschrift entwickelt sich der “Kreis”,
der zunächst noch eine Gruppe von Gleichrangigen ist, bis George
schließlich als “Meister” in den Mittelpunkt rückt. Eine
besonders enge Freundschaft verbindet George ab dieser Zeit mit Karl
Wolfskehl. [47]
1890 lernt George Ida Coblenz kennen, die einzige Frau, mit der ihn eine
längere und sehr enge Freundschaft verbindet, die allerdings erheblichen
Schwankungen unterliegt. Erst als Ida Coblenz 1895 zunächst einen Kaufmann
heiratet und später eine Beziehung zu Richard Dehmel eingeht, kommt es
zwischen ihr und George zum Bruch.
Etwa 1895 beginnt sich in Berlin (George hat nie einen festen Wohnort
gehabt) ein neuer Kreis von Gefährten um den Dichter zu bilden. Im Haus des
Malerehepaars Reinhard und Sabine Lepsius kommt es zu den ersten Lesungen
Georges vor einem geladenen Publikum. Nach den Berichten der Anwesenden soll von
der Erscheinung Georges etwas “Dämonisches” ausgegangen
sein. [48] Außerdem lernt George den
Grafiker und Glasmaler Melchior Lechter kennen, dessen feierlicher Jugendstil
fortan den Ausstattungsstil der georgeschen Gedichtbände entscheidend
beeinflußt. [49]
Zu dieser Zeit beginnt sich George bereits vom l’art pour l’art
seiner Pariser Anfänge zu entfernen; seine Bemühungen zielen nicht
mehr nur auf eine neue Kunst, sondern auf ein neues Leben, zu dem die Kunst
hinzuführen hat.
Nach dem Bruch Georges mit den Kosmikern (1903), einer Runde um Alfred
Schuler und Ludwig Klages, die eine Lehre entwickelt haben, wonach die
abendländische Geschichte von Beginn an eine Welt des Verfalls und
Untergangs gewesen sei, die nur durch die Rückkehr zu den
heidnisch-chtonischen Ursprüngen gerettet werden
könne, [50] werden vermehrt jüngere
Männer in den Kreis um George aufgenommen, wodurch sich Georges
dominierende Rolle festigt. Friedrich Gundolf erkennt in George als erster den
“Meister”; aus einer Gruppe Gleichgesinnter und Gleichberechtigter
wird so “eine nach Rangordnungen organisierte Gefolgschaft, wobei der Wert
des Einzelnen sich aus seiner Nähe zum Meister
bestimmt.” [51] George spricht seine
“Jünger” mit “Kind” an und liebt es, unnachsichtig
Weisungen und Zurechtweisungen zu geben; die Begeisterung der Jüngeren
für George schafft um ihn eine “Aura der Unangreifbarkeit und
Unvergleichbarkeit” [52], entrückt
ihn ins Legendäre.
George strebt eine von ihm geführte Elite an, eine geistige Bewegung
zur kulturellen Erneuerung Deutschlands; kulturpolitische Tendenzen ersetzen die
vormals rein künstlerischen. Direkte Aktionen in der Öffentlichkeit
lehnt George zwar weiterhin ab, er schreibt jedoch: “Neuer Bildungsgrad
(Kultur) entsteht indem ein oder mehrere urgeister ihren lebensrhythmus
offenbaren der zuerst von der gemeinde dann von einer grösseren
volksschicht angenommen wird.” [53] Die
häufige Verwendung des Wortes “deutsch” markiert eine
Hinwendung zum nationalen; George beginnt die Sammlung “Deutsche
Dichtung” herauszugeben und beschäftigt sich ausführlicher mit
Nietzsche, Dante und Hölderlin. Er entwirft ein Bild vom Dichter als Seher
und Künder; der Dichter will nicht mehr nur Meister der Worte sein, sondern
Geheimniskundiger, Prophet: “[...] an die Stelle des Artisten tritt der
Priester.” [54]
Als zentrales Ereignis in Georges Leben gilt seine Begegnung mit dem
vierzehnjährigen Max Kronberger (George nennt ihn Maximin), den er ab
Januar 1903 regelmäßig besucht. Er spricht mit ihm über Kunst
und Dichtung, nimmt ihn zu seinen Freunden mit und bemüht sich um seine
Zuneigung. Der plötzliche Tod des Jungen (1904) trifft George schwer:
“Ich war die ganze zeit zum arbeiten wie zum entschluss unfähig
– [...] der geist tritt mit jeder woche in einen anderen kreis des leidens
[...].” [55] 1906 veröffentlicht
George Gedichte an Max Kronberger unter dem Titel “Maximin. Ein
Gedenkbuch”, eine “Manifestation des Kult-Bildes, zu dem der Tote
erhoben wird.” [56] George schafft den
Mythos “Maximin” als dem im Menschen erschienenen und erschauten
Gott; im Vorwort zum Maximin-Gedenkbuch schreibt er: “Das ganze getriebe
unsrer gedanken und handlungen erfuhr eine verschiebung seitdem dieser wahrhaft
Göttliche in unsre kreise getreten war. [...] Wir fühlten wie
geringfügig alle streite der länder alle leiden der kasten werden vorm
dämmerschauer der grossen erneuungstage: wie alle brennenden fragen der
gesellschaften in wesenlose finsternis verblassen wenn nach jeder ewigkeit den
irdischen sich ein erlöser
offenbart.” [57] Aus einem toten Jungen
bildet George so den Gott Maximin – Schonauer schreibt dazu: “[...]
die Krise, in der der mythische Dichter sich befindet, da er seinen Anspruch in
der modernen, rational erhellten Welt auf kein göttliches Geheimnis mehr
beziehen kann, soll überwunden werden mittels eines Kultus, der nur als
Ausdruck dieser Krise begreiflich
ist.” [58]
In “Der siebente Ring” (1907) tritt George als Ankläger
der Gegenwart und Künder der Zukunft auf, beides bezogen auf Maximin, das
Erlebnis der Verleiblichung eines Gottes im Menschen. Sein Interesse gilt nicht
mehr nur der Dichtung, sondern dem Kultur- und Geistesgeschichtlichen und
Politischen; 1910 erscheint im Verlag der “Blätter für die
Kunst” “Das Jahrbuch für die geistige Bewegung”, das
kulturpolitische Aufsätze beinhaltet: Die Autoren (aus dem George-Kreis)
“wollen nicht die fülle des interessanten, reizvollen, aufregenden
vermehren, sondern in der jugend das gefühl für die gefährdeten
grundkräfte wachrufen: für ernst, würde und
ehrfurcht.” [59] George selbst
beschwört in seinen Gedichten Gestalten der großen deutschen
Vergangenheit, die Geschichte wird mythologisiert; er fühlt sich als
“Führer des geheimen und besseren Deutschland [...] und Erzieher
einer neuen Jugend” [60].
Im Ersten Weltkrieg sieht er jedoch keinen Weg zur Durchsetzung dieses
“neuen Reiches”, sondern versteht ihn als unwiderlegbares Zeichen
für die Verderbtheit der Zeit; er nimmt an den kriegerischen Geschehnissen
nur distanziert Anteil. Die Erneuerung der Welt muß aus dem inneren
Deutschland kommen, von einigen wenigen
Auserwählten. [61]
Ab 1920 häufen sich die Konflikte Georges mit seinen Freunden (George
wird immer entschiedener in seinen Forderungen), er endet in Einsamkeit und
Isolation; seine Mission als Rufer zu Bund und Staat ist gescheitert. 1930
äußert George gegenüber Freunden: “Was ich sehe kann ich
Euch gar nicht alles sagen. Aber Ihr werdets alle noch erleben und ausbaden. Und
es wird noch viel wüster
kommen.” [62] Nach Gesinnung und Haltung
war es George nie möglich, sich mit dem Nationalsozialismus zu
identifizieren; [63] dennoch gilt George nach
der Machtübernahme Hitlers für eine Weile an den Schulen und
Universitäten als Dichter der “neuen Zeit”. Erst nach seinem
Tod wendet sich die nazistische Polemik gegen George; sein Schweigen auf alle
Ehrungen dürfte endlich als Ablehnung verstanden worden sein.
Im Herbst 1933 erkrankt George schwer, im Dezember stirbt er.
1.2. Poetik
Der Abgeschlossenheit von Georges Lebensführung entspricht die
Esoterik seiner Dichtung. Bereits als Gymnasiast versucht George eine eigene,
ausschließlich zum dichterischen Gebrauch bestimmte, wohltönende
Sprache zu erfinden. [64] Seine Kunsttheorie
äußert er hauptsächlich in den Einleitungen und in den
“Merksprüchen” seiner “Blätter für die
Kunst”. Georges Dichtung und ihre theoretische Rechtfertigung können
insgesamt als deutsche Dokumente des französischen Symbolismus verstanden
werden.
Der Symbolismus zeigt sich als eine idealistische, spiritualistische
Kunst, die (im Gegensatz zum Impressionismus) auf Konzentration hinzielt.
“Das Symbol oder Sinnbild ist ‚ein Gebilde, dem von einer bestimmten
Gruppe von Menschen ein besonderer, durch das Wesen des Gebildes (im Gegensatz
zur Allegorie) nicht nahegelegter Sinn verliehen worden ist‘ und das daher
‚den Charakter des Geheimzeichens, zum mindesten des Verabredeten‘
trägt. Die symbolistischen Dichter gehen von der Vorstellung eines
hintergründigen Zusammenhangs alles Seienden aus. Der von ihnen gemeinte
Sinn ist oft ein den Dingen zugrunde liegendes unfaßbares,
unsägliches und unendliches Geheimnis, das nur durch die suggestive Kraft
vollendeter sprachkünstlerischer Gestaltung magisch-mystisch beschworen
werden kann. Das folgerichtige Ergebnis dieser irrationalen Welt- und
Kunstanschauung ist eine anspruchsvolle hermetische poésie pure,
die nur von einem erlesenen Kreis eingeweihter Kunstverehrer richtig aufgenommen
werden kann.” [65]
Die schon besprochenen französischen Vorbilder dieser Bewegung sind
u.a. Baudelaire, Rimbaud und Mallarmé, von deren Dichtungen George einen
Großteil ins Deutsche überträgt. Damit bahnt sich George den
“Weg zu einer eigenen Dichtersprache nicht über die Anlehnung an
Vorbilder aus der deutschen
Literatur” [66], sondern durch
Übersetzen französischer Dichter. Er verdeutscht aber auch die Sonette
Shakespeares sowie Teile aus Dantes “Göttlicher Komödie”.
Hauptthemen von Georges lyrischem Werk sind Natur, Kunst und Freundschaft.
Bezeichnend ist der starke Individualitätsanspruch seines Werkes, der sich
in ausgesuchten sprachlichen und formalen Mitteln manifestiert: Neben der
konsequenten Kleinschreibung und eigenwilligen, meist fehlenden Zeichensetzung
legt George großen Wert auf eine ästhetisch anspruchsvolle
Typographie; er glaubt, “nur die sorgfältige, schöne Handschrift
[sei] als Form der Wiedergabe der Poesie
angemessen” [67] und zwingt seine
Jünger zu Schönschrift-Übungen. Selbstverständlich baut er
nur streng geformte Verse und reichert seine Sprache mit “kostbaren
Schmuckwörtern” [68] an.
Sein Streben nach Schönheit und ästhetisch-vollendeter Form ist
allerdings weitgehend befreit von ethischer Bindung, dem Moralischen sogar
entgegengesetzt. So kultiviert er einen ästhetischen Amoralismus, der in
Verachtung der Menschenmenge und des Allzu-Gewöhnlichen
ausschlägt. [69]
Nicht zuletzt diese Haltung ruft heftige Kritik hervor; Brecht etwa
schreibt: “Ich selber wende gegen die Dichtungen Georges nicht ein,
daß sie leer erscheinen: ich habe nichts gegen Leere. Aber ihre Form ist
zu selbstgefällig. Seine Ansichten scheinen mir belanglos und
zufällig, lediglich originell. Er hat wohl einen Haufen von Büchern in
sich hineingelesen, die nur gut eingebunden sind, und mit Leuten verkehrt, die
von Renten leben. So bietet er den Anblick eines Müßiggängers,
statt den vielleicht erstrebten eines
Schauenden.” [70] Auch Eugen Gottlob
Winkler kritisiert: “Die Form, die er bildet, ist leer und tot, sein
Ideal, selbst in seiner Verwirklichung, ein Phantasiegebilde, und seine
Erscheinung, bei aller Großartigkeit ihrer Konsequenz, eine ungeheuerliche
Pose.” [71] Dagegen Adorno: “Am
hohen Stil ist keine Sekunde Zweifel. [...] [George] fügt Zeilen zusammen,
die klingen, nicht als wären sie von ihm, sondern als wären sie von
Anbeginn der Zeiten da gewesen und müßten für immer so
sein.” [72]
1.3. Werke
Hymnen (1890)
Pilgerfahrten (1891)
Algabal (1892)
Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und
der hängenden Gärten (1895)
Das Jahr der Seele (1897, erweitert 1899)
Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod (1900)
Der siebente Ring (1907)
Der Stern des Bundes (1913)
Das neue Reich (1928)
2. GEORG TRAKL
2.1. Leben
Georg Trakl wird 1887 in Salzburg als viertes Kind der wohlhabenden und
angesehenen Eheleute Tobias und Maria Trakl geboren; er fühlt sich schon in
seiner Kindheit mehr zum Vater (mit dem er später Begriffe wie Stille,
Härte und Gerechtigkeit verbindet) hingezogen, als zur Mutter, die sich
wenig um ihre sechs Kinder und den Stiefsohn Wilhelm kümmert. Maria Trakl
sammelt Antiquitäten, die sie aus Liebhaberei restauriert, ist sehr
musikalisch und überwacht die Musikerziehung (Klavierunterricht) der
Kinder; sie schließt sich allerdings des öfteren tagelang in ihre
museale Welt ein und bricht jeden Kontakt mit der Familie ab, weshalb Georg eine
Art Haßliebe ihr gegenüber
entwickelt. [73] Die Mutter kümmert sich
auch sonst kaum um ihre Kinder, die von einem Kindermädchen betreut werden,
hat depressive Zustände und nimmt
Opium. [74]
Georg Trakl muß die vierte Klasse des Staatsgymnasiums wiederholen
und verläßt die Schule vor Abschluß der siebten. Unter dem
Einfluß von Lenau, Baudelaire, Verlaine, George und Hofmannsthal entstehen
erste Gedichte und Kurzgeschichten, die er vor Gleichgesinnten im Dichterverein
“Apollo” (später “Minerva”)
vorträgt. [75] Als er 1905 in einer
Salzburger Apotheke eine Lehre beginnt, hat er bereits Erfahrungen mit
Betäubungsmitteln (Chloroform) und Rauschgift gemacht.
Durch seine Freundschaft mit dem Bühnendichter Gustav Streicher wird
Trakl angeregt, Theaterstücke zu schreiben; 1906 wird sein Einakter
“Totentag” im Salzburger Stadt-Theater mit mäßigem Erfolg
aufgeführt, die Premiere seines zweiten Einakters “Fata
Morgana” wird durchgehend negativ
rezensiert. [76] Trakl wird in der Folge (durch
seine Enttäuschung über den Mißerfolg) mit starken Rauschgiften
vertraut (Morphium, Veronal).
1908 übersiedelt Trakl nach Wien und beginnt dort das viersemestrige
Universitätsstudium der Pharmazie, das er 1910 erfolgreich
abschließt. Während des Studiums veröffentlicht er erstmals
einige Gedichte in Zeitschriften, verhilft seiner Schwester Grete wiederholt zu
Rauschmitteln und unterhält in dieser Zeit eine enge, möglicherweise
inzestuöse Beziehung zu ihr. [77]
Nach der Ableistung des Präsenzdienstes als
Einjährig-Freiwilliger bei einer k.u.k. Sanitätsabteilung in Wien
beginnen Trakls schwerdepressive Anfälle und Perioden; seine Trunksucht und
sein Drogenkonsum – und damit auch seine finanzielle Lage –
verschlimmern sich. [78] 1912 lernt er Ludwig
von Ficker persönlich kennen, der als Herausgeber des “Brenner”
mehrere Gedichte Trakls veröffentlicht und neben Erhard Buschbeck einer
seiner wenigen engeren Freunde wird; [79] in
diversen Kaffeehäusern Wiens wird Trakl außerdem u.a. mit Karl Kraus,
Adolf Loos und Oskar Kokoschka bekannt. Er wechselt häufig seine
Anstellung, da seine seelische Verfassung und auch die Dauerschädigung
durch Alkohol und Drogen eine ständige Berufsarbeit nicht mehr zulassen,
und ist auf regelmäßige finanzielle Unterstützung durch seine
Geschwister angewiesen, was wiederum zu depressiven Stimmungen
führt. [80] Seine Geldbedrängnis
zwingt ihn letztlich sogar dazu, seine Lieblingsbücher zu verkaufen,
darunter Werke von Dostojewski, Tolstoj, Kierkegaard, Nietzsche, Hölderlin,
Rilke, Schnitzler, Hofmannsthal, Shaw und
Wilde. [81]
Bezeichnend für Trakls Naturell ist ebenso der ständige und
rasche Wechsel von “mönchischer” Askese mit nächtelangen
Zechgelagen, wie der Wechsel von ernsthaften Versuchen, im bürgerlichen
Leben Fuß zu fassen, mit seiner Pauschalablehnung des Bürgerlichen
und alles Geschäftlichen und Materiellen
überhaupt. [82] Seiner spontanen
Freundlichkeit gegenüber einfachen Menschen, dem “Volk”,
entspricht aber eine gelegentliche Schroffheit im Umgang mit Angehörigen
höherer Stände. [83]
In Zeiten schwerer Krankheit und Verzweiflung sucht Trakl Zuflucht bei
Ficker in Innsbruck-Mühlau; er schreibt, er empfinde immer tiefer,
“was der ‚Brenner‘ für mich bedeutet, Heimat und Zuflucht
im Kreise einer edlen
Menschlichkeit.” [84] Nach dem Erscheinen
von Trakls erstem Gedichtband “Gedichte” im Kurt Wolff
Verlag [85] im Juli 1913 reist er für zwei
Wochen nach Venedig, wo er sich mit Karl Kraus, Adolf Loos, Peter Altenberg und
Ludwig und Cissi von Ficker trifft. [86]
Zurück in Wien durchlebt er schwere seelische
Krisen, [87] immer begleitet von harten
Selbstbezichtigungen. [88]
Im März 1914 besucht Trakl seine schwerkranke Schwester Grete, die an
den Folgen einer Fehlgeburt leidet. “Ihr Leben”, schreibt Trakl,
“ist von einer so herzzerreißenden Traurigkeit und zugleich braven
Tapferkeit, daß ich mir bisweilen sehr gering davor erscheine;
[...].” [89]
Mitte 1914 erhält Ludwig von Ficker eine großzügige
Geldspende von Ludwig Wittgenstein, die er an würdige und bedürftige
österreichische Künstler weiterleiten soll; daß so Trakl
plötzlich um 20.000 Kronen reicher wird, hilft ihm jedoch nicht mehr: Der
Ausbruch des Krieges nimmt ihm die Möglichkeit, auf sein Vermögen
zurückzugreifen. [90] Am 24. August
rückt Trakl als Medikamentenakzessist (Militärapotheker) mit einer
Innsbrucker Sanitätskolonne ins Feld. Nach weiten Märschen wird seine
Truppe in der Schlacht um Gródek zum ersten Mal eingesetzt. Ohne
ärztlichen Beistand muß er zwei Tage und zwei Nächte lang in
einer Scheune fast hundert Schwerverwundete betreuen; Trakl versucht Selbstmord
zu begehen, seine Kameraden entwaffnen ihn jedoch noch rechtzeitig. Daraufhin
wird er in ein Garnisonsspital in Krakau zur Beobachtung seines Geisteszustandes
gebracht, wo ihn Ludwig von Ficker ein letztes Mal besucht. Am 3. November 1914
stirbt Trakl schließlich an einer Überdosis Kokain
(Herzlähmung).
2.2. Poetik
“Religiöses Erlösungsbedürfnis und ein idyllischer
Humanismus kommen in Konflikt mit einem bedrängenden Gefühl der
Vereinzelung und des Verfalls der Welt in der Dichtung
Trakls.” [91] – Damit ist die
Thematik dieser Lyrik gut umrissen; Traum und Umnachtung, Verfall und
Verwesung, Untergangsstimmung, Depressionen, Resignation bestimmen sie
ebenso wie Gottessehnsucht und -suche, aber auch Gottferne. Persönliche
Schuldgefühle korrespondieren dabei mit der allgemeinen Schuldhaftigkeit
der Menschheit: “Der Zustand der Welt wird identisch mit dem Zustand des
Individuums, persönliche Erfahrungen werden zu Menschheitserfahrungen
stilisiert.” [92]
Das Bewußtsein der Vergänglichkeit von Menschen und Dingen ist
in Trakls Gedichten allgegenwärtig: “Das Erscheinende ist wesend und
verwesend zugleich.” [93] Die
Möglichkeiten des Verwesens sind vielfältig, die Erscheinungen
verwittern, verblühen, verwelken, vergilben, rosten, verblassen,
entfliehen, entgleiten etc. Tiere wie Ratte, Rabe, Krähe, Wolf und Wurm
begleiten die Vorgänge des Verwesens. Das Unheilvolle kommt aber nicht von
Wald, Feld und Fluß, sondern vom Menschen, allerdings bringen
“Stein, Blume, Tier und Stern [...] das Unheilvolle des Menschen
schärfer ins Bewußtsein.” [94]
Es kündigt sich eine Zeit des Unheils an – der Untergang kommt mit
dem Krieg. “Alle Straßen münden in schwarze
Verwesung.” [95] – Der Untergang
kann nicht mehr umgangen werden: “Auswegslose Vernichtung bricht über
den Menschen herein.” [96]
Trakl bedient sich zweier Bildbereiche, eines hellen idyllischen und
eines düsteren, die sich oft innerhalb eines Gedichtes
überschneiden. [97] Dadurch vermischen sich
in seiner Dichtung schöne Welt und Untergang, Verzweiflung und
Erlösung, Idylle und Verfall. Seine Gedichte rufen kein Erlebnis herauf,
sondern “setzen gleichsam Welt-Stücke neu zusammen zu einer eigenen
Gedichtwelt, in der die Bilder sich miteinander und gegeneinander autonom
bewegen. [...] seine Worte zwingen eine Welt, die ihm zerfällt, in einen
Wortzusammenhang, den er noch kontrollieren
kann.” [98] Diese Methode, die Welt
gleichsam in Stücke zu zerbrechen und im Gedicht neu zusammenzusetzen,
erinnert an Arthur Rimbaud – es ist schon daher nicht unverständlich,
daß viele Übernahmen von Wörtern und Wendungen aus der
Rimbaud-Übersetzung Karl Klammers, die Trakl zugänglich gewesen ist,
nachgewiesen werden können. [99] Basil
vermutet sogar, Trakl habe in Rimbaud einen “Sternbruder” gesehen,
und bezieht auch Baudelaire in seine Überlegungen ein: “Wenn
Baudelaire dem jungen Dichter das Rauschgift und das Vokabular geschenkt hatte,
so schenkte Rimbaud dem Reifenden die Lebensverachtung und die
Revolte.” [100]
Nicht nur Salzburg, sondern Städte allgemein stoßen Trakl
ab, seine Gedichte berichten von der “Sprachlosigkeit und dem Grauen, das
der Anblick der großen Städte in der Ebene
erweckt.” [101] Städte
verstärken die Gefühle der Schwermut und der Heimatlosigkeit im
Menschen und fördern seinen Wahnsinn, in ihnen wächst die
Zerstörung: “Der Zerfall zeigt sich im Leben der Menschen, deren
Gemeinschaft und Nachbarschaft aufgehoben ist, in der Kälte des
massenhaften Beieinanderhausens, in dem nur noch Unbekannte und Fremde einander
begegnen.” [102] Städte gelten
Trakl als künstliches Erzeugnis des Bürgers, in denen die Gesetze von
Beruf und Arbeitsteilung einen unerbittlichen Zwang auf ihn ausüben, der
ihn immer wieder dazu treibt, Zuflucht zu Drogen zu nehmen. Der Dichter wird aus
der bürgerlichen Welt verdrängt, die keine Lebensform duldet, die sich
ihr nicht unterwirft. Die Welt wird durch mechanische und gleichförmige
Gesetze beschrieben, wodurch sich alles “Idyllische, Bukolische und
Heroische verliert [...]. Die Einfalt und das Erhabene des Lebens werden
unsichtbar.” [103]
Trakls Verhältnis zur Welt, zur Landschaft ist dem
entgegengesetzt; er will weder verbessern, noch verändern, er will
“nichts hinzufügen und nichts [...] wegtun, da das alles auf die
Zerstörung des rechten Maßes
hinausläuft.” [104] Sein
höchstes Ideal ist “gerechtes Anschauen”. Obwohl Tiere und
Pflanzen durch den Eingriff des Menschen verändert und seiner Nutzung
unterstellt worden sind, ist in ihnen noch ein eigenes Leben, das den Eingriffen
standhält: “Im Eigenen verweilt das Dasein. Es webt in der Stille
seines Unberührtseins.” [105]
Dieses “Eigene” läßt sich sogar noch an wenigen Menschen
feststellen, an Hirten, Jägern, Fischern und Bauern, sowie an Knechten und
Mägden.
In Trakls letztem Lebensjahr steigern sich seine Menschenverachtung und
-scheu, während er dem Tier, in seiner Dichtung Chiffre für das
Schuldlose, vom Menschen Geopferte, immer näher steht; er erleidet
“die Geschundenheit der dem Menschen ausgelieferten Kreatur fast
körperlich.” [106]
Durch die religiöse Atmosphäre des “Brenner”-Kreises
besinnt sich Trakl wieder auf sein Christentum; in seiner Dichtung schweigen
jedoch sowohl Engel als auch Gott: “Der Gott, den er sucht, hat
sich verborgen und setzt seinen Hilferufen das Schweigen eines leeren Himmels
entgegen.” [107] Dadurch wird Trakls
Dichtung zum “Ausdruck eines Menschen, der sich völlig allein
gelassen weiß und daher die Last der irdischen Existenz allein zu tragen
hat.” [108]
Besonders auffallend an den Gedichten Trakls ist ihre ebenso ausdrucksvolle
wie eigentümliche
Farbensymbolik [109]. Die Bedeutung
einzelner Farbtöne kann nur noch aus dem Textzusammenhang geklärt
werden, dadurch gehören sie zusammen mit Nomen wie Vogel, Metall oder Tier
zu den Traklschen Chiffren.
Die literarische Entwicklung Trakls wird in vier Werkphasen
gegliedert. [110] In die erste
Phase fällt das noch epigonale, im Zeichen von Impressionismus und
Jugendstil und später schon unter dem Einfluß Nietzsches stehende
Frühwerk (“Sammlung 1909”). In den Gedichten der zweite
Stufe (1909-1912; “Gedichte”) gelangt Trakl zu einer
“heiß errungene[n]” “bildhafte[n] Manier, die in vier
Strophenzeilen vier einzelne Bildteile zu einem einzigen Eindruck
zusammenschmiedet” [111]. Was er hier
als seinen Individualstil empfindet, erfinden jedoch zur gleichen Zeit
unabhängig voneinander auch andere – als “Reihungsstil”
wird es zu einem typischen Formmerkmal der expressionistischen Lyrik. In den
Gedichten Trakls dieser Phase gibt es also kaum durchgreifende Bewegungen; die
Wahrnehmungen “reihen sich so nebeneinander, daß zwischen den Versen
kein wahrnehmbarer Zusammenhang ist. Das Gedicht sucht nicht nach logischen
Zusammenhängen, denen es das Erscheinende
unterwirft.” [112] Die
“positive” oder “negative” Wertung der isoliert
erscheinenden, heterogenen Einzelbilder bleibt offen, “weil kein lyrisches
Ich mehr eine Deutungsrichtung vorgibt, sondern sich in der formalen Funktion
eines Registrators von gleich-gültigen – letztlich austauschbaren
– Eindrücken darstellt
[...].” [113]
Die dritte Phase (1912-1914; “Sebastian im Traum”) ist
erst gekennzeichnet durch den eigentlichen “Trakl-Ton”, “der
aus der Spannung zwischen autobiographischer Sinnsuche und dichterischer
Objektivierung erwächst.” [114]
Trakl verzichtet jetzt auf ein festes Metrum, auf Endreim und einheitliche
Strophenform, er löst sich vom Reihungsstil zugunsten
zeilenüberschreitender Handlungsabläufe oder Zustände. Die Zeit
wird nicht mehr “in der Simultaneität dissoziierter
Räumlichkeiten aufgelöst, sondern als diskontinuierlicher Verlauf und
damit auch in ihrer geschichtlichen Dimension
thematisiert.” [115] Mythische und
religiöse Vorstellungsbereiche erweitern die Motivik, wodurch auch die Zahl
der literarischen Anspielungen wächst. Weiters findet in dieser Phase ein
“topographischer Wechsel von der ‚dissoziierenden‘ Stadt zur
Landschaft” [116] statt. Der Band
“Sebastian im Traum” zeichnet sich im Gegensatz zu den
“Gedichten” außerdem durch eine hohe Motivrekurrenz und durch
eine festere, zyklische Anordnung (vergleichbar Georges Sammlung “Der
siebente Ring”) aus.
In der vierten Phase (1914) steigern sich die Motive ins
Monumentale, der Schauplatz verlagert sich von der Hügel- und
Ebenen-Landschaft ins unwirtliche “Gebirge”, die Verse werden
verkürzt. Die poetische Gestaltung des Untergangs radikalisiert sich damit
durch die Kriegserfahrung zu einem endgültigen Höhepunkt in Trakls
letzten Gedichten.
2.3. Werke
Gedichte (1913)
Sebastian im Traum (1915)
Der Herbst des Einsamen (1920)
Gesang der Abgeschiedenen (1933)
Aus goldenem Kelch (1939)
Offenbarung und Untergang. Prosadichtungen (1947)
3. GOTTFRIED BENN
3.1. Leben
Gottfried Benn wird 1886 in Mansfeld, einem kleinen Dorf nördlich von
Berlin, als zweites von acht Kindern eines protestantischen Pfarrers geboren. In
Marburg studiert er zunächst zwei Semester Theologie und Philosophie,
danach zwei Semester Philologie, bevor er sich schließlich dem Studium der
Medizin (an der “Kaiser-Wilhelm-Akademie für das
militärärztliche Bildungswesen”) zuwendet; 1912 promoviert er in
Berlin. Im gleichen Jahr erscheint sein erster Gedichtband, “Morgue und
andere Gedichte”, ein “Geysir von Daseinsekel und
Zivilisationshaß” [117], der die
Ästhetik des Häßlichen erst vollends in die deutsche Literatur
einführt und bei seinem Erscheinen als die “weitaus ruchloseste,
zynischste und böseste Herausforderung des geltenden
Geschmacks” [118] wirkt. Das Buch wird
durch die Militärzensur im Ersten Weltkrieg verboten. Benn verbringt die
Jahre vor Ausbruch des Krieges – wie die meiste Zeit seines Lebens –
in Berlin, der damals wichtigsten geistigen Metropole Deutschlands, die ihn
zutiefst prägt: “[...] man [...] könnte [fragen], ob das
Phänomen Benn ohne es [Berlin] überhaupt denkbar
wäre.” [119] Der beim
Abschluß seines Studiums verschuldete Benn nimmt zunächst
verschiedene Assistentenstellungen an und versucht sich in der Psychiatrie, bis
es ihm unmöglich wird, “die alten Kranken fortlaufend
individualisierend zu beobachten”, da es ihm “Qualen [schafft], die
nicht beschreiblich sind.” [120]
1913 lernt Benn die 35jährige Witwe Edith Osterloh kennen, die er
unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs heiratet. Die Jahre 1915-1917,
eine Zeit hoher literarischer Produktivität, verbringt Benn als
Militärarzt in Brüssel. [121] Im
November 1917 läßt er sich als Facharzt für Haut- und
Geschlechtskrankheiten in Berlin nieder und führt dort seine Praxis bis
1935. Seine Gedichte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sind
“Wort-Collage[n] aus Apokalypse und Götterdämmerung, aus
Wissenschafts-Zynismus und Geschichtsverachtung, aus Trauer und
Slang” [122], er hält die
Zivilisation insgesamt für einen Irrweg des Menschen, da sie kunstfeindlich
und dem praktischen Nutzen zugewandt sei, und wendet sich gegen den politischen
Sozialismus “mit seinem Fortschrittsgetöse und dem Kult der
Gleichheit.” [123]
1922 stirbt seine Frau Edith, die beiden Kinder, Tochter und Stiefsohn,
gibt Benn außer Haus. [124] Von 1923 bis
1932 bildet sich ein außergewöhnlich umfangreicher Kreis von
Bekannten um den ansonsten lieber einsam und kontaktlos vor sich hinlebenden
Dichter. Außer kleineren Sonntagsausflügen verreist Benn nur sehr
selten; die dreiwöchige Autoreise durch Frankreich mit einem
Kunsthändler (1929) zählt zu den wenigen
Ausnahmen. [125]
1929 erscheint in einer sozialistisch ausgerichteten Literaturzeitschrift
(“Die neue Bücherschau”) eine begeisterte Besprechung von Benns
soeben erschienener “Gesammelte[r] Prosa”: “Es gibt auch in
dieser Zeit des vielseitigen, wandlungsfähigen Machers, des literarischen
Lieferanten politischer Propagandamaterialien, des schnell fertigen
Gebrauchspoeten, in ein paar seltenen Exemplaren das Beispiel des
unabhängigen und überlegenen Welt-Dichters,
[...].” [126] Daraufhin treten die
Kommunisten Johannes Becher und Egon Erwin Kisch aus dem Redaktionskomitee aus;
Kisch schreibt: “[...] für uns hat der literarische Lieferant
politischen Propaganda-Materials turmhoch über dem überlegenen
Weltdichter zu stehen, über allen Benns und Stefan
Georges.” [127] Benn antwortet mit dem
Aufsatz “Über die Rolle des Schriftstellers in unserer Zeit”,
in dem er schreibt: “Soziale Bewegungen gab es doch seit jeher. Die Armen
wollten immer hoch und die Reichen nicht herunter. Schaurige Welt,
kapitalistische Welt, [...]. [...] nach drei Jahrtausenden Vorgang darf man sich
wohl dem Gedanken nähern, dies alles sei weder gut noch böse, sondern
rein phänomenal [...]. Nein, mir kommt der Gedanke, ob es nicht weit
radikaler, weit revolutionärer [...] ist, der Menschheit zu lehren: so bist
du und du wirst nie anders sein, so lebst du, so hast du gelebt und so wirst du
immer leben. Wer Geld hat, wird gesund, wer Macht hat, schwört richtig, wer
Gewalt hat, schafft das Recht. Die Geschichte ist ohne Sinn, keine
Aufwärtsbewegung,
[...].” [128]
Seine Sentenzen gegen die sozial oder kommunistisch engagierte Literatur
führen schließlich dazu, daß Benn – etwa von Werner
Hegemann – als Faschist verdächtigt wird; gleichzeitig beschimpft man
ihn aber auch im “Angriff”, der Zeitung
Goebbels. [129] Laut Lennig kennt sich
Gottfried Benn “in der hektischen Politik jener Zeit überhaupt nicht
aus” [130], er bemerkt nur eine
Übermacht der literarischen Linken und die lautstark verkündete
Kunstfeindlichkeit der Kommunisten. Benn wehrt sich allgemein gegen die
Politisierung der Kunst und daher gegen die einzige kunstfeindliche Macht, die
er damals erblickt; daß die radikale Rechte sich nicht weniger
kunstfeindlich gebärden werde, kann er noch nicht voraussehen.
Mit der Machtübernahme Hitlers im Jänner 1933 beginnt der
“unverzeihliche Irrtum” Gottfried Benns; er bekennt sich aus eigenem
Entschluß öffentlich für den neuen Staat und gibt diesem
Bekenntnis in Rundfunkreden und Aufsätzen
Ausdruck. [131] Benn kommen allerdings sehr
bald Zweifel, im Juni 1934 – am Tag der “Röhm-Revolte”,
in deren Verlauf über hundert mißliebige Persönlichkeiten ohne
Urteilsspruch ermordet werden – gibt es für ihn keine Illusionen
mehr; er muß die Konsequenzen ziehen. Wie und warum es zu diesem
politischen Irrtum Benns gekommen ist, wird oft mit dem Hinweis beantwortet,
daß Benn zu dieser Zeit den Nationalsozialismus kaum gekannt und sich bis
zum Tag der “Machtergreifung” nicht mit der NSDAP befaßt habe.
Seine Reaktion wird nicht als “denkerischer”, sondern als
“emotionaler Akt” verstanden; auch kann Benn aus den zahlreichen
Parolen und Versprechungen der neuen Machthaber manches heraushören, das
seiner Haltung entgegenkommt (Absage an die marxistische Linke, Appell an Rasse
und Züchtigung, an Auslese und männliche Tugenden
etc.). [132] Benn, der sich später in
“Doppelleben” umfassend zu seinem Irrtum äußert, schreibt
selbst, die Generation der Expressionisten habe “die letzten Jahre
ziemlich instinktlos verbracht, aber das praktisch Apolitische war ja bei uns
Zuhause so war Goethe, Hölderlin, so war Rilke und George. [...] Und die
letzten Jahre hieß Politik, Marxismus, hieß Rußland, Mord
aller bürgerlichen und intellektuellen Schichten, Mord aller Kunst als
‚Privatidiotismus‘ (Tretjakow), hieß Antiheroismus,
dialektisches Gewäsch und [...] Funktionalismus,
[...].” [133]
Ende 1933 erkennt Benn, daß der totale Staat des Massenzeitalters
prinzipiell und notwendigerweise kunst- und geistesfeindlich ist; er schreibt in
einem Brief: “Es gibt nur die Form und den Gedanken. Das ist eine
Erkenntnis, die Sie bei Nietzsche noch nicht finden, oder er verbarg sie. Seine
blonde Bestie, seine Züchtigungskapitel sind immer noch Träume von der
Vereinigung von Geist und Macht. Das ist vorbei. Es sind zwei
Reiche.” [134]
Ab 1934 schafft er sich durch seine kaum verhüllten Angriffe gegen die
Kulturpolitik des Hitlerreichs neue Feinde; 1936 erscheint in der offiziellen
Wochenzeitschrift der SS der Artikel “Der Selbsterreger”, in dem
Benn als “Ferkel”, “widernatürliches Schwein”,
“warmer Bruder” und “Judenjunge” bezeichnet wird, seine
Schriften als “dreckige Schmierereien”; es heißt: “[...]
scher dich doch dahin, wo deine Genossen Kerr, Tucholsky, Kästner sitzen
[...].” [135] 1937 folgt der Hinweis auf
Rassenschande, “weil ja ‚die Jüdin‘ Else
Lasker-Schüler diesen ‚Kulturbolschewisten‘ besungen
habe.” [136] 1938 wird Benn aus der
“Reichsschrifttumskammer” ausgeschlossen und mit dem Schreib- bzw.
Veröffentlichungsverbot belegt.
In der Zeit nach 1935 ist Benn zunächst als Oberstabsarzt in Hannover
tätig, ab 1937 als Versorgungsarzt in Berlin und von 1943-1945 in Landsberg
an der Warthe, wo er “ruhig, dienstlich unbelästigt, ohne materielle
Sorgen, ganz seinen Gedanken, Träumen, Phantasien und Notizen
überlassen” [137] lebt. Diese Zeit,
die er selbst als die ruhigste und glücklichste seines Lebens sieht, ist
zugleich eine der großen Produktionsperioden Benns.
1945 stirbt Benns zweite Gattin Herta, die er 1938 geheiratet hat, im
Zusammenhang mit der sowjetischen Besatzung; im nächsten Jahr schon
schließt Benn seine dritte und letzte Ehe mit der Zahnärztin Ilse
Kaul.
Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird das Schreibverbot gegen
Gottfried Benn aufrecht erhalten – und zwar in Ost und West. Erst 1948
kann Benn den Band “Statische Gedichte” in der Schweiz
veröffentlichen, und im Herbst desselben Jahres gelingt es dem Verleger Max
Niedermayer endlich, die Druckerlaubnis für Benn in Teilen Deutschlands zu
erlangen. Es folgen zahlreiche Veröffentlichungen; 1953 schließt der
Dichter seine Arztpraxis.
Im Frühling 1956 erkrankt Benn schwer, die Krankheit kann aber nicht
klar diagnostiziert werden; kurz nach einem Kuraufenthalt in Schlangenbad stirbt
er schließlich im Juli 1956.
3.2. Poetik
Mit seinen ersten Gedichtsammlungen “Morgue”,
“Söhne” und “Fleisch” übertrifft Benn
“an Härte, Schonungslosigkeit von Blick und Wort und unablenkbarer
Thematisierung von fleischlicher Krankheit, Verfall und Tod alles, was es bis
dahin, etwa bei Baudelaire, Heym oder Rilke, in der modernen Poesie gegeben
hat.” [138] Die Themen seiner
frühen expressionistischen Gedichte stammen aus seinem beruflichen Umfeld
und verleihen einem extremen Nihilismus Ausdruck. Eine Freiheit von der
überkommenen Welt der Werte wird angestrebt, um die Möglichkeit eines
dionysischen Glückes zu
eröffnen. [139] Als Ausweg aus der
Grausamkeit der Welt erscheint der Rückzug in regressistische Ferne, die
Sehnsucht ins Primitive wird wissenschaftlich formuliert: “O daß wir
unsere Ururahnen wären. / Ein Klümpchen Schleim in einem warmen
Moor.” [140] Diese “elementare
Nostalgie” [141] stellt Benn dem
Wissenschaftsbetrieb gegenüber, was auf die innere Widersprüchlichkeit
seines “Doppelleben[s]” (so der Titel seiner Autobiographie) als
Naturwissenschafter und Künstler verweist. In seinen Essays betont Benn
immer wieder die zentrale Rolle des Schöpferischen; die politische
Geschichte hält er für eine “Krankengeschichte von Irren”:
“Ich lege auf die ganze Entwicklungsgeschichte keinen Wert. Das Gehirn ist
ein Irrweg. Ein Bluff für den
Mittelstand.” [142]
“Der Mensch hat Nahrungssorgen, Familiensorgen, Fortkommenssorgen,
Ehrgeiz, Neurosen. Aber das ist kein Inhalt im metaphysischen Sinne
mehr!” [143] – Die Realität
bietet für Benn das Bild des Zerfalls, das Leben hat keinen Gehalt, keinen
Wert, keinen Sinn mehr; der transzendente Bezug ist verloren, es bleibt nur noch
das “naturalistische Chaos” [144].
Benn schreibt: “Laßt doch euer ewiges ideologisches Geschwätz,
euer Gebarme um etwas Höheres; der Mensch ist kein höheres Wesen, wir
sind nicht das Geschlecht, das aus dem Dunkel ins Helle
strebt.” [145] Dem Realitätszerfall
und Verlust der Transzendenz entspricht als Stilprinzip die Montage, das
montierte Gedicht, der “konkretistische Beutezug durch die
Singularitäten”, die “Konjunktion disparater
‚Weltbruchstücke‘ [...], die keine ‚metaphysische
Klammer‘ mehr
zusammenhält.” [146] Ebenso wie
Mallarmé spricht Benn von einem “Laboratorium”, in dem der
Lyriker Worte “modelliert, fabriziert [...], öffnet [...], sprengt,
zertrümmert [...], um sie mit Spannungen zu laden, [...]. Das Hirn ist
unser Schicksal, unsere Aufgabe und unser
Fluch.” [147] Auch Benn schafft aus den
zerbrochenen Teilen der Wirklichkeit neue Kombinationen, Chiffren. Seine Lyrik
kehrt sich damit schon in ihren Anfängen gänzlich von der
Realität ab: “Die Lyrik hat nichts mehr gemeinsam mit Erlebnis, die
Welt entsteht im Gehirn des Dichters, vor seinem geistigen
Auge.” [148]
In die metaphysische Leere versucht Benn immer stärker eine neue
Transzendenz zu setzen, die Artistik. Schon 1932 spricht er von dem
“Gesetz von einer formfordernden Gewalt des Nichts”, das aus der
grundsätzlichen “Ambivalenz zwischen Bilden und Entgleiten”
hervorgeht, aus dem Kampf des “Produktive[n] gegen dies naturalistische
Chaos im Mühen um einen Grund, ein Sein, ein ordnendes
Gesicht” [149]. 1951 schreibt er in
seinem berühmten Essay “Probleme der Lyrik”: “Artistik
ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich
selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden,
es ist der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue
Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen
Lust.” [150] Benns Nihilismus findet
damit seine Überwindung durch den “konstruktiven Geist” der
Kunst im Gedicht: [151] “Nichts und
darüber Glasur.” [152] –
“Unsere Ordnung ist der Geist, sein Gesetz heißt Ausdruck,
Prägung, Stil.” [153] Damit
führt Benn den Expressionismus wieder zur Kunst und Leben trennenden
Ästhetik der symbolistischen poésie pure zurück. In seiner Rede
auf Stefan George sagt Benn: “[...] dieser Wille zur Form, dieses neue
Formgefühl, das ist nicht Ästhetizismus, nicht Intellektualismus,
nicht Formalismus, sondern höchster Glaube: entweder gibt es ein geistiges
Weltbild, und dann steht es über der Natur und der Geschichte, oder es gibt
keines, dann sind die Opfer, die Kleist, Hölderlin, Nietzsche brachten,
umsonst gebracht.” [154]
Kennzeichnend für Benns Leben und Werk ist weiters seine Distanz zur
Gesellschaft und ihrer aktuellen Wirklichkeit, er war ein “Exponent einer
extremen Übersteigerung des
Oberklassen-Individualismus” [155], der
noch 1950 schreibt: “Die Öffentlichkeit ist der Gestank einer
Senkgrube und die Politik das Gebiet von
Reduzierten” [156]. Seine
Wirklichkeitsferne sowie sein Irrationalismus haben letztlich zu seinem
anfänglichen Einverständnis mit dem Programm des Nationalsozialismus
geführt. Bezeichnend ist auch sein Verhalten nach der Einsicht in seinen
Irrtum; [157] er schreibt: “Sich irren
und dennoch seinem Innern weiter Glauben schenken müssen, das ist der
Mensch, und jenseits von Sieg und Niederlage beginnt sein
Ruhm.” [158] Mit dieser
Bewältigungsformel konnten sich auch viele Nachkriegsdeutsche
identifizieren; “Benns rigider Appell zu politischer Abstinenz, sein
strikter Antikommunismus, seine ästhetische Kapitalismussympathie und nicht
zuletzt seine poetischen Durchhalteparolen machten ihn in Westberlin und
Westdeutschland trotz der scheinbaren Esoterik und Isolation mehr und mehr zu
einer repräsentativen Figur.” [159]
In vielerlei Hinsicht kann Benn als Gegen- und Komplementärerscheinung zu
Bertolt Brecht gesehen werden.
Die positive Benn- Rezension der
Nachkriegszeit [160] wird nach dem Tod des
Dichters zunehmend von kritischen Stimmen abgelöst. H. M. Enzensberger
kritisiert Benns Gedanken als “schartig und verrostet”, seine
Schriften als “verblasen gedacht und schlammig formuliert”. Zu Benns
“Autobiographischen Schriften” schreibt er: “[...] die
Grammatik zweifelhaft, die Theorie aus vierter Hand, viel Böcklin, fin de
siécle, Sentimentales unter der zynischen Oberfläche, Bildungsreste,
Intelligenz, die nicht weiter reicht als zum Verrat der Intelligenz an die
Gewalt.” [161]
3.3. Werke (nur Lyrik)
Morgue und andere Gedichte (1912)
Söhne. Neue Gedichte (1913)
Fleisch (1917)
Schutt (1924)
Betäubung. Fünf neue Gedichte (1925)
Spaltung (1925)
Gesammelte Gedichte (1927)
Zweiundzwanzig Gedichte (Privatdruck, 1943)
Statische Gedichte (1948)
Trunkene Flut. Ausgewählte Gedichte (1949)
Fragmente. Neue Gedichte (1951)
Destillationen. Neue Gedichte (1953)
Apréslude (1955)
Primäre Tage (1958)
LITERATURVERZEICHNIS
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[1] Friedrich, Hugo: Die
Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des
zwanzigsten Jahrhunderts, Reinbek 221996, S. 20.
[14] Zit.n.: Ebd., S.
41.
[16] Zit.n.: Ebd., S.
42.
[17] Zit.n.: Ebd., S.
44.
[18] Zit.n.: Ebd., S.
45.
[21] Zit.n.: Ebd., S.
62.
[22] Vgl. ebd., S. 62;
47ff.
[23] Zit.n.: Ebd., S.
63.
[24] Vgl. ebd., S. 64f.;
68; 71ff; 76f. Friedrich sieht Rimbauds Verhältnis zur Realität wie
zur Transzendenz durch ein dreifaches Bewegungsgefüge in seinen Dichtungen
gekennzeichnet: “wühlendes Deformieren der Realität, Drang in
die Weite, Ende im Scheitern, weil die Realität zu eng, die Transzendenz zu
leer ist.” (Ebd., S. 75)
[27] Ebd., S. 81. Rimbaud
schreibt: “Dein Gedächtnis und Deine Sinne sollen nur Nahrung sein
für Deinen schöpferischen Impuls.” (Zit.n.: Ebd., S.
82)
[29] Die Gemeinsamkeiten
Mallarmés mit Baudelaire und Rimbaud skizziert Friedrich mit einigen
Stichworten: “Fehlen einer Gefühls- und Inspirationslyrik;
intellektuell gesteuerte Phantasie; Vernichtung der Realität und der
logischen wie affektiven Normalordnungen; Operieren mit den Impulskräften
der Sprache; Suggestivität statt Verstehbarkeit; Bewußtsein, einer
Spätzeit der Kultur anzugehören; zweifaches Verhältnis zur
Modernität; Bruch mit der humanistischen und christlichen
Überlieferung; Vereinsamung, die sich als Auszeichnung weiß;
Ranggleichheit von Dichten und Reflexion über das Dichten, [...].”
(Ebd., S. 95)
[31] Eine Entrealisierung
in der Dichtung erreicht Mallarmé durch die symbolische Verwendung
anorganischer Gebilde, durch Versetzung des Dinglichen in die Abwesenheit und
durch Vermeiden sprachlicher Eindeutigkeit. (Vgl. ebd., S. 123)
[32] Ebd., S. 124. Dieser
“idealistische Nihilismus” entspringt einem “beinahe
übermenschlichen Entschluß der Abstraktion, das Absolute zu denken
als das reine (von allen Inhalten gelöste) Wesen des Seins und ihm
versuchsweise eine Dichtung anzunähern, in der die Sprache selber das
Nichts so weit gegenwärtig macht, wie dies durch Vernichten des Wirklichen
geschehen kann.” (Ebd., S. 125)
[33] Ebd., S. 126.
Mallarmé schreibt dazu: “Wozu denn die Verwandlung einer
naturhaften Tatsache in ihr fast völliges Verschwinden durch das Spiel der
Sprache, wenn nicht daraus – ungestört durch konkrete Nähe
– die reine Idee entstiege, eine Blüte; tönend erhebt sie sich,
– und fehlt allen Sträußen.” (Zit.n.: Ebd., S.
127)
[34] Vgl. dazu: Ebd., S.
130ff.
[35] Vgl. ebd., S.
109ff.
[36] Zit.n.: Ebd., S.
115.
[37] Zit.n.: Ebd., S.
121.
[38] Zit.n.: Ebd., S.
121.
[39] Zit.n.: Ebd., S.
121.
[42] Zit.n.: Ebd., S.
134.
[43] Rothmann, Kurt: Kleine
Geschichte der deutschen Literatur, Stuttgart 151997, S.
223.
[44] Vgl. Schonauer, Franz:
Stefan George, Reinbek 91992, S. 12.
[46] Zit.n.: Ebd., S.
36.
[53] Zit.n.: Ebd., S.
98.
[55] Zit.n.: Ebd., S.
112.
[57] Zit.n.: Ebd., S.
117.
[59] Zit.n.: Ebd., S.
127.
[61] Vgl. ebd., S. 146;
148ff.
[62] Zit.n.: Ebd., S.
161.
[63] Vgl. dazu: Ebd., S.
161f.; Winkler, Michael: Stefan George, S. 424f.; Karthaus, Ulrich (Hrsg.): Die
deutsche Literatur in Text und Darstellung. Impressionismus, Symbolismus und
Jugendstil, Stuttgart 1991, S. 174. Während Winkler von einer
“Hilflosigkeit [Georges] dem praktisch Politischen gegenüber”
(Winkler, S. 435) spricht, gesteht ihm Karthaus einen “diagnostisch
scharfen Blick für die politisch-gesellschaftliche Realität”
(Karthaus, S. 174) zu.
[64] Vgl. Rothmann, S. 223.
Es soll eine Übersetzung Georges vom ersten Gesang der Odyssee in diese
Sprache existiert haben. (Vgl. Schonauer, S. 8f.)
[68] Glaser, Hermann;
Lehmann, Jakob; Lubos, Arno (Hrsg.): Wege der deutschen Literatur. Eine
geschichtliche Darstellung, Berlin 1997, S. 408.
[69] Vgl. ebd., S. 407.
Georges Elitenbildung verbindet aber paradoxerweise antisoziale Ästhetik
mit einem letztlich sozialen Ziel: “Er und seine Freunde wollten die
Blüte einer individualistischen und antisozialen Weltanschauung sein und
dennoch in einem neuen Orden eine neue Gemeinschaft bilden.” (Lehnert,
Herbert: Geschichte der deutschen Literatur vom Jugendstil bis zum
Expressionismus, Stuttgart 1978, S. 229f.) Weiters soll sich der Leser
“mit dem Dichter in eine esoterische, von ästhetischen Gesetzen
gelenkte Welt zurückziehen, an der die Masse nicht teilhat. Aber die Masse
[...] soll doch ästhetisch gebildet werden. Der Kreis soll zugleich
esoterisch und führend sein.” (Ebd., S. 238)
[70] Zit.n.: Schonauer, S.
169.
[71] Zit.n.: Glaser, S.
409.
[72] Zit.n.: Rothmann, S.
224.
[73] Vgl. Basil, Otto:
Georg Trakl, Reinbek 151992, S. 27ff.
[74] Vgl. Lehnert, S.
756.
[75] Vgl. Basil, S. 46ff.;
56f.
[76] Vgl. ebd., S.
63-67.
[77] Vgl. ebd., S.
70-84.
[79] Vgl. ebd., S. 115ff.;
124f.; 128.
[80] Vgl. ebd., S.
106ff.
[83] Vgl. ebd., S. 107;
112.
[84] Zit.n.: Ebd., S.
124.
[85] Vgl. ebd., S.
125ff.
[86] Vgl. ebd., S.
129ff.
[87] “In meiner
Wirrnis und all‘ der Verzweiflung der letzten Zeit weiß ich nun gar
nicht mehr, wie ich noch leben soll.” (Zit.n.: Ebd., S. 132.);
“[...] mein Leben ist in wenigen Tagen unsäglich zerbrochen worden
und es bleibt nur mehr ein sprachloser Schmerz, dem selbst die Bitternis versagt
ist . . .” (Zit.n.: Ebd., S. 133.)
[88] “Zu wenig Liebe,
zu wenig Gerechtigkeit und Erbarmen, [...]; allzuviel Härte, Hochmut und
allerlei Verbrechertum – das bin ich. Ich bin gewiß, daß ich
das Böse nur aus Schwäche und Feigheit unterlasse und damit meine
Bosheit noch schände. Ich sehne den Tag herbei, an dem die Seele in diesem
armseligen von Schwermut verpesteten Körper nicht mehr wird wohnen wollen
und können, an dem sie diese Spottgestalt aus Kot und Fäulnis
verlassen wird, die ein nur allzu getreues Spiegelbild eines gottlosen
verfluchten Jahrhunderts ist.” (Zit.n.: Ebd., S. 128.)
[89] Zit.n.: Ebd., S.
140.
[90] Vgl. ebd., S.
143ff.
[92] Rainer, S. 294. Vgl.
dazu: Anm. 16.
[93] Jünger, Friedrich
Georg: Trakls Gedichte; in: Text + Kritik: Georg Trakl, München
41985, S. 9.
[95] Trakl, Georg: Werke
– Entwürfe – Briefe, Stuttgart 1995, S. 112.
[97] Vgl. Lehnert, S.
762ff.; 769; 771.
[99] Vgl. ebd., S. 768;
Basil, S. 85.
[107] Zit.n.: Ebd., S.
135. Vgl. dazu: Jünger, S. 7f.
[110] Vgl. Kemper,
Hans-Georg: Georg Trakl, S. 328-335.
[117] Lennig, Walter:
Gottfried Benn, Reinbek 191997, S. 32.
[120] Benn, Gottfried:
Epilog und Lyrisches Ich; zit.n.: Lennig, S. 36. “Ich versuchte mir
darüber klar zu werden, woran ich litt. [...] ich vertiefte mich in die
Schilderungen des Zustandes, der als Depersonalisation oder als Entfremdung der
Wahrnehmungswelt bezeichnet wird, ich begann, das Ich zu erkennen als ein
Gebilde, das mit einer Gewalt, gegen die die Schwerkraft der Hauch einer
Schneeflocke war, zu einem Zustand strebte, in dem nichts mehr von dem, was die
moderne Kultur als Geistesgabe bezeichnet, eine Rolle spielte, sondern in dem
alles, was die Zivilisation unter Führung der Schulmedizin anrüchig
gemacht hatte als Nervenschwäche, Ermüdbarkeit, Psychasthenie, die
tiefe, schrankenlose, mythenalte Fremdheit zugab zwischen dem Menschen und der
Welt.” (Ebd.; zit.n.: Lennig, S. 37f.)
[121] Vgl. Lennig, S.
42ff.
[125] Vgl. ebd., S.
80ff.
[126] Zit.n.: Ebd., S.
92.
[127] Zit.n.: Ebd., S.
92.
[128] Zit.n.: Ebd., S.
93f.
[131] Klaus Mann schreibt
daraufhin in einem privaten Brief an Benn: “Was konnte Sie dahin bringen,
Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu
fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren
Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und
von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?”
(Zit.n.: Donnenberg, S. 67) Er warnt ihn vor seinem zu konsequenten
Irrationalismus: “Mit Beunruhigung aber verfolgte ich schon seit Jahren,
wie Sie, Gottfried Benn, sich aus Antipathie gegen diese aufgeblasenen
Flachköpfe [marxistische deutsche Literaten] in einen immer grimmigeren
Irrationalismus retteten. [...] Es scheint ja heute ein beinah
zwangsläufiges Gesetz, daß eine zu starke Sympathie mit dem
Irrationalen zur politischen Reaktion führt, wenn man nicht höllisch
genau Acht gibt. Erst die große Gebärde gegen die
‚Zivilisation‘ – eine Gebärde, die, [...], den geistigen
Menschen nur zu stark anzieht –; plötzlich ist man beim Kultus der
Gewalt, und dann schon bei Adolf Hitler.” (Zit.n.: Ebd., S. 67f.) Benn
antwortet öffentlich mit seiner erschreckenden “Antwort an die
literarische Emigration”.
[132] Vgl. Lennig, S.
114f.
[133] Benn, Gottfried:
Verteidigung des Expressionismus; zit.n.: Lennig, S. 116. Stefan George entzieht
sich allerdings bereits im Frühjahr 1933 den politischen
Annäherungsversuchen (v.a. durch Goebbels) durch seine sofortige Abreise in
die Schweiz.
[134] Zit.n.: Lennig, S.
120.
[135] Zit.n.: Ebd., S.
124.
[138] Schröder,
Jürgen: Gottfried Benn, S. 288.
[139] Vgl. Lehnert, S.
729f.
[140] Benn, Gottfried:
Gesammelte Werke III. Gedichte, Stuttgart 101996, S.
25.
[142] Zit.n.: Rainer, S.
298.
[143] Zit.n.: Glaser, S.
569.
[144] Zit.n.: Lennig, S.
106.
[145] Zit.n.: Glaser, S.
570.
[147] Zit.n.: Ebd., S.
570.
[149] Zit.n.: Lennig, S.
106.
[150] Benn, Gottfried:
Probleme der Lyrik, S. 27. An anderer Stelle schreibt Benn über die Aufgabe
des Dichters: “Der Dichter, eingeboren durch Geschick in das Zweideutige
des Seins, eingebrochen unter acherontischen Schauern in das Abgründige des
Individuellen – indem er es gliedert und bildnerisch klärt, erhebt er
es über den brutalen Realismus der Natur und schafft eine Gliederung, der
Gesetzmäßigkeit eignet. Das scheint mir die Stellung und Aufgabe des
Dichters gegenüber der Welt.” (Zit.n.: Glaser, S.
571)
[151] Vgl. Schröder,
Benn, S. 294; 290f. Benn sieht die Kunst als die “letztmögliche
menschliche Tätigkeit inmitten einer untergangsgeweihten und nihilistischen
Welt” (Ebd., S. 291).
[152] Zit.n.: Ebd., S.
286.
[153] Zit.n.: Glaser, S.
571.
[154] Zit.n.: Rothmann,
S. 234f.
[156] Zit.n.:
Schröder, Benn, S. 292.
[157] Nach Schröder
beinhaltet Benns “existentielles und poetisches
Bewältigungsmodell” “Geschichtsfeindschaft, [...]
Derealisierung von Macht, Politik und Gesellschaft, [...]
Schicksalsgläubigkeit und negative Religiosität, [...] [einen]
Umschlag von Erniedrigung in Selbsterhöhung und vor allem die Berufung auf
die Rolle des leidenden Gerechten.” (Schröder, Destillierte
Geschichte, S. 26) Damit betreibt Benn nicht eine “passive (verleugnende)
‚Derealisation‘, eine Entwirklichung der Naziperiode” (Ebd.,
S. 27) wie die meisten Nachkriegsdeutschen, sondern eine aggressive
Derealisation der geschichtlichen Welt überhaupt. (Vgl. Ebd., S.
27f.)
[158] Zit.n.:
Schröder, Benn, S. 304.
[160] Vgl. Donnenberg, S.
69f.
[161] Zit.n.: Ebd., S.
73f.
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