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Dürrenmatt, Friedrich
Friedrich
Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen (Kanton Bern) geboren.
Pfarrer Reinhold Dürrenmatt und seine Frau Hulda Dürrenmatt-Zimmermann
hatten lange auf Kindersegen gewartet und 1924 wurde ihnen noch die Tochter
Vroni geboren.
Reinhold Dürrenmatt galt als guter Seelsorger und besuchte bis ins
hohe Alter die Kranken. Mit den Interessen seines Sohnes war er niemals
einverstanden, und Fritz, wie Friedrich Dürrenmatt von den Eltern und
Spielkameraden genannt wurde, respektierte seinen Vater aber von einer innigen
Beziehung konnte keine Rede sein.
Als "Fritz" Schriftsteller wurde, besuchte sein Vater nur die ersten
Premieren, die moderne Literatur blieb ihm fremd.
In der Familie führte die Mutter das Regiment. Auch im Dorf und
dessen Umgebung gab sie den Ton an. Sie organisierte Pfarrfrauentagungen und
Mütterabende, hielt Vorträge, kümmerte sich um Notleidende,
zwischen ihr und Fritz aber war eine Mauer. Dem Sohn mißfielen ihre
gespielte Bescheidenheit und ihr unentwegtes leidenschaftliches Beten, da
für Hulda Dürrenmatt der Mensch alles nur Gott verdanken konnte - auch
Fritz später
seine Erfolge!
Konolfingen war ein Mischdorf, bestehend aus Bauernhöfen und
kleinen Fabriken. Alle kennen einander, wissen voneinander. Es gibt keine
bessere Schule für das Leben als das Dorf!
Von Friedrich Dürrenmatt wurde als Pfarrerssohn ein exzellent gutes
Benehmen erwartet, und wenn er dem nicht entsprach, wurde ihm das besonders
angekreidet. Viele gingen ihm aus dem Weg, die Bauernjungen versuchten ihn zu
verprügeln.
So wurde er zur Einzelgängerei gezwungen, hatte Zeit, seinen
eigenen Gedanken und Träumen nachzugehen.
Im Dorf lebten drei Maler. Allen dreien schaute der Knabe über die
Schulter, war aber enttäuscht, daß der jüngste von ihnen
lediglich brave Landschaften malte. Ein anderer porträtierte ihn und
schenkte ihm fürs Stillsitzen Malkartons. Auf diese hat Dürrenmatt
seine ersten Schlachten gemalt und einmal auch eine Sintflut.
In der Bibliothek seines Vaters fand er eine Shakespeare-Ausgabe,
illustriert vornehmlich mit Darstellungen von schwerterschwingenden Helden, und
ein Buch über Michelangelo.
Einer seiner Lehrer machte ihn mit der Sternenwelt bekannt. Schon als
Achtjähriger konnte er sämtliche Sternbilder mit Namen nennen. Er
bastelte sich selbst ein Fernrohr - die Liebe zur Wissenschaft ist ihm
geblieben.
Als er vierzehn war zog die Familie um nach Bern und er besuchte ein
Freies Gymnasium und dann das Humboldtianum. Er war ein miserabler Schüler.
Er konnte sich nicht auf den Lernstoff konzentrieren. Lieber zeichnete er und
saß in Kinos und Cafés, las Karl May, "Gullivers Reisen", Wieland,
Lessings "Laokoon", Schopenhauer, Nietzsche. Schließlich trat die
Berufswahl an den jungen Mann heran. Dürrenmatt wollte Maler werden, ein
anderer Beruf kam nicht in Betracht. Er machte Abitur und wollte die
Kunsthochschule besuchen. Aber Frau Dürrenmatt "bestellte" professionelle
Maler, die fanden, daß der junge Mann weitab vom gängigen Stil
zeichne und rieten ihm von einem Besuch der Kunsthochschule ab.
Entmutigt entschloß er sich Philosophie zu studieren. Herbst 1941
bis Herbst 1942 studierte er in Bern Germanistik und Philosophie, dann zwei
Semester Philosophie und Naturwissenschaften in Zürich, jedenfalls war er
dort als Student eingeschrieben. Mehr als auf der Universität glaubte er im
Atelier des Malers Walter Jonas zu lernen. Durch Jonas lernte Dürrenmatt
die deutsche Expressionisten kennen, auch den Namen Kafka hörte er zum
ersten Mal. Dürrenmatt begann zu schreiben. Damals nannte er sich
"nihilistischer Dichter".
Zurück in Bern, studierte er ohne besonderes Ziel bis 1946 vorallem
Kierkegaard und Platon. Während des letzten Semesters reifte sein
Entschluß, Schriftsteller zu werden.
Der Student Dürrenmatt erlebte den Krieg und schrieb Untergangs-
und Endzeitgeschichten. Der erste erhaltengebliebene Prosatext"Weihnacht"
entstand Weihnachten 1942 und 1943 schrieb er "der Folterknecht".
Als Weltuntergangskomödie bezeichnet er sein erstes kurzes
Theaterstück "Untergang und neues Leben". Diese Arbeit begann er schon 1941
und im Sommer 1943 schrieb er das Stück zu Ende.
Die Erzählung "Der Alte" ist seine erste
Publikation(1945).
Zwei weitere Erzählungen entstanden 1945: "Das Bild des Sisyphos"
und "Der Theaterdirektor".
Friedrich Dürrenmatt liest die griechischen Tragiker, Aristophanes,
Shakespeare, sein Liebligsklassiker ist Lessing, später liest er Kafka,
Wedekind und Jünger, Sartre und Camus.
Zwischen Mitte 1945 und März 1946 schreibt er "Es steht
geschrieben", "Ein Drama" und das Hörspiel "Der
Doppelgänger".
Im Sommer 1946 lernt Dürrenmatt die Schauspielerin Lotti
Geißler aus Ins kennen. Sie studiert in Bern eine Hörspielrolle ein
und spielt in dem Film "Vreneli vom Thunersee". Lotti Geißler und
Friedrich Dürrenmatt heiraten am 11. Oktober 1946 zivilgerecht in Bern. Das
Paar zieht nach Basel. Lotti ist eine leidenschaftliche Schauspielerin, gibt
aber ihren Beruf ihrem Mann und ihren Kindern zuliebe alsbald auf. ( 1947 Geburt
des Sohnes Peter)
Am 19.April 1947 wird im Schauspielhaus Zürich Dürrenmatts
abendfüllendes Stück "Es steht geschrieben
(Ein Drama)" uraufgeführtt. Dem Stück liegt die
Wiedetäufer-Episode im westfälischen Münster zugrunde. Es gibt
Parallelen zur nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Dürrenmatt
wollte aber sein Stück auf jedes Terrorregime bezogen wissen:
Johann Bockelson, Schneidergeselle und Schauspieler aus Leyden, und
Bürgermeister Bernhard Knipperdollinck in Münster, Dürrenmatts
Hauptpersonen, sind historische Gestalten. Die revolutionäre
Wiedertäuferbewegung ging 1525 von Zürich aus, verbreitete sich
über halb Europa, gelangte 1534 in Münster an die Macht und errichtete
dort das "Neue Jerusalem", das bald in Despotismus ausartete. Sie konnte vom
Heer des rechtmäßigen katholischen Bischofs von Münster erst
nach einer Belagerung von 16 Monaten im Juni 1535 gebrochen werden. Die
Anführer fielen oder wurden zu Tode gefoltert. Die eisernen Käfige, in
denen ihre Leichname ausgestellt wurden, hängen noch heute am Turm der
Lambertkirche. - Die geschichtlichen Vorgänge waren Dürrenmatt
Anlaß und Hintergrund für einen großangelegten
historisch-phantastischen Bilderbogen, für ein üppig ausuferndes
barockes Welttheater, für sein eigenes nihilistisch-pessimistisches
Welt-Bild. Das personenreiche Drama löst sich auf in 31 Szenen, aber die
Gegenspieler Bockelson und Knipperdollinck treffen nur dreimal aufeinander. Sie
vertauschen ihre Rollen. Der reichste Mann Münsters Knipperdollinck
verzichtet auf Hab und Gut und Bockelson aus Leyden eignet sich Knipperdollincks
Schätze ( einschließlich Frau und Tochter) an.
"Der Blinde (Ein Drama)" wurde
am 10. Januar 1948 in Basel uraufgeführt:
Der blinde Herzog hält die Welt für schön,fruchtbar
sich selbst für reich und mächtig.
Er ist glücklich, über glückliche Menschen zu herrschen.
Die Welt aber ist in Wirklichkeit (gegen Ende des 30-jährigen Krieges)
zerstört, kaputt und die Menschen sind Gesindel, Verräter, Sadisten,
am Rande des Untergangs. Der italienische Edelmann Negro da Ponte stellt dem
Publikum sein "Heer" vor und wird vom Herzog zum Stadthalter seines vermeintlich
blühenden Reiches ernannt. Der blinde Herzo wird dem Publikum menschlich
nicht nahegebracht. Er ist eine Gestalt aus Gedanken und Prinzipien. "Der
Blinde" findet auf einer geistigen Ebene statt, schwebend über dem
Publikum, das vom wahren Gehalt wenig begreift. Auch mit diesem Stück setzt
sich Dürrenmatt mit dem Glauben an sich, der Gnade Gottes,
auseinander.
"Romulus der Große ( Eine
ungeschichtliche historische Komödie in vier Akten)":
Am 6.August 1947 war dem Ehepaar Dürrenmatt der Sohn Peter geboren
worden, und Dürrenmatt hatte sich zum Ziel gesetzt, allein mit seiner
schriftstellerischen Arbeit die Familie zu ernähren, ein höchst
wagemutiges Unterfangen sei. Nach dem Mißerfolg "Der Blinde" konnte sich
die Familie in Basel nicht mehr halten und zog im Juli 1948 zur Schwiegermutter
nach Schernelz am Bieler See. Aber die finanziellen Sorgen
blieben.
Dürrenmatts Romolus hat 20 Jahre lang das Römische Reich
regiert oder vielmehr nicht regiert. Sein Reich ist geschrumpft und die Germanen
erobern es Stück für Stück und stehen kurz vor Rom. Romulus
unternimmt nichts. Wer Macht ausübt, läd Schuld auf sich! Die
römische Kultur ist am Ende, zu retten ist nichts mehr. Der Kaiser rechnet
mit seiner Ermordung. Seine Tochter Rea ist bereit den verabscheuten
Hosenfabrikanten Cäsar Rupf zu heiraten. Der macht nämlich die
Bedingung, wenn er mit seinen Milliarden Rom vor den Barbaren retten soll.
Romulus sagt nein! Rea ist verlobt mit einem jungen Mann, den die Germanen bis
zum Nichtwiedererkennen geschunden haben und der selbst mit Reas Opfer
einverstanden ist, aus Staatsräson. Nichts ist Romulus wiederlicher als
das. Den Kaiser umzubringen mißlingt. Eines Tages bietet Odoaker Romulus
freindlich die Herrschaft über Germanien an aber Romulus lehnt ab.
Der Mensch hat wenig Einfluß auf den Gang der Geschichte, er ist
nur Werkzeug. Romulus geht in Pension.Seine Sippschaft ertrinkt.
Dieser Romulus Augustulus hat wirklich gelebt, aber nur ein Jahr
regiert. Er wurde von Odoaker abgesetzt und ausreichend dotiert mit einer
Leibrente von 6000 Goldmünzen und einer Villa. Aus dem einen Regierungsjahr
machte Dürrenmatt in seinem Stück zwanzig, da die Komödie einen
geschichtlichen Hintergrund haben mußte.
Im Spätsommer 1949 mußte Frau Lotti, als sie kurz vor der
Geburt ihres zweiten Kindes stand, in einer Klinik behandelt werden. Das kostete
Geld. Dürrenmatt, zuckerkrank, mußte in dasselbe Krankenhaus. Dei
Familie stand vor einer finanziellen Katastrophe.
Am 19. September 1949 wurde Tochter Barbara geboren. Nun wurde es bei
der Schwiegermutter zu eng, und die Familie mietete ein Haus oberhalb Ligerz am
Bieler See. Schließlich schrieb er für den "Beobachter" den
Kriminalroman "Der Richter und sein Henker", der in acht Folgen erschien. Um des
Geldes willen geschrieben, ist er gleichwohl ein Meisterwerk.Für die
Buchausgabe überarbeitet, wurde er ein Welterfolg. Bis heute sind weit
über eine Million Exemplare verkauft worden.
DER RICHTER UND SEIN HENKER
1.Kapitel:
Am 3. November 1948 findet der Polizist des Schweizer Dorfes Twann am
Rande der Landstraße in einem blauen Mercedes eine männliche Leiche.
Die Schläfen des Mannes sind durchschossen. Er trägt unter seinem
dunkelgrauen Mantel einen eleganten Abendanzug. Man hat ihn nicht ausgeraubt,
und so läßt sich die Identität an Hand der mitgeführten
Papiere feststellen: es handelt sich um Ulrich Schmied, Polizeileutnant im
Dienste der Stadt Bern. Der Polizist schiebt den Toten auf den Beifahrersitz,
setzt sich ans Steuer und bringt ihn in die nächstgelegene
Stadt.
In Bern informiert man den Vorgesetzten des Ermordeten, den bejahrten
Kommissär Bärlach.Dieser braucht seine ganze Autorität, um die
Angelegenheit während der nächsten Tage als geheim behandeln zu
lassen. Er trifft bei diesem Begehren vor allem auf den Widerstand seines
Vorgesetzten, des Untersuchungsrichters Dr. Lucius Lutz.
Noch am gleichen Tag begibt sich Bärlach zu Schmieds Wohnung, der
bei Familie Schönler untergemietet hatte. unter dem Vorwand, Schmied halte
sich im Ausland auf,
und er müsse ihm etwas nachsenden nimmt er eine Mappe mit Akten
mit.
2.Kapitel:
Bei seiner Mittagsmahlzeit blättert und liest Bärlach darin.
Im Bureau hört Bärlach, der Leichnam sei inzwischen nach Bern gelangt.
Aber er mag den Toten nicht sehen. Statt ihn aufzusuchen, begibt er sich -
ebenfalls höchst ungern, aber ohne dem aus dem Wge gehen zu können -
in das Bureau des Untersuchungsrichters Dr. Lutz. Es liegen keine neuen
Erkenntnisse vor. Lutz nimmt dies einmal mehr zum Anlaß, die
Fähigleiten der Schweizer Dorfpolizei in Zweifel zu ziehen. Bärlach
widerspricht, gibt zu, einen bestimmten Verdacht zu haben, ist aber noch nicht
bereit, darüber zu reden. Lutz mahnt zum Eifer und verweist auf seine in
Amerika gesammelten Erfahrungen.
Bärlach nutzt die Gelegenheit und ersucht unter Hinweis auf seine
ständigen Magenbeschwerden um die Beiordnung des Kriminalbeamten Tschanz
als Stellvertreter. Lutz stimmt dem zu.
Noch am Nachmittag fährt Bärlach zum Tatort. Der Dorfpolizist,
der Schmied nach Biel geschafft hat, ist eines Rüffels gewärtig. Aber
zu seiner Verwunderung lobt der Kommissär die bewiesenen
Eigeninitiative.
In Twann - so ist festgestellt worden - hat man nächtlicherweile
wohl den laufenden Motor des Mercedes gehört, aber keine
Schüsse.
Durch Zufall findet Bärlach am Tatort eine
Revolverkugel.
3.Kapitel:
Nach einer mit Magenbeschwerden verbrachte Nacht empfängt
Bärlach seinen neuen Assistenten Tschanz. In der äußeren
Erscheinung erinnert dieser sehr an den ermordeten Schmied, so daß der
Kommissär im ersten Augenblick regelrecht erschrocken ist.
Schmieds Lob aus dem Munde Bärlachs vernimmt Tschanz mit
augenscheinlicher Zurückhaltung. Man bespricht den Stand der Ermittlungen,
allerdings gibt es da nicht viel zu besprechen. Einzig die Revolverkugel vom
Tatort ist da. Über Schmieds Reisegrund ist nichts bekannt.
Immerhin trägt Tschanz eine glaubhafte Theorie vor, die sich auf
konkrete Tatsachen stützt: Schmied muß den Mörder gekannt haben,
die rechte Wagentür geöffnet haben, um ihn aufzunehmen und ist ohne
Ahnung gewesen, daß er sich in Gefahr befand. Erst jetzt, aus dem Munde
von Tschanz hört Bärlach, daß der Tote Gesellschaftskleidung
getragen hat. Der Assistent sieht darin einen Ansatzpunkt, den Grund für
Schmieds Reise herauszufinden, zumal für den fraglichen Tag und eine Reihe
weiterer in dessen Notizbuch ein G notiert ist. Er bittet Bärlach
vergeblich, dieser möge seien Verdacht präzisieren. Dem fehlen, wie
erklärt, die nötigen Indizien.
Tschanz will die vermutliche Fahrstecke von Schmied abfahren, weil
für den Tag dieses Gesprächs ebenfalls ein G notiert ist. Bärlach
wird ihn begleiten. Man verabredet sich für die gleiche Zeit, zu der auch
Schmied aufzubrechen pflegte.
4.Kapitel:
Um sieben Uhr abends ersheint Tschanz bei Bärlach. Die Tür ist
unverschlossen. Bärlach trägt schon den Mantel, scheint aber noch ein
Schläfchen auf dem Divan seiner Bibliothek zu halten.
Auf dem Schreibtisch liegt ein als Schlange geformtes Messer, das
Bärlach einst aus der Türkei mitgebracht hat. Er erzählt, man
habe ihn damit einmal töten wollen.
Unterwegs ist die Rede von der Art, wie der tote Schmied den blauen
Mercedes chauffiert; sogar einen Namen aus der Mythologie hatte er ihm gegeben:
der blaue Charon.
Nach eben diesem Namen erkundigt sich Tschanz bei den Tankwarten am
Wege. Nach etlichen Versuchen, die vergeblich bleiben, erinnert sich einer: am
Montagabend sei so ein Kunde dagewesen. Der Beweis ist erbracht, meint Tschanz,
daß Schmied diesen Weg gefahren sei. Bärlach muß ihm das
zugestehen, scheint aber den Nutzen dieser Erkenntnis nicht recht
einzusehen.
Tschanz fragt einen Passanten nach dem Lamboinger Abzweig. Zwanzig vor
acht ist man an Ort und Stelle. Tschanz schaltet das Licht aus. Der Wagen
hält an der Straße von Twann nach Lamboing.
5.Kapitel:
Als nichts geschieht, will Bärlach wissen, was Tschanz vorhat.
Dieser setzt darauf, daß man einen Frack nur dort trägt, wo eine
größere Gesellschaft zusammenkommt. Also müßten wohl
Gäste über die von Schmied benutzte Autostraße herbei fahren.
Bärlach gibt sich skeptisch, muß sich aber bald eines Besseren
belehren lassen, denn tatsächlich fahren meherere vollbesetzte Limousinen
in Richtung Lamboing an ihnen vorüber. Tschanz folgt ihnen nach bis zu
einem großen, einsam stehenden Haus, das von einer niedriegen Mauer
umfriedet ist. Das Türschild zeigt nur ein großes G.
Tschanz weiß es zu deuten. Er hat im Telefonbuch nachgeschlagen.
Der Besitzer heißt Gastmann. Es gibt nur noch ein weiteres G im Lamboinger
Teilnehmerverzeichnis, nämlich die Gendarmerie!
6.Kapitel:
Verwundert darüber, daß die ortsansässige Polizei nicht
auf diesen Gastmann gekommen sei, dessen Haus doch so auffällig im offenen
Felde liege, trennen sich die beiden Beobachter, um in verschiedenen Richtungen
um das Grundstück herumzugehen.
Im Hause spielt jemand Bach auf dem Flügel.
Plötzlich wird Bärlach von einem riesigen Hund angegriffen,
der sich in den schützend vor seiner Kehle gehaltenen linken Arm
verbeißt. Ein Schuß aus Tschanz Revolver macht dem Tier den Garaus.
Mühsam, aber unverletzt erhebt sich der alte Mann. Bärlach ist selten
bewaffnet.
Im Haus hat man den Schuß gehört. Die Musik ist verstummt. An
den Fenstern stehen die Damen und Herren der Gesellschaft, ihre Neugier dem
Geschehen zugewandt. Bärlach und Tschanz gehen zum Eingangstor zurück.
Dort werden sie von Nationalrat und zugleich Oberst von Schwendi, seines
Zeichens Gastmann Advokat, erwartet. Offensichtlich angetrunken, behandelt er
sie zunächst hocherfahren, beinahe verächtlich. Erst der Hinweis auf
den Polizeistatus der nächtlichen Besucher kühlt den Nationalrat etwas
ab. Gastmann ist für sie nicht zu sprechen, aber von Schwendi sichert
für den nächsten Tag sein Erscheinen bei der Polizei zu. Mit Gastmann
will er vorher sprechen. Er läßt sich ein Bild von Schmied geben und
verschwindet im Haus.
Bevor sie die Rückfahrt antreten, wird Tschanz mit dem Lamboinger
Polizisten über Gastmann reden, Bärlach aber in einem Gasthaus am
Anfang der Schlucht eine kleine Stärkung zu sich nehmen. Sein Magen
bereitet ihm wieder Kummer.
Tschanz erfährt von seinem Kollegen nur, daß man noch immer
keine Spur habe von einer Gesellschaft. Ein Herr Gastmann habe zwar dergleichen
Gesellschaften gegeben, aber er hatte nicht einmal den Namen Schmied gekannt.
Ein Besuch Schmieds bei Gastmann sei einfach nicht möglich
gewesen.
Tschanz rät, noch weitere Gäste von Gastmann zu befragen. Das
sei geschehen, wird ihm versichert. Zum Beispiel einen Schriftsteller. Auch der
hätte nichts von Schmied gewußt.
Der Polizist beschreibt Gastmann als einen wohlhabenen Nichtstuer, der
sich ungeteilter Beliebtheit erfreut, da er die Steuern für das ganze Dorf
Lamboing bezahlt.
7.Kapitel:
Ehe Tschanz zum Restaurant fährt, um Bärlach abzuholen, macht
er noch einmal bei Gastmanns Haus halt. Das Fet scheint anzudauern. Jedoch den
toten Tierkörper hat in der Zwischenzeit jemand beseitigt. Bärlach ist
schon gegangen. Kaum fünf Minuten habe er sich aufgehalten, versichert die
Wirtin, um dann zu Fuß in Richtung Twann aufzubrechen.
Tschanz setzt die Fahrt fort. Ungefähr am Tatort gibt ihm eine
dunkle Gestalt plötzlich das Haltezeichen. Als er anhält und die
rechte Wagentür öffnet, wird er sich plötzlich bewußt,
daß Schmied bei der gleichen Handlung ums Leben gekommen ist. Entsetzten
packt ihn, und es verläßt ihn auch dann nicht, als er in dem Anhalter
Bärlach entdeckt.
Von diesem Augenblick an dutzt Bärlach Tschanz!
Nach längerem Schweigen erkundigt sich der Kommissär nach den
Auskünften, die in Lamboing zu erhalten waren. Den Schriftsteller, meint er
dann, werde er noch selber sprechen.
Vor seinem Haus angekommen, steigt Bärlach aus. Noch einmal stellt
er beim Abschied fest, Tschanz habe ihm das Leben gerettet.
Doch dann geschieht Merkwürdiges. In der Halle mit den Büchern
nimmt er aus der Manteltasche einen schweren Revolver. Und unter dem
Wintermantel hatte er den linken Arm mit dicken Tüchern umwickelt, wie es
Scheintäter bei der Hundeabrichtung vorsorglich zu tun
pflegen.
8.Kapitel:
Am anderen Morgen erscheint von Schwendi im Bureau von Dr. Lutz, dem
diese Intervention - noch dazu von einem beziehungsreichen Parteifreund
vorgebracht - ausgesprochen unangenehm ist.
Von Schwendi geht es gar nicht um den getöteten Hund sondern
vielmehr um die Frage, wieso Schmied unter falschem Namen in Gastmanns Haus
Ermittlungen geführt habe.
Lutz ist gänzlich ahnungslos. Er hat nie davon gehört,
daß Schmied als vorgeblicher Privatdozent Dr. Pranti tätig geworden
ist. Es kann sich also nur um ein rein persönlich motiviertes Unternehmen
gehandelt haben. Von Schwendi liefert jetzt seinerseits eine Deutung der
Geschehnisse und beschuldigt den Ermordeten, für eine fremde Macht
spioniert zu haben. Er fordert rundweg, die Polizei möge die Finger von
seinem Klienten Gastmann lassen. Dr. Lutz hält dem entgegen, Gastmann sei
durch die Ermordung Schmieds in den Kreis derer geraten, die einvernommen werden
müssen, es sei denn, der Anwalt könnte völlig einwandfrei
erklären, warum Schmied im Haus e Gastmann unter fremden Namen aufgetreten
sei. Von Schwendi legt jetzt eine Gästeliste vor.
Im Auftrag der Industriellen ist von Schwendi gekommen, um die Polizei
von dem hochpolitischen Charakter der Vorgänge um den getöteten
Schmied in Kenntnis zu setzen.
9.Kapitel:
Als Dr. Lutz erkennt, wo er da hineingeraten ist, fühlt er sich
völlig hilflos. Der Nationalrat hat jetzt leichtes Spiel mit ihm. Zwar
versucht Lutz noch einmal, die ganze Sache zu bagatellisieren:
Selbstverständlich hätten die Industriellen das Recht zu privaten
Verhandlungen. Die Polizei mische sich da nicht ein. Schmied sei privat bei
Gastmann gewesen und überdies ja nicht allein, sondern neben einer Reihe
von Künstlern.
Von Schwendi läßt dies nicht gelten. Die Künstler seien
nur zur Tarnung dagewesen für die eigentlichen Verhandlungen. Aber ein
Polizist, der dabeisitzt, könne alles erfahren. Für die Schweiz sei es
daher ehrevoller, Schmied gelte als Spion und nicht als
Polizeispitzel.
Gastmanns Rolle erklärt der Advokat so: Als jahrelanger Gesandter
Argentiniens in China besäße es das Vertrauen der fremden Macht, als
ehemaliger Verwaltungspräsident des Blechtrusts dasjenige der
Industriellen. Überdies läge sein Haus in dem unbekannten Nest
Lamboing besonders unauffällig. Man möge ihn daher mit polizeilichen
Maßnahmen in Ruhe lassen.
Dr. Lutz verspricht das. Auch eine Hausdurchuntersuchung wird es nicht
geben. Sollte ein Gespräch tatsächlich unvermeidlich sein, wird es den
Charakter einer Plauderei über Kunst tragen. Eine eventuell unvermeidliche
Frage zur Sache würde dem Anwalt vorher zur Kenntnis gebracht. Von Schwendi
ist es zufrieden. Er weist nochmals darauf hin, das es um Millionen geht. Seine
Gästeliste zurücklassend, trennt er sich von dem konsternierten
Untersuchungsrichter.
10.Kapitel:
Bärlach kommt, um den Auftrag zu einem Besuch bei Gastmann zu
holen. Lutz verweist ihn auf den Nachmittag, weil mittlerweile die Stunde der
Beerdigung Schmieds herangerückt ist. Sie fahren im Auto zum Friedhof. Es
regnet in Strömen. Bärlach hat wieder Magenbeschwerden.
Als sie auf dem Friedhof ankommen, ist die Trauerfeier für Schmied
schon in vollem Gange. Die Vermieterin Schönler ist da, Tschanz, neben sich
ein blondes Mädchen namens Anna, eine Menge Polizisten in Zivil.
Gerade als Lutz ein paar ehrende Worte des Gedenkens sprechen will,
ertönt grölender Gesang. Zwei Betrunkene, riesenhafte unangenehme
Erscheinungen, wanken über den Friedhof, zwischen sich einen großen
Lorbeerkranz, den sie über den Sarg werfen. Weitergrölend entfernen
sie sich. Auf der Kranzschleife steht: "Unserem lieben Doktor Prantl." Da in
diesem Augenblick der Regen zum Wolkenbruch sich steigert, flieht alles vom
offenen Grab weg.
11.Kapitel:
Bärlach deutet den Kranz als eine Warnung. Er läßt sich
zu seinem Haus fahren. Als er in die Wohnhalle tritt, findet er hinter seinem
Schreibtisch einen Mann, der Schmieds Mappe durchzublättern im Begriff ist:
Gastmann.
Es zeigt sich, daß die beiden einander seit langem kennen.
Daß sich der ungebetene Gast jetzt Gastmann nennt, hat Bärlach seit
längerer Zeit gewußt. Auf sein Geheiß ist Schmied als Doktor
Prantl bei den Gesellschaften gewesen. Aus dem Munde seines Gegners muß
Bärlach hören, daß ihm die Ärzte höchstens noch ein
Jahr zu leben geben, vorausgesetzt er läßt sich unverzüglich
operieren. Aber gerade dafür hat er jetzt nicht die Zeit, ist doch für
ihn die letzte Gelegenheit gekommen, ein vor viezig Jahren begonnenes Vorhaben
zu vollenden: den, der sich jetzt Gastmann nennt, der Verbrechen zu
überführen, die seinen Lebensweg säumen.
Folgende Vorgeschichte enthüllt sich: Vor über vierzig Jahren
haben sich die beiden Männer in einer gemeinsam durchzechten Nacht in einer
Judenschenke am Bosporus kennengelernt, Bärlach als junger Polizeifachmann
vertritt die These, Verbrechen seien Dummheiten, weil Zufälle sie
zwangsläufig zumeist an den Tag brächten. Die Gegenthese des
Abenteurers: Gerade die Verworrenheit menschlicher Beziehungen mache Verbrechen
begehbar, die meisten würden nicht einmal entdeckt. In der Betrunkenheit
kommt es zu einer Wette. Vor Bärlachs Augen soll ein Verbrechen geschehen,
daß der Kriminalist seinem Wettpartner nicht würde nachweisen
können. Drei Tage später stößt dieser einen deutschen
Kaufmann von der Mahmudbrücke. Bärlach muß halbertrunken seinen
Rettungsversuch aufgeben. Der Mörder kommt ungeschoren davon. Von da an
bleibt beider Leben auf merkwürdige Weise - in einer Art
Gegenläufigkeit - miteinader verbunden. Bärlach wird ein immer
besserer Kriminalist, der andere ein immer kühnerer Verbrecher, der wieder
und wieder die Wege seines Verfolgers kreuzt, ohne daß diesem die
Überführung in irgendeinem Falle gelungen wäre. Jetzt sind beide
an ihre Ausgangsorte zurückgekehrt. Bärlach nach Bern, der andere nach
Lamboing, wo er als Dreizehnjähriger aus dem Elternhaus davongelaufen
war.
Gastmann nimmt Schmieds Mappe mit sich. Spöttisch erkundigt er
sich, ob Bärlach ihn nicht mit dem auf dem Schreibtisch liegenden Revolver
hindern wolle, dies zu tun. "Du hast die Munition herausgenommen" vermutet der
Kommissär. Ein Irrtum, wie sich dann zeigt. Allein geblieben, erleidet
Bärlach einen furchtbaren Schmerzanfall.
12.Kapitel:
Einige Zeit später, wieder schmerzfrei, betritt er das Büro
von Dr. Lutz. Zu dessen Erleichterung erhebt Bärlach keinerlei
Einwände gegen die von Schwendi gegebenen Zusicherungen. Geduldig hört
der Kommisär zu, als Lutz Gastmanns Loblied singt und den Vorfall auf dem
Friedhof zu einer Art schlechten Scherz herunterspielt. Er stimmt sogar zu. Nur
als Lutz plötzlich Schmied in Verdacht zieht, bleibt Bärlach stumm.
Schon zum Gehen gewandt, bittet er um eine Woche Krankheitsunrlaub. Dr.
Lutz ist einverstanden.
In Bärlachs Zimmer wartet Tschanz. Der Kommissär will zu dem
Schriftsteller gefahren werden. Wie sich zeigt, hat Tschanz das Auto des toten
Leutnants Schmied auf Abzahlung gekauft. Unterwegs fragt er nach dem Inhalt der
Mappe aus Schmieds Zimmer. Bärlach beschwichtigt ihn: "Nichts Amtliches,
Tschanz, nur Privatsache."
13.Kapitel:
Der Schriftsteller empfängt die Gäste nicht sonderlich
höflich. Er vermutet, sein Alibi soll überprüpft werden.
Bärlach gibt zu, dies sei längst geschehen und beginnt, nach Gastmann
zu fragen. Man kommt auf dessen Kochkunst zu sprechen, ein Thema, das auch den
Alten höchst interessiert. Als sie endlich innehalten, fragt Tschanz in die
Gesprächspause hinein: "Hat Gastmann den Schmied getötet?"
DerSchriftsteller kann das mit Sicherheit ausschließen, denn er war zur
ungefähren Tatzeit noch mit dem Verdächtigen beisammen. Über den
Verbleib der Diener zu diesem Zeitpunkt vermag er nichts zu sagen. Tschanz fragt
ungeniert weiter, was für eine Art von Mensch Gastmann sei. Im weiteren
Verlauf des Gesprächs, in dem Bärlach wieder die Initiative
übernimmt, kommt ein Bild Gastmanns zustande, das von folgenden Zügen
geprägt ist: Er ist fähig zu jedem Verbrechen, obwohl nicht der
Mörder Schmieds; ein Nihilist reinsten Wasseres, der sich im Gutem wie im
Bösen vom Zufall bestimmen läßt. Er interessiert den
Schriftsteller als Typ, als Beobachtungsgegenstand, als Anregung zum Nachdenken
über den Menschen.
Bärlach verweist auf sein Geschäft. Er hat es nicht mit einem
durch die philosophische Brille gesehenen "Bild" von Gastmann zu tun, sondern
mit dem wirklichen Gastmann, dessen Geselschaft seinem Leutnant Schmied das
Leben gekostet hat. Die Aufgaben eines Schriftstellers gleichen eben doch nicht
denen der Polizei.
14.Kapitel:
Tschanz vermutet, man führe nun zu Gastmann. Doch Bärlach
verneint. Er verweist auf die Anordnung von Dr. Lutz. Tschanz beharrt auf seiner
Meinung, Gastmann müsse man verhören, ihn und seine Diener. In der
Zusage des Dr. Lutz an von Schwendi erblickt Tschanz nichts anderes, als
daß man ihm eine Chance hinaufzukommen, endgültig verderben will. Er
fleht Kommisär Bärlach förmlich an, noch einmal mit Lutz zu
reden.
Bärlach lehnt kategorisch ab. Er sei krank und alt, brauche seine
Ruhe. Tschanz müsse sich selber helfen. Überdies werde er eine Woche
Krankenurlaub in Grindelwald verbringen.Tschanz hat seine Selbstbeherrschung nur
mit Mühe wiedergefunden.
15.Kapitel:
Noch am selben Abend konsultiert Bärlach den Arzt Doktor
Hungertobel, mit dem zusammen er auf dem Gymnasium gewesen war. Es
bestätigt sich: Bei Hungertobel ist einmal eingebrochen worden, offenkundig
mit dem Ziel, Bärlachs Krankenakte einzusehen. Der Arzt bekräftigt
Gastmanns höhnische Prophezeiung. Ein Jahr hat Bärlach noch zu leben,
aber nur, wenn er sich innerhalb der nächsten drei Tage operieren lassen
wird. Nur zwei Tage hat Bärlach noch, seine Aufgabe zu
vollenden.
16.Kapitel:
Mitten in der Nacht schreckt Bärlach aus dem Schlaf. Ein
Eindringling ist im Haus. Der Kommisär macht Licht und nimmt seinen
Revolver. Durch einen absichtlich herbeigeführten Kurzschluß sorgt
der Fremde für Dunkelheit. Die beiden Gegner belauern einander.
Bärlach weiß, daß der Mörder für ihn das
Schlangenmesser bereit hält. Er muß jetzt etwas tun, um die Gefahr
abzuwenden. Drei Schüsse durchs Fenster erreichen die beabsichtigte
Wirkung. In der Nachbarschaft wird Licht eingeschaltet. Zwar hat der Mörder
das Schlangenmesser noch nach Bärlach geworfen, dann aber die Flucht
ergriffen.
17.Kapitel:
Eine halbe Stunde läßt der Alte noch vergehen. Dann
telefoniert er nach Tschanz. Der kommt bald. Er trägt noch den Pyjama unter
dem Wintermantel. Nachdem die Spuren des nächtlichen Kampfes besichtigt
sind, will er wissen, ob Bärlach den Einbrecher gesehen hat. Der
Kommisär verneint. Aber er weiß genau, wer es gewesen ist. Tschanz
bietet an, bei ihm wachen zu wollen. Das wird abgelehnt. Er verläßt
das Haus, scheint es sich dann aber anders zu überlegen. Doch bei seiner
Rückkehr ist - zum ersten Male - die Haustüre
verschlossen.
Am anderen Morgen erhebt sich Bärlach, ohne geschlafen zu haben.
Das telefonisch herbeigerufene Taxi zum Bahnhof erweist sich, nachdem
Bärlach eingestiegen ist, als eine Falle, die Gastmann ihm gestellt hat.
Gastmann droht dem Alten und fordert ihn auf, das Spiel aufzugeben. Er habe
Schmied nicht getötet! Bärlach gibt zu, das zu wissen. Aber er will
Gastmann dieses unbegangenen Verbrechens überführen, nachdem es ihm
nie gelungen ist, ihn der begangenen Verbrechen wegen vor Gericht zu
bekommen.
Gastmann droht, ihn bei der nächsten Begegnung zu töten. Doch
Bärlach bleibt unerschrocken: Gastmann werde diesen Tag nicht
überleben. Der Henker, den er für ihn ausgesucht habe, wird noch am
gleichen Tag sein Werk verrichten und das Urteil vollstrecken, versichert der
Kommissär auf dem Bahnhofsvorplatz stehend.
18.Kapitel:
An der Kirche wartet Tschanz auf Anna, Schmieds ehemalige Verlobte. Er
verspricht ihr, noch am gleichen Tag, "Ulrichs Mörder" zu stellen, und er
erhält dafür das Versprechen des Mädchens, sich mit ihm verloben
zu wollen.
Mit dem Auto fährt Tschanz nach Ligerz, wo er den Wagen stehen
läßt. Zu Fuß wandert er nach Lamboing zu Gastmanns Haus. Er
betritt es durch die offenstehende Haustüre und findet den Hausherren wie
seine beiden ungeschlachteten Diener reisefertig. Gastmann meint bei dem Anblick
von Tschanz, das also sei der Sinn von Bärlachs Drohung.
Einer der Diener schießt auf Tschanz und trifft ihn an der
Schulter. Tschanz erschießt alle drei Widersacher mit der bereitgehaltenen
Waffe.
19.Kapitel:
Die polizeiliche Aufnahme des Tatbestandes ergibt, daß jeder der
drei Getöteten noch geschossen hat.Eine zweite Verwundung hat Tschanz am
linken Unterarm. Man wird ihm die Notwehr glauben. Am Morgen danach zeigt Lutz
dem Obersten von Schwendi die Leichen der Getöteten. In der Nacht hat er
Gastmanns Tagebücher gelesen. Plötzlich erscheint alles anders:
Gastmann ist als Eindringling in die gehobenen Kreise entlarvt. Schmied
erscheint als ein ehrgeiziger junger Polizist, der aus Karrieregründen auf
eigene Faust Jagd auf Gastmann gemacht hat. Hier liegt auch das Motiv für
Schmieds Ermordung, dies um so eher, als man in der Faust eines Gastmannschen
Diener die Mordwaffe gefunden hat. Als Bärlach hinzutritt, schlägt ihm
Dr. Lutz vor, ihren alten Streit über moderne Kriminalistik zu beenden. Sie
hätten beide nicht recht behalten. Der Fall Schmied sei
abgeschlossen.
Der Alte schweigt dazu beharrlich. Das macht Dr. Lutz verlegen. Mit den
Toten allein geblieben, deckt Bärlach Gastmanns Bahre auf. Er nimtt
gleichsam Abschied als Jäger von seinem Wild, das er ein Leben lang gejagt
hat.
20.Kapitel:
Für den gleichen Abend acht Uhr ist Tschanz zu Bärlach
bestellt. Er findet einen festlich gedeckten Tisch. Mit Erstaunen erlebt er, wie
der Alte von einem vielgängigem Mahl jeweils gigantische Portionen
verschlingt. Daß er nun endlich Schmieds Mörder gestellt hat, soll
gefeiert werden. Tschanz begreift, er ist dem Alten in die Falle
gegangen.
Im Verlaufe dieses grotesken Mahles enthüllt sich: Tschanz hat
Schmied getötet. Bärlach besitzt den Beweis - die Kugel aus dem
getöteten Hund. Er hat auch die Komödie mit dem "blauen Charon"
durchschaut. Ein paar einfache Telefongespräche haben bestätigt,
daß Schmied am Abend seines Todes den anderen Weg genommen hatte. Für
die Vorbereitung seines Täuschungsmanövers hat Tschanz den blauen
Mercedes der Pension Eiger aus Grindelwald benutz. Das Motiv war Eifersucht auf
den Erfolgreichen, sein Auto, sein Mädchen, seinen Rang.
Weil Schmied Bärlachs letzte Hoffnung verkörperte, Gastmann
doch noch zu stellen, hat der Alte nach Schmieds Tod den Mörder Tschanz zum
Vollstrecker seines Willens gemacht, er als Richter, Tschanz als
Henker.
Für einen Augenblick will Tschanz nach seiner Waffe greifen, aber
auch er sieht, das hätte keinen Sinn.
Bärlach befielht ihm zu gehen. Er will keinen mehr richten. Tschanz
fährt davon.
21.Kapitel:
Bei Tagesanbruch stürtzt Dr. Lutz ins Zimmer. Er berichtet, man
habe Tschanz in seinem Wagen tot aufgefunden, von einem Eisenbahnzug
erfaßt.
Bärlach fühlt sich totkrank. Es ist Dienstag. Hungertobel wird
benachrichtigt, damit er
ihm zu einem letzten Jahr Leben verhelfe.
Die wohlkomponierte Handlung scheint zu beweisen, daß der Autor
nach einem Plan gearbeitet, daß er dieses Erzählwerk vom Endeffekt
her aufgebaut, dann erst Fortsetzung für Fortsetzung geschrieben hat.
Dürrenmatt, war der Plan erst einmal gemacht,muß Freude an der
Ausarbeitung gemacht haben. Stellenweise übertreibt er sehr stark,
daß der Leser nicht mehr weiß, ob das noch ernst gemeint ist.
Natürlich nicht. Während er einen Krimi schreibt, parodiert er dieses
Genre zugleich. Die Handlung spielt in Bern, wo Dürrenmatt wohnte. Er tritt
auch selbst auf, in seinem Arbeitszimmer in Ligerz, jedoch nur schattenhaft, er
hockt im Gegenlicht einer winzigen Fensternische, wenn Bärlach und Tschanz
ihn vehören.
Die Handlungszeit umfaßt etwa fümf oder sechs Tage im
November 1948.
Die Romankomposition wird bestimmt von der Zweisträngigkeit der
Handlung (Mord an Schmied / Hintergrundhandlung, die in jener Wette vierzig
Jahre von den hier geschilderten Ereignissen ihren Ursprung findet -
Gastmann).
Man kann das Buch auch als Satire lesen. Dürrenmatt verspottet mit
Lust und Liebe - nun, man kann sagen, die ganze Schweiz, die Spießer,
Künstler, Polizisten, Politiker und Gangster.
Personen:
*.) Kommissär Hans Bärlach
Er ist ein kauziger, bejahrter, totkranker, im
Pensionsalter stehender Mann der partout nicht in das gängige Detektivbild
passen will. ein Jahrzehnt hat er in den Diensten der Türkei gestanden und
von Konstantinopel aus die Kriminalpolizei reformiert. Später war er in der
Weimarer Republik Chef der Kriminalpolizei von frankfurt am Main. Doch aus der
deutschen Karriere wurde nichts, da er 1933 einen hohen Beamten ( einen
arrivierten Nazi) kurzerhand geohrfeigt hat. Er muß daher nach Bern
zurück - einem Deutschen hätte es wohl den Kopf
gekostet.
Ein knorriger Einzelgänger ist aus ihm geworden mot absonderlichen
gewohnheiten, schwer zu behandlen von Vorgesetzten, fortschrittsskeptisch und
mißtrauisch gegenüber der wachenden Technisierung. Sein Haus bleibt
ständig unverschlossen und hat keine klingel. Autos fahren für seinen
Geschmack viel zu schnell und der ärztestand genießt sein Vertrauen
ebenfalls nicht.
Man ist geneigt, ihn zu unterschätzen, dabei erweist er sich als
kühler Rechner, der auch Situationen, die dazu führen könnten,
daß man den Kopf verliert, mit verstandeskraft meistert.
*.) Polizist Tschanz
Er ist ein Mann, der sich bemüht kriminalistisch
auf der Höhe zu bleiben. Tschanz bewundert und haßt gleichzeitig den
jungen Schmied. Seine ehrgeizige Eifersucht steigert sich zu paranoiden
Erscheinungsformen und wird schließlich zum Mordmotiv. Nach und nach
schlüpft nach vollzogener Tat Tschanz in die Persönlichkeit seines
Opfers Schmied. Er kleidet sich á la Schmied, so daß Bärlach
regelrecht erschrickt, als er seiner ansichtig wird.
Im Ansatz leidet die literarische Figur Tschanz an einer Art Blutleere.
Es scheint sich um diejenige zu handeln, welche häufiger dann auftritt,
wenn Autoren im dienste ihrer Pointen und Effekte die Lebenswahrscheinlichkeit
aus dem Blick verlieren. Als Figur nach Bärlachs Willen fremdbestimmt
über das Spielfeld geführt, bleibt Tschanz selbst dort, wo er
Mannesmut beweist, in erster Linie dümmlich.
*.) Der Verbrecher Gastmann
Man sieht in ihm einen steinreichen, vornehmen, noblen
"Philosophen", was als Umschreibung für "Nichtstuer" zu gelten hat.
Gesandter Argentiniens in China und Verwaltungspräsident des Blechtrusts
soll er in früheren Jahren gewesen sein. Als Mann von wissenschaftlichen
Verdiensten trägt er das Kreuz der Ehrenlegion und soll in die
Französiche Akademie gewählt worden sein. Als unabhängiger Geist
habe er diese Würdigung freilich ausgeschlagen. Gebürtig - so Dr. Lutz
- sei Gastmann aus Prockau in Sachsen. Zunächsst sei er nach
Südamerika ausgewandert und dort Argentinier geworden. Später habe er
die französische Staatsbürgerschsft erworben. Die Wahrheit kennt im
Grunde nur Bärlach. Der sich jetzt Gastmann nennt, stammt in Wirklichkeit
aus Lamboing. Als Dreizehnjähriger ist er seiner ungeliebten Mutter
davongelaufen, um die Karriere der Gesetzlosigkeit einzuschlagen.
Auch die Gastmann Figur gewinnt die Aufmerksamkeit des lesers dank ihrer
Widersprüchlichkeit. Der Konflikt Bärlach - Gastmann reduziert sich
auf die Auseinadersetzung zwischen der Philosophie der Rechts und einer Utopie
der Freiheit.
Auch in Dürrenmatts zweitem Kriminalroman
"Der Verdacht", den er 1952 schrieb,
spielt die Hauptrolle Kommissär Bärlach.
DER VERDACHT
Bärlach, mit Erfolg operiert, findet im Krankenbett liegend, in
einer Nummer der amerikanischen Zeitschrift "Life" von 1945 ein Foto vom
Vernichtungslager Stutthof bei Danzig: Lagerarzt Nehle operiert ohne Narkose.
Nehle versprach den Häftlingen die Freiheit, wenn sie sich,
anschließen. Aber es kam nur sehr selten einer mit dem Leben davon. In dem
Arzt glaubt Bärlach den Eigentümer und Leiter der Züricher
Prominentenklinik "Sonnenstein" Dr. Emmenberger zu erkennen.
Bärlachs Gegenspieler ist ein Gastmann konträrer
Verbrechertyp. War Gastmann eine zwielichtige Erscheinung, ist Emmenberger das
total Böse, die Verkörperung des sadistischen Faschismus. Das
Sensationsfoto hat unter Lebensgefahr der Häftling Gulliver geschossen, ein
von Emmenberger ebenfalls ohne Narkose operierter Jude, den Bärlach kennt,
eine riesenhafte Gestalt voller Narben und Verkrüppelungen,
überlebensgroß und unbehaust, in weitem Kaftan, in dem er auch
schläft, sich immerwährend mit Wodka betäubend und zugleich am
Leben erhaltend, eine Märchen- und Symbolfigur, die vornehmlich durch
Fenster einsteigt, und sich auch wieder entfernt. Mit Hilfe von Gulliver und
anderer Freunde des Kommissärs wird der Chefarzt Emmenberger in einem
heimlichen Ermittlungsverfahren als SS-Folterknecht Nehle identifiziert.
Verwunderlich, daß Dürrenmatt einen Schweizer zum Naziarzt macht. Der
Name Emmenberger erinnert zudem an Dürrenmatts Geburtsdistrikt
Emmental.
Bärlach läßt sich als Rekonvaleszent in die Höhle
des Löwen verlegen, inkognito, aber ohne Rückendeckung. die Entlarvung
und Verhaftung Emmenbergers soll sein letztes Meisterstück sein. Doch
anläßlich Bärlachs bevostehenden Dienstaustritt erscheint in der
Zeitung "Der Bund" sein Bild, und Emmenberger weiß nun, wer der neue
Patient ist und errät, was er im Schilde führt. Bei der Pensionierung
eines prominenten Beamten pflegt eine kleine Würdigung mit Bild zu
erscheinen. Das hatte der sonst so gewitzte Kriminalist nicht
bedacht.
Emmenberger läßt Bärlach in den Operationssaal verlegen.
Bärlach soll, wie jene Häftlinge in Stutthof, lebendigen Leibes
seziert, getötet werden. Das ohne Narkose Zu-Tode-Sezieren war und ist
Emmenbergers Leidenschaft. Seine moribunden Patienten sind Bankiers,
Industrielle und Politiker, deren Mätressen und Witwen, die sich dem
mörderischen Chirurgen in der trügerischen Hoffnung überlassen,
ihr Leben um ein paar Tage oder auch nur Stunden zu verlängern, und viele
setzen ihn aus Dankbarkeit zum Universalerben ein. Der Kommissär, ein Opfer
seines Gerechtigkeits- und Leichtsinns, liegt dem Operationstisch gegenüber
im Bett, durch Spritzen gelähmt, es ist Abend, und morgen früh
pünktlich um sieben soll das mörderische Operieren beginnen. Wird
Bärlach aus der Folterkammer lebend herauskommen?
Ihm gegenüber hängt eine Uhr, und Frau Dr. Marlok,
Emmenbergers Komplicin, macht sich über den Rächer der Gemarterten
lustig: ". . . ein schönes Skelett." Die ehemalige idealistisch gesinnte
Kommunistin vertraut sich ihm an: " Ich war wie Sie entschlossen,
Kommissär, gegen das Böse zu kämpfen bis an meines Lebens seliges
Ende." Als sie nach dem Stalin - Hitler - Pakt den Russen in die Hände fiel
und von ihnen der SS ausgeliefert wurde, begann sie zu zweifeln, nicht nur an
den "ausführenden Staatsorganen", auch an der Idee des Kommunismus selbst,
der doch nur Sinn haben kann, wenn er eins ist mit der Idee der
Nächstenliebe und der Menschlichkeit. Die Ärztin kam als Gefangene ins
KZ Stutthof, wurde Emmenbergers Geliebte und glaubt an nichts mehr, an kein
Ideal, an kein Gesetz. "Wenn wir Gesetz sagen, meinen wir Macht; sprechen wir
das Wort Macht aus, denken wir an Reichtum, und kommt das Wort Reichtum
über unsere Lippen, so hoffen wir, die Laster der Welt zu genießen.
Das Gesetz ist das Laster, das Gesetz ist der Reichtum, das Gesetz sind die
Kanonen, die Trusts, die Parteien , . . . "
Die Ärztin wieder konkret:" Alles, was Emmenberger in Stutthof tat,
das tut er auch hier, mitten in der Schweiz, mitten in Zürich,
unberührt von der Polizei, von den Gesetzen dieses Landes, ja, sogar im
Namen der Wissenschaft und der Menschlichkeit; unbeirrbar gibt er, was die
Menschen von ihm wollen: Qualen, nichts als Qualen." Bärlach schreit, man
müsse diesen Menschen abschaffen. "Dann müssen Sie die Menschheit
abschaffen", kontert die Ärztin. Längst hat sie es aufgegeben,
zwischen Ja und Nein und Gut und Böse zu unterscheiden. Dazu sei es zu
spät, nicht nur für sie, für die Welt. Dann läßt sie
den Alten allein.
Mag die Handlung an manchen Stellen gewaltsam kontruiert, nach den
regeln der Schauer- und Gruselliteratur zusammengeschustert wirken, Marloks und
Emmenbergers Dialoge mit Bärlach gehören zu den Höhepunkten des
Dürrenmattschen Gesamtwerks. Sie enthalten Marloks und Emmenbergers Credo,
dem der Kommissär außer Schweigen und Stöhnen nichts
entgegenzusetzen hat. Also hat auch wohl Dürrenmatt nichts zu
erwidern.
Emmenberger geht einen Schritt weiter als Marlok. Kann Bärlach,
will Emmenberger wissen, seinen Beruf, Verbrecher zu jagen, rechtfertigen, indem
er an das Gute glaubt? Sollte er sonst nicht besser geschehen lassen, was
geschieht? Natürlich glaubt der Durchschnittsmensch an irgend etwas.
Bärlach wirft Emmenberger vor, er sei ein Nhilist. Er, wehrt sich der Arzt,
sei viel weniger ein Nihilist als "irgendein Herr Müller oder Huber, der
weder an einen Gott noch an keinen glaubt, weder an eine Hölle, noch an
einen Himmel, sondern an das Recht, Geschäfte zu machen - ein Glaube, den
als Credo zu postulieren sie aber zu feige sind." Und was ist Emmenbergers
Credo? "Ich glaube, daß ich bin, als ein Teil dieser Materie, Atom, Kraft,
Masse, Molekül wie Sie, und daß mir meine Existenz das Recht gibt, zu
tun, was ich will. . . und mein Sinn besteht darin, n u r Augenblick zu
sein."
Durch das ganze Werk Dürrenmatts zieht sich seine Theorie vom
Zufall. Emmenberger beruft sich sogar auf kosmische Zufälligkeiten.
Daß der Zufall regiert, ist doch nur eine Ausrede. Gewiß gibt es die
"Macht des Schicksals", der der einzelne hoffnungslos ausgeliefert ist. Nicht
alles ist berechenbar. Bei Dürrenmatt wird der Zudfall als Alibi für
Schwäche, Verantwortungslosigkeit, Verbrechen gebraucht. Aber nicht der
Zufall ist entscheidend, sondern wie der einzelne auf das Unvorhergesehene,
Unvorhersehbare reagiert, ob er mit Intelligenz und Entschlossenheit den Zufall
sogar für seine Zwecke zu nutzen versteht. Der Zufall kann eine
stimulierende, klärende Rolle spoelen, im Endeffekt. Man fragt sich, warum
Bärlach nicht wenigstens gegen die weithergeholte, auf die Spitze
getriebene Glorifizierung des Zufalls durch Emmenberger
protestiert.
Emmenberger findet es unsinnig, geradezu lächerlich, an einen
Humanismus zu glauben und nach Wohl der Menschheit zu trachten. "Sie glauben an
nichts als an das Recht zu folter!" ruft ihm der Kommissär
zu.
Der Arzt ist über soviel Verständnis entzückt. Zu foltern
ist für Emmenberger das höchste der Gefühle, dafür lebt er;
über den Gemarterten gebeugt, fühlt er sich gottgleich,
allmächtig, Herrscher der Welt.
Nun kommt Dürrenmatts genialer Einfall, ein Beispiel für die
Konsequenz seines Denkens: die Möglichkeit zum Glücksumschwung. Der
Arzt verspricht, Bärlach freizulassen, wenn er einen gleich großen,
bedingungslosen Glauben wie er besitzt. Er sei doch Christ, getauft! Der
Getaufte weiß nichts zu sagen. Der Arzt gerät außer sich. Er
braucht einen Gegenspieler. Aber Bärlach schweigt. Er starrt auf die Uhr.
Angeekelt überläßt der Arzt den Todgeweihten sich
selbst.
Die Diskussion geht weiter. Mit Gulliver, der als deux ex machina durchs
Fenster steigt und den sadistischen Arzt ermordet. Gulliver, der, wie
Dürrenmatt, daran zweifelt, daß der einzelne etwas aurichten kann und
auch den Massenbewegungen und Parteien mißtraut, spricht das
Schlußwort des Romans: "So sollen wir die Welt nicht zu retten suchen,
sondern zu bestehen, das einzige wahrhafte Abenteuer, das uns in dieser
späten Zeit noch bleibt. In dieser späten Zeit. . . " Wird das
Weltende als nahe bevorstehend angenommen?
Personen:
*.) Kommissär Bärlach
In Bärlachs anfänglichem Vorgehen offenbaren
sich Spürsinn und kriminalistisches Geschick, die im Laufe eines langen
Berufslebens zugewachsen sind. Schon glaubt der Leser, den planenden und
weitsichtigen Bärlach wiederzufinden, der ihm aus dem ersten Roman vertraut
ist, wenn der Kommissär seinem Freund Hungertobel neue Details entlockt,
wenn er auf den Spuren seines Verdachts vergleichende Stilkunde betreibt und
alte Beziehungen amtlichen wie obskuren Charakters nutzt, sich der Wahrheit zu
nähern.
Dann aber erfolgt jener Umschlag ins Naive - die Verlegung nach
Zürich -, der diesen Eindruck wieder auslöscht.
Als Wandschmuck wünscht sich der Kommissär der Dürer -
Stich "Ritter, Tod und Teufel", gleichsam zur Illustration der Rolle, in der er
sich selber sieht.
Als sei damit ein Schlüsselwort ausgesprochen worden, weicht fortan
die Todessymbolik nicht mehr von seiner Seite.
*.) Dr. Fritz Emmenberger
Emmenberger, ein "übereleganter Sechziger" von
hagerer Gestalt, auf Hormonbehandlung spezialisiert, Eigentümer der
Privatklinik Sonnenstein, schien als junger Student zu den schönsten
Hoffnungen zu berechtigen. Im medizinischen Fach unter den Tüchtigsten,
zeichnete er sich außerdem durch vielseitige Interessen und gewandten
Umgang mit dem geschriebenen wort aus. Obzwar die es gesehen hatten seinen Mut
und seine Entschlußkraft bewundern mußten, mit denen er einem
Wanderkameraden das Leben rettete durch eine Notoperation ohne Betäubung,
sprach niemand gern darüber. Zu unheimlich wirkte es, daß der junge
Chirurg diesen Umstand mit teuflischer Freude zu genießen schien. Er
bringt es schließlich zu einem hervorragenden medizinischen
Abschluß, nicht aber zu Seßhaftigkeit und Bürgerlichkeit. 1932
wandert er aus der Schweiz aus nach Deutschland, von wo aus er wenig später
nach Chile gegangen sein soll.
Hinter vorgehaltener Hand nennen ihn die Fachkollegen bald mit dem
Spitznamen "Erbonkel", weil seine Klinik ungewöhnlich viele
Vermögenserbschaften verstorbener Patienten antritt.
Die Wahrheit über den Auslandsaufenthalt enthüllt sich im
Verlaufe der Romanhandlung. In Wirklichkeit nämlich tat Emmenberger unter
dem Namen Nehle als SS-Arzt im KZ-Lager Stutthof Dienst. Mit dem Versprechen auf
eine Lebenschance brachte er seine Opfer dazu, sich freiwillig für
Vivisektionen zur Verfügung zu stellen. Der echte Nehle weilte indessen
unter dem Namen Emmenberger in Chile, wo er auch wissenschaftliche Artikel
für die Fachpresse schrieb, die sich stilistisch freilich nicht
annähernd mit der Sprachbrillanz des echten Namensträgers messen
können.
Als im Magazin "Life" das Foto erscheint, welches den angeblichen Nehle
bei einer Vivisektion in Stutthof zeigt, läßt Emmenberger sein Double
aus Chile kommen. Er ermordet ihn in einem Hamburger Hafenhotel und täuscht
einen Selbstmord vor.
Als wahrhafter Teufel hat Emmenberger die Klinik Sonnenstein zu einer
Hölle für Reiche und Mächtige gemacht. Er verspricht die Hoffnung
auf Lebensverlängerung durch Vivisektion und beerbt dann in vielen
Fällen noch seine freiwilligen Opfer.
*.) Gulliver
Der Jude Gulliver ist Bärlachs Freund und Retter
und er bezeichnet sich im Schlußkapitel mit dem Namen des Ewigen Juden
Ahasver. Nimmt man hinzu, daß Swifts Gulliver-Roman eine Satire ist, so
scheint die Deutung erlaubt, eine satirischen Version der biblischen Gestalt des
bis zum Jüngsten Gericht zu ewiger Wanderschaft verurteilten Schuhmachers
Ahasver sei vom Dichter beabsichtigt.
Im Mai 1945 hat sich Gulliver bei Eisleben aus einer Leichengrube
geschleppt und ist der SS entkommen. Seither gilt er amtlich als tot.
Früher war er verheiratet mit einer inzwischen verstorbenen Arierin. Jetzt
zieht er ungebunden von Ort zu Ort, immer im Verborgenen. Gegen den
Jahreswechsel 1944/45 kreuzt sein Leidensweg die Spuren Emmenbergers. Gulliver
übersteht wie durch ein Wunder eine Magenresektion ohne Betäubung. Er
wird anschließend gesundgepflegt und nach Buchenwald überstellt. Auf
dem weg dorthin erfolgt seine vermeintliche Erschießung. Eine Gestalt wie
aus dem Märchenbuch, wird der Riese zum Retter für
Bärlach.
*.) Dr. med. Edith Marlok
Die Morphistin, vierunddreißigjährig, von
klar-vornehmer Schönheit, solange ihr nicht das Rauschmittel fehlt, dann
wird sie unversehens einem alten Weibe ähnlich, ist eine Figur aus der
Nehle-Vergangenheit Emmenbergers. Als Häftling 4466 wurde sie des SS-Arztes
geliebte, um zu überleben. Daran hat sich nichts
geändert.
"Der Verdacht" erschien im "Beobachter" vom September 1951 bis zum
Februar 1952.
Unter dem Titel "Die Stadt"
erschien 1952 ein Sammelband mit den Erzählungen Weihnacht, Der
Folterknecht, Das Bild des Sisyphos, Der Theaterdirektor, Die Stadt, Die Falle,
Der Hund, Der Tunnel und Pilatus.
Zu Pilatus: Die Passion Jesu Christi wird aus der Sicht des
Pilatus wiedergegeben. Pilatus erkennt auf den ersten Blick, daß der ihm
vorgeführte Gefangene ein Gott ist, hat aber eine ganz andere Vorstellung
von einem Gott. Um den Gott zu reizen, endlich seine wahre Gestalt anzunehmen,
gibt er die Befehle zur Geißelung und Kreuzigung. Golgatha hinaufreitend,
erwartet er, den neuen Gott in Glorie neben dem Kreuz stehen zu sehen, und sieht
einen Elendsmann am kreuz hängen. Drei Tage später starrt er ins leere
Grab. Pilatus spürt, daß er verloren hat.
Der Tunnel beginnt mit einem satirischen Selbstporträt des
Autors. Ein junger Mann steigt eines Sonntagnachmittags in einen Zug, um
anderntags ein Seminar zu besuchen.Die Sonne schien - jedoch zum letztenmal
für die Insassen des Eilzuges Bern - Zürich. Ein kurzer, sonst kaum
beachteter Tunnel nimmt auf dieser Fahrt kein Ende. Der Zug rast ins Erdinnere,
von Minute zu Minute schneller und steiler hinab. Der Lokomotivführer ist
beizeiten abgesprungen. Der Zugführer gerät in Panik. Die Reisenden
dagegen unterhalten sich oder spielen Schach, . . .Gegenüber ihrem
Untergang verhält sich die Menschheit gleichgültig.
In der Erzählung Der Hund gesellt sich zu einem
Heilsprediger ein Wolfstier. Dürrenmatts Verhältnis zu Hunden ist
zwiespältig, da sich 1935 ein Wolfshund in seinen Armen und Beinen
verbiß.
Unter dem nachwirkenden Eindruck dieses Erlebnisses habe er die
Erzählung Der Theaterdirektor geschrieben.
Die Falle, 1946 entstanden, war unter dem Titel Der
Nihilist in der Holunderpresse Horgen-Zürich erschienen. Der Nihilist
vertraut dem Erzähler seine Selbstmordabsichten an. Er erschießt aber
eine Frau. Auch dies vertraut er dem Erzähler an, macht ihn so zum
Mitwisser seines Verbrechens, will ihn beseitigen, findet dann doch die Kraft,
sich selbst zu erschießen. Hauptteil der Geschichte ist die Wiedergabe
eines Traumes des Nihilisten, eine Untergangsvision
Dürrenmatts.
Die Stadt wurde ebenfalls 1946 geschrieben. Der Ich-Erzähler
schildert die Stadt, ihre Menschenmassen, ihre gesellschaftliche Struktur:
Verwaltung, Arbeiterheere, Gefangene, Wärter, . . . Aus nichtigem
Anlaß entsteht ein Aufstand, der Erzähler läuft mit. Aber der
Aufstand gegen die unsichtbare Verwaltung löst sich auf, als sei nichts
gewesen.
"Die Ehe des Herrn Mississippi
(Eine Komödie)" im wesentlichen 1950 geschrieben, wird von den Schweizer
Bühnen zurückgewiesen. Am 6. Oktober 1951 wird den Dürrenmatts
die Tochter Ruth geboren. Das Haus in Ligerz wird zu klein. Am 1. März 1952
zog die Familie von Ligerz in das Haus Pertuis du Sault 34 oberhalb
Neuchâtel.
Die Landschaft um Ligerz war idyllisch. Dürrenmatt haßt die
Idylle. Die Gegend um Neuchâtel ist herber, felsiger,
urtümlicher.
Die Anfänge zum Mississippi gehen auf den Herbst 1949
zurück. Damals zeigte er Max Frisch die ersten beiden Akte. Die Autoren
suchten über Jahre Freundschaft zu halten, vertrauten einander ihre
Projekte an.
1960 schrieb Dürrenmatt das Drehbuch zum Mississippi-Film,
der durchfiel.
Florestan Mississippi, Staatsanwalt und Gerechtigkeitsfanatiker, ist
stolz 350 Todesurteile durchgeboxt zu haben. Da nach alttestamentischem Gesetz
auch Ehebruch mit dem Tode bestraft wird, vergiftet er seine Gattin. Die
absolute Gerechtigkeit verpflichtete ihn zu dieser privaten Hinrichtung. Die
drei Idealisten, Utopisten, Spinner, Weltverbesserer scheitern und alles geht
weiter wie zuvor. Zwischen ihnen steht Anastasia, die auch ihren Ehemann
umgebracht hat. Alle lieben sie und Anastasia liebt alle. Anastasia brachte
ihren Gatten aus schnöder Eifersucht um, jedoch mit dem gleichen Gift, mit
dem Mississippi seine Frau ermordet hatt. Er weiß davon. Nun hat aber
Anastasias Mann Anastasia ausgerechnet mit Frau Mississippi betrogen! Der Ring
ist geschlossen. Die Pointe: Der Mörder macht der Mörderin einen
Heiratsantrag.
Es spricht für das Künstlertum Dürrenmatts, daß er
mit vollem Einsatz arbeitete, und er beklagte sich, daß seine
Hörspiele zuwenig beachtet wurden (z.B: Der Prozeß um des Esels
Schatten, das Nächtliche Gespräch mit einem verachteten Menschen, Ein
Kurs für Zeitgenossen, Das Unternehmen der Wega, . . )
Dürrenmatts "Panne" gibt es
in vierfacher Form: als Hörspiel, Erzählung, Fernsehspiel und
Komödie. Vier Pensionäre treiben als Spiel, Spaß und Jux, was
sie früher berufsmäßig ausübten: Sie sitzen zu Gericht. Ihr
Opfer ist der nach einer Autopanne zufällig hereingeschneite und zur
Übernachtung eingeladene Alfredo Traps, ein Karrieretyp, im übrigen
Durchschnittsbürger. Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Henker
knöpfen ihn sich bei einem Festmahl vor. Die vier Greise bohren,
stöbern, forschen in Trab´s Vorleben, Leben, Sexual- und
Geschäftspraktiken,. . . Sie entdecken da so manchen dunklen Punkt:
Verbrechen im sittlichen Sinn, sie entdecken sogar einen psychologischen Mord.
Der Richter ermächtigt sich zu einem Todesurteil. Traps akzeptiert.
Großer Umtrunk. Ekstase. In der Erzählung stolpert der demontierte
Traps allein in sein Zimmer, und als die Herren ihm eine gute Nacht
wünschen wollen, hat der sich am Fensterkreuz
aufgehängt.
"Ein Engel kommt nach Babylon
(Eine fragmentarische Komödie in drei Akten): In dem gemormten Leben der
Weltstadt Babylon ist der Bettler Akki der einzige Mensch, der sich die Freiheit
des Abenteuers bewahrt hat - und zu bewahren gedenkt. Alle anderen Bettler hat
der reformsüchtige König Nebukadnezar zu pensionsberechtigten
Steuereinnehmern gemacht. Um Akki von der Sinnlosigkeit seines anachistischen
Lebenswandels zu überzeugen, verkleidet sich der König als Bettler aus
Ninive und tritt mit Akki in einen Bettlerwettstreit, den Akki haushoch gewinnt.
Die erbettelte Summe wirft der Siegreiche in den Fluß. Es ist ihm um ein
freies Leben voller Poesie zu tun, nicht um materiellen Besitz. Nun flattert ein
Engel auf die Erde hinab, mit ihm das Gotteskind Kurrubi, das die Gnade
verkörpert und dem ärmsten Menschen von Babylon zugesprochen werden
soll. Dieser ärmste Mensch ist aber nach der Wette nach der verkleidete
König. Auftragsgemäß liebt Kurrubi den Bettler von Ninive. Also
ruft der gekränkte Nebukadnezar den Henker herbei, Kurrubi den Kopf
abzuschlagen. Akki hat mit dem Henker längst die Rollen getauscht und zieht
mit Kurrubi von dannen. Der enttäuschte König erkennt: Gott
läßt ihn fallen, Gott ist sein Feind.
"Grieche sucht Griechin (Eine
Prosakomödie)": Der Griechin suchende Grieche ist ein Buchhalter auf der
untesten Stufe der Hirarchie eines Mammutunternehmens in einer wahrhaft
internationalen Metropole - Paris plus Zürich plus London: Europa-City. Per
Annonce sucht der Grieche, 45, simpel, schmuddelig, miserabel behaust, aber
voller Grundsätze und Religiosität, eine Landsmännin zwecks
Heirat. Es meldet sich Chloé, 31, die erfolgreichste Kokotte der Stadt,
sie will zurück ins bürgerliche Leben: trautes Heim mit einem
Landsmann und Kinderchen. Alle bedeutenden Männer der Metropole haben ihre
Liebeskünste genossen, dem Griechen ist das unbekannt.
Eines Tages wird der Grieche, dank der Beziehungen seiner Braut,
Generaldirektor, Weltkirchenrat, Ehrenkonsul und der bestangezogene Mann der
Stadt. Bei der Trauung, an der alle früheren Beischläfer gerührt
teilnehmen, merkt der Grieche endlich, wer da eigentlich an seiner Seite kniet -
und nimmt Reißaus und gerät Bombenlägern in die Hände. Ein
Mensch kommt in diesem Buch nicht vor. Mit Ausnahme des greisen weisen
Staatspräsidenten, zu dem der Grieche mit einer entschärften Bombe
nächtens eindringt. Der Alte zieht ihn ins Gespräch. Er kennt des
Griechen Schicksal. Der Grieche ist für des Staatspräsidentens Worte
empfänglich und die Bombe bleibt in der Manteltasche. Als ein anderer
Mensch geht der Grieche nach dem Gespräch von dem Philosophen fort. Aber
chloé ist verschwunden. Ende. - als Ende für Leihbibliotheken
hat der Autor einen versöhnlichen Schluß angehängt. Grieche
und Griechin finden sich wieder in Griechenland bei Ausgrabungen auf dem
Peloponnes.
Zeit seines Lebens hat sich Dürrenmatt über das, was ihn
bewegte, geäußert, nicht nur in Erzählungen, Romanen uns
Stücken, mehr noch unmittelbarer in Aufsätzen, Vorträgen,
Kritiken, Kommentaren, Essays, in Zeitungs- und Fernsehinterviews. Er ist auch
ein schreibgewandter Theoretiker und Publizist. Es gibt kaum ein Gebiet des
Geistes, der Kunst, der Wissenschaft und der Politik, das er nicht erkundet und
über das er sich nicht geäußert hat. Seine Aufsätze sind
teils Selbstgespräche, teils Ansprachen an seine Kritiker, Freunde und
Feinde.
Der erfolglose Engel wurde von einem philosophierenden
Märchenerzähler geschrieben, die erfolgreiche Dame von einem
Theatermann. Inzwischen hatte Dürrenmatt den Essay über seine
Komödientheorie, Theaterprobleme, beendet und hatte selbst
inszeniert, 1954 in Bern den Mississippi.
Als er 1955 von einer Vortragsreise zurückkam, mußte sich
seine Frau einer Operation unterziehen. Die Operation gelang, hatte aber
lebensgefährliche Nachwirkungen. Dürrenmatt fuhr täglich nach
Bern ins Spital. Abends fuhr er zu seinen Kindern zurück und begann an der
unterbrochenen Mondfinsternis weiterzuschreiben. Frau Lotti erholte sich,
aber Dürrenmatt war nun von einer anderen Sorge geplagt: Schulden. Daher
kam er auf die Idee die Mondfinsternis in ein Theaterstück zu
verwandeln. In der Mondfinsternis kommt Walt Lotcher aus Kanada, wo er es
zum Multimillionär gebracht hat, in sein schweiterisches Heimatdorf
zurück. Vor 45 Jahren hat ihm der Döufu Mani sein Mädchen
weggeschnappt, obgleich sie von ihm schwanger war, seine Kläri. Den
Gebirgsdörflern ging es dreckig. Jeder der vierzehn Familien will der
Heimkehrer eine Million schenken, wenn sie ihm den Mani umbringen, in zehn
Tagen, zur Mondfinsternis. Er hatte einst geschworen, sich zu rächen, und
seine Schwüre hält er. Die Dörfler erfüllen ihm den Wunsch.
Der alte Mani opfert sich. Der Delinquent wird zur Stunde der Mondfinsternis
unter einen Baum gesetzt, der fällt um und erschlägt ihn. Ein
Unfall!
DER BESUCH DER ALTEN
DAME
( eine tragische Komödie)
Dürrenmatt hätte diese "Komödie" nie geschrieben,
wäre ihm die Bühnenidee dazu nicht eingefallen. Und wie von selbst
verwandelte sich im Weiterdenken das Bergdorf in Güllen und Walt Lotcher in
Claire Zachanassian.
Claire Zachanassian, geborene Klara Wäscher, in ihrer Jugend arm,
aber hübsch, verliebt, geschwängert und verstoßen, zur Hure
heruntergekommen, dann durch mehrere Heiraten zurück, in die
abgewirtschaftete Kleinstadt Güllen. An den Besuch der alten Dame werden
die höchsten Erwartungen geknüpft, besonders von ihrem ehemaligen
Geliebten, Verführer und Verräter Ill. Aber die Dame ist gekommen, um
der Stadt Güllen eine Milliarde zu stiften, zur Ankurbelung der Konjunktur,
wenn sie ihr den ehemaligen meineidigen Verräter Ill tot ausliefert. Den
Sarg hat sie gleich mitgebracht. Auf Capri ist für ihre Jugendliebe schon
ein Mausoleum errichtet. Sie will Rache, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung. Die
Güllner sind empört und kein bißchen schuldbewußt. Alle
hatten gewußt, wer der Vater von Klaras Kind war. . . - zur Handlung der
Vorgeschichte: Man schreibt das Jahr 1910. Die junge Klara bekommt ein
uneheliches Kind. Als Vater benennt sie ihren Geliebten Alfred Ill. Dieser
bestreitet die Vaterschaft, weil Klara angeblich auch mit anderen Männern
geschlafen hätte. Mit Hilfe von ihm bestochenen Zeugen Jakob Hühnlein
und Ludwig Sparr gelingt es, durch deren falsche Aussagen den von Klara
bestrittenen Mehrverkehr vor Gericht glaubhaft zu machen. Das Kind stirbt. Klara
Wäscher wird Prostituierte in einem Hamburger Freudenhaus. Alfred Ill
konnte die begehrte Kaufmannstochter Mathilde Blumhard heiraten.
Im Bordell lernt Klara den Milliadär Zachanassian kennen, der sie
heiratet. In den Besitz eines Riesenvermögens gelangt, nimmt die nunmehrige
Claire Zachanassian den Oberrichter, der einst den Vaterschaftsprozeß
geleitet hat, als Butler in ihre Dienste(Bobby). Die beiden meineidigen Zeugen
läßt sie in der ganzen Welt suchen und zu sich bringen, den einen aus
Kanada, den anderen aus Australien. Sie läßt sie blenden und
kastrieren(Koby und Loby). Sie sorgt dafür, daß der Ort, an dem ihr
soviel Unrecht widerfahren ist, der wirtschaftlichen Auszehrung verfällt,
indem sie Güllens prosperierende Unternehmungen aufkaufen und stillegen
läßt. Was nun noch aussteht, 45 Jahre danach, ist die Rache an dem
eigentlichen Schuldigen. . .
Die sittliche Empörung der Güllener über ihr Angebot
macht Frau Zachanassian nicht irre. Sie kann warten. Der Gasthof ist zwar
verkommen, aber sie nistet sich ein, läßt sich scheiden von ihrem
siebenten Gatten Moby und heiratet aufs neue, einen Nobelpreisträger,
genannt Hoby. Ihr wird die Zeit nicht lang. Sie hat eine Maschinerie in Gang
gesetz und sieht vom Balkon des Hotels dem Lauf der Dinge geruhsam zu. Und die
Güllener, zu ihren Füßen, verhalten sich, als hätten sie
das Geld schon. Leben üppig, kleiden sich neu ein, bauen, alles auf Pump.
Selbst Ill modernisiert seinen Laden. Er hofft, wie sie alle, auf Vergessen und
Güte. Nach und nach erkennen die Güllener den wahren Charakter der
Dame auf dem Balkon - und denken nun an Abrechnung und Mord, Mord an Ill. Ill
gerät in Panik.
Alles hat seinen Preis. Das weiß die reichste Frau der Welt.
Fünfhundert Millionen für die Stadt, fünfhundert Millionen auf
die Bürger verteilt. Der Lehrer appelliert an Claires Menschlichkeit. Ihre
Antwort: "Die Menschlichkeit ist für die Börse der Millionäre
geschaffen, mit meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung. Die Welt
machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell. Wer nicht blechen
kann, muß hinhalten, will er mittanzen. Ihr wollt mittanzen.
Anständig ist nur, wer zahlt, und ich zahle. Güllen für einen
Mord, Konjunktur für eine Leiche."
Durch das ganze Stück geht der Ruf nach Menschlichkeit, nach
Gerechtigkeit. Niemand in Güllen spricht von Geld, alle sprechen von
Gerechtigkeit. Die Entlarvung des verlogenen Begriffs Gerechtigkeit ist der
Inhalt dieser tragischen Komödie. Gerechtigkeit verlangt der
Bürgermeister, verlangt sogar der Pfarrer, verlangen nun alle von Ill. Ill,
so sein Seelensorger, solle nicht so sündhaft am Leben hängen, sondern
mehr an die Ewigkeit denken, sich auf das ewige Leben vorbereiten. Oder aber,
besser noch, besinnt sich der Geistliche, er solle fliehen, auf daß seine
Güllener Schäfchen nicht in Versuchung gerieten. Die Sache mit der
Zachanassian und ihrer Milliarde werde sich schon regeln lassen, sei Ill erst
einmal weg. Da irrt sich der fromme Mann. Die Stadt überwacht Ill,
verhindert seine Flucht. Schließlich hat er sich ja wie ein Schuft zu
Klara benommen! Daß muß gesühnt werden. Der Bürgermeister
bringt Ill ein geladenes Gewehr und legt ihm nahe, sich selbst zu richten, um
den Güllenern die Schmach zu ersparen, das wäre Ills Pflicht, nach all
seinen Jugendsünden und Verbrechen, die nun die Stadt befleckten.
Güllen ( kommt von dem Wort Gülle = flüssiger Stalldünger,
der sich aus Kot und Harn zusammensetzt) sei Kulturboden, habe Tradition. Goethe
habe hier einmal übernachtet und Brahms ein Streichquartett komponiert. Das
verpflichte! Ill lehnt ab. Das ist seine Rache: Er will seine Mitbürger zu
Mördern machen. Schließlich soll eine Gemeindeversammlung über
Ills Schicksal entscheiden, sinnigerweise im Theatersaal des Gasthofs zum
Goldenen Apostel, in dem die Zachanassian logiert. Der Bürgermeister
lädt auch Ill ein und fragt, ob er sich dem Spruch der Allgemeinheit beugen
werde. Ill, zermürbt, hat seine aussichtslose Lage erkannt, bekennt seine
Schuld, sagt ja. Der Bürgermeister sagt etwas zu deutlich: "Wer reinen
Herzens die Gerechtigkeit verwirklichen will, erhebe die Hand." Alle außer
Ill heben die Hand. Nun hat keiner dem anderen mehr etwas vorzuwerfen. Sie alle
sind Mörder. Im Saal werden die Lichter gelöscht. Als es wieder hell
wird, liegt Ill tot am Boden. Ein Turner mit kraftvollen Händen hat ihn
erdrosselt. Die verabredete Arztdiagnose: Herzschlag. Frau Zachanassian
überreicht den Scheck und zieht mit ihrem Gefolge und Ill im Sarg von
dannen, nach Capri.
In dieser Komödie sind drei Handlungsstränge miteinander
verflochten. Claire hat nie aufgehört, ihren ersten Freund, Alfred Ill, zu
lieben. Erst im Alter kann sie seiner habhaft werden. Das ist eine
Liebesgeschichte. - Vor 45 Jahren sind zwei Meineide geschworen worden, und ein
Richter bestochen worden. Dies ist der kriminalistische Hintergrund. - Drittens
ist der Besuch eine Gesellschaftsstudie bitterster Art mit vielen Typen,
schrägen, oberflächlichen und faulen. - Zur Wirkung des Stückes
trägt nicht wenig die objektive Charakterisierung der Zachanassian bei.
Keine Person ist karikiert.
Die Sprache ist von raffinierter Einfachheit, gestochen scharf und
transparent. Das Wort ist doppeldeutig. Es wird das eine gesprochen und etwas
anderes gemeint, gedacht, beabsichtigt, meist das Gegenteil. Nur die
Zachanassian spricht aus, was sie denkt und will. Sie kann es sich leisten. Die
Güllener lügen.
Personen:
*.) Claire Zachanassian geb. Klara
Wäscher
"Klara" leitet sich her vom Lateinischen: die Helle,
Berühmte. Ehe die vormalige Klara Wäscher leibhaftig ins Spiel tritt,
bilden sich denn auch Konturen der Milde und Güte ab. Die Spital- und
Kirchenstifterin wird gepriesen. Ihre Wohltätigkeit gibt Güllen
Zukunftshoffnungen, wenn man nur zartfühlend, klug und psychologisch
richtig mit der Heimkehrenden umginge.
Wenn sie dann in der Handlung erscheint, widerspricht die Wirklichtkeit
der Güllener Selsttäuschung im entscheidenen Punkt: Diese Kläri
kennt keine Sentimentalitäten, wie sie Jugenderinnerungen oder Heimatliebe
gemeinhin heraufzureizen pflegen. Das Bildnis, was man sich von ihr gemacht hat,
ist falsch. Und es wird dadurch keineswegs richtiger, daß durchaus einige
der früheren Wesensmerkmale auch bei des Zweiundsechzigjährigen
wiedererkannt werden können: ihr rotes Haar, eine seltsame Grazie, ja sogar
jener Charakterzug provokanter Ungeniertheit, den man in der feierlichen
Begrüßungsrede zu unbestechlicher Gerechtigkeitsliebe
hochzustilisieren trachtete. So nett sie sich selber alt und fett, bekennt sich
uneitel zu ihrer Beinprothese und fegt des Bürgermeisters Lobhudeleien mit
schonungslosen Selbstbekenntnissen vom Tisch.
*.) Alfred Ill
Der Krämer ist zu Beginn der Handlung ganz und gar
Güllener Mitbürger. Er nimmt offensichtlich eine bevorzugte Stellung
im Städtchen ein. Sein Wort gilt etwas, sein Rat ist gefragt, zumal in
allem, was Klara Wäscher betrifft. Unversehens war Ill zum
Hoffnungsträger ananciert, da die Milliardärin ihren Heimatbesuch
avisiert hat.
Die schreckliche Wahrheit unbewußt vorwegnehmend, nennt er sich
ihren schwarzen Panther und wird jählings auf die Realität
zurückgeworfen: "unsinn. Du bist fett geworden. Und grau und
versoffen."
Kritiker werten die Ill-Gestalt von recht differenzierten Ansätzen
her, ihr so Facetten-Reichtum und theatralisches Anziehungsvermögen
bescheinigend, wie einige ausgewählte Belegstellen repräsentativ
veranschaulichen mögen.
Friedrich Dürrenmatt belehrt nicht. Er stellt hin. Die
Güllener sind, soweit Geld glücklich machen kann, glücklich, ohne
üblen Nachgeschmack. Selbst Ills Witwe und Kinder leben auf.
Nach der Uraufführung war der längst vielgepriesene und
vielgescholtene Autor aller materiellen Sorgen ledig. Merkwürdig, daß
Dürrenmatt selbst das Stück nicht schätzt. Ihm ist der Welterfolg
eher ein Beweis dafür, daß das Stück schlecht und flach ist.
Seine Lieblingsstücke sind die erfolglosen Romulus, Frank V und
Mitmacher.
Auf Dürrenmatt regnete es nun Ehrungen, Preise, Doktorhüte,
Medaillen, Aufträge, Einladungen zu Vorträgen.
1957 bestellte der Filmproduzent Lazar Wechsler bei ihm eine
Filmerzählung zum Thema Sexualverbrechen an Kindern. Das Thema war akut.
Dürrenmatt schrieb ein Treatment, der Regisseur Ladislao Vajda das
Drehbuch. Dürrenmatt war mit dem Produkt der Praesens-Film(Zürich)
durchaus zufrieden, nicht aber mit dem Schluß seiner Geschichte. Aus dem
Filmstoff es geschah am hellichten Tag wurde
Das Versprechen.
DAS
VERSPRECHEN
Der Roman folgt zunächst der Filmerzählung. Ein Kind, Gritli
Moser, ist mißbraucht und ermordet worden, in einem Waldstück an der
Autostraße Zürich-Chur. In dem Film wird der Mädchenmörder
mit den detektivischen Mitteln und Tricks eines allseits beliebten und
geachteten Kommissärs entdeckt und unschädlich gemacht. Der Hausierer,
der die Leiche gefunden hat, gerät zwar in Verdacht, viele Indizien
sprechen gegen ihn, aber einen Schuldbeweis gibt es nicht, kann es nicht geben,
der Hausierer hat mit dem Mord nichts zu tun. Er ist jedoch dem Druck der
Dauerverhöre durch sich abwechselnde Beamte - auch eine Art Folterung -
nicht gewachsen, legt, um endlich Ruhe zu haben, ein falsches Geständnis ab
und erhängt sich in der Zelle. Der Fall ist abgeschlossen. Nicht für
den Kommissär, der außer Dienst weiterforscht. Und es gelingt ihm -
im Film.
Im Roman macht sich Dürrenmatt über die Filmhandlung geradezu
lustig. Er bricht die Filmgeschichte auf, macht sie durchsichtig, indem er sie
den ehemaligen Kommandanten der Züricher Kantonspolizei, Dr. H., dem Autor
erzählen und natürlich ganz anders ausgehen läßt. Dr. H.
steht den Kriminalromanen- und filmen der üblichen Machart kritisch, ja
ablehnend gegenüber. Er nimmt den Autor, dessen Vortrag über das
Schreiben von Kriminalromanen er besucht hat, von Chur nach Zürich im Wagen
mit, weil er ihn schätzt, wenn auch nicht so sehr wie Max Frisch, der ihm
näherliegt, wie er seinem Fahrgast bekennt. Dr. H. stellt die
Möglichkeit kriminalistischer Wahrheitsfindung in Frage.
Der Kommissär des Romans, Matthäi, ist zwar tüchtig, aber
unbeliebt, weil eigenbrötlerisch, kontaktarm, zum Schluß besessen von
seiner Mission, den Mädchenmörder unschädlich zu machen, damit
ihm nicht noch andere Kinder zum Opfer fallen. In einem Anfall von
Sentimentalität schwört er der Mutter des ermordeten Mädchens
"bei seiner Seeligkeit" den Mörder zu fassen und der Gerechtigkeit
zuzuführen. Schon Jahre zuvor sind Kindermorde an der Straße
Zürich-Chur verübt worden. Matthäi ermittelt, daß ein
großer Mann mit einer schwarzen Limousine das Gritli getötet haben
muß. Also kauft er eine Tankstelle an der Straße. heuert ein der
Ermordeten ähnliches Mädchen( Annemarie) als Köder an - und
wartet auf den Mörder. Tatsächlich, eines Tages berichtet das
Mädchen von einem solchen Mann. Zur verabredeten Stunde kommt der dann doch
nicht. Matthäi wartet und wartet, jahrelang, sein Versprechen kann er nicht
halten, er wird trunksüchtig und verliert den Verstand. Der Mord wird nach
Jahren von anderen Kriminalbeamten aufgeklärt. Frau Schrott, eine Greisin
im Sterbebett, erzählte, daß ihr erster Mann ein Waisenkind aufnahm.
Als dieser dann starb war es das beste für Albert, das Waisenkind und Frau
Schrott, daß sie heirateten. Denn Albert wäre mit seinen
beschränkten Geistesmitteln verloren gewesen. Seine Aufgabe war, es unter
anderem, jede Woche Eier nach Zürich zu Frau Schrotts Militaristenschwester
zu bringen. Jedoch eines Tages kam er erst nach Mitternacht nach Hause. Er war
voller Blut, erzählte seiner "Mutti", so wie er sie nannte, daß es
ein unfall gewesen sei. Aber am nächsten Morgen las Frau Schrott in der
Zeitung , daß man ein kleines Mädchen im Sankt Gallischen ermordet
habe, wahrscheinlich mit einem Rasiermesser, und da kam es ihr in den Sinn,
daß er letzten Nachts auch sein Rasiermesser gereinigt hatte. Sie fragte
ihn, ob er den Mord begangen hatte und er gestand alles. Seine "Mutti" sagte
nur: "Das darf nie mehr vorkommen." Ein anderes Mal aber, nach dem Zweiten
Weltkrieg, fuhr er wieder einmal zur Schwester und lieferte Eier ab, getreu und
brav, wie es seine Art war, und kam wieder erst nach Mitternacht nach Hause.
Frau Schrott hatte sofort geahnt, was passiert war. Wieder gab Albertchen zu,
daß er ein Mädchen im Kanton Schwyz umgebracht hatte. Dieses
Mädchen hatte ebenfalls ein rotes Röcklein an und gelbe Zöpfe.
Letztere war Gritli Moser.
Aber wenige Monate nach diesem Mord ist er wieder unruhig geworden und
fahrig. Er hatte wieder ein Mädchen gefunden - Annemarie. Als Frau Schrott
ihn darauf ansprach kam es zu einem Streit und er rannte hinaus und fuhr mit dem
Auto davon. Aber auf der Fahrt zu Annemarie ist er tödlich
verunglückt.
Wieder werden wir auf Dürrenmatts Lieblingsgedanken gestoßen.
Wir alle irren in einem Labyrinth umher, und der Zufall, der absurde,
lächerliche, irreale, spielt die beherrschende Rolle. Den Kommissar, der
durch Befragen, logisches Denken und Kombinieren einen Fall löst, gibt es
nicht, kann es nicht geben. Daher Totenmesse: Reqiuiem auf den
Kriminalroman.
"Frank V. ( - Oper einer
Privatbank ): Diese Bank ist ein höchst sonderbares Geldinstitut.
Eingezahltes Geld sehen die Kunden nie wieder. Kunden die aber auf ihr Recht
bestehen werden umgebracht. Ebenso unbestechliche Wirtschaftsprüfer.
Titelfigur Frank V. fingiert seinen Tod, um als Privatier mit seiner Gattin
einen besseren Lebensabend zu genießen. Es wird über die
Bankverbrechen viel geredet - praktisch geschieht nichts. Wir erfahren nicht,
wie dieses Aufhäufen von Millionen vor sich geht, drei kleinere Delikte,
die auch noch schiefgehen, ausgenommen. Nach ein paar verunglückten
Spekulationen droht der Zusammenbruch. Zudem wird die Bank erpreßt, von
unbekannt. Nun ist diese Privatbank ein Kollektiv - Mitglieder der verschworenen
Mördergemeinschaft müssen laut Satzung ihre unrechtmäßig
erworbenen Privatvermögen herausrücken, zur Rettung des Unternehmens.
Wer sich weigert, wird erschossen. Die Kellerwände triefen von Blut. Der
Erpresser ist der Sohn Frank des Fünften, der als Frank der Sechste an die
Macht will, also sperrt er seinen Vater in den Tresor und läßt ihn
verhungern.
Eine Unwahrscheinlichkeit reiht sich an die andere. Der Sohn will denn
auch Schluß mit den Wildwestmethoden machen. Ihm genügen die Gesetze,
um die Betrügereien fortzuführen.
Dürrenmatt hatte sich von einem Stüch Shakespeares
beeinflussen lassen. Statt Königen und deren Günstlingen und Mordbuben
nun Bankdirektoren, Prokuristen, Anlageberater, Kassenverwalter und
Personalchefs. Im ganzen Stück gibt es keine Person, die des Zuschauers
Anteilnahme erweckt. Sie alle sind stilisiert, wirken marionettenhaft, ohne
Eigenleben.
Nach diesem Stück dauerte es zwei Jahre, bis Dürrenmatt ein
neues Stück auf die Bühne brachte:
DIE PHYSIKER
Diese Komödie spielt in unserer Gegenwart an einem nicht näher
bestimmten Ort in der Schweiz, und zwar in einer privaten Nervenheilanstalt(Les
Cerisiers), die von der berühmten Ärztin für Psychiatrie Mathilde
von Zahnd geleitet wird. Patienten sind drei Kernphysiker, die sich
verrücktstellen: Johann Wilhelm Möbius, dem angeblich der König
Salomo erscheint, Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Einstein hält,
und Herbert Georg Beutler, der Newton zu sein vorgibt. Jeder dieser Patienten
hat eine Krankenschwester ermordet. Hünenhafte Männer haben jetzt die
Pflegeaufgaben übernommen. Jedoch muß Inspektor Voß diese Morde
untersuchen. Unter der Leitung von Inspektor Voß untersuchen
Kriminalbeamte die Leiche der ermordeten Schwester Irene Straub. Oberschwester
Marta Boll verwehrt dem Inspektor das Rauchen und gibt Auskunft über den
Täter. Das Wort "Mörder" läßt sie nicht gelten, da es sich
um einen Kranken handelt. Er heißt Ernst Heinrich Ernesti und hält
sich wie bereits erwähnt für Albert Einstein. Die Tat hat er mit der
Schnur der Stehlampe ausgeführt. Es handelt sich bereits um den zweiten
Mord in der "Villa". Vor drei Monaten hat Georg Beutler, der sich für
Newton ausgibt, die Krankenschwester Dorothea Moser erdrosselt. Der Inspekto
hält weibliches Pflegepersonal für nicht länger verantwortbar.
Die Oberschwester wendet ein, daß Dorothea Moser Ringerin gewesen war und
Irene Straub Landesmeisterin im Judosport war.
Als Marta Boll den Raum verläßt gesellt sich zu dem
alleingebliebenen Inspektor Newton. Zunächst sprocht man im Plauderton
über die beiden Morde. Als Newton zur Zigarette greift, will Voß sich
die Zigarre anzünden, aber er darf nicht, da das Rauchen nur den Patienten
erlaubt ist.Versonnen erinnert sich der Täter seines Opfers und ihrer
kräftigen Weiblichkeit. Und plötzlich behauptet dieser, daß er
in Wirklichkeit Albert Einstein wäre und nicht der Mitpatient Ernesti. Nur
um diesen nicht zu verwirren, gäbe er sich als Newton aus. Dem Inspektor
schwirrt der Kopf. Schließlich kommt man überein, sich beim Vornamen
zu nennen - Richard und Albert. Newton begehrt zu wissen, ob Voß ihn
lieber verhaften würde, weil er die Krankenschwester umgebracht oder weil
er die Atombombe ermöglicht habe. Wie von ungefähr ist ein ernsterer
Ton in das Gespräch gekommen. Am Beispiel des Lichtschalters erklärt
Newton aus seiner Sicht den Unterschied zwischen dem Wissenschaftler (als
theoretischen Vorausdenker) und dem Techniker(als den in die Praxis
Umsetzenden). Auf Grund von Naturbeobachtungen entstehe zunächst eine
Theorie, die in der Sprache mathematischer Formeln festgehalten werde. Und die
Techniker kümmern sich um die Formeln. Sie stellen Maschinen her, und
brauchbar ist eine Maschine erst dann, wenn sie von der Erkenntnis
unabhängig geworden ist, die zu ihrer Erfindung führte - so vermag
heute jeder Esel eine Atombombe zur Explosion zu bringen. Mit dem Ratschlag:
"Sie sollten sich selber verhaften, Richard!" verschwindet Newton in seinem
Zimmer. Voß schickt seine Leute in die Stadt zurück und bleibt
alleine in der "Villa". Endlich hört er das Geigen- und Klavierspiel in
Einsteins Zimmer auf, und Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd erscheint. Sie
setzt sich zu dem Inspektor und beginnt ebenfalls, wie er, zu rauchen. Newtons
Verwirrspiel mit der Behauptun, er sei Einstein, nimmt sie nicht wichtig.
Voß mahnt im Auftrag des "tobenden" Staatsanwaltes bessere
Sicherheitsvorkehrungen an, angesichts des zweiten Mordes. Die Ärztin
meint: "Ich leite eine Heilanstalt, nicht ein Zuchthaus." Sie beunruhige
lediglich die Tatsache, daß die Gefährlichkeit der beiden Täter
Beutler und Ernesti nicht erkannt worden ist, keineswegs aber der tobende
Staatsanwalt.
Für Augenblicke geistert Einstein über die Szene, wird von Dr.
Zahnd aber wieder schlafen geschickt.
Voß erkundigt sich nach der Krankheitsgeschichte der beiden
Täter. Dies bietet willkommene Gelegenheit, ihn geschickt zur
Überzeugung zu bringen, durch Hantieren mit radioaktiven Stoffen habe sich
bei beiden Physikern eine Hirnveränderung ergeben, die letztlich für
die Mordtaten verantwortlich wäre.
Dr. Zahnd erklärt, wieso nur drei Physiker noch in der "Villa"
untergebracht sind. Durch die Beiträge reicher Patienten und etliche
Hinterlassenschaften von Verwandten hat sie sich den Neubau rechtzeitig leisten
können. Der gleiche Beruf bei allen drei Patienten ist kein Zufall - sie
hat es so gewollt. Voß Besorgnis, Möbius könnte auch mit
Radioaktivität zu tun gehabt haben, zerstreut die Ärztin im Ansatz.
Voß kehrt in die Stadt zurück.
Die Oberschwester kehrt wieder und weiß genau, welche
Behandlungsmaßnahmen im Augenblick für die Tante und den Vetter von
Frl. Doktor geboten sind, die zur Zeit im Irrenhaus "Les Cerisiers"
untergebracht sind. Außerdem hat sie die Krankenakte Möbius
mitgebracht, weil dieser Besuch bekommen soll.
Die Oberschwester holt den Besuch in den Salon. Es erscheinen Frau Lina
Rose, bis vor drei Wochen noch Frau Möbius, ihre drei Söhne und
Missionar Oskar Rose, der Witwer, den sie geheiratet hat. Die Söhne hat sie
mitgebracht, damit sie ihren Vater einmal als Halbwüchsige kennenlernen
sollen; denn man steht kurz vor einer Missionsstation auf den Marianen, die
Oskar Rose übernehmen wird. Frau Rose wird von Schildgefühlen
gegenüber dem Kranken geplagt und erzählt deshalb Frl. Doktor die
Geschichte ihrer Ehe mit Möbius: Im Hause ihres Vaters bewohnte dieser als
bettelarmer, verwaister Gymnasiast eine Mansarde. Sie selbst war damals 20, er
erst 15. Sie ermöglichte ihm Abitur und Physikstudium, später auch die
Arbeit an seiner Disseration. Nach fünfjähriger Bekanntschaft hatten
sie geheiratet. Die drei Jungen wurden geboren. Als endlich eine Professur in
Aussicht stand, erkrankte Möbius.
Man ruft Möbius herzu. Nur mühsam scheint er seine geschiedene
Frau zu erkennen. Und auch drei Söhne zu haben, war ihm nicht bewußt.
Frau Lina stellt ihren neuen Ehemann vor und teilt dem Kranken mit, man werde
nach den Marianen aufbrechen. Möbius nimmt´s zunächst gelassen
hin. Dann aber müssen die drei Söhne ihrem Vater ein Abschiedskonzert
auf der Blockflöte darbieten. Das überfordert ihn offensichtlich. Im
Namen Salomos verlangt er, das Spiel abzubrechen. Der salbungsvolle Einwand des
Missionars, gerade Salomo hätte sich am Geflöte unschuldiger Knaben
erfreut, reizt Möbius zu wütendem Protest. Salomo sei nicht der
große goldene König. Vielmehr hocke er "nackt und stinkend" in seinem
Zimmer "als der arme König der Wahrheit", und Möbius steigt in einen
umgekehrten Tisch, um den "Psalm Salomos, der Weltraumfahrern zu singen" von
dort aus zu intonieren. Von Astronauten ist darin die Rede, die bei fernen
Himmelskörpern verunglücken oder in ihren Raumschiffen in der Weite
des Weltalls verkommen. Unter den Verwünschungen des Aufgeregten werden die
Roses von der Oberschwester aus dem Raum bugsiert. Er bleibt mit Schwester
Monika alleine und beruhigt sich augenblicklich. Er bekennt sich künstlich
aufgeregt zu haben, um seiner Familie den Abschied so leicht wie möglich zu
machen. Im folgenden Gespräch erfährt er von Schwester Monika,
daß männliche Pfleger hinfort die Betreuung der Physiker
übernehmen werden. Er dankt der jungen Frau für zwei bessere Jahre,
als es die vorangegangenen gewesen waren, unter ihrer Obhut. Doch Monika
Stettler ist noch nicht am Ziel ihres Gespräches. Sie erklärt, ihn
keineswegs für verrückt zu halten und auch an das Erscheinen Salomos
glaube sie, weil sie ganz einfach wisse, daß er nicht krank ist.
Möbius Warnung, es sei tödlich, an den König Salomo zu glauben,
beantortet sie mit :"Ich liebe Sie." Sie fürchtet wegen Einstein und Newton
um Möbius Sicherheit. Der Physiker gesteht, auch er liebe sie, und gerade
deshalb befinde sie sich in Gefahr. Wie zur Bekräftigung erscheint Einstein
im Raum und spricht von der Liebe der ermordeten Irene Straub zu ihm,
derentwegen sie hat sterben müssen. Er meint, daß Schweter Monika
besser ihrem Geliebten gehorchen soll und fliehen soll. Dann verschwindet er
wieder.
Schwester Monika erkennt jedoch die Parallele zur eigenen Situation
nicht. Sie beharrt auf ihrer Liebe. Nur für ihn will sie leben! Die Rede
kommt auf Salomo. Möbius behauptet zunächst, er müsse im
Irrenhaus Zeit seines Lebens dafür büßen, daß er das
Erscheinen Salomos verraten habe, Monika setzt Möbius Verrat an ihr (er
liebt sie, aber er bekennt es nicht nach außen) - mit dem Verrat an Salomo
gleich. Der Physiker hält dagegen.
Er braucht nur zu wollen, um an ihrer Seite mit Genehmigung die Anstalt
zu verlassen. Monika hat praktisch vorgesorgt. Ein neuer Job als
Gemeindeschwester ist ihr zugefallen und einige Ersparnisse wären auch noch
da. Möbius sieht keinen Ausweg mehr. Er sieht Tränen des Glücks
in den Augen der jungen Frau und bringt sie mit der Vorhangkordel um. Newton
tritt herein. Möbius teilt ihm mit: "Ich habe Schwester Monika Stettler
erdrosselt." Einstein geigt dazu in seinem Zimmer und der Erste Akt ist
zuende.
Im Zweiten Akt ist Voß wieder dabei die Spuren eines
Tötungsdeliktes zu sichern. Die Situation gleicht in allem derjenigen zu
Beginn des Ersten Aktes. Voß bekommt Zigarren und Schnaps wie
selbstverständlich angeboten, lehnt aber ab. Vehören will er den
Täter nicht, schließlich handelt sich es um einen Kranken, den er
endgültig Frl. Dr. Zahnd überlassen möchte. Die Ärztin wirkt
zerknirscht: "Dieser dritte Unglücksfall hat mir in "Les Cerisiers" gerade
noch gefehlt. Ich kann abdanken." Sie fürchtet um ihren medizinischen Ruf.
Die neuen Pfleger sind wahre Riesengestalten. Den Oberpfleger kennt der
Inspektor. Er heißt Uwe Sievers und war Europameister im Schwergewicht.
Die beiden anderen sind ehemalige Box-Champions.
Voß gibt den Befehl den Leichnam azutransportieren und im
gleichen Augenblick stürzt Möbius in den Salon. Er wird von Dr. Zahnd
mit Vorwürfen empfangen. Möbius behauptet, König Salomo habe ihm
den Befehl zum Töten durch die Fensterscheibe zugeflüstert. Die
Ärztin zieht sich entnervt zurück.
Jetzt bleiben Voß und Möbius allein. Möbius begehrt,
verhaftet zu werden für seine Tat. Aber Voß lehnt ab. Solange er
Salomo nicht verhaften kann, bleibt auch Möbius frei. Der Inspektor
genießt es auf einmal, nicht einschreiten zu müssen. Er hat drei
Mörder gefunden, die er mit gutem Gewissen nicht verhaften brauche. Die
Gerechtigkeit macht zum ersten Male Ferien. Er läßt Newton und
Einstein freundlich grüßen und verläßt den
Salon.
Möbius bleibt nicht lange allein. Newton gesellt sich zu ihm und
verwickelt Möbius in ein Gespräch. Newton will heraus aus dem
Irrenhaus. Die neuen Pfleger zwingen zum Handeln. Er gesteht Möbius, weder
verrückt, noch Newton oder Einstein zu sein. Vielmehr laute sein wahrer
Name Alec Jasper Kilton. Möbius kennt ihn als den "Begründer der
Entsprechungslehre". Newton ist in der Anstalt, um im Auftrag seines
Geheimdienstes den Grund von Möbius Erkrankung auszuspähen. Dorothea
Moser mußte sterben, weil sie seine Mission in Gefahr brachte. Newton
hält Möbius für den größten Physiker aller
Zeiten.
Einstein tritt herein. Er hat dem Gespräch gelauscht und bekennt
nun ebenfalls nicht verrückt, Geheimdienstler und Physiker mit dem Namen
Joseph Eisler zu sein. Möbius kennt den Eisler-Effekt und weiß,
daß dessen Entdecker 1950 verschollen sein soll. Newton versucht, die
Situation mit Hilfe eines Revolvers unter Kontrolle zu bringen. Aber Einstein
ist ebenfalls bewaffnet. So beschließt man Waffenstillstand. Einstein
begründet seine Mordtat an Irene Straub mit den gleichen Argumenten wie
Newton. Auch in seinem Land gilt Möbius als der größte Physiker,
und deshalb ist Einstein in Les Cerisiers. Bald beginnen sie zu tafeln - "Die
reinste Henkersmahlzeit." Jedoch werden sie von den Pflegern gestört, die
Gitter vor dem Fenster herablassen, die sorgfältig verschlossen werden.
Allein gelassen überprüft man die Situation. Die Gitter befinden sich
auch vor den Zimmerfenstern und besitzen Spezialschlösser. Man(n) ist
gefangen!
Nur gemeinsam ist das Hinausgelangen denkbar. Aber Möbius will
nicht. Newton hält ihm entgegen. Sofern Möbius sich auf seine Seite
schlüge, bekäme er in einem Jahr in Stockholm den Nobelpreis, da man
vermutet, Möbius habe "das Problem der Gravitation" gelöst. Einsteins
Seite zeigt sich interessiert an der "einheitlichen Theorie der
Elementarteilchen". Beide Entdeckungen bejaht Möbius, außerdem noch
"das System aller möglichen Erfindungen". Aber Möbius weiß,
daß seine Entdeckungen für die Menschheit verheerende Folgen
hätten, wenn sie bekannt würden. Einstein und Newton gleuben nicht,
daß man dies verhindern kann. Newton analysiert die Situation. Nicht die
beiden Geheimdienstler hielten Möbius in Schach, sondern dieser könnte
wählen, für welxhe Seite er sich entscheidet. Der Verlierer
könnte nichts dagegen tun. Einstein will die Sache mit dem Revolver
entscheiden und Newton ist sofort einverstanden. Man wird schießen
müssen: aufeinander, auf die Wärter, notfalls sogar auf Möbius,
weil dessen Manuskripte wichtiger sind als der Physiker selber. Doch ein Kampf
wäre sinnlos, denn Möbius hat nämlich, als das Anrücken der
Polizei drohte, kurzerhand die Arbeit von 15 Jahren ins Feuer geworfen. Die
beiden Geheimdienstler sind also gescheitert. Möbius übernimmt jetzt
die Initiative. Er will jeden Denkfehler ausschließen bei der zu
treffenden Entscheidung. So fragt er nach der Wirklichkeit in den
gesellschaftlichen Systemen der beiden Kontrahenten. Newton verspricht gutes
Geld und ideale Unterkunft. Einstein definiert, was er mit Machtpolitik meint:
im Dienste der Macht einer Partei zu stehen. Beide aber können
ungeschränkte Freihheit in einem Gesellschaftssystem nicht garantieren.
Möbius würde in jedem Falle das Irrenhaus gegen eine andere Form des
Gefangenseins eintauschen. Das Irrenhaus sei mithin vorzuziehen, weil es
derjeinge Ort ist, an dem der Machtmißbrauch neuer Erkenntnisse durch die
Machtausübenden unterbunden bleibt. "Es gibt Risiken, die man nie eingehen
darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches." Mit der Einsicht, seine
Entdeckungen würden Waffen ermöglichen, die das Risiko mit sich
brächten, ist er ins Irrenhaus emigriert. Seine Vernunft hat das gefordert,
weil die Menschheit noch nicht reif ist, von dem neuen Wissen vernünftigen
Gebrauch zu machen. Er vermag somit Newton und Einstein zum Bleiben zu bewegen.
In einem feierlichen Ritual gedenken sie ihrer drei Opfer und trinken auf ihren
neuen Freundschaftsbund. Sie wollen als vermeintliche Irre weiterleben. Und dann
ziehen sie sich in ihre Zimmer zurück.
Dann erscheinen Pfleger in schwarzen Uniformen mit Pistolen und auch Dr.
Zahnd. Zunächst läßt sie das Porträt des Geheimrats, ihres
Vaters, über dem Kamin austauschen gegen das des Generals Leonidas von
Zahnd. Man meldet ihr, die erwarteten "Koryphäen" mit Generaldirektor
Fröben seien eingetroffen. Möbius, Newton und Einstein werden
herbeizitiert. Sie versuchen, die Verrückten zu spielen, werden aber
schnell aus ihrem überschwenglichem Gebaren gerissen, als Dr. Zahnd
plötzlich die wahren Namen von Newton und Einstein ausspricht. Ihr
Gespräch ist also abgehört worden! Die Geheimsender werden
herbeigeholr und in hellem Scheinwerferlicht stehend erkennen sie, daß die
"Villa" von Wärtern umstellt ist.
Mathilde von Zahnd offenbart sich. Ihr ist Salomo erschienen. Statt
Möbius soll nun sie zur heiligen Weltherrschaft als Salomos
auserwählte Dienerin gelangen. Sie hat Möbius Schriften bis zur
letzten Manuskriptseite photokopiert und einen mächtigen Trust aufgebaut,
der auch das System aller möglichen Erfindungen auswerten
wird.
Es zeigt sich: die Irrenärztin ist selber irre. Möbius
Erklärung, er habe Salomo nur erfunden, wird von ihr nicht akzeptiert.
Trotzdem ist sie mit teuflischer Schlauheit vorgegangen. Die drei
Krankenschwestern mußten dazu herhalten, die Physiker zu
gemeingefährlichen Irren zu stempeln. Sie waren von vorhinein als Mordopfer
auserkoren.
Fortan leben die Physiker nicht mehr in den Mauern einer Heilanstalt,
sondern in eben jenem Gefängnis, das sie selber gewählt haben. Frl.
Zahnd aber schickt sich an, die Weltherrschaft im Namen König Salomos zu
erobern.
Möbius zieht das Fazit: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr
zurückgenommen werden."
In drei abschließenden Monologen geben die Physiker als Newton,
Einstein und König Salomo ihrer tiefsten Resignation Ausdruck. Sie
beschreiben darin schlicht ihre närrische Identität.
Personen:
*.) Johann Wilhelm Möbius
Er ist zum Zeitpunkt der Geschehnisse vierzig Jahre alt.
Ohne Zweifel ist er die Hauptgestalt der Komödie im Sinne seiner
dramatischen Funktion als Überbringer der Dürrenmattschen Botschaft an
das Publikum.
Da ist zunächst der bettelarme Vollwaise, der das Wohlgefallen der
Hauswirtstochter gewinnt. Sie nimmt den Schutzbedürftigen in ihre Obhut,
zunächst wohl mehr Mutterstelle an ihm vertretend, als Geliebte zu sein.
Selbst nicht im Übermaß mit irdischen Glückgütern gesegnet,
sorgt die fünf Jahre ältere Frau dafür, indem sie hart arbeitet,
daß Möbius maturiert, studiert und schließlich auch noch
promoviert. Obendrein bringt sie seine Kinder zur Welt. Schließlich zieht
sich der junge Mann ins Irrenhaus zurück, als er eine Professur erhalten
sollte.
In der Anlage der zentralen Komödiengestalt findet sich ein
auffallen harter Gegensatz zwischen dem moralischen Versagen im familliären
und persönlichen Lebensbereich gegenüber dem hohen moralischen
Anspruch des Wissenschaftlers.
Ins Irrenhaus hat er sich zurückgezogen, um seine Entdeckungen und
Erkenntnisse vor dem Mißbrauch durch Mächtige zu schützen und zu
bewahren. Er ist von Anfang an ein Moralist. Es verleiht seinem Handeln eine
Dimension der Narrheit, daß im Sanatorium der Mathilde von Zahnd just
diese Gelegenheit zur Realität wird. Ein Zug komödienhafter Ironie
liegt in der Tatsache, daß ausgerechnet der König Salomo, eine
Symbolfigur für die menschliche Weisheit, ihm den Weg ins Irrenhaus geebnet
hat.
*.) Alec Jasper Kilton - Herbert Georg Beutler -
Newton
Newton steht auf der Besoldungsliste des Geheimdienstes
der USA. Man hat ihm einwandfreies Deutsch beigebracht und er bewohnt unter dem
Namen Herbert Beutler das Zimmer Nummer 3 in der Villa von Les Cerisiers. Sein
wirklicher Name ist Alec Jasper Kilton.
Es geht ihm um die "Freiheit" der "Wissenschaft", und es ist ihm
gleichgültig, wer diese Freiheit garantiert. Er sieht nicht die
Abhängigkeit der Wissenschaft von der politischen Macht.
Den Mord an Dorothea Moser begeht er aus zwei Gründen: zum einen
stand durch die junge Frau seine Geheimdienstmission in Frage; zum anderen
sollte der Mord seinen Wahnsinn endgültig beweisen. Er zählt sich
selbst zu den "Nicht-Genialen". Gelegentlich zeigt er einen Hang zur
Aufrichtigkeit. In der Auseinadersetzung mit seinem Gegenspieler Einstein zeigt
er Mut. Vor einem Revolverkampf schreckt er keinen Augenblick zurück.
Insofern gleicht er seinem Rivalen
*.) Joseph Eisler - Ernst Heinrich Ernesti -
Einstein
Als Ernst Heinrich Ernesti wohnt der geigende
Pseudo-Einstein im Zimmer Nummer 2. In Wirklichkeit ist er der Physiker Joseph
Eisler, der Fachwelt bekannt als Entdecker des Eisler-Effekts und vorgeblich
seit 1950 verschollen.
Über seine wissenschaftliche Leistung mit dem effektvollen Namen
wird nichts Näheres mitgeteilt und ebensoweing erfährt man über
seine Zugehörigkeit zum Geheimdienst der konträren Supermacht
Sowjetunion.
Er hat ebenfalls gemordet, um seiner Mission Treue zu halten. Er ordnet
sich bewußt der politischen Macht unter. Er überläßt ihr
sein Wissen und tritt die Verantwortung für die Folgen an das System bzw.
an die "Partei" und den "Generalstab" ab. Diese können das Wissen für
ihre "Machtpolitik" benutzen, ohne daß er selbst noch irgendeinen
Einfluß ausüben kann.
Einsteins Empfindungen treten generell stärker in Augenschein, als
dies bei dem stets beherrschten, ein wenig Zynismus neigenden Newton der Fall
ist. So hat er alles getan, Irene Straub von ihrer Hingabebereitschaft
abzubringen. Erst als das vergeblich blieb, griff er zum letzten Mittel. Auch er
zeigt sich kompromißbereit, wo es geraten ist. Im Ideologischen gibt es
keinen Brückenschlag. Hier ist er der Härtere. Sogar auf Möbius
würde er schießen,um seiner Mission zu dienen.
*.) Mathilde von Zahnd
Sie stammt aus einer alteingesessenen, einst
mächtigen Familie. Ihr Vater, Geheimrat August von Zahnd, der
wirtschaftsführer und Menschenhasser (auch sie blieb nicht verschont), hat
ihr "Les Cerisiers" hinterlassen. Sie verfügt über einen beachtlichen
Ruf in der Fachwelt der Psychiatrie. Trotz offenkundigem Berufserfolg und
augenscheinlicher Wohlhabenheit ist die verwachsene Erscheinung der
Fünfundfünfzigjährigen dazu angetan, das Mitgefühl des
Publikums zu erwecken, zumal sie gelegentlich anspielt auf den Status der
einsamen, alten Jungfer, Selbstironie seint abzuklingen, wenn sie bekundet: "Wir
Irrenärzte bleiben nun einmal hoffnungslos romantische Philanthropen." Sie
verhält sich anfangs durchaus so, wie man es von einer Vertreterin ihres
Berufsstandes erwartet: Sie hat Mitgefühl mit ihren Kranken, beruhigt den
"kranken" Mörder Einstein durch Klavierbegleitung, legt Wert auf ihren
ärztlichen Ruf, verfügt über Selbstironie, hat großes
Verständnis für die zweite Heirat von Möbius ehemaliger Frau,
erteilt gern die Genehmigung zum "Familientreffen", ist "kein Unmensch", als
Frau Rose erklärt, für ihren früheren Mann den Aufenthalt im
Irrenhaus nicht mehr zahlen zu können, und scheint nach dem Mord an
Schwester Monika vollkommen vernichtet zu sein.
Schon früh fällt ein Satz, der erst rückblickend seinen
wahren Sinn enthüllt: "Für wen sich meine Patienten halten, bestimme
ich." Dieser Satz soll den Leser bzw. den Zuschauer beunruhigen.
Fast bis zum Ende hält sie ihre "normale" Rolle durch. Nur bei
einer Gelegenheit ist sie in Gefahr, sich zu verraten. Als Möbius sich zur
Begründung seines Mordes an Schwester Monika auf den König Salomo
beruft, reagiert sie eigenartig: "Der König Salomo . . ." Sie setzt sich
wieder. Schwerfällig. Bleich. Aus ihrer Reaktion kann der Leser bzw.
der Zuschauer erkennnen, daß mit ihr etwas nicht stimmt.
In der letzten Enthüllungsszene erkennt der Leser bzw. der
Zuschauer dann schockartig das eigentliche Wesen der Ärztin, was bei
Möbius Maske war: die Vision vom König Salomo. Sie erscheint als ein
fast außerirdisches Wesen, als ein weltbestimmendes Prinzip, das über
Wohl und Wehe der Menschheit bestimmen kann, als Inkarnation des Bösen.
Ihre Gegenspieler können demnach keine einzelnen Personen sein, sondern
große Gruppen oder Mächtige. Ihr eigentlicher Gegenspieler ist
deshalb nicht Möbius, sondern die Menschheit, die Welt, die sie beherrschen
will.
*.) Inspektor Richard Voß
Er verkörpert die "normale" bürgerliche
Ordnung, die durch die Verkehrung der Welt im Irrenhaus völlig
durcheinandergebracht ist. Er kann sich aber auf diese Verkehrung einstellen und
zieht sich deshalb aus seiner Verantwortung für die Gerechtigkeit
zurück: Wenn er nicht handelt, so kann er auch nicht falsch handeln, und er
braucht wegen des aufreibenden Dienstes an der Gerechtigkeit "einfach eine
Pause".
In den "21 Punkten zu den Physikern" äußert sich
Dürrenmatt zur BEDEUTUNG DES ZUFALLS Für seine Geschichte.
Außerdem enthalten sie den vielzitierten Satz Eine Geschichte ist dann
zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.
Warum die schlimmstmögliche? Zielt alles darauf hin, ruiniert zu werden und
zugrunde zu gehen? Weiter heißt es: Die schlimmstmögliche Wendung
ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein. Schon sind wir wieder
beim Zufall, dem Dürrenmatt eine starke Bedeutung beimißt, so als sei
der Mensch dem Zufall gegenüber hilflos. Je planmäßiger die
Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall treffen. Das kann
sein, wenn die Pläne nicht genügend durchdacht sind. Die Macht des
Zufalls ist keineswegs absolut und grenzenlos. Zufälle können nur
innerhalb bestimmter Umstände eintreten. Der Spielraum für
Zufälligkeiten ist begrenzt. Die Aufgabe wäre, in dem scheinbaren
Chaos der Zufälle die darin verborgene Notwendigkeit und
Gesetzmäßigkeit zu entdecken. Aber der Stückeschreiber braucht
den Zufall als Überraschungseffekt. Die Kunst des Dramatikers besteht
darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen. Der
letzte Punkt: Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der
Wirklichkeit auszusetzen., aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu
bewältigen. Der Dramatiker führt vor - die Folgerung hat der
Zuschauer selbst zu ziehen, für sich, sein Verantwortungsgefühl, seine
Aktivität oder Gleichgültigkeit. Dürrenmatts Punkt 21 steht im
Gegensatz zu Brechts didaktischer Zielsetzung. Und gegen Brecht ist dieser Punkt
wohl auch gerichtet. Dem politischen Optimismus Brechts, der, wenn auch
angeschlagen, bis zuletzt an den Sieg der Vernunft glaubte, stellt
Dürrenmatt seine durch nichts erschütternde Skepsis
entgegen.
Die Physiker von 1962 wurden ein
Welterfolg, werden, nach einem Vierteljahrhundert, immer noch viel gespielt und
sind heute aktueller denn je.
Ein Jahr nach diesem Erfolg heimste Dürrenmatt wieder eine
Niederlage ein, mit der Bearbeitung seines Hörspiels Herkules und der
Stall des Augias für die Bühne. Aber Dürrenmatt war Mode.
Nach dem Debakel mit Frank V. hatte sich Dürrenmatt drei Jahre Zeit
gelassen, um mit den Physikern zu reüssieren. Nach der Niederlage
mit Herkules dauerte es wiederum drei Jahre, bis er mit einem
Erfolgsstück herauskam: mit dem Meteor. In der Zwischenzeit
bearbeitete er viele bekannte Stücke. Schon 1953 hatte der
"Geschäftsmann Dürrenmatt" die Erzählung Aufenthalt in einer
kleinen Stadt lukrativer Angebote wegen unfertig liegengelassen; erst 1978
veröffentlichte er sie, als Fragment. Er schrieb Gedichte, philosophische
Betrachtungen und Buchbesprechungen. Er schrieb über seine
Lieblingsgedichte, über Schriftstellerei als Beruf, über
das Schicksal der Menschen und immer einmal wieder über die Schweiz.
In Mannheim hielt er anläßlich der Entgegennahme des Schiller-Preises
einen Vortrag über Schiller, der jedoch mehr von Brecht handelte. Der wahre
Klassiker war für ihn Georg Büchner. Schiller ist ihm zu
deklamatorisch, Büchner dagegen politisch engagiert, revolutionär,
"Krieg den Palästen, Friede den Hütten" schreibt er im "Hessischen
Landboten" darauf mußte er ins Exil. 1986 bekennt Dürrenmatt: "
Das historische Drama mit idealisierten Menschen, bei Schiller, interessiert
mich nicht. Ich finde Büchner den viel Genialeren."
"Der Meteor (Eine Komödie
in zwei Akten)":
Die Idee zu dieser sinistren Farce, uraufgeführt am 20. Jänner
1966, kam dem Autor zugleich mit der zu den Physikern, 1960 im
Unterengadin: An einem heißen Tag stürzt in das ärmliche Atelier
des jungen Aktmalers Nyffenschwander und seiner Auguste der Schriftsteller
Schwitter, Nobelpreisträger, bekleidet mit Schlafanzug und Pelzmantel,
beladen mit Koffern und zwei Altarkerzen, und will sterben. Im Spital, dem er
entwichen, war er schon vom Arzt für tot erklärt worden, stand dann
wieder auf, unfähig zu sterben, was ihm hier hoffentlich gelingen wird, auf
diesem Speicher, auf dem er vor 40 Jahren selbst darbte und schuftete. Hier
hofft er die ewige Ruhe zu finden, er hat das Leben durchschaut und satt. Sein
Todeswunsch aber scheint eher eine Marotte zu sein, ein makaberer Jux. Theater
auf dem Theater! In Nyffenschwanders Kanonenofen verbrennt er lustvoll seine
ungedruckten Manuskripte und Banknoten. Die sollen nicht in die Hände
seiner Erben fallen. Aber nicht Schwitter stirbt, einige seiner Besucher und
Quälgeister sterben. Schwitter findet auch an diesem versteckten Ort keine
Ruhe zum Sterben. Somit säuft er und geht mit Frau Auguste ins Bett. Die
Trauernden, die im Spital seine vermeintliche Leiche umstanden, umstehen ihn nun
hier. In den Kommentaren ist die Rede davon, daß dieser Schwitter nicht
scheintot war, sondern auferstanden ist. Für den Kritiker Friedrich Luft
war von vorhinein klar, Schwitters Herz setzte ein paar Minuten aus, und der
Arzt diagnostiziert flüchtig und falsch. Luft nimmt das Auferstehungswunder
also ernst, läßt uns aber die Freiheit, nicht daran zu glauben.
Zu Beginn des zweiten Aktes ist Schwitter wieder einmal tot. Unter
Kränzen liegt er auf Nyffenschwanders Ehebett. Einige sprechen die letzten
Worte. Und als alle gegangen sind, richtet sich Schwitter auf. Der
eifersüchtige Nyffenschwander will den Auferstandenen erschlagen. Der hat
nichts dagegen. Doch es hindert "der greise Baulöwe" Muheim ihn daran,
wirft ihn die Treppe hinunter und er bricht sich den Hals. Der zweite Tote.
Muheim wollte sich am Anblick von Schwitters Leiche ergötzen, doch der ist
lebendiger denn je. Vor 40 Jahren soll er Muheims Frau verführt haben, was
sich jetzt als Irrtum herausstellt. Versöhnung! Aber Muheim wird des Mordes
an Nyffenschwander verhaftet. Schwitter raucht und trinkt, und ihm fehlt
eigentlich nichts, außer daß er nicht sterben kann.
Zum bösen Schluß werden wir verbal ins Bordell geführt.
Schwitters Schwiegermutter unterhält nebenbei ein Bordell. Schwitter
verheiratet sich mit Olga, einer ehemaligen Prostituierten, und hatte auch sie
satt. Schließlich nimmt Olga sich das Leben. Ein Streit mit seiner
Schwiegermutter beginnt, bei dem sie nach einer Weile nicht mehr zuhört,
sie in ihrem Sessel sanft entsclafen ist. Die vierte Leiche. Die Komödie
endet mit einer ironischen Apotheose der Heilsarmee auf den wiederauferstandenen
Schwitter. Der schreit: " Wann krepiere ich denn endlich!"
Den Meteor hält Dürrenmatt für sein
persönlichstes Stück. Außerdem war diese Komödie
Dürrenmatts dritter und letzter Welterfolg.
"Die Wiedertäufer (eine
Komödie in zwei Teilen)": Es geht um ein besitzrechtliches Problem, diese
ist für die Kirchenherren das Anstößige. Und nur der alten
Privilegien willen stellen die frommen Herren dem Bischof von Münster
zwecks Belagerung und Aushungerung seiner Stadt Truppen zur Verfügung. Man
findet trockene Dialoge, in einer gestochen scharfen Sprache, kurze Sätze,
Pathos und Lyrik wurden zurückgedrängt. Das Stück gewannan
Aggressivität und Direktheit.
Nach dieser Komödie begann eine Reihe von Bearbeitungen von
Stücken auch anderer Autoren und die Publikation von Essays. Das
essayistische Schaffen wurde angeregt durch Einladungen zu Vorträgen.
Eröffnet wurde die Basler Ära Dürrenmatt/ Düggelin
am 18. September 1968 mit einer Inszenierung Düggelins der
Dürrenmattschen Bearbeitung von Shakespeares
"König Johann": Es ist Shakespeares
Bearbeitung des gleichnamigen Stücks eines Unbekannten. Es wurde aus einer
Königstragödie eine Dürrenmattsche Gangsterkomödie.
Dürrenmatts Hauptinteresse gilt der Rolle von Richard Löwenherz´
illegitimen Sohn Richard. Er ist die Stimme der Vernunft, Ratgeber König
Johanns. Damals ging es um Ländereien und ihre Bewohner. Richard,
Dürrenmatts Bastard, macht aus dem leidenden Volk ein Handlungsmotiv - und
richtet mit seiner Moral nur Unheil an. Fiasko und Chaos von Machtpolitik zu
demonstrieren, sparte der Autor nicht mit Groteskszenen. Und wie mit
Gegenständen des Alttags wird zum Beispiel mit abgeschlagenen Köpfen
und zerschmetterten Leichen hantiert. Das ist der Stil.
Die Presse war beeindruckt : aus einem schwachen Shakespeare war ein
starker Dürrenmatt geworden!
Von allen Bearbeitungen Dürrenmatts ist
"Play Strindberg" die erfolgreichste.
Strindbergs "Totentanz" von 1900 war für ihn Literatur, das heißt zu
inbrünstig, schwülstig, wortreich. Als er das Stück für
seine Inszenierung durchzuarbeiten began, merkte er also, daß die
üblichen Streiche nicht genug waren. Er verwandelte also die
Ehetragödie in eine sarkastische Komödie über eine
Ehetragödie, indem er sich über den Strindbergschen Ehekrieg auf eine
maliziöse Weise lustig macht. Er schrieb aus ironischer Überlegenheit
heraus. Er teilte das Stück wie einen Boxkampf in zwölf Runden ein.
Dialoge wurden bei den Proben auf ein Minimum reduziert - Dürrenmatt
erwartete von den Schauspielern, daß sie die Lücken durch Spiel
ausfüllen.
Zu Beginn der Spielzeit 1969/70 kam es zu Differenzen zwischen den
Direktoren in Basel. Nach längerer Krankheit sollte Dürrenmatt
ausgebootet werden. Er fühlte sich somit an die Wand gedrückt und
erklärte seinen Rücktritt.
Dann reiste er mit seiner Frau Lotti nach Amerika, um die
Ehrendoktorwürde der Temple University, Philadelphia, entgegenzunehmen.
Dann flogen sie nach Florida, Yukatan, Jamaika, Puerto Rico und nach New York.
Was sie auf dieser Reise erlebten schildert Dürrenmatt in einem kleinen
Buch: Sätze aus Amerika.
Aus den USa zurückgekehrt wurde er Mitglied des Verwaltungsrates
der Neuen Schauspiel A.G. Zürich. Er inszenierte als erstes eine
Bearbeitung von Goethes "Urfaust", wobei
die Szene mit dem Teufelspakt fehlt. Der Teufel steht plötzlich da, und der
Pakt ist bereits geschlossen. Außerdem führt er Mephisto als Leiche,
auf Faustens Seziertisch liegend ein. zum Schluß der Sektion richtet sich
der Rest der Leiche auf und stellt sich vor. Außerdem ist Faust ein Greis
und Gretchen fast noch ein Kind. Dürrenmatt nutzt jede Gelegenheit aus, uns
das Gewaltige, Satanische, Sadistische im Menschen vorzuführen. Das ist
auch der Sinn seines "Urfaust".
"Porträt eines Planeten
(Übungsstück für Schauspieler)": Szenen gehen
ineinander über, eine Stunde und 35 Minuten dauert da Spiel der Akteure in
einheitskleidern mit wechselnden Kostümteilen und Requisiten. Das Fehlen
einer durchgehenden Handlung macht dieses Lehrstück wirkungslos, es liegt
ihm "nur" eine Idee zugrunde, eine Moral, keine individuellen Einzelschicksale,
die unsere Teilnahme wecken könnten, die Menschen in eine abstrakte
Größe überfordert.
"Titus Andronicus (Eine
Komödie nach Shakespeare): Shakespeares Jugendwerk bestand aus einer
Reihung von 14 blutrünsiger Missetaten. Bei Dürrenmatt sind es 20.
Damit das Stück auf Dürrenmattsche Weise komisch wirkt, hat er
Shakespeares Widerhall auf die Greuel, die Schmerzensklagen der Opfer,
gestrichen. Nur die Fakten führt er vor.
"Der Sturz": Das Machtkollektiv
versammelt sich zu einer Sitzung. Dürrenmatt nennt keine Namen - er
kennzeichnet die Personen mit Buchstaben. Dürrenmatt seziert den Charakter
jedes einzelnen und enthüllt die Intrigen, in die er verstrickt ist. Diese
werden aus der Sicht eines harmlosen Postministers erzählt. Zu Beginn der
Sitzung kündigt A an, er möchte das Gremium auflösen, da er in
Wahrheit alleine, ohne Politbüro, herrschen will. Aber das Politbüro
kommt auf die Idee ihren Chef umzubringen, was er zuläßt. Jedoch ist
der Tod des Tyrannen sinnlos, da ein anderer an seine Stelle tritt. Am System
ändert sich nichts.
Dürrenmatt ging mehrfach auf Reisen, auf denen er Reden hielt, aus
denen er wiederum Essays entwickelte.
1968 hielt er zum Beispiel einen Vortrag über Gerechtigkeit und
Recht in der Mainzer Johann-Guttenberg-Universität.
Als 1968 die Tschechoslowakei durch Truppen der Staaten des Warschauer
Pakts besetzt un dem Prager Frühling ein Ende gemacht wurde, demonstrierte
er mit Heinrich Böll, Günter Grass, Peter Bichsel und Max frisch gegen
die Vergewaltigung eines souveränen Staates.
Als 1971 Israel den Sinai eroberte, veröffentlichte er in der
Züricher "Weltwoche" den Artikel Israels Lebensrecht.
1975 wurde er von der israelischen Regierung zu einer Vortragsreise
eingeladen. 1976 veröffentlichte er das Gedankenwerk Zusammenhänge
(ein Essay über Israel).
Am 24.Februar 1979 spricht Dürrenmatt in der Eidgenössischen
Technischen Hochschule, Zürich, anläßlich des Feier des
100.Geburtstages von Albert Einstein. im Anhang gibt er 18 Fachbücher als
Quellen an.
1972 war ihm die Direktion des Züricher Schauspielhauses angeboten
worden. Er fürchtete Intrigen, lehnte ab und arbeitete an einem neuen
Stück, dem "Mitmacher": Es handelt
von Smith, einem Boss, dessen Beruf es ist, Leute umlegen zu lassen, ohne
daß Spuren von ihnen zurückbleiben. Er findet Doc, der den
Nekrodialysator erfunden hat, der Tote ohne Überreste beseitigt. Er
verflüssigt sie und spült sie weg. Jedoch handelt es sich auch um ein
Liebesdrama. Doc und Ann lieben einander und schmieden Zukunftspläne. Ann
ist aber Boss´Geliebte! Jedoch gibt es Cop, einen Polizeichef, der dem
Leichenvernichtungsgeschäft ein Ende bereiten will. Er glaubt, daß
sich hie und da etwas Gerechtigkeit verwirklichen ließe, und berichtet dem
Publikum von seinen trostlosen Bemühungen. Er fordert Staatsdiener zum
Einschreiten auf. Aber die Staatsmacht verlangt 100% für die Duldung des
Verbrechens. Das einzige was Cop erreicht: er macht sich verdächtig,
nämlich nicht zur Staatsmafia zu gehören. Er zieht den Schluß,
daß man sich schließlich doch noch irgendwie achten können
muß. Und er hat ongeordnet, daß er in dem Keller, den Ken er nicht
liquidieren konnte, erschossen wird. Wer stirbt, macht nicht mehr
mit.
"Die Frist (Eine Komödie)":
Im November 1975 starb der spanische Diktator Franco nachdem sein Tod durch 30
Ärzte wochenlang hinausgezögert worden war. Auch Dürrenmatts
Diktator wird ohne Narkose operiert. An dessen Stelle führt nun der
Regierungschef , Exzellenz genannt, die Staatsgeschäfte und versucht die
Nachfolge für sich zu gewinnen. Nach drei Wochen Sterben ist auch das
Fernsehen nicht mehr auszuschließen. Der Sterbende wird Schauobjekt . .
.
Publikum und Presse zogen sogleich Parallele zu Francos Tod.
Losgelöst vom Schicksal Francos gewann Dürrenmatts Komödie kein
Eigenleben. Die damaligen Zeitungsberichte verursachten mehr Schauder als seine
skrurrile Frist.
1963 hatte Dürrenmatt Die Heimat im Plakat. Ein Buch für
Schweizer Kinder herausgebracht, mit Tusche und Pinsel naiv und virtuos
hingeworfene beschriftete Karikaturen. 1978 kam der Großband Bilder und
Erzählungen heraus.
Außerdem hat er auch einige seiner Stücke und Hörspiele
bildnerisch ausgestaltet.
Kurz und bündig: Friedrich Dürrenmatt nimmt sein bildnerisches
Werk sehr ernst - dilettant oder nicht!
"Soffe I-III": Er besteht nur
noch aus Kopf und Rumpf. Er lebt von Suppen aus Konservendosen, seine linke
Armprothese läuft in eine Maschinenpistole aus, die ihm aber nichts mehr
nützt, es gibt weder Freund noch Feind. Vergebens versucht er, die Waffe
abzustreifen. Mit einem stählernen Griffel ritzt er die Geschichte des
Dritten Weltkriegs in die Höhlenwände - manche unlesbar. Die, die
lesbar sind, die meisten, sind Erzählungen Der Winterkrieg in Tibet:
Beginn, Verlauf und Ende des Drittens Weltkriegs. Der verstümmelte
Söldner ist ein schweizer Philosophiestudent, aber vor seiner Promotion
brach der Dritte Weltkrieg aus. Er ist der junge Mann der Geschichte Die
Stadt(1947) und Aus den Papieren eines Wärters(1952). Der
Winterkrieg in Tibet ist Nummer I und zugleich das Haupstück des Buchs
Stoffe I-III, das 1981 erschien.
Im Jänner 1983 starb seine Frau Lotti. Der Verlust traf ihn schwer.
Er stürzte sich in die Arbeit und
"Achterloo (Eine Komödie in zwei
Akten)" sollte die Summe aller seiner bisherigen Theaterarbeit werden. Das
Stück spielt in einem Irrenhaus namens Achterloo, wo die Insassen als
Rollentherapie ein Spektakel improvisieren. Aber das erfährt der Zuschauer
erst am Schluß, wenn sich zwei Mitwirkende als Ärzte vorstellen. Es
geht um die Gefahr des Einmarschierens der Roten Armee in Polen
anläßlich des drohenden Generalstreiks der Freien Gewerkschaften und
um das Risiko der militärischen Invasion der USA, kurz um den
möglichen Beginn des Dritten Weltkriegs.
Charlotte Kerr, eine Schauspielerin, war später Filmjournalistin
geworden, lernte Dürrenmatt kennen und schließlich heirateten beide
im April 1983. Sie machte anschließend in zwei Jahren einen Film über
Dürrenmatt.
Anfang der achziger Jahre stelte Dürrenmatt den Roman
"Justiz" fertig: Kantonsrat Kohler
erschießt "en passant" den Rektor der Züricher Universität
Winter in einem vollbesetzten Restaurant beim Abendessen. Kohler läßt
sich ohne Widerstand festnehmen und zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilen. Grund
für den Mord ist, daß er getötet hat, um zu beobachten,
gemordet, um die Gesetze zu untersuchen, die der menschlichen Gesellschaft
zugrunde liegen. Und er gibt aus dem Zuchthaus heraus, dem prominenten
Soziologen Knulpe den Auftrag zu untersuchen, welche Auswirkungen sein Mord in
der Gesellschaft hat. Im zweiten Teil erkent der Anwalt, in eine Falle gelockt
worden zu sein. Kohler will Freispruch und Revision - und erreicht beides. Das
letzte Drittel mußte nach einem Vierteljahrhundert hinzugefügt
werden. Der Anwalt spürt nun jenen Personen nach.
Einer seiner jüngsten Texte, die "Ballade
Minotaurus" , geht auf einen Stoff zurück, der ihn seit
seiner Jugend beschäftigte, das Leben und Sterben dieses Ungeheuers aus
Menschenleib und Stierkopf. Minotaurus, der einzelne, fühlt sich nicht
allein. Er tanzt vor Freude, aber er ist immer nur er selbst, den er in
tausendfachen Spiegelungen sieht. Eine Frau, die ihm geopfert wird, ist sein
erster wirklicher Kontakt mit einem anderen Menschen, er erdrückt sie
ungewollt, aus Liebe. Die Bestie zu besiegen setzt sich Theseus einen
Stierschädel auf und täuscht Minotaurus vor, sein Freund zu sein. Der
vertraut seinem Mörder . . .
1986 machte er eine Reise nach Sizilien zur Entgegennahme des Premio
Letterario Internationale Mondello für "Justiz".
Am 10.Oktober 1986 bekam er den Georg-Büchner-Preis der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung.
Im Februar 1987 reiste er nach Moskau zum Friedensforum "Für eine
atomfreie Welt, für das Überleben der Menschheit".
Im März 1987 bekam er den Internationalen Preis für Humor und
Satire in der Literatur "Hitar Petar".
Am 15. 10. 1988 bekam er den Preis "Prix Alexei Tolstoi" für das
Gesamtwerk von "Achterloo IV".
"Moral hat nichts mit Schriftstellerei zu tun, sondern mit
persönlichem Lebensstil. Nein, ich glaube, ich bin Diagnostiker eigentlich
mehr aus Neugierde über den Menschen, weil der für mich das
interessante Wesen in unserem Kosmos ist. Rein wissenschaftlich bin ich
Diagnostiker dem Menschen gegenüber."
"Ich will eigentlich nicht provozieren. Ich möchte
Aufmerksamkeit erwecken - ich glaube, daß man heute mit einem Stück
sagen wir mal gewisse Warnungen, gewisse Zeichen geben kann, aber nicht
daß ich das in der Hoffnung mache, daß sich dann die Menschen
ändern."
"Glauben hat ganz viel mit Phantasie zu tun. Und Glauben an Gott? Was
ist Gott? Das ist nun so etwas Nebelhaftes. Wenn man sich mit der Natur
beschäftigt, wenn man also weiß, wie das Universum ist - da sich
einen persönlichen Gott vorzustellen, das ist eigentlich unmöglich
heute geworden. Ich kann mir das nicht mehr vorstellen. Für mich gibt es
eigentlich keinen einzigen Grund, keinen logischen Grund, einen Gott anzunehmen.
Gott kann nicht bewiesen werden. Bis jetzt habe ich keinen Gott gefunden, der
mir einleuchtet."
"Für mich ist das Nichts-mehr sein (nach dem Tode)
überhaupt keine schreckliche Vorstellung. Warum soll man sein? Also wenn
man nichts mehr ist, ist man eben nichts mehr!"
Das Abenteuerliche und das Absurde des menschlichen Geistes und in der
Gesellschaft mischen sich in seiner Einsicht und in seinem Gelächter
über den Weltzustand.
FRIEDRICH DÜRRENMATT STARB AM 14.DEZEMBER 1990 IN NEUCHÂTEL.
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