|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Im Anfang war das Wort
Im Anfang war das Wort
Im Anfang war das
Wort
(Joh. 1,1)
Die Fischreuse existiert
wegen des Fisches. Wenn man den Fisch gefangen hat, kann man die Reuse
vergessen. Die Kaninchenfalle existiert wegen des Kaninchens. Wenn man das
Kaninchen gefangen hat, kann man die Falle
vergessen. Die Wörter
existieren wegen ihrer Bedeutung. Wenn man die Bedeutung begriffen hat, kann man
die Wörter vergessen. Wo finde ich einen Mann, der die Wörter
vergessen hat, damit ich mit ihm sprechen kann?
- Chuang Tzu
Facharbeit aus Deutsch
von Torsten G. Greimel,
8b
1999
bei OStR Prof.
Mag. Elisabeth Kurzmann
Vorwort
Selbst auf die Gefahr hin, daß
diese Zeilen dasselbe Schicksal erleiden könnten, das so viele Vorworte
trifft, nämlich nicht gelesen zu werden, habe ich mich dazu durchgerungen,
es zu Papier zu bringen. Bei dem geneigten Leser, der sich die Mühe macht,
den Prolog nicht zu überspringen, entschuldige ich mich also zu Beginn
für meine Exkurse in andere Wissenschaftsbereiche als den der Literatur,
die das primäre Thema dieser Facharbeit vielleicht nur am Rande tangiert,
die ich aber für eine umfassende Darlegung des äußerst
interessanten und spannenden Gebiets der Sprache für unverzichtbar halte.
Auf den ersten Blick ist kaum abzuschätzen wieviel Psychologie in der
Sprache, wieviel Physik in der Psychologie, wieviel Religion in der Physik,
wieviel Philosophie in der Religion oder wieviel Mathematik in der Philosophie
gefunden werden kann. Doch werden Sie mir recht geben, wenn ich vorsichtig genug
behaupte, daß keine Lehre, keine Disziplin, keine Wissenschaft ohne den
Draht zu anderen Wissensbereichen überleben kann.
Es ist eine abscheuliche Angewohnheit
des neuzeitlichen Computer- und Technikfreaks, bloß in Kästen,
Kästchen, Schubladen, Karteien und Unterteilungen zu denken, wodurch ihm
einerseits der große Genuß des überblicksmäßigen
Erkennens und vorallem der des ansatzweise Durchschauens der ewig gleichen
Maschinerie hinter dieser Welt, die sich uns in spärlichen vier Dimensionen
offenbart, entgeht. Es ist dieser Genuß, diese Freude, dieser "schöne
Götterfunke" der Motor, der die Menschen immer wieder näher an die
großen Ewigen Ideen Platons heranführt, die es dann doch verstehen,
sich wieder irgendwo hinter den Schleiern der Welt geschickt zu verstecken. Ohne
jene Überschneidungen, Überlappungen und Gemeinsamkeiten zwischen den
einzelnen Wissenschaften, an deren Trennung sich die Fanatiker des
aristotelischen Denkschemas, das unsere westlich-linke Hemisphäre so sehr
geprägt hat, schuldig gemacht haben, würde uns selbst das zarte
Strohhälmchen, das wir überheblich "Erkenntnis" um die Welt nennen,
unwiederbringlich entgleiten; die Gemeinsamkeiten sogar zu ignorieren,
würde dem Entziehen jedwedes festen wissenschaftlichen Bodens unter den
Füßen gleichkommen. Gerade auch in der Sprache
liegt mehr Wissen und Wissenschaft des
betreffenden Genpools als man vielleicht vermutet.
Keine der von mir erwähnten und
zitierten Personen ist in irgendeiner Weise für meine Übertreibungen,
Ansichten und Interpretationen verantwortlich zu machen, doch sind diese so
gestaltet, daß die Zitierten keinen Grund dafür haben werden, sich im
Grabe umzudrehen, sofern sie schon in einem ihre ewige Ruhe gefunden haben.
Es ist direkt beängstigend, wie
relativ alles, aber wirklich alles um uns herum ist, wie leicht Standpunkte
widerlegt, andere bestätigt, Theorien aufgestellt und zerstört,
Hypothesen vertreten und belächelt werden können, und dennoch ist
immer irgend jemand von jeder beliebigen Theorie überzeugt, bzw.
überzeugt gewesen. Mißverständnisse, Paradoxa, Interdependenzen,
mißlungene Kommunikation und der seit Jahrtausenden unverrückbare
Glaube, die eigene Meinung sei die einzig gerechtfertigte und spiegle als
einzige die absolute "Wahrheit" wider, haben gepaart mit "Dummheit [...] mehr
Genies (und normale Menschen) eingekerkert und umgebracht, mehr Bücher
verbrannt, mehr Völker ausgerottet und den Fortschritt nachdrücklicher
verzögert als jede andere Kraft in der Geschichte." Zu ertragen, daß
die Wahrheit nicht gefunden werden kann, ist zugegebenermaßen nicht
leicht, von etwas überzeugt zu sein, und dies als die Wahrheit zu
interpretieren, dafür umso leichter. Nicht umsonst hat Pilatus auf Jesu
Aussage, er sei gekommen, um Zeugnis für die Wahrheit abzulegen,
geantwortet mit der Frage: "Was ist
Wahrheit?". Mag sein, daß
Sie mir in vielem nicht recht geben; mag sein, daß Sie mich durch
irgendeine gefinkelte philosophische Schliche widerlegen, mag sein, daß
diese gefinkelte philosophische Schliche selbst ein Beispiel für die
Relativität unserer Welt und Sprache ist und mich nicht widerlegt sondern
stärkt; mag sein, daß sich hier die Katze in den Schwanz beißt,
aber leicht werde ich es Ihnen sicher nicht machen, mich zu widerlegen.
Trotz der teilweise sehr
persönlichen Elemente (die als solche erkennbar sind), trotz der direkten
Ansprache an meinen geschätzten Leser, die – es ist mir bewußt
– höchst ungewöhnlich für solch einen Text ist, mag diese
Arbeit in keiner Weise der wissenschaftlichen Grundlage entbehren, was mir
selbst in höchstem Maße zu wider wäre. Allerdings ist es dieser
Arbeit völlig unmöglich den Anspruch auf Vollständigkeit zu
stellen, denn soviel Papier, wie man dafür bräuchte, existiert auf
dieser kleinen Welt nicht.
Den vielen Denkern, die sich in sicher harter
Arbeit vor mir den Kopf zerbrochen
haben, und in deren Schatten ich
demütig stehe, sei für ihre indirekte Hilfe von Herzen gedankt.
(Hinweis: bei der online-Ausgabe dieser Arbeit fehlen
die Endnoten und der Anhang!)
Urgeschichtliches
Verzeihen Sie mir, daß ich ganz
am Anfang beginne, aber ich möchte bloß sicherstellen, daß Sie
sich über die zeitlichen Verhältnisse, über die ich in Kürze
schreiben werde, auch im klaren sind. Führt man sich die Jahrmilliarden,
die sich diese unsere Erde schon dreht, die unfaßbaren Ereignisse, die die
Welt schon gesehen hat, das Wunder der Natur, daß jedes Atom "weiß"
wo es sich wann, wie und weshalb zu welchem Ding, lebendig oder nicht,
fügt, vor Augen, so kann durchaus ein kleiner, meist uneingestandener
Schauer über den Rücken laufen, zumindest ergeht es mir in mancher
stiller Stunde so. Tatsächlich faßt man nicht mehr von der Welt als
ein Babyfläschchen von den Sieben Weltmeeren.
Vor zehn bis 15 Milliarden Jahren
entstand unser Universum, vor fünf Milliarden Jahren unsere Erde, und es
mußten doch tatsächlich weitere 1,6 Milliarden Jahre vergehen, um
erstes Leben erscheinen zu lassen; soweit die Fakten, die den meisten bekannt
sein dürften. Seit der "Kambrischen Explosion des Lebens" allerdings
– vor 570 Millionen Jahren – schreitet die Evolution mit einer immer
höheren Beschleunigung, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt schon beinahe
unfaßbare Dimensionen angenommen hat, voran. Vor etwa fünf Millionen
Jahren erfindet unser Vorfahr Homo habilis die Technik, also den Gebrauch
einfacher Werkzeuge, zu dem auch andere Homiden fähig sind, und vor zwei
Millionen Jahren Homo erectus etwas, das den Dingen auch einen Namen gibt: die
Sprache. Sie ist ein wesentliches Element in der Evolution, vor allem, weil
sachliche Information ab diesem Zeitpunkt beinahe uneingeschränkt
verbreitet werden kann; dies bedeutet eine Ausweitung des Informationsflusses
auf Generationen, Jahrtausende und gleichzeitig das Entstehen der Tradition. Das
dokumentierte Weltwissen, welches sich seiner selbst bewußt geworden ist,
ist entstanden, der erste Schritt in Richtung Globalisierung getan, und die
Jung´schen Archetypen haben genauso wie die altindische Akascha-Chronik mit
der Sprache ein neues Medium der Expression gefunden.
Mit scharfer Kombinationsgabe und der
Fähigkeit, Wissenschaften zu verbinden, meint Robert Anton Wilson dazu:
"Der dritte oder semantische Schaltkreis hat mit Artefakten zu tun und
entwickelt ein Muster (Realitätstunnel), das an andere weitergegeben werden
kann, sogar über Generationen hinweg. Diese Muster oder "Karten"
können Gemälde sein, wie Illustrationen, aber auch Worte, Konzepte,
Werkzeuge (mit den dazugehörigen Gebrauchsanweisungen, die verbal
übermittelt werden), Theorien, Musik, usw.
Menschliche Wesen, (domestizierte)
Primaten sind Geschöpfe, die mit Symbolen arbeiten. Das bedeutet, daß
die, die die Symbole kontrollieren, uns kontrollieren, wie schon einer der
ersten Semantiker, Korzybski, beobachtete. [...] Marx und Hitler, Newton und
Sokrates, Shakespeare und Jefferson "kontrollieren" auch heute noch Teile der
Menschheit auf diese Art – durch den semantischen Schaltkreis." Die
Bedeutung, die Wilson damit der Semantik und der Sprache des Menschen zuteilt,
ist, denke ich, nicht zu hoch eingeschätzt.
Als einzige überlebende Art der
Gattung Homo kommt uns als Homo sapiens sapiens die Ehre zuteil, die Erfindung
unseres Vorfahrs bis ins Äußerste verfeinert, zerlegt, analysiert und
verändert zu haben. Er allerdings – Homo erectus – hat
irgendwann den außergewöhnlichen evolutionären Schritt getan,
ein so großes, umfassendes Bewußtsein entwickelt zu haben, daß
er sich selbst erkennt, Dinge unterscheidet, Symbole für Reales setzt und
so schließlich zur Erfindung der Sprache kommt. Insofern kann auch eine
Parallele zur fernöstlichen Zenphilosophie gezogen werden, man denke nur an
so manches Zenrätsel – die übrigens alle allein den Zweck haben,
den "semantischen Schaltkreis" Wilsons auszuschalten und den Geist für
höhere Erkenntnisstufen bereit zu machen – wie etwa: Wie hört
sich das Fallen eines Baumes an, wenn es niemand hört? Solche Rätsel
beruhen auf dem Paradox der Beobachtung ohne Beobachter und auf der Tatsache,
daß jede Beobachtung (ohne die laut Kurzweil weder Zeit noch Welt
existieren würden, und für die die Sprache eine Ausdrucksform ist)
für das real Existierende, sprich das Beobachtete (oder Platons letzte
"Idee") ein Symbol setzt, um überhaupt zum "Erleben" des Beobachteten zu
kommen.
Ein Symbol für etwas real
Existierendes zu setzten, ist eine Leistung, die in Ansätzen nur unsere
nächsten Verwandten, die Zwergschimpansen oder Bonobos, deren Erbmaterial
übrigens zu über 96% mit unserem übereinstimmt, zuwege bringen
und bedeutet gleichzeitig die Erfindung des Wortes und den Startschuß
für eine Entwicklung, die graphisch nicht dargestellt werden kann.
Möchte man alle "herausragenden, sein Wesen verändernden oder seine
Zukunft maßgeblich beeinflussenden Ereignisse" (und die Erfindung der
Sprache gehört sicher dazu) zur Zeitachse auftragen, so ergäbe sich
eine Kurve, die im allerletzten Teil fast parallel zur Wertachse
verliefe.
Es existieren zum gegenwärtigen
Zeitpunkt Homide, die rein von der biologischen Technik, Kehlkopfbau, etc.,
fähig wären zu sprechen, doch sind sie, schlicht gesprochen, zu dumm
dazu; wohl geben sie Laute von sich, doch fehlt das Setzten des Symbols "Wort".
Daß die Evolution so rasant – und dennoch zufällig –
verläuft, ist sicher mit das Verdienst der Sprache, die das Medium der
Kommunikation und damit der zwischenmenschlichen Verständigung, ohne die
die biologische Entwicklung dieses Grades nicht denkbar wäre, ist, denn
Information – erlauben Sie mir den Exkurs in die Physik und Philosophie
– oder Negentropie ist das ordnende Prinzip in unserem Universum und
übertragen wird sie am schnellsten, aber auch am fehleranfälligsten,
wie wir noch sehen werden, eben durch Sprache. Durch die Entdeckung der Sprache
wurde ein Stein losgetreten, der den Informationsfluß unheimlich
beschleunigte, somit die Entropie auf unserem Inertialsystem Erde verringerte
und damit die biologische, psychologische und spirituelle Evolution in
unbekannte Sphären schleuderte.
Natürlich waren die Ursprachen
des Homo erectus vor zwei Millionen Jahren primitiv, es dauerte weitere
1.994.000 Jahre, bis die ersten großen Städte blühten, doch die
Zehnerpotenzen zwischen den herausragenden Ereignissen wurden, dank des immer
größeren Informationsflusses, immer weniger.
Kultisches
Vor ca. 4000 Jahren schließlich
ereignet sich, betrachtet man die Entwicklung der Sprachen, etwas
Herausragendes: Der indogermanische Kulturkreis spaltet sich vom semitischen ab,
indem die Urindogermanen, die anfangs in der Gegend des Schwarzen und Kaspischen
Meeres lebten, in Wellen nach Südosten in den Iran und nach Indien, nach
Südwesten nach Griechenland, Italien und Spanien, nach Westen durch
Mitteleuropa nach England und Frankreich, nach Nordwesten nach Skandinavien und
nach Norden nach Osteuropa und Rußland, wandern und somit sich die
vorindogermanischen Kulturen unter der Dominanz der indogermanischen Religion
und Sprache mit denselben vermischen. Noch heute läßt sich innerhalb
dieses Kulturkreises ohne weiters "Spracharchäologie" betreiben: So
verehrten die alten Inder beispielsweise den Himmelsgott "Dyaus", das
Äquivalent zum griechischen "Zeus", zum lateinischen "Iupiter" (eigentl.
"Iovpater", also "Vater Iov") und zum
altnordischen "Tyr"; ergo sind die Namen Dyaus, Iov, Zeus und Tyr
verschiedene Varianten –
schließlich ist auch die Sprache einer Evolution unterworfen –
desselben Worts. Solche Beispiele lassen sich massenhaft in unserem Kulturkreis
finden: Die Götter der Wikinger, die
Asen, finden ihre Verwandten bei den
altindischen asura oder den iranischen
ahura; ein weiteres Wort
für Gott heißt auf sanskrit
deva, auf iranisch daeva, auf
altnordisch tivurr, und wer kennt nicht vom Lateinunterricht das Wort
deus? Die nordischen Fruchtbarkeitsgottheiten, die Wanen, finden
ebenfalls Entsprechungen bei der lateinischen "Kollegin"
Venus oder dem altindischen
Wort für "Lust" und "Begehren":
vani.
Alle Völker, die indogermanische
Sprachen sprechen, also alle europäischen, außer der finnugrischen
(Samisch, Finnisch, Estnisch und Ungarisch), außerdem noch die Basken,
Inder und iranischen Völker haben ein zyklisches Weltbild mit
wiederkehrenden "Welten", sich wiederholender Geschichte oder ähnlichen
Philosophien und messen dem jeweiligen, in der Bedeutung veränderten Wort
für "sehen" (lat. video, sansk.
vidya, griech.
idé,
engl. wise, wisdom, dt. wissen, norweg.
viten) große Bedeutung
zu und verbinden es mit Erkenntnis oder, um bei unserem Vokabular zu bleiben:
Evolution. Die Wörter video, voir, videre, wissen, weise, Vision, Idee,
idé, vidya, wise, wisdom, viten, visuell (und unzählige weitere)
stammen also von einer im Indogermanischen wichtigen Wurzel. Daß sich
derart sichtbar von Indien bis Skandinavien ein roter Faden in der Sprache,
Religion und Kultur zieht, erscheint mit persönlich beinahe schon
erschreckend unheimlich und schaurig-schön.
Ich kann nicht umhin, einen Abstecher
in die Psychologie zu wagen und Carl Gustav Jung zu erwähnen, der,
perfektioniert in seiner Archetypentheorie, sich ebenfalls mit Sprachen
beschäftigte und erkannte, daß sie praktisch der Kitt sind, der
hilft, die einzelnen Errungenschaften von einer Generation zur nächsten
weiterzuvererben (man bemerke die Parallele zu der oben erwähnten
Negentropietheorie aus der Physik, und daß eine Wissenschaft allein nicht
existieren kann), und daß sich Sprache sehr stark in den Archetypen
widerspiegelt. Dieses Wissen, das sich von Indien bis England zieht, das tief in
jedem von uns in unserem "Selbst" gespeichert ist, erscheint
unerschöpflich, und zumindest ich versinke davor und vor dem Potential des
Kollektiven Unbewußten in Staub. Daß Sprache ständig im Begriff
ist, sich zu verändern, ist nichts Neues, faszinierend ist jedoch,
daß man ganze Geschichten von Riesenvölkern über Zehntausende
Kilometer und Jahre anhand der Sprache und der Wurzeln der einzelnen Worte
verfolgen kann, was ein weiterer Beweis dafür wäre, daß Jungs
Archetypen, Haeckels Auffassung von Onto- und Phylogenese und das
"archäologische" Element in der
Sprache prinzipiell dasselbe bedeuten.
Ich habe zuvor schon kurz den
semitischen Kulturkreis, der sich von dem indogermanischen wesentlich
unterscheidet, angeschnitten, ihn aber dann vorerst beiseite gelassen, doch ist
es der Mühe wert, ihn näher zu betrachten. Die Semiten stammen
ursprünglich von der arabischen Halbinsel und teilten sich, wie schon
erwähnt, vor etwa 4000 Jahren von der indogermanischen Kultur; nun haben
wir es aber bei den Semiten selbstverständlich mit ganz anderer Kultur,
Religion und in weiterer Folge logischerweise auch mit anderen Sprachen zu tun
– Kultur und Religion, Glaube, Weltbild und -philosophie sind immer
engstens mit der entsprechenden Sprache verbunden. Wie der indogermanische hat
sich auch der semitische Kulturkreis weit über den Globus verteilt, schon
seit über 2000 Jahren leben Juden bedingt durch die Diaspora weit von ihrem
ursprünglichen Vaterland entfernt und haben natürlich auch ihre Kultur
mitgenommen. Interessant erscheint, daß die drei westlichen Religionen
– Christentum, Judentum und Islam – einen semitischen Hintergrund
haben, so sind beispielsweise der Koran und das Alte Testament in verwandten
Sprachen verfaßt.
Anders jedoch als die Indogermanen
verfügen die Semiten über ein lineares Geschichtsbild, d. h. in grauer
Urzeit schuf ein Gott die Welt, die auch einmal ihr Ende haben wird. Ein
weiterer "spracharchäologischer" Unterschied zu den Indogermanen besteht
darin, daß die Semiten nicht soviel Wert auf das "Sehen", und somit auch
nicht auf jenes Wort, sondern auf das Hören legen, nicht umsonst beginnt
das jüdische Glaubensbekenntnis mit den Worten: "Höre Israel!", und
nicht umsonst sind noch heute jüdische, christliche und moslemische
Gottesdienste vom Vorlesen Heiliger Schriften geprägt.
Psychologisches
Wenn nun unsere Sprache mit den
Jung´schen Archetypen in Verbindung steht und damit in jenes Netzwerk
eingreift, das sich aus den Verbindungen zwischen unseren "Selbsten", die Jung
beschreibt, ergibt, und wenn nun Sprache einer Evolution unterworfen ist und ein
bindendes Element zwischen den Generationen darstellt und mit der Phylogenese
Hand in Hand geht, so muß sie folglich auch eine wichtige
tiefenpsychologische und identifikationsbildende Rolle spielen. Und, glauben Sie
mir, das tut sie auch! Jemandes Sprache durch den Dreck zu ziehen, hat eine sehr
diskriminierende und starke Wirkung, einerseits, weil die Sprache Ausdruck des
Selbstverständnisses eines Genpools ist, der von den einzelnen Individuen
– getrieben durch den natürlichen Instinkt – weitervererbt,
erhalten und vergrößert werden muß und dessen Erhaltung
oberstes Ziel jedweder Absicht (sofern es soetwas gibt) hinter der Evolution
ist; andererseits, weil Sprache auch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit
ist, eigene Meinungen widerspiegelt und die Zugehörigkeit zu einer
bestimmten Gruppe anzeigt. Aus dieser Tatsache heraus entwickeln sich auch die
verschiedensten Chargons, so spricht man beispielsweise als Angehöriger der
"Zunft" der Obdachlosen anders als als gekröntes Staatsoberhaupt
während eines Staatsbesuchs. Das Alter spielt natürlich auch eine
wesentliche Rolle: Während sich die "Sprache" eines Neugeborenen anfangs
durch Unvermögen von der eines Erwachsenen unterscheidet, ist die eines
Jugendlichen meist bewußt, oder besser: halbbewußt, aus
ideologischen Gründen von der eines Erwachsenen abgehoben.
Ich komme für eine umfassende
Sicht der Dinge nicht umhin, die Philosophie ein weiteres Mal zu Rate zu ziehen,
drängt sich doch angesichts der Tatsache, daß jeder Jugendliche
irgendwann einmal auch die Sprache eines Erwachsenen annimmt, die Frage auf,
inwiefern sich hier wieder die Relativität unserer Welt zeigt: Wie sehr
freiwillig verläuft der Übergang vom Jugendchargon zu den "erwachsenen
Worten"? Ist er denn nicht von vornherein geplant, erwartet, nur eine Sache der
Zeit? Wenn ja, dann leben wir in einer deterministischen Welt, in der die
Zukunft jedes Teilchens und jeder Energie – also auch die Entwicklung
eines Jugendlichen – durch momentanen Ort und Impuls vorherbestimmt, also
determiniert ist. Ich bin versucht, dieser Ansicht einiges abzugewinnen und bin
sicher, daß sich Sir Isaac Newton und René Descartes darüber
sehr freuen würden, doch andererseits hat schon zu Beginn dieses
Jahrhunderts ein Genie namens Albert Einstein festgestellt, daß weder
Raum, noch Zeit, noch Jugendliche absolut, sondern eben relativ sind, also wird
wohl doch nichts aus dem althergebrachten Newton´schen Determinismus. Das
soll jetzt aber nicht heißen, daß es nicht etliche hartnäckige
Erwachsene gibt, die es verstehen, mit perfektem Atavismus selbst die Sprache
eines Kleinkinds noch an Primitivität zu überbieten.
Es ist die Sprache also eine wichtige
Informationsüberträgerin und ein wichtiges Mittel zum Finden einer
Identität, und eine Beleidigung auf diesem Gebiet kann sehr heftig
ausfallen. Davon werden Sie spätestens dann überzeugt sein, wenn Sie
versuchen, auf einem Treffen von ultrarechten Neonazis die "Internationale" in
türkischer Sprache zu singen. Es gibt aber weit weniger lebensbedrohende
Beispiele für die Bedeutung der Sprache, denken Sie etwa an die Wiener
Gruppe, die als Reaktion auf die Borniertheit ihres Genpools die Sprache
zerlegte, Wörter untersuchte, Sinninhalte vertauschte und (v. a. Hans Carl
Artmann) sich auch mit Dialekten, also sehr regionalen Ausdrucksformen der
Identität, und mit fremden Sprachen und den Verbindungen zur eigenen und zu
Kunstsprachen beschäftigte.
Ein wunderbares Beispiel für die
schockierende Wirkung ihrer Werke ist etwa das Gedicht "scheißen und
brunzen" von Konrad Beyer und Gerhard Rühm. Viel hat sich seit 1958, als
dieses Gedicht entstand, nicht getan, denn auch heute noch sind viele entsetzt
über die vulgäre Sprache, die Kunstanspruch stellt, fühlen sich
moralisch provoziert, schreiben Protestbriefe, gewahren sich wie
Gockelhähne im Zweikampf – und das alles nur wegen einiger
ordinärer Worte auf einem Blatt Papier, das vielleicht doch nicht so
geduldig ist, sondern zumindest offiziellen Charakter besitzt. Da spielen wegen
eines kunstanspruchstellenden "scheissvaters" die Freud´schen
Über-Ichs in so manchen leicht braun gefärbten Hirnen verrückt
und übersehen dabei, daß dies die eigentliche Absicht hinter dieser
Kunst ist.
Ein weiters Beispiel für die
Möglichkeit der Zerlegung der Sprache liefert ebenfalls die Wiener Gruppe
mir ihrem kongenialen Text "Abhandlung über das Weltall". Dabei handelt es
sich zunächst um einen nüchternen, populärwissenschaftlichen
Vortrag über unsere Milchstraße, dessen Inhalt völlig
nebensächlich ist. In der Vorbemerkung heißt es dazu:
"an diesem grundtext wurden nun
manipulationen vorgenommen
[...]. nach einer
aufstellung der statistischen häufigkeit der verschiedenen phoneme, die der
grundtext enthält, saugen die häufigeren sukzessiv die selteneren auf,
bis in dem übrigbleibenden "e" (dem häufigsten phonem der deutschen
sprache) die maximale entropie erreicht ist – die sprache ist,
adäquat der entwicklung des weltalls, gleichsam den wärmetod
gestorben. [...] die handlung
[ist] [...] trotz zunehmender entropie noch ziemlich lange
verfolgbar. zuerst
störend im sinne des versprechens, dann immer einsichtiger das prinzip
herausschälend, tritt eine semantische trübung ein.
[...]
aus dem kontext werden vom hörer
[...] die entsprechenden korrekturen
vorgenommen." Das gelingt allerdings nur
solange, bis der Text komplett
verschwimmt. Da es wenig Sinn hat, über solch einen Text zu schreiben, ohne
ihn abzudrucken, ist er im Anhang beigelegt, wo Sie sich daran vergnügen
können, Physik mit Literatur zu verbinden, indem Sie gleichzeitig die
Sprache auseinander nehmen. An diesem
Beispiel erkennt man, wie sehr man Sprache zerlegen kann, wie sehr man mit ihr
als physisches Material arbeiten kann, was offensichtlich in der Tradition der
Sprachskepsis (und des Skeptizismus eines Descartes) steht, auch
Parallelen und Gemeinsamkeiten zum
Dadaismus (dem Rückfall zum bewußten Symbolsetzen) und zur konkreten
Poesie sind erkennbar. Daß man der Sprache nicht trauen kann, werden wir
an späterer Stelle noch genauer beleuchten, für etliche Dichter folgt
aus dieser Unvollkommenheit jedenfalls die
Notwendigkeit der Zerlegung und des Transzendierens der Sprache.
Zum Exzeß getrieben hat dies
sicher der irische Schriftsteller James Anton Aloysius Joyce, der mit dem Werk
"Finnegans Wake" das wohl unübersetzbarste der Weltliteratur geschaffen
hat. An diesem meisterhaften Text, der allein in Auszügen und in der
deutschen "Übersetzung" schon schwierig genug zu lesen ist, haben sich
Heere von Übersetzern die Zähne ausgebissen, da er das Material
Sprache von innen her angreift und erstmals die Sprache der Seele, des
Unbewußten, des Archetypen, die "Grüne Sprache", wie David Ovason sie
in der Tradition der Astroalchemie nennt, salonfähig macht. In "Finnegans
Wake" werden neue Worte geschaffen, indem Joyce alte Wortwurzeln, Wortfetzen
verschiedener Sprachen und vieles mehr verbindet. Satzteile, Wörter,
Buchstaben werden ausgelassen und hinzugefügt, es ergeben sich dadurch neue
doppeldeutige Sinninhalte, neue Dimensionen tun sich auf, die Sprache selbst,
das Medium wird zum Lebewesen, erhält Gestalt; Anspielungen auf
Mythologisches, Psychologisches, Physikalisches und auf das große
Weltwissen im allgemeinen reihen sich aneinander. Ich kann nicht anders, als
Joyces Kunst hier nur unzureichend und beinahe lächerlich vereinfacht
darzulegen, alles andere würde den Umfang dieser Arbeit sprengen, doch
möchte ich zumindest eine besonders schöne Stelle zitieren, die mit
der Freud´schen Vorstellung der
bona
dea, der Mutter, korrespondiert
und sich die Form – wohl kaum übersehbar – aus dem
Christentum gestohlen hat:
Im Namen Annahs, der
Allmächtigen, der Unsterblichen, der Trägerin höchster
Pluralitäten, geheiligt werde ihr Nabel, ihr Laich glomme, ihre Fülle
erstehe, wie im Strudel, also auch im
Teich.
Wunderschön ist auch Joyces
Deutung der Schöpfungsgeschichte, die sich bei ihm wie folgt anhört:
Flußfluß, furbay Eva'
und Adams dahein, vom Klippenrand zur verschlungenen Bucht, und er bringt uns
wieder in lässigem Circel zurück über Commodus und Vico nach Hoth
Castle samt Einzugskreis.
Die
Grammatik, die Syntax, die
Orthographie scheinen aufgehoben, eigene Regeln, die das Unbewußte
direkter ansprechen, als das die "normale", unzuverlässige Sprache vermag,
entstehen, die Sprache wird zum Material und zum sinnlichen Erlebnis, das Wort
wird zu einer neuen, umfassenden Bedeutung hingeführt. Morgenstern, Bremer,
Jandl, Gominger stehen wie viele andere natürlich auch genau in dieser
Tradition, wenn auch die Beweggründe eben Erwähnter sich untereinander
und von jenen Joyces unterscheiden.
An dieser
Stelle möchte ich ein
interessantes Phänomen erwähnen, das uns ab und zu von unserer
weltbild- und sprachproduzierenden Hemisphäre untergejubelt wird: Manchmal
nämlich geschieht es, daß uns die Bedeutung eines Wortes völlig
entgleitet und das Wort als solches, schlicht als Material übrigbleibt. Man
verwirrt vorerst etwas, doch schließlich trennt man den Begriff vom
Wort(-laut) komplett, und je öfter man das Wort wiederholt, desto
lächerlicher und unsinniger scheint es. Mir etwa ist es einmal so mit
"Bleistiftspitzer" ergangen, einer Klassenkollegin mit dem Wort "Stoff". Wenn
Ihnen also das nächste Mal die Zeit lang wird, probieren Sie es einfach aus
und sagen Sie fünfzig Mal "Bleistiftspitzer" vor sich hin. Erfolg
garantiert!
Nach den einleitenden prinzipiellen
Betrachtungen und nachdem wir
erkannt haben, wie ungenau Sprache definiert ist und wie sehr sie zerlegt,
aufgebrochen oder verstümmelt werden kann, drängt sich die Frage, was
denn Sprache nun eigentlich sei, direkt auf. Wir stehen vor dem Dilemma,
daß ein Wort nie das ist, was es bezeichnet – in der Philosophie
bekannt als "Geist-Körper-Problem". Der chinesische Philosoph Lao-tse
erkennt also zu recht in seinem "Tao-Tê-King": "Könnten wir nennen
den Namen,/ Es wäre kein ewiger Name./ Was ohne Namen,/ Ist
Anfang von Himmel und Erde;/ was
Namen hat,/ Ist Mutter den zehntausend Wesen".
Philosophisches
Selbst die besten Köpfe dieser
Welt werden noch ob der Frage zerbrochen, was in einem menschlichen Gehirn
konkret vorgeht, wenn es den Befehl gibt: "Lippe, forme dich; Kehlkopf, hebe
dich; Mensch, artikuliere dich!". Diese rätselhafte graue Masse versteht es
glänzend, sich selbst nicht zu verstehen. Wie schafft es eine Unzahl von an
und für sich lebloser Atome, sich so zu strukturieren, daß Leben und
Bewußtsein entsteht, was muß geschehen, daß ein Mensch, wenn
Information über elektromagnetische Wellen in sein Auge trifft, diese als
elektrische über Nerven in sein Hirn fließt, denkt: "Vor mir liegt
ein Buch!", ohne aber auch nur ein einziges dieser fünf Worte als solche zu
denken? Ist Bewußtsein bloß eine Illusion und nur das Resultat
komplizierter chemischer Verbindungen? Oder aber, weniger deterministisch
gedacht, ist Bewußtsein per se existent, hat es die Natur also geschafft,
atomare Verbindungen so aufzubauen, daß sie sich selbst erkennen und aus
dieser Erkenntnis heraus etwas größeres, nämlich das
Bewußtsein, erwächst? Die Wahrheit, so weit es sie objektiv
überhaupt gibt, denn unsere Sinne gaukeln uns schließlich
ständig eine Welt vor, die so nicht ist, wie wir sie "wahr"-nehmen, liegt
wohl, wie oft, in der Synthese. Die Welt, und das ist eine der wichtigsten
Erkenntnisse der modernen Physik und Philosophie, ist im höchsten Grade
determiniert und der Wille frei zur gleichen Zeit (Doch was ist "Zeit"?).
Schrödinger brachte ein interessantes Beispiel: Seine (imaginäre)
Katze sitzt in einer Box, neben ihr befindet sich ein Glaskolben mit
Blausäure und eine Apparatur, die dafür sorgt, daß dieser Kolben
mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% zerbrochen wird, was den Tod der Katze
bedeuten würde. Die Box ist undurchsichtig, und was würden Sie wohl
sagen, wenn man sie Ihnen nun präsentieren, und Sie fragen würde, ob
die Katze nun lebt oder nicht? Nun, Sie könnten mutmaßen, und mit
einer Wahrscheinlichkeit von 50% hätten Sie recht. Was ist aber nun die
Wahrheit? Das stellt sich sicher erst heraus, wenn Sie die Box öffnen, dann
aber kann die Frage "Was ist die
Wahrheit?" nur mehr als "Was
war die Wahrheit?"
beantwortet werden. Während die Box geschlossen ist, so Schrödinger,
ist die Katze objektiv halb tot und halb lebendig, sie existiert für Sie
als menschliches Wesen mit Bewußtsein – das ist der springende Punkt
– schlicht und einfach doppelt; eine Lösung, die eine Brücke
schlägt zwischen Determinismus und freiem Willen.
Der Physiker Maxwell beglückte
die Welt mit einer weiteren Paradoxie: Es handelt sich um eine imaginäre
Kreatur, der das Öffnen der Verbindungstür zwischen zwei
Behältern obliegt, die mit demselben Gas gefüllt sind. Dieser
"Dämon" läßt nun mittels Öffnen und Schließen der
Verbindungstür von Behälter 2 nur Moleküle mit hoher thermischer
Bewegung in Behälter 1 und von Behälter 1 nur solche mit niedriger
thermischer Bewegung in Behälter 2. Folglich würde in Behälter 1
die Temperatur unweigerlich steigen, obwohl das Gas ursprünglich in beiden
Behältern die gleiche Temperatur hatte; das steht aber in glattem
Widerspruch zum Zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, und tatsächlich
trieb "Maxwells Paradoxie" in der theoretischen Physik längere Zeit ihr
Unwesen. Die geniale Lösung stammt von Léon Brillouin (gestützt
auf einen Artikel von Leo Szilard, einem Kollegen Einsteins): Er erkannte,
daß die Beobachtung der Moleküle eine Zunahme von Information
innerhalb der Systems bedeutet, und genau der Temperaturzunahme entspricht, die
der Dämon angeblich erzeugt hatte. Damit ist unweigerlich eine Brücke
zwischen theoretischer Physik, der Kommunikations- und Informationstheorie und
der Sprache geschlagen; auf diese Art und Weise kamen die Physiker zu wichtigen
Einsichten in die Interdependenz zwischen
Energie und Information.
Ob die Kommunikations- und
Informationstheorie nun glücklich ist über so neue Erscheinungen wie
künstliche Intelligenz und elektronische Datenverarbeitung sei
dahingestellt, für unseren Zweck sind sie jedenfalls gut zu gebrauchen.
Beim derzeitigen Stand der Technik ist zum zweifelsfreien Entschlüsseln und
verstandesmäßigen Verstehen eines Satzes immer noch ein lebender
Rechner, sprich ein Gehirn, nötig. Ich hege allerdings keine Angst vor der
Explosion der technischen Evolution als Fortführung der biologischen, die
Vernetzung menschlicher Substanz mit "Bits und Bytes", das Verschmelzen der
Biologie mit der Physik halte ich für moralisch – wo ist in einer
doppel- und vielbödigen Welt mit Mord und Totschlag eigentlich Moral?
– unbedenklich. Computer mögen zwar für einen einzigen Satz 2
044 900 syntaktisch korrekte Interpretationen finden, aber verstehen können
sie diese nicht. Ein Computer des "MIT Laboratory for Computer Science" lieferte
1981 diese Unmenge an Interpretationen für den Satz:
"Welche Anzahl der Produkte der Produkte
der Produkte der Produkte der Produkte der Produkte der Produkte der Produkte
hatte die Anzahl der Produkte der Produkte der Produkte der Produkte der
Produkte der Produkte der Produkte der
Produkte?". Allerdings haben
computerunterstützte Systeme zur Syntaxanalyse schwere Probleme bei der
Interpunktion etwa folgenden Satzes: "Time flies like an arrow!" ("Die Zeit eilt
wie ein Pfeil dahin!"). Es meinte doch tatsächlich in seiner berühmt
gewordenen Antwort einmal ein Computer dazu, er sei sich nicht sicher, der Satz
könnte bedeuten:
- "Die
Zeit vergeht so schnell, wie ein Pfeil vorüberfliegt!"
- Die Aufforderung, Fliegen zu
"timen", wie ein Pfeil sie time, also: "Time flies like an arrow would!".
- Die Aufforderung, nur diejenigen
Fliegen zu timen, die wie ein Pfeil aussähen, also: "Time flies that are
like an arrow!".
- Die Aussage, daß die
Fliegenart "Zeitfliege" eine Vorliebe für einen Pfeil habe, also:
"Time-flies like an arrow!".
Offensichtlich
ist Wissen nötig, um die Ambiguität aufzulösen. Ein Mensch
käme erst gar nicht auf die Interpretationen zwei bis vier, da wir wissen,
daß Pfeile nicht die Fähigkeit besitzen, Ereignisse zu timen,
daß keine Ähnlichkeit zwischen Fliegen und Pfeilen besteht und
daß es keine "Zeitfliegen" gibt. Computer können also im Gegensatz zu
uns Menschen Sprache zwar aufnehmen, neuerdings auch erstaunlich genau
verarbeiten, sie scheinen Sprache verstehen zu können, interpunktieren sie,
aber können sie nicht "erfassen". Leider gibt es noch kein Wort, das den
Unterschied zwischen dem Prozeß des Aufnehmens eines Wortes durch einen
Computer und dem Prozeß des Erfassen eines Wortes durch einen Menschen
verdeutlicht. Wir würden unseren elektronischen Freunden (?) zuviel der
Ehre zukommen lassen, würden wir behaupten, sie verstünden uns und
hätten bereits ein Bewußtsein entwickelt. Nun, sie werden eines Tages
eines entwickelt haben, und dies wird der Tag sein, an dem wir unsere Krone der
Evolution von unserem Haupt auf das unserer vergeistigenden, intelligenten,
realitätsschaffenden Technik setzten werden müssen; ein Tag, an dem
die Evolution wieder einen einschneidenden Schritt gesetzt haben wird. Sehen wir
ihm mit Erwartung und Interesse entgegen, doch sehen wir auch ein, daß zur
Zeit unsere Computer von Sprache soviel verstehen, wie die Fische im Fluß
von der Stadt, die an ihrem Fluß liegt.
Daß die Grenzen der Welt die
der Sprache seinen, meinte Ludwig Wittgenstein, und um ehrlich zu sein, gebe ich
ihm nicht recht, oder besser: bezweifle zumindest, daß die Grenzen der
Sprache notwendigerweise die der Welt determinieren. Ich erlebe ständig
"Welt" und dennoch bin ich unfähig, einem anderen mitzuteilen, wie ich
persönlich diese Welt erlebe, bin unfähig, unsere beiden Wahrnehmungen
zu vergleichen und zu beweisen, daß etwa die Farbe, die ich als Rot
erlebe, in seiner Welt nicht das ist, was ich als Grün erlebe; dennoch
erleben wir beide etwas, das wir nicht ausdrücken können –
Grenzen der Sprache: ja, Grenzen der Welt: nein.
Versteht
man Sprache aber umfassender als Medium zur Erhöhung der Negentropie in
einem System, also nicht bloß verbal, nicht bloß auf den Menschen
beschränkt, im Extrem nicht bloß auf Lebewesen beschränkt, so
ergibt sich unter Umständen eine Rettung für den
Wittgenstein´schen Satz: Wenn keine Information mehr fließt, hat die
Evolution keine Möglichkeit mehr, aus dem sie umgebenden chaotischen System
(Entropie), ein kleineres, offenes mit steigender Negentropie (Information,
Sprache) wie etwa unsere Erde zu schaffen oder am Leben zu halten. Das Chaos
nimmt zu, das Universum stirbt den Wärmetod, und das wäre
tatsächlich das Ende oder besser: die Grenze der Welt. Man sieht:
einerseits ist es nicht einfach, einen komplexen Tatbestand in Worte zu fassen,
andererseits sind alle Wissenschaftsbereiche im Kern miteinander verbunden und
geben ein recht anschauliches Modell von dieser Welt, wenn auch bloß ein
Modell.
Was also nun ist Sprache? Umfassend
könnte man demnach sagen, daß Sprache dem Fluß (nicht unbedingt
dem Austausch) von Information, oder mehr physikalisch: dem Steigen von
Negentropie gleichkommt. Eine Instanz I ist mittels der Sprache s im
umfassendsten Sinn über einen Zustand z informiert worden und hat dadurch
an Entropie verloren. Wenn ich die Relativität der Zeit übersehe, was
eigentlich ein physikalisches Kapitalverbrechen ist, und auch jene kleinen
Quälgeister, die man Tachyonen nennt und die erfolgreich ihr Unwesen in der
Physik und in der Kommunikationstheorie treiben, unberücksichtigt lasse
(vgl. Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit, S. 219 ff.), so postuliere
ich, daß man ganz primitiv allgemein formulieren könnte:
∀
I (s, z) : [SI (t2) < SI (t1)],
t1 < t2.
(t1 ... Zeitpunkt 1,
t2 ... Zeitpunkt 2, I
(s, z) ... Instanz I, die mittels der Sprache s über den Zustand z
informiert wird,
SI
(t2) ... Entropie der
Instanz I zum Zeitpunkt 2. Zusätzlich vergleiche man
Wittgensteins "Allgemeine Form des Satzes":
[ρ ,
ξ ,
N(ξ
)], denn diese Definition verwendet ebenfalls mathematische Ausdrücke zur
Bildung eines Modells für die Sprache! Jede genauere Betrachtung dieses
spezifischen Themas mag höchst interessant sein, ist aber
für diese Arbeit redundant.)
Meine Definition klingt nun recht
ordentlich und unantastbar, ist es aber nicht. Überlegen wir, daß die
Sprache eines jener Medien, wenn nicht das einzige, so doch sicher das
wichtigste neben der intrapersonellen Reflexion über einen Tatbestand und
dem logischen Schluß, ist, über welche wir uns ein Weltbild, quasi
ein Abbild der "Realität", einen Welteindruck (selbst) schaffen! Dr. Joseph
Murphy beispielsweise ist davon überzeugt, daß der feste Glauben an
einen Tatbestand (berechtigt oder nicht) und das ständige Wiederholen eines
entsprechenden Satzes (etwa: "Ich bin krank!") früher oder später
Auswirkungen in der Realität haben wird (sprich, Sie werden
tatsächlich krank). Sie haben sich also erfolgreich "eingeredet", krank zu
sein. Da die Sprache also u. a. diese logisch-semantische,
realitätsschaffende Aufgabe wahrnimmt, ist sie ein recht heikles
Instrument, das nicht so einfach zu bedienen ist, wie das vielleicht scheinen
mag. Es ist ein Paradox der Sprache, daß wir mit ihr nie zu hundert
Prozent das ausdrücken können, was wir eigentlich meinen, dazu kommt
dann noch, daß unser Gegenüber, der Empfänger vielleicht eine
etwas andere Weltauffassung hat als wir, der Sender. Von dem, was sich der
Sender anfangs in seinem Hirn als Botschaft zusammengebraut hat, kommt also
durch die verschiedensten Filter, einerseits durch die Unmöglichkeit, etwas
1:1 auszudrücken, andererseits, die eventuell verschiedenen Auffassungen
der Beteiligten, mitunter nicht viel beim Empfänger an. Die beiden Aussagen
(die gesandte und die empfangene) können im Extrem sogar einen glatten
Widerspruch zueinander bilden, ohne daß aber unbedingt ein klares
Mißverständnis vorhanden sein muß. So verwundert es also nicht,
daß man große, sogar verheerende Wirkungen erzielen kann, wenn man
mit nur sehr kleinen, geschickten Veränderungen, die an und für sich
gar nicht als solche auffallen müssen, in die Sprache eingreift und deren
Techniken durchschaut; die Mittel der Sprache in der Hand zu haben, bedeutet
eine nicht zu unterschätzende Macht.
Es gibt von Robert A. Wilson ein wunderbares
Kommunikationsmodell, das Snafu-Prinzip (Situation
normal –
all fucked up), das
die Macht der Sprache, so meine ich, recht gut darstellt. Im Prinzip handelt es
sich dabei um eine Pyramide, deren
Basis von all jenen gebildet wird, die sich ihrer Sprache eigentlich nur
halbbewußt sind und sie nicht in voller Absicht anwenden. Darüber
plazieren sich dann, immer enger werdend, bis hinauf zur alles
überwachenden und vollbewußten Spitze der Pyramide immer
intelligentere Schichten, die der jeweils höheren Rechenschaft über
die jeweils niedrigere schuldig sind. So müßte theoretisch die Spitze
zu jeder Zeit über alle ihre "Untergebenen" informiert sein, doch teilen
die einzelnen Schichten ihren "Vorgesetzten" aus Angst vor Bestrafung immer nur
das mit, was diese ohnedies zu hören erwarten; so kommt es, daß
verblüffenderweise die Spitze am meisten desinformiert und verwirrt ist
(natürlich ohne es zu wissen, und im Glauben, über alle Macht und
alles Wissen zu verfügen) und die Basis am wahrheitsgetreusten informiert
ist. Man erinnert sich unweigerlich an Fjodor M. Dostojewskis Fürst
Myschkin, den
Idioten,
der die Gesetzestafeln zerbricht und so plötzlich "in einer Welt lebt, in
der alles wahr ist, auch das Gegenteil".
Und man vergesse nicht Franz Kafkas
Prozeß, denn das
Gericht "entläßt dich, wenn du gehst."!
Das schon erwähnte Paradox der
Unausdrückbarkeit, wie ich es nennen möchte, äußert sich
aber auch noch anders. Wo blieben denn bis jetzt in unseren Betrachtungen die
Gefühle und Emotionen? Schließlich denkt man ziemlich selten bei dem
Satz "Ich liebe dich!" an entropieverringernden Informationsfluß. Wir
möchten also beispielsweise unsere Liebe zu jemanden gestehen, sagen dann
aber doch nicht "Ich liebe dich!", sondern erwähnen bloß, daß
wir unser Gegenüber schätzen und machen sonst noch ein paar
Komplimente und schon ist nicht mehr das angekommen, was wir eigentlich wollten.
Unser geliebtes Gegenüber kommt sich vielleicht auf den Arm genommen vor,
und wir, nun wir stehen vor einem Dilemma. Diese fiktive Situation ist
natürlich stark simplifiziert, doch das Prinzip dahinter entspricht
durchaus der Realität. So ist für Emotionen und Gefühlsregungen,
besonders in Beziehungssituationen, für alle zwischenmenschlichen Regungen
schlechthin, die nonverbale Sprache wohl die geeignetere; überhaupt scheint
mir, daß für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, daß nicht
der faktische Inhalt der Sprache, sondern vielmehr das Gehabe, das Vorurteil,
einen Menschen ohnehin zu kennen, das "Wie" der Kommunikation, das Ambiente, das
"D'rumherum", ausschlaggebend sind. So fängt sich ein Mensch seinen Nimbus
nicht primär durch den Inhalt seiner Kommunikation, sondern durch sein,
nennen wir es: "Auftreten" ein.
Die nonverbale
Sprache also ist für das
Ausdrücken von Emotionen und seelischen Regungen also besser geeignet als
die verbale, die sie dabei allerdings selbstverständlich unterstützen
kann. Darüber hinaus ist zu bemerken, daß die nonverbale Sprache eine
viel zuverlässigere ist, seine Körpersprache gänzlich unter
Kontrolle zu haben und sie zur Lüge zu zwingen, gelingt nur wenigen. Nicht
umsonst verläßt man sich bei Lügendetektoren auch u. a. auf die
"Äußerungen" unseres Körpers. In einer der letzten Ausgaben der
Tageszeitung "Kurier" (November oder Dezember 1999, der genaue Tag ist mir
leider inzwischen entfallen) wurde berichtet, daß man mittels einer
Videoaufnahme, die man in Sequenzen von Sekundenbruchteilen zerlegt hatte, einen
Politiker beim Lügen regelrecht zugesehen hat; die verräterische
Sequenz: Genau zum Zeitpunkt der Lüge schloß der erwähnte
Politiker für einige Hundertstelsekunden unbewußt und bei normalem
Zusehen unbemerkbar die Augen, was die Studienautoren als eindeutiges Zeichen
für eine absichtliche Lüge
gedeutet haben.
Fremdsprachiges
Zu weniger absichtlichen, dafür
umso folgenreicheren Lügen kann es bei einem weiteren Phänomen der
Sprache kommen: der Übersetzung. Dem Vermittler, sprich dem Dolmetscher,
kommt dabei, soweit er beide betreffenden Sprachen einwandfrei beherrscht, alle
Macht, die die Sprache in sich birgt, zu. Watzlawick erwähnt, daß
eine Landessprache nicht nur sachliche Information, sondern gleichzeitig auch
die nationale Interpretation der Begriffe liefert. So hat das Wort
detention
(Verhaftung, Gewahrsam) im
russischem Wörterbuch sicher eine andere Bedeutung als in dem der NATO.
Eklatant wird die Situation eines Dolmetschers, der bei internationalen,
wichtigen Konferenzen zu übersetzten hat, und wenn die Aussagen der
Konferenzteilnehmer etwa vom Chinesischen zuerst ins Englische und dann weiter
ins Französische übersetzt werden, so tritt eine Art
"Stille-Post-Effekt" ein, von Mal zu Mal wird die Aussage etwas verändert.
So geschehen ist dies auf der Genfer Konferenz 1954. Begonnen hat alles als Paul
Henri Spaak, der Vertreter der Vereinten Nationen, gegenüber Tschou En-lai,
dem Vertreter der Volksrepublik China, kritisch Stellung betreffend der
Unversöhnlichkeit Nordkoreas bezog. Im Original sagte er: "Cette
déclaration est contenue dans notre
texte"
("Diese Erklärung ist in unserem Text enthalten"), der Dolmetscher verstand
aber "dans l'autre texte" ("im
anderen Text") anstatt "dans notre texte"
("in unserem Text") und
übersetzte in der Überzeugung, daß
"l'autre" zu vage war, mit einem
kleinen, aber folgenreichen Zusatz:
"Diese Erklärung ist im Text des Waffenstillstandsabkommens enthalten".
Tschou beschuldigte Spaak nun, eine falsche Tatsache in den Raum zu stellen, der
Vorschlag Chinas sei eben nicht in das Waffenstillstandsabkommen aufgenommen
worden. Dieser Vorwurf verwunderte andererseits nun Spaak sehr, denn von einem
Waffenstillstandsabkommen hatte er schließlich in seinem vorigen Satz kein
Sterbenswörtchen gesagt. Die Verwirrung war perfekt, der Streit groß
und alle, die die chinesische Übersetzung gehört hatten, waren auf
Tschous Seite, alle, die das französische Original kannten, auf Spaaks. Es
dauerte einige Zeit, um die Situation aufzuklären, doch passierte bald
darauf wegen der gespannten Atmosphäre ein weiterer
Übersetzungsfehler. Tschou sagte abschließend auf chinesisch:
"Wenn die Erklärung der 16 UNO-Staaten und der letzte Vorschlag der
Delegation der Volksrepublik China trotz einiger gewisser Unterschiede auf einem
gemeinsamen Wunsch beruht
[...]". Nun birgt eben zitierter
Gliedsatz aber eine Gemeinheit in
sich: Hört man ihn nämlich ohne die Worte "trotz einiger gewisser
Unterschiede", so könnte der Eindruck entstehen, daß Tschou gerade
dabei ist einzulenken, und den Vereinten Nationen in allem recht gibt. Genauso
kam er aber bei Spaaks an, da der
Dolmetscher in der Eile jene vier Worte ausgelassen hatte. Spaaks war
hocherfreut, den Vertreter Chinas anscheinend endlich zur Vernunft gebracht zu
haben, er antwortete: "En ce que
me concerne et pour éviter toute doute, je suis prêt à
affirmer que j'accepte la proposition du délégué de la
république chinoise" ("Was mich betrifft, und zur Vermeidung jedes
Zweifels, möchte ich feststellen, daß ich den Vorschlag des
Vertreters der chinesischen Republik annehme"). Die anwesenden Chinesen
verstanden die Welt nicht mehr, da sie in Tschou plötzlich einen
Verräter sahen, dieser konnte nicht verstehen, warum sich Spaaks aus
heiterem Himmel so zufrieden gab, und so weiter. Das Chaos war ausgebrochen! Die
vier Worte "trotz einiger gewisser Unterschiede" waren deshalb so wichtig
gewesen, weil sie bei Nichtbeachtung eine Aussage, die den Kern der Konferenz
betraf, ins Gegenteil umwandelten. Jedenfalls dauerte es 45 Minuten, bis sich
alle Teilnehmer wieder beruhigt hatten und sich nicht ständig ins Wort
fielen. Für den Konferenzbeobachter Robert Ekvall, der alle verwendeten
Sprachen beherrschte, und wahrscheinlich als einziger die Situation völlig
durchschaute, mußte sich diese Konferenz wie ein Kabarett angemutet haben;
er berichtet darüber in "Faithful
Echo".
Die Italiener haben ein Sprichwort:
"Traduttore, traditore", und
es drückt einerseits die Schwierigkeit aus, originalgenau zu
übersetzen, ist aber andererseits selbst ein Beispiel dieser Schwierigkeit.
Die sprachlich korrekte Übersetzung "Der Übersetzer ist ein
Verräter" würde es nämlich seines paronomastischen Wertes
bestehlen. Auch der von mir weiter oben verwendete Ausdruck "Stille-Post-Effekt"
würde einen Übersetzter, der die Aufgabe hat, ihn in eine Sprache
eines Landes zu übersetzen, dessen Einwohner das Spiel "Stille Post" nicht
kennen, vor ein kleines Problem stellen; der Übersetzter müßte
ihn wohl umschreiben oder ein anderes passendes Beispiel finden. Daß jede
Sprache auch etwas von der Einstellung, dem Wissen und dem Charakter ihres
Volkes beinhaltet (ich habe Carl Gustav Jungs Bedeutung an diesem Aspekt schon
weiter oben erwähnt) läßt sich auch an folgendem Beispiel
demonstrieren: Versuchen Sie doch den englischen Satz
"We're glad, you're
here!", eins zu eins ins
Deutsche zu übersetzten! Sinngemäß heißt er so viel wie:
"Wir sind froh, daß Sie hier sind!", nun stören aber bei dieser
Übersetzung die vielen Worte, insbesondere das "daß". Der
ursprüngliche Satz wurde seiner Eleganz, Einfachheit und, wer Englisch
spricht, wird es bemerkt haben, auch teilweise seines Sinns entkleidet. Er
bedeutet nämlich eigentlich mehr "Wir sind froh, weil Sie hier sind!", aber
eben auch nicht ganz; man müßte eine Mischung zwischen "daß"
und "weil" finden. Läßt man das Wort "daß" aber gänzlich
aus ("Wir sind froh, Sie sind hier!", was der wörtlichen Übersetzung
entspräche), so ist der Sinn komplett dahin. Außerdem heißt
"glad" nicht wirklich "froh", sondern so etwas Ähnliches wie "zufrieden,
glücklich", was es aber auch nicht ganz trifft. So schwer kann es sein,
einen anspruchslosen, grammatikalisch äußerst einfachen Satz von
einer Sprache in eine andere zu übersetzten.
Ein weiteres Beispiel bietet ein
berühmter Spezialagent: "Bond" bedeutet auf Englisch soviel wie
"Übereinkommen". Nun stellen Sie sich aber vor, in den deutschsprachigen
Kinos würde ab 10. Dezember 1999 statt
James Bond, Die Welt ist nicht genug
ein Film mit dem Namen Johann
Übereinkommen, Die Welt ist nicht genug laufen. Lächerlich, nicht
wahr?
Verwirrendes
Abgesehen von der Unmöglichkeit
originalgetreu zu übersetzten, den nationalen Differenzen in der Bedeutung
eines Vokabels und dem Unvermögen der Sprache, die Welt einerseits so
auszudrücken, wie sie ist und andererseits unsere wahren Gedanken zu
transportieren, gibt es noch zwei weitere Phänomene der Sprache, auf die es
sich lohnt, genauer einzugehen. Es sind dies die persönliche Auffassung
eines Wortes und die Einstellung ihm gegenüber auf der einen Seite und
andererseits die Interdependenzen innerhalb unserer Kommunikation, die so
gebräuchlich geworden sind, daß sie meist nicht mehr auffallen.
Schon leichte Auffassungsunterschiede
zwischen zwei Gesprächspartnern können zu totaler Konfusion und groben
Mißverständnissen führen. Vor kurzem erst ist es mir selbst
passiert, daß ich einen Klassenkollegen, mit dem ich in ein
philosophisches Gespräch vertieft war, komplett mißverstanden habe
und selbst mißverstanden wurde. Wir benötigten etwa eine
Viertelstunde, bis wir herausfanden, daß wir eigentlich haargenau dasselbe
meinten, aber deshalb aneinander vorbei redeten, weil wir unter etlichen Worten
nicht dasselbe verstanden. Obwohl wir beide deutsch sprachen, kaum komplizierte
Fremdwörter verwendeten und uns durchaus im klaren waren, welchen Sinn die
einzelnen Sätze hatten, war die Desinformation perfekt. Um die weiter oben
erwähnte Hypothese der notwendigen Negentropievermehrung durch
Sprache/Information aufrecht erhalten zu können, tut es an dieser Stelle
wahrscheinlich not, zu erklären, daß innerhalb des Systems des
(Des-)Informationsempfängers selbst Desinformation als Information gedeutet
werden muß, da erstens dieser die Desinformation nicht als solche erkennt
(und wenn, dann ist sie keine mehr) und zweitens daher aus seiner
Relativitätsebene heraus betrachtet, sehr wohl Entropie verringert wurde,
auch wenn das dadurch entstehende Ordnungs-Informations-Kontinuum von
außen betrachtet bloß ein scheinbares ist; Wahrheit existiert eben
nie im Singular und die Wirklichkeit ist nichts weiter als ein Messer ohne
Klinge, an dem der Griff fehlt. Persönliche Färbung einzelner Worte
kann also (oder besser: muß notwendigerweise) zu größeren oder
kleineren Mißverständnissen der Gesprächspartner führen.
Das ist auch mit ein Grund, warum die meisten philosophischen Texte auf Dutzende
Seiten ausgebreitet werden. Man könnte nämlich sonst den Autor sehr
leicht mißverstehen und der Text würde in hohem Maße angreifbar
werden, es wäre also ungleich leichter, sein Gegenteil zu "beweisen",
obwohl der Beweisführer unter Umständen der selben Meinung wie der
ursprüngliche Autor ist. Mein Klassenkollege und ich kamen also zu keinem
Konsens, weil wir mit unterschiedlichen Worten dasselbe sagen wollten. Aber vice
versa ist es auch möglich, mit denselben Worten etwas ganz
Unterschiedliches auszudrücken, was einerseits wieder zu Konfusion
führen kann, andererseits ist es aber immer wieder amüsant, mittels
dieser Möglichkeit unterschwellige Anspielungen und ironische Winke mit dem
Zaunpfahl Richtung Gesprächspartner zu versenden.
Die Interdependenz ist eine noch viel
heiklere Angelegenheit. Sie
bezeichnet die Abhängigkeit von der Abhängigkeit von der
Abhängigkeit und so weiter bis in alle Ewigkeit und kaum begeben wir uns in
ihre Hände, fahren wir Schlittschuh auf sehr dünnem Eis, denn in
dieser Welt dreht sich tatsächlich alles im Kreis. "Was denkt er, daß
ich denke, daß er denkt, daß ich denke..." ist die prinzipielle
Frage der Interdependenz. Was das aber nun für die Kommunikation bedeutet,
liegt auf der Hand: Unsere Äußerungen werden von der Meinung
über die Meinung unseres Gegenübers über uns selbst
abhängen. Meist kommt es nur zu drei oder vier Ausschlägen des
"Interdependenzpendels", d. h. es gibt nur drei oder vier Interdependenzebenen,
alles andere würde unserer semantischen linken Hemisphäre zu komplex
und wird eher von der Intuition ver- und bearbeitet. Sehen Sie sich bloß
einmal Menschen an, die über ihre Beziehung zueinander reden (dabei
muß es sich gar nicht um gegengeschlechtliche Personen handeln): Da
steigen der Puls und die Adrenalinkonzentration, die Körpersprache nimmt
beinahe athletische Formen an und vor allem wird dann vor jedem gut abgewogen
Satz, denn immerhin könnte er ja peinlich wirken oder mißverstanden
werden, gedacht: "Was denkt er, daß ich denke, daß er... ".
Daß eine gewisse Skepsis
gegenüber der Sprache aufkeimen mag, wenn man sich all diese ihre
Eigenschaften genauer vor Augen führt, ist, glaube ich, logisch und
durchaus verständlich. Ihr ist nicht zu trauen, und dennoch ist sie ein
schillerndes Mittel, um Menschen zu manipulieren und zu steuern. Das Ändern
des Chargons, das plötzliche Leiserwerden, ein bedeutendes Schweigen, ein
Emotionssturm in der Sprache, all dies veranlaßt Menschen zu
akrobatischen, entlarvenden, faszinierenden Gebärden und Reaktionen. Wie
Insekten erscheinen sie plötzlich, von ihren Instinkten getrieben steuern
sie zielgerichtet auf ein Blüte zu und lassen sich dort zufrieden-emsig,
flügelchenschlagend nieder. Man muß Menschen beim Reden zusehen, und
man erlebt seine Wunder! Was wir allerdings brauchen, sind Menschen, die zu
gepflegter, wortreicher Sprache fähig sind, was wir brauchen, sind
Überredungskunst, das gewisse Etwas in einer Diskussion, die auf das
übliche entbehrliche Geschwafel verzichtet, Kreativität und Mut zur
Avantgarde. Worte müssen an ihren Empfängern kleben bleiben
können! So erschließt sich uns die Sprache, Erwartungen erfüllen
sich von selbst, und wir kommen in den Genuß des Beobachtens. Es liegt mir
im Gemüt, viel zu oft die Rolle des außenstehenden Beobachters zu
spielen, und oft schon habe ich diesen Zug an mir verteufelt, doch ist er es,
der mir immer wieder Einblicke in das System der vielen kleinen Räderchen
erlaubt, die zusammengenommen unsere Welt ergeben.
|