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Williams, Thomas Lainer: Die tätowierte Rose
„Die tätowierte Rose“
Schauspiel in drei Akten
Inhaltsangabe
Der Ort ist ein Dorf an der Küste des
Goldstroms bei New Orleans. Dort leben fast nur Sizilianer. Zu ihnen gehört
auch Serafina delle Rose, eine überaus religiöse Schneiderin. Ihr
Herz gehört vollständig ihrem Mann Rosario, dessen Brust eine
tätowierte Rose ziert. In der Nacht der Empfängnis ihrer Tochter Rosa
vor gut zwölf Jahren sah sie eben jene Rose für einen kurzen Moment
auf ihrer eigenen Brust. Seitdem glaubt sie an religiöse Zeichen und
Wunder. Sie ist es gewohnt zu einer Statue der Mutter Gottes zu sprechen und
auch Antworten zu erhalten. Eines Abends sitzt sie daheim und wartet auf
Rosario, der für die Gebrüder Romana arbeitet und in einem Lastwagen
Rauschgift schmuggelt. Doch dieses Mal soll es das letzte Mal sein und Serafina
träumt schon von der Zukunft. Eine Frau namens Estelle Hohengarten kommt,
um eine Schneiderarbeit zu bestellen. Als sie ein Foto Rosarios erblickt,
erkennt sie darin ihren Geliebten. An diesem Abend erhält Serafina die
Nachricht von dem Tod ihres Mannes, er war hinter dem Steuerrad erschossen
worden.
Drei Jahre vergehen, Serafina trauert innig, sie
vernachlässigt ihre Tochter und ihre Pflichten. Sie geht nicht mehr aus dem
Haus, zieht sich nicht mehr anständig an, hat keine Freunde mehr und macht
nur noch selten Schneiderarbeiten. Im Wohnraum hat sie einen Altar mit der
Aschenurne ihres Mannes aufgebaut. Sie lebt von den Erinnerungen an ihre Liebe.
Rosa ist nun fünfzehn, sie schließt die Schule ab. Bei einem
Tanzabend lernt sie den jungen Matrosen Jack kennen und verliebt sich. Serafina
erfährt davon und sperrt sie im Haus ein. Als Rosa sie als ekelerregend
beschimpft und zugibt, dass sie sich ihrer schämt, läßt Serafina
sie betroffen gehen. Bei einem Streit mit einer Kundin erfährt sie von der
Affäre ihres Mannes. Sie will es jedoch nicht wahrhaben und beschimpft die
Kundin als Lügnerin. Rosa kommt mit Jack heim, sie will ihn ihrer Mutter
vorstellen. Diese nimmt Jack das Versprechen ab, nicht mit Rosa zu
schlafen.
Durch einen Zufall kommt Alvaro, ein junger
Lastwagenfahrer, in ihr Haus. Er ähnelt ihrem Mann äußerlich
sehr, Serafina fühlt sich zu ihm hingezogen. Alvaro hat auch Interesse an
ihr, er sehnt sich nach einem Liebesleben, und findet auch ihr Haus und ihren
Nebenerwerb nicht unangenehm. Sie lädt ihn für den Abend ein. Serafina
richtet sich das erstemal seit drei Jahren wieder hübsch her, sie will
Alvaro gefallen. Dieser hat sich extra eine Rose auf die Brust tätowieren
lassen. Die beiden betrinken sich. Er bringt sie dazu mit Estelle zu
telefonieren. Rosarios einstige Geliebte erzählt ihr die ganze Wahrheit.
Serafina ist mit den Nerven fertig, sie gibt der Mutter Gottes die Schuld an
allem und beschließt ihren Glauben aufzugeben. Sie verbringt die Nacht mit
Alvaro. Rosa kommt heim, sie ist traurig, Jack hat sein Versprechen nicht
gebrochen, obwohl sie es wollte. Jack fährt am nächsten Tag weg, sie
beschließt mit ihm zu gehen.
Am Morgen danach wacht Alvaro auf, er sieht die
schlafende Rosa und noch betrunken vom Kater des Vortages nähert er sich
ihr voll Bewunderung. Rosas Schrei weckt Serafina auf. Zuerst spielt sie ihr vor
Alvaro wäre ein Einbrecher, doch dann gesteht sie ihrer Tochter die
Wahrheit und sucht verzweifelt nach Entschuldigungen für ihre Tat. Rosa
verläßt ihre Mutter, sie geht zu Jack. Serafina spürt das
Brennen der Rose auf ihrer Brust, sie ist wieder schwanger. Sie zündet die
Kerze auf dem Altar wieder an und geht, um Alvaro zu finden.
Interpretation
Serafina ist eine Frau, die vollständig mit
ihrem Herzen lebt und denkt. Sie ist tief religiös und abergläubisch.
Mit 14 schon ist sie verheiratet worden, kurz darauf hat sie bei der
Empfängnis ihrer Tochter dieses schicksalhafte Erlebnis. Leichtgläubig
wie man in diesem jungen Alter ist, sieht sie darin den göttlichen Beweis
für die unendliche Liebe zwischen ihr und Rosario. Nichts läßt
sie an der Treue ihres Mannes zweifeln. Selbst die Zeit verändert es nicht.
Symbolisch dafür ist folgende Phrase:
MEINE UHR IST MEIN HERZ, UND MEIN
HERZ SAGT NICHT TICK – TICK, SONDERN ES SAGT LIEBE – LIEBE! DIE
ZEIT VERGEHT NICHT!
Nach dem Tod Rosarios bricht für sie die
Welt zusammen. Sie lebt nur noch für ihre Trauer und die Erinnerung. Alles
ist ihr egal. Der Spott der Nachbarn kümmert sie nicht. Als sie das
erstemal von der Affäre ihres Mannes erfährt, ist sie wie
betäubt. Sie ist hilflos und weiß sich nicht anders zu helfen, als
sich einzureden, es sei eine Lüge. Sie wartet auf ein Zeichen der Mutter
Gottes, das ihr Rosarios Unschuld beweisen soll. Und als dann Alvaro, der ihrem
Mann so ähnelt, in ihr Leben tritt, sieht sie ihn als das Zeichen an. Sie
will endlich wieder lieben, aber sie ist wütend auf die Begierde, die in
ihr tobt. Wie bei Rosario übersieht sie alle Schwächen Alvaros. Sie
sieht nicht, dass er bloß jemanden sucht, der ihn finanziell über
Wasser halten kann und seine sexuellen Gefühle befriedigt. Aber vielleicht
ist es gerade das, was sie braucht. Jemand den sie lieben kann, den sie umsorgen
kann. Leidenschaft ist für sie gleich Liebe. So erzählt sie
beispielsweise stolz, dass Rosario und sie sich in jeder Nacht ihrer Ehe geliebt
hätten.
Das letzte Gespräch zwischen Serafina und
ihrer Tochter zeigt, was die Tochter von der Beziehung ihrer Eltern
hielt. JA, ICH SEHE DICH AN MIT
DEN AUGEN MEINES VATERS. ICH SEHE DICH, WIE ER DICH GESEHEN HAT. WIE DAS, WIE
DIESES SPARSCHWEIN! Serafina war für
Rosario anscheinend nicht mehr als eine brav daheim sitzende, ihn verehrende
Frau. Da selbst die junge Tochter das erkannt hatte, mußte Serafina
völlig blind vor Liebe gewesen sein. Es wußte ja auch jeder von der
heimlichen Geliebten ihres Mannes, jeder außer ihr. Doch Rosa hat Mitleid
mit ihrer Mutter. Sie will nicht, dass sie weiter um Rosario trauert, sie will
dass sie ein neues Leben anfängt, sie will, dass sie endlich wieder zu
leben beginnt. Darum meint sie
ER HAT MICH NICHT BERüHRT, ER HAT NUR GESAGT „CHE
BELLA!“ wie um ihrer Mutter ein
Zeichen zu geben, dass sie mit Alvaro einverstanden ist.
Das Wort das mir sofort zu „Die
tätowierte Rose“ und allen anderen Theaterstücken von Tennessee
Williams einfällt, ist Intensität – in ehrlicher, lauter
Sprache. Die Dialoge zeigen einem die Gefühle der Personen, man muß
sie sich nicht noch extra erläutern lassen. Die Probleme der Personen
werden uns sozusagen pur präsentiert, ohne jeden Versuch sie psychologisch
auszuleuchten. Denn die Dialoge zeigen mehr Gefühle, als man in
detaillierten Charakterstudien finden kann. Er sieht ein, dass der Charakter und
die Gefühle der Menschen nicht klar definierbar, sondern viel komplexer und
unergründbarer sind.
„Moise und die Welt der Vernunft“
Roman
Inhaltsangabe
Die Geschichte handelt in New York, genauer
gesagt in New Yorks Künstlerviertel Greenwich Village. Niedergeschrieben
wird diese Geschichte von einem etwa 30jährigem, homosexuellen
Schriftsteller. Er - sein Name wird nie erwähnt - erzählt uns von
seinem Leben und seinen Freunden. Er kommt aus Alabama und ist mit 15 von daheim
fortgelaufen. In New York lernt er dann Lance und Moise kennen. Lance ist ein
schwarzer Eiskunstläufer, er ist homosexuell und wird zu der ersten
großen Liebe im Leben des Erzählers. 13 Jahre lang leben sie
gemeinsam in einem umfunktionierten leerstehenden Lagerhaus. Lance stirbt an
einer Überdosis. Obwohl er schon zwei Jahre lang eine Beziehung mit Charlie
hat, trauert er immer noch Lance nach. Er bezeichnet sich selbst als
gescheiterten Schriftsteller, da alle Verlage ihn bisher aufgrund der
obszönen Sprache in seinen Werken abgelehnt haben. Moise ist Malerin, ihr
Leben gilt der Kunst und sie lebt ständig am Existenzminimum. Fast nie
schafft sie es ein Gemälde zu vollenden. Mit dem Erzähler verbindet
sie eine dicke Freundschaft. Die Nacht, in der uns das alles erzählt wird,
beginnt mit einer Party bei Moise. Sie hat eine Bekanntmachung zu geben: sie hat
den letzten Gönner, den sie noch hatte, verloren, und werde sich damit nun
endgültig aus der Welt der Vernunft verabschieden ....
Interpretation
Der Roman schildert in einem chaotischen
Fluß die Empfindungen, Erinnerungen und Erlebnisse des Erzählers in
einer einzigen Nacht. Er läßt uns am Moment des Schreibens teilhaben,
er spricht zu dem Leser, macht sich Gedanken darüber wie er etwas
ausdrücken soll und erzählt unter anderem auch von seiner Abneigung
gegen Rufzeichen. Mit einfallsreichen Assoziationsketten, die manchmal
unerwartet und ungewöhnlich scheinen, verkettet er die Geschehnisse der
Nacht mit Rückblicken auf sein Leben. All das passiert so fließend,
dass man den Eindruck hat, direkt am Geschehen zu sein, direkt die
Gedankenflüsse mitzubekommen. Denn wie in den eigenen Gedanken gibt es hier
unvorhersehbare Sprünge, wirre Stellen und plötzlich abgebrochene,
unvollendete Sätze, für die der Erzähler eine besondere Vorliebe
zu haben scheint. So wird uns zum Beispiel auch genau beschrieben wie der Name
der Titelperson Moise richtig ausgesprochen gehört.
Dieser Roman macht es schwierig eine
ausführliche Inhaltsangabe zu schreiben, da immer wieder Personen
beschrieben werden, die nicht wirklich wichtig für die Handlung zu sein
scheinen. Es wird die Szene der Künstler skizziert, wie wir sie uns
vorstellen würden. Unwirkliche skurrile Gestalten, die einzig für die
Kunst zu leben scheinen, und eigentlich schon alle Abschied von der Welt der
Vernunft genommen haben. Uns, die wir doch wirklich alle in dieser Welt der
Vernunft leben, erscheint das alles irgendwie märchenhaft, unreal. So
möchte man Moise etwa mal kurz richtig durchschütteln, um sie
aufzuwecken. Sie lebt wie in einem Trancezustand, völlig hilflos der
Außenwelt gegenüber, stets geistesabwesend. Ich glaube nicht, dass es
solche Personen gibt, außer natürlich sie befinden sich ständig
unter der Einwirkung von Drogen.
Für mich ist das Besondere dieses Buches
die Sprache und nicht die Handlung. Es wird keine wirkliche Handlung
erzählt, es gleicht einer Momentaufnahme der Gefühle und Gedanken des
Erzählers. Man bekommt einen Einblick in sein Leben, kann aber noch lange
nicht behaupten, ihn oder die anderen beschriebenen Personen zu kennen. Und
diese Darstellung wird auch nur dadurch beendet, dass das letzte Heft des
Erzählers vollgeschrieben ist.
„Mrs. Stone und ihr römischer Frühling“
Roman / Prosastück
Inhaltsangabe
Karen Stone ist eine alternde Schauspielerin,
die die Fünfzig bereits überschritten hat. Mit eiskaltem Ehrgeiz und
übernatürlicher Schönheit hat sie es zu einer beeindruckenden
Karriere auf den Bühnen Amerikas gebracht. Mit Taktik hat sie sich
überall Freunde geschafft und sich in die Herzen der Kritiker gespielt. Sie
sonnt sich in all den Lobreden, die über sie gehalten werden. Sie hetzt von
Friseurterminen zu Photoshootings, die Zeit vergeht, sie merkt nicht, dass nie
richtig glücklich ist. Selbst die Beziehung zu ihrem Mann wird nie richtig
vertrauensvoll. Dann fängt ihre Schönheit an zu schwinden,
plötzlich wird ihr klar, dass ihr Talent nicht über die
Mittelmäßigkeit hinausreicht. Als sie sich in ihrem fortgeschrittenen
Alter noch einmal als jugendliche Julia versucht, dabei allerdings kläglich
versagt, gibt sie das Ende ihrer Bühnenlaufbahn bekannt und flieht mit
ihrem Mann nach Europa. Plötzlich hat sie keinen vollen Terminplan mehr,
sie wird sich der Leere in ihr bewußt. Dann stirbt ihr Mann aufgrund eines
Herzleidens. Alles was ihr bleibt, ist der Reichtum. Sie beschließt nach
Rom zu gehen. Dort stößt sie auf eine alte Contessa, die ihren
„Wunsch nach Gesellschaft“ zu verstehen scheint und ihr neue junge
Bekannte zuführt. Sie feiert Partys, lebt verschwenderisch, wie es sich
für eine Diva gehört und umgibt sich mit den schönsten jungen
Männern Roms. Sobald diese sie jedoch um Geld anbetteln und ihr ihre
„Dienste“ anbieten, zahlt sie ihnen zwar das Gewünschte,
schickt sie aber damit fort. Dann kommt Paolo in ihr Leben. Er ist eben so
schön und selbstverliebt wie die anderen Gigolos. Mrs. Stone ist von ihm
begeistert, lange versucht sie zu widerstehen, doch schließlich entwickelt
sich ein Verhältnis zwischen den beiden. Für kurze Zeit fühlt sie
sich glücklich, sie erlebt ihren „römischen Frühling“
mit Paolo. Doch er interessiert sich nur für ihr Geld. Die ständigen
Einladungen, die hin und wieder spendierten teuren Anzüge reichen ihm
nicht, er will mehr. Als Mrs. Stone sich weigert, beleidigt er sie schwer und
geht von dannen, auf zu einer neuen Geliebten, die Aussicht auf mehr bietet.
Interpretation
„Mrs. Stone und ihr römischer
Frühling“ beschreibt das Leben einer Frau, die nie zu sich selbst
gefunden und ständig in einer Selbstlüge von Schönheit und Erfolg
gelebt hat. Und es handelt von dem „Nichts“ und der Vereinsamung, in
die man nach einem solchen Leben verfällt.
Sie läßt niemanden an sich heran, sie
hat Angst davor, durchschaut zu werden, hat Angst davor, dass man erkennen
könnte, welche Leere in ihr herrscht. Und doch haßt sie die
Einsamkeit. Sie ist ständig unruhig, vermißt den Streß der
alten Tage, sehnt sich nach Begleitung, auch wenn diese für sie im Falle
von Paolo oft demütigend ist. All das, nur um sich selbst zu entfliehen.
Aus Furcht davor, mit sich allein zu sein, sich mit ihrem eigenen Inneren zu
beschäftigen. Sie hat Angst davor, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. In
Rom umgibt sich mit jungen schönen Leuten, wie um sich selbst zu
täuschen. Doch statt das gewollte Resultat zu erreichen, erinnert sie all
die Schönheit um sie herum nur an ihren eigenen Verfall.
In kurzen Rückblicken werden Teile ihres
Lebens erzählt, wobei die Geschichte von dem Bergkönig-Spiel
charakteristisch für ihr Karriere ist:
BEI DIESEM SPIEL, DAS VON DER
SCHULLEITUNG NICHT GERN GESEHEN UND SPäTER VERBOTEN WURDE, MUßTE
EINES DER KINDER AUF DIE TERRASSE HINAUFKLETTERN, UND ES WAR DANN SO LANGE
BERGKöNIG, WIE ES IHM GELANG, DIE ANDEREN AM ERSTEIGEN DER HöHE ZU
HINDERN. Genauso wie sie sich in ihrer
Kindheit in diesem Spiel durchsetzte, konnte sie sich in der Schauspielerei
gegen Konkurrenten wehren. So bricht sie zum Beispiel einem vielversprechendem
jungen Schauspieler aus Neid sprichwörtlich das Genick, indem sie ihm ihre
Überlegenheit darin zeigt, dass sie ihn verführt und gleich darauf
wieder fallen läßt. IN
GEWISSEN UNKONTROLLIERTEN MOMENTEN, IN JENEN MOMENTEN, DA DAS ERWACHSENE UND
WOHLERZOGENE ICH VON SEINEM URSPRüNGLICHEN UND EIGENTLICHEN ICH EINE
BOTSCHAFT EMPFäNGT, HATTE SIE ES JUBELND IN SICH FLüSTERN GEHöRT:
IMMER NOCH BIN ICH BERGKöNIG! Sie
nützt die kleinen Eitelkeiten und Schwächen der anderen aus, um sie
für sich zu gewinnen. Alles was sie tut, tut sie mit der Absicht, noch
berühmter und beliebter zu werden. Stellvertretend dafür:
WER HAT HEUTE GEBURTSTAG? FRAGTE
MRS. STONE ODER: WER IST HEUTE GESTORBEN? BEIDE FRAGEN BRACHTE SIE IN GENAU DEM
GLEICHEN LEIDENSCHAFTSLOSEN UND FAST WISSENSCHAFTLICH INTERESSIERTEN TON VOR
...
DER ERFOLG WAR, DASS VIELE LEUTE
SAGTEN: MRS. STONE IST EINE WUNDERVOLLE FRAU, UND ZWAR IN FAST DEMSELBEN
GEWOHNHEITSMäßIGEN TON, MIT DEM MRS. STONE MORGENS IHRE
SEKRETäRIN FRAGTE: WER IST HEUTE GESTORBEN? ODER: WER HAT HEUTE
GEBURTSTAG?
All diese Lebensweise hat ihr nichts gebracht.
Paolo kümmert sich keinen Deut um ihren Erfolg, ihre Berühmtheit.
Alles was ihn interessiert ist ihr Geld. Und sie sehnt sich so sehr nach seiner
Zuwendung, dass sie es nicht verhindern kann, ihre Würde seinetwegen zu
verlieren. Und das ist für sie schlimmer als das Gespött in den
Klatschpressen und das Getuschel hinter ihrem Rücken.
„Die Katze auf dem heißen Blechdach“
Schauspiel in drei Akten
Inhaltsangabe
Anläßlich des 65. Geburtstages des
reichen Baumwollplantagen-Besitzer Pollitt, genannt Big Daddy, trifft seine
gesamte Familie zusammen. Alle außer ihm und seiner Frau, genannt Big
Mama, sind sich dessen bewußt, dass dies sein letzter Geburtstag sein
wird. Die Nachricht aus der Klinik, dass er nur ein harmloses Darmleiden hat,
ist erlogen, er hat Krebs. Nun versuchen sie fröhlich seinen Geburtstag zu
feiern, und haben im Gedanken natürlich schon die reiche Erbschaft. So will
Gooper, Big Daddys ältester Sohn, zusammen mit seiner Frau Mae, unbedingt
Brick, seinen Bruder, von der Erbschaft ausschließen, indem er dessen
kaputtes Eheleben beschnüffelt und weitererzählt. Die so
„gebärfreudige“ Mae denkt, durch ihre fünf Kinder mehr
wert zu sein als die kinderlose Maggie, Bricks Frau. Ständig
läßt sie ihre Kleinen Stücke und Tricks vor Big Daddy
aufführen, um dessen Gunst zu erlangen. Doch dieser kann die ganze Familie
in Wirklichkeit nicht ausstehen, auch seine sich für ihn aufopfernde Frau.
Der einzige, den er wirklich mag, ist Brick, ein einstiger Footballstar und
Radiokommentator, der zum Alkoholiker wurde, an Krücken geht und dessen
Leben am Ende zu sein scheint. Maggie ist stets um ihn, obwohl er sie seit dem
Tod seines besten Freundes Skipper nicht mehr angerührt hat. Sie ist die
Katze auf dem heißen Blechdach. Damals hatte sie Skipper homosexuelle
Neigungen zu ihm vorgeworfen, ihn dadurch zu einem lächerlichen Abenteuer
mit ihr gebracht, um ihr das Gegenteil zu beweisen, was aber nicht klappte.
Danach griff Skipper zum Alkohol und starb wenig später daran. Seitdem ist
Brick von einem Lebensekel erfaßt, den er durch den Alkohol zu vergessen
versucht. Maggie leidet unter dem völligen Fehlen von Sex, ständig
versucht sie ihn zu verführen. Mae und Gooper, die das Zimmer nebenan
haben, bekommen das mit, machen sich über sie und ihre Kinderlosigkeit
lustig, indem sie immer wieder auf ihre wachsende Kinderschar verweisen. Als Big
Daddy Brick in einer Aussprache unter zwei Augen auf all diese Gerüchte von
getrennten Betten und homosexuellen Gefühlen anspricht, rastet dieser aus
und wirft ihm alkoholisiert an den Kopf, dass sein Befund eine Lüge sei.
Entsetzt und wütend zugleich rennt Big Daddy davon. Nun klären die
Familienmitglieder Big Mama über den wahren Zustand ihres Mannes auf. Als
der Anwalt Gooper dann aber seine vorbereiteten Verträge zur Regelung der
Erbschaft auspackt, will sie nichts davon wissen. Sie bittet Maggie, ihr zu
helfen, Brick wieder auf die Beine zu bringen, damit er das Erbe antreten kann.
Nichts wünscht sich Big Daddy mehr, als ein Kind von Brick. Nun greift
Maggie zu einer Lüge, sie erzählt schwanger zu sein. Sofort rennt Big
Mama entzückt zu ihrem Mann, um ihm die freudige Nachricht zu
überbringen. Gooper und Mae, die genau wissen, dass es nicht stimmt, wollen
Beweise von ihr, sie gibt ihnen aber nur ihr Wort. Daraufhin verschwinden sie
zornig. Maggie ist froh, dass Brick sie nicht als Lügnerin
bloßgestellt hat. Nun sind sie beide allein, Maggie schafft den gesamten
Alkoholbestand weg. Mithilfe der Erpressung will sie ihn dazu bewegen, die
Lüge von dem Enkelkind wahr zu machen. Es ist ihr letzter Versuch ihre Ehe
zu retten.
Interpretation
Maggie fühlt sich einsam. Ihr Eheleben
existiert nicht mehr. Mit dem Sexleben ist auch alles andere verschwunden.
ICH LEBE NICHT MIT DIR. WIR
BEWOHNEN DENSELBEN KäFIG. Brick weist
jeden Versuch ihrer Annäherung ab, er will sie nicht um sie haben, will
nicht mit ihr reden. Sie ist aufgefressen von Verlangen nach ihm, ist sich auf
nicht zu schade, darum zu betteln. Sie denkt er will sie für ihr Abenteurer
mit Skipper bestrafen. Für Brick war die Freundschaft mit Skipper das
Große in seinem Leben. Er beschuldigt Maggie, es zu beschmutzen mit ihren
billigen Lügen. Worauf sie entgegnet:
ICH BESCHMUTZE ES NICHT! ICH
REINIGE ES!
Big Daddy konnte den gierigen Gooper nie
ausstehen. Er haßt ihn, seine Frau, die er als
MONSTER AN
FRUCHTBARKEIT bezeichnet, und deren
nervende Kinder geradezu. In Brick sieht er sich selbst in jungen Jahren. Ihm
gegenüber zeigt er die einzige zwischenmenschliche Zuneigung in diesem
Stück. ER HUSTET UND
BEIßT SICH AUF DIE UNTERLIPPE, WäHREND ER FüR EINEN MOMENT
SEINEN KOPF SCHEU AN DEN SEINES SOHNES PREßT. DANN RICHTET ER SICH
VERLEGEN WIEDER AUF UND GEHT UNSICHER ZUM TISCH
ZURüCK.
Während des Gespräches mit Big Daddy
kommt ans Licht woran Brick zerbrochen ist. Sein letzter Kontakt mit Skipper war
ein Telefongespräch, wo ihm dieser betrunken seine Gefühle zu ihm
gesteht, worauf Brick auflegt. Damit hat er seinen Freund in den Tod getrieben.
Das ist auch der Grund für seinen Selbstekel und seinen Alkoholkonsum.
Ständig wartet er nur auf den „Klacks“ im Kopf, der ihm Ruhe
bringt, ihn alles vergessen läßt. Aller Wahrscheinlichkeit nach,
hatte er selbst homosexuelle Gefühle in sich, die er jedoch
unterdrückte, weil das von den Leuten damals als Tabu angesehen wurde.
BIG DADDY, DU SPRICHST SO
BEILäUFIG DARüBER! ÜBER SO EINE SACHE ... – WEIßT DU
DENN NICHT, WAS DIE LEUTE BEI SO EINER SACHE EMPFINDEN? WIE, WIE ANGEEKELT SIE
VON SO EINER SACHE SIND? Der
konventionelle Sittenkodex hat einen gewaltigen Einfluß auf
ihn.
Mithilfe einer Lüge versucht Maggie die
ganze Verlogenheit und Heuchelei im Kreis der Familie zu durchbrechen. Es geht
ihr allerdings nicht um die reiche Erbschaft, sondern darum, Brick dazu zu
bringen, mit ihr zu schlafen, um Big Daddy seinen letzten Wunsch zu
erfüllen. Sie hofft damit ihre Ehe retten zu können und Brick vom
Alkohol wegzubringen.
Biographie des Autors
Thomas Lanier Williams wurde am 26. März
1914 in Columbus Mississippi geboren. Er wählte das Pseudonym Tennessee aus
Verbundenheit zu seiner Heimat in den Südstaaten. Er studierte Publizistik
und Theaterwissenschaft. Stoffe für seine Werke lieferten ihm zahlreiche
Gelegenheitsjobs wie z.B. als Fabrikarbeiter, Kellner oder Liftboy. Sie zeigten
ihm die Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft. Er selbst gerät in
Krisen, die er mithilfe seiner Theaterarbeit zu bewältigen versucht. Seine
Theaterstücke, die stets darum kreisen, die Illusionen und Lebenslügen
seiner Figuren zu entlarven, bezeichnet er als Selbsttherapie.
„ICH MöCHTE DEN
WAHRHEITSGEHALT VON MENSCHEN DARSTELLEN, JENES FLACKERNDE, UNWöLKTE, SCHWER
ZU FASSENDE – ABER FIEBERHAFT MIT SPANNUNG GELADENE! – ZUSAMMENSPIEL
LEBENDIGER WESEN IN DER GEWITTERWOLKE EINER GEMEINSAMEN
KRISE.“ Und das gelingt ihm in
seinen Theaterstücken. Die Stücke handeln meist von Menschen der
Südstaaten, die sich aufgrund unerfüllter Träume und
Sehnsüchte in Lüge, Rausch, Drogen, Suff und Sex flüchten. Sie
taumeln zwischen Selbstmitleid und Aggression, Lebensgier und Todesangst. Nach
Jahren des Kampfes um Anerkennung schafft er 1945 mit dem Drama
“DIE GLASMENAGERIE“
den Durchbruch zum Welterfolg. Er
erhält Literaturpreise und das Stück läuft mit viel Erfolg auf
NewYorks Bühnen. Es folgen
„ENDSTATION SEHNSUCHT“
(1947),
„DIE TäTOWIERTE
ROSE“ (1951),
„DIE KATZE AUF DEM
HEIßEN BLECHDACH“ (1955),
„ORPHEUS STEIGT HERAB“
(1957),
„PLöTZLICH LETZTEN
SOMMER“ (1958) und
„SüßER VOGEL
JUGEND“ (1959). Alle seine
Stücke erweisen sich als glänzende Vorlagen für Film und Theater.
Zweimal wird er mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, bevor er am 25. Februar
1983 in New York stirbt.
ICH VERSUCHE, DEN WAHREN GEHALT VON
ERLEBNISSEN IN EINER GRUPPE VON MENSCHEN ZU ERFASSEN, DIESE UMWöLKTE,
FLACKERNDE, VERGäNGLICHE – UNTER HOCHSPANNUNG STEHENDE! –
INTERAKTION ZWISCHEN MENSCHLICHEN WESEN, IN DER GEWITTERWOLKE EINER GEMEINSAMEN
KRISE.
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