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Schenzinger, Karl Alois ( - )
Karl Alois
Schenzinger
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
“Keiner nahm von ihm in Neu-Ulm irgendeine Notiz". So
überschreibt Eduard Ohm jun. seinen, in der NUZ im Rahmen der Serie
“Neu-Ulmer Geschichten" erschienenen Artikel über Karl-Alois
Schenzinger.
Obwohl der Bestsellerautor Schenzinger neben Persönlichkeiten wie dem
Fliegerpionier Hermann Köhl, dem Mitbegründer der Deutschen Verfassung
Ottmar Kollmann, oder dem Künstler Edwin Scharff wohl zu den bedeutendsten
“Söhnen der Stadt" zählt, schenken ihm die Neu-Ulmer Bürger
kaum Beachtung. Lediglich eine kleine Gedenktafel der Metall-Innung Neu-Ulm an
Schenzingers Geburtshaus, Augsburger Straße 10, erinnert heute noch an
ihn. Diese kleine Aufmerksamkeit kann einem Vergleich mit Institutionen wie dem
“Edwin-Scharff-Haus" oder der “Hermann Köhl Schule" wohl kaum
standhalten.
Dabei kann der mittlerweile verstorbene Schriftsteller nun wirklich auf ein
bewegtes Leben als “Weltenbummler, Forscher, Filmproduzent"
zurückblicken.
Auch pflegte er immer einen engen Kontakt zu seiner Heimatstadt, die er
mehrmals besuchte. Besonders angetan war er vom Ulmer Münster, dessen
Architektur und Atmosphäre ihn faszinierten.
Vielleicht sind es seine politisch motivierten Schriften der frühen
30er Jahre, die mit ihrer nationalsozialistischen Attitüde nach dem Krieg
verpönt waren, die die Schuld an dem Verdrängungsprozeß der
Neu-Ulmer gegenüber seiner Person tragen. Mich haben die “braunen
Flecke" in seiner Vergangenheit aber nicht gehindert, das Leben und Wirken des
Neu-Ulmer Autors etwas näher zu
beleuchten.
Zur Person und dem literarischen Auftreten
Schenzingers
Kindheit - Lehre - Studium - Beruf
Karl-Alois Schenzinger wurde am 28. Mai 1886 als Sohn des
Steueruntersuchungs-Assistenten Karl August Schenzinger in Neu-Ulm geboren.
Bereits zwei Jahre später zog die Familie nach Ravensburg. In dieser Stadt
besuchte Schenz, wie ihn seine Freunde riefen, das Gymnasium und trat nach
seiner Schulzeit eine Apothekerlehre an. Die Jahre 1908-1913 verbrachte
Schenzinger als Medizinstudent. Er besuchte die Universitäten in Freiburg
im Breisgau, München und Kiel und promovierte schließlich mit einer
Untersuchung über “Abnorme Hormone bei der Schizophrenie".
Den 1. Weltkrieg erlebte der damals 28-Jährige als
Sanitätsoffizier. Nach dem Krieg ging Schenzinger nach Hannover, wo seinem
Interesse an der Literatur vielfältige Ausdrucksformen und
Anwendungsbereiche offenstanden. So wurde er zum Beispiel zu einem der
Mitbegründer der Kästner-Bühne in Hannover. Mit dem 1921 bei
Rohwolt verlegten Drama Berggang, trat Karl-Alois Schenzinger erstmals
als Autor in Erscheinung. Als ihm die Stelle eines Medizinalrates angeboten
wurde, nahm Schenzinger, der nichts mehr fürchtete als daß sein Leben
zur vorhersehbaren Routineangelegenheit reduziert werden könnte, von heute
auf morgen Reißaus.
Emigration in die USA
Mit 300 Dollar und einigen Perserteppichen im Gepäck, aber ohne ein
Wort englisch zu sprechen, schiffte er sich am 13. Oktober 1923 auf einem
Emigrantendampfer nach New York ein. Dort angekommen arbeitete sich Schenzinger
vom Hausmeister bis zum Nachtambulanz-Arzt hoch. Nebenbei verfaßte er zwei
surrealistische Dramen, die Kiepenheuer später verlegte, und erstand
außerdem eine Filmkamera.
Die Vision vor Augen, eines Tages mit der großen Fox Film Company
konkurrieren zu können, gründete Schenzinger die “West Star Film
Company", die er ganz allein unterhielt. Dabei scheute er auch gefährliche
Manöver, wie zum Beispiel die Aufnahme des Zeppelins “Los Angeles"
von stürmischer See aus, nicht. Doch der Mut und Einsatzwille des
frischgebackenen Filmproduzenten wurden nicht belohnt. Als Schenzinger seine
Aufnahmen im heimischen Deutschland verkaufen wollte, fielen diese einem Brand
im Schneideraum der Berliner Filmagentur “Terra" zum Opfer.
Dermaßen vom Pech verfolgt, begrub er seine Ambitionen als
Filmemacher und wurde 1925 in Wedding, einem Arbeiterstadtteil Berlins,
seßhaft. Hier widmete sich Schenzinger wieder seinen literarischen
Fähigkeiten. Seinen ersten großen Erfolg als Schriftsteller feierte
er 1928 mit seinem Abenteuerroman Abitur am Niagara, der von der
Frankfurter Illustrierten für ein Honorar von 6000 Mark abgedruckt wurde.
Daraufhin kündigte Schenzinger seine Anstellung als Kassenarzt und trat im
Auftrag seines Verlages eine Weltreise an, die ihn durch Kanada, die USA und den
Südsee-Raum führte. Die Eindrücke dieser Reise hielt er in drei
Illustriertenromanen fest.
Politische Aktivitäten in den 30er Jahren
Die Erfahrungen mit dem Proletariat und dessen Polarisierung in links- und,
vor allem, rechtsextreme Gruppen, die Schenzingers früherer Beruf mit sich
brachte, beeinflußten seine Literatur fortan maßgeblich.
Als er 1931 vom damaligen Reichsjugendführer Baldur von Schirach den
Auftrag erhielt, einen Propagandaroman für die Hitlerjugend zu erstellen,
verfaßte der von der nationalsozialistischen Ideologie erfaßte
Schenzinger den Hitlerjunge Quex. Dieser Roman, in den er seine
Milieukenntnisse der Berliner Arbeiterschaft voll einbrachte, avancierte zum
bekanntesten Jugendbuch der 30er Jahre und wurde 1933 sogar von der Ufa
verfilmt. Darüber hinaus formulierte er einige Reden für den
Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph
Goebbels.
“Schenzinger, der in die NS-Bewegung zunächst politische und
soziale Hoffnungen gesetzt hatte", ließ ab 1935 von der politischen
Literatur ab und befaßte sich mit naturwissenschaftlich-technischen
Themen. Der 1936 erschienene Roman Anilin erzielte, genau wie das 3 Jahre
später veröffentlichte Metall, Millionenauflagen, die
Schenzinger zum Bestseller-Autor und zum Begründer des
populärwissenschaftlichen Journalismus
machten.
Erfahrungen im Zuge der Entnazifizierung
Im 2. Weltkrieg diente Schenzinger als Arzt bei der deutschen Luftwaffe in
Wien. Hier lernte er auch seine spätere Frau Gertraud kennen, die 30 Jahre
jünger ist als er selbst. Noch während des Krieges heirateten die
beiden am 27.5.1944 in der österreichischen Donaustadt und zweieinhalb
Jahre später kam ihr Sohn Axel auf die Welt, der aber ein Einzelkind
bleiben sollte.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde der vielgelobte Schriftsteller von seiner
politischen Vergangenheit eingeholt. Die Amerikaner deckten im Rahmen der
Entnazifizierung, seine Sympathien zum Nationalsozialismus der frühen 30er
Jahre auf und sperrten ihn in das Lager Mauerkirchen. Der Autor mußte sich
1947 vor der Landauer Spruchkammer verantworten, wurde aber lediglich als
Mitläufer eingestuft. Obwohl man intensiv nach “tiefbraunen Flecken
auf seiner Weste fahndete", kam Schenzinger, der nie Mitglied der NSDAP war, mit
einer Geldstrafe von 80 RM davon.
Zurückgezogenes Leben im niederbayerischen Raum
Nach dem Krieg trat der mittlerweile 59-Jährige eine Doktorenstelle in
Niederbayern an. Wenige Jahre später praktizierte er an der Heil- und
Pflegeanstalt Mainkofen bei Deggendorf, wo er 1950 seine eigene Arztpraxis
eröffnete. Ab 1951 lebte Schenzinger mit seiner Frau Gertraud in Prien am
Chiemsee, wo er versunken in seine literarischen Arbeiten noch viele
erfolgreiche Sachbücher schrieb. Vor allem der bereits 1950 erschienene
Roman Atom knüpfte sowohl vom Inhalt, als auch vom Erfolg, nahtlos
an die Bestseller vor dem Krieg an. Am 4.7.1962 erlag Karl-Alois Schenzinger
nach einem bewegten Leben, in dem er viele Höhen und Tiefen durchgestanden
hatte, im Alter von 76 Jahren einem Herzschlag. Seine Frau, mittlerweile wieder
verheiratet, lebt noch heute in Prien am
Chiemsee.
Kennzeichnung seiner literarischen
Werke
Nun möchte ich genauer auf Schenzingers literarische Werke eingehen,
die den Lesern immer einen Spiegel der aktuellen Ereignisse und dem Zeitgeist
vorhielten.
Erfolglose Frühzeit mit expressionistischen Dramen
So war sein frühes Schaffen stark von den Auswirkungen des 1.
Weltkriegs geprägt. Von den Literaten der Zeit noch als “reinigendes
Gewitter" herbeigesehnt, entpuppte er sich als gnadenloser und verlustreicher
Stellungskrieg, der das Leben von 1,8 Millionen deutschen Soldaten forderte.
Viele Familien verloren ihre Väter oder Söhne; Deutschland war von den
harten Friedensbestimmungen im Versailler Vertrag und den finanziellen und
wirtschaftlichen Verhältnissen gezeichnet. In dieses Gefühl der
Ohnmacht fiel die erste literarische Veröffentlichung Schenzingers, das
expressionistische Drama Berggang. Er fand in Rohwolt zwar einen Verleger
für dieses Werk, bei den Lesern erlangte es aber nur wenig Beachtung. Auch
seine in den USA entstandenen Dramen Aß! Aß! Aß! und
“+++" fanden keinen Anklang bei der Öffentlichkeit.
Steigerung seines Bekanntheitsgrades über
Illustriertenromane
Erst nach seiner Rückkehr aus Übersee stellte sich der
literarische Erfolg langsam ein. Sein 1928 erschienener Abenteuerroman Abitur
am Niagara, wurde als Vorabdruck in der “Frankfurter Illustrierten"
veröffentlicht und brachte die gewünschte Resonanz bei der
Leserschaft. Nachdem Schenzinger für diese Zeitschrift drei weitere,
impressionistische Illustriertenromane geschrieben hatte, gelang ihm, vor dem
Hintergrund der zunehmend radikaler werdenden Arbeitergruppen und des immer
stärker aufkommenden Nationalsozialismus, der Durchbruch als
Schriftsteller.
Politisch motivierte Schriften der frühen 30er Jahre
Seine politischen Schriften, vor allem die sozialen Romane Der
Hitlerjunge Quex von 1932 und Der Herrgottsbacher Schülermarsch,
auf die später noch näher eingegangen wird, trafen mit ihrer
nationalsozialistischen Attitüde genau den Puls der Zeit. Auch Busse
wandert aus oder Wehe den Wehrlosen gingen in die gleiche Richtung.
Er fertigte sogar einige Reden für den hohen Nazi-Politiker Joseph Goebbels
an, was sein politisches Engagement für die NS-Ideologie nachdrücklich
unterstreicht.
Großer Erfolg mit populärwissenschaftlichen
Romanen
Aber bereits 1935, also zwei Jahre nach dem Machtantritt der Nazis,
ließ Schenzinger von der politischen Literatur ab und stellte fortan
naturwissenschaftlich-technische Sachverhalte in den Mittelpunkt seiner Romane.
So entstand 1936 Anilin, Schenzingers erste Veröffentlichung unter
dem neuen Genre, in dem er seine Fähigkeit, Entwicklungen und
Errungenschaften der deutschen Industrie in spannender und verständlicher
Sprache darzustellen, eindrucksvoll demonstrierte. Anilin, das mit einer
Gesamtauflage von 3 Millionen Exemplaren zu den meistgelesenen Büchern
überhaupt zählt, behandelt den Werdegang der deutschen Farbstoffchemie
im 19. und 20. Jahrhundert. Der Autor spannt darin einen Bogen von den ersten
Versuchen mit Steinkohleteer bis hin zu den großen Chemiekonzernen unserer
Zeit. Drei Jahre später folgte Metall, in dem Schenzinger den Kampf
der internationalen Forschung beschreibt, der die Grundlagen für moderne
technische Errungenschaften wie z.B. das Automobil oder die Elektrizität
gelegt hat.
Und auch nach dem Krieg wurde Schenzinger seinem Ruf als Bestseller-Autor
gerecht, denn auch das 1950 erschienene Atom, das den Ursprung, den
Verlauf und die bisherigen Ergebnisse der Atomphysik thematisiert, erreichte
eine astronomische Auflagenzahl von annähernd 3 Millionen.
Auch nach der Öffnung seiner eigenen Arztpraxis, fand Schenzinger Zeit
für die Schriftstellerei und erhöhte die Bandbreite seiner
populärwissenschaftlichen Romane in fast jährlichem Abstand. Mit
Veröffentlichungen wie Schnelldampfer, Bei IG Farben, 99%
Wasser oder Magie der lebenden Zelle, rundete Schenzinger sein
Gesamtwerk umfassend ab.
In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte sich
“Deutschlands Sachbuchautor Nummer eins" noch mit dem Biographieren
deutscher Wirtschaftsgrößen. In Zusammenarbeit mit Heiner Simon und
Anton Zischka dokumentierte er das Leben des Ingenieurs Heinrich
Nordhoff, und später lieferte er noch eine Lebensbeschreibung von Carl
F.W. Borgward, einem bedeutenden Automobil- und Motorenproduzenten.
Schenzingers Romane, die ihren literarischen Wert aus der gelungenen
Synthese von spannendem Roman und fundiertem Sachbuch ziehen, wurden schnell
über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und in nahezu alle
europäischen Fremdsprachen
übersetzt.
Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung der
“politischen
Jugendschrift"
Jugendpolitik der NSDAP
“Die Faschisten, unsere erbittertsten Gegner, wissen sehr gut, wie wichtig
die politische Beeinflussung der Kinder ist. Nicht bloß in der Schule und
in der Hitlerjugend, vor allem durch eine reichhaltige Kinderliteratur, durch
Zeitschriften und Bücher, nehmen sie einen außerordentlich starken
Einfluß auf den Nachwuchs." Wie Alex Wedding, eine der
wichtigsten Autoren antifaschistischer Jugendliteratur ganz richtig erkannte,
hat die Propaganda der NSDAP die Beeinflussung der Jugend als wichtigen Faktor
vorgesehen. Schon vor der Machtübernahme der Partei im Jahr 1933, war ihr
politisches Programm auf einen Bruch mit der bestehenden Gesellschaftsform
ausgerichtet. Die “durch die Weltwirtschaftskrise materiell und moralisch
verelendete Jugend" sah darin ein Versprechen, die Ungerechtigkeiten des
kapitalistisch ausgerichteten Systems der Weimarer Republik auszumerzen. Die
nationalsozialistische Ideologie gab den orientierungslosen Jugendlichen dieser
Zeit neue Ziele und Werte und entflammte in vielen leidenschaftliche
Begeisterung für die NS-Bewegung. Gleichzeitig machte sie ihre
Anhänger blind für die eigentlichen Absichten der Partei, die, durch
das wohlhabende Bürgertum finanziert, alles andere als eine Änderung
der bestehenden Verhältnisse
anstrebte.
Erziehung im NS-Staat
Rolf Eilers definiert in seiner Schrift “Die nationalsozialistische
Schulpolitik" die Richtlinie für das Erziehungswesen im NS-Staat.
“Der Nationalsozialismus ist eine Weltanschauung, die einen totalen
Anspruch auf Geltung erhebt und nicht Sache zufälliger Meinungsbildung sein
will. Das Mittel, diesen Anspruch durchzusetzen, heißt Erziehung. Die
deutsche Jugend soll (...) bewußt geformt werden nach Grundsätzen,
die als richtig anerkannt sind und sich als richtig erwiesen haben: nach den
Grundsätzen der nationalsozialistischen
Weltanschauung." Die Erziehung der Jugend wurde also als
wichtiges Mittel zur Herrschaftssicherung instrumentalisiert, was natürlich
das “absolute Monopol auf alle Erziehungsinstitutionen"
voraussetzte.
Gleichschaltung des Komplexes Jugendliteratur
Um den Komplex Jugendliteratur einseitig auf die Propagierung der
nationalsozialistischen Ideologie abzustimmen, lösten die
NS-Funktionäre sofort nach der Machtergreifung den kompletten
Prüfungsapparat für die Kinder- und Jugendschriften auf, um ihn sofort
danach, mit zum Teil neuem Personal, für ihre Zwecke wieder einzusetzen.
Das eröffnete den Nazis totale Zensur- und Kontrollmöglichkeiten. Mit
der Übernahme des einflußreichsten Organs der ehemaligen
Prüfungsausschüsse, der Jugendschriften-Warte, besaß die Partei
“ein publizistisches Instrument zur Lenkung der von ihr vertretenen
Schrifttumspolitik und ein Sprachrohr für die Säuberungsaktionen gegen
die vorhandene Jugendliteratur". Fortan waren also alle
Neuveröffentlichungen, sowie auch alle alten Exemplare von Jugend- und
Schulbüchern der nationalsozialistischen Prüfung
unterworfen.
Das Reichserziehungsministerium veranlaßte 1937 eine
“reichseinheitliche Neuordnung" des Schulbücherwesens, indem es eine
verbindliche Grundliste für die Schulbüchereien von Volksschulen
erließ. Zwei Jahre später erfolgte dann auch eine Empfehlungsliste
des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) für die Zusammensetzung von
Oberstufenbüchereien sowie für den Berufs- und
Sonderschulbereich.
Neben den offiziellen Prüfungsinstitutionen nahm auch die Hitlerjugend
(HJ) ihren Einfluß auf die Jugendliteratur. Fritz Helke vom Kulturamt der
Reichsjugendführung rechtfertigt den Anspruch der HJ auf ein
Mitbestimmungsrecht in diesem Gebiet:
“Um eine kritische Würdigung durch Begutachtung der deutschen
Buchproduktion vom Standpunkt der jungen Generation zu ermöglichen, hat
sich die Hitlerjugend in dem Jugendschriftenlektorat der
Reichsjugendbücherei ein schlagkräftiges Instrument
geschaffen." Grundlagen des
nationalsozialistischen Erziehungswesens
Seinen Ursprung hatte das nationalsozialistische Verständnis von
Erziehung schon im Wilhelminischen Deutschland, das bereits eine enge
Verknüpfung von Dichtung und Erziehung vorsah. Nach dem Zusammenbruch des
Kaiserreichs im Jahre 1918 vollzog sich der Herrschaftswechsel
ausschließlich auf höchster Ebene; der gesamte Beamtenapparat blieb
unbescholten weiter im Amt. Mit dem Umbruch wurde zwar eine neue Staatsform
geschaffen, militante und nationalistische Gesinnungen blieben jedoch über
Lehrer oder hohe Militärs weiterhin bestehen.
Dieser Geburtsfehler der Weimarer Republik bot den Nationalsozialisten den
richtigen Unterbau für die Durchschlagskraft ihres
Erziehungswesens.
Funktion, Wirkung und Inhalte der “politischen
Jugendschrift"
Ergebnis dieser Entwicklung war das Auftreten einer neuen literarischen
Gattung: “Die politische Jugendschrift". Diese Erscheinungsform
stützte das Gedankengut und die Weltanschauung des faschistischen Staates
nachhaltig. Zum Wesen der “politischen Jugendschrift" äußert
sich Max Fehring in seinem “Grundsatzreferat zu aktuellen Fragen der
Jugendliteraturarbeit":
“Sie (die politische Jugendschrift) will das Ich durch Erlebnis und
Erkenntnis hineinführen in die Gemeinschaften, aufsteigend von Familie -
Freundschaft - Kameradschaft - bündischem Leben - Berufs-, Wehr-, und
Arbeitsverband bis hin zum Volksstaat. Sie pflegt Einordnung und Unterordnung,
Opferwille und Hingabe aus dem Ethos der völkischen Gemeinschaft, will den
Nachwuchs zur Gliedschaft erziehen in den völkischen
Lebensordnungen." In diesem Auszug werden aber nicht nur
wichtige Elemente der Erziehung angesprochen, sondern gleichzeitig ein Katalog
zentraler Themen für die konkrete Umsetzung im Buch genannt.
H. Mohr definiert in seinem Essay “Zur Frage der politischen
Jugendschrift" Funktionen und Aufgaben der neuen literarischen Gattung. Danach
kommt es ihr nicht zuerst darauf an, “...ein formales Staatsdenken zu
erzeugen, sondern vielmehr in der Jugend ein lebendiges Staatsgefühl zu
erwecken...", ohne explizit auf das politische Programm der Partei einzugehen.
“Die politische Jugendschrift hat also nicht in erster Linie ein
politisches Sachbuch zu sein; (...) nein, sie soll (...) den jungen Menschen
erheben, begeistern (...) und mithelfen, die junge Generation innerlich bereit
zu machen zum Einsatz für den Staat, für die Nation." Erklärtes
Ziel der Faschisten war es, eine emotionale Bindung der Zielgruppe zum NS-Staat
herzustellen, und die junge Generation zu “künftigen Trägern des
nationalsozialistischen Staates" zu erziehen.
Darüber hinaus versprachen sich die auf Massenloyalität
angewiesenen Machthaber, über die leichter verführbaren Kinder auch
bei den Eltern einen Gesinnungswandel herbeizuführen.
Zu den wichtigsten Bestandteilen des “politischen Jugendschrifttums"
zählen hauptsächlich die Werke, die sich mit der “Kampfzeit der
Bewegung" , also dem Zeitraum vor 1933, beschäftigen. Dazu gehören
neben Schilderungen des Führers vor allem Episoden aus dem Bereich der HJ,
dem Bund Deutscher Mädel (BdM) und der Sturmabteilung (SA).
Praktische Umsetzung der Theorie in Karl-Alois
Schenzingers “Hitlerjunge
Quex"
Entstehungsgeschichte des Romans
Karl-Alois Schenzingers Jugendroman Der Hitlerjunge Quex stellte
fast eine Art Prototyp für das Genre “politische Jugendschrift" dar.
1932 erschien er zunächst als Fortsetzungsroman in der
nationalsozialistischen Parteizeitung “Völkischer Beobachter", wurde
aber noch im gleichen Jahr als Buchausgabe veröffentlicht.
Nachdem Schenzinger schon 1931 mit seiner Erzählung Man will uns
kündigen, seine Solidarität zum nationalsozialistischen Kurs der
NSDAP bekundete, wurde er von Baldur von Schirach, dem späteren
Reichsjugendführer, ausgewählt, einen Propagandaroman für die
Hitlerjugend zu schreiben. Bis Kriegsende hatte der daraus entstandene Roman
Der Hitlerjunge Quex, den Schenzinger in nur 14 Tagen fertigstellte, eine
Auflage von einer halben Million Exemplaren erreicht und avancierte zu einem der
populärsten Jugendbücher seiner
Zeit.
Inhaltsangabe
Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Notverordnungen vom 17.6.1932 und
dem Tod des Hitlerjungen Herbert Norkus, der bei einer Auseinandersetzung mit
kommunistischen Gruppen ermordet wurde, beschreibt Schenzinger im Stile eines
Wandlungsromans die Entwicklung des 15-jährigen Heini Völker vom
Anhänger der kommunistischen Internationale bis hin zum Mitglied der HJ.
Dabei steht der Konflikt mit seinem Vater, einem verwahrlosten aber
klassenbewußten Proletarier im Mittelpunkt. Heini, der auf Drängen
seines Vaters einer kommunistischen Jugendgruppe angehört, verabscheut das
Verhalten seiner Kameraden, die in ihrer Freizeit “... herumlungern,
maulen, mit Mädels losziehen und Sauwitze reißen." Er sieht in ihnen
“Nichtskönner und Faulpelze", die “... noch nicht ihren Namen
richtig schreiben (konnten), wenn es darauf ankam."
Ganz im Gegensatz dazu erfüllt ihn das stramme und zackige Auftreten
der uniformierten und Fahnen schwingenden Hitlerjungen, die er heimlich bei der
Sonnenwendfeier beobachtet, mit Begeisterung.
“Er wollte mitsingen, aber seine Stimme versagte. Dies war deutscher
Boden, deutscher Wald, dies waren deutsche Jungens, und er sah, daß er
abseits stand, allein, ohne Hilfe, daß er nicht wußte, wohin mit
diesem großen Gefühl." Er macht sich die Braunhemden
gewogen, indem er einen Hinterhalt, den ihnen seine kommunistische Gruppe
zugedacht hatte, verrät. Als Rache dafür treiben die Jungs der
“Rotfront", wie die kommunistische Gruppe im Buch genannt wird, Heinis
Mutter in den Tod. Er wird in die Gemeinschaft der HJ aufgenommen, die ihm
fortan die Familie ersetzt. Aufgrund seines großen Eifers erhält er
den Spitznamen Quex und wird zum Kameradschaftsführer im NS-Jugendheim
ernannt. Obwohl dieses Jugendheim im Revier seiner ehemaligen Kameraden, jetzt
jedoch tief verhaßten “Rotfront" liegt, zeichnet sich Heini
weiterhin durch übergroßes Engagement aus.
Gerade als die erste Liebe zu einem aufrechten BdM-Mädchen neben
seinem fanatischen Einsatzwillen für die Partei neue Gefühle in Heini
hervorruft, wird er von seinen politischen Kontrahenten und persönlichen
Feinden der “Rotfront" bei einer Auseinandersetzung tödlich verletzt.
Heini stirbt im Kreis seiner Kameraden. An den Tod des Protagonisten haftet
Schenzinger den positiven Beigeschmack eines modernen Märtyrers, der sein
Leben getreu dem historischen Vorbild Herbert Norkus’, als
“Blutopfer der Bewegung" lassen mußte. Somit bekommt der Tod Heinis
eine übergeordnete Dimension, einen tieferen Sinn.
Gattungstypische Merkmale
Allgemein schlechte Verhältnisse
Dieser Jugendroman Schenzingers hat Beispielcharakter für die Gattung
der “politischen Jugendschrift", “weil die weltanschauliche Aussage
in einer für jugendliches Verständnis zugänglichen Form
dargeboten wurde."
Die Veröffentlichung der Geschichte um Heini Völker fällt
genau in den Zeitraum der Weltwirtschaftskrise, der, geprägt von hoher
Arbeitslosigkeit und materiellem Elend, vor allem für viele Jugendliche
keine Zukunftsperspektive offenhielt.
Verherrlichung der HJ
Der Roman versucht, dem Leser den Glauben an Tugenden wie Kameradschaft und
Tapferkeit, die in der HJ ganz oben anstehen, zu vermitteln. Die “sakrale
Gemeinschaft" von stets ordentlichen und disziplinierten Jungs erscheint als
Träger eines ganz neuen Lebensgefühls. Sie bietet Geborgenheit,
verleiht die Sicherheit einer geschlossenen Gruppe und stellt sich voll in den
Dienst einer, für sie erhabenen Idee. Welcher von Krisen gebeutelte Junge
wünschte sich angesichts der idyllisierenden Beschreibung der HJ nicht,
Teil dieser Gemeinschaft zu werden?
Auch Heini Völker ist vom Auftreten der Braunhemden in seinem
Innersten erregt und wünscht sich nichts mehr, als zu den Hitlerjungen zu
gehören,
“... die da eines Tages an ihm vorbeigezogen waren, einer wie der andere
blitzblank, lebendig und frisch, eine Fahne voraus (...). Eine Stunde war er
nebenher gelaufen, nur den Wunsch im Herzen, mitmarschieren zu dürfen in
diesen Reihen, mit diesen Burschen, die jung waren wie er, die Lieder sangen,
bei denen ihm fast das Heulen
kam." Wirkungsabsichten
Die eigentliche Wirkung des Buches liegt aber nicht in der historisch
authentischen Darstellung der damaligen Verhältnisse, sondern vielmehr an
dem hohen Grad von emotionaler Nachvollziehbarkeit. Heini Völker, der aus
dem Zusammenbruch seiner Familienstrukturen und als Reaktion auf die schlechten
Lebensbedingungen, den Schritt zur HJ tut, wird zur Identifikationsgestalt
für die Jugendlichen der Zeit, die in Heini nicht selten ihr eigenes Ich
wiedererkennen.
Der Roman macht es sich zunutze, das “... mehr intuitiv richtig als
wissenschaftlich exakt erfaßte Angst- und Hoffnungspotential auszubeuten".
Gleichzeitig bietet er den Lesern die HJ als zeitgemäße und
problemlösende Institution an, die den Jugendlichen in geordnete Bahnen
einlenkt.
“Dietrich-Eckart-Stiftung" und
“Dietrich-Eckart-Bücherei"
Anläßlich der “Woche des Buches" rief Hans Schemm im Jahre
1934 die “Dietrich-Eckart-Stiftung" und die
“Dietrich-Eckart-Bücherei" ins Leben. Diese Institution gab
jährlich eine Bücherliste aus, “mit denen der junge Deutsche im
Laufe seiner Entwicklung von der Kinderstube an über Schule und
Staatsjugend bis zur Lebensreife und beginnender selbstverantwortlicher
Lebensführung in Berührung kommen sollte."
Im Jahre 1935 wurden 10 Bücher in die
“Dietrich-Eckart-Bücherei" aufgenommen, unter denen auch Adolf
Hitlers “Mein Kampf", Hans Günthers “Kleine Rassenkunde" und
Karl-Alois Schenzingers Hitlerjunge Quex
waren.
Der “Hitlerjunge Quex" als parteihöriger
Spielfilm
Gleichschaltung der Prüfungsinstitutionen
für das Medium Film
Ähnlich wie die Gleichschaltung der Literatur, wurde auch das Medium
Film sofort nach der Machtergreifung vom neu geschaffenen Ministerium für
Volksaufklärung und Propaganda, sowie der am 22.9.1933 gegründeten
Reichsfilmkammer, einseitig in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie
gestellt. Noch im selben Jahr ging daraus eine Art
“Märtyrer-Trilogie" hervor, die die parteihörigen Spielfilme
SA-Mann Brand, Hans Westmar und der auf Karl-Alois Schenzingers
Roman basierende Hitlerjunge Quex, dessen großer Erfolg als
Jugendbuch in diesem Film Rechnung getragen wird, umfaßte.
Der von der Ufa verfilmte, von Karl Ritter produzierte und von Hans
Steinhoff effektvoll inszenierte “Parteiklassiker" Der Hitlerjunge Quex
- Ein Film vom Opfergeist der Jugend, intensivierte die Wirkung der
Romanvorlage und versuchte auch jungen Kinogängern die “emotionalen
Verlockungen des braunen Regimes
nahezubringen."
Welturaufführung des Films in
München
Bei der festlich begangenen Welturaufführung des Films am 16.9.1933 in
München, waren neben hohen Parteifunktionären auch
Reichsjugendführer Baldur von Schirach und sogar Parteiführer Adolf
Hitler anwesend.
Die Handlung wurde gegenüber der Romanvorlage nur geringfügig,
aber doch bewußt geändert. So ist Heini Völker jetzt
Druckerlehrling und kann selbst Propagandazettel herstellen. Sein Vater zeigt
sich in Teilen von der NS-Ideologie überzeugt und sein Tod bleibt nicht im
Verborgenen, sondern wird direkt messerstechenden Kommunisten
zugeschrieben.
Symbolkraft von Fahnen und
Liedern
Eine besonders große Bedeutung in diesem Film, kommt den Uniformen,
Fahnen und Liedern zu, deren “Symbolkraft" für die damalige Zeit
nicht unterschätzt werden darf. So dichteten bzw. vertonten Baldur von
Schirach und
H.-O. Bergmann eigens für diesen Film das später zum
“HJ-Hit" hochstilisierte Lied: “Unsere Fahne flattert uns voran...".
Die innerliche Hinwendung Heinis zur HJ vollzieht sich bezeichnenderweise genau
an der Stelle des Films, wo er eine Gruppe in Reih und Glied hinter einer Fahne
hermarschierender Hitlerjungen beobachtet, die lauthals dieses Lied singen.
Heini wird klar, daß auch er, wie im Lied gefordert, bereit ist zu
“...marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not mit der Fahne
der Jugend für Freiheit und Brot".
Nutzung modernster
Filmtechnik
Hans Steinhoff verstand es glänzend, aus den Möglichkeiten der
modernen Filmtechnik zusätzlich dramatisierendes Kapital zu schlagen. Dr.
Goebbels umschreibt den dem deutschen Film zugrunde liegenden
“psychologischen Wirkungsmechanismus" so: Wenn “...eine hohe ideelle
Gesinnung sich der lebendigsten und modernsten filmischen Ausdrucksmittel
bedient" dann verleiht das “... der deutschen Filmkunst der ganzen Welt
gegenüber einen fast uneinholbaren Vorsprung...".
In der Schlußszene des Hitlerjungen Quex wird dies
eindrucksvoll dokumentiert. Mittels modernster Schnitt- und
Überblendungstechnik tritt aus dem Körper des sterbenden Quex ein
ganzes Heer an Hitlerjungen und Fahnen, die in Mehrfachüberblendungen
verschmelzen, bis schließlich das Hakenkreuz als “Fahne der
Erlösung" überdimensional auf der Leinwand erscheint. Dazu tönt
als musikalische Untermalung der “Vorwärts"-Marsch.
Diese, für damalige Zeiten überwältigende Filmkunst, machte
es den zumeist jugendlichen Zuschauern noch schwerer, sich der Aussageabsicht
des Films zu entziehen.
Resümierend kann man festhalten, daß Schenzingers Hitlerjunge
Quex als Buch, oder später als Film sicherlich seinen Beitrag zur
Verbreitung des Faschismus in Deutschland geleistet
hat.
“Links wo das Herz ist": Exilliteratur des Leonhard
Frank
Kennzeichnung des Autors Leonhard
Frank
Leonhard Frank wurde 1882 in Würzburg geboren.
Seine erste literarische Veröffentlichung 1914, der Roman Die
Räuberbande, wurde noch im selben Jahr mit dem Fontane-Preis
ausgezeichnet. Auch die anderen Werke Franks, die immer aus einen konkreten
Anlaß heraus geschrieben wurden und somit den Bezug zum Zeitgeschehen
wahrten, genossen großes Ansehen. Insbesondere Karl und Anna, ein
in Paris uraufgeführtes Drama, erreichte Weltruhm und wurde in viele
Fremdsprachen übersetzt (sh. Anhang).
Ab 1933 begann für den Autor ein völlig neuer Lebensabschnitt,
die Emigration. Von der französischen Internierungspolitik schon früh
erfaßt, gelangte er unter abenteuerlichen Umständen und mit Hilfe des
“Emergency Recovery Committees", der amerikanischen Hilfsinstitution
für Hitlerflüchtlinge, neben anderen bedeutenden Exilanten wie Thomas
und Heinrich Mann oder Franz Werfel in die USA. Erst 1950 kehrte er in seine
Heimat, die ihm im Exil fremd geworden ist, zurück. Frank und seine Frau
werden in München seßhaft, wo er 1961 stirbt.
In seinem Roman Links wo das Herz ist gibt der Autor ein Bild seiner
Zeit und seines Lebens. Seinen besonderen Reiz zieht der Roman aus der
allwissenden Erzählperspektive des Autors, mittels der er historische
“Personen und Ereignisse dichterisch überhöht oder
verschlüsselt ...". Durch das Setzen von Schwerpunkten und die Bewertung
politisch-geschichtlicher Vorgänge aus der subjektiven Sicht Franks,
bekommt der Leser einen relativ genauen Eindruck von seiner Psyche.
Zur genaueren Beleuchtung seines Lebens soll eine ausführliche
Inhaltsangabe des autobiographischen Romans Links wo das Herz ist dienen,
mit dessen Hauptfigur Leonhard Frank weitgehend identisch
ist.
Not und Demütigungen während seiner Kindheit
Michael wird als viertes Kind einer armen Arbeiterfamilie in Würzburg
geboren. Bedingt durch die materiell schlechten Verhältnisse seiner
Familie, muß er viele Entbehrungen in Kauf nehmen. Viel härter als
das trifft ihn jedoch die Konfrontation mit dem Schulalltag, den der Lehrer
Dürr brutal und autoritär gestaltet. Der Unterricht artet für
Michael zum Psychoterror aus, der immense Folgeschäden auf seine
Persönlichkeitsentwicklung hat.
Selbstfindungsprozeß in München
Eines Tages, Michael hat inzwischen eine Schlosserlehre angetreten,
entdeckt er sein Talent zum Zeichnen. Die unverhoffte Erkenntnis, etwas wirklich
zu können, überwältigt Michael. Er beschließt, seine
Familie zu verlassen um in München Kunstmaler zu werden.
Michael wird in der Stadt auch tatsächlich von einer renommierten
Kunstschule angenommen und knüpft über seine Mitschülerin Sophie,
in die er heimlich verliebt ist, im Münchener Bohème-Cafe
“Stefanie" erste Kontakte zur Künstler-Szene. Sophie integriert
Michael nach und nach in den ihr nahestehenden Künstlerkreis um den
egozentrischen Dr. Otto Kreuz, der, politisch extrem links ausgerichtet, die
neuartige Weltanschauung Siegmund Freuds verwirklicht.
So erobert Michael Sophie wohl eher durch den Einfluß von Kreuz, als
durch die Stimme ihres Herzens, was er aus Naivität nicht
erkennt.
“... er (Dr. Otto Kreuz) forderte seine Anhänger durch Blicke auf,
Sophie und Michael im kleinen Zimmer allein zu lassen. Daß Sophie, die er
besonders schätzte, noch unberührt war, erschien ihm gefährlich
komplexhaft und ihrer nicht würdig." Michael verlebte
einige glückliche Wochen mit Sophie, die ihn neben seinen ersten sexuellen
Erfahrungen auch mit Kunst und Kultur vertraut machte. Doch das junge Glück
währte nur kurz. Dr. Kreuz, dem Sophie jetzt zur praktischen Umsetzung von
Freuds Theorien geeignet erscheint, bindet sie mittels Drogen für
“Analysezwecke" an sich. Michael war für ihn nur Mittel zum
Zweck.
In seinem Innersten verletzt, hegt Michael in blinder Eifersucht sogar
Mordgedanken gegen Kreuz, die allerdings Theorie bleiben. Er kuriert seinen
Liebeskummer durch stundenlanges Malen, doch obwohl er letztlich viel Geschick
im Umgang mit dem Pinsel entwickelt hat, was sich auch in finanziellem Erfolg
niederschlägt, resigniert er in der Erkenntnis, daß “... Malen
für nicht das Medium sei, sich auszudrücken."
Als Michael vom Kokaintod Sophies erfährt, ist er erschüttert.
“Er war auf einer höheren Ebene so unklar über sich wie vor
fünf Jahren als Schlosser am Schraubstock."
Neubeginn als Schriftsteller in Berlin
Er flieht nach Berlin, wo sich sein Gefühlszustand trotz eines recht
luxuriösen Lebensstils nicht bessert. So bringt er sein in München
verdientes Geld schnell durch und als ihn seine Vermieterin entläßt
steht Michael plötzlich vor dem Nichts. Kurzerhand übernachtet er auf
einer Parkbank. In dieser Nacht vollzieht sich für Michael, der auf einem
schmalen Grat zwischen völliger Abkehr von der Welt und einem Neuanfang in
ihr wandert, eine lebenswichtige Weichenstellung.
Ein Alptraum, der in den schönsten Traum seines Lebens umschlägt,
verleiht ihm beim Erwachen trotz seiner eigentlich prikären Situation, ein
schier überirdisches Gefühl von “...grenzenlosem
Größenwahn...".
Er geht in sein Stammlokal, den Künstlertreffpunkt “Café
des Westens" und verliebt sich in einen Gast. Ihm ist sofort klar: “Dort
saß die Lebensgefährtin". Aus seinem Hochgefühl heraus spricht
er Lisa an und bereits vier Wochen später sind sie verheiratet.
Den tiefen Wunsch in sich tragend, doch noch Künstler zu werden,
entschließt sich Michael, einen Roman zu schreiben. Fortan ist er für
nichts anderes als die Schreiberei zu motivieren, die ihm nach anfänglichen
Schwierigkeiten immer besser gelingt.
Im März 1914, nach über eineinhalb Jahren, in denen das junge
Ehepaar von der Hand in den Mund gelebt hat, ist sein Roman Die
Räuberbande fertig. Der Erfolg ist durchschlagend. Ein Verleger bietet
Michael ein stattliches Honorar und auch die Kritiker sind des Lobes voll.
Michael verarbeitet in diesem Buch, genauso wie im darauffolgenden Die
Ursache, seine schlimmen Kindheitserfahrungen mit dem Lehrer Dürr und
hat sich dadurch “... freigeschrieben von den psychischen Ungeheuern, die
ihm von diesem Erzieher mitgegeben worden waren auf den Weg ins
Leben."
Erfahrungen mit dem 1. Weltkrieg und der Weimarer Republik
Der Größenwahn, von dem er immer noch zehrte findet mit dem
Beginn des 1. Weltkriegs ein abruptes Ende. Michael und Lisa sind entsetzt von
der allgemeinen Kriegsbegeisterung in Berlin, die auch vor den Intellektuellen
nicht haltmacht.
“Sie hielten den Kopf gesenkt und sprachen nicht - unter Wahnsinnigen zwei
Fremdkörper, die fürchteten, daß sie von den Wahnsinnigen
für wahnsinnig gehalten und zermalmt werden würden, wenn sie
aussprächen, was das Herz sagte." Die Kriegsverachtung
Michaels gipfelt in einer handfesten Auseinandersetzung mit einem Fanatiker im
“Café des Westens". In weiser Voraussicht verläßt
Michael noch in der selben Nacht, der des 7.5.1915, das Land gen der Schweiz,
denn schon am nächsten Morgen liegt Haftbefehl gegen ihn vor.
Vor dem Hintergrund der Revolution in Rußland schreibt er das
Antikriegsbuch “Der Mensch ist gut", das in ganz Europa große
Popularität erlangt, in Deutschland aber verboten wird. Nach Kriegsende
verlassen Lisa und Michael die Schweiz. In Deutschland sehen sie die
Nachkriegsrevolution scheitern, die Inflation wüten und die Weimarer
Republik aufsteigen
Das Jahr 1921 bringt für Michael zwei schwere Schicksalsschläge
mit sich. Zuerst stirbt im Frühjahr seine Mutter und wenig später
erliegt seine geliebte Ehefrau Lisa einer schweren Herzerkrankung, die sie schon
ihr ganzes Leben lang behindert hatte. Diesen Schock überwindet er lange
nicht. “Er mußte erfahren, daß für den, der liebte, auf
Erden nichts so unermeßlich furchtbar ist wie das Irreparable des Todes."
Erst nach 14 Monaten der Abkapselung findet Michael ins Leben zurück,
daß aber noch ungeordnet verläuft. Er lebt planlos in den Tag hinein
und führt ein exzessives Nachtleben.
Mitte 1927 lernt Michael über einen Bekannten eine neue Frau kennen.
Ilona gibt sich ihm gegenüber verschlossen, aber Michael glaubt, den
Schlüssel zu ihr gefunden zu haben. Im Frühjahr 1928 heiraten beide.
Michael bringt zwei neue Bücher heraus, den Roman Ochsenfurter
Männerquartett und das Drama Karl und Anna, wobei vor allem
letzteres ein großer Erfolg wird. Trotzdem kommt es immer wieder zu
Spannungen in seiner Ehe. Er will sich von Ilona trennen, aber ihre
Schwangerschaft bewahrt ihn zunächst vor diesem Schritt. Als nach der
Geburt eines Sohnes kein friedliches Zusammenleben mit Ilona möglich ist
muß Michael resigniert einsehen: “Den Schlüssel zu der Festung
gibt es nicht." Innerlich ausgelaugt konzentriert er sich wieder auf das
Schreiben.
Eines Tages begegnet Michael im Café einem jungen Mädchen,
daß ihn so sehr an die Hanna aus dem Ochsenfurter
Männerquartett erinnert, daß er hellauf begeistert sofort
unsterblich in sie verliebt ist. Aber bevor er sie ansprechen kann, ist
Charlotte, ihren Namen konnte er ausfindig machen, auch schon wieder
verschwunden. Weitere Nachforschungen über sie verlaufen im
Sande.
Erfahrungen im Exil
Durch die Weltwirtschaftskrise der frühen 30er Jahre gewinnen die
Nationalsozialisten in Deutschland immer mehr an Boden. Michael sieht diese
Entwicklung mit Entsetzen und flüchtet, nachdem der Reichstag brennt
über München in die Schweiz. Bald darauf werden seine Schriften in
Deutschland verboten und er selbst wird ausgebürgert. Von einer inneren
Leere getrieben, reist Michael nach Paris, wo er bald festgenommen und in ein
Konzentrationslager gesteckt wird. Obwohl an den höheren Schulen
Frankreichs nach seinen Romanen Deutsch gelehrt wurde, muß er wie Tausende
andere Emigranten auch, die entwürdigenden Umstände in der
Gefangenschaft erdulden. Nach einer zwischenzeitlichen Freilassung wird Michael
später wieder verhaftet und in einem Lager in der Bretagne festgehalten.
Sogar als die Nazis Frankreich besetzen, werden die Insassen nicht freigelassen.
Um dem sicheren Tod durch die Deutschen zu entgehen wagt Michael mit zwei
anderen Gefangenen die Flucht aus dem Lager, die schließlich auch gelingt.
Da der Seeweg nach England blockiert ist, nehmen die drei eine abenteuerliche
Wanderung von der Atlantikküste bis zum Mittelmeer, quer durch deutsche
Linien, in Kauf. Als sie total entkräftet endlich in Marseille ankommen,
wird ihnen von den französischen Behörden die Ausreise verweigert.
Aber Michael schafft es dann doch, über Spanien ins rettende Amerika zu
gelangen.
Zunächst verschlägt es ihn nach Hollywood, wo er Bekanntschaft
mit Thomas Mann macht. Ansonsten fühlt er sich fremd und nutzlos in dieser
Stadt und zieht ins europaähnliche New York. Von hier aus verfolgt Michael
das Kriegsende. Die Berichte vom zerstörten Deutschland nimmt er zum
Anlaß, mehrere Kurzgeschichten über die Nachkriegszeit zu schreiben.
Aber außer seinem Sohn, der 1941 mit der Mutter nach Amerika kam und ihn
gelegentlich besucht, hat Michael wenig Kontaktpersonen in New York. Er
konzentriert sich daher wieder mehr aufs Schreiben und Bringt einen neuen Roman
und diverse Kurzgeschichten zu Papier.
Begegnung mit seiner “Traumfrau"
Als er auf einer Urlaubsfarm einige Zeit ausspannen will, verändert
sich sein Leben grundlegend. Er begegnet Charlott, dem “... lebend aus dem
Ochsenfurter Männerquartett herausgestiegenen Idealbild seiner
Manneswünsche...". Michael kommt mit ihr ins Gespräch und
erfährt, daß sie seine Romane, auch das Ochsenfurter
Männerquartett, kennt und schätzt. Einen aus mangelnder
Selbstbeherrschung unternommenen Annäherungsversuch von ihm wehrt sie
allerdings erschrocken ab. Sichtlich unsicher verbringen beide einige Tage
kontaktlos nebeneinander, bis es schließlich zur Aussöhnung kommt.
Die Liebe ist so groß, daß sie beschließen zu heiraten.
Während Charlott die Scheidungsformalitäten mit ihrem Mann regelt,
beginnt Michael seine Lebensgeschichte in dem Roman Links wo das Herz ist
niederzuschreiben.
Rückkehr nach Deutschland
Er geht mit Charlott nach 17 Jahren Emigration zurück nach
Deutschland, wo er aber eher sachlich nüchtern empfangen wird. Seine
Bücher sind zum Großteil in Vergessenheit geraten; “Über
Michael hatte Hitler gesiegt". Er läßt sich schließlich mit
Charlott in München nieder, wo er im Mai 1952 Links wo das
Analyse von Karl-Alois Schenzingers zweitem politischen
Roman “Der Herrgottsbacher Schülermarsch"
Schenzingers zweiter politischer Roman Der Herrgottsbacher
Schülermarsch, der 1934 veröffentlicht wurde, steht mit seinem
nationalsozialischen Grundtenor natürlich im schroffen Widerspruch zu den
Anschauungen des Exilautors Leonhard Frank.
Der Autor beschreibt darin die Einwirkungen, die der politische
Machtwechsel der 30er Jahre auf das kleine, streng katholische Städtchen
Herrgottsbach hat. Auch dieser Roman Schenzingers fällt unter die Kategorie
“politische Jugendschrift" und steht mit der Verherrlichung der
nationalsozialistischen Jugendbewegung ganz in der Tradition des Hitlerjungen
Quex.
Die Geschichte schildert den Kampf einer idealistischen, weltoffenen und
fortschrittlichen Gesinnung, deren Träger die HJ und ihre Gönner sind,
gegen die spießbürgerliche und veraltete Weltanschauung der
traditionsbewußten Herrgottsbacher, die sich der nationalsozialistischen
Bewegung aus religiösen Gründen verschließen.
Vorstellung der
Hauptcharaktere
Ohne eine Hauptfigur herausheben zu können, verstrickt der Roman das
Schicksal von fünf Jungen miteinander, die sich früher oder
später alle zu überzeugten Hitlerjungen entwickeln. Dolf Laible, der
kränkliche Sohn des Briefträgers und Otto Dobel, ein protestantischer
Junge, der der HJ schon länger als Kameradschaftsführer vorsteht und
die geborene Führerpersönlichkeit verkörpert, werden von ihren
Eltern im Ausdruck ihrer Gesinnung unterstützt. Anders verhält es sich
mit Max Dolfinger, dem Sohn des Polizeikommissars und Adolf Blankenhorn, dessen
Vater die gängige Tageszeitung in Herrgottsbach, den
“Oberschwäbischen Beobachter", besitzt. Während Letzterer
zunächst selbst wenig Interesse an der nationalsozialistischen Bewegung
zeigt, steht Max Dolfinger, aus dem die herzkranke Mutter unbedingt einen
Geistlichen machen will, unter der strengen Hand seines konservativen Vaters.
Zum Schluß ist noch der Klassenprimus und Lehrersohn Karl Häderer zu
nennen, der zu Beginn noch politisch unentschlossen
ist.
Inhaltsangabe
Die Geschichte setzt einige Wochen vor der Machtergreifung der Nazis ein.
Während ganz Herrgottsbach den immer stärker aufkommenden Nazis mit
Skepsis gegenübersteht, hat sich eine Handvoll Jungens bereits für die
Bewegung entschieden. Unter ihnen ist natürlich Otto Dobel, Dolf Laible und
auch Max Dolfinger, der seine Sympathien für die
“Gotteslästerer" jedoch mit Prügel bezahlen muß.
Scheinablehnung des Nationalsozialismus seitens der
Herrgottsbacher
Als bekannt wird, daß der Lehrer Häderer Mitglied der NSDAP ist,
wird er von seinem Amt enthoben. Daß er darüber hinaus sein
neugeborenes Kind nicht taufen lassen will, wird als ungeheuerlich empfunden und
ganz Herrgottsbach beteuert nach außen seine Abneigung gegen die neue
Politik. Schnell verdrehen Sie das Kürzel HJ zu “Heidenjunge". Eine
Versammlung der Nazis, für die selbst der große Saal des Gasthauses
nicht ausreicht, um allen Besuchern Platz zu bieten, dokumentiert aber doch ein
geheimes Interesse an der Bewegung. Diese Versammlung artet schließlich in
eine einzige Prügelei zwischen Hitlerjungen und jugendlichen Katholiken
aus.
Aufstand der HJ
Am nächsten Schultag bleiben die Hitlerjungen dem Unterricht
geschlossen fern. Erst in der Pause erscheinen sie auf dem Schulhof und zetteln
eine Revolte an. Zusammen mit vielen anderen Schülern rufen sie immer
wieder im Chor die Parole: “Wir wollen nicht mehr lügen" und prangern
damit die gesellschaftlichen Normen an. Die Lehrer lösen das Treiben auf
dem Schulhof auf und suspendieren die Aufrührer fürs erste vom
Unterricht.
Vor allem für Max Dolfinger ist diese Situation fatal. Sein Vater ist
entsetzt vom Verhalten des Sohnes und stiftet permanent häuslichen
Unfrieden.
“... seit dieser unleidigen Geschichte in der Schule ist hier die wahre
Hölle im Hause. Der Junge darf sich nicht sehen lassen vor dem Vater. (...)
...Flucht vor dem Vater war das häusliche Leben für Mutter und
Sohn." Diesen Aufregungen um den Sohn hält das schwache
Herz der Mutter nicht stand. Sie stirbt mit den Worten: “Mein Gott, wo
bist du? (...) Warum hast du mich verlassen." Der Vater gibt natürlich Max
die Schuld für dieses tragische Ereignis und jagt ihm damit schreckliche
Schuldkomplexe ein.
Auswirkungen des politischen Machtwechsels auf
Herrgottsbach
Mitten in die Verhandlungen um die Rädelsführer des Komplotts,
die vom extra angereisten Oberschulrat geführt werden, fällt die
Nachricht, daß Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler ernannt
wurde.
Diese Neuigkeit macht viele Herrgottsbacher offener für die
NS-Bewegung, aber die Bewußtseinsänderung der Bürger wird vom
Stadtpfarrer durch glühende Predigten zurückgedrängt. Die HJ
hingegen feiert den Sieg. Sie besetzt den hoch über die Stadt ragenden
Klosterturm, der ihnen fortan als Hauptquartier dient und hißt eine
große Nazi-Fahne.
Diese Euphorie teilt Max Dolfinger nicht. Wie es sich seine verstorbene
Mutter gewünscht hätte, tritt er in die “Marianische
Kongregation", die katholischen Widersacher der HJ, ein. Als sein Vater ihm
jedoch mitteilt, daß er wieder heiraten will, schlägt Max’
Gesinnung doch wieder um. Aus Verachtung vor dem Vater wendet er sich der HJ zu,
die ihm zum Familienersatz wird.
Schließlich kommt der Tag der Wahl. Schon am frühen Morgen
verteilen die Hitlerjungens Propagandazettel für die NSDAP. Unter ihnen ist
auch der kranke Dolf Laible, der, obwohl ihm der Arzt strengste Bettruhe
verordnet hat, um jeden Preis dabei sein will. Er bricht auf offener
Straße zusammen und wird, um Ruhe zu finden, noch am selben Tag zu seinem
Onkel nach Sigmaringen gebracht. Aber schon auf dem Weg dorthin verschlechtert
sich sein Zustand und er stirbt in den Händen seines Vaters.
Der Wahlsieg der NSDAP wird von der HJ frenetisch gefeiert.
Als der als Wendehals verschriene Karl Häderer die Borniertheit des
traditionsbewußten Gesellschaftssystems am eigenen Leib erfährt,
bekennt auch er sich voll und ganz zur HJ. Um aber vor dem Vorwurf des
Opportunismus gefeit zu sein, geht er zu einem Verwandten nach Österreich,
wo “es noch was zu kämpfen (gibt)."
Die Nachricht vom Tod des Dolf Laible trifft seine Kameraden von der HJ wie
ein Schlag. Otto Dobel gibt seinem Tod in einer spontanen Ansprache einen
tieferen Sinn: “Dolf Laible ist nicht gestorben (...) er ist gefallen.
(...) Er war Adolf Hitlers bester Soldat. Und daß es noch solche Jungens
gibt, ist das schönste."
Begeisterung für die Fliegerei
Nachdem auch Adolf Blankenhorn in den Kreis der HJ aufgenommen wird,
beginnt der dritte und letzte Abschnitt des Buches unter dem Schlagwort
“Himmelfahrt", in dem die Begeisterung der Jungens für die Fliegerei
zum Ausdruck kommt.
Eines Tages zieht ein Flugzeug über Herrgottsbach hinweg und landet im
nahen Friedrichshafen. Blankenhorn bringt in Erfahrung, daß es sich beim
Piloten um den Ehrenführer der Flieger-HJ handelt. Angesichts dieser
Neuigkeiten hält die Jungs nichts mehr zurück und sie
beschließen spontan, nach Friedrichshafen zu fahren um Pilot und Flugzeug
zu besuchen und zu bewundern. Ihre Abreise bleibt aber nicht geheim. Die
“Marianische Kongregation", von der Fliegerei nicht minder begeistert,
erfährt von den Absichten der Hitlerjungen und folgt ihnen heimlich. Die
verfeindeten Parteien besuchen gemeinsam die Maschine und den Piloten, Major v.
Schenk. Dieser erzählt ihnen spannende Geschichten von seiner aktiven Zeit
als Kampfflieger im 1. Weltkrieg und lädt alle in die Fliegerschule nach
Böblingen ein.
Währenddessen gewinnt der Nationalsozialismus auch in Herrgottsbach
immer mehr Anhänger. Erst recht, als Otto Dobel mitten auf dem Marktplatz
zu den Bürgern Herrgottsbachs spricht. Der Kameradschaftsführer ruft
im Zuge einer symbolischen, von der HJ durchgeführten Verbrennung von
Grenzpfählen, zu Gemeinschaft und Nationalbewußtsein auf. Die
glühende Ansprache zieht die Herrgottsbacher in ihren Bann.
“Sekundenlang geschah nichts. Dann schlug ein Gewitter des Beifalls gegen
die Wände der Häuser. “Deutschland, Deutschland über alles"
setzten die Jungens ein, (...), und wie ein steigender Strom, wie eine wachsende
Lawine schwoll der Gesang mit den Stimmen der Herrgottsbacher Bürger
an." Diese Aktion beschert den Hitlerjungen einen Haftbefehl,
der wie sich später herausstellt, nur versehentlich ergangen war. Die Jungs
entgehen der Vollstreckung des Urteils, indem sie der Einladung des Majors
nachkommen und nach Böblingen fahren. Der Besuch der Flugschule,
einschließlich einem Rundflug mit dem Major, verstärkt die
Flugbegeisterung der HJ. Besonders Max Dolfinger ist beseelt von dem “...
Gefühl, das sein Inneres wie ein wachsendes Feuer durchzog."
Zurück in Herrgottsbach ist der Haftbefehl gegen die HJ schon nicht
mehr aktuell.
Als der Kommissar Dolfinger seine Verlobung bekannt gibt,
verläßt Max, der das Verhalten seines Vaters als Verrat an der Mutter
wertet, Herrgottsbach, um sich in der Böblinger Fliegerschule vorzustellen
und damit seinen Lebenstraum zu erfüllen. Auch Blankenhorn rückt von
zu Hause aus um Flieger zu werden.
Jetzt holt Schenzinger zu einem grandiosen Schlußgedanken aus. Max
Dolfinger erfährt bei einem Besuch Otto Dobels in Böblingen, daß
sein Vater von den Nazis wegen separatistischer Aktivitäten in Schutzhaft
genommen worden ist. Er bekniet daraufhin den Major v. Schenk, mit ihm in das
Gefangenenlager seines Vaters zu fliegen. Mit der Hilfe des einflußreichen
Majors gelingt es Max, seinen Vater, der über den Unterricht im Lager
mittlerweile ein überzeugter Nationalsozialist ist, zu befreien.
Schlußendlich gewährleistet also die nationalsozialistische
Gesinnung Maxens, von der ihn sein Vater mit vehementem Widerstand abbringen
wollte, dessen Freiheit. Tief beeindruckt von dieser Erkenntnis verspricht Herr
Dolfinger seinem Sohn, der Mutter die Treue zu halten und nicht wieder zu
heiraten.
Ausnahmestellung Otto Dobels
Otto Dobel nimmt in Schenzingers Roman eine besondere, fast
überragende Position ein. Er verkörpert alle Tugenden des geborenen
Führertyps, wie
z.B. Kameradschaft, Opferbereitschaft und Einsatzwille, aber gleichzeitig
auch in Verbindung mit Autorität und Befehlsgewalt. Diese
Charakterzüge lassen sich an vielen Stellen im Buch nachweisen.
Seine Ausnahmerolle wird schon ganz zu Beginn verdeutlicht. Während
alle Jungs in seiner Klasse katholisch sind, ist Otto Dobel der einzige mit
protestantischem Bekenntnis. Das hindert ihn aber nicht daran, sich für
seine Mitschüler einzusetzen. Als in der Schule der Schuldige für
einen kleinen Streich gesucht wird, dokumentiert Otto seine Opferbereitschaft.
Nachdem sich der Gesuchte nicht rührt, nimmt Otto Dobel spontan die Schuld
auf sich, um somit der Klasse als Gemeinschaft die Strafe zu ersparen. Daß
sich seine Mitschüler, die um Ottos Unschuld wissen, jetzt aus
Solidarität allesamt erheben, unterstreicht nachdrücklich den Respekt,
den sie ihm entgegenbringen.
Außerhalb der Schule ist Otto die Anlaufstelle für seine
Schulkameraden. So zum Beispiel für Max Dolfinger, dessen Familie ihm keine
Nestwärme bietet.
“Da war er nun mitten in seiner Heimatstadt, stand mitten in der Wohnung
von Vater und Mutter, stand in seiner eigenen Stube und hatte Heimweh,
richtiggehendes Heimweh. Heimweh nach einem Menschen, zu dem er reden konnte,
der seine Gedanken dachte, seine Nöte verstand, seine Freude fühlte,
der jung war wie er, der leben wollte wie er, der hinaus wollte wie er.
Wohin? (...) Zu Otto! Zu Otto Dobel! Zum “Judas"...
Die ganze Zeit schon hatte er’s gewußt.
Seit Wochen schon!" Otto Dobel
als Anführer der HJ
Richtige Führerqualitäten beweist Otto Dobel im Kreise der HJ,
der er als Kameradschaftsführer vorsteht. Hier respektiert jeder seine
Autorität. Bei öffentlichen Auftritten der HJ, wie zum Beispiel der
Revolte im Schulhof oder bei der Verbrennung der Grenzpfähle auf dem
Marktplatz, führt Otto das Wort.
Darüber hinaus ist er der Verbindungsmann zu höheren
Persönlichkeiten der Partei. So unterhält er enge Kontakte zu dem
Nationalsozialisten und früheren Lehrer Häderer, der später die
Geschäfte der Stadt Herrgottsbach kommissarisch verwaltet. “Sein
bester Bundesgenosse war Otto Dobel, seine treuesten Soldaten (...) waren die
Jungens, die dem Kameradschaftsführer Dobel unterstanden."
Auch beim Besuch des Piloten Major v. Schenk, regelt er die
Formalitäten mit dem Ehrenführer der Flieger-HJ ab. Daß zur
Führerpersönlichkeit auch ein Schuß Befehlsgewalt gehört,
beweist Otto Dobel mehrmals. Wenn er seine Jungs zum Antreten auffordert, dann
herrscht sofort Ruhe. Besonders eindrucksvoll kommt seine Autorität beim
Zusammentreffen der HJ mit “Marianischen Kongregation" zum Ausdruck. Auch
die katholischen Jungs begeben sich ohne zu murren unter den Befehl Otto Dobels
“als verstünde sich das von selbst", obwohl sie einen eigenen
Anführer haben.
Schenzinger hat mit der Figur des Otto Dobel einen Charakter geschaffen,
von dem ausgehend die jungen Leser einen Bezug zum “Reichsführer
Adolf Hitler" herstellen sollen. Die durchweg positiven Eigenschaften der
Romangestalt sollen ins tägliche Leben hineinprojeziert, und somit auf alle
Staatsautoritäten übertragen werden. Die bedingungslose Unterordnung
der Hitlerjungens gegenüber ihrem Führer, der seine Machtposition aber
nie zum eigenen Vorteil ausnützt, soll dem Leser als leuchtendes Vorbild
dienen und ihn zur Nachahmung anregen.
Allgemeine Beliebtheit von Fliegerromanen
Gern aufgegriffene Themen in der Jugendbuch-Szene ab 1933, waren unter
anderem auch Berichte vom Fliegen, von der Seefahrt und von der Technik. Von
diesem Lesestoff versprachen sich die Nazis, über das Interesse der
Jugendlichen an modernen Technologien, ihre Begeisterung für das
Militär zu wecken.
Getreu der Forderung Herrmann Görings, der selbst Kampfflieger im 1.
Weltkrieg und ab 1935 Oberbefehlshaber der Luftwaffe war, “Das deutsche
Volk muß ein Volk von Fliegern werden", fanden vor allem Fliegerromane
immer mehr Anklang bei den Jugendlichen. So wurde Manfred Freiherr von
Richthofens Jugendroman “Der rote Kampfflieger", allein bis 1938 420000
mal verkauft und dokumentiert damit den Enthusiasmus der deutschen Jugendlichen
für die Fliegerei.
Karl-Alois Schenzingers integriert dieses Thema im letzten Abschnitt seines
Jugendbuchs Der Herrgottsbacher Schülermarsch, der
bezeichnenderweise mit “Himmelfahrt" überschrieben ist.
Jugendliche geeint in Fliegerbegeisterung
Eines Tages zieht ein Flugzeug mit “donnernde(m) Getöse"
über Herrgottsbach hinweg. Die Bürger sind beeindruckt von dieser
Maschine. Ihre “...Gesichter (hatten) in den hohen Himmel hinaufgestarrt,
mit großen, hellen, fast erschrockenen Augen, hatten schnell den silbrigen
Vogel entdeckt und mit Blicken festgehalten, solange wie es gegangen
war."
Auch der HJ bleibt dieses Spektakel nicht verborgen. Nachdem sie erfahren,
daß der Pilot Ehrenführer der Flieger-HJ ist, beschließen sie,
ihn und das Flugzeug auf dessen Landeplatz im nahen Friedrichshafen zu besuchen.
Auch die katholischen Jungs der Kongregation können sich dem Reiz, den das
Flugzeug auf sie ausübt, nicht entziehen und folgen der HJ nach
Friedrichshafen. Die eigentlich verfeindeten Gruppen der Hitlerjungen und der
“Marianischen Kongregation" treten also, geeint durch die Begeisterung
für die Fliegerei, gemeinsam die Reise an. Sie werden auch tatsächlich
vom Piloten, dem Major v. Schenk empfangen. Der frühere Kampfflieger
erzählt den Jungs von seinen Einsätzen und erklärt ihnen die
Funktionsweise des Flugzeugs. Damit zieht er sie voll in seinen Bann. Als er mit
einem der Jungen an Bord von einem kleinen Rundflug zurückkehrt, gibt es
für die Gruppe kein Halten mehr. “Die Jungens stürmten die
Maschine, hoben den Major auf die Schultern und trugen ihn unter
ohrenbetäubendem Geheul um die Maschine herum."
Als der Major sich verabschiedet, spannt er einen Bogen von der allgemeinen
Flugbegeisterung der Gruppe hin zum gemeinschaftlichen Einsatz für eine
Idee.
“Es freut mich, daß ihr gekommen seid. Es freut mich doppelt,
daß ihr gemeinsam gekommen seid. Die Not einigt. Aber auch die Liebe zu
einer großen Sache einigt, und ich freue mich unbändig, daß es
gerade die Fliegerei ist, die euch gemeinsam hierher geführt hat. Ich nehme
das, bei Gott, als ein gutes Zeichen, Jungens! Kommt bald mal zu mir nach
Böblingen. Ich zeige euch dann die Fliegerschule. Heil
Hitler!" Nach den Eindrücken dieses tollen Tages, kommen
die Jungs der Einladung des Majors schon bald nach.
In Böblingen darf jeder einen Rundflug mitmachen, und die Euphorie der
Jungs steigt ins Unermeßliche.
“So etwas also konnte der Mensch! Ein Druck seines Fußes, ein Griff
seiner Hand, und schon sank die Last der Erde weit zurück. Kein Hindernis
mehr, kein Gewicht, kein Hemmnis, kein Widerstand. Alles überwand der
Mensch: Ein Druck seiner Hand: ihm gehorchte die Erde, vor ihm neigte sich die
Welt." Schenzinger verbindet mit der Begeisterung für die
Luftfahrt auch die Verbreitung der NS-Ideologie. Durch diese Parallelschaltung
will Schenzinger die moderne und befreiende Einstellung der Menschen zur
Luftfahrt auch auf den neuen Staat
übertragen.
Vergleichende
Interpretation
Leonhard Frank und Karl-Alois Schenzinger als
Träger unvereinbarer Lebenseinstellungen
Den Romanen Links wo das Herz ist von Leonhard Frank und Karl-Alois
Schenzingers Der Herrgottsbacher Schülermarsch liegt ein von Grund
auf verschiedenes Verständnis von Mensch und Gesellschaft zu Grunde. So ist
die Lebensphilosophie des Exilautors Leonhard Frank stark von
pazifistisch-sozialistischen Einschlägen geprägt, mit denen er sich in
all seinen Romanen identifiziert. In seiner Novelle Die Ursache
verurteilt Frank die Todesstrafe als unmenschliches Mittel zum Strafvollzug.
“Der Mensch ist gut" zeigt schonungslos die Brutalität eines Krieges
auf und erteilt gewaltsamen Auseinandersetzungen jeglicher Art eine schroffe
Absage. Sein Roman Die Jünger Jesu prangert die inhumanen Züge
des Nationalsozialismus, wie z.B. den Antisemitismus, an.
Am Ende seiner in Links wo das Herz ist niedergeschriebenen
Lebensgeschichte gibt er sich eindeutig als Anhänger der sozialistischen
Staats- und Wirtschaftsform zu erkennen. Über Michaels Glaubensbekenntnis
prognostiziert er, daß “... die Haben-haben-haben-Wirtschaftsordnung
(...) im Jahre 2000 abgelöst sein wird durch die sozialistische
Wirtschaftsordnung."
Ebenso intensiv glaubt Leonhard Frank an die Kraft der Liebe, die sich im
Roman durch seine Beziehungen zu Frauen äußert. Im Glaubensbekenntnis
definiert Michael die gegenseitige Liebe als das größte Glück im
Leben: “Wer das nicht erlebt, hat nicht gelebt".
Im Gegensatz dazu ist die Lebenseinstellung, die Schenzinger im
Herrgottsbacher Schülermarsch vermittelt, von ganz anderen
Wertvorstellungen geprägt. Traditionelle Werte wie Religiosität werden
von ihm durchweg negativ besetzt, da sich ihre Träger der
nationalsozialistischen Idee verschließen. Vor allem der Stadtpfarrer
Strobel ruft die Herrgottsbacher immer wieder zu aufrechtem Katholizismus auf
und warnt vor der neuen Idee. Schenzinger verurteilt dadurch das konservative
Spießbürgertum, weil es nicht offen für neue Einflüsse ist.
Besser als die sturen Väter verhält sich die aufgeschlossene,
jüngere Generation. Der Autor bestimmt die avantgardistische Ideologie der
HJ als die einzige, den Ansprüchen der Zeit genügende, Gesinnung. Der
Kampf für diese Gesinnung, nicht selten mit einem Bruch bestehender
Gesellschaftsnormen verbunden, nimmt eine zentrale Position im
Herrgottsbacher Schülermarsch
ein.
Gegensätzlichkeit bei der Bewertung und der
Auswirkungen geschichtlicher Ereignisse
Aus der Gegensätzlichkeit der Lebenseinstellungen ergeben sich
natürlich auch völlig unterschiedliche Bewertungen von historischen
Ereignissen. Am Eindrucksvollsten läßt sich der Nachweis dieser These
vor dem Hintergrund der Machtübernahme der Nazis bei Leonhard Frank
führen.
Er beschreibt die Entwicklung dieser “unheilschwangeren Wirklichkeit"
in düsteren Farben. Ihren Auslöser sieht er, im Unterschied zu
Schenzinger, nicht in der überragenden Eindringlichkeit der
nationalsozialistischen Ideologie, sondern führt die hohe Arbeitslosigkeit
und die materiell elenden Verhältnisse der Menschen während der
Weltwirtschaftskrise als Grund für die Machtübernahme des
“Sumpfmenschen Hitler" an. Seine Ernennung zum Reichskanzler ist für
Michael, alias Leonhard Frank, politisch nicht zu rechtfertigen. Den brennenden
Reichstag wertet er als gemeinen Trick, um eine legitime Begründung
für die Verhaftung von Kommunisten in der Hand zu haben. “Wenn die
etwa glauben sollten, mit Gangstermethoden auch Weltpolitik machen zu
können, wären sie schon jetzt zum Untergang verurteilt und würden
wie Gangster enden." Da die Nationalsozialisten Michael schon früh als
ihren Gegner fixiert hatten; es erschien “ ...ein Artikel (im
<Völkischen Beobachter>), gespickt mit Drohungen und wüsten
Schimpfworten (...) gegen ihn ...", geht Michael schließlich in die
Schweiz, “fliehend vor einer unsichtbaren Gefahr." Seine spätere
Deportation ins Konzentrationslager weist ihn nachdrücklich als Nazi-Gegner
aus.
Während sich die Einstellung Leonhard Franks gegenüber dem
Nationalsozialismus nie ändert, durchlaufen die Bürger Herrgottsbachs
einen Prozeß der allmählichen Bewußtseinsänderung. Vor
1933 beteuert jeder, zumindest nach außen, seine Abneigung gegen die
Bewegung. Nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt wird, schlägt die
Stimmung in Herrgottsbach langsam um. “Sie (die Bürger) waren wach.
Da und dort loderte schon die Begeisterung...".
Nachdem die Reichstagswahlen vom 5.3.1933 den Nazis die politische Macht
beschert, bringen auch die Herrgottsbacher ihre Sympathien für den neuen
Staat frei zum Ausdruck. Der tosende Beifall und das gemeinsame Singen des
Horst-Wessel-Liedes nach Otto Dobels Rede auf dem Marktplatz, dokumentiert die
geistige Einheit der Bürger. Als sich am Schluß auch noch der stramm
konservative Kommissar Dolfinger von der NS-Ideologie beeindruckt zeigt,
schließt Schenzinger den Kreis der “Bekehrten".
Die Menschen in Herrgottsbach verwandeln sich also im Laufe der Zeit von
Nazi-Gegnern zu deren Anhängern, wodurch Schenzinger die
Überzeugungsmächtigkeit, die die NS-Ideologie seiner Meinung nach hat,
verdeutlicht.
Gegensätzlichkeit der
Lehrergestalt
Die Romane Links wo das Herz ist von Leonhard Frank und Karl-Alois
Schenzingers Der Herrgottsbacher Schülermarsch, entwerfen zwei
völlig unterschiedliche Bilder von der Gestalt des Lehrers.
Leonhard Franks Volksschullehrer Dürr macht seinen Schülern das
Leben zur Hölle. Viel schlimmer als die brutale körperliche
Züchtigung durch den Lehrer, wiegt die Angst, die er seinen Schülern
einflößt.
“Seine Erziehungsmethode war, die Knaben in Angstbesessene zu verwandeln.
Das Schulzimmer war mit Angst geheizt. Angst war nachts der Trauminhalt seiner
Schüler. Frühere Schüler fuhren seinetwegen noch als verheiratete
Männer aus Angstträumen hoch ... ." Vor allem die
geistig Schwächeren werden vor der Klasse bloßgestellt und jegliches
Selbstbewußtsein dieser Schüler wird vom Lehrer systematisch
zerstört.
Während die anderen zu Untertanen erzogen wurden, “(trugen) die
Empfindsameren (...) den Stempel des Irrenhauskandidaten auf der Stirn." Seine
“überwältigende Autorität" mißbrauchte der Lehrer, um
“die Persönlichkeit des Schülers auszurotten."
Am schlimmsten leidet der sensible Michael unter den Erziehungsmethoden des
Herrn Dürr. Er hält dem psychischen Druck, den der Lehrer ausübt,
nicht stand. Michael, zuvor fließend sprechend, beginnt plötzlich zu
stottern, muß zur Strafe in die letzte Bank sitzen und wird, vom Lehrer
forciert, permanent ausgelacht. “Nur zur Belustigung der Klasse rief er
ihn noch manchmal auf, und sie durften zusammen mit dem Lehrer über Michael
lachen, wenn er seine falschen Antworten stotternd
herauspreßte."
Ganz anders verhält sich Schenzingers Lehrer, der Professor Hahn, im
Herrgottsbacher Schülermarsch.
“Professor Hahn hieß nun einmal der “Prophet", und sie
fühlten sich als seine Jünger." Aus dieser einführenden Bemerkung
wird schon erkennbar, daß die Schüler der Herrgottsbacher
Lateinschule eine besondere Beziehung zu ihrem Lehrer haben. Sie akzeptieren
seine uneingeschränkte Autorität, die er sich nicht durch
übertrieben harte Bestrafungen, sondern über kompetente und spannende
Darstellung der Unterrichtsinhalte erwirbt. “Die Jungens horchten
gespannt. Nicht einen Augenblick ließen sie diesen sprechenden Mund aus
den Augen. Das war nun wieder einmal fabelhaft, was ihr Prophet da zum besten
gab."
Auch die Vergangenheit ihres Lehrers als Divisionspfarrer imponiert den
Jungs sehr. Die 12 Schüler umfassende Klasse des Propheten ist in der
ganzen Schule als “Apostelklasse" bekannt, “und sie waren - ohne zu
wissen warum - nicht wenig stolz auf diesen Namen."
An einer Stelle des Buches wird konkret auf den Respekt und die große
Achtung vor dem Lehrer Bezug genommen. Als Max Dolfinger von zu Hause
ausrückt, um auf die Fliegerschule zu gehen, läßt er zwar seinen
Vater ahnungslos zurück, bringt es aber nicht übers Herz, den
Propheten gleichermaßen zu hintergehen.
“Ich (Max Dolfinger) kann mir nicht helfen, Otto, aber ich glaube, ich
hätte doch mal mit dem “Propheten" reden sollen, bevor ich weggehe.
Er glaubt sonst am Ende, ich hätte ihn umgehen wollen, ich sei ihm
ausgewichen, und das möchte ich nicht. Gerade beim “Propheten
möchte ich das nicht." Professor Hahn reagiert
erwartungsgemäß verständnisvoll. Er redet dem jungen Max zwar
ins Gewissen, hindert ihn aber nicht an seinem kühnen Plan und gibt dem
bereits davonstürmenden Jungen sogar den Segen der Kirche.
Schlußbemerkung: Wachsende Begeisterung für
die Fliegerei in Neu-Ulm
Die Euphorie der deutschen Jugendlichen für die Luftfahrt, auf die
Schenzinger im Herrgottsbacher Schülermarsch eingeht, war das
Ergebnis von gezielten Propagandaeinsätzen der Nationalsozialisten für
die Luftfahrt.
Auch in Neu-Ulm läßt sich dieser Trend ab 1934 verstärkt
nachweisen. Im Zuge einer großangelegten Werbewoche vom 1.6.1934 -
8.6.1934, die auf das ganze Reichsgebiet ausgedehnt war, staunten mehr als 7000
Besucher über diverse Flugschauen auf dem Schwaighofener Fluggelände.
Auch die Ausstellung von Segelflugzeugen und ein Propagandamarsch lockten viele
Interessierte an.
Die Werbeeinsätze verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Fliegerei erlebte
im wahrsten Sinne des Wortes einen Aufwind, dessen Bedeutung
Oberbürgermeister Nuißl unterstreicht. Seiner Ansicht nach ist es die
“nationale Pflicht jedes Deutschen, die eminent wichtige Flugsache zu
unterstützen und zu fördern."
Dieser Boom wirkte sich auch zahlenmäßig aus. Neben vielen neuen
Mitgliedern kann sich die Fliegerortsgruppe Neu-Ulm über die Gründung
drei neuer Fliegerstützpunkte in Thannhausen, in Vöhringen und in
Krumbach freuen. Mit den bereits bestehenden Stützpunkten in
Weißenhorn und Illertissen, “(hat) die Fliegerortsgruppe Neu-Ulm
somit ihr Gebiet voll abgedeckt."
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