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Theodor Storm: Schimmelreiter
Theodor Storm
Schimmelreiter
Autor
Theodor Storm wird am 14. September 1817 in Husum als
Sohn eines Advokaten geboren. Er beginnt 1837 sein Jurastudium in Kiel,
später besitzt er eine Niederlassung als Rechtsanwalt in Husum (1843). 1846
heiratet er seine Cousine Constanze Esmarch. 1852 wird er aus seiner Heimat
durch die Dänen vertrieben (politische Gründe). Er geht als
unbezahlter Assessor in den preußischen Staatsdienst nach Potsdam. Dort
beginnt ein Briefwechsel mit Theodor Fontane und Paul Heyse (1853). Ein Jahr
später lernt er Eichendorff kennen und 1855 besucht er Mörike in
Stuttgart. 1856 zieht Storm nach Heiligenstadt um. 1864 kehrt er in das nun
deutsch gewordene Husum zurück. Dort wird er zum Landvogt gewählt, er
wird später Amtsrichter und Amtsgerichtsrat. 1865 stirbt seine Frau
Constanze. Ein Jahr später heiratet er Dorothea Jensen. Ab 1880 verlebt
Storm seinen Ruhestand in Hademarschen. 67jährig reist er nach Berlin und
wenig später nach Weimar. Am 4. Juli 1888 stirbt Theodor Storm in
Hademarschen und wird in der Familiengruft in Husum beigesetzt.
Werke: „Die Stadt“; „Der
Beamte“, „Immensee“ (1851); „Der Schimmelreiter“
(1888); „Pole Poppenspäler“ (1874);
Analyse,
Sprache
Die Kernhandlung der Novelle ist in eine doppelte
Rahmenhandlung eingebettet. Ein Erzähler berichtet, daß ihm wiederum
durch einen Erzähler von einer Geschichte berichtet wurde, die dieser
selbst erlebt hat. In der zweiten Rahmenhandlung wird dann dem Erzähler die
Legende vom Schimmelreiter erzählt (diese stellt die Kernhandlung dar).
Durch diese Konstruktion einer doppelten Rahmenhandlung wird die Kernhandlung in
eine mythische Ferne gerückt und erinnert an ein
Märchen.
Die beiden Rahmenhandlungen können in das 19.
Jahrhundert eingeordnet werden (Es war im dritten Jahrzehnt unseres
Jahrhunderts), während einige Zeitangaben darauf hinweisen, daß
die Kernhandlung im 18. Jahrhundert spielt (Das Jahr, von dem ich Ihnen
erzähle [...] war das Jahr 1756 ; [...] eine Sturmflut
[...] wie 1655)
Die Handlung spielt in den Niederlanden an der
Nordseeküste.
Die Sprache ist sehr an den Ort der Handlung
angepaßt (Lokalkolorit). Es kommen einige „Fachbegriffe“ vor
(Koog, Priel, Siel...). Die Sprache ist jedoch recht einfach, das Werk ist
leicht zu lesen. Es kommen überwiegend kürzere Sätze vor, die
direkte Rede wurde oft verwendet.
Personencharakteristik
Hauke Haien ist die Hauptfigur des Werkes. Man
verfolgt sein Leben von klein an. Er interessiert sich schon früh für
den Deichbau und wird schließlich auch Deichgraf. Er ist sehr intelligent
und mathematisch bewandt. Er verkörpert den Rationalismus in diesem Werk,
er ist sehr zielstrebig, ehrgeizig und stur.
Elke Volkerts ist die Tochter des alten
Deichgrafen und wird die Frau des neuen Deichgrafen (Hauke). Sie ist sehr treu
und loyal und gleicht Hauke sehr.
Ole Peters ist der Gegenspieler von Hauke. Er ist
eifersüchtig und neidisch auf ihn und versucht immer, seine Vorhaben zu
sabotieren.
Trin Jans ist ein altes Weib, das am Koog wohnt.
Sie steht symbolisch für den Aberglauben der Menschen.
Inhalt
Ein Erzähler berichtet, wie er „vor
reichlich einem halben Jahrhundert“ im Hause seiner Urgroßmutter
eine Geschichte gehört hat. Der Erzähler dieser Geschichte hat diese
selbst erlebt und beginnt, sich zurückzuerinnern.
Er macht sich spät am Abend von Verwandten aus auf
den Weg in eine nahegelegene Stadt. Er reitet in dieser stürmischen Nacht
den Deich entlang, als ihm plötzlich ein unheimlicher Reiter entgegenkommt.
Lautlos scheint der Reiter regelrecht an ihm vorbeizufliegen. Er reitet weiter
und erreicht in der selben Nacht noch die Stadt. Er kehrt in ein Gasthaus ein
und berichtet von der unheimlichen Erscheinung auf dem Deich. Man sagt ihm,
daß er den Schimmelreiter gesehen habe und daraufhin beginnt der alte
Schulmeister die Geschichte von Hauke Haien zu erzählen.
Der kleine Hauke interessiert sich schon früh
für den Deichbau. Er fertigt Modelle von verschiedenen Deichprofilen an und
testet, welches für einen neuen Deich am geeignetsten wäre. Hauke sagt
seinem Vater ständig, daß die alten Deiche nichts taugen und ein
neuer nötig wäre. Haukes Vater will seinen gar so wißbegierigen
Sohn eine zeitlang beschäftigen und sagt ihm, er solle das Buch des Euklid
lesen, das in Holländisch verfaßt war. Hauke bringt sich selbst
holländisch bei, um Euklid lesen zu können.
Hauke beschäftigt sich nun weiter mit den Deichen
und sein Vater meint zynisch, er solle doch Deichgraf werden. Deichgraf zu
werden ist von nun an Haukes Wunsch und der erste Schritt in die richtige
Richtung ist eine Bewerbung als Knecht beim jetzigen Deichgrafen. Hauke wird
also beim Deichgrafen vorstellig und bekommt den Posten als Kleinknecht.
Großknecht des Deichgrafen ist Ole Peters, der sich mit der Zeit zu Haukes
Gegenspieler entwickelt.
Trin Jans, ein altes, abergläubisches Weib, wohnt
draußen auf dem Koog. Eines Tages, als Hauke gerade einen Vogel fangen
wollte, bringt er ihren alten Perserkater um. Tede Haien, Haukes Vater, gibt der
Alten einen Krontaler und verspricht ihr, ihr den schönsten Kater zu
schenken, sobald seine Katze Junge bekommt.
Die Tochter des alten Deichgrafen, Elke Volkerts, und
Hauke kommen sich näher und Hauke läßt sie eines Tages wissen,
daß er sie ehelichen möchte. Sie meint jedoch, daß es jetzt
noch nicht an der Zeit sei zu heiraten, sie möchte warten, bis ihr Vater
gestorben ist. Die Zeit vergeht und Hauke konstruiert nach wie vor Deichmodelle,
um die verschiedensten Profile zu testen. Tede Volkerts ist zwar noch immer der
Deichgraf, jedoch ist allseits bekannt, daß Hauke eigentlich die Arbeit
für ihn macht. Es kommt wie es kommen muß und eines Tages stirbt der
alte Deichgraf Tede Volkerts. An seine Stelle tritt Hauke Haien. Auch Haukes
Vater ist mittlerweile schon gestorben. Elke und Hauke heiraten nun. Da Hauke
nun Deichgraf ist, hat er natürlich auch schon einen neuen Deich geplant.
Doch mit seinem Plan schafft er sich viele Feinde, denn ein neuer Deich bedeutet
viel Arbeit. Trotz vieler Gegenargumente wird der Bau des neuen Deiches
beschlossen.
Eines Tages trifft Hauke auf einen unheimlichen Mann mit
einem ebenso unheimlichen Pferd. Der Schimmel sieht heruntergekommen und
schmutzig aus, doch Hauke kauft dem Mann den Gaul ab. Es gelingt ihm, das Pferd
wieder aufzupäppeln. Währenddessen verbreitete sich im Dorf ein
unheimliches Gerücht. Auf Jeverssand, einer kleinen Insel vor dem Festland,
liegen ein paar Gerippe von Schafen und auch ein Pferdeskelett, von dem niemand
weiß, wie es dorthin kam. Doch ungefähr zu der Zeit, als Hauke ein
neues Pferd kaufte, so sagt man, ist das mysteriöse Pferdeskelett
verschwunden.
Nach neun kinderlosen Ehejahren bekommt nun Elke endlich
ein Kind von Hauke. Es stellt sich jedoch bald heraus, daß sie kleine
Wienke schwachsinnig ist.
Nachdem die Planung des neuen Deiches in allen
Einzelheiten durchgeführt wurde, kann nun mit dem Bau begonnen werden. Alle
Männer des Dorfes werden zur Mitarbeit aufgerufen. Hauke überwacht die
Bauarbeiten auf seinem feurigen Schimmel, der vielen unheimlich ist. Der alten
Tradition, daß „was Lebigs“ in einen Deich eingebaut werden
muß, folgend, werfen die Arbeiter einen kleinen Hund in den im Bau
befindlichen Deich. Hauke ist diese Tradition zuwider, er rettet den kleinen
Hund und bringt ihn seiner Tochter mit. Damit hat sich Hauke noch mehr Feinde
gemacht.
Die alte Trin Jans muß aus ihrer Hütte auf
dem Koog ausziehen, da es dort zu gefährlich wird. Hauke nimmt sie in sein
Haus auf, da er in ihrer Schuld steht.
Endlich ist der neue Deich fertig und die
Oberdeichgrafen kommen zur Besichtigung. Der neue Deich wird nach einer der
herrschaftlichen Prinzessinnen „der neue Karolinenkoog“ getauft,
doch jeder nennt ihn „Hauke-Haien-Koog“.
Die Zeit vergeht und der neue Deich hält, was sein
Erbauer versprochen hat. Die Reparaturkosten sind äußerst gering und
das gute Profil hält jeder Welle stand. Eines Tages kommt ein großer
Sturm auf, und der alte Deich droht zu brechen. Die einzige Chance, den alten
Deich zu retten, besteht darin, den neuen Deich zu durchstechen. Ole Peters,
noch immer größter Feind des Deichgrafen, gibt den Befehl, den neuen
Deich zu durchstechen. Doch Hauke verbietet, den neuen Deich für den alten
zu opfern. Der Sturm wird immer stärker und schließlich bricht zuerst
nur ein kleines Stück des alten Deiches. Hauke, der mit seinem Schimmel den
Deich entlang reitet, sieht seine Frau und seine Tochter in einem Wagen auf sich
zukommen. Er sieht, wie sein Familie von einer Flutwelle in die Tiefe gerissen
wird und stürzt sich daraufhin selbst in die Fluten. Der alte Deich bricht
kurz darauf dort, wo er auf den neuen Deich trifft und das ganze Dorf wird
überflutet.
Hier endet die Erzählung des alten Schulmeisters.
Er sagt, daß wenn jemand anderes diese Geschichte erzählt hätte,
dieser noch gesagt hätte, daß am darauffolgenden Tag das unheimliche
Pferdegerippe wieder auf Jeverssand lag.
Während der Schulmeister die Geschichte
erzählte, sind die Deichgevollmächtigten aus dem Gasthaus
gestürmt, denn es ist ein Deich gebrochen. Doch der Hauke-Haien-Koog
besteht noch heute und hat jeder Sturmflut standgehalten.
Interpretation
In der Novelle „Der Schimmelreiter“ geht es
vor allem um das Gegensatzpaar Ratio – Mythos. Die Ratio, die Vernunft,
wird von Hauke Haien dargestellt. Er denkt logisch, ist mathematisch bewandt und
hält nichts vom Aberglauben. Er ist gegen die alte Tradition, etwas
Lebendiges müßte in einen guten Deich eingebaut
werden.
Der Aberglaube wird (stellvertretend für fast alle
Dorfbewohner) durch die alte Trin Jans verkörpert. Die Dorfbewohner
glauben, daß Haukes Schimmel sozusagen aus dem alten Pferdegerippe
„zusammengebaut“ wurde.
Nach seinem Tod wurde Hauke Haien zum mysteriösen
Schimmelreiter. Hier versteckt sich die Ironie, der Zynismus, das Tragikkomische
der Novelle: Hauke, der zu Lebzeiten mit dem Aberglauben nichts am Hut hatte
wird nun von den Dorfbewohnern zum Mythos gemacht.
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