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Zelt und Haus
Universität Heidelberg
Institut für Ethnologie
Wintersemester 1992/93
Proseminar: Einführung in die Wohn- und
Siedlungsethnologie
Seminarleiter: Dr. Andus Emge
Zelt und Haus
Bearbeiter: Martin
Ripsam
Geographie/Germanistik,
11.Sem/LA
6904 Eppelheim
Hildastr. 11A
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung
2
I. Eigenschaften des Zeltes
2
II. Bewohner des Zeltes
4
II.1. Geschichte des Nomadismus in der
Sahara 4
II.2. Verbreiter und Verbreitung des
Zeltes 6
II.3. Erbauer des Zeltes
8
II.4. Aufteilung des Zeltinnern
9
III. Das Haus und die Siedlung
10
III.1. Aufbau eines islamischen Hauses
11
III.2. Siedlungsform
13
I.V. Seßhaftmachung von Nomaden
13
Literaturverzeichnis
14
Einleitung
Das folgende Referat befaßt sich mit den beiden
Wohnformen des Zeltes und des Hauses, wobei sich die Betrachtung über das
Vorkommens dieser beiden Wohnformen auf Nordafrika beschränken soll, da
sonst das Referat zu umfangreich werden würde. Anderseits lassen sich am
Zelt in Nordafrika verschiedene Sachverhalte aufzeigen, wie zum Beispiel die
Verdrängung von ursprünglich seßhaften Bauern und
Viehzüchtern (der berberischen Urbevölkerung) durch arabische Nomaden
und die damit verbundene Etablierung des Nomadismus mit dem Zelt als typischer
Wohnform. Außerdem noch die Grenzen zwischen den Nomaden und den
Seßhaften, was sich durch das Haus als die vorherrschende Wohnform
manifestiert sowie die verstärkten Versuche der nordafrikanischen
Regierungen, Nomaden seßhaft zu machen, wobei das Haus als vorherrschende
Wohnform dient.
Es werden die naturräumlichen Gegebenheiten und die
unterschiedlichen Lebensformen der Menschen vorgestellt, die sowohl das Zelt und
das Haus bedingen. Im zweiten Teil soll dann der Übergang vom Zelt zum Haus
dargestellt werden, d.h., das Seßhaftwerden der ursprünglich
nomadisierenden Zeltbewohner, außerdem das Seßhaftmachen von Nomaden
in moderner Zeit.
I. Eigenschaften des
Zeltes
Im eigentlichen Sinne stellen Zelte Architektur dar, da
das Wort Architekt auf das griechische Wort architektos zurückgeht,
was wiederum "der das Weben lenkt" bedeutet. Die Wände eines Hauses
bestanden im klassischen Griechenland aus geflochtenen Zweigmatten, die mit Lehm
oder Schlamm beschichtet wurden (FAEGRE, S.5).
Die augenfälligste Eigenschaft von Zelten besteht
darin, daß sie keine Dauersiedlungen darstellen. Die meisten Nomadenzelte
existieren nur so lange, wie die Familie, die in ihnen wohnt, wobei die
Zelthüllen eine noch kürzere Lebensdauer - bis 10 Jahre- haben. Das
bedeutet, daß die Zelthüllen regelmäßig ersetzt oder
erneuert werden müssen. Wenn nun die Bewohner des Zeltes sterben, so stirbt
auch deren Behausung, während unsere Häuser durch ihre Konstruktion
und verwendeten Materialien dazu bestimmt sind, mehrere Generationen zu
überdauern und zu beherbergen (FAEGRE, S.6).
(Meistens werden sie aber abgerissen, noch bevor sie im
eigentlichen Sinne verschlissen und verbraucht sind.) Ein anderer Unterschied
besteht darin, daß unsere Häuser vermietet oder verkauft werden
können, Zelte hingegen nicht.
Ein weiterer Unterschied zwischen dem Haus und dem Zelt
besteht darin, daß das Zelt keine vergleichbare scharfe Trennung zwischen
Innen und Außen wie das Haus vornimmt; im Zelt bläst bei schlechtem
Wetter der Wind durch die Zeltöffnungen, es regnet durch das Flechtwerk
oder es schneit durch den Rauchabzug, was einen unmittelbaren Kontakt zur
Außenwelt gewährleistet (FAEGRE, S.11).
Hinzu kommt noch die leichte Transportierbarkeit, das
geringe Gewicht und die daraus resultierende Anpassungsfähigkeit an
Veränderungen wie jahreszeitliche Klimaänderungen (durch Wanderungen
in klimatisch günstigere Gegenden), aber auch gesellschaftlichen Druck, der
die Nomaden zum Weiterziehen bewog (FAEGRE, S.5).
Wie aus oben ausgeführten Eigenschaften hervorgeht,
wird die Wohnform "Zelt" bedingt durch periodische Veränderungen im
Landschaftshaushalt. Durch die unregelmäßige und geringe Vegetation
in den Wüstenrandgebiete werden die Nomaden gezwungen, sich nach einer
relativ kurzen Zeit neue Weidegründe zu suchen. Wegen Frost oder Schnee in
den höher gelegenen Gebieten müssen die Nomaden und Halbnomaden ihre
Herden im Winter entweder in die tiefer liegenden, milderen Gebiete oder in die
Wüste treiben. Auch der Bedarf an Brennmaterial kann die Ursache eines
Ortswechsels sein, insbesondere dann, wenn der Kamelbestand zu gering ist
(NAGEL, S.1)
Das Zelt kommt in den unterschiedlichsten
Größen vor; die Spanne reicht von den kleinen Zelten der Schäfer
über das normale Familienzelt von etwa 15-60m¨ bis zu den
übergroßen Zelten sehr reicher und angesehenen Familien. Die
Vollnomaden der Sahara und der angrenzenden Gebiete, für die das Zelt die
einzige Behausung darstellt, bewohnen größere Zelte (rund
50-60m¨) als die Halbnomaden, die während ihrer Wanderzüge einen
Teil ihres Besitzes in festen Häusern zurücklassen (RIPSAM, S.18). Ein
solches Magazin, was in unmittelbarer Nähe zu den Seßhaften errichtet
ist, ist auf dem beigefügten Photo abgebildet.
II. Bewohner der
Zelte
Im oberen Abschnitt wurden die Bewohner schon mehrmals
erwähnt. Es handelt sich um Nomaden, die man mit "Wanderhirten" wohl am
besten charakterisieren kann. Ganz eng ausgelegt fallen darunter nur solche
Menschengruppen, die vorwiegend von nicht ortsfester Viehzucht leben. Unter
Nomadismus ist somit eine nicht-seßhafte Wirtschaftsweise zu verstehen,
die noch in Voll- und Halbnomadismus unterschieden wird.
Die moderne Definition läßt ein geringes
Maß an landwirtschaftlichen Anbau beim Vollnomadismus zu. Nimmt der des
Pflanzenbaus einen größeren Umfang an, so spricht man von
Halbnomadismus (NAGEL, S.1)
II.1. Geschichte des Nomadismus in der
Sahara
In der Jungsteinzeit um 5000 bis 3500 BP, als in der
Sahara noch günstigere Klimabedingungen als heute herrschten, siedelten in
den heutigen Sandgebieten der Sahara noch eine relativ dichte
ackerbaubetreibende Bevölkerung. Im Spätneolithikum und in der
Metallzeit um 3500-2800 BP wurde die heutige Wüste von Rinder- und
Pferdezüchtern, sowie auch noch von Ackerbauern bevölkert, somit
stellt die Einführung des einhöckigen Kamels , dem Dromedar, durch die
Römer unter Septimus Severus in den Küstenländern Nordafrikas im
1.Jahrhundert v.Chr., eine wichtige Veränderung dar. Das Dromedar stammt
ursprünglich aus Arabien und Mesopotamien, wovon es die Römer nach
Nordafrika brachten.
Das Dromedar breitete sich rasch südwärts aus,
wobei die fortschreitende Austrocknung der inneren Sahara um 2200 BP die
Ausbreitung des Dromedars als Hauptzuchttier förderte, da dessen physische
Widerstandsfähigkeit und Genügsamkeit gegenüber dem Vorteil der
höheren Milchproduktion des Rindes überwog. Nicht nur für die
Eigenversorgung der Kamelzüchter mit Milch, Fleisch, Fett, Wolle, Leder und
Brennmaterial (getrockneter Dung) war das Dromedar von Bedeutung, sondern auch
als Transportmittel für die Zelte und den Hausrat.
Bei der Austrocknung der Sahara um 2200 BP wurde die
ältere negride oder äthiopide Bevölkerung, die Viehzüchter
waren, aus der Sahara nach Süden verdrängt und andere
Bevölkerungsgruppen konnten in diesen freigewordenen Lebensraum
nachrücken, wenn sie die Viehzucht aufgaben (NAGEL, S.1)
Dies war mit dem genügsamen und wüstenfesten
Kamel möglich, da in den Randgebieten der Sahara nur noch kärgliche
Steppenvegetation vorhanden war. Hier vollzog sich also der Übergang zum
Vollnomadismus und mit ihm das Angewiesensein auf eine Behausung, die sich den
Bedürfnissen der Bevölkerung und deren Versorgung anpaßt,
nämlich dem Zelt.
Als die Araber im 7.Jhdt.n.Chr. nach Nordafrika
einfielen, förderten sie die Verdrängung der berberischen
Urbevölkerung aus dem nordafrikanischen Küstensaum, unter Aufgabe
ihrer landwirtschaftlich genutzten Fläche, in die Wüstengebiete der
Sahara, und somit den Nomadismus.
Um die Mitte des 11. Jhdt. erfolgte ein gewaltiger
Vorstoß von arabischen Beduinen vom Stamme der Beni Hilal, Beni
Solaym und Beni Makil, der als die Hilalische Wanderung
in die Geschichte einging. Rund 1 Mio. Beduinen haben dabei weniger die
Städte, sondern die offenen Landschaften im schwach bevölkerte
Nordafrika überschwemmt, das damals fast ausschließlich von
seßhaften und nomadisierenden Berbern bewohnt war. Die Hilal und die
Solaym kamen als Nomaden mit ihren Familien und Herden, reklamierten Agrarland
als Weideland, was wiederum das Seßhaftwerden einiger ursprünglicher
Nomadengruppen zur Folge hatte (RIPSAM, S.10)
Entweder gründeten diese (Rückzugs-)
Siedlungen in schwer zugänglichen Regionen oder außerhalb der
Weideflächen neue Städte wie zum Beispiel Timbuktou im heutigen
Mali.
Während der seßhafte Bauer an seinen Grund
und Boden gebunden ist, so benötigen die Nomaden zu jeder Jahreszeit
Weideflächen für die Tiere. Das Selbstverständnis der Nomaden
drückt am besten ein Tuareg-Sprichwort aus: "Die Hacke bringt Schande
über das Haus".
Anderseits zwingen Trockenperioden, und somit der
Verlust der Weidegründe, die Nomaden immer wieder dazu, Unterschlupf bei
den Seßhaften zu suchen, wobei aber die Halbnomaden feste und befestigte
Magazine besitzen. In solchen Gewölbebauten werden Vorräte wie Datteln
und Getreide aufbewahrt (SCHWARZ, S.83)
II.2. Verbreiter und Verbreitung des
Zeltes
Das Zelt, was in den vorangegangenen Abschnitten
der Gegenstand ist, ist das sogenannte schwarze (Nomaden-) Zelt Die
Beduinen nennen ihr Zelt beït sh`ar , das "Haus aus Haaren",
sich selbst Ahl el beït, das "Volk des Zeltes". [Anm.:
Außerdem bedeutet beït in der arabischen Sprache auch
"Haus".] Es ist das Zelt der Bibel, der Juden, Araber und weiterer
Stämme in Afrika und Asien, wobei Araber wörtlich übersetzt
"Zeltbewohner" heißt (FAEGRE, S.20).
Ursprünglich stammt das schwarze Zelt wohl aus
Mesopotamien. Der Entstehung ging die Zähmung von Ziegen und Schafen
voraus, da beide Tiere die Materialien für den Zeltbau liefern. Das
schwarze Zelt wanderte vom Ursprung westlich bis an die Atlantikküste. Es
stellt eine ausgezeichnete Anpassung an die subtropische Trockengebiete mit
ihren geringen Niederschlägen dar (FAEGRE, S.13).
Das Zelt sichert weniger vor Regengüssen - obwohl
es dazu auch fähig ist, was aber später behandelt wird- sondern es
bietet genügend Schutz gegen die nächtliche Abkühlung und die
Staubstürme.
Ethnologische Untersuchungen ergaben, daß es nicht
wie die Kuppel- und Stangenzelte an verschiedenen Stellen der Erdoberfläche
bei verschiedenen Völkern entstand. Vielmehr war im eng begrenzten
Verbreitungsgebiet und der Voraussetzung, die Webtechnik zu beherrschen, der
Grund zu suchen , daß es von indoeuropäischen Nomaden entwickelt und
frühzeitig von semitischen Stämmen übernommen
wurde.
Nach Nordafrika gelangte das schwarze Zelt aber erst mit
der arabischen Einwanderung und es wurde nicht weiter im afrikanischen Kontinent
verbreitet. Einzig die tunnelförmigen Hütten der Massai stellen eine
gewisse Übergangsform dar.
Bevor die Araber das Zelt in Nordafrika einführten,
benutzten die Nomaden und die Seßhaften mit Matten bedeckte Hütten.
Das leichter zu transportierende Zelt verdrängte jedoch diese
ursprüngliche nomadische und seßhafte Wohnform. Bei den Tuareg finden
sich beide Wohnformen, sowohl das Zelt mit einer Plane als auch die mit Matten
bedeckte Hütte (SCHWARZ, S.81).
Die Form des schwarzen Zeltes wurde den Bedingungen der
jeweiligen Umgebung angepaßt. D.h., in niederschlagsreichen
Gebirgsgegenden wurde das Dach spitz nach oben aufgerichtet, damit der Regen
daran ablaufen kann. In der Wüste wurde es flach und möglichst niedrig
gehalten, damit die Bewohner sowohl vor der Hitze als auch vor Sandstürmen
geschützt waren.
In heißen Gegenden wurde es nach zwei Seiten offen
gehalten, um Durchzug zu gestatten, in kälteren Landstrichen wurde es
völlig geschlossen gehalten (FAEGRE, S.13 f).
Wieso ist das Zelt eigentlich schwarz ? Ein schwarzes
Dach spendet mehr Schatten, da das Schwarz die Hitze absorbiert und die locker
gewebten Seitenwände lassen die Hitze gleichzeitig nach außen
verströmen. So ist es im Zeltinnern immer um 10-15°C kühler als
draußen. Gleichzeitig bietet der Zeltstoff, obwohl er lose gewebt ist,
einen guten Regenschutz. Im feuchten Zustand schwillt das Garn an und
schließt somit die Löcher in der Zeltplane. Zusätzlich
läßt das natürliche Fett des Ziegenhaares den Regen eine
Zeitlang außen ablaufen. Bei einem längeren Guß wird es
schließlich doch durchregnen und das vollgesogene Zelt wird dermaßen
schwer, das es von den Lasttieren beim Wegziehen kaum noch transportiert werden
kann (FAEGRE, S.16).
Wie oben schon kurz aufgeführt, sind die Bewohner
des schwarzen Zeltes Weber, die mit dem in jedem Zelt vorhandenen Webstuhl
verschiedene Tuchsorten herstellen. Für das Zeltdach und die
Spannbänder wird ein sehr festes Tuch hergestellt, da es
wasserundurchlässig sein soll. Wohingegen die Seitenwände nicht so
fest gewebt werden, um winddurchlässig zu sein, sei es zur Belüftung
und Kühlung, oder für die Erhöhung der Standfestigkeit.
Die Zeltplane setzt sich aus mehreren
aneinandergenähten langen Stoffseiten, den aflij (Singular:
flij) zusammen die dadurch zur Zähleinheit für die
Größe des Zeltes werden. [Der in Moses 2,26, 7-14 erwähnte Bau
eines Wohn- oder Tabernakelzeltes bezieht sich auf diese Stoffbahnen. Zu
beachten ist die genaue Angabe der Maße, 30 x 4 Ellen (1 Elle = 45,72 cm),
was auf das Alter dieses Systems schließen läßt.] (FAEGRE,
S.16)
Die aflij werden je nach Stammeszugehörigkeit
unterschiedlich eingefärbt, wobei die Zelte der Ulad Nail in der Mitte
bräunlich-schwarz mit rotbraunen Rändern gefärbt sind.
Die Zelte der Nemenscha sind rot, braun und schwarz
gestreift, die Tschambazelte sind schwarz und grau.
Gewöhnlich sind die Bahnen 60-80cm breit und durch
Annähen erweiterbar oder durch Zerlegen verkleinerbar. Der Zeltstoff hat
eine Lebensdauer von 5 bis 6 Jahren. Um eine möglichst lange Lebensdauer
des Zeltes zu erhalten, werden jährlich neue Stoffbahnen von der Mitte aus
in die Zeltplane eingefügt.
Wie schon erwähnt, ist die Lebenszeit des Zeltes
mit der Lebenszeit der Bewohnern identisch. Ein neues Zelt wird dann
hergestellt, wenn eine neue Familie gegründet wird und solange diese
Familie besteht, wird das Zelt ständig erneuert (FAEGRE,
S.17).
Mehrere Zelte stehen üblicherweise in einem Kreis,
dem duar, zusammen, mit den Eingängen zur Mitte hin. In einem solchen Lager
vermeidet es strikt, ein Zelt so aufzustellen, daß sein Eingang direkt auf
ein anderes gerichtet ist, um damit die Gefahr der Übertragung von
unheilvollen Kräften zu vermindern. Früher bildeten solche Zeltlager
eine Schutzgemeinschaft mehrerer miteinander verwandter Familien. Zum Schutz
gegen mögliche Überfälle wurden die Lager mit Gräben,
Wällen und Dornhecken umgrenzt. Heutzutage stellt man die Zelte in einer
Reihe oder weit von einander entfernt auf, als ein Zeichen der Auflockerung von
verwandtschaftlichen Banden und der mittlerweile größeren Sicherheit,
die aus mangelnden Raubüberfällen resultiert (RIPSAM,
S.9).
II.3. Erbauer des
Zeltes
Die Frauen sind in den Nomadengesellschaften die
Architekten. Ihnen wird auch innerhalb des Zeltes mehr Platz als den
Männern eingeräumt, da sie häufiger innen arbeiten als die
Männer. Die Männer stellen allenfalls die Holzteile her, wohingegen
die Frauen es sind, die Stoffe weben, Felle gerben, das Leder bearbeiten und
damit die Gestaltung des Zeltes bestimmen. Auch für den Zeltauf- und -abbau
sind die Frauen zuständig, nur die ganz großen Zelte werden von den
Männern aufgestellt (FAEGRE, S.11).
II.4. Aufteilung des
Zeltinnern
Die Araber schlagen ihr Zelt entweder mit der
Frontseite nach Osten in Richtung Mekka oder nach Süden hin auf. Die
Rückseite ist den Nordwinden zugewandt und die Männerabteilung nach
Osten gekehrt. Das Männerabteil ist durch einen Trennvorhang, der
quata, vom Frauenteil abgetrennt, wobei die Frauenseite nimmt den
größten Teil des Zeltes ein.
Es ist die Abteilung, in der sich das Privatleben der
Zeltbewohner abspielt und wo gearbeitet wird und wohin außer dem
Zeltbesitzer kein anderer Mann Zutritt hat. Das Zelt gehört also dem Mann,
doch es wird immer von der Frau regiert. Hat ein Mann mehr als eine Frau, so ist
er verpflichtet, jeder von ihnen ein Zelt zu stellen. Das Zelt wird als
Heiligtum betrachtet, was den Hausherr zum Schutz und zur Hilfe verpflichtet
(FAEGRE, S.24).
Die Aufteilung des Schwarzen
Zeltes
(Quelle: FAEGRE,
S.28)
III. Das Haus und die
Siedlung
Einleitung
Der Islam entstand in der Welt der Nomaden, in den
Weite der Steppen und Wüsten Arabiens und er fand die Grenzen seiner
Ausbreitung dort, wo die Trockentäler zwischen Marokko und Innerasien an
andere Landschaftsbereiche anstießen. Nichts weist auf eine gewisse
"arabische Form" der frühen Architekturen Arabiens hin; die geringe Zahl
städtischer Siedlungen überhaupt beweist, daß das Land weder zur
Urbanisierung geeignet war, noch das darin Ehrgeiz seitens der Bevölkerung
aufgebracht wurde (SIUS, S.52).
Es ist unmöglich, vom arabischen Haus als eine Art
Typ zu sprechen, aber es ist möglich, auf Typen hinzuweisen, die Araber
etwa im Maghreb bewohnten (SIUS, S.53).
Allerdings ist der theoretische Oberbau des Islams ein
entscheidendes Element beim Bau eines Hauses. Er bildet die Lebensgewohnheiten
und Gebräuche aus, er prägt die Familienstruktur der
Großfamilie, bei der Heirat den Zuzug von Personen in den Familienkreis
bedeutet. Die wechselnde Familiengrößen machen eine ständige
Anpassung der Wohnung an unterschiedliche Nutzer und Nutzungen notwendig.
Erweiterungen werden benötigt, wenn der Besitzstand wächst oder die
Bauten verfallen, wenn er abnimmt. Den Zelten der Nomaden nicht unähnlich
ist das andauernde Bedürfnis nach Veränderung der Wohnung. Dies
bedeutet für den einzelnen Raum, daß er nutzungsneutral wegnehmbar
aber auch addierbar sein muß. Hierbei schält sich ein additives
Prinzip heraus, nämlich die Wohnung ist die Addition von einzelnen
Raumzellen (SIUS, S.1).
So wie bei den Zelten für die jeweilige
Familiengrößen einzelne Zeltbahnen entweder aus der Zeltplane
herausgenommen oder in sie eingearbeitet werden kann. Allerdings besteht hier
ein wichtiger Unterschied: wird eine neue Familie gegründet, so wird ein
neues Zelt benötigt, innerhalb eines Hauses werden neue Räume oder
Anbauten für die neuen Familienmitglieder benötigt. Eine Addition der
Wohnräume symbolisieren die Ghorfas in Tunesien, aber auch die Höhlen
in Matmata, wo der zusätzliche Raum eine neue Höhle
ist.
Den Hausbau, sowie das Anlegen von Siedlungen,
besorgten andere, d.h., die nicht arabischen Moslems wie die Berber oder die
Kabylen (SIUS, S.52).
Das änderte sich erst mit der Vertiefung und
Verinnerlichung des islamischen Denkens und unter dem Einfluß anderer
Nationen innerhalb der umma, wie der Perser, Berber und
Türken.
Das Haus der Moslems hat bestimmte, sowohl aus
natürlichen Gegebenheiten als auch aus der geistig-seelischen Sphäre
des Menschen herauswachsende Aufgaben zu erfüllen. Die natürliche
Umgebung fordert vom Haus, das es seine Bewohner gegen die wochenlange
Sommerhitze, gegen die Winterkälte, gegen die zwar seltenen, dann aber
sintflutartig, fallenden Regengüsse und gegen Sand- und Staubstürme
schützt. Prinzipiell zwingen die atmosphärischen Einflüsse nicht
zum Hausbau, da das Zelt diese erforderlichen Schutzanforderungen
erfüllt.
Allerdings bietet das Haus dem Moslem die
Möglichkeit, sich räumlich abzusondern und ein Leben nach eigener
Ordnung, von niemanden beobachtet zu führen (SIUS, S.53).
Wie eng zum Beispiel Familie und Haus
zusammenhängen, wird an dem kabylischen Wort für "Haus"
(akhkham) ersichtlich; es bezeichnet gleichzeitig das traditionelle
Wohnhaus und die Großfamilie (RIPSAM, S.22). Das Haus bildet die
Voraussetzung für den Zusammenhalt der Familie und es dient für die
wichtige Abschottung der Frau gegenüber der Umwelt, und zwar sowohl
räumlich als auch geistig.
Allerdings zwang der Mangel an Baumaterialien zu
eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten. Je nach Landschaft sind
zwischen Schilf-, Zweiggerüst-, Holz-, Stein- und Lehmbauweisen zu
unterscheiden (SIUS, S.53).
III.1. Beispiel eines islamischen
Stadtwohnhauses
(M`zabitisches Wohnhaus in
Algerien)
M`zabiten sind durch die Islamisierung und die
Hilalische Wanderung zurückgedrängte Berber, die sich in ein besonders
unzugängliches Tal zurückgezogen haben. Dort gründeten sie 1011
die Stadt El Ateuf.
Die Stadtstruktur ist typisch "islamisch. Ein Netz
winkliger und enger Sackgassen durchzieht das dichte Baugefüge, wobei
dieses einem Gewebe gleicht, in dem das Haus die Zelle und der Hof der Zellkern
ist. Das Haus zeigt sich nach außen geschlossen (SIUS,
S.5).
Man betritt es über den Pfortenraum (skifa),
dessen beider Türen im Winkel oder Versatz zueinander angeordnet sind,
damit bei der offenstehenden Tür keine Einsichtsmöglichkeit in das
Haus besteht.
Nach der zweiten Tür betritt man einen Nebenraum.
Bis hierher ist das Haus halb-öffentlich. Der Raum dient dem
unverbindlichen Zusammentreffen mit Leuten aus der Nachbarschaft oder auch
fremden Gästen. Überdies wird in ihm während der Gebetsstunde
auch gemeinsam gebetet.
Danach tritt man in den zentralen Hof, um den herum
Küche, Vorratslager und der Arbeitsraum der Frau (tizifri)
angeordnet sind. Die Wand zwischen tizifri und skifa besitzt in Sitzhöhe
ein kleines Loch, das den Blick auf die Straße freigibt. Somit kann die
Frau, die ihre Arbeit sitzend auf dem Boden verrichtet, den Hauseingang
kontrollieren und das Geschehen auf der Straße beobachten, ohne dabei
selbst gesehen zu werden (SIUS, S.6).
Aufschnitt eines m`zabitischen
Wohnhauses
(nach SIUS,
S.6)
III.2.
Siedlungsform
Wie im vorangegangenen Kapitel erwähnt, waren
Expansionsbewegungen von Nomaden der Grund für das Zurückziehen von
Seßhaften. In bestimmten Regionen wie dem M`zab in Algerien, oder im
Süden Tunesiens wurden Wehrsiedlungen,, die ksour errichtet, um sich
gegen die Überfälle der Nomaden besser zu schützen. Die
seßhaften Oasenbauern waren gezwungen, sich in Wehrsiedlungen
zusammenzuschließen. Die daraus entstandenen ksour (Singular:
ksar) werden von der bodenbauenden Bevölkerung bewohnt. Sie stellen
kein zufällig gewachsenes Gebilde wie etwa ein Gebirgsdorf dar, sondern
geplante und einheitliche Gebilde.
In ihm leben die verschiedenen Sozialen Gruppen nach
Vierteln getrennt. Die Größe eines Ksar variiert beträchtlich,
von 5-6 Häusern bis zu mehreren 100. Ein ksar ist aber selten
größer als 1 bis 1½ ha mit 400-1000 Einwohnern. Liegt die
Einwohnerzahl höher, so bilden sich mehrere ksour, aber kein großer
ksar (RIPSAM, S.20f).
IV. Seßhaftmachung von
Nomaden
Die Seßhaftmachung von Nomaden soll am Beispiel
der Siedlung Klip Dokhan in Tunesien gezeigt werden. Das Dorf liegt ca.50 km
westlich von Gabés inmitten des tunesischen Steppengürtels. Das Dorf
wurde gegen Ende der 70er Jahre angelegt. Von der äußeren Morphologie
ausgehend, stehen die einzelnen Häuser verhältnismäßig weit
auseinander, wobei kein eigentlicher Dorfkern ersichtlich ist. Diese Streulage
der einzelnen Häuser soll die verschiedenen Nomadensippen voneinander
trennen und ihnen das Gefühl von Weite geben. Die vorherrschenden
Hausformen sind aus Betonsteinen hergestellte Kastenhäuser, die aber kaum
als Wohnhäuser genutzt werden. Vor den Häusern errichteten die Nomaden
informelle Siedlungsformen, die dem verlorengegangenen Zelt nachgeeifert
sind.
Die Gründe für die Seßhaftmachung der
Nomaden sind auf der einen Seite eine bessere staatliche Kontrolle, anderseits
zwingt der Bevölkerungsdruck zu einer Ausweitung des Ackerbaus, was mit
einer Verringerung der Weidegebiete der Nomaden einhergeht. Außerdem
trägt die Absicht des Staates, der jugendlichen Nomadengeneration eine
Schulbildung zu ermöglichen, auch zu einer Seßhaftmachung bei.
Allerdings leben viele dieser seßhaft gewordenen
Nomaden halbnomadisch. Im Frühjahr und Sommer ziehen die Hirten mit
Viehherden in die südlichen oder nördlichen
Weidegebiete.
Die Familie des Hirten fährt dann häufig mit
einem gemieteten LKW in das Weidegebiet. Durch die fortschreitende Ausweitung
des Ackerbaus bleiben nur noch wenige Weidegebiete übrig, deren
Größe durch den Ackerbau weitestgehend verkleinert wurde. Diese, im
Vergleich zu vollnomadischen Weideflächen, kleineren Weideflächen,
werden von den Herden sehr stark und schnell überweidet, was zu einer
Degradation dieser Flächen führt (NAGEL/RIPSAM,
S.8f).
Auf lange Sicht betrachtet, werden solche
ökologische Veränderungen das Nomadentum aussterben lassen, was
allerdings nicht automatisch zum Aussterben des Schwarzen Zeltes führen
wird; es findet bei der Seßhaftmachung als eigentliche Wohnform weiter
Verwendung.
Literaturverzeichnis:
Faegre, Torvald (1980): Zelte, die Architektur
der Nomaden. Hamburg
Städtebauliches Institut Universität
(SIUS) (1982): Grundzüge des islamisch-arabischen Städtebau.
Seminarbericht über das Planen in
Entwicklungsländern.
Nagel, Jörg (1990): Geschichte des
Nomadismus in Nordafrika. Seminararbeit. Stuttgart
Nagel, Jörg / Ripsam, Martin (1992):
Tagesprotokoll über Klip Dokhan vom 24.2.1992 der Tunesienexkursion vom
19.2.- 17.3.1992 des Geographischen Instituts der Universität
Stuttgart.
Ripsam, Martin (1990): Die Berber. Seminararbeit.
Stuttgart.
Schwarz, Gabriele (41989): Allgemeine
Siedlungsgeographie. Teil 1: Die ländlichen Siedlungen; die zwischen Land
und Stadt stehenden Siedlungen. Berlin, New York.
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