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Andersch, Alfred: Sansibar oder der letzte Grund
Sansibar oder der letzte Grund von Alfred
Andersch
Es gilt die Personenkonstellation zu untersuchen, und
anhand Charakterisierungen eines jeden, die Verknüpfungen der Personen
untereinander aufzuweisen. Auch Zitate sollen eingebracht werden, um das
Verstehen des Sachinhaltes zu erleichtern.
Der Roman ” Sansibar oder der letzte Grund ”
( von Alfred Andersch ) dreht sich um ein Geschehen, das sechs verschiedene
Personen zu einer Einheit schweißt, die nicht unbedingt die gleichen
Interessen haben, aber sich doch für ein Ereignis einsetzen. In einem Punkt
führen all ihre Wege zusammen und in einem Punkt sind sie sich einig,
nämlich, daß man eine Flucht vor den ” ANDEREN ” wagen
muß. Ihre Motive sind teils sehr verschieden, aber daß Rerik, eine
einsame und langweilige Stadt, nichts für sie zu bieten hat, weder Schutz
noch Lebenslust, macht sie abenteuerlustig und treibt sie, neue Aspekte ihres
Lebens zu erkunden. Manche bringen hiermit auch ein Opfer der Selbstlosigkeit,
andere genießen diese Gunst, um sich hier einen Vorteil zu verschaffen.
Dies ist die Geschichte, die sich um eine Rettungsaktion dreht, die eine
Holzfigur und ein jüdisches Mädchen über das Meer nach Schweden
bringen soll. Anführer und Leiter ist ein Kommunist, der seine Partei
verlassen will, sein Motor ist eine kleine Statue die im Besitz des Pfarrers
ist, und die in Gefahr steht, von den Anderen ( dies ist ein Deckname, der als
Symbol für die Nazis steht ) beschlagnahmt zu werden. Der Überbringer
ist ein Schiffskapitän und sein Gehilfe, ein junger Mann, der in seinen
Lieblingsbücher einen Fluchtweg zu finden hofft. Doch als dieser Junge die
Möglichkeit zur Flucht besitzt, ergreift er sie nicht, da er weiß,
daß sein Vorgesetzter durch solch eine Tat an die Anderen verraten worden
wäre. Inzwischen ist der Pfarrer an einen kritischen Punkt gelangt. Die
Figur ist weg und nun stellt sich die Frage, wie er in den Tod gehen soll, denn
daß er dort hin muß, weiß er wenau, da die Anderen ihn
für das Verschwinden verantwortlich machen werden. Soll es ein eher ruhiger
vielleicht langsamer und qualvoller Tod sein, indem er den Anderen
Unterwürfigkeit und seine Unterlegenheit preisgibt, oder Selbstmord ? Aber
er findet noch eine Möglichkeit und zwar jene die ihn als einen, für
einen kurzen Augenblick, Helden darstellt, der mit einem letzten Kriegesgeschrei
in den Tod geht. Dies ist aber auch Teil einer Anklage an Gott, dessen fehlende
Nähe ihm die letzten Jahre hindurch zu einer einzigen Qual geworden war.
Als er seinen Revolver zückt und, während er den Anderen die gerade
eben kommen entgegenblickt, einen Schuß abgibt der einen von ihnen
mitnimmt, erscheint das Zeichen, auf welches er all diese Jahre hindurch
gewartet hatte an der Wand, und im gleichen Augenblick durchbohren ihn die
Schüsse der Gegner und er stirbt. Zurück zum Anfang: Gregor, der
Leiter der ganzen Aktion erlebt ein befreiendes Gefühl als sich ihm die
Möglichkeit bietet eine eigene Befreiungaktion durchzuführen. Er
erkennt die Nöte des Pfarrers und der Jüdin und arrangiert, mit Hilfe
seiner Überredungskunst und nach einiger Zeit einen Fluchtplan. Als er nach
Rerik kam, war er kurz davor seiner Partei zu kündigen und sich übers
Meer abzusetzen. Der Schiffsbesitzer ist der ” letzte seiner Art ”,
denn alle Mitglieder der Partei haben die Stadt zuvor schon verlassen, und will
aus Trotz, gegen die Partei, mit ihr aufhören um seine Ruhe zu haben. Im
inneren seines Herzen will er die Stadt verlassen, doch wird er , nicht so sehr
durch die Liebe, als durch ein Mitleidgefühl für seine leich
beschränkt denkende Frau an diese Stadt gebunden. Die junge Jüdin hat
soeben ihre Mutter verloren, die ihr befahl ins Außland zu flüchten.
Um sie anzutreiben beging sie Selbstmord. Als einzelne Menschen finden sie
zueinander um ein gemeinsames Schicksal zu bestreiten, und als einzelne aber
auch geänderte Menschen gehen sie wieder auseinander um den Rest ihres
Lebens zu erkämpfen. Der Klosterschüler, der in der Statue abgebildet
ist, überlebt, um mit seinem Gesicht, das Unabhängigkeit ausstrahlt
auch andere Personen zu bewegen, sich zu überwinden, um Dinge zu
vollbringen, von denen sie vorher nur geträumt
hätten.
Charakteristika:
Ich möchte gerne mit dem Jungen beginnen, der auch
gleichzeitig das Buch eröffnet und den Schlußgedanken setzt. Er ist
ein fast ”waschechter” Teenager, da er sich in einem endlosen Kampf
mit den Erwachsen steht und immer wieder Revolte gegen seine Mutter einleitet.
Sein ganzes Leben verbringt er nun schon in dieser öden Stadt, sein
einziger Wunsch ist, etwas zu erleben, egal zu welchem Preis. Die einzigen
Laster seines noch sehr jungen Lebens sind sein Vater, die langweilige Stadt und
seine nörgelnde Mutter. Sein Vater war im Besitz eines Kutters gewesen und
war eines Tages nicht mehr zurückgekehrt, und über dessen Verschwinden
gibt es in der Stadt verschiedene Theorien und Gerüchte. Die einen
behaupten, sein Vater sei ein Säufer gewesen, die anderen sagen er war
einfach ein Schwachsinniger. Die Frage was mit seinem Vater geschehen ist und
der Grund warum kümmern den Jungen schon, aber es stört ihn nicht
einmal halb soviel, wie die Menschen, die hinter seinem Rücken reden. Seine
Rolle in der eigentlichen Handlung ist sehr beschränkt, da er nur bei der
Bootsfahrt, er holt Gregor und Judith die Jüdin von der Küste ab, in
Berührung mit dem Geschenhens kommt. Wie schon erwähnt ist seine Rolle
eher eine Nebenrolle, doch scheint dem Autor etwas besonderes an dem Jungen zu
liegen, da dessen Kapitel im Buch immer in einer Kursivschrift geschrieben sind.
Auch wird er nie in einem Gespräch mit einer der anderen Figuren
erwähnt. Im Roman wird er als ein sehr gutmütiger Junge dargestellt
dessen einziger Gedanke lautet: ” ich muß von diesen verlassen Ort
weg ”. Anfangs ist er noch ziehmlich unentschlossen und macht sich klar,
daß er sogar seine Mutter verletzen würde um dieses Ziel zu
erreichen. Als er aber seine Chance erkennt und wirklich wegrennt,
überkommt ihn ein neues Gefühl: das bewußte Gefühl der
Verantwortung, und er fängt an, Rücksicht für seine Mitmenschen
zu haben und kehrt am nächsten Tag schon zurück. Sein Hobby befindet
sich in seinen Büchern, die er in einem Geheimversteck in einer Scheune
aufbewahrt. In ihnen findet er die erste Fluchtmöglichkeit, auch sieht er
sie als seine Vorbilder. Ganz bewußt handelt es sich bei jedem der
Bücher um eine Geschichte die eine Flucht oder eine Überlebenskampf
beinhaltet. Hier findet er die Möglichkeit sich in Träumen auszutoben.
Immer wieder versucht er, vergeblich jedoch, Parallelen zwischen seinen
Büchern und seinem Leben herzustellen. Seine einzigen näheren Kontakte
sind zu seiner Mutter und zu Knudsen. Die Meinung, die er über Knudsen, den
Besitzer des Kutters mit dem sie übers Meer fahren, hat, ändert sich
im Verlaufe der Geschichte. Anfangs hält er ihn für einen
mürrischen und starren Typen, der nur sehr sparsam mit seinen Worten
umgeht, und auch keine Gefühle hegt und kein ”Herz” hat. Doch
später, als er die ersten Hinweise des Unternehmens zusammenreiht, erkennt
er, daß auch Knudsen sich ändern kann und daß er sogar eine Art
Mitgefühl besitzt.
Als nächstes will ich den Kommunisten Gregor
anführen, der nach Rerik kommt, um den dortigen Kommunisten das neue
Gruppensystem vorzustellen. Dieses System soll das Auffliegen mehrerer Leute
verhindern, da eine Gruppe von der anderen nichts weiß, und daher Verrat
ausgeschlossen werden kann. Er ist ein sehr wortgewandter und beredter Typ, der
sich mit voller Energie in eine Sache stürzt, und so manches Risiko auf
sich nimmt. Er tarnt sich als ein einfacher Student, der auf seinem Fahrrad
herumreist, und noch bevor wir ins Geschehen einsteigen ist er überzeugt,
die Partei nach diesem ”letzten Auftrag” zu verlassen. Obwohl er
noch ziehmlich jung ist, hat er schon einiges mitgemacht, auch so manche
Schlachten in der Armee, und er hat schon den Terror in seiner warscheinlich
schlimmsten Form zwanghaft kennengelernt: nähmlich in der Entführung
der Person, die ihm am nächsten stand, seine Geliebte. Bald hatte er
gelernt, daß überflüsige Fragen auch lebensbedrohlich sein
können, und so mußte er auch schmerzhaft zur Kenntnis nehmen,
daß die Interessen eines einzelnen in der Partei zum Wohle der
Gemeinschaft verdrengt werden müssen. Seine Rolle ist meiner Meinung nach
die wichtigste im ganzen Roman, da er für die Zusammenarbeit sorgt. Er ist
auch derjenige, der am schnellsten Situationen erkennen kann und sie auch fast
immer meistern kann, nicht zuletzt durch seine ausergewöhnliche Gabe des
Einschätzens seiner Mitmenschen, durch die er die Stimmung und die
Verfassung eines Menschens erkennen kann.Ich würde sogar soweit gehen, ihn
einen Menschenkenner zu nennen, da er sogar über die Herkunft der Menschen
berechnete Schlüße ziehen kann. Sein Interesse an diesem Unternehmen
gilt anfangs nur und ausschließlich der Holzstatue, die für ihn eine
Art Vorbild ist. In ihr sieht er die Kraft der Freiheit und der Ungebundenheit (
Unabhängigkeit ), er beschreibt ihre Blicke als solche, die ein Buch lesen
können, sich jedoch jederzeit erheben können und diesem den
Rücken zukehren können. Dies steht im Gegensatz zu seiner bisherigen
Lebensbahn, da er sich mit den Schriften des Kommunismus auseinander gesetzt
hat, aber sie nie wirklich gehen lassen konnte. Wie ich schon vorher
angeschitten habe will er die Partei verlassen, weil er diese Gebundenheit
verachtet, und auch die Rohheit, mit der sie ihre Mitglieder behandelt,
verabscheut.(**)
Sein erster Kontakt mit den Personen besteht zu Knudsen.
Er arangiert ein Treffen in der Kirche, in der er hofft, einen möglichst
unauffälligen Ort gefunden zu haben. Er erklärt Knudsen das neue
System und versucht ihm dann unterschwellig mitzuteilen, das er ein Deserteur
ist, und sich übers Meer absetzten will. Knudsen sieht ihn als
Verräter und entwikelt einen Haß gegen ihn, wohl auch weil er in sich
selbst den Wunsch und die Sehnsucht nach einem Austritt verspürt. Gregor
erspäht die Statue zum erstenmal und ist sofort von ihrem Anblick
gefesselt, und als er erkennt, daß sie in Lebensgefahr schwebt
beschließt er aus eigenem Willen, eine Hilfsaktion zu koordinieren. In
seiner Arbeit bestätigt fühlt er sich jedoch, als er eine Jüdin
erblickt, die mit viel Mühe versucht selbst eine Flucht zu organisieren,
dabei aber kläglich versagt. Sofort faßt er den Beschluß, beide
” Gefärdeten ” in ein Manöver einzuschliesen, sozusagen
” zwei Fliegen auf einem Schlag, und zu helfen.
Als er Judith etwas näher kennenlernt scheint er
sie, von außen her als ein verwöhntes und unreifes Mädchen zu
verachten, doch wächst in ihm Liebe zu ihr. Dennoch weiß er,
daß dieser Keim der Liebe hoffnungslos ist. Er versucht sich öfters
selbst zu täuschen, daß er sie niemals hinüber ans andere Ufer
begleiten werde können.
Seine eigene Einstellung zur Flucht ändert sich im
Verlauf der Geschichte. Will er zwar anfangs warhaftig flüchten, so opfert
er diese Vorstellung zu gunsten Judiths, aufgrund seines Stolzes. Er
verspürt diese Hemmung zu flüchten, da er in diesem Fall Knudsen Recht
geben würde, der ihn für einen willensarmen Verräter hält,
der im Grunde nur seine eigenen Interessen verfolgt. Im Endeffekt schafft er
Knudsen nur dadurch zu überzeugen indem er seine Selbstlosigkeit an dieser
Fahrt beweist, indem er verzichtet Judith zu begleiten, und sich bereit
erklärt, den Jungen und das Mädchen alleine in See stechen zu lassen.
Bei Knudsen und dem Pfarrer löst er eine
Verwunderung aus, da sich beide sein wirkliches Interesse nicht erklären
können. Judith ist ein wenig später nach ihrem Aufeinandertreffen
darüber erstaunt, daß sie ihm sofort gefolgt war ohne sich
irgendwelche Gedanken zu machen. Sie kann sich nicht erklären warum sie
sich zu ihm hingezogen fühlt.
Nun komme ich zum protestantischen Pfarrer, namens
Helander. Er war vor ein paar Jahren hierhergezogen, um die Saat Gottes
auszustreuen. Am Anfang schien ja alles in Ordnung zu gehen, doch der Besuch bei
ihm fing an zu stocken und verebte einfach nach der Zeit. Seine Heimat war
Schweden, wo er und viele seiner Verwandten in diesem Dienst gestanden waren,
und Gott des öfteren Zeichen an Wänden erschienen ließ. Alles,
wofür er jetzt noch lebt ist ein Zeichen von Gott, da er tagtäglich im
Kampf gegen den Schmerz, den ihm die Wunde seines amputierten Beines
zufügt, lebt, und dieses als ein letzter kleiner Lichtblick für ihn
sein würde. Er wünscht sich nichts sehnlicher als ein letztesmal noch
aufzublühen. Sein Kontakt zu den Bewohner der Stadt ist auf kein besonders
Niveau, doch weiß er, daß er von Knudsen verachtet wird. Weiß
er doch, daß der Klosterschüler zum letzten Heiligtum ” seines
Reichs ” geworden ist, und daß dieser durch die Gefährdung zum
wertvollsten Gegenstand geworden ist. Er hatte diese Statue schon vor einiger
Zeit von einem Bildhauer erworben. Trotz seines gestörten Verhälnisses
zu Knudsen macht er sich Hoffnungen, daß Knudsen einwilligen wird um die
Statue zu retten. Als er dann Gregor triff, und dieser ihm seinen Beschluß
mitteilt, ist er vorerst etwas erschreckt, da er eine Verschwörung der
Anderen für wahrscheinlich hält. Doch wird er nur noch mehr ermutigt
und vertraut Gregor. In den paar Stunden, die sie gemeinsam verbringen, spielt
sich dennoch ein Wortgefecht nach dem anderen ab, da beide sehr wortgewandt und
belesen sind. Die größte Hürde für ihn ist jedoch noch
nicht überwunden, da er sich nun im persönlichen Kampf befindet.
Seine Meinung steht in einem starken Kontrast, während die eine Hälfte
für sein Leben plädiert, und für das Aufgeben ist, will die
andere Hälfte den Anderen etwas ” zufleiß ” tun, und
einen kleinen Aufstand gegen sie führen. Dieser zwiespältige Kampf
zieht sich die ganze Zeit, bis zum wirklichen Ereignis und der Übergabe der
Statue, hin. Wie schon vorweggenommen, geht er auf das Risiko ein und
überreicht um Mitternacht Gregor, die inzwischen kostbar gewordene Statue.
Nun ist es Zeit die Judith vorzustellen, welche von
einer ziehmlich vornehmen Umgebung kommt, und daher auch stark abhängig ist
von anderen Leuten, da sie sich immer im Schutz der Mutter befunden hatte. Um
die ganze Geschichte noch einmal schnell von hinten aufzurollen, werde ich nun
den kleinen Ausschnitt ihres Lebens, über den wir etwas Näheres
erfahren rekapitulieren. Sie ist in *.* geboren und lebte *.* . Sie besuchte die
Universität und genoß eine im allgemeinen gut Bildung. Sie hatte
viele Freunde und konnte nicht verstehen warum man sich so plötzlich gegen
sie wandte, denn sie war eigentlich keinen ” echte ” Jüdin
gewesen. Ihr Interesse galt nähmlich keineswegs der Religion des Judentums,
vielmehr war sozusagen gezwungen worden, diesem Glauben beizutreten. Ihr ( Stief
*.*)Vater war Jude, und sie selbst war christlich getauft worden , dennoch wurde
sie Jüdin gennant ( Im Krieg nannte man eine Solche einen Mischling ersten
Grades ). Dies ist für sie, wie ein erster Exkurs ohne eine Begleitperson,
und sie ist sich nicht ganz sicher wie sie sich verhalten soll. In Gregor findet
sie einen Beschützer, und jemanden der die ganze Sache in die Hand nimmt
und leitet. Jedoch will ich nicht so weit gehen, ihn als eine Vaterfigur zu
bezeichnen. Ihr erster Versuch, Rerik zu verlassen läßt sie in einem
schiefen Licht und als Oportunistin erscheinen, da sie im Grunde nichts von dem
armen Matrosen will, als sich eine Bahn in die Freiheit zu schlagen. Auch,
daß sie auf die eindeutigen Bemerkungen des Wirts eingeht zeigt ihre
Hilflosigkeit, ihre Hoffnung, ihr ” Auffliegen ” immer wieder
hinauszuzögern. Viel von dem Geschehen in das sie eigentlich verwickelt ist
scheint sie, weder zu verstehen, noch sie anfangs im geringsten zu
interressieren. Gregor erscheint für sie ein Rätsel, da dieser sie
immer wieder spöttisch verhohnt, doch sie dann in einen totalen
Stimmungsumschwung in die Arme reißt und küssen will. Eine Sache
verbindet sie dennoch, und ich glaube, daß sie auch deshalb viel
stärker zueinander halten, als der Rest der Gruppe; sie sind die einzigen
die nicht aus Rerik stammen und nur wenige Stunden dort verbracht haben.
Für die übrigen Personen des Romans hat sie
nicht viel übrig, jedoch lernt sie Knudsen als einen grimmigen Mann,
dennoch zu respektieren, wohl auch aus Dankbarkeit ihm gegenüber für
seine Verdienste.
Auch den Pfarrer trifft sie auch nur flücht,
nähmlich bei der Übergabe, und Demontage, der Statue an Gregor. Im
Dunkeln macht sie mit ihm Bekanntschaft, und verabschiedet sich wiederrum im
Dunkeln.
Ihr Part in der Geschichte hält sich in Grenzen,
und sie trägt im Grunde nicht zum Geschehen bei, außer daß sie
selbst diejenige ist, die gerettet werden muß. Sie entkommt dem Ganzen
ohne jegliche Verdienste für die anderen Eingeweihten getan zu haben, und
so verabreicht man ihr eine kostenlose Fahrt in die Freiheit, wohl mehr oder
weniger aus Sympathie.
Knudsen, denn ich bis jetzt vernachlässigt habe,
wenigstens mag es jemandem so scheinen, ist der zweite Träger, neben
Gregor, auf dessen Schultern die ganze Handlung und auch Geschichte ruht. Er ist
im Besitz eines Kutters in dieser trostlosen Stadt, und ist ein
dementsprechender Fischer. Seine Frau, an der er sehr hängt, wohl aus
Mitleid für sie, ist etwas zurückgeblieben, und steht daher auch in
Gefahr von den Anderen ” eingezogen ” zu werden. Ihre Naivität
manifestiert sich durch das Neigen immer wieder den gleichen Witz zu
erzählen, und immer wieder selbst darüber ” übertrieben
” zu lachen. Ich würde ihn als am Rande der Gesellschaft in Rerik
bezeichnen. Dies mag sich vielleicht etwas gewagt anhören, doch wenn man
die Tatsachen betrachtet, daß er allseits als Kommunist bekannt ist, der
mit einer etwas behinderten Frau verheiratet ist, mag diese Feststellung dennoch
zutreffen.
Von allen Figuren konnte ich mir Knudsen am leichtesten
bildlich vorstellen, weil sein Charakter und sein Beruf es ermöglichen,
diesen typischen, fast klischeehaften Nordseefischer, visuell anzuvisieren. Er
ist ein Mann weniger Worte, der sich eher auf den Spruch ” ein wenig ist
ein bißchen mehr ” beruft, und der im allgemeinem eine ziehmlich
grimmige Ausstrahlung hat. Wenn er jemanden trifft, so geht er schon mit
gewissen Vorstellungen zu solch einem Treffen, und hat sozusagen schon im
vorhinein seine Stellung gegenüber, und seine Meinung über eine Person
gebildet.(**)
Seine Rolle ist eine vielfältige. Einer seiner
Rollen ist, daß er als eine Mauer fungiert, gegen die andere mit dem Kopf
rennen. Er hält fast immer als einziger Beschlüsse auf, stellt diese
auch in Frage, und ist jener, der immer auf die schmerzhafte Realität, und
die unnötigen Risiken verweist. Daher könnte man ihn auch in die
Kategorie der Pessimisten stellen, doch wäre dies ein Fehler, da ihm etwas
Entscheidendes von solchen unterscheidet, nämlich seine Eigenschaft doch
immer das beste für Personen zu wollen, und daher auch einige Risiken
einzugehen, besonders für sich.
Als ihn der Pfarrer zum ersten Mal auf eine
Möglichkeit anspricht, die Statue zu retten, ist er entschloßen dem
Pfarrer entgegen zu arbeiten, und ihm keinerlei Hilfe zu bieten. Er hält
den Pfarrer für einen armen Idioten, der sich mehr um ein Stück Holz
sorgt als um sein eigenes, und Knudsens Leben.
Den Pfarrer kann er noch anfangs auf Distanz halten,
doch als Gregor auch noch hinzukommt ist er gezwungen hier und da ein Paar
Eingeständnise zu machen.Er hatte sich schon einen Plan ausgemacht, die
Statue einfach im Meer zu versenken, doch als er mit der Sache ” Judith
” konfrontiert wird, werden diese Pläne vom Winde verweht. Sein
Haß, den er gegen Gregor pflegt, basiert auf zwei Gründe. Der eine
ist, daß Gregor die Möglichkeit hat zu entkommen, und daß er
frei ist, und keinen Verpflichtungen nachlaufen muß. Der zweit Grund
besteht darin, das er sich mit Gregor zu gut identifizieren kann, denn auch er
will eigentlich die Partei verlassen, doch fühlt er sich ihr gegenüber
irgendwie ohnmächtig.
Um ihn in einem Satz zusamenzufassen, würde ich ihn
als einen, von außen hart wirkenden Mann, doch innen sanfte Charakter
beschreiben, der doch noch alte Werte pflegt. ( z.B. gegenüber seiner
Partei )
Als letzteres will ich noch schnell die Rolle der Figur
anschneiden, die keinen Aktiven Teil in der Handlung spielt, sondern eher den
Mittelpunkt des Geschehens darstellt, um den sich alles dreht.
Grund des Interessen auf Seiten der Anderen, ist
daß ihr Zeuger ein ( höchstwarscheinlich ) Jude ist, und daher steht
dieses Gebilde auf einer Liste der zu beschlagnehmenden Kunstwerke.
Wahrscheinlich wird sie auch aufgrund ihrer Pose, die vielleicht zu inneren
Wiederstand aufrufen könnte, von den Anderen verachtet.
Thematik der Flucht:
In diesem Buch wird die ganze Handlung von einem Thema
überschattet, die Flucht. Sie ist ein allgegenwärtiges Teil der Leben
all dieser Menschen. Sie stellt ein Entkommen dar, für die einen ein
zwangshaftes, für die anderen ein eher erlösendes. Verfolgt werden
alle im Buch, die einen von den Anderen ( Nazis ), die anderen von der Stille
und endlosen Starre dieses Dorfs. Daher ist dieses Buch auch in die Reihe der
Wiederstandsliteratur zu stellen, die ruhig und eher unbemerkt versucht einen
gemeinsamen Wiederstand zu formieren. Die Gruppenarbeit, die aber dazu
notwendig ist, kommt sehr schön und stark in diesem Buch zu tragen. Nur ein
gemeinsamer und koordinierter Versuch, kann hier bestehen und sein Ziel
erreichen. Die alltägliche Bedrohung wird sehr schön durch die Roten
Türme, die über Rerik wachen, symbolisiert.
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