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Schubert, Franz (1797-1828)
Froh umgeben, doch alleine
Vor 200 Jahren wurde der Komponist und Liedschöpfer Franz Schubert
geboren
Am 11~ Oktober 1996 gedachten wir des 100. Todestags von
Anton Bruckner. Am 31. Januar 1997 jährt sich zum 200. Mal Franz Schuberts
Geburtstag. Der Oberösterreicher und der Wiener haben einiges gemeinsam:
die uns Heutigen fast unbegreifliche Bescheidenheit, die ihnen sogar gebot, aufs
Heiraten zu verrichten und vor allem ein musikscher frischer Fluß, der zum
Rätselhaftesten gehört, was die Musikgeschichte aufzuweisen hat. Bei
Bruckner auf dem Gebiet der Sinfonik fernab jeder praktischen Erfahrung mit
Orchestern, bei Schubert zunächst vor allem auf dem Gebiet des
‘Klavierlieds’ von dem er in seinem kurzen Leben über 700 Werke
geschrieben hat, oft in weniger als einer Stunde aufs Papier geworfen und oft
mehrere hintereinander. Er hat das ‘Klavierlied’ in dem die
Klavierstimme genau so wichtig ist wie die Singstimme, revolutioniert und kann
insofern als sein Erfinder gelten.
Ein Schüler Salieris
Schubert kam als Sohn eines Schullehrers in Himmelpfortgrund
bei Lichtenthal, einem Vorort Wiens, zur Welt und bestand elfjährig mit
Glanz die Aufnahmeprüfung als Hofsängerknabe und Konviktszögling
in Wien, wo er fünf Jahre blieb. Dort kam er mit vielerart
sängerischer und instrumentaler Musik in Berührung. Hofkapellmeister
Antonio Salien gab ihm kostenlose Privatstunden in seiner
Wohnung.
Drei Klavierfantasien sind unter den Werken des Anfangs
erhalten geblieben (viel ist verloren gegangen), und als erstes Lied des l4j
ährigen ,,Hägars Klage" nach Schücking, dann zwei Texte von
Schiller. Schubert verzichtete aufs Klavier beim Komponieren, es bringe ihn
,,aus dem Zuge". Er schrieb also von Beginn an schnell, wie unter Diktat. (Was
Köchel für Mozart war, wurde der Wiener Otto Erich Deutsch für
Schubert. Nach seinem in der Londoner Emigration entstandenen, 1950 erschienenen
Verzeichnis, das 998 Nummern umfaßt, wird in Konzertprogrammen ein ,, D"
gesetzt).
Der l7 jährige Schubert, inzwischen Hilfslehrer an der
Schule seines Vaters, schrieb zum 100. Jahrestag der Weihe seiner Taufkirche in
Lichtenthal eine Messe in F-Dur` die unter seiner Leitung mit großem
Erfolg aufgeführt wurde. Das Sopransob sang Therese Grob, in die Schubert
verliebt war.
Drei Tage später entstand ein erstes Lied nach einem
Goethe-Text, ,,Gretchen am Spinnrade". In diesem Lied, seinen schnurrenden
Klavierfiguren und seinem bedrückten Klagegesang kann man Schuberts erstes
Meisterwerk im neuen Stil der absoluten Gleichberechtigung von Singstimme und
Klavier sehen. Es blieb acht Jahre liegen, ehe es gedruckt wurde. Goethe erhielt
eine Abschrift mit anderen seiner vertonten Gedichte, reagierte aber nicht
darauf. Es folgten rasch weitere Goethe-Vertonungen, darunter die ,,Szene aus
Goethes Faust", ein Jahr später der ,,Erlkönig", der unter Freunden
stets mit Begeisterung gesungen wurde.
Vergnügen im Freundeskreis
Der Schulunterricht war für Schubert ein Horror, er
beklagte sich, daß die Kinder ihn beim Komponieren störten. So zog er
zu Hause aus und teilte mit Freunden die Wohnung, darunter Franz von Schober,
der düstere Mayrhofer und Moritz von Schwind. Bewerbungen zerschlugen sich.
Ihm war es nur recht, er komponierte und komponierte und vergnügte sich mit
den Freunden abends in Beisein. An Heirat war da aber nicht zu denken. Therese
Grob wartete ein paar Jahre, dann heiratete sie einen Bäcker. Die Freunde
veranstalteten ,,Schubertiaden", bei denen abends gesungen wurde, was morgens
entstanden war, und in denen Schubert unermüdlich Tänze am Klavier
spielte, die er auch niederschrieb. Besonders als zum Freundeskreis der
Hofopernsänger Johann Michael Vogl stieß, dessen Anerkennung Schubert
sehr wichtig war.
Kein Glück mit Opern
Mit ihm machte er kleinere Reisen, weitere Reisen
führten zum Schloß Zseliz nach Ungarn, wo Schubert die Töchter
des Fürsten Esterhazy unterrichtete und wo viele vierhändige Werke
entstanden. 1823 erkrankte Schubert schwer, allem Anschein nach an Syphilis. Er
bekam mehrere Rückfälle und verdüsterte sich immer mehr,
steigerte sich aber immer wieder in einen Schaffensrausch
hinein.
Unermüdlich schreibt Schubert an Opern. Meist
verhinderten unmögliche Libretti einen Erfolg, aber auch Schuberts
Unbekanntheit war schuld, daß fast nichts davon aufgeführt wurde, und
die Tatsache, daß er kein geborener Dramatiker war. Dies und Schuberts
Nähe zum übermächtigen, tief verehrten Beethoven. Schon früh
begann er damit, Sinfonien zu schreiben. Ein Kreis von Liebhabermusikern, in dem
auch Schuberts Bruder Ferdinand Violine spielte, gab ihm Gelegenheit, die Werke
raktisch zu erproben. Haydns und Beethovens Vorbilder sind deutlich zu
spüren. Aber schon bald, mit der vierten (der ,,Tragischen"), verdichteten
sich die eigenen Züge, die den Hörern heute allmählich immer
deutlicher bewußt werden. Der Schubert-Biograph Cedric Dumont, selber
Dirigent, brachte es auf den Punkt:
,,Beethovens Musik wird, Schuberts Musik ist." Schubert
läßt nicht die Themen miteinander kämpfen, er stellt sie
nebeneinander, läßt sie für sich pulsen. Seine
Bläserbehandlung hat ihren eigenen Zauber. Die reine Romantik spricht sich
aus.
Dies gilt auch für die Klaviersonaten. Noch
stärker als in der Sinfonik sucht Schubert nach Eigenem. Etliche Werke
bleiben unvollendet, wie die 7. Sinfonie. Schubert wurde in eine Zeit
hineingeboren, m der die klassische Satzfolge mehr und mehr von der ,,Fantasie"
abgelöst wurde. Die Verleger bevorzugen dieses Wort. Die Romantik
kündigte sich an. Auch Beethoven ging in seinen letzten Klaviersonaten
diesen Weg, erst recht Schubert. Doch beide blieben bei dem Begriff ,,Sonate".
Erst 1825, mit den Sonaten C-Dur und a-Moll (D 840, 845), war Schubert mit
seinem eigenen Stil zufrieden und dachte an eine kontinuierliche
Veröffentlichung. Es entstanden bis zu seinem Tod 1828 sieben
herrliche
Sonaten mit weichem Musizierfluß,
Unisonoführungen beider Hände in den Hauptthemen, wahrhaft
romantischen Malereien.
Vollendung in der Kammermusik
Der Sinfonik und der Klaviersonate voraus war Schubert mit
seiner Kammermusik. Hier, in den Streichquartetten, Klaviertrios und dem
,,Forelienquintett" mit Klavier, erreichte er verhältnismäßig
früh, wie im Klavierlied, Vollendung. Hier spricht besonders plastisch der
Romantiker Schubert, mit Tremoberregungen, weiten Gängen durch
phantastische Landschaften, mit Kämpfen, Aufschreien, Schauern, Beruhigung,
Auflichtung, süßem Trost. Sein wohin größtes Werk aber,
der Liederzyklus ,,Die Winterreise", verrät große Vereinsamung kurz
vor seinem Tod (Typhus? Syphilis?) am 19.November 1828. ,,Froh umgeben, doch
alleine", wie es im Lied ,,Der Wanderer" (Schiegel)
heißt.
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