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Orwell, George: 1984
1. VORWORT
„Die meisten Tatsachen scheinen darauf zu weisen,
dass der Mensch das Robotertum wählen wird, und das bedeutet auf lange
Sicht Pathologie und Zerstörung. Und doch sind alle diese Tatsachen nicht
stark genug, um den Glauben an die Möglichkeiten der Vernunft, den guten
Willen und die innere Gesundheit des Menschen zu
zerstören.
Solange wir noch an die Alternativen zu denken
vermögen, sind wir nicht verloren. Solange wir miteinander beraten und
planen können, dürfen wir hoffen. Aber wahrhaftig, die Schatten werden
länger und die Stimmen des Irrsinns lauter. Die Verwirklichung des
Humanismus in einer industriellen Gesellschaft liegt in unserer Reichweite;
dennoch sind wir in Gefahr, der Zerstörung aller Zivilisation oder dem
Robotertum zu verfallen.
Die westliche Welt ist in einer Sackgasse. Sie hat viele
ihrer ökonomischen Ziele erreicht und den Sinn für ein Ziel des Lebens
verloren. Ohne solch ein Ziel, ohne eine Schau, die die gegebene Realität
transzendiert, muss die westliche Gesellschaft, wie jede andere der
Vergangenheit, ihre Vitalität und innere Kraft verlieren.
Heute sind die Dinge im Sattel und reiten den Menschen.
Unsere Zukunft hängt davon ab, ob es dem Menschen – dem ganzen,
schöpferischen Menschen – gelingt, sich in den Sattel zu
setzen.“ [1]
Erich Fromm
2. GEORGE ORWELL – LEBEN UND WERK
George Orwell wurde unter dem Namen Eric Arthur Blair am
23.1.1903 in Motihari (Indien) geboren. Er besuchte die Eliteschule in Eton,
diente von 1922 bis 1927 in der Indian Imperial Police in Burma und kehrte dann
nach England zurück.
Die folgenden Jahre waren von Armut und Krankheit
geprägt. Mit dem Wunsch, Schriftsteller zu werden, lebte Orwell mehrere
Jahre in Paris und in London. In seinem literarischen Debüt „Down
and Out in Paris and London“ (1933, „Erledigt in Paris und
London“) resümierte er die Erfahrungen dieser Zeit und schilderte
illusionslos das Obdachlosenmilieu. Autobiographisch gefärbt war auch
„Burmese Days“ (1934, „Tage in Burma“),
eine Anklage gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien und den
Imperialismus im Allgemeinen. Eine gesellschaftskritische Tendenz prägte
auch das Sozialmelodram „A Clergyman‘s Daughter“
(1935, „Eine Pfarrerstochter“).
Wie viele politisch interessierte Schriftsteller seiner
Generation (Auden, Day Lewis) schloss sich auch Orwell den republikanischen
Kräften im Spanischen Bürgerkrieg (1936- 1939) an. Aus seinem
Erfahrungsbericht „Homage to Catalonia“
(1938, „Mein Katalonien“) sprach indessen tiefe
Enttäuschung über die Querelen der Linken in Spanien, vor allem
über die stalinistische Ausrichtung der Kommunisten.
In „The Road to Wigan Pier“ (1937,
„Der Weg nach Wigan Pier“) schilderte Orwell die
katastrophalen Lebensverhältnisse englischer Bergleute.
Einige Jahre später setzte sich die grimmige Fabel
„Animal Farm“ (1945, „Die Farm der Tiere“)
kritisch mit gesellschaftlichen Machtmechanismen auseinander. Und in seinem
Welterfolg „Nineteen Eighty-four“ (1949,
„1984“) verarbeitete Orwell sein pessimistisches Menschen-
und Geschichtsbild in einem utopischen Roman, dessen Titel im Lauf der Jahre zum
Inbegriff der philosophisch akzentuierten Sciencefiction wurde. Das dort
entworfene Bild einer totalitären Gesellschaft der Zukunft hat die
Sowjetunion unter Stalin zum Vorbild und übertrifft in seiner
Radikalität bei weitem Aldous Huxleys „Brave New World“
(1932, „Schöne neue Welt“).
Aus heutiger Sicht haben sich Orwells düstere
Visionen zwar nicht konkret bestätigt, doch seine Prognose eines umfassend
überwachten Staatsbürgers ohne geschützte Privatsphäre ist
im fortschreitenden Medienzeitalter aktueller denn je.
Mit seinen späten, meist autobiographischen
Arbeiten, wie „Shooting an Elephant and Other Essays“ (1950,
„Einen Elephanten erschießen“) konnte Orwell an den
Erfolg von „1984“ nicht mehr anknüpfen. Im Januar 1950
starb er an Tuberkulose.
[2]
3. INHALTSANGABE ZU „1984“ VON GEORGE ORWELL
George Orwells Roman „1984“ ist 1949
erschienen. Sein letzter Roman zeigt die Welt aufgespalten in drei
Supermächte, Ozeanien, Eurasien und Ostasien, die einander in
Herrschaftsstruktur und Ideologie gleichen. Der permanente Scheinkrieg, den sie
gegeneinander führen, dient ihnen als Alibi für Gewaltmaßnahmen
im eigenen Machtbereich. Was Orwell am Beispiel Ozeaniens und seiner Hauptstadt
London, dem Schauplatz des Geschehens, darstellt, trifft also auch auf die
beiden anderen Machtblöcke zu.
Ozeanien wird von einer Partei-Oligarchie beherrscht.
Die Partei selbst ist in eine „innere“ und eine
„äußere“ unterteilt, deren Mitglieder an ihren schwarzen
bzw. blauen Overalls zu erkennen sind. An der Spitze dieses Herrschaftsapparates
steht der „Große Bruder“, ein fiktiver Parteiführer,
dessen Bildnis von allen Wänden starrt und dessen Augen dem Betrachter
immer und überallhin zu folgen scheinen – Symbol des
allgegenwärtigen Staates („Der Große Bruder sieht dich
an!“). Mittels des Televisors überwacht und beeinflusst die Partei
das Leben ihrer Mitglieder bis in die Intimsphäre. Ihr Ziel ist die totale
Vernichtung des individuellen Bewusstseins. Recht, Freiheit, Wahrheit, Wissen,
menschliche Empfindungen, Träume, Ideale werden in ihr Gegenteil verkehrt.
Dementsprechend lauten die Leitsätze der Partei:
„Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist
Stärke.“
An die Stelle des echten Sozialismus ist die
Parteidiktatur getreten. Nur die „Proles“ (das gemeine Volk, das 85
Prozent der Bevölkerung ausmacht) sind von der unablässigen
Bespitzelung ausgenommen. Sie werden in geistiger Unmündigkeit gehalten und
mithilfe eines primitiven Nationalismus an jeder Art von Aufsässigkeit
gehindert.
Durch eine ungeheure Propagandamaschinerie wird das
menschliche Gedächtnis ständig neu programmiert, die Geschichte wird
im „Wahrheitsministerium“ je nach Bedarf um- oder neu geschrieben,
die gegenteiligen Berichte werden vernichtet. Der Gleichsetzung von Wahrheit und
Lüge und dem Ausschalten jeglicher Art anderen Denkens dient die
„Neusprache“ als Ausdrucksmittel für die Parteiideologie, die
in einer beigefügten „Grammatik“ erklärt
wird.
Winston Smith ist Angestellter im
„Wahrheitsministerium“, wo er an der systematischen
Verfälschung der Geschichte mitarbeitet. Um nicht in die Fänge der
Gedankenpolizei zu laufen, verhält er sich nach außen loyal, jedoch
in seinen Gedanken lehnt er sich gegen das autoritäre System auf. Er
beginnt ein Tagebuch zu schreiben, in welchem er seinen Hass gegen die Partei
freien Lauf lässt. Doch seine Rebellion erschöpft sich in einem
ziellosen Hass gegen das Regime, als er erkennt, dass der Traum von einer
schöneren Welt nur eine Vision bleiben wird. Auch seine Geliebte, Julia,
vermag ihm nicht zu helfen. Ihr Wunsch besteht lediglich darin, aus Lust,
Geschlechtsverkehr mit Winston zu betreiben, was jedoch von der Partei nur als
notwendiges Übel zur Erhaltung der Art geduldet wird. So wird jede
körperliche Vereinigung zwischen Winston und Julia von beiden als einen
gegen die Partei gerichteten Akt gefeiert.
Um wirksamer gegen die Partei zu rebellieren, sucht er
den Anschluss an die Untergrundbewegung Emanuel Goldsteins. Der Verbindungsmann
O´Brian entpuppt sich jedoch als Funktionär der Gedankenpolizei und
Goldstein als Phantom, das die Partei benutzt, um dem Aggressionstrieb ihrer
Mitglieder ein Ventil zu verschaffen.
Smith und Julia werden verhaftet und gefoltert. Der
Partei geht es dabei nicht um die Auslöschung eines Gegners, sondern seinen
Geist zu „reinigen“ und umzupolen. Mittels sadistischer Torturen
wird er dazu gebracht Julia zu verraten und als Individuum zu krepieren, worauf
er frei gelassen wird. Als er später erschossen wird, erfährt er die
heilende Wandlung. „Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er
liebte den großen
Bruder.“[3]
- BEGRIFFE ZUM
VERSTÄNDNIS DER
ERLÄUTERUNGEN[4]
Oligarchie: (griech. oligoi = wenige, archein =
herrschen). Bezeichnung für die Herrschaft einer kleinen Gruppe, vor allem
dann, wenn mit dieser Herrschaft Missstände verbunden sind. In der
griechischen Staatstheorie wurde unter Oligarchie eine Entartung der
Aristokratie verstanden.
Utopie: (griech. u = nicht, topos = Ort /
Nirgendland) nach dem Titel von Thomas Morus´ Vernunftsstaatsfiktion
„De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ (1516)
gebildete Bezeichnung für einen nur in gedanklicher Konstruktion
erreichbaren, praktisch nicht zu verwirklichbaren Idealzustand von Staat und
Gesellschaft. Ihre Grundform bleibt daher der teils mehr kommunistische, teils
mehr aristokratische oder freiheitliche Ziele verfolgende
Staatsroman.
Kollektivismus: Weltanschauung, in der der
Einzelmensch nur noch als unselbstständiges Glied der Gesellschaft
betrachtet und letztlich verneint wird. Als Antithese auf den radikalen
Liberalismus und Individualismus des 19. Jahrhunderts zu deuten. Das Personale
wird verneint, der Einzelmensch nur noch als Akzidens einer anonymen Masse;
gesellschaftliche Gliederungen werden nivelliert, Privateigentum,
Selbstständigkeit abgeschafft, persönliche Arbeit durch Gruppenarbeit
ersetzt.
Gegenutopie: Malt das Bild einer Gesellschaft und
Kultur, in der die irrationalen und destruktiven Tendenzen ihre idealtypische
Vollendung gefunden haben. Während die Utopie psychologisch eine
Überkompensation des Mangels, der Sorge, des Unglücks darstellt,
spiegelt sich in der Gegenutopie die Übersteigerung der Furcht, des
Schreckens, des Abscheus vor der technisch perfektionierten und total
politisierten Gesellschaft, die möglicherweise die Utopie zu verwirklichen
sucht und dabei scheitert, jedenfalls aber mit den Problemen der Welt von heute
und morgen nicht fertig wird.
Stalinismus: Praxis und Theorie des Bolschewismus
unter J. W. Stalin; endete mit dem 20. Parteitag der KpdSU 1956. Eine zentrale
Bedeutung im Stalinismus hatten der Personenkult und die Lehre vom Aufbau des
Sozialismus in einem Land (beziehungsweise ab 1945: in einzelnen Ländern
nach dem Vorbild der UdSSR). Der Stalinismus gilt als schwerste Entstellung des
Kommunismus und Sozialismus. Seine Theorie war größtenteils nur
scheinbar marxistisch.[5]
5.
THEMEN
5.1 Beweggründe eines totalitären
Systems
„Die Partei strebt die Macht lediglich in ihrem
eigenen Interesse an. Uns ist nichts am Wohl anderer gelegen; uns interessiert
einzig und allein die Macht als solche..........
Alle anderen, sogar die, welche uns ähnelten, waren
feige und scheinheilig. Die deutschen Nazis und die russischen Kommunisten kamen
in ihren Methoden sehr nahe an uns heran, aber sie besaßen nie den Mut,
ihre eigenen Beweggründe zuzugeben. Sie taten so, ja glaubten vielleicht
sogar, die Macht ohne ihr Wollen und auf beschränkte Zeit ergriffen zu
haben, und gleich um die Ecke liege ein Paradies, in dem die Menschen frei und
gleich sein würden. Wir sind nicht so. Wir wissen, dass nie jemand die
Macht ergreift in der Absicht, sie wieder abzutreten. Die Macht ist kein Mittel
die Macht ist ein Endzweck.........
Der Zweck der Verfolgung ist die Verfolgung. Der Zweck
der Folter ist die Folter. Der Zweck der Macht ist die
Macht..........
Wenn sie sich ein Bild von der Zukunft ausmalen wollen,
dann stellen sie sich einen Stiefel vor, der in ein Menschenantlitz tritt
– immer und immer
wieder.“[6]
Mit diesen Aussagen O´Brians als Winstons
Folterknecht verdeutlicht er, wieso ein Einzelner oder eine Partei an die Macht
wollen, nämlich ihrer selbst willen. Ich glaube auch, dass Hitler und
Stalin nicht einer besseren Welt wegen, sondern aus purer Lust an der
Unterdrückung und Manipulation ihre Regimes erschaffen
haben.
Es ist auch bei Menschen, die kleinere Machtpositionen
inne haben, zu beobachten, dass sie die Macht über andere als solches
lieben, und nicht die Möglichkeiten durch ihren Posten etwas zu
verändern ausschöpfen, weil das nicht ihr eigentliches Ziel ist,
sondern nur ein Vorwand.
„Isaac Deutscher hat berichtet, wie er Orwell
gegen Ende des Krieges fest davon überzeugt fand, dass Stalin, Churchill
und Roosevelt bewusst die Welt aufteilen, nach ihrem Gutdünken unter sich
verteilen und vollständig zu unterwerfen beabsichtigen. „Sie sind
alle machtbesessen“, pflegte er immer zu
wiederholen.“[7]
Diesem Zitat zur Folge muss es zu dieser Zeit wirklich
annähernd vorstellbar gewesen sein, dass ein Herrschaftsgefüge, wie es
in „1984“ geschildert wird, einmal greifbar nahe sein könnte.
Hält man sich während des Lesens des Romans die historischen Tatsachen
und das Datum der Erstveröffentlichung (1949) vor Augen, ist diese
Schilderung einer Welt, die in drei Supermächte aufgeteilt ist,
mitreißend und auch realitätsnah.
5.2 Die Mittel einer Diktatur, das Volk
gehörig zu machen
5.2.1 Manipulation
Ozeanien wird durch eine mysteriöse Figur unter dem
Decknamen „Großer Bruder“ beherrscht. Obgleich „Big
Brother´s“ Bild fortwährend auf den Bildschirmen des Televisors
erscheint, hat ihn niemals jemand leibhaftig gesehen. Bis zum Ende des Romans
bleibt es ungewiss, ob er überhaupt existiert oder existiert hat. Sein
Gegenspieler heißt „Goldstein“, der oft in der „Zwei
– Minuten – Hass – Sendung“ gezeigt wird. Die
Erschaffung des Feindbildes durch seine Existenz ist ein weiterer genialer
Schritt der Partei, um dem Volk einen Sinn in ihrem Dasein zu verschaffen,
nämlich Goldsteins Vernichtung samt seinen rebellischen Anhängern.
Auch Adolf Hitler schaffte mit den Juden einen
Sündenbock, der für die damals miserable wirtschaftliche Lage
verantwortlich gewesen sein sollte, und manipulierte so seine hörigen
Anhänger. Sich so täuschen zu können hätte vor dieser
Schreckensherrschaft wohl keiner zugegeben. So ist es auch heute noch
unverfroren zu behaupten, einen zweiten Nationalsozialismus werde es nicht
geben. Wir müssen jedoch alles daran setzen, dass es nicht so weit kommen
wird. „Deshalb besteht die größte Kritik an der Gesellschaft
von „1984“ darin, dass keine Gesellschaft ohne ein gewisses
Maß an Tugenden und Loyalität überleben
kann“[8].
Außerdem ist es von immenser Wichtigkeit, dass ein Staat es sich als sein
oberstes Prinzip erklärt, sein Volk aufzuklären und zu bilden und
somit einer möglichen Manipulation eher auf die Schliche
kommt.
Die Angestellten des
„Wahrheitsministeriums“ sind damit beschäftigt, die
Authentizität der Vergangenheit systematisch auszulöschen. Wenn zum
Beispiel von einem Tag auf den anderen Ozeanien nicht mehr mit Eurasien im Krieg
ist, sondern mit Ostasien und Eurasien plötzlich der Verbündete ist,
werden sofort alle Zeitungsartikel und Wortmeldungen, die ein Gegenteil besagen
würden, umgeschrieben. Außerdem ist es verboten, antiquarische
Gegenstände zu besitzen, die über die Vergangenheit etwas preisgeben
könnten. Auf diese Weise verlieren, die Menschen einen Wirklichkeitsbezug
zur tatsächlichen Vergangenheit und übernehmen ohne etwas zu bemerken,
die widersprüchlichen Aussagen der Partei an. Sie glauben es auch, wenn im
Televisor ein Bericht über die weitere Steigerung der Schokoladeproduktion
gesendet wird, obwohl sie seit Jahren keine mehr gegessen
haben.
Diese Aussagen im Roman haben im 21. Jahrhundert einen
beklemmenden Realitätsbezug. Denn wie oft hört man Menschen, genau das
nachplappern, was ihnen im vorhinein im Fernsehen serviert wurde. Und auch die
Medien und die Werbung arbeiten mit Manipulation, es gibt genaue Studien
darüber, wie man das Unterbewusstsein eines Menschen genial manipulieren
kann. Aufgrund dieser Tatsachen bediente sich auch die FPÖ in einem ihrer
letzten Wahlkämpfe solcher Maßnahmen. Unsere Gesellschaft ist
aufgerufen, ihren Verstand, mehrmals zu bedienen, und nicht alles zu glauben,
was man ihr erzählt, sonst läuft sie Gefahr, dass die immer
größer werdenden „Manipulationsgesellschaften“ (Medien
und Werbung) die Politik in ihrer Hand haben werden, und die Welt so gestalten,
wie es ihnen gefällt.
Noch eine Form der geistigen Unterdrückung ist in
Ozeanien im Begriff grausame Realität zu werden. Sprachforscher
tüfteln an einer neuen Sprache, die sogenannte „Neusprache“,
welche als Amtssprache und zur Deckung der ideologischen Bedürfnisse des
„Engsoz“ eingeführt werden soll.
„Sie hat nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel
für die Weltanschauung und geistige Haltung zu sein, die den Anhängern
des „Engsoz“ allein angemessen war, sondern darüber hinaus jede
Art anderen Denkens
auszuschalten.“[9]
Dies wird damit erreicht, dass neue Wörter
erfunden, hauptsächlich aber unerwünschte ausgemerzt werden und man
die übrigen Wörter einer unorthodoxen - der Parteiideologie nicht
konformen – Nebenbedeutung entzieht.
Ein Beispiel: „Das Wort „frei“ gab es
zwar in der Neusprache noch, aber es konnte nur in Sätzen wie „Dieser
Hund ist frei von Flöhen“, oder „Dieses Feld ist frei von
Unkraut“ angewandt werden. In seinem alten Sinn von „politisch
frei“ oder „geistig frei“ konnte es nicht gebraucht werden, da
es diese politische oder geistige Freiheit nicht einmal mehr als Begriff gab und
infolgedessen auch keine Bezeichnung dafür vorhanden
war.“[10]
Dieses Exempel soll nochmals verdeutlichen, wie rigoros
die Partei vorgeht, um ihre Machtstellung für immer behaupten zu
können. Denn wenn ein Wortschatz so reduziert wird, dass man Wünsche
nicht mehr ausdrücken kann, weil die Worte dazu fehlen, wird auch bald
niemand mehr welche (Wünsche) haben. Ich glaube nämlich, dass man nur
das denken kann, was man auch in Worte zu fassen fähig
ist.
Deshalb sollten auch wir hier und jetzt, darauf schauen,
dass Kinder und auch Erwachsene immer wieder ein Buch oder eine Zeitung in die
Hand nehmen, sodass jeder das sagen kann, was er sich wünscht zu
artikulieren, und nicht in einen Sumpf der Sprach- oder Gefühlslosigkeit
hineinfällt.
5.2.2 Kontrolle und
Unterdrückung
Die Kinder und Jugendlichen werden schon früh in
die Dienste der Partei gestellt. Sie sollen nämlich ihre eigenen Eltern
verraten, wenn sie unorthodoxe Wörter oder Handeln hören,
beziehungsweise sehen. Darauf werden sie in der Schule und in Vereinen getrimmt.
Winstons Nachbarn, haben eine kleine Tochter und einen Sohn, die alle Propaganda
der Partei aufnehmen und ihre Eltern nur allzu gerne verraten würden, wenn
sie einen Grund fänden.
„Mit diesen Kindern, dachte Winston, musste die
arme Frau ein Höllenleben haben. Noch ein, zwei Jahre, und sie würden
sie Tag und Nacht nach Anzeichen nachlassender Parteitreue bespitzeln.......Die
Marschlieder, die Umzüge, die Fahnen, die Wanderungen, das Exerzieren mit
Holzgewehren, das Brüllen von Schlagworten, die Verehrung des Großen
Bruders – alles das war für sie ein herrliches
Spiel.“[11]
Mit dieser Methode der „organisierten
Jugendarbeit“ werden die Sprösslinge als Kontrollorgan der Partei
ausgebildet. Es gibt aber noch ein zweites, dessen Mittel der Televisor ist, die
Gedankenpolizei. Ihre Aufgabe ist, das, was die Bildschirme in den Wohnungen und
auf allen Plätzen filmen, zu beobachten und Verräter zu exekutieren.
Den Einwohnern Ozeaniens bleibt somit keine Intimsphäre, denn die
Televisoren sind so eingerichtet, dass sie beinahe jeden Winkel einer Wohnung
wahrnehmen und wenn man die Menschen nicht sieht, dann hört man sie auf
jeden Fall. Außerdem hat die Gedankenpolizei jede Menge Spitzel, die auch
Winston - in Gestalt von Mr. Charrington und O´Brian - zum Verhängnis
werden. Wird man von der Gedankenpolizei erst einmal geschnappt, warten auf den
„Verräter“ psychische und physische Höllenqualen in Form
von sadistischer Folter. Nachdem, ihr Geist „gesäubert“ ist und
sie frei gelassen werden, werden sie trotzdem früher oder später von
der Polizei umgebracht.
Unterdrückung und ständige Kontrolle sind zwei
sehr wichtige Machtinstrumente nicht nur in Ozeanien. Auch während des
Stalinismus und Nationalsozialismus hatten die Menschen der Partei zu folgen,
Widersacher wurden ermordet, in Konzentrations- oder Arbeitslager verbannt.
Unter dem Eindruck dieser zwei Herrschaftssysteme entstand „1984“.
Jedes totalitäre System (Spanien unter Franco, Chile unter Pinochet,
Sowjetunion unter Stalin, Deutschland unter Hitler, Italien unter Mussolini,
Irak unter Sadham Hussein, etc.) ist auf dem Grundsatz der ständigen
Kontrolle und Unterdrückung aufgebaut, nur so lassen sich Menschen –
so meinen sie – abschrecken.
6. ANDERE UTOPISCHE
WERKE
6.1 „My“ von Evgenij I.
Zamjatin
Der 1924 erschienene Roman „My“ (russ.;
Ü: „Wir“) von Evgenij I. Zamjatin handelt von dem
Raketentechniker D-503 (Namen wurden abgeschafft), der unheilbar krank ist: Er
bekommt eine „Seele“ und schließt sich der Opposition an, die
vor hat, am „Tag der Einstimmigkeit“ sich gegen die Wiederwahl des
„Wohltäters“ zu erheben. Der Schauplatz dieser Anti-Utopie ist
wie in „1984“ ein totalitärer Einheitsstaat. Doch wird der
Aufstand durch einen Verrat im Voraus zunichte. D-503 wird durch eine von der
Regierung verordnete Behandlung chirurgisch vom „Splitter Phantasie“
befreit. Seine Geliebte wird durch die „Maschine des
Wohltäters“, den elektrischen Stuhl, getötet.
Zamjatins Roman hat die bekanntesten Sozialutopien der
Moderne, A. Huxleys „Brave New World“ und G. Orwells
„1984“ vorweggenommen. Zumindest wirft man Huxleys Werk eine direkte
literarische Abhängigkeit vor. Aber auch Orwell wurde sicher durch das
Lesen dieses Werkes stark in seiner Arbeit an „1984“
beeinflusst.[12]
6.2 „Brave New World“ von
Aldous Huxley
Die satirische Anti-Utopie “Brave New
World”, deutscher Titel “Schöne Neue Welt”, von Aldous
Huxley ist 1932 in London zum ersten Mal erschienen. Sie handelt von einer
enthumanisierten Menschheit „im Jahre 632 nach Ford“ und ist eine
Antwort auf die Zukunftsvisionen in Dostojevskis „Legende vom
Großinquisitor“ und Zamjatins „Wir“. Mit unheimlicher
Logik entwickelt sich das Bild einer erbbiologisch und psychologisch
konditionierten, total manipulierten Wohlstandsgesellschaft, deren grundlegende
Lehrsätze Überbevölkerung, Überproduktion und
Überkonsum sind. Ford, Freud und Marx sind die heilige Trinität dieser
Welt. Angewandte Naturwissenschaft und eine totalitäre Oligarchie haben ein
Utopia geschaffen, in dem Menschen nach Rezept und aufs präziseste
hierarchisch genormt in Fließband-Retorten gezüchtet werden und in
dem die schrankenlose sexuelle Promiskuität aller Fortpflanzungsaufgaben
entledigt und in dem ansehnlichen Katalog staatlich garantierter Vergnügen
eingeordnet ist.
Luxus ist für alle da, Unruhe, Elend und
Unsauberkeit sind ausgerottet. Auf der Strecke blieben jedoch Freiheit,
Religion, Kunst, Imagination. Individualismus gilt als asoziales Delikt. Jedes
Indiviuum ist ersetzbar. Das Bild dieser „formierten“ Gesellschaft
wird von drei rebellischen Außenseitern gestört. Einer ist Bernard
Marx, der in der Retorte einem Fabrikationsfehler zum Opfer gefallen ist und
deshalb lieben möchte. Ein zweiter ist Helmholtz Watson, der wegen seines
sträflichen Hanges zum Schreiben ins Exil muss. Der Dritte im Bunde ist ein
„Wilder“ aus einem Indianerreservat, der wider alle Regeln
natürlich geboren wurde. Er wird in der „besten aller Welten“
nicht heimisch und begeht Selbstmord.
Circa 30 Jahre nach dem Erscheinen des Romans
veröffentlichte Huxley einen Essayband „Dreißig Jahre
danach“. Unter dem Eindruck der zweiten industriellen Revolution und der
Fortschritte in der Technik der Gehirnwäsche und der psychologischen
Manipulation des abendländischen Wohlstandsbürgers durch Massenmedien
(siehe Thematik) und Reklame argumentierte er, dass seine grausigen Vorhersagen
auf dem besten Wege seien, sich in einem bescheidenen Bruchteil der
veranschlagten Zeitspanne zu
verwirklichen.[13]
7.
NACHWORT
Die Geschichte des Winston Smith, wohnhaft in London (Ozeanien) im Jahre 1984,
der ein einfacher Angestellter im verlogenen „Wahrheitsministerium“,
ein Unterdrückter in einem totalitären Regime und ein Liebender in
einer Welt, wo Liebe nur dem „Großen Bruder“ gegenüber
deutlich wird und sonst verboten ist, hat mich von Anfang an gefesselt.
Der Wirklichkeitsbezug und die Brisanz des Themas Manipulation, obwohl dieses
Buch schon vor 50 Jahren erschienen ist, faszinieren mich am meisten. Aber auch
die Schilderung der geistigen Unterdrückung und Enthumanisierung der
Menschen durch die Gedankenpolizei und die Einführung der Neusprache,
obgleich die meisten dies gar nicht wahrnehmen, sind für mich
plötzlich realistisch geworden.
Vor dem Lesen des Romans hätte ich mir keinen Menschen vorstellen
können, der durch fortwährende und massive Gehirnwäsche so von
seinen natürlichen Träumen und Wünschen abweichen kann, wie es
beinahe die ganze Gesellschaft in Ozeanien (zwangsweise) tut.
Am meisten beunruhigt hat mich zuerst die Verdeutlichung
der Beweggründe eines totalitären Systems durch Winstons Folterknecht
O´Brian. Doch nach längerem Überlegen fielen mir viele Menschen
der Vergangenheit und auch der Gegenwart ein, die eine kleinere oder
größere Machtposition inne haben, aber diese Macht als Endzweck
ansehen und nicht als Mittel zur Verbesserung eines Zustandes.
Ein allgemeingültiges Heilmittel zur Vorbeugung und
Bekämpfung von Machtgier habe ich noch nicht gefunden, jedoch wäre es
vielleicht ein erster Schritt, wenn sich jeder die Anti-Utopie
„1984“ zu Gemüte führen würde.
8.
QUELLENVERZEICHNIS
8.1
Primärliteratur
ORWELL, George: „1984“. Erschienen in einer
Neuauflage 2000 im Ullstein Taschenbuchverlag in München.
8.2
Sekundärliteratur
LINDKEN, Hans Ulrich: „Erläuterungen zu
„Neunzehnhundert-vierundachtzig“ von George Orwell“; Band 108
von „Königs Erläuterungen und Materialien“; C. Bange
Verlag, Hollfeld, 1979.
BERTELSMANN, Lexikon-Institut: „Das moderne
Lexikon“ Band 17; Bertelsmann Lexikon-Verlag, Gütersloh,
1972.
KINDLERS Literatur Lexikon, Band 15; Deutscher
Taschenbuch Verlag, München, 1974.
LEXIKON der Weltliteratur, Band II, Kröner Verlag,
Stuttgart, 1968.
[1]LINDKEN, Hans Ulrich:
Erläuterungen zu „Neunzehnhundert-vierundachtzig“ von George
Orwell; Band 108 von „Königs Erläuterungen und
Materialien“; C. Bange Verlag – Hollfeld, 1979, Seite
4.
[3] ORWELL, George:
„1984“. Ullstein Taschenbuchverlag, 2000, Seite 273
[4]
Vgl. LINDKEN, Hans Ulrich:
Erläuterungen zu „Neunzehnhundert-vierundachtzig“ von George
Orwell; Band 108 von „Königs Erläuterungen und
Materialien“; C. Bange Verlag – Hollfeld, 1979, Seite
15-17.
[5] Vgl. Lexikon-Institut
Bertelsmann: „Das moderne Lexikon“ Band 17; Bertelsmann
Lexikon-Verlag, Gütersloh, 1972. Seite 424.
[6] ORWELL, George:
„1984“. Ullstein Taschenbuchverlag, 2000, Seite 242,
246
[7]
Vgl. LINDKEN, Hans Ulrich:
Erläuterungen zu „Neunzehnhundert-vierundachtzig“ von George
Orwell; Band 108 von „Königs Erläuterungen und
Materialien“; C. Bange Verlag – Hollfeld, 1979, Seite
54.
[8] LINDKEN, Hans Ulrich:
Erläuterungen zu „Neunzehnhundert-vierundachtzig“ von George
Orwell; Band 108 von „Königs Erläuterungen und
Materialien“; C. Bange Verlag – Hollfeld, 1979, Seite 53.
[9] ORWELL, George:
„1984“. Ullstein Taschenbuchverlag, 2000, Anhang: „Kleine
Grammatik“ Seite 274.
[10] ORWELL, George:
„1984“. Ullstein Taschenbuchverlag, 2000, Anhang: „Kleine
Grammatik“ Seite 274.
[11] ORWELL, George:
„1984“. Ullstein Taschenbuchverlag, 2000, Seite 25.
[12]Vgl.
Kindlers Literatur Lexikon, Band 15; Deutscher Taschenbuch
Verlag 1974, München, S. 6535, 6536
[13] Vgl. Lexikon der
Weltliteratur, Band II, Kröner Verlag, Stuttgart, 1968. Seite
1131
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