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Süßkind, Patrick: Das Parfum
Patrick Süskind,
DAS
PARFUM
Geschichte eines
Mörders
Patrick Süskind wurde 1949 in Ambach am Starnberger See
geboren. Sein Vater Wilhelm Emanuel Süskind war Schriftsteller,
Übersetzer und langjähriger Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung.
Süskind studierte in München und Frankreich Geschichte, arbeitete dann
aber wie sein Vater als freier Schriftsteller. Süskinds Prosastücke
werden millionenfach gelesen, etliche Drehbücher sind verfilmt worden. Er
lebt in München, Paris und Südfrankreich und gehört unzweifelhaft
zu den bekanntesten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Über
sein eigentliches Leben weiß die Öffentlichkeit allerdings recht
wenig. Er entzieht sich der Medienmaschinerie und ihren Talkshows, Interviews
und Fototerminen. Mehrere ihm angediente Literaturpreise hat er abgelehnt.
Seine Erfolge beginnen 1981 mit der Aufführung des
Ein-Personenstückes "Der Kontrabaß", er arbeitet auch bei der
Erstellung von Drehbüchern für zwei erfolgreiche Fernsehserien "Monaco
Franze" und "Kir Royal" mit. Die Lobeshymnen der Kritiker überschlagen sich
beim Erscheinen des Romans "Das Parfum" im Jahre 1985. Die "Geschichte eines
Mörders" wird zum Sensationserfolg, und Marcel Reich-Ranicki feiert
Süskind mit den Worten: "Also das gibt es immer noch und schon wieder:
Einen deutschen Schriftsteller, der des Deutschen mächtig ist; einen
zeitgenössischen Erzähler, der dennoch erzählen kann; einen
Romancier, der uns nicht mit dem Spiegelbild unseres Bauchnabels belästigt;
einen jungen Autor, der trotzdem kein Langweiler ist". Zwei Jahre später
veröffentlicht Süskind "Die Taube", und im Jahre 1991 erscheint "Die
Geschichte von Herrn Sommer". Süskinds Einzelgängerwesen leben alle in
eigentümlich isolierten Räumlichkeiten; der Kontrabaßspieler in
einem schall-isolierten Raum, der Wachmann Noel aus "Die Taube" in einer
winzigen Mansarde. Grenouille lebt sieben Jahre in einer Höhle unter der
Erde, in der er nicht einmal ausgestreckt liegen kann. Der Ich-Erzähler aus
der "Geschichte von Herrn Sommer" verbringt einen großen Teil seines
Lebens auf Bäumen, abgehoben von den anderen Menschen. Und Sommer ist immer
auf Wanderschaft, denn er hat zwar ein Heim, aber kein Zuhause.
Süskinds Roman "Das Parfum - Geschichte eines Mörders" führt
uns in die Epoche der Aufklärung, also in die Epoche in der die
Emanzipation des Bürgertums stattfindet. Im Bereich der Wissenschaften und
der Religion, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft werden alte
Strukturen aufgebrochen und durch neue ersetzt. Normen und Werte werden
relativiert, in diesem Buch wird am Ende sogar ein Mörder vergöttert,
die Konsequenzen der Aufklärung haben Irritationen hervorgerufen.
In dieser Zeit entwickeln sich die Lehre von den Riechstoffen sowie die
Lehre von den Gerüchen. Gestank und Krankheit werden gleichgesetzt. Neben
dem Kampf der Hygieniker, der zur Errichtung von Sickergruben und Kanalisation,
organisierter Straßenreinigung und geregelter Abfallbeseitigung
führt, beginnen sich die Hygieniker auch gegen Körpergeruch zu wenden.
Der Siegeszug des Parfums beginnt.
Die Hauptfigur des Romans erlernt den Beruf des Parfumeurs und
schließt die Ausbildung mit einem Gesellenbrief ab. Bedeutende Abschnitte
des Lebens der Hauptfigur spielen in der Welt der Parfumeure und der
Parfumherstellung.
Inhaltsangabe: Jean-Babtiste Grenouille wird am 17.7.1738 in
Paris, dem allerstinkendsten Ort des Königreichs Frankreich, am
Verkaufsstand seiner Mutter, einer ledigen Fischhändlerin geboren.
Grenouille ist mit einem besonders hochentwickelten Geruchssinn ausgestattet,
hat aber keinen Eigengeruch. Der Versuch der Mutter Grenouille wie schon ihre
anderen Kinder zuvor sterben zu lassen scheitert und sie wird wegen mehrfachen
Mordes hingerichtet. Das Kind wird von Amts wegen in die Obhut einer Amme
gegeben. Doch die Ammen ekeln sich vor dem Kind ohne Eigengeruch, und haben
Angst, es sei der Teufel. So kommt Grenouille zu einer gefühllosen Frau
ohne Geruchssinn. Mordanschläge seiner Mitzöglinge, die ihn aufgrund
seines Äußeren und seiner Zurückgezogenheit hassen,
übersteht er ebenso wie Krankheiten und Unglücksfälle. Er lernt
nur unzureichend die menschliche Sprache, beginnt aber damit seine Umgebung
geruchlich zu erfassen und die gesammelten Gerüche in seinem
Gedächtnis zu speichern.
Als Grenouille acht Jahre alt ist wird er an den Gerber Grimal verkauft,
bei dem er unter unmenschlichen Bedingungen hausen und arbeiten muß. Er
übersteht die tödliche Krankheit Milzbrand, arbeitet tüchtig und
in seiner kargen Freizeit erfaßt er ganz Paris olfaktorisch. Im September
des Jahres 1753 steigt ihm ein besonderer Geruch in die Nase. Er kommt von einem
jungen Mädchen. Grenouille bringt das Mädchen um und saugt dessen
Geruch aus. Dank diesem ist er in der Lage all seine Gerüche im
Gedächtnis zu ordnen. Er erkennt seine Bestimmung und hat zum Ziel der
größte Parfumeur aller Zeiten zu werden. Moralische Skrupel wegen der
Ermordung des Mädchens hat er nicht.
Ein Auftrag führt ihn zum Parfumeur Baldini, der sein schlecht
gehendes Geschäft aufgeben möchte. Grenouille demonstriert ihm wie er
Gerüche erkennt und Düfte kreiert, und so ändert der begeisterte
Baldini seine Pläne und kauft Grimal Grenouille ab. Während Grenouille
nun Unmengen von Düften für Baldini produziert, lernt er die Sprache
der Parfumeure und die Techniken. Baldini ist nun der erfolgreichste Parfumeur
von ganz Frankreich. Doch als es Grenouille nicht gelingt bestimmten Stoffen
ihre Düfte zu rauben, wird er sterbenskrank.(...Leseprobe S. 130...)
Erst als Baldini ihm Grasse als Ort mit den besten Techniken der
Duftgewinnung nennt, bessert sich Grenouilles Zustand. Er bricht nach Grasse
auf, doch dort ist ihm der Menschengeruch so zuwider, dass er sich zum
menschenfeindlichsten Ort Frankreichs zurückzieht. Er lebt dort sieben
Jahre von Moos, Wasser und kleinen Tieren. Er träumt von sich als
göttlichem Weltenerzeuger und betrinkt sich in Rauschzuständen an
seinen gesammelten Geruchserinnerungen wie an Wein. Als er seinen Eigengeruch
nicht erkennt, verläßt Grenouille die Höhle.
Verwildert gelangt er zum Marquis de la Taillade-Espinasse, der ihn als
lebenden Beweis für die von ihm entwickelte Theorie vom "fluidum letale"
betrachtet. Er unterzieht Grenouille einer Kur, läßt ihn herausputzen
und führt ihn vor eine Gelehrtenversammlung als Demonstrationsobjekt.
Grenouille gelingt es einen Menschengeruch zu mischen, dessen Wirkung er
erfolgreich erprobt. Zum ersten Mal wird er von den Menschen akzeptiert. Er
faßt den Entschluß, Menschen zu beherrschen und sie durch ein Parfum
dazu zu bringen, ihn zu lieben.
Von Montepellier aus zieht Grenouille nach Grasse. Er spürt einen
faszinierenden Geruch, welcher von einem Mädchen ausgeht. Doch er
tötet das Mädchen diesmal nicht, sondern gibt sich zwei Jahre Zeit, um
zu warten, bis sich der Geruch voll entfaltet hat. In dieser Zeit stellt er
fest, mit welcher Methode man lebenden Wesen den Geruch am besten nehmen kann
und stellt mit den unterschiedlichsten Methoden verschiedene Eigengerüche
her, die er in unterschiedlichen sozialen Situationen verwendet.
Von der Angst gepackt, den Duft des Mädchens einmal verlieren zu
müssen, entschließt sich Grenouille den Duft des Mädchens als
kostbaren Edelstein in ein Diadem einzubauen. Die Basis dafür sollen ihm 24
weitere Mädchen liefern, die er tötet, um deren Duft zu ernten. Die
Bevölkerung ist aufgrund der Morde verängstigt, doch die Unruhe nimmt
ein Ende, als nach einem Bittgottesdienst die Morde aufhören. Nur der Vater
des Mädchens, Antoine Richis, durchschaut das System der Morde, wenn auch
nicht das Motiv, und bringt seine Tochter Laure aus der Stadt um sie zu
verheiraten und damit für den Mörder wertlos zu machen. Grenouille
folgt ihnen, bringt Laure in einem Gasthauszimmer um und enfleuriert
sie.
(....Leseprobe S. 274-6, 279-80...) Grenouille kehrt nach
Grasse zurück, doch die Polizei verhaftet ihn. Er gesteht die Taten,
verschweigt aber trotz Folter seine Motive. Als er am Tag der Hinrichtung vor
die Menschen geht - sein Parfum hat er fertiggestellt und sich mit einigen
Tropfen beträufelt - glaubt niemand mehr, dass er der Mörder sein
könne. Alle Menschen lieben ihn plötzlich, und die geplante
Hinrichtung entwickelt sich zu einer Massenorgie. Doch Grenouille wehrt sich
gegen den Triumph und möchte den Widerhall des Hasses spüren. Dies
vereitelt aber sein Parfum. Als auch noch Antoine Richis Grenouille umarmt,
anstatt ihn endlich zu töten, fällt Grenouille in eine Ohnmacht. Er
erwacht in Laures Bett, und Antoine Richis bitte ihn sein Adoptivsohn zu werden.
Grenouille verläßt Grasse und kehrt nach Paris zurück, zur
Stätte seiner Geburt. Er übergießt sich mit seinem Parfum, und
erscheint den Dieben und Mördern dort wie ein Engel. In einem
kannibalistischen Akt stürzen sie sich auf Grenouille. Zerhacken ihn auf
dreißig Teile und fressen ihn auf. Grenouille ist vom Erdboden
verschwunden. Die Kannibalen jedoch haben "zum ersten Mal etwas aus Liebe
getan".
Grenouille: Das Monster, der Mörder, der Zeck. Der
Protagonist des Romans ist mit Merkmalen, Verhaltensweisen und Eigenschaften
ausgestattet, die für mindestens zehn Figuren aus einem Horrorkabinett
gereicht hätten. Er scheint mit Nüstern zu sehen, seine Augen sind
keine Menschenaugen, sondern von "unbestimmter Farbe, zwischen austern-grau und
opal-weiß-cremig, von einer Art schleimigen Schleier überzogen und
offenbar noch nicht sehr gut zum Sehen geeignet", so Pater Terrier über das
Kind. Mit seinen animalischen Instinkten durchstreift Grenouille die Stadt. Auf
seinem Weg nach Grasse wandert er oft bei Nacht, weil ihn das Sehen mit den
Augen schmerzt.
Wenn der Untertitel des Romans "Die Geschichte eines Mörders" lautet,
so werden durch diese sachliche Information Erwartungen geweckt. Die Leser
begleiten den 26-fachen Mörder auf seinem Weg, und man hegt sogar aufgrund
seines "Täter- und zugleich Opfer-Stellung" sogar Sympathie für
Grenouille. Außerdem sind seine Morde nicht brutal, sie erinnern eher an
stille Feiern und sind frei von jeglichem sexuellen Aspekt, wenngleich die
Erotik im Buch eine Rolle spielt.
Grenouille wird, um sein Äußeres und seinen Charakter zu
beschreiben, immer wieder mit Tieren verglichen, die eher negativ besetzte
Assoziationen wecken. Er wird als Kröte, schwarze Spinne bezeichnet und als
schlangenhaft charakterisiert. Der Vergleich mit dem Zeck dominiert jedoch. Die
Leser erfahren, dass ein Zeck häßlich, grau, klein, einsam, stumm,
taub, stur, bockig, zäh und unansehnlich ist. Dass das Leben Grenouilles
dem einer Zecke gleicht, wird ebenfalls verdeutlicht, und zwar an der Stelle, an
der Grimal seinem Gerbergehilfen einige Freiheiten zusteht: "Die Zeit des
Überwinterns war vorbei. Der Zeck Grenouille regte sich wieder. Er witterte
Morgenluft. Die Jagdlust packte ihn".
Baldini: Baldini ist ein Kritiker der Aufklärung und
verabscheut es in die Zukunft zu blicken. Er sieht die Ursache seines
bevorstehenden wirtschaftlichen und sozialen Untergangs im "hemmungslosen
Tatendrang" und der "Experimentiersucht" des neuen Zeitalters. Die
wirtschaftlichen Entwicklungen sind für ihn ein Wahnsinn. Er steht
Veränderungen ablehnend gegenüber, weil er nicht fähig ist sich
mit zu verändern.
Marquis de la Taillade-Espinasse: der Marquis ist im
Gegensatz zu Baldini weltoffener, gebildeter und zukunftsorientiert. Er hat sich
einen gewissen Ruhm in wirtschaftlichen Kreisen erworben, u.a. mit aberwitzigen
Theorien, doch zu seinem Durchbruch fehlt ihm noch ein schlagkräftiger
Beweis hinsichtlich seiner Theorie vom "fluidum letale". Der Marquis ist naiv,
und Grenouille treibt sein Spiel mit ihm.
Richis: Antoine Richis ist die Verkörperung des reichen
Handels- und Kaufmanns- Bürgertum. Er verfügt über einen wachen
Geist und eine gehörige Portion Menschenverstand. Doch der Versuch Richis`
seinen Verstand zu gebrauchen endet in einem Desaster, denn die Vernunft
muß vor der Verführungskraft des Parfums kapitulieren.
"Das Parfum" ist ein Roman. Im Roman wird nicht wie in einer
Novelle ein einzelnes Gipfelerlebnis dargestellt, sondern ein breiter
Lebensausschnitt oder das gesamte Leben einer oder mehrerer Personen.
Süskinds Sprache ist musikalisch angelegt. Die Hauptfigur
erfaßt die Umwelt nahezu nur olfaktorisch, deshalb stammen die dominanten
Wortfelder aus den Bereichen Duft und Gestank. Seine besondere Aufmerksamkeit
schenkt der Autor der genaueren Beschreibungen des Parfumeurwesens und der
Parfumherstellung. Zur Beschreibung dienen auch immer wieder Vergleiche wie
"der Schweiß des Mädchens aus Paris riecht frisch wie der
Meereswind, ihr Haar süß wie Nussöl" und Kontraste á
la "frisch, aber nicht reißerisch" oder "blumig, ohne schmalzig
zu sein". Der traditionelle Erzählstil ist
eingängig. Eine Geschichte wird, unter nahezu vollständigem Verzicht
auf die Elemente moderner Romane wie Montage, Rück-Vorblenden,
Perspektivenwechsel, innerer Monologe u.a. erzählt. Ein auktorialer
Erzähler nimmt die Leser bei der Hand und führt sie in die Welt seiner
Charaktere und in die stinkende und duftende Welt des 18. Jhrdt. in Frankreich
("Zu der Zeit, von der wir reden, herrschte in den Städten ein für uns
moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank"). Andere Stilmittel sind
Aufzählungen, wie z.B. "Ahornholz, Eichenholz, Kiefernholz, Ulmenholz,
...", oder die Verwendung von Superlativen ("Paris ist der
allerstinkendste Ort", "das größte Geruchsrevier der Welt").
Süskind spielt auch mit Wiederholungen, so kommt zum Beispiel im zweiten
Abschnitt des ersten Kapitals gar 17 mal das Verb "stinken" vor.
Süskinds monströser Mörder hat etliche literarische
Vorbilder: Hugos Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame, mit
dem Grenouille sein Äußeres teilt; Chamissos Peter Schlemihl
hat keinen Schatten, Süskinds Grenouille keinen Eigengeruch; E.T.A.
Hoffmanns Goldschmied Cardillac sieht in der Nacht, während sich
Grenouille durch die Nacht riecht; der Froschkönig läßt sich
ebenso als Ahn erkennen wie der gute Zwerg Nase. Im Buch erscheinen verschiedene
Motive wie das des Kindermordes, der unglücklichen Liebe,
sowie das religiöse Motiv des Schöpfungsaktes und mehrere
philosophische Bezüge.
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