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Inseltourismus und seine Auswirkungen auf Boden un
Inseltourismus und seine Auswirkungen auf Boden und
Relief
1. Einleitung
Küsten gehören, neben den Einzugsgebieten großer
Ströme, zu den am dichtesten besiedelten Landschaften und damit auch zu den
strapaziertesten. Der internationale Tourismus verzeichnet weiter ein stetiges
Wachstum. Die Zahl der Grenzüberschreitenden Urlauber lag 1996 bei 593 Mio.
Nach Schätzungen der WTO soll sich der Wert in den nächsten fünf
bis acht Jahren verdoppeln und im Jahr 2020 1,6 Mrd. erreichen (vgl. HAAS u.
SCHARRER 1997, S. 648). Der Tourismus ist für viele der eigenständigen
oder weitgehend unabhängigen Inselstaaten der Karibik, des Pazifiks und des
indischen Ozeans bereits der wichtigste Wirtschaftsfaktor, oft auch setzt man
erst seit den letzten Jahre große Hoffnung in den Ausbau des Tourismus.
Aber auch die Inseln des Mittelmeeres und der Nord- wie Ostsee sind im hohen
Maße vom Tourismus abhängig. Die Sandstrände sind der
Hauptanziehungspunkt der Urlauber. Die touristisch bedingte
Nutzungsintensität an den Küsten ist dementsprechend hoch. Kommt eine
hohe Biodiversität hinzu, entsteht ein hohes Konfliktpotential (vgl.
BUNDESAMT FÜR NATURSCHUTZ, 1997 S. 128). Dies ist zum Beispiel an
Küsten mit vorgelagerten Korallenriffen der Fall. Thema dieser Arbeit sind
die Auswirkungen des Inseltourismus auf Boden und Relief und die dadurch
induzierten Konflikte.
2. Naturschutz - Notwendigkeit statt Luxus
Naturschutz als Steckenpferd einer gutsituierten Industriegesellschaft?
Diesen Eindruck kann man gegenwärtig bekommen. Als Beispiel mag man einmal
die diesjährige Bundestagswahl betrachten. Der Schutz der Natur, vor
einigen Jahren immer noch eins der fünf Top-Themen im Wahlkampf, spielte
diesmal, wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Themen wie
Arbeitslosigkeit, innere Sicherheit, Europa, Bildung, Reformstau waren die
Felder auf denen Stimmen gewonnen wurden (vgl. o.A. 1998). Es scheint als eigne
sich der Naturschutz als Thema nur, wenn die Menschen gerade keine anderen
Probleme haben. Der Schutz der Natur gilt oft als Bremse der Wirtschaft und des
Fortschritts und wird somit mitverantwortlich gemacht für Arbeitslosigkeit
und Stagnation (vgl. KNAPP, 1993 S. 91). Unabhängig davon ob diese
Behauptungen teilweise zutreffend sind oder nicht, steht es außer Zweifel,
daß der Schutz der Natur eine der wichtigsten Aufgaben geworden ist, da
dem Menschen das Überleben ohne Natur nicht möglich ist. Er ist auf
der einen Seite auf ihre Bereitstellung von Wasser, Boden, Luft und Rohstoffen
angewiesen, benötigt sie darüber hinaus "zum Regenerieren, Nachdenken,
Stillsein, Neugierde behalten, Weiterfragen, Staunen, zur Läuterung,
Wertfindung und Selbstkorrektur" (ELLENBERG 1997, S. 4). Aus diesem Grund
erklärt H.D. Knapp Naturschutz zur Angelegenheit einer breiten
gesellschaftlichen Basis, ja aller Menschen. Er ist eben nicht das Steckenpferd
" einiger Vogelfreunde, Blümchenliebhaber oder weltfremder Spinner, ist
nicht schmückendes Beiwerk für harte Wirtschaftsentwicklung" (KNAPP,
1993 S. 91).
2.1 Strategien
Nun ist es so, daß Menschen, je größer ihre räumliche
Distanz zur Natur ist, den Naturschutz eher als Notwendigkeit entdecken.
"Städter haben vor Dörflern Naturschutz als Aufgabe gesehen.
Industriestaaten forderten Naturschutz eher als Agrarländer" (ELLENBERG
1997, S. 4). Einige Beispiele dafür sind die wilden Schrott- und
Müllhalden im sehr dünn besiedelten Norden Schottlands, die
verlassenen Höfe Islands, auf denen Ölkanister und Autobatterien in
nicht geringer Zahl vergammeln und nicht zuletzt die Höfe des
Münsterlandes, auf denen beim Ölwechsel die Entsorgung noch lange Zeit
durch einfaches versickern lassen erfolgte. Daß dies so ist liegt daran,
daß Umweltsünden erst dann in das Bewußtsein der Menschen
dringen wenn sie offensichtlich werden. Dies ist natürlich in Regionen, in
denen viele Menschen leben eher der Fall. Bedingt durch diese Situation wird
Naturschutz oft von der Stadt aufs Land, von den Industriestaaten in die
Agrarländer getragen, von außen nach innen also. Nach Ellenberg gibt
es weltweit fünf unterschiedliche Strategien Naturschutz
durchzuführen. Eine kurze Erläuterung dieser Strategien erfolgt anhand
der folgenden Tabelle:
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Strategien
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Positive (+) / negative (-) Aspekte
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1) "Naturschutz wird von Eliten als notwendig erachtet. Sie
bilden sich aus Naturschutz bewegten Städtern, Politikern, finanziell
potenten Einzelpersonen eventuell auch aus Vertretern der Jagd-Lobby. ... Der
Naturschutz wird vor Ort als Überraschung lanciert und ist ein Dekret, das
ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung eingeführt
wird."
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+ Naturschutz wird zügig
realisiert und straff organisiert
- Fehlende Akzeptanz unter der
betroffenen Bevölkerung
- Nachhaltigkeit des Schutzes
erfordert ständige Kontrolle, gute Organisation und dauernde
Finanzierung
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2) Wie bei 1) nur werden für die Betroffenen
Kompensationsleistungen erbracht
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+ Bevölkerung zieht
stärker mit als in 1)
- Maßnahmen werden nicht
aus Überzeugung mitgetragen, sondern nur geduldet
- Bevormundung von "oben" bzw.
"außen" bleibt bestehen
- Nachhaltigkeit des Schutzes
erfordert Dauersubventionen
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3) Die Initialzündung kommt von "außen", die
Notwendigkeit des Naturschutzes wird von der Bevölkerung erkannt und
verinnerlicht.
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+ Betroffene können
während einer Anlaufzeit die Regie des Naturschutzes selbst
übernehmen
+ Eröffnung von
wirtschaftlichen Alternativen, die im Einklang mit dem Naturschutz existieren
können und ihn sogar unterstützen
- Hohe
Anfangsinvestitionen
- Lange
Entwicklungsphase
- Veränderung der
Rahmenbedingungen können zur Zerstörung positiver Ansätze
führen
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4) Der Naturschutz läßt sich gut mit den
Wünschen der lokalen Bevölkerung kombinieren. Der Naturschutz erweist
sich als beste wirtschaftliche Alternative
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+ Entstehung eines lokalen,
eigenverantwortlichen Management
+ Auch bei Krisen kann
Kontinuität im Naturschutz aufrechterhalten werden
- Seltenes Vorkommen solcher
Rahmenbedingungen
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5) Der Naturschutz geht von der lokalen Bevölkerung
aus. Sie wendet sich an verschiedene Institutionen, um den Schutz
ökologisch zu rechtfertigen, finanziell zu unterstützen und politisch
zu implementieren
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+ Der ideale Weg der Realisation
von Naturschutz, allerdings so selten, daß Ellenberg diese Strategie als
"beinahe utopisch" ansieht
|
(vgl. ELLENBERG 1997, S. 17f)
Bei der ersten Strategie spielt der Tourismus nur eine untergeordnete
Rolle. Seine Wirtschaftskraft als Finanzierungsmöglichkeit kommen bei
Strategie zwei und drei erheblich stärker zum tragen, bei der vierten ist
er ein entscheidender Stützpfeiler und bei Strategie fünf sind die
attraktiven wirtschaftlichen Aussichten des Tourismus sogar die treibende Kraft,
Naturschutz zu praktizieren.
Tourismus also als große Chance der Natur?
Daß dies möglich ist, zeigen heute einige, wenige Beispiele.
Fakt ist aber auch, daß in der überwältigenden Mehrzahl der
Fälle Naturschutz und Tourismus unvereinbare Bereiche zu sein
scheinen.
3. Tourismus - Die weiße Industrie?
Den Ruf, eine weiße Industrie zu sein, verdankt der Tourismus
der Tatsache, daß bei anderen Industrien zum Teil wesentlich
stärkere, und vor allem offensichtlichere ökologische Schäden mit
einhergehen. Gemeint ist damit zum Beispiel, daß das Einleiten von
Giftstoffen in den Boden per se als Umweltsünde gilt, das Bauen von
Straßen oder die Verrichtung der menschlichen Notdurft aber
selbstverständlich nicht. Dennoch können sich bei entsprechender
Häufung erhebliche ökologische Schäden daraus entwickeln.
Dementsprechend bleibt sowohl im privaten Denken als auch in der
öffentlichen Diskussion "der Problemzusammenhang von Freizeitverhalten und
Umweltbelastung weitgehend ausgeblendet" (Opaschowski 1991, S. 12).
Die sieben Umweltsünden in Freizeit und Tourismus:
Œ Landschaftsverschmutzung
Landschaftszersiedlung
Landschaftszerstörung
Luftverschmutzung
Pflanzengefährdung
‘ Tiergefährdung
’ Wasserverschmutzung
(vgl. OPASCHOWSKI 1991, S. 150)
Es ist nicht möglich diese sieben Punkte losgelöst voneinander zu
betrachten. Sie leiten sich voneinander ab und treten fast immer zusammen auf.
Der auslösende Faktor heißt zumeist schlicht und einfach: zuviel
Mensch.
4. Die Insel - Das prädestinierte Urlaubsziel
Daß Tourismus und Inseln an sich so gut zusammen passen liegt daran,
daß Inseln in der Regel ein großes touristisches Potential besitzen,
sich aber auf der anderen Seite wegen den speziellen, aus der Insellage
resultierenden Strukturmerkmalen, für andere Wirtschaftszweige zumeist
weniger eignen. Exemplarisch soll erst einmal die Situation des pazifischen
Inselraumes beleuchtet werden, um dann festzustellen ob und welche Merkmale sich
auch auf andere Inselräume übertragen lassen.
4.1 Negative Strukturmerkmale
Problematisch ist vor allem die meist sehr geringe Größe und
damit einhergehend die geringe Bevölkerungszahl, die nur einen kleinen
Markt bilden kann, sowie der Mangel an Kapital und technologischem Know-How.
Betrachtet man diesbezüglich einmal die Fischereiwirtschaft, ein Zweig, der
ja eigentlich wie geschaffen für Inselstaaten ist, muß man
feststellen, daß eben dieses Kapital und Know-How, welches nötig ist,
um nennenswert an der modernen Hochseefischerei zu partizipieren, fehlt. Ohne
modernste Technik ist es erst recht nicht möglich, mit den großen
Fischereiflotten der USA, Japans, Taiwans und Südkoreas zu konkurrieren
(vgl. KREISEL 1996, S. 16). Die einzigen Möglichkeiten scheinen also im
Bereich von Lizenzvergaben und Joint Ventures zu liegen. Das Vorhandensein von
Bodenschätzen ist eher die Ausnahme. Beispiele sind Papua-Neuguinea mit
großen Kupfervorkommen sowie Neukaledonien mit seinen
Nickellagerstätten. Allerdings dienen sie lediglich als
Rohstofflieferanten, die in der Weiterverarbeitung nicht involviert sind. Die
daraus resultierenden positiven Deviseneffekte relativieren sich
dementsprechend, da zumeist ausländische Investoren die Spielregeln
bestimmen, ein Problem, welchem auch in der Tourismusbranche große
Bedeutung zukommt.
Die großen Entfernungen, die zum Teil die Insel von den
Weltmärkten und den bedeutenden Handelsströmen trennen,
verschärfen die ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen noch
erheblich. Es gibt so gut wie keine Produkte der Inselwelt, die nicht woanders
in kontinentalen Regionen in größeren Mengen und wesentlich rentabler
hergestellt werden können.
Aus diesen Gründen ist festzuhalten, daß die Industrialisierung
für kleine Inselstaaten
in der Regel kein geeigneter Weg ist, die Entwicklung voranzutreiben. Sie
ist nur in einem, den kleinen Märkten angepassten geringem Maße
sinnvoll. Ziele sollten die Konzentration auf den Binnenmarkt und die
Importsubstitution zwecks Erhöhung des Nettodeviseneffektes sein (vgl.
KREISEL 1996, S. 16).
4.2 Positive Strukturmerkmale
Die touristische Vermarktung von Inseln erweist sich als relativ
problemlos, da Inseln "aufgrund ihrer ausgeprägten Identität ein
positives Image, das leicht erkennbar" ist, haben (KREISEL 1996, S. 18).
Weiterhin vermittelt die Kleinheit und damit Überschaubarkeit vieler Inseln
dem Tourist schnell das Gefühl der Vertrautheit mit seinem Urlaubsort.
Größter Anziehungspunkt aber sind die naturräumlichen
Voraussetzungen. Mit Palmen, weißem Strand, glasklarem Wasser und einem
häufig vergleichsweise mildem Klima verfügen viele Inseln des
Pazifiks, der Karibik und des Indischen Ozeans über die Bestandteile, die
man im allgemeinen mit dem klassischen Südseetraum assoziiert. Auch
hinsichtlich kultureller Aspekte brauchen viele Inseln nicht zurückstehen,
als bekanntestes Beispiel seien hier die Osterinseln mit ihren bis zu 25 Meter
hohen Steinfiguren genannt. Die Tatsache, daß einige Insel im zweiten
Weltkrieg von besonderer strategischer Bedeutung waren, gibt einigen
Destinationen noch zusätzlich eine gewisse historische Relevanz
jüngerer Natur. Das vorhandene touristische Potential ist also unbestritten
immens.
4.3 Bedingungen für das wachsende Touristenaufkommen auf Inseln
Die Ausschöpfung dieses Potentials wurde allerdings lange Zeit durch
die enormen Distanzen über hohe See behindert. Seit Beginn der siebziger
Jahre allerdings stieg das touristische Aufkommen in diesen abgelegenen Regionen
enorm an. Hierfür gibt es verschiedenen Gründe, die diese Entwicklung
ermöglichten:
1. Der wirtschaftliche Aufschwung der westlichen
Industrienationen.
Folgen:
♠ Steigerung der Kaufkraft und
♠ stetig steigender Anteil der Freizeit im
Leben der Berufstätigen.
Seit Mitte der achtziger Jahre steigt auch der Touristenanteil aus den
asiatischen Länder, allen voran Japan.
2. Die rasante Entwicklung auf den Gebieten der Verkehrs- und
Kommunikationstechnik.
Folgen:
♠ Der Ausbau des Flugverkehrsnetzes und
damit die Verkürzung der Distanzen sowie
♠ die immer an Bedeutung gewinnenden
Massenmedien wie das Fernsehen, die sowohl durch Spielfilme als auch
Dokumentationen und Nachrichten das Fernweh der Konsumenten wecken.
3. Die in den Zieldestinationen ausgebaute Infrastruktur.
(vgl. KREISEL 1996, S. 18)
Die bisher dargestellten Rahmenbedingungen sind nur speziell dem
pazifischen Raum entnommene. Allerdings lassen sich einige Charakteristika in
ähnlicher Weise, wenn auch mit bisweilen unterschiedlichen Gewichtungen,
für andere Inselräume verallgemeinern. Zum Beispiel spielen Inseln von
Industrienationen als Standorte von großen Produktions- oder
Dienstleistungsbetrieben keine Rolle, da, so nah sie auch der Küste
vorgelagert sind, immer der Transportnachteil des Seeweges gegeben ist.
Leistungen, welcher Art auch immer können in der Regel immer im
größeren Umfang auf dem Festland erstellt werden.
Aufgrund des speziellen maritimen Klimas, des reizvollen Küstenraumes
und der sympathischen Kleinheit besitzen Inseln im allgemeinen ein
beachtliches touristisches Potential, auch wenn sie aufgrund ihrer
geographischen Lage nicht unbedingt in der Lage sind das Südseefeeling
zu vermitteln. Gemeint sind zum Beispiel die friesischen Inseln, die
Ostseeinseln aber auch die Hebriden.
Als kleinsten gemeinsamen Nenner der verschiedenen Vertreter des Typs Insel
kann man also festhalten,
♠ daß Inseln, mit wenigen Ausnahmen,
in wirtschaftlicher Hinsicht eher zu den strukturschwachen Räumen
zählen und
♠ daß Inseln per Definition ein
gewisses touristisches Potential, dessen Größe aufgrund
naturräumlicher Gegebenheiten variiert, besitzen.
5. Ökologisches Konfliktpotential
Aus eben diesen Gründen ist der Tourismus für Inselstaaten eine
der wenigen Möglichkeiten, eine positive wirtschaftliche Entwicklung
einzuleiten. Bei allen Chancen, die sich durch den Tourismus ergeben, sind die
Gefahren und Risiken, die eine unkontrollierte und kurzsichtige
Ausschöpfung der touristischen Potentiale birgt, nicht ausser Acht zu
lassen. Um die Nachhaltigkeit des wirtschaftlichen Erfolges nicht zu
gefährden, ist die Pflege der Natur und der kulturellen Identität auch
aus ökonomischen Gründen eine nie aus den Augen zu verlierende
Notwendigkeit. Der Tourismus, wie er sich bis heute in den meisten Fällen
präsentiert, neigt dazu, beides arg zu strapazieren, ja sogar existentiell
zu bedrohen.
Das liegt unter anderem daran, daß die gesamte Tourismusindustrie
zumeist in Händen international operierender Konzerne jener Länder
liegt, die auch die bedeutendsten Quellländer darstellen. Nicht nur
daß der Nettodeviseneffekt der Destinationen deshalb wesentlich
geschwächt wird, auch das Bewußtsein, den ursprünglichen
Charakter erhalten zu müssen, scheint bei vielen Konzernen nicht
ausreichend ausgeprägt zu sein. Die kurzfristige und kurzsichtige
Maximierung der Profite steht im Vordergrund. Um diesen Sachverhalt zu
verdeutlichen, bedient sich Christiane Brauer eines Zitates eines Mitarbeiters
eines nicht genannten Tourismuskonzerns:
"Nobody cares wether Waikiki is a concrete jungle. They come here for the
beaches, the scenery, the flowers, the great year-round weather, sightseeing,
dining and entertainment"
(BRAUER 1989, S. 152)
Wenn dieses Zitat auch schon etwas älter ist und heute vielleicht
nicht mehr in dieser Art und Weise oder nur hinter vorgehaltener Hand fallen
wird, verdeutlicht es doch die Einstellung mit der jahrzehntelang Tourismus
betrieben und forciert worden ist. Die Zerstörung der naturräumlichen
Gegebenheiten trifft die Konzerne weniger schwer als die ansässige
Bevölkerung, welcher der Verlust sowohl des Lebensraums, als auch
kultureller Identität droht.
Das ökologische Konfliktpotential des Tourismus generell ist ja schon
angesprochen worden, auch daß die Probleme normalerweise immer im Verbund
auftreten. Betrachtet man nun speziell den Inselraum so ist es klar, daß
die negativen Einflüsse des Tourismus hier noch bedrohlicher sind als auf
dem Festland. Das ökologische Gleichgewicht der relativ kleinen Inseln, um
die es hier ja gehen soll, ist um ein Vielfaches labiler als das anderer
Regionen. Störende Einwirkungen können sehr viel schlechter
kompensiert werden. Vor allem die häufig saisonal auftretende Masse an
Touristen und der daraus resultierende sehr große Flächenbedarf des
Tourismus verursacht die vielschichtigsten Probleme.
5.1 Flächenbedarf des Tourismus
♠ Der schon angeprochene Ausbau des
Flugverkehrsnetzes hat selbstverständlich zur Folge, daß auch auf den
Insel Flughäfen gebaut wurden, die für die Landungen von
Großraumflugzeugen geeignet sind. Im Gegensatz zum Festland verfügen
Inseln aber nicht über geeignete Raumressourcen im Hinterland.
♠ Um touristischen Ansprüchen gerecht
zu werden, muß das Straßennetz ausgebaut werden. Es muß die
Möglichkeit von Tagesausflügen gegeben sein, auch müssen
Attraktionen aller Art infrastrukturell erschlossen werden. Im Idealfall
sollten Parkplätze direkt vor Ort sein.
♠ Ein Angebot von vielfältigen
Freizeit- und Sportmöglichkeiten gehört heute ebenfalls zum
Erscheinungsbild einer touristisch geprägten Region. Dazu zählen
Sportanlagen, wie zum Beispiel Golf- und Tennisplätze, aber auch
Vergnügungsparks etc.
♠ Die sehr intensive Strandnutzung passt
weite Teile des Küstenstreifens an die touristischen Bedürfnisse
an.
♠ Zu guter Letzt kommen natürlich
noch die Beherbungsbetriebe dazu, die natürlich die Grundvoraussetzung
für den Tourismusbetrieb sind. Der Flächenbedarf ist aufgrund des
häufig saisonal massierten Touristenaufkommens immens.
5.2 Übersicht der touristisch bedingten Umweltbelastungen
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über Faktoren und
belastende Auswirkungen des Tourismus
|
Verursachender Faktor
|
Auswirkungen
|
|
Errichtung von Freizeitbauwerken im
Uferbereich
|
• Landverbrauch,
• Flächenversiegelung,
• Eingriffe in die
Materialbilanz der Strände, Beseitigung des natürlichen
Küstenschutzes durch Riffkalkabbau,
• Zerstörung der
natürlichen Vegetation z. B. der Mangroven und entsprechender
Habitate
|
|
Hotels und große Beherbungsbetriebe
|
• Einschränkung der
öffentlichen Zugänglichkeit zu den Stränden
|
|
Freizeitinfrastrukturanlagen allgemein
|
• Veränderung
traditioneller Siedlungstrukturen und Ortsbilder, negative
landschaftsästethische Wirkungen hinsichtlich Dimensionierung
etc.
|
|
Wasserversorgung der touristischen Betriebe
|
• Gefahr der Senkung des
Grundwasserspiegels
• H2O
Konkurrenz für die Landwirtschaft
|
|
Eintrag organischer Abfälle und ungeklärter
Abwässer
|
• Eutrophierung und
O2-Zehrung,
• Seetang- und
Algenwachstum tragen zum Absterben von Riffkolonien und verstärkter
Küstenerosion bei
|
|
Anorganische Abfälle besonders
Plastikmüll
|
• Todesfallen gerade
für Jung- und Kleintiere
|
|
Motorbetriebene
Freizeitsportaktivitäten
|
• Unbeabsichtigte
Tötung von Fischbrut und Tieren.
• Beunruhigung führt
zu Stress und zu Änderungen im instinktiven verhalten.
Ölverunreinigungen
|
|
Tauchen, Schnorcheln
|
• Störungen der
Aquafauna.
• Beeinträchtigung von
Requisiten sensibler Habitate, z.B. durch Aufwirbeln von Sediment in
Seehöhlen
|
|
Sammeln von Korallen und Muscheln
|
• Beschädigung des
Riffs,
• selektive Artenreduktion
innerhalb der Riffbiozönose
|
|
Betreten des Riffs bei Schnorchelpausen, Ankern von
Booten
|
• Zerstörung der
Riffkrone.
• Vegetationsschäden
an Seegraswiesen
|
|
Andere Freizeitsportaktivitäten (Segeln, Surfen
etc.)
|
• Störung von Tieren,
insbesondere der Avifauna
|
|
Besuchermassierung allgemein
|
• Beeinträchtigung des
Urlaubs- und Naturerlebnisses.
• Lärmentwicklung.
• Verdrängungseffekte
in der Tierwelt und bei den Touristen
|
(Quelle: JOB 1994, S. 284, modifiziert)
Die Tabelle bezieht sich auf marine Großschutzgebiete Kenias, dennoch
sind die Auswirkungen nicht spezieller regionaler Art. Es entstehen also
vielfältige ökologische Probleme durch den Tourismus speziell auf
Inseln. Dem Thema dieser Arbeit entsprechend werde ich detaillierter auf die
Einwirkung des Tourismus auf Boden und Relief eingehen. Schwerpunkte werden die
durch den Tourismus verursachte Küstenerosion und Schädigungen von
Korallenriffen sein.
5.3 Küstenerosion
Küsten sind den ständig zehrenden Kräften des Meeres
ausgesetzt. Der natürliche biogene und lithogene Küstenschutz ist
durch anthropogene Eingriffe in die Natur in vielen Regionen zerstört oder
in seiner Effizienz stark geschwächt. Die daraus resultierende
Küstenerosion nimmt an zahlreichen Küsten bedrohliche Formen
an.
Eine große Bedeutung für den Küstenschutz kommt in vielen
Regionen den Korallenriffen zu, die als Wellenbrecher dienen. Deshalb werden sie
anschließend in einem eigenen Abschnitt ausführlich
behandelt.
Dieter Uthoff erläutert am Beispiel Sri Lanka Ausmaß und
Verursacher der Küstenzerstörung und weist darauf hin, daß dies
für alle Inseln ähnlicher Breiten, die durch ein
steigendesTouristenaufkommen gekennzeichnet sind, zutrifft.
Eine Anfang der achtziger Jahre durchgeführte Untersuchung hat
ergeben, daß auf Sri Lanka jährlichen Landverlusten von ca. einem
Quadratkilometer lediglich ein Landzuwachs von 15 ha gegenübersteht (vgl.
UTHOFF 1987, S. 405). Das führt zu einer dramatisch negativen
Flächenbilanz. Legt man diese Zahlen zugrunde liegen die durchschnittlichen
Verluste pro Jahr bei ca. 850.000 Quadratmetern. Das entspricht einer
Fläche von gut 115 Fußballfeldern. Die Situation der Küsten
verschärft sich eher, als daß sie sich entspannt. Anzumerken ist
natürlich, daß der Tourismus für alle hier genannten
Umweltschädigungen nicht der allein verantwortliche Faktor ist, aber er ist
ein Teil des Gefüges und Thema dieser Arbeit.
5.3.1 Tourismusbedingte Küstenzerstörung
Der Versuch von Werbetextern, das Bild eines tropischen Paradieses zu
erstellen, beinhaltet zwischen den Zeilen schon einmal drei Gründe für
die touristisch unterstützte Küstenzerstörung:
"Und so sehen Sri Lankas Strände aus: Wiegende Palmen säumen die
Küsten; Wasser so funkelnd wie die berühmten blauen Saphire; Buchten
und Korallengärten; kleine Eilande vor der Küste; menschenleere,
saubere golden-sandige Strände und eine Fülle von Strandidyllen;
schließlich versteckte Strandhotels, die zum Baden im warmen Wasser des
offenen Meeres einladen.
Sri Lankas Hotels sind erfinderisch in die Landschaft eingebettet, zur
offenen See orientiert. Jedes Hotel will seine günstige Lage an Küste,
Strand und Meer optimal ausschöpfen - und das mit Erfolg" (UTHOFF 1987, S.
409).
1. Das Bauen von Hotels in unmittelbarer Nähe zum Meer
♠ Die küstennahe Bebauung,
einhergehend mit den bereits beschriebenen Flächenverlusten führte
dazu, daß der Strandstreifen immer schmaler wurde. Dies hat natürlich
den Verlust von Attraktivität zur Folge. In manchen Fällen stehen die
Hotels sogar so nah am Meer, daß schon bei mittlerem Hochwasser die
Grundmauern umspült werden. Eingeschränkte Nutzung,
Gebäudeschäden und im schlimmsten Fall Geschäftsaufgabe sind
logische Konsequenzen. Die Erkennung dieser Schäden führte zur
Errichtung einer 40-60 Meter breiten Schutzzone, in der keine Bebauung erlaubt
ist. Allerdings ist diese Zone vor dem Hintergrund der aktuellen Erosionsraten
nicht ausreichend (vgl. UTHOFF 1987, S. 409f).
2. Saubere, golden-sandige Strände
♠ Wo heute diese Traumstrände
liegen, schützte ursprünglich eine natürliche Vegetationsdecke
den Küstensaum vor großen Materialverlusten. Die natürliche
Küstenvegetation läßt sich landeinwärts grob in drei Zonen
gliedern: Die nicht ständig dem Wasser ausgesetzten Sandflächen wurden
von salztoleranten Bodendeckern besiedelt. Darauf folgend lag ein Streifen mit
buschförmiger Vegetation, deren tiefreichende Wurzeln einen sehr
effizienten Küstenschutz darstellten. Abschließend ging die
Vegetation in einen Küstenwald über. Im Zuge der touristischen
Erschließung fiel sowohl der letzte Küstenwald als auch -busch den
anthropogenen Eingriffen zum Opfer, die nötig waren um das Land
touristenfreundlich zu gestalten (Hotelbauten, Freizeitaktivitäten, freie
Sicht und Zugang zum Strand) (vgl. UTHOFF 1987, S. 410f).
3. Wiegende Palmen säumen die Küsten
♠ Zwar assoziiert man mit den
Stränden der südlichen Inseln in erster Linie die berühmten
Kokospalmen, doch sie sind nur ein kleiner, für den Küstenschutz
unbedeutender Bestandteil der natürlichen Küstenvegetation. Bei
steigender Nachfrage für Kokosprodukte wurde in der Zeit der britischen
Kolonisation das damals wertlose Küstenland als Anbaugebiet für
Kokospalmen entdeckt. Die Wurzeln der Palmen sind aber nicht annähernd in
der Lage, den Strand so gut zu festigen, wie es die ursprünglichen Pflanzen
vermochten. Dabei wurden weitaus größere Vegetationsflächen
zerstört als der Mitte der sechziger Jahren beginnende Tourismus es tun
sollte. Das so angepriesene idyllische Bild von Palmenstränden leitet sich
also aus einer zerstörerischen Art der Küstennutzung ab und führt
sie gewissermaßen in modifizierter Form weiter (vgl. UTHOFF 1987, S.
411).
Eine Verstärkung der Flächenverluste verursachen die Eingriffe in
die Materialbilanz der Strände. Um den steigenden Wasserbedarf zu decken
ist es nötig Staubecken zu bauen. In diesen Becken lagern sich die
Sedimente ab. Die Transportleistung der Flüsse reduziert sich, und die
Versorgung der Strände mit Sand nimmt ab.
Der Anstieg der Bautätigkeit, der typisch für die für den
Tourismus entdeckten Destinationen ist, trägt ebenso zur Verschlechterung
der Materialbilanz bei. Da traditionelle Bauweisen, die nicht auf dem Verbrauch
von Sand basieren, in der Regel von der Betonbauweise verdrängt werden,
erhöht sich der Sandbedarf auf zweierlei Wegen. Der große Sandbedarf
wird durch direkte Sandentnahme aus den Flüssen gedeckt. 1984 wurden aus
den acht größten Flüssen 1,3 Mio. Kubikmeter Sand entnommen, an
der Küste wurden 44.000 Kubikmeter registriert, wobei die Dunkelziffer
durch nicht genehmigte Entnahmen nicht berücksichtigt ist (vgl. UTHOFF
1987, S. 413). Daß die Küstenerosion proportional mit der
Sandentnahme steigt, lassen Meßdaten vermuten und gilt als wahrscheinlich.
Ein quantitativer Beweis für diesen Zusammenhang ist derweil noch nicht
erbracht worden. (vgl. UTHOFF 1987, S. 414)
5.3.2 Anthropogene Küstenschutzmaßnahmen am Beispiel Sylt
Die Geschichte der Küstenschutzmaßnahmen auf Sylt ist so alt wie
der Fremdenverkehr, denn erst mit dem Fremdenverkehr gewann der
Dünengürtel für die Menschen an Bedeutung. Da die Küsten nun
mal die reizvollsten Zonen der Inseln sind, drängen auch hier die
Ferienhäuser nah ans Wasser und machen so aufwendige Schutzmaßnahmen
nötig.
5.3.2.1 Sandfangzäune
Die ersten Aktivitäten, den Landverlust zu bekämpfen, begannen in
den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Das Errichten von
Sandfangzäunen, bei denen sich im Lee die Windgeschwindigkeit reduziert und
es so zu Sandablagerungen kommt, ist eine ebenso alte wie preiswerte Variante
des Küstenschutzes. Sie findet bis zum heutigen Tag Anwendung, reicht
allerdings nicht aus, um die Verluste zu egalisieren (vgl. BESCH 1996, S.
166).
5.3.2.2 Buhnen
Buhnen sind senkrecht zum Strand stehende dammartige Bauwerke, die das
Abspülen von Sand verhindern sollen. Diese aus dem Flußbau stammende
Technik erwies sich für den Schutz von Meeresinseln jedoch schon früh
als untauglich. Die Materialien für den Buhnenbau wechselten mit der Zeit,
aber sowohl Eisen als auch Beton waren keine geeigneten Materialien, um dem Meer
Widerstand zu leisten. 1957 wurde wiederholt festgestellt, daß die
Rückversetzung der Küstenlinie durch Buhnen nicht verlangsamt wird.
Der Buhnenbau wurde dennoch zehn weitere Jahre fortgesetzt.
5.3.2.3 Längswerke
Ein anderer Versuch Gebäude vor dem voranschreitenden Meer zu
schützen, war die Errichtung von strandparallelen Betonmauern in den Jahren
1907-1924. Die Längswerke stellten aber ebenfalls keinen effektiven Schutz
dar.
5.3.2.4 Tetrapoden
Diese vierfüßigen Betongebilde galten 1960 als die ultimative
Lösung des Problems. Die sich ineinander verhakende Tetrapoden sollten die
Brandung entscheidend abschwächen. Damals schon laut werdende Bedenken
wurden in den Wind geschlagen und die Befürchtung, daß der Sand unter
den Tetrapoden schnell ausgespült wird bestätigte, sich.
5.3.2.5 Sandvorspülung
Das Scheitern aller vorher genannten Methoden führte 1972 dazu, das
schon 1961 entwickelte Verfahren der Sandvorspülung ins Auge zu fassen
(vgl. BESCH 1996, S. 167). Bei der Sandvorspülung nimmt ein
Laderaumsaugbaggerschiff Sand vom Meeresboden auf, welcher dann als
Sand-Wasser-Gemisch auf den Strand gespült wird. Die Sandvorspülung
erfolgt in der Regel in zwei Bereichen. Zum einen wird vor der Abbruchkante ein
Sanddepot geschaffen, zum anderen wird der Strand- und Unterwasserbereich
aufgefüllt (vgl. o.A. 1996). Die so entstehenden Verschleißbauwerke
müssen allerdings regelmäßig erneuert werden. Die
Sandvorspülung erwies sich als effektivste, umweltgerechteste und
kostengünstigste Form des Küstenschutzes. Aber es gibt auch Ausnahmen.
In Hörnum wurden, obwohl bekannt war, daß der
Küstenrückgang hier zwei Meter pro Jahr beträgt,
Ferienhäuser unmittelbar auf die Dünen des Weststrandes gebaut. Es
wurden dementsprechend bald schützende Maßnahmen nötig wenn man
die Häuser erhalten wollte. So wurden für Längs- und Querwerke
aus Tetrapoden Mittel zur Verfügung gestellt, die die Höhe der
Gesamtkaufsumme für die zu schützenden Häuser schon
überstiegen. Zu allem Überfluß stellte sich heraus, daß
die Bauwerke nicht nur ihren Zweck nicht erfüllten, sondern daß der
Küstenrückgang sich beschleunigte (vgl. BESCH 1996, S. 168). Folglich
wurden auch hier Sandvorspülungen nötig. Das Beispiel Hörnum aber
zeigt, daß die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht in jedem Falle aufgeht. Vor
Westerland fallen alle sechs Jahre sieben bis acht Mio. DM an Vorspülkosten
an, vor Hörnum sind es jährlich 2,145 Mio. Vergleicht man nun die
21.704 Gästebetten Westerlands mit den 2.588 Hörnums wird die
Diskrepanz zwischen Kosten und Nutzen noch deutlicher. Ein deutlich
größerer Abstand der Bebauung von der Küste hätte die
Gefährdung der Hotels und Häuser zeitlich verzögert und ihre
Amortisationszeit verlängert, Buhnen und andere Betonbauten würden das
Erscheinungsbild des Strandes nicht trüben und hunderte Mio. Steuergelder
hätten gespart werden können. So das von Besch als realistisch
eingeschätzte Szenario (vgl. BESCH 1996, S. 169)
6. Korallenriffe Aufbau, Funktion und Gefährdungen.
Korallenriffe sind oft Hauptattraktionen von Inseln (vgl. BÜRSKENS
1990, S. 29). Sie zu schützen, ist demnach auch eine ökonomische
Notwendigkeit. Allerdings gibt es noch viele weitere Gründe, das
Ökosystem Riff zu schützen. Um die Bedeutung und Bedrohung der
Korallenriffe zu verstehen, ist es nötig ein wenig mehr über ihre
Entstehung, Struktur und Funktion zu wissen.
Die Schätzungen darüber, wann die ersten Korallenriffe auf der
Erde entstanden, gehen weit auseinander. Sie variieren zwischen 230 Millionen
und zwei Milliarden Jahren. Die große Diskrepanz könnte darin
begründet sein, welche Art von Riffen die jeweiligen Autoren ansprechen.
Die Art der heute vorherrschenden Riffe (scleractine Korallen als Baumeister)
existiert in der Tat erst seit 190 Millionen Jahren. Obwohl über die
Jahrmillionen die verschiedensten riffbildenden Organismen dominierten, blieben
die, für die Riffbildung erforderlichen Rahmenbedingungen immer die
gleichen: Das Wasser muß flach, klar und warm sein. Die optimale
Temperatur liegt bei 26-27°C. Da die Korallen
zur Kalkbildung einen hohen Bedarf an Licht haben, erfolgt die Riffbildung auch
nur in seichten, planktonarmen Gewässern, in der Regel bis maximal 50 Meter
Tiefe (vgl. KOCH u. BRÜMMER 1996).
Ebenfalls hinderlich ist ein zu hoher Anteil an Schwebstoffen, die erstens
die Lichtdurchflutung behindern und vor allem, zweitens die Polypen erstickt.
Die Salinität sollte zwischen 28 und 40 ‰ liegen. Aus diesem Grund
findet Riffbildung an Flußmündungen nicht statt, da durch
Süßwassereintrag der Salzgehalt stark variiert, der Sedimenteintrag
wirkt sich hier natürlich auch negativ aus.
Festzuhalten ist, daß sich die Faktoren Wassertemperatur und
Sedimentation auf die horizontale und der Faktor Licht auf die vertikale
Verbreitung von Riffen auswirkt.
Global nimmt die Fläche der Riffe nur ca. 0,2 % des gesamten
Meeresboden ein. Der Anteil in den tropischen Flachgewässern beträgt
jedoch bis zu 15 % (vgl. KOCH u. BRÜMMER 1996).
6.1 Rifftypen
Nach den Kriterien Form und Lage unterscheidet man vier
Haupttypen:
1. Das Saumriff
♠ Es entsteht unmittelbar an der
Küste
♠ Es wächst von der
Niedrigwassergrenze seewärts
♠ Die Oberfläche bleibt stets dicht
unter der Wasseroberfläche
♠ Das Gefälle des Meeresbodens
begrenzt die Ausdehnung des Riffs ⇒ es
entstehen Riffe, die oft viele Kilometer lang, aber nur selten mehr als hundert
Meter breit sind
2. Das Barriereriff
♠ Es liegt weit vor der Küste und ist
auch dort entstanden
♠ Bedingung für die Entstehung ist
eine langsame Senkung des Untergrundes oder eine Hebung des
Meeresspiegels
♠ Sie kommen aufgrund dieser nötigen
geologischen Vorgänge über einen langen Zeitraum hinweg seltener vor
als Saumriffe
♠ Das bekannteste Beispiel ist das
Große Barriereriff vor der Ostküste Australiens
3. Das Plattformriff
♠ Entstehung ist nicht an Landmassen
gebunden
♠ Es ist allseits von tiefem Wasser
umgeben und breitet sich nach allen Seiten aus
♠ Im erodierten Zustand spricht man vom
Pseudoatoll, da es nur schwer von richtigen Atollen zu unterscheiden
ist
4. Atoll
♠ Ein ringförmiges Korallenriff, das
eine Lagune umgibt
♠ Die Lagune besitzt mindestens eine
Verbindung zum offenen Meer
♠ Bekannte Atolle liegen in der
Südsee und bei den Malediven
(vgl. KOCH u. BRÜMMER 1996)
6.2 Baumeister der Riffe
Korallen gehören zum Stamm der Nesseltiere. Alle Vertreter der
Nesseltiere gehen auf die Stammform Polyp zurück. Stark vereinfacht und
biologische Details vernachlässigend ist der Polyp als sackähnlicher
Organismus zu beschreiben, der mit einer Fußscheibe festsitzt und am
oberen Ende eine von Tentakeln umgebene Öffnung besitzt, die sowohl Mund
als auch After ist. (Quallen sind eigentlich nichts anderes als freischwimmende,
umgekehrte Polypen.) Die zur Klasse der Blumentiere gehörenden Korallen
pflanzen sich sowohl geschlechtlich als auch ungeschlechtlich fort. Im
Augenblick sind etwa 2.500 Arten Korallen bekannt, etwa 1.000 davon gehören
zu den riffbildenden Steinkorallen. Die Polypen der Korallen leben in Symbiose
mit einzelligen Algen (Zooxanthellen). Die Koralle beherbergt die Algen und
stellt ihnen für die Photosynthese Stoffwechselprodukte wie
CO2, Stickstoff- und Phosphatverbindungen zur
Verfügung. Die Koralle benötigt den dabei entstehenden Sauerstoff zum
Atmen und erhält zu dem noch weitere Stoffe wie Zucker und Aminosäuren
von den Algen.
Im Meerwasser sind die zur Kalkbildung benötigten Stoffe Calcium-Ionen
und Kohlendioxid reichlich vorhanden, reagieren aber nur selten zusammen zu
Calciumcarbonat. Entzieht man nun Teile des CO2, so
verändert sich das Verhältnis und es kann mehr Kalk entstehen. Die
Zooxanthellen dienen nun als solche CO2-Pumpen.
Die Kalkbildungsrate nimmt dementsprechend in der Nacht ab. Das
Höhenwachstum eines Riffs ist bei ca. 0,5-3 cm pro Jahr anzusiedeln. Man
schätzt heute, daß für eine Riffhöhe von 50 Metern eine
Bauzeit von 1800 Jahren erforderlich ist (KOCH u. BRÜMMER 1996).
6.3 Bedeutung des Ökosystems Korallenriff
Die Riffe gehören mit den tropischen Regenwäldern zu den hot
spots der Artenentwicklung. Ihre Artenvielfalt ist gigantisch. Es sind
derzeit etwa 60.000 Arten bekannt. Den Schätzungen zufolge sind es aber bis
400.000 Arten, das würde bedeuten, daß bis heute nur ein kleiner Teil
klassifiziert werden konnte. Diese größtenteils unbekannte
Artenvielfalt bildet unter anderem ein wertvolles Reservoir an medizinisch
bedeutsamen Stoffen. Man spricht auch von einer Schatztruhe biologisch
wertvoller Substanzen. Beispiele hierfür sind Korallenskelette, die als
Knochenersatz dienen und das in Hornkorallen entdeckte Prostaglandin, das bei
der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt wird.
Laichplatz und Kinderstube für zahlreiche Fischarten zu sein, ist eine
weitere wichtige Funktion der Riffe im Ökosystem Ozean (vgl. LEINFELDER
1998).
Die Fähigkeit der Riffe, Kohlenstoff zu fixieren, ist zusammen mit den
Mangrovenküsten und Seegrasfeldern mit der des tropischen Regenwaldes
vergleichbar und ist 20 mal größer als auf dem offenen Meer (vgl.
HARRISON 1996, S. 270).
Zusätzlich dienen Riffe noch als natürlicher Küstenschutz
(Wellenbrecher), als Frühwarnsystem für Umweltveränderungen und
nicht zuletzt als wichtige Einnahmequellen für den Tourismus vieler
Entwicklungsländer.
Nachdem jetzt die Bedeutung der Korallenriffe für die verschiedensten
Bereiche des Lebensraums Erde dargestellt wurde, ist deutlich geworden, welchen
enormen Wert sie darstellen und somit wird auch die Notwendigkeit ihrer
Erhaltung unterstrichen.
Der Zustand der Korallenriffe allerdings ist besorgniserregend. Eine 1982
auf den Philippinen durchgeführte Untersuchung hat ergeben, daß bei
zwei Dritteln der Riffe nicht einmal die Hälfte der Korallen am Leben
waren. Im guten Zustand befanden sich nicht einmal sechs % der Riffe, der
Verlust von lebenden Korallen an den Riffen der Insel Hainan betrug sogar 95%
(vgl. HARRISON 1996 S. 272)
6.4 Bedrohung der Riffe
Die Bedrohungen der Riffe sind vielschichtig. Die größten Feinde
der Riffe sind Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung. Vor allem die
Erhöhung der Jahresmitteltemperatur der Meere um einige zehntel Grad wird
für das Ausbleichen der Riffe verantwortlich gemacht. Die Erwärmung
hat zur Folge, daß die Korallen die Zooxanthellen verlieren, folglich auch
das Chlorophyll und somit ihre Farbe, zurück bleiben bleiche, ebenso
trostlose wie leblose Gebilde. Es werden auch Zusammenhänge zwischen El-
Niño Phänomenen und dem Ausbleichen der Korallen vermutet. Hinzu
kommt eine stetige Häufung von Korallenerkrankungen wie Schwarz- bzw.
Weiß-Band-Krankheit, eine Infektion der Korallen mit einer Blaualge. Diese
Krankheiten kommen auch in gesunden Gebieten vor, allerdings können sich
gesunde Riffe eben besser natürlichen Gefahren erwehren. Zu den
natürlichen Bedrohungen (Krankheiten, Wirbelstürme,
Vulkanausbrüche) kommen nun die anthropogenen Belastungen. Die
Klimaerwärmung ist nur langfristig zu bekämpfen, aber die durch den
Tourismus hervorgerufenen Belastungen sind, jedenfalls theoretisch, schneller zu
beseitigen (vgl. KOCH u. BRÜMMER 1996).
6.5 Riffkiller Tourismus
Der Tourismus zieht Schädigungen der Riffe auf unterschiedlichste
Weisen nach sich:
♠ Da ist z.B. das Sammeln von Souvenirs
und zwar logischerweise sowohl der Korallen selber als auch anderer Rifftiere.
Als Beispiel für den Eingriff des Souvenirsammelns in das Ökosystem
mag die Dornenkrone dienen. Die Dornenkrone ist ein Seestern, der sich von
Korallenpolypen ernährt. Der natürliche Feind der Dornenkrone, das
Tritonshorn, ist eine (schöne) Schnecke, so schön, daß sie in
großen Mengen gefangen und an Touristen verkauft wird. Das Dezimieren
dieser Schnecke hat zur Folge, daß sich die Dornenkrone ungestört
vermehren kann. Damit einhergehend wuchs die Belastung für die Riffe.
Menschlicherweise wird die Dornenkrone nun mit Gift bekämpft, weder
wissend welchen anderen Organismen dadurch geschadet wird, noch welche Funktion
der Dornenkrone zukommt (vgl. KOCH u. BRÜMMER 1996).
♠ Steigende Besucherzahlen und die damit
verbundenen Aktivitäten implizieren ebenfalls verschiedene Probleme. Die
beliebten Riffwanderungen führen dazu, daß in manchen Fällen die
Riffe fast komplett totgetreten wurden. Auch Schnorcheln und Tauchen
schädigt die Riffe, wenn dies wie oft, unsachgemäß
durchgeführt wird. Zerstörend wirkt sich auch das Ankern der Schiffe
und Boote aus (vgl. KOCH u. BRÜMMER 1996).
♠ Durch Tourismus produzierte Abfälle
und Abwässer führen zur Eutrophierung und übermäßigen
Algenwuchs. Die Algen bedecken die Korallen und nehmen ihnen die Lebensgrundlage
(vgl. KOCH u. BRÜMMER 1996).
♠ Der Tourismus erfordert das Ausbauen der
gesamten Infrastruktur um neue Kapazitäten zu schaffen. Dies schädigt
die Riffe in zweierlei Hinsicht. Gerade auf Inseln sind Baustoffe wie Beton oft
knapp und somit sehr teuer (vgl. BRAUER 1989, S. 152). Korallenkalk und
Küstensand dienen hier oft als vermeintlich günstige Substitute. Aber
Bautätigkeiten schaden nicht nur durch die Direktentnahme. Das Bauen von
Küstenstraßen und das Ausschwemmen von Waldrodungsgebieten
führen zu erhöhter Sedimentation, deren Folgen ja bereits beschrieben
wurden. Hauptabnehmer der Korallenindustrie ist in erster Linie die
Bauindustrie, aber auch andere Zweige wie Düngemittel-, Keramik-, Zement-,
und Nahrungsmittelindustrie sind auf der Kundenliste vertreten. Die
Größenordnung der Korallenentnahme an der Küste von Hikkaduwa,
Sri Lanka lag, nach Uthoff 1985 bei 10.000 t, anderen Quellen zufolge sind es
sogar 75.000 t. Die Rückverlegung der Küste um 300 Meter, in einem
leider nicht näher bezifferten Zeitraum wird diesem Raubbau angerechnet
(vgl. HARRISON 1996, S. 100).
Auf Initiative von R. Ginsburg, Miami, erklärten die Vereinigten
Nationen das Jahr 1997 zum Internationalen Jahr des Riffs (IYOR). Die
vielschichtigen Bedrohungen der Riffe durch den Tourismus spiegeln sich auch in
dem vom IYOR-Komitee empfohlenen Verhalten am Urlaubsort wieder:
♠ Kaufen sie keine Muscheln, Schnecken,
Korallen oder andere Meerestiere als Souvenirs, weder in Riffregionen noch
hierzulande.
♠ Informieren sie sich und diskutieren sie
die Problematik auch mit anderen.
♠ Vermeiden sie
übermäßigen Wasserverbrauch beim Urlaub in Wüstenregionen,
wie z.B. am Roten Meer (bestehen sie darauf, Handtücher und Bettwäsche
nicht täglich gewechselt zu bekommen).
♠ Sprechen sie Hotelmanager und
Reiseveranstalter auf die Wichtigkeit des Riffschutzes an und stellen sie klar,
daß geschädigte Riffe für sie uninteressant sind.
♠ Gehen sie zu geführten
Tauchgängen. Fragen sie vor der Abfahrt, wie das Abwasser entsorgt wird, ob
Ankerbojen vorhanden sind und ob daran festgemacht wird.
♠ Vermeiden sie Beschädigungen der
Korallen bei ihren eigenen Tauchgängen. Ziehen sie keine Handschuhe an und
halten sie ausreichend Abstand zu den Korallen. Stellen sie sich nicht auf das
Riff. Vermeiden sie, mit den Flossen Sediment aufzuwirbeln. Befestigen sie ihre
Instrumente so, daß diese nicht über das Riff schleifen.
♠ Beteiligen sie sich demonstrativ nicht
an Fischfütterungen.
♠ Nehmen sie auf keinen Fall Korallen oder
andere Rifforganismen mit.
♠ Nehmen sie Müll wieder mit nach
Hause (vgl. LEINFELDER 1998).
7. Fazit
Der Tourismus birgt viele Gefahren für die Natur und gerade auf Inseln
verschärfen sich diese noch aufgrund des labileren ökologischen
Gleichgewichtes. Die prognostizierten Zahlen für die weltweit steigenden
touristische Aktivitäten lassen vermuten, daß sich die Entwicklung
des Tourismus nicht mehr aufhalten läßt. Aber es ist auch weniger das
Aufhalten dieser Entwicklung von Nöten, sondern das Umdenken auf dem
Tourismussektor. Der Tourismus birgt gerade für die Natur auch Chancen. In
vielen Gegenden ist er die einzige Devisenquelle, die zur Beschaffung von
Geldern für den Erhalt der Natur geeignet ist. Wichtig ist es für
Inseln nicht den Massentourismus zum Ziel zu haben, sondern den Weg des
gehobenen, nicht so personenintensiven Tourismus einzuschlagen. Es muß auf
Wachstum, das in letzter Konsequenz zur Entstehung von Einheitslandschaften und
Einbrüchen der Besucherzahlen führt, verzichtet werden. Eine solche
kontrollierte Tourismuswirtschaft erfordert stärkere staatliche
Mitbestimmung der jeweiligen Destinationsregierungen. Mit der Reduzierung der
Fremdbestimmung durch international operierende Touristikkonzerne muß auch
eine Erhöhung des Nettodeviseneffektes einhergehen. Nur so kann die
Einflußnahme und Verantwortung von innen wachsen und wirksam werden. Die
Entwicklung eines angemessenen Tourismus ist aber keineswegs ein einfaches
Unterfangen. Verschiedene Interessen sind ein Grund dafür, denn so mancher
Touristikkonzern sieht die Notwendigkeit der Selbstbestimmung und stärkeren
Partizipation der Einheimischen Bevölkerung an den Einnahmen nicht
unbedingt. Auch läuft ein staatlich gesteuerter Tourismus Gefahr die
Kreativität des privaten Unternehmertums zu stark zu behindern.
Aber: "Leicht war es nie" (EASTWOOD, C : Erbarmungslos)
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