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Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen
Inhaltsangabe:
1. BIOGRAPHIE
Seine Lebensdaten: 28.8.1749 bis 22.3.1832.
Dazwischen sind viele Jahre wertvollen Schaffens. Die bekanntesten Werke sind
wohl: Der Götz von Berlichingen(1773), Die Leiden des jungen
Werthers(1774), Iphigenie auf Tauris(1787), Wilhelm Meisters
Lehrjahre(1796), Metamorphose der Pflanzen(1798), Faust
I(1808), Dichtung und Wahrheit(1833), Faust II(1832) und viele
andere bemerkenswerte Werke.
An der Entstehungsgeschichte der Leiden des
jungen Werthers sind drei Begebenheiten aus Goethes Leben beteiligt,
nämlich seine Liebe zu Charlotte Buff, seine Neigung zu Maximiliane La
Roche und der Selbstmord des Legationssekretärs Carl Wilhelm
Jerusalem:
Als Goethe 1772 nach seinen Studium nach Wetzlar
zog, lernte er auf einem Ball Charlotte Buff kennen, die mit dem
Gesandtschaftssekretär Kestner so gut wie verlobt war. Goethe verliebte
sich in Charlotte, und er war auch mit dem Verlobten gut befreundet. Charlotte
zeigte jedoch Goethe, dass er nicht mehr, als "nur" Freundschaft zu erwarten
hätte.
Kestner gilt als Vorbild
Alberts.
Am 11.9.1772 verliess Goethe Wetzlar, ohne sich
von Charlotte und Kestner zu verabschieden. Danach besuchte er die Familie La
Roche. Dort lernte er die 16-jährige Maximiliane kennen, die zwei Jahre
später den Kaufmann Peter Brentano heiratete. Goethe befreundete sich mit
Maximiliane und blieb ihr auch nach der Eheschliessung noch verbunden. Doch ihr
Mann verfolgte ihn mit Eifersucht. Daher musste sich Goethe
zurückziehen.
Charlotte und Maximiliane sind Vorbilder der
Lotte-Figur.
Carl Wilhelm Jerusalem war wie Goethe als Jurist
in Wetzlar tätig. Goethe hatte kein besonderes Verhältnis zu
Carl.
Dieser hatte oft Schwierigkeiten mit seinen
Vorgesetzten, und ausserdem verliebte er sich in eine verheiratete Frau, die
seine Zuneigung nicht erwiederte. Darüber hinaus gelang ihm nicht sofort
der Aufstieg in die hohen Gesellschaftsschichten. Carl erschoss sich in der
Nacht vom 29. auf den 30.10.1772. Goethe bat Kestner um einen ausführlichen
Bericht über Carls Ende. Viele Einzelheiten übernahm er in seinen
Roman:
Carl hatte sich Kestners Pistolen für eine
Reise erboten. Da Kestner über dessen Probleme nichts wusste, machte er
sich keine Gedanken darüber. Die Worte, mit denen Carl um die Pistolen Bat,
übernahm Goethe fast wörtlich.
Auch die Schilderung der letzten Stunden Carls
übernahm er wahrheitsgetreu.
Goethe schrieb den Briefroman im Februar und
März 1774 in einem Zuge nieder. Die erste Fassung erschien 1774, die zweite
1787.
Die zweite, von Goethe überarbeitete
Fassung, ist diejenige geworden, in der die meisten Leser den Werther
kennenlernten oder noch kennenlernen werden.
2. ZUSAMMENFASSUNG DES BRIEFROMANS
Werther, ein gebildeter junger
Bürger, der mit den geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit über
Fragen der Philosophie, der Literatur und der Kunst vertraut ist, leidet unter
der Eingeschränktheit der menschlichen Existenz und der Einschränkung
der bürgerlichen Konventionen. Auch in der Liebe ist er nicht
glücklich: er will auf die Liebe Leonores nicht antworten, da er mit ihr
nicht glücklich ist. Daher verlässt er seinen Heimatort und zieht in
eine andere Stadt. Da er nicht arbeiten muss, führen ihn seine Fragen zu
Erlebnissen in der Natur und zur Kunst.
In der neuen Stadt lernt er Lotte kennen. Sie ist
mit Albert, einem Freund Werthers, schon so gut wie verlobt. Da Albert auf
Reisen ist, veliebt sich Werther in Lotte, die seine Liebe erwiedert. Doch als
Albert von seiner Reise zurückkehrt, ändert sich alles grundlegend.
Wether muss Albert als Verlobten Lottens anerkennen. Doch er leidet stark, weil
die Liebeserfüllung mit Lotte nicht zu Ende führbar ist. Deshalb
verlässt er Lotte fluchtartig. Der Versuch, der hoffnungslosen Liebe in
einem Amt fern von Lotte zu entfliehen, scheitert am Hochmut der adeligen
Gesellschaft und an Werthers Empfindlichkeit. Wegen Unstimmigkeiten mit seinen
Mitmenschen, kehrt er wieder in die Nähe Lottens zurück. Die Liebe
wird dadurch wieder stärker, obwohl sie in der Zwischenzeit geheiratet hat.
Er trifft sich von neuem mit ihr. Diese wiederholten Treffen stossen ihn immer
weiter in den Abgrund, und seine Selbstmordgedanken werden immer zahlreicher. Er
beginnt, ernsthaft daran zu denken. Verzweifelt durch die aussichtslose Liebe
versenkt er sich in die düstere Welt Ossians, dessen Gesänge er
übersetzt hat, und die er Lotte beim letzten Zusammensein vor seinem
Selbstmord vorliesst.
Werther erschiesst sich in der Nacht des 22. auf
den 23. Dezember.
3.DIE HAUPTPERSONEN WERTHER UND LOTTE
Das Urbild Werthers ist, streng genommen,
niemand anders als Goethe selbst, wie er sich in Dichtung und Wahrheit,
abgesehen von einigen historischen Ungenauigkeiten, treffend
schildert.
Durchaus bezeichnend für Werthers
Seelenleben ist sein Ausspruch, er halte sein Herzchen wie ein krankes Kind,
jeder Wille werde ihm gestattet. An einer anderen Stelle lächelt er
über einen hohen Gönner, der ihn, seiner Kentnisse wegen, an sich
zieht und von seinem Gemüt nicht viel Aufheben macht. Diese Gesinnung
erscheint Werther völlig verkehrt, denn dieselben Kentnisse
könne jeder haben, aber sein Herz, habe nur er allein.
Er sucht dauernd nach geistigen und seelischen
Genüssen, ohne jedoch die Kraft zu besitzen, sich diese zu erringen. Er
steigt voll Liebe zu dem gewöhnlichen Volk und zu den Kindern hinab und
beschenkt diese regelmässig. Trotzdem ist er eines wirklichen Opfers
für seine Mitmenschen nicht fähig. Sein Hass gegen das Weltleben ist
im Grunde nichts anderes als ein Hass gegen Arbeit und
Unterordnung.
Aber die Hochschätzung seitens vieler
Menschen, beweist, dass Werther im Grund ein edler und wohl nur durch den
Zeitgeist und andere eigenartige Umstände irregeleiteter Charakter
ist.
Ein erfreulicheres Bild gewinnen wir, wenn wir
Werthers Verhältnis zur Natur betrachten. In ihr lebt er , ist in
der innigsten Weise mit ihr verbunden. In die Natur flüchtet er sich aber
nicht nur zu stillem Geniessen, sondern auch, wenn es in ihm braust und
gährt. So ist ihm die Natur die stille, vertraute Freundin in Freud und
Leid.
Was Werthers Verhältnis zu Gott
anlangt, so können wir schon aus seinem Wesen einen Schluss ziehen, aber
auch seine Briefe geben uns noch einige Andeutungen. Wohl nennt er Gott den
Allwissenden, den Vater, aber wenn ihm dieser Vater eine Lehre erteilen will
oder ihm einen Wunsch versagt, so klagt er ihn ebenso bitter an, wie er sich
über den Undank der Welt beschwert, wenn ihm nicht jeder Wille erfüllt
wird.
Wenn auf irgend jemand, so passt auf
Werther das Wort von dem schwankenden Rohr, das der Wind hin und her
treibt. Goethe wollte ihn keineswegs als Muster hinstellen; er wollte im
Gegenteil schildern, wie ein Mensch, der den Leidenschaften des Herzens ganz und
gar nachgibt und schliesslich untergehen muss.
Trotz der schweren Verantwortung, die auf
Lotte ruht, trotz der mannigfachen Pflichten, die sie übernommen
hat, bewahrt sie sich eine bestrickende Heiterkeit, einen harmlosen Frohsinn,
wodurch sie alle Herzen im Sturm erobert.
Anwandlung von Schwermut oder Schwäche weiss
sie energisch zu bekämpfen; ihr Klavierspiel und ihr Gesang müssen ihr
dazu dienen. Aber Lotte ist auch ein Kind ihrer Zeit, jener
schwärmerischen "Wertherzeit". Lottens gutes Gemüt zeigt sich
am deutlichsten in ihrem Verhalten innerhalb der Familie. Nach dem Tode ihrer
Mutter ist sie der eigentliche Mittelpunkt der Familie geworden; sie
bewährt sich als Hausfrau und ersetzt den armen Kindern die allzu früh
verstorbene Mutter. In der Gesellschaft anderer jungen Leute, namentlich junger
Mädchen, zeigt sie eine unverkennbare Ueberlegenheit, eine Eigenschaft, die
Goethe vermutlich dem Charakter seiner eigenen Schwester entlehnt hat.
Während aber Werther nicht die Kraft besitzt, Mass zu halten und nur
die Befriedigung seiner Neigung erfüllt wissen will, bewahrt Lotte
jederzeit strengste Mässigung und Selbstbeherrschung, und sie verdient
deshalb sehr viel Achtung.
4. ANALYSE EINIGER THEMEN
DIE LIEBE(vgl. Brief vom 24.11.1772)
In diesem Brief beschreibt Werther seine Liebe zu
Lotte wie eine
"Scheidewand"[1].
Sie steht zwischen ihr und ihm. Diese Wand, von der er spricht, entstand, als
Albert ankam. Tatsächlich hatte sich Werther in Lotte verliebt, bevor sein
Freund sie kennen lernte. Damals war er "wie ein Träumender, als [er] vor
dem Lusthause
[stillehielt]"[2]
(...) "Nie ist mir`s so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr.
Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr
herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher
verging(...)"[3].
Das Gefühl erlebte er als eine Naturkraft, die im Herzen beheimatet ist.
Nach ihr verlangt sein ganzes Wesen, und so muss er von Lotte in allen Bereichen
seiner Person angezogen werden.
Trotzdem zeigt uns diese Traumwelt bald den
unerforschbaren, immateriellen, geistigen Charakter der Liebe zwischen diesen
beiden Personen. Es ist eine zurückhaltende, zurückdrängende,
aber echte Liebe: "Warum dufte ich mich nicht ihr zu Füssen werfen? Warum
durfte ich nicht an ihrem Halse mit tausend Küssen
antworten?"[4]
Durch die ganze Geschichte hindurch erlebt man
eine heilige, reine, brüderliche Liebe: es ist keine fleischliche, sondern
eine gründliche und wirkliche platonische Liebe. Dennoch ist die Glut, die
diese beiden Herzen erwärmt hat, die Spur einer Menge Leiden und
Unhöflichkeiten, weil sie irgendwie eine unmögliche Liebe
ist.
Beide sind der Religion verschrieben und haben
also viele moralische Werte, wie zum Beispiel Respekt, Zuverlässigkeit oder
Treue. Tatsächlich wird Werther zwischen seiner Liebe zu Lotte und der
Freundschaft zu Albert hin und her gerissen. Erst ganz am Schluss, bei der
letzten Begegnung, bricht das Eis, und Werther kommt zu Umarmungen und
Küssen. Die Gelegenheit, bei denen Werther und Lotte alleine sind,
empfindet er zunehmend als qualvoll. Lottens Liebenswürdigkeit, ihre Sorge
um ihn und ihre Güte peinigen ihn. Aber auch die Ambivalenz ihrer Haltung
stellt ihn auf eine harte Probe.
Trotzdem schildert Goethe uns die Gefühle
der beiden durch ein Spiel der Blicke einerseits und durch die Musik (Lottens
Klavierspiel) andererseits: das werden die hauptsächlichsten Mittel, aus
denen die Glut ihrer Liebe hervorquillt: "Heute ist mir ihr Blick tief durchs
Herz gedrungen"[5].
Dieser Blick ist sogar der wichtigste Punkt vor dem Dialog, vor ihrer
Mitteilung: "(...) ich sagte nichts und sie sah mich
an"[6]. Man kann
vielleicht sagen, dass der Blick in diesem Fall der Spiegel ihrer Seele ist: es
ist ein wunderlicher "herrlicher" Blick, "voll Ausdruck des innigsten Anteils,
des süssesten
Mitleidens"[7].
Später wird ihm auch durch diese Schwarzen Augen "(...) mit dem vollsten
Blick der
Liebe(...)"[8]
Anerkennung verliehen.
In dem Brief vom 24.11.1772 nach der Szene des
lieblichen Austausches durch die Blicke findet Lotte ihre Zuflucht bei dem
Klavier. Mit diesem Instrument verleiht Lotte ihrem Gefühl Ausdruck.
Tatsächlich wird das Instrument zu einem Liebesboten, zu einem
Tröster, der die Vergangenheit wieder auferstehen
lässt[9].
Das Klavier wird von nun an alle Liebes-Szenen
begleiten, und es ist auch mit Hilfe der Musik und des Tanzes gelungen, die
Flamme zwischen Lotte und Werther wieder lodern zu lassen (auf dem Ball). Man
kann auch sehen, dass die Musik das Symbol der Harmonie, der Freude, der
Reinheit darstellt, und somit das Symbol der Liebe ist. Die Liebe wird
schlussendlich so tief und rein, dass sie Werther zum Selbstmord führt. Er
wollte nicht wahrhaben, dass Lotte ihm nie gehören kann, und dass er nie
das Vergnügen einer Umarmung, ohne Sünde, kennen wird. Sich in der
Nähe der Geliebten zu befinden, wird für ihn unertragbar. Werther
fasst eher den Tod ins Auge, als fern von ihr leben zu
müssen.
DAS GLUECK(vgl. Brief vom 21.06.1771)
Der Brief vom 21.6.1771 zeigt Werther in einem
Zustand des Glücks. Im Mai 1771 hat er darüber nachgedacht, was
Glück, angesichts der Eingeschränktheit der menschlichen Existenz,
sein
könnte[10].
Er hat zwei Möglichkeiten herausgefunden. Die erste ist das Glück als
Täuschung. An anderer Stelle spricht Werther von dem "freundlichen Wahn,
durch den Gott uns am glücklichsten
mache"[11]. Die
zweite Möglichkeit ist das Glück als Wendung ins eigene innere
Glück, weil einer ein Mensch ist und "seine Welt aus sich
selbst"[12]
bildet. Beide Wege haben sich für ihn als nicht gangbar erwiesen. Aber der
erste gewinnt jetzt für ihn eine neue Bedeutung.
Im selben Brief ist Werther glücklich, "und
mit mir mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden, die
reinsten Freuden des Lebens nicht genossen
habe"[13].
Werther kann nach wie vor in Wahlheim sein und dort das urtümlich-einfache
Leben führen, das einen Teil seines Glückes ausmacht. Jetzt ist er
doch etabliert. Er ist bei sich zuhause: "(...) dort fühl`ich mich selbst
und alles Glück, das dem Menschen gegeben ist
"[14], so sagt
er.
Sein Selbstwertgefühl ist davon
abhängig, dass die Bedingungen der Aussenwelt seinen inneren Wünschen
entsprechen. In diesem Zustand verursacht ihm die "Einschränkung" des
Menschen, seine alte Wunde, keine Qualen mehr. Er spricht von dem inneren Trieb,
sich ihr "(...) willig zu ergeben, in dem Gleise der Gewohnheit so hinzufahren
und sich weder um rechts noch um links zu
bekümmern"[15].
Werther erfährt das Glück durch die Natur. "Es ist wunderbar (...) O
könnte ich mich in ihnen
verlieren"[16].
Aber Mitte August, der Sommer neigt dem Ende zu,
ist eine neue Situation eingetreten. "Ich eilte hin und kehrte zurück und
hatte nicht gefunden, was ich
hoffte"[17]. Als
Werther das Ziel erreicht, ist alles wie vorher, und er bleibt in seiner Armut,
in seiner Eingeschränktheit.
Viele Elemente zeigen, dass Werther mit diesem
einfachen Leben glücklich ist. Zum Beispiel kocht er selbst sein Essen. Er
macht es gern. Zwischendurch liest er Homer. "Wie wohl ist mir`s, dass mein
Herz die simple harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt
auf seinen Tisch bringt"
[18] Er geniesst
alle in einem
Augenblick[19].
Die Situation, in die Werther sich hineinbegeben
hat, trägt aber von Anfang an alle Züge des unlösbaren
Konfliktes.
DIE NATUR
Werthers Verhältnis zur Natur ist sehr
interessant zu betrachten. Er ist in innigster Weise mit ihr verbunden. In die
Natur flüchtet er sich aber nicht nur zu stillem Geniessen, sondern auch,
wenn es in ihm gährt. So ist ihm die Natur die stille, vertraute Freundin
in Freud und Leid.
Seelig kann sich Werthers Gefühl im Anblick
eines Frühlingsmorgens verträumen. Die Natur wandelt sich auch von der
Herrlichkeit des erwachenden Frühlings zu der Trostlosigkeit eines alles
begrabenden Winters. Einige Beweise, dass die Natur Werthers Verhalten
beeinflusst:
So schreibt er: Ueübrigens befinde ich mich
hier gar wohl, die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser
paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller
Fülle mein oft schauderndes
Herz"[20]
Werthers Abkehr von der Gesellschaft bringt ihn zu höchster Erfüllung
in der Natur, bei Gott, bei sich.
Der Frühling füllt Werther mit Freude:
"Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den
süssen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen
geniesse"[21] ,
hat er noch Wilhelm am 10. Mai geschrieben. Die Natur bringt ihm Freiheit in
höchster subjektiver und emotionaler Steigerung. Dazu kommt die
Bekanntschaft mit Lotte: Liebe und Natur in schwärmerischem
Gefühlsempfinden.
Am Ende des Sommers scheint uns Werther noch
föhlicher. Es nähert sich dem Herbst und dann dem Winter, und die
Natur scheint ihm nicht mehr die gleiche zu sein. Am 18. August fragt er
sich,warum "(...) das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die
Quelle seines
Elends"[22]
werde? "(...) mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All
der Natur verborgen liegt (...) Himmel und Erde und ihre webenden Kräfte um
mich her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes
Ungeheuer."[23]
Jetzt wird es disharmonisch: nicht mehr das Lebenige der Natur steht für
Werther im Vordergrund, sondern das Zerstörende. Natur als Spiegel des
Seelenlebens!
Ein Jahr später schreibt er in der gleichen
Jahreszeit; "Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir und um
mich her. Meine Blätter werden gelb, und schon sind die Blätter der
benachbarten Bäume
abgefallen"[24].
Während die Zeit vergeht, wird Werther immer trauriger. Am 3. November hat
er geschrieben "(...) und bin elend
(...)"[25]. "-0h!
wenn da diese herrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen
und alle die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das
Gehirn pumpen kann und der ganze Kerl vor Gottes Angesicht dreht wie ein
versiegter
Brunnen,(...)"[26]
Man kann die Entwicklung der Hauptperson genau beobachten: Werther nähert
sich seinen Tod.
Schliesslich befindet er sich im Winter und ist
sehr unglücklich. Werther hat das Leben satt. Die Natur ist genau so, wie
Werther:: traurig und verzweifelt. Am 12. Dezember schreibt Werther: "Wehe,
wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen
dieser menschenfeindlichen
Jahreszeit"[27].
Diese Abneigung gegenüber der Natur und der Gesellschaft wird Werther
einige Tage später zum Selbstmord führen.
Der Selbstmord(vgl. Brief vom 12.8.1771)
Werther berichtet in diesem Brief über die
Begegnung und Diskussion mit Albert, als er sich verabschieden wollte, um in die
Berge zu reiten.
Das Gespräch über den Selbstmord wird
durch Werthers Bitte um Alberts Pistolen ausgelöst, welche dazu führt,
dass er sich die Mündung der ungeladenen Pistole an die Stirn setzt. Das
Motiv mit der Pistole tritt an dieser Stelle zum ersten Mal auf. Vom Selbstmord
spricht Werther jedoch schon im Brief vom 22.5. Hier sieht er den Selbstmord als
den Weg zur Freiheit.
Das Gespräch mit Albert steht an zentraler
Stelle im Buch, erlaubt daher einen Blick zurück und nach vorn.
Werther hat früher den Selbstmord als
letzten Ausweg aus der Eingeschränktheit der menschlichen Existenz
erwähnt. Doch in diesem Brief rechtfertigt er ihn theoretisch. Da Werther
sich mit der Gesellschaft nicht identifizieren kann, insofern seine Liebe
unerfüllt bleibt, und er auch den Ausweg in eigener schöpferischer
Tätigkeit nicht findet, kann sich der Leser das weitere Geschehen gut
vorstellen. Werther nimmt sich das Leben. Mit dem Selbstmord Werthers stellt
Goethe Grundlagen der Gesellschaft in Frage. Er will gegen die Beurteilung des
Selbstmordes im 18. Jahrhundert kämpfen: Der Selbstmord stellte ein
juristisches Verbrechen dar, und der Selbstmörder hatte kein Recht auf ein
ordentliches Begräbnis. Die Familien eines Selbstmörders hatten
oftmals mit Strafen zu rechnen. Als in Deutschland unter der Gesetzgebung
Friedrichs des Grossen erstmals eine Entkriminalisierung des Selbstmords
eingeleitet wurde, hielten die Kirchen daran fest, dass der Selbstmörder
mit Höllenqualen und Fegefeuer bestraft werde. Der Verlauf des
Gespräches zeigt Albert als den aufgeklärten Bürger, der die
Vorstellungen der Gesellschaft vertritt. Er bergündet seine Position, indem
er den Selbstmord als töricht und lasterhaft bezeichnet.
Werther widerspricht ihm und verlangt, dass die
menschliche Natur zum einzigen Maßstab der Bewertung gemacht wird. Man
muss die Ursachen einer solchen Handlung erforschen und für die Beurteilung
heranziehen. Er verlangt Mitleid, nicht Strafe für die Handlungen, die aus
äusserster Not erfolgen, zum Beispiel Angst vor dem Hungertod, Liebe und
Leidenschaft.
Doch Albert antwortet, dass für ihn "(...) ein
Mensch, den seine Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungen verliert und als
ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen
wird"[28].
Für ihn sind diese Menschen unzurechnungsfähig. Ihr Handeln kann nicht
entschuldigt werden.
Werther läuft Sturm gegen diese Ansicht. Er
sieht in den Trunkenen und Wahnsinnigen gerade jene ausserordentlichen Menschen,
"(...) die etwas Grosses, etwas Unmöglichscheinendes
wirkten"[29], und
wirft Albert vor, dass die sittlichen Menschen, die
"Pharisäer"[30],
die
"Nüchtenen"[31],
die "Weisen"[32],
solche Menschen als Trunkene und Wahnsinnige abgestempelt
haben.
Goethe spricht hier als Anhänger der
Sturm-und-Drang-Generation und des Geniekults.
Albert lehnt Werthers Auffassung ab und
stärkt seine Position, indem er den Selbstmord als Schwäche
ansieht[33] .
"Denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben standhaft zu
ertragen"[34].
Werther entwertet Alberts Argumente dadurch, dass er den Selbstmord erneut der
Zuständigkeit rationaler Beurteilung entzieht. Er bezeichnet "(...) die
sonst angenehme Bürde des Lebens
(...)"[35] als
"Krankheit des
Todes"[36].
Dieses Bild erscheint zum ersten Mal im Brief vom 8.8 und tritt dann immer
wieder auf. Um seine Meinung zu erklären, erzählt er die Geschichte
eines jungen Mädchens. Hier wird der Selbstmord als seelische Krankheit
aufgefasst.
Albert bleibt ruhig, begreift aber die
leidenschaftliche Argumentation Werthers nicht, und er beruft sich weiterhin auf
den Verstand. Dadurch, dass Werther auf die Natur des Menschen verweist, ist der
Gegensatz unüberbrückbar. Werther bricht die Unterhaltung ab und geht.
Keiner verstand den anderen, da Albert als Klassiker, Werther aber als
Romantiker erscheint.
5. Stylistik
Neben der Einleitung und dem Schluss hat Goethe
für die Erzählung seines Romans die Form eines Briefromans
gewählt. Die Handlung wird nicht in kontinuierlicher Erzählweise
verständlich gemacht, sondern nur in datierten Ausschnitten aus dem
Lebenslauf Werthers. Es ist eine sprunghafte, zerstückelte Form, welche
jedoch aufzeigt, dass die unausgeglichenen, gefühlsstarken Erlebnisweisen
des Helden es nicht zulassen, einen daseinserträglichen Halt zu finden. Es
handelt sich somit um eine in Briefen abgefasste Selbstdarstellung des
Romanhelden.
Die Ich-Form zeigt die Kontaktarmut des Helden
auf, seine Vereinsamung, seinen Verlust an
Realitätsbewusstsein.
Die Briefe bleiben unbeantwortet, bzw. Goethe
fügt keine Briefe des Empfängers ein. So zeigt die Form auch, dass der
tragische Weg des Helden in den Freitod glaubwürdig und erschütternd
zwingend ist. Werthers Sprache ist emphatisch, lyrisch und weicht stark von der
Alltagssprache des 18. Jahrhunderts ab.
6. Schlussfolgerungen
Das Erscheinen des Briefromanes Die Leiden
des jungen Werthers im Herbst 1774 war eine Sensation. Das Buch zog
nicht nur ein grosses Leserpublikum in Deutschland und im Ausland an. Es zeigt
sich auch, dass sich die Antelinahme am Schicksal des Helden bis zum
"Wertherfieber" steigerte, was sogar zu Selbstmorden
führte.
Doch der eigentliche Werther-Kult blieb eine
Sache der gebildeten Stände. Werthers Kleidung, sein Auftreten kamen in
Mode. Seine exzentrische Sprachweise wurde zur Umgangssprache der Liebenden und
versicherte die Ausserordentlichkeit ihrer Beziehung.
Vor dem Werther boten die Romane den
Lesern einen Stoff an, welcher leicht nachvollziehbar war. Der Leser suchte in
einem Roman immer einen Nutzen, d.h. der Roman musste den zeitgenössischen
Wervorstellungen entsprechen.
Diese Auffassung änderte sich grundlegend
nach der Veröffentlichung des Briefromans. So kam es, dass es in erster
Linie der Stoff war, besonders der Selbstmord als anstössiges Ereignis, der
die Wirkung des Buches ausmachte.
Der Roman durchbrach einige
Tabus:
dass sich Werther nicht auf die Wertvorstellungen
der Zeit beruft, sondern auf den Menschen, auf das Herz;
dass die Liebe und die Leidenschaft einen Menschen
in den Tod stürzen können;
dass Selbstmord kein Verbrechen
ist;
dies alles entsprach einer neuartigen Auffassung
von Moral.
Goethes Werther wurde dadurch zum ersten
Roman, der das veränderte Denken und Empfinden, das sich über
Jahrzehnte hin entwickelt hatte, leuchtend darstellte.
Ein Vergleich mit einer neueren Fassung des
Stoffes, namentlich den Neuen Leiden des jungen W. (1972) von Ulrich
Plenzdorf, zeigt, dass eine Abstraktion von den gesellschaftlichen Bedingtheiten
möglich ist. In beiden Romanen wird der Konflikt zwischen Individuum und
Gesellschaft dargestellt. Konflikt und Lösung sind auf die jeweilige
gesellschaftliche Wirklichkeit zu beziehen.
Durch die Verwendung von Goehte-Zitaten wird
Werthers Problematik auf die Moderne übertragen. Sie sind so gewählt,
dass sie auf die jeweilige Situation Edgars passen.
Es sollte klar werden, dass jede Zeit ihre
speziellen Probleme hervorbringt, die sich auf den einzelnen auswirken, und dass
es in jeder Zeit zu verschiedener Ausprägung von individuellen Konflikten
kommt.
Indem Plenzdorf Parallelen aufweist, hebt er den
historischen Zusammenhang auf. Hierdurch macht er Goethe verständlich und
setzt das historische Thema in die Gegenwart um. Er löst den Klassiker aus
dem Betrachtungsrahmen des kulturellen Erbes, das nur für sich und die
jeweilige Zeit spricht.
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