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Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Der ab
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Referat von
Ronny Bubke
Der abenteuerliche
Simplicissimus
von
Hans Jacob Christoffel
von Grimmelshausen
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsangabe,
- Literaturhistorische
Einordnung,
- Romantypologische Einordnung,
- Narrensatire
5. Gesellschaftskritik und Utopievorstellungen
6. Die Weltsicht des Romans,
- Die Wandelbarkeit und Vergänglichkeit alles
Irdischen
8. Religiöse Wurzeln von Grimmelshausens
Weltsicht
9. Die Persönlichkeit des Romanhelden
1. Inhaltsangabe
Der Roman “Der abenteuerliche Simplicissimus” von H. J. Ch. v.
Grimmelshausen beginnt mit einer Betrachtung des Autors über die
grassierende Geltungssucht der Glücksritter und Emporkömmlinge, die in
den Wirren der Zeit nach oben gespült wurden.
Mit dem eifrigen Geplänkel auf seiner Sackpfeife lockte der Knabe
einen Trupp von Reutern an. Diese ergriffen den Jungen und
schleppten ihn zu dem Gut seines Vaters, wo sie das Vieh schlachteten und die
Leute quälten. Auf der Flucht vor den Reutern trifft er im Wald einen alten
Einsiedler, der ihm Unterkunft und zu essen gab. Der Einsiedler beschloß
den ungebildeten Jungen zum Christenmenschen zu machen und ihn noch allerhand
anderer Dinge beizubringen. Da der Junge noch keinen Namen hatte, nannte ihn der
Einsiedler ab sofort “Simplicius”. Nach zwei Jahren starb der
Einsiedler. Dieser Schicksalsschlag führte dazu das Simplicius noch einige
Zeit im Wald blieb, dann aber durch die Winterkälte sich entschließt
zum dorfansässigen Pfarrer zu ziehen. Als er im Dorf ankommt ist dies von
einem Trupp Marodeure schon in Schutt und Asche gelegt. Nachdem die Angreifer
von einem aus dem Wald herausstürmenden Trupp von Bauern wieder verjagt
werden, entschließt sich Simplicius wieder in den Wald
zurückzukehren. Nachdem er das Hemd angezogen und die Kette des toten
Einsiedlers angelegt hat, wird er zwei Tage darauf wieder von einer Bande von
Musketieren überfallen. Wegen seiner jungen Gestalt haben die Soldaten
Mitleid mit ihm und lassen sich zum Dorf führen. Danach reiste Simplicius
nach Gelnhausen und dann nach Hanau. Wegen seines ungepflegten Aussehens wurde
er für ein Spion gehalten und verhaftet. Der Gouverneur, des Einsiedlers
Freund, machte ihn zu seinen Pagen. Durch Unwissenheit verlor er die Gunst des
Gouverneurs und wurde in einen Gänsestall gesperrt. Als sich hoher Besuch
ankündigte, wurde Simplicius in eine Uniform gesteckt und mußte zum
Schein den Namen Simplicius Simplicissimus annehmen.
Um Simplicissimus seines Verstandes zu berauben und ihn zum Narren zu
machen, hatte sich der Gouverneur ein übles Gaukelspiel ausgedacht. Simplex
wurde mit einem Kalbsfell und einer Kappe mit Eselsohren gekleidet. Durch
geschicktes Mitspielen und Zureden des Pfarrers ließ sich der Gouverneur
erweichen und Simplicius mangelte es an nichts, wenn er auch weiterhin das
Kalbsfell tragen mußte. Als Simples vor der Festung mit anderen Knaben auf
dem Eis spielte, wurde er und die anderen Kinder von Kroaten nach Stift Hersfeld
entführt. Von dort flieht er aber nach kurzer Zeit und fällt zwei
Räubern in die Hände, die aber bald die Angst packt und fliehen. Er
blieb den Sommer über im Wald und wie der Proviant aufgebraucht war
ernährte er sich vom stehlen. Einige Fouragiere fanden ihn und führten
ihn nach Magdeburg zu dem kaiserlichen Heer, wo er Junker wurde. Dort versprach
ihm sein Hofmeister wieder aus den Narrenkleidern herauszukommen. Mit dem Sohn
des Hofmeisters schloß Simplex eine herzliche Freundschaft. Durch den
Verdacht der Spionage und Hexerei wurde Simplicius verhaftet. Bald wurde er aber
von schwedischen Truppen befreit. Dort hielt er es aber nicht lange aus und
wurde Nachfolger des gestorbenen Dragoners. Voller Übermut weigerte er sich
Stallbursche von Kommandanten von Soest zu werden. Er wurde ein berühmter
Soldat, der von den Leuten sehr gefürchtet wurde. Mit neuer Kleidung trat
er als Jäger von Soest auf. Als erfolgreicher Dieb erfuhr er bald von einem
Nachahmer, welchen er bald zum Duell herausforderte und vertrieb.
Simplicius´ Leben war eine ununterbrochene Kette waghalsiger
Unternehmungen, bei denen er immer unverfrorener und reicher wurde. Bei einem
Wirtshausbesuch kam es zu einem Duell zwischen Simplicius und einigen Soldaten,
den er für sich behaupten konnte. Da Duelle im kaiserlichen Heer verboten
sind, wurde er verhaftet aber nicht verurteilt, da er dem Kaiser eine Kriegslist
vorschlägt, die zum Erfolg führt. Bei einem Streifzug durch das
Bergische Land wurde Simplicius von schwedischen Soldaten gefangen. Durch sein
starken Drang zu Frauen, muß er die Tochter vom Oberstleutnant heiraten.
Simplicius reiste als Begleiter zweier junger Adliger nach Paris, wo er die
Hauptrolle an der Orpheus-Oper übernahm. Dies brachte ihm viel Lob und
einen neuen Namen Beau Alman ein. Eines Tages bekam er von einer wohl
proportionierten Dame eine Einladung in ihr Bett. Nach achttägigem
Liebesabenteuer wurde er zu seinem Kostherrn zurückgebracht. Nach Abreise
von Paris erkrankte er an den Blattern, die sein Äußeres und Stimme
total entstellen. Als er im Fieber liegt wird ihm sein Vermögen gestohlen.
Als Quacksalber verkauft er nichts nützende Mixturen und kommt wieder zu
Geld. So kam er bis nach Lothringen, wo er wieder aufgegriffen und zum Dienst
als Musketier gezwungen wird. Durch seinen Freund den Herzbruder kommt er frei
und wird so etwas ähnliches wie ein braver Soldat. Dennoch hat er kein
Glück. Nachdem er sein Pferd eingebüßt hat, fällt er unter
die “Merodebrüder”. Am Tag vor der Wittenweirer Schlacht nehmen
ihn die Weimarischen gefangen und stecken ihn in ein Regiment. Nach der
Freilassung trifft er im Kampf seinen alten Freund Oliver, der Simplex mit in
seine Räuberhöhle nahm. Zusammen überfielen sie eine Kutsche,
wobei Oliver getötet wurde. Auf der Flucht beantragt er einen neuen Pass
und trifft in einer Kneipe Herzbruder wieder, der total zerzaust und
kränklich ist. Mit dem geerbten Geld von Oliver kuriert er Herzbruder und
kleidet ihn neu ein. Simplicissimus überzeugt Herzbruder mit in die Schweiz
zu kommen, wo er in Einsiedeln die Beichte ablegt. Vierzehn Tage blieben beide
dort, dann begaben sie sich nach Baden, um zu überwintern. Bald reisten die
Beiden nach Wien, wo Simplicius ein Regiment übernahm. Herzbruder wurde
bald zu Krüppel und Simplex kam mit einer Verletzung davon. Simplex will
seine Frau wiedersehen, und er macht sich auf den Weg nach Lippstadt. Hier
erfuhr er, daß sein Schwiegervater und seine Frau tot waren. Unerkannt
kehrt er ins Heilbad zurück, wobei er Unterwegs ausgeraubt wird. Inzwischen
verschlechterte sich Herzbruders Zustand so sehr, daß er bald starb. Nach
langer Trauer lernt Simplex ein schönes Bauernmädchen kennen, die ihn
aber nur wegen seines Vermögens heiratet. Beim spazieren gehen trifft
Simplex seinen alten Knän wieder. Im Halbrausch verkündet der alte die
wahre Herkunft von Simplicissimus. Um sicher zu gehen fragt er die Mutter auch
noch aus. Er erfuhr von seiner adligen Herkunft und seiner Mutter die nach der
Geburt bald gestorben ist. Bald darauf ritt Simplicius mit seinem Knän in
den Spessart, um sich Urkunden über seine Herkunft zu beschaffen. Nachdem
sich seine Frau tot gesoffen hat, schenkte er den Hof seinen Eltern. Im Heilbad
erfährt Simplex von einem mysteriösen See, den er dann auch bald
inspiziert. Nach einem Unter-wasserabenteuer, bekommt er einen Stein geschenkt,
der an beliebiger Stelle auf den Erdboden gelegt, einen Sauerbrunnen von
großer Heilkraft entspringen läßt. Danach kehrt er auf den
Bauernhof zurück und führt ein zurückgezogenes Leben. Im Herbst
zogen die Truppen verschiedener Länder in dieses Gebiet. Simplex ließ
sich vom Oberst betrügen, der sich in den Wintermonaten dort einquartiert
hat und nach Moskau locken. Dort angekommen versuchte er immer wieder zu
entkommen, aber der Zar wollte einen so fähigen Mann, in der Kunst der
Pulverherstellung, nicht gehen lassen. An der Spitze des russischen Heeres
stürmt er gegen den Feind, und die Reußen folgten seinem herorischen
Exempel. Die Tataren wurden in die Flucht geschlagen. Nachdem der zur
Pulverherstellung nach Astrachan geschickt wird, fällt er den Tataren in
die Hände, die Simplex dem König von Korea schenken.Weil er ihm einige
Schießkunststücke lehrt, erhält er seine Freiheit und kehrt
über Japan, Macao, Ägypten, Konstantinopel und Rom wieder nach Hause
zurück. In den drei Jahren erlebte er so einige Abenteuer und zog nunmehr
die Bilanz seines bisherigen Lebens und verbringt den Rest seines Lebens als
Einsiedler.
- Literaturhistorische
Einordnung
Mit dem Begriff “Barockliteratur” bezeichnet man die Literatur
des 17. Jahrhunderts, einer Zeitspanne, die nur sieben friedliche Jahre kannte,
und die von Grauen und den Zerstörungen des Dreißigjährigen
Krieges geprägt war. Es ist und bleibt ein erstaunliches Phänomen,
daß nach den ungeheuren materiellen und moralischen Verwüstungen, die
diese nationale Katastrophe in Deutschland angerichtet hatte, die Literatur
überleben und sich so reich entwickeln konnte.
Der Begriff “Barockliteratur” entstand in der Zeit der
Aufklärung. Damit verbunden war eine gewisse Herablassung gegenüber
dieser Gestesepoche, von welcher deren bedeutendsten Errungenschaften, die
Erzeugnisse der Baukunst, nicht ausgenommen wurden.
Die deutschen Dichter des 17. Jahrhunderts standen in der Folge einer sich
durch die Renaissance geistig vom Mittelalter befreienden Epoche. Den meisten
blieb jedoch, weil sie allzu gelehrt und fast ausschließlich didaktisch
intentioniert waren, eine breite Wirkung versagt. Ihr Werk sollte dem
auferbaulichen Nutz des Lesers dienen. Die Schriftsteller des Barockzeitalters
erwarten von ihren Lesern nicht, daß sie ihre Bücher zu Unterhaltung
lesen, sondern wegen ihres sittlich-religiösen Inhaltes. Und nicht etwa die
reinigende Katharsis durch die Erschütterung des Gemüts, sondern die
rationale Einsicht in das Wesen von Gut und Böse war ihre Absicht.
Unterhaltung ist im 17. Jahrhundert nur erlaubt, wenn man zuletzt einen Nutzen
aus ihr zieht.
Ein Kennzeichen der Barockliteratur ist ihr Reichtum an Metaphern,
allegorischen Anspielungen und emblematischen Verschlüsselungen. Nur wer
klassisch gebildet war, konnte damit seine Dichtung verzieren, und klassische
Bildung war die Voraussetzung zu ihrem Verständnis.
- Romantypologische Einordnung
Fast alle bedeutenden Dichter des Barock waren mehr oder weniger der
höfischen Welt verbunden. Als Gelehrte, Staatsbeamte oder Pastoren waren
sie von höfischen Kreisen abhängig. Ihre Aussage blieb fast immer
abstrakt-moralisierend.
Es bildeten sich auch im barocken Roman zwei Typen heraus: der
“höfisch Roman” und der “niedere Roman”. Der
höfische Roman orientiert sich an der Romanstruktur Heliodors
(unvermittelter Anfang, allmähliche, die Romangegenwart beeinflussende
Aufhellung der Vorgeschichte, Begrenzung der Handlungsdauer), bezieht sich auf
eine bestimmte historische Dimension, ist in einem exklusiven gesellschaftlichen
Milieu angesiedelt und auf moralische oder religiöse Wirkungen
berechnet.
Der niedere Roman, auch Schelmenroman genannt, hatte sein Vorbild im
spanischen Pikaro-Roman “La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas
y adversidades”. Aus der Perspektive eines Ich-Erzählers wird eine
lange Kette von Abenteuern ausgebreitet, die der Romanheld, ein Vagabund von
gerissener und spitzbübischer Schläue, allen Widrigkeiten zum Trotz
besteht. Er ist Betrüger und Betrogener in einer Person, moralisches
Handeln ist ihm fremd. Listenreich weiß er sich in der Welt der
Großen zu behaupten.
Volker Meid sieht in dieser Typisierung eine Gefahr, da mit der
Gegenüberstellung fest umrissener Idealtypen die “ individuellen
Physiognomien der Werke verlorengehen und sich dadurch die Annahme einer
weitgehenden Uniformität der Barockliteratur festsetzt. Trotzdem haben
diese Typologien angesichts der zu ordnenden Stoffmassen einen gewissen Sinn,
denn es lassen sich in der Tat grundsätzliche Unterschiede zwischen hohen
und niederen Romanen des 17. Jahrhunderts erkennen, die sich u. a. aus den
dargestellten Weltausschnitten und der sozialen Stellung der Romanfiguren, aus
Romanstruktur und Stil ergeben. Die Betonung der Gegensätze zwischen hohem
und niederem Roman sollte aber nicht dazu führen, den einzelnen Romanen
einen eigenen Charakter abzusprechen, die Existenz von Mischformen, die sich
einer derart schematischen Gegenüberstellung entziehen, zu übergehen
und vor allem die historische Entwicklung und Differenzierung innerhalb der
verschiedenen Gattungen zu
übersehen”.[1]
Vor allem hat die Einordnung in den Typus “hoher” oder
“niederer Roman” nichts mit dessen literarischer Qualität zu
tun, wie bei der Betrachtung von Grimmelshausens “Simplicissimus”
deutlich wird. Grimmelhausen sah sich selbst in der Tradition des niederen
Romans. Aus dem Versuch, belehrend-moralisierend zu wirken und zugleich in einer
satirisch-realistischen Erzählweise mit hoher Breitenwirkung die
herrschenden Verhältnisse kritisch zu beleuchten, erklären sich die
Widersprüche des Werkes, die bereits in der nachgeholten Vorrede zum
Ausdruck kommen: “ Wann ihm jemand einbildet, ich erzähle nur darum
meinen Lebenslauf, damit ich einem und anderem die Zeit kürzen oder, wie
Schalksnarren und Possenreißer zu tun pflegen, die Leut zum Lachen bewegen
möchte, so findet sich derselbe weit betrogen! Dann viel Lachen ist mir
selbst ein Ekel, und wer die edle, ohnwiderbringliche Zeit vergeblich
hinstreichen läßt, der verschwendet diejenige göttliche Gabe
ohnnützlich, die uns verliehen wird, unserer Seelen Heil in und vermittelst
derselben zu würken. Dass ich aber zuzeiten etwas possierlich aufziehe,
geschiehet der Zärtling halber, die keine heilsamen Pillulen können
verschlucken, sie seien zuvor überuckert und vergüldt, geschweige,
dass auch etwan die allergravitätischte Männer, wann sie lauter
ernstliche Schriften lesen sollen, das Buch ehender hinwegzulegen pflegen als
ein anders, das bei ihnen bisweilen ein kleines Lächeln
herauspresset.[2]
- Narrensatire
Die Taktik, Lehren in ein humorvolles Gewand zu kleiden, seit jeher in der
Fabeldichtung gängig, war in der Barockliteratur weit verbreitet. Bereits
das Titelkupfer des “Simplicissimus Teutsch” zeigt die satirischen
Absichten des Verfassers an. Der Satyr, ein Mischwesen zwischen Mensch und
Tieren unterschiedlichster Gattungen, hält ein Buch und zeigt mit der Hand
die Geste des “Hörneraufsetzens” während er mit den
Füßen einige auf dem Boden liegende Masken zertritt. Schon im 1.
Kapitel des “Simplicissimus”, bei der Beschreibung des Hofes seines
Knan, schlägt der Ich-Erzähler einen satirischen Grundton an. Seine
Ernennung zum Hirten und die erste Unterredung mit dem Einsiedler beziehen ihre
Wirkung aus dem “komischen bereits im Perceval des Chrestien de Troyes (um
1175). Der junge Perceval hört im Wald Waffenlärm und meint, der
Teufel sei im Anmarsch. Als er einer Schar von Rittern begegnet, hält er
sie für Engel und betet einen von ihnen an. Das komische Missverstehen
taucht später in Mozarts “Zauberflöte” in der Begegnung
Papagenos mit den Mohren wieder auf. Als Simplicius im zweiten Buch in ein
Kalbsfell gesteckt wird, beginnt die eigentliche Narrensatire. Er sagt der
Hanauer Gesellschaft die Wahrheit. Als weisem Narren ist ihm gestattet, alle
Torheiten zu bereden und alle Eitelkeiten zu strafen, wozu sich dann mein
damaliger Stand trefflich schickte. Der reine, naive Tor verwandelte sich fast
unversehens in einen durchtriebenen Schelm, der die Welt und ihre Mängel
durchschaut.
- Gesellschaftskritik und
Utopievorstellungen
Der junge Simplicius wird vom Einsiedler aus einer “Bestia” zum
Christenmenschen erzogen. Die religiösen Lehren erfährt er in
abstrakter Form, als reine Heilslehre. Bereits seine ersten Welterfahrungen
lehren ihn die Diskrepanz zwischen göttlicher Theorie und teuflischer
Praxis. Der himmlischen Ordnung, in der das Gute regiert, steht die Welt als
Stätte des bösen Schwein, grimmiger als Löwen, geiler als
Böck seien. Die Vision einer Gegenwelt entwirft der selbsternannte,
närrische Jupiter. Hier herrscht ein starker Mann, der “teutsche
Held”, und schafft ein Reich des Friedens und des Wohlstandes,
paradiesische Zustände für eine Generation, welche die Schrecken des
Dreißigjährigen Krieges erfahren hatte. In die Welt der Utopien
gehört auch das Reich der “ungarischen” Wiedertäufer (die
in Wahrheit aus Böhmen stammten und vor der papistischen Verfolgung nach
Ungarn entwichen waren). Hier herrscht Gütergemeinschaft und allgemeiner
Zwang zu nützlicher Arbeit, hier gibt es keine Not, und menschliches
Handeln wird ausschließlich von der Vernunft geleitet.
Eine ebenso vernünftige Gesellschaftsordnung herrscht im Geisterreich
des Mummelsees, wo sich Geist und Macht in der Person eines milden Herrschers
vereinigt haben. Als Simplicius in die Schweiz kam und sah, wie die Menschen
friedlich und in Wohlstand lebten, sah er seine Vorstellungen von paradiesischen
Zuständen verwirklicht.
Möglicherweise klingen in den gesellschaftlichen Passagen des Romans
noch Überlieferungen Ulrich von Huttens und Thomas Müntzers nach. Im
Narrenkleid sagt Simplicius an der Tafel des Gouverneurs: ... was ist das vor
ein Adel, der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und
zuwege gebracht worden.[3] Neben der
bösen, verderbten Welt, in der Simplicius sich zu behaupten hat, Simplicius
zitiert im Kalbsgewand den “heiligen Mann”, welcher davor hielte,
die gantze weite Welt sei ihm Buchs genug, die Wunder seines Schöpfers
zu betrachten, und die göttliche Allmacht daraus zu
erkennen.[4] Dieser Vergleich der
Welt mit einem Buch widerspricht der Vorstellung von der Welt als Reich des
Bösen. Werner Welzig verweist darauf, daß die Einsiedler Paulus und
Antonius, deren Leben Grimmelshausen bekannt war, die Welt mit einem Buch
verglichen. [5]
- Die Weltsicht des Romans
Im Simplicissimus stehen sich zwei Welten gegenüber: die Welt, in der
sich das Alltagsleben der “normalen” Menschen abspielt, die zugleich
Gottes Schöpfung und Stätte des Bösen mitsamt allen erdenklichen
Lastern ist, in der Mord und Totschlag, Marter, Raub Völlerei, Hurerei,
Korruption, Ehrabschneiderei, Lüge und Verrat zu Hause sind, und eine
“weltabgekehrte” Gegenwelt, in der der Einsiedler ein
entsagungsvolles, gottgegefälliges Leben führt, ausgefüllt mit
Arbeit und religiöser Meditation.
- Die Wandelbarkeit und Vergänglichkeit alles
Irdischen
Am Ende der Jupiterepisode spricht der Romanheld seine Grunderfahrung aus,
die er bei seinen vielfältigen Abenteuern in unserer irdischen Welt machen
mußte: Also wurde ich bei Zeiten gewahr, daß nichts
beständigers in der Welt ist, als die Unbeständigkeit selbsten.
Ein Symbol der Unbeständigkeit ist die allegorische Figur des
Baldanders. Sie kommt bereits in dem sich selbst erklärenden Namen –
bald anders – zum Ausdruck. Der Vergleich mit Proteus bestätigt
diesen Charakterzug. Der Meeresgott besaß nach der griechischen Sage die
Fähigkeit, jederzeit seine Gestalt zu ändern und sich in ein Tier,
einen Baum oder in Wasser zu verwandeln.
Auch der Mond in Baldanders Wappen ist ein Zeichen der Wandelbarkeit.
Unendlich wandlungsfähig ist jedoch nicht nur er selbst. Er behauptet auch,
über die Kraft zu verfügen, beliebige Menschen, so unser Simplicius,
... in Summa bald so und bald anders zumachen. Diese Figur ist eine
Verkörperung der Hypothese, daß Unbeständigkeit Allein
beständig sei, wie es in den Eingangsstrophen der Continuatio
heißt.
Simplicius erfährt am eigenen Leib, daß nichts auf der Welt von
Dauer ist, denn weder Glück noch Erfolg bleiben ihm treu. Kaum hat er sich
durch List oder Gewalt ein Vermögen erworben, steht er wieder mit leeren
Händen da.
8. Religiöse Wurzeln von Grimmelshausens
Weltsicht
Der Weltbegriff, wie er in der Barockdichtung verstanden wird, hat seinen
theologische Ursprung bei Paulus und Johannes und kam über die
Kirchväter (Augustinus, Ambrosius und Hieronymus) in das christliche
Weltverständnis. Welt werden bei diesen Kirchvätern die
Ungläubigen und Gotteslästerer genannt. Welt ist hier nicht –
und das ist wesentlich festzuhalten – das gesamte Leben und die irdische
Welt als solche ... . So sehen wir, wie in der Mystik, vor allem aber in der
spätmittelalterlichen Epik und Didaktik die Klage übe die Verderbnis
der Welt das Leben schlechthin meint ... . In der großen Vinzenz von
Beauvais, einem am Hof Ludwigs des Heiligen von Frankreich tätigen
Dominikaner, zugeschriebenen Moralenzyclopädie ... wird ausgehend von Joh.
2 die Weltverachtung als notwendige Haltung jedes Christen gefordert, ohne
daß “Welt” dabei auf eine bestimmte Form des Daseins begrenzt
würde. Die Welt als solche schon ist trügerisch, und wer ihr vertraut,
dem gibt sie keinen Halt, sonder den enttäuscht sie und bringt ihn, ohne
daß er es merkt, zu Fall.[6]
Am Ende des fünften Buches zitiert Simplicius aus den Schriften
Antonio Guevaras, des Hofpredigers Karls V., der sich allerdings nicht an die
Welt insgesamt, sondern nur an die Welt des kaiserlichen Hofes wendet: ...
Behüt dich Gott, o Welt! Dann obwohl der Leib bei dir ein Zeitlang in der
Erden liegen bleibt und verfaulet, so wird er doch am Jüngsten Tag wieder
aufstehen und nach dem letzten Urteil mit der Seel ein ewiger Höllenbrand
sein müssen. Alsdann wird die arme Seel sagen: Verflucht seist du, Wett!
Weil ich durch dein Anstiften Gottes und meiner selbst vergessen und dir in
aller Uppigkeit, Bosheit, Sünd und Schand die Tage meines Lebens gefolgt
hab! Verflucht sei die Stund, in deren mich Gott erschuff! Verflucht sie der
Tag, darin ich in dir, o arge böse Welt geborn bin! O ihr Berg, Hügel
und Felsen, fallet auf mich vor dem grimmigen Zorn des Lamms, vor dem Angesicht
dessen, de auf dem Stuhl sitzet! Ach wehe und aber wehe in Ewigkeit! Die
Worte Guevaras bewogen Simplicius, dem Vorbild Kaiser Karls V., der im Alter von
56 Jahren abdankte und den Rest seiner Tage als Einsiedler im Kloster San Yuste
(Spanien) verbrachte, zu folgen und in die Wildnis zu ziehen.
Das Leben des Heiligen, die er aus alten Legenden kannte, faszinierte
Grimmelshausen. Das Leitbild des geradlinigen, tapferen und von Gott
erfüllten Menschen ist de Maßstab, den er an menschliches Denken und
Handeln anlegt.
Am Anfang und am Ende des Romans steht die Einsiedelei, die Abkehr von der
Welt. Das Vorbild und die Lehrern des Einsiedlers prägen, wenn auch nicht
auf Dauer, den jungen Simplicius, und am Ende des fünften Buches
heißt es, daß er die Welt verließe und wieder ein
Einsiedel ward. Doch auch in den Jahren seines abenteuerlich-wüsten
Treibens in der Welt, welche die mittleren Bücher füllen und von den
Einsiedlerszenen eingerahmt werden, erinnert er sich im Stadium
äußerster Zerknirschung an die frommen Lehren seines Freundes und
Vaters: Darbey fieng ich an, nach und nach mit Fressen und Saufen ein
Epicurisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedlers Leben vergessen,
und niemand hatte, der meine Jugend regierte, oder auf den ich sehen
dorffte.
Den Brief den der Einsiedler hinterließ, beweißt, daß e
ihn weniger auf die einsiedlerische Lebensform als auf christliche Lebenshaltung
ankam. Es gibt auch skeptische Passagen im Roman, die jedoch nicht aus ihrem
jeweiligen Textzusammenhang herausgelöst und als Meinung des Dichters
angesehen werden dürfen. So kritisiert der Pfarrer den Einsiedler
´Simplicius´ Vater, mit den Worten, daß er durch Lesung
vieler Papistischer Bücher von dem Leben der Alten Eremiten, hierzu
verleitet worden sei. Im 1. Kapitel der Continuatio stellt Simplicius
ironisch fest, daß die Einsiedelei vielleicht doch nicht das Rechte sei:
sie verführe zum Müßiggang, und damit diene er weder Gott noch
den Menschen. Und er fragt sich, ob er nicht ein totes Glied der menschlichen
Gesellschaft sei. Nicht aus freiem Entschluß, sondern erzwungen durch den
Schiffbruch, nimmt er scheinbar endgültig das Leben eines Einsiedlers auf
und weist das Angebot des holländischen Kapitäns, nach Europa
zurückzukehren, mit den Worten zurück: Mein Gott! Wollt Ihr mich
zeichen? Hier ist Fried, fort ist Krieg; hier weiß ich nichts von
Hoffahrt, vom Geiz, vom Zorn, vom Neid, vom Eifer, von Falschheit, von Betrug,
von allerhand Sorgen ... Und was das allerärgste, ist dieses, daß
keine Besserung zu hoffen, indem jeder vermeinet, wann er nur zu acht Tag,
wann´s wohl gerät, versöhne, er habe es als ein frommer Christ
nit allein alles ausgerichtet, sondern Gott seie ihm noch darzu um solch laue
Andacht viel schuldig. ... Nein, vor solchen Beginnen wolle mich Gott
behüten.
Doch auch diese Weltabkehr war nicht endgültig für alle Zeiten.
“Springinsfedl”, der Titelheld einer der sogenanntn Simplicianischen
Schriften, begegnet dem alten Simplicius in einer westfälischen Schenke.
Abgemagert, mit einem Stelzfuß, erkennt ihn ein ehemaliger Dragoner, der
mit ihm im selben Regiment gedient hatte, an seinem Geigenspiel
wieder.
- Die Persönlichkeit des Romanhelden
Die Form der Ich-Erzählung bewirkt beim Leser den Eindruck, daß
der Autor über Selbsterlebtes berichtet. Die Geschichte erhält den
Charakter eines authentischen Berichtes, sie erhebt den Anspruch, wahr zu sein.
Im vorletzten Satz des fünften Buches schreibt der Ich-Erzähler:
... begab mich derhalben in eine andere Wildnus und fienge an mein End darin
verharren werde, stehet dahin. – Der Wechsel von der Vergangenheit zur
Zukunft kann nur bedeuten, daß des bisher Erzählte in der Einsiedelei
verfaßt wurde. Dem steht der Bericht des holländischen
Schiffskapitäns gegenüber, daß das Buch von einem hochteutschen
Mann auf der Insel wegen Papiermangels auf Palmblätter geschrieben worden
sei. Und im “Beschluß” heißt es, Verfasser sei ein
gewisser Samuel Greifnson vom Hirschfeld, der die ersten fünf Bücher
selbst in Druck gegeben habe, während Grimmelshausen Herausgeber der
Continuatio sei. Mit diesen Widersprüchen enthüllt Grimmelshausen
bewußt die Ich-Erzählung als Fiktion. In Verlauf des Romans
verändert sich wiederholt der Abstand zwischen dem erzählenden und dem
erzählten Ich, zwischen dem Ich des Autors und dem Ich des Erzählers.
Damit werden die verschiedenen Entwicklungsphasen des Ich miteinander einer Lust
am sündhaften Detail beschrieben, die fast keine Distanzierung des
Erzählers mehr erkennen lassen. So stellt er seine
“Tüchtigkeit” als Soester Jäger, seine Überfälle
und Raubzüge mit unverkennbarem Stolz dar. Den “Simplicissimus”
als Bildungs- oder Entwicklungsroman zu bezeichnen, hieße
Maßstäbe der Goethezeit in das 17. Jahrhundert zu übertragen.
Die geistige Verfassung des Knaben Simplex (lat. einfach, natürlich,
ehrlich, arglos, offen, bieder, beschränkt. Steigerungsformen: Simplicius,
Simplicissimus) wurde mit dem aristotellischen Vergleich einer “tabula
rasa” gekennzeichnet. Nur der Gestalt nach ist er ein Mensch, ansonsten
eine “Bestia”. Als er das erste Mal bei dem Einsiedler das Word
Kirche hört, versteht er Kirschen. Auf die totale geistige Unbildung folgt
eine Phase gläubiger Einfalt. Der Einsiedler lehrt ihn, fleißig zu
beten und zu arbeiten, und bringt ihm einige Grundtatsachen des Glaubens bei.
Dabei bleibt Simplex die völlige Unkenntnis der äußeren Welt
erhalten. Als er in die Welt geworfen wurde, konnte er sie nur
“seltsam” finden, vermochte sich aber nicht darin zurechtzufinden.
Das komisch wirkende Nicht-Begreifen bringt ihn in die größten
Schwierigkeiten. Durchdrungen von der Verbindlichkeit der religiösen
Gebote, versucht er immer wieder, die Welt zu verändern und zu verbessern,
und wurde deshalb als närrisch angesehen: Wann ich nun so etwas
höret, sahe und beredet, und wie meine Gewohnheit war, mit der HI. Schrift
hervor wischte, oder sonst treuhertzig abmahnete, so hielten mich die Leute vor
einen Narren.
Mit der Periode des Jägers von Soest beginnt
Simplicius´Abenteuerleben. Seine Unternehmungen sind vom Glück
begleitet. Es beginnt in Leben voller Vergnügen, und er führt das
Leben eines Mannes von Welt. Doch seine Erfolge sind nie von Dauer, und er
vergleicht die Güter, die er gewonnen hatte, mit dem Schatz eines
Alchimisten, der sich in Nichts auflöst, bevor man sich versieht.
Eine seiner negativen Eigenschaften ist die Eitelkeit, mit der er sein
Aussehen wohlgefällig zur Kenntnis nimmt, sich neu einkleidet und ein
Wappen zulegt, um als Adliger auftreten zu können.
Bemerkenswert ist der abrupte Wandel vom närrischen Einfaltspinsel zum
gewandten Weltmann, der gleichsam über Nacht und ohne erkennbare
Entwicklungsstufen verläuft.
Die nächste totale Verwandlung vollzieht sich auf der Heimreise von
Paris nach Deutschland, als er unterwegs an den Blattern erkrankt und aus einem
“Beau Alman” ein “grindiger Geduck” wird. Auch in dieser
Veränderung des äußeren Erscheinugsbildes kommt die
Unbeständigkeit irdischen Glücks zum Ausdruck.
Simplicius´ Leben ist eine unaufhörliche Wanderschaft, sie
entspricht seiner inneren Ziel- und Haltlosigkeit und entspringt der Auffssung,
daß jedes Dasein in seinem Wesen Bewegung und Wandel
sei.[7]
Quellenangabe:
Der abenteuerliche Simplicissimus, Grimmelshausen, Erste Auflage 1983,
Insel Verlag Frankfurt am Main
Lohenstein, Arminius. Vorbericht zitiert nach Welzig, Werner. Beispielhafte
Figuren, Graz-Köln 1963
Meid, Volker, Grimmelshausen, Epoche, Werk, Wirkung, München
1984
Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Prof. Dr. Hans Jürgen
Geerdts, Volk und Wissen Berlin, 1967
[1] Meid, Volker, Grimmelshausen,
München 1984, S. 67
[2] Grimmelshausen, Continuatio, 1.
Kap.
[3] Simplicissimus an der Tafel des
Gouverneurs
[4] Lohenstein, A., S. 86
[5] Lohenstein, A., S. 86
[6] Lohnstein, A., S. 80 - 81
[7] Lohenstein, A., S. 140
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