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Sozialpolitik
1. Entwicklung unseres sozialpolitischen
Systems
Im Wörterbuch wird Sozialpolitik auf folgende Art
definiert :
Sozialpolitik ist die Bezeichnung für alle
Maßnahmen, die der Sicherung und Verbesserung der Lebenslage des
einzelnen Bürgers dienen -vor allem des sozial schwachen und
schutzbedürftigen. In Deutschland ist durch sozialpolitische
Maßnahmen des Staates, der Unternehmer und Verbände ein vorbildliches
System der sozialen Sicherung entstanden, so zum Beispiel in Gestalt der
Sozialversicherung.
Im Zuge der Industrialisierung gab es im 19 Jahrhundert
erste soziale Maßnahmen um die Arbeit, insbesondere von Kindern und
Jugendlichen humaner zu gestalten. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts
setzte sich der Reichskanzler Bismark für eine Verbesserung der
Arbeitsbedingungen ein. Unter vielen wichtigen Regelungen sind das
Krankenversicherungsgesetz (1883), das
Unfallversicherungsgesetz (1884) und das Altersversicherungsgesetz (1889)
hervorzuheben. Diese soziale Politik war damals einmalig in der
Welt.
Nach dem 2.Weltkrieg hat dieses starkausgebaute System
jahrzentelang problemlos und gut funktioniert. Es bot eine bestmöglichste
Unterstützung und Förderung der sozial schwächeren. Inzwischen
wird jedoch bereits jede dritte Mark für soziale Leistungen ausgegeben. Die
Ausgaben übersteigen schon seit längerer Zeit die vorhandenen
Mittel.
2. Gefährdung des sozialen Systems
2.1 Problem der Finanzierbarkeit
Immer öfter ist die Rede von notwendigen Kürzungen
sozialer Leistungen. Die kostendämpfenden Maßnahmen im Bereich der
gesetzlichen Krankenversicherung waren ein erster Schritt im Hinblick auf die
Reduzierung sozialer Leistungen. Denn das soziale System ist mittlerweile in der
jetzigen Form nicht mehr zu bezahlen.
Bei der Suche nach Gründen weist man oft auf die durch
die Angliederung der neuen Bundesländer entstandenen Kosten hin. Dies kann
jedoch nur einer der vielen ursächlichen Faktoren sein. Einen starken
Einfluß auf die Lage des sozialen Systems hat die
Beschäftigungssituation. Die wirtschaftliche Rezession, fehlende
Aufträge und ein zurückgehender Konsum zwangen viele Firmen zu
Entlassungen. Hohe Lohnkosten hatten zur Folge, daß Firmen ihre Produktion
ins Ausland verlagerten oder durch Maschinisierung und Mechanisierung weniger
Arbeitskräfte benötigten. Damit gingen Hunderttausende von
Arbeitsplätzen verloren, Ersatzarbeitsplätze in anderen Bereichen
standen nicht zur Verfügung.
Bei einer großen Bevölkerungsgruppe findet also
ein Wechsel statt. Von der Seite derjenigen, die in das soziale System
eingezahlt haben, wechselten sie hinüber auf die Seite derjenigen, die an
das soziale System Ansprüche stellen und finanzielle Leistungen erwarten.
Gleichzeitig stiegen die Ausgaben in den letzten zwanzig Jahren auf
unvorhersehbare Weise.
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Um nur einige herausragende Beispiele zu nennen: Es
erhöhten sich
die Gesundheitsausgaben um das vierfache, die Renten um das
sechsfache, die Ausgaben für Sozialhilfe um das 14fache und die der
Arbeitslosenhilfe um das 16fache.
Laut dem Jesuitenpater Hengsbach wächst die Zahl derer
-Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Kranke, Wohnungssuchende,
alleinerziehende Frauen und kinderreiche Familien -, die vom Wohlstand
ausgeschlossen sind, stetig.
Nun ist zu überlegen, wie dieses System zu sanieren ist
und ob alle gewährten
Leistungen notwendig und sinnvoll waren oder
sind.
2.2 Zur Berechtigung gewährter sozialer
Leistungen
Experten fordern, daß alle erbrachten Leistungen des
Sozialstaates genau auf
ihre Berechtigung zu überprüfen sind. Und es wird
wahrscheinlich jedem klar
sein, daß Änderungen notwendig sind. Jedoch wo
und wie sie vorgenommen
werden sollen, darüber streiten sich Politiker und
Sachverständige.
In einer Zeit, in der es der Wirtschaft und der
Bevölkerung unseres Landes
sehr gut ging, hat man eine Vielzahl sozialer Leistungen
gewährt.
Dies ging soweit, daß in manchen Fällen eine
vierköpfige Familie, deren
männlicher Haushaltsvorstand erwerbstätig war,
kaum mehr zur Verfügung
hatte als eine vergleichbare Familie, die von der
Sozialhilfe lebte. Wenn die
erwachsenen Mitglieder dieser Familie sich nun durch
Schwarzarbeit noch
etwas hinzu verdienten, dann waren sie besser gestellt als
der normal arbei-
tende Steuerzahler.
DIHT-Präsident Stihl weist darauf hin, daß das
Nettoeinkommen eines kauf-
männischen Angestellten um das 6fache, die Sozialhilfe
aber um das 8fache
gestiegen ist. Sie beträgt 92 % des vorgenannten
Nettoeinkommens. Es
sind also Beispiele dafür zu finden, daß es sich
in manchen Fällen nicht lohnte
zu arbeiten. Jedoch darf man dies nicht auf "die
Sozialhilfeempfänger" verall-
gemeinern, und nach dem Grundsatz "Arbeit und Leistung
müssen sich wieder loh-
nen" zur Kürzung sozialer Leistungen aufzurufen, wird
auch keine Lösung sein.
Denn bei der derzeitigen Arbeitsmarktsituation finden ja
viele arbeitswillige
Menschen keinen Arbeitsplatz.
Also fordert man Umverteilung statt Sozialabbau, damit, wie
Kanzler Kohl
es formuliert, das Geld "den wirklich Bedürftigen"
zukommt.
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Genau diesen Grundsatz habe Kohl nach Meinung vieler
Experten 12 Jahre lang
verletzt. Er habe, so der Vorwurf, mit seiner Steuer- und
Sozialpolitik Bevölke-
rungsgruppen bevorteilt, die der Begünstigung nicht
bedurften.
So hat er den Einkommenssteuerspitzensatz für
Großverdiener gesenkt, die
Sozialhilfe für Bedürftige im Durchschnitt bei 504
DM eingefroren.(Stern 27/
94)
Als weiteres Beispiel für die Begünstigung
falscher Einkommensgruppen wird
ein gutverdienender Single angeführt, der beim Erwerb
einer Neubauwohnung
durch Einkommensförderung und Schuldzinsabzug
bedeutende Steuerbeträge er-
lassen bekommt. Der Industriearbeiter mit 3 Kindern und
einem sehr viel nie-
drigeren Einkommen kommt überhaut nicht in den
Genuß der staatlichen Ver-
günstigungen, da er sich den Kauf der Wohnung gar nicht
leisten kann. Er be-
kommt aber auch keinen Berechtigungsschein für eine
Sozialwohnung. Die
Miete auf dem freien Markt kann er jedoch kaum bezahlen.
Daher öffne sich - so lautet der Vorwurf - aufgrund
einer verfehlten Sozial-
politik die Schere zwischen denen, die einen hohen
Lebensstandard haben
und denen, die am Rande des Existenzminimums leben, immer
mehr.
Es ist die Gegenüberstellung Single-Industriearbeiter
jedoch ein gutes
Beispiel dafür, wie schwierig die Situation ist. Es gab
bis vor kurzem
zu wenig Wohnungen zu mieten. Von Privatleuten erstellte
Wohnungen
fehlten ebenso wie Sozialwohnungen. Dem Industriearbeiter
hätte der
Berechtigungsschein vielleicht gar nichts genützt, denn
es wäre keine
Wohnung dagewesen.
Nun beschloß die Regierung, Anreize zu schaffen, damit
Privatleute Geld
in den Wohnungsbau investieren. Man ging davon aus,
daß dann ein grös-
seres Angebot an Wohnungen geschaffen würde. Das
geschah auch.
Zuerst einmal stiegen jedoch durch die verstärkte
Nachfrage die Kosten
für die Erstellung von Neubauten. Inzwischen jedoch ist
das Angebot an
Wohnungen größer geworden. Vermieter werden ihre
Wohnungen nicht
mehr so leicht zu hohen Mietpreisen los. Die Mietpreise
gehen zurück.
So spricht der Landesvorsitzende Hessen des Verbandes
Deutscher Makler-
BZ vom 31.1.95 - auch von drastisch zurückgegangenen
Mietpreisen.
Es ist folglich gar nicht so einfach zu entscheiden, welche
Leistungen
sinnvoll sind oder waren bzw. mühelos eingespart werden
können.
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Wenn der Vermieter zuerst einmal bei der Vermietung der
erstellten Wohnung
nicht auf seine Kosten kommt, da die Mietpreise sinken, so
ist auch dies eine
Form von Umverteilung, wenn auch in bescheidenem
Maße.
Und Umverteilung wird ja nun von allen Seiten
gefordert.
2.3 Mögliche
Änderungsvorschläge
Auch den Politikern ist es klar, daß Änderungen
notwendig sind. Experten
rechnen sogar damit, daß 14 Millionen
Bundesbürger bis zum Jahr 2000
in Armut leben werden. In einem Land mit relativ gut
funktionierender
Wirtschaft wächst die Zahl derjenigen, die vom
Wohlstand ausgeschlos-
sen sind, ständig. Mögliche
Lösungsvorschläge sind jedoch sehr allge-
mein gehalten. Ob man,wie eine Gruppe um den Jesuitenpater
Hengsbach
eine neue Kultur des Teilens fordert, oder wie Kanzler Kohl
zum Umdenken
in der Gesellschaft aufruft und eisernes Sparen ansagt - ein
klares Konzept
scheint nicht in Sicht.
Lediglich der Vorschlag, das Steuer- und Sozialsystem auf
ein sogenanntes
Bürgergeld umzustellen -wer weniger als das
Existenzminimum hat, bekommt
einen Zuschuß, wer darüber liegt, muß
Steuern zahlen- verspricht Einsparun-
gen bei den Verwaltungskosten. Laut DIHT Präsident
Stihl existieren nämlich
über 100 soziale Leistungen, die bei 40 verschiedenen
Behördenstellen bear-
beitet werden.
Stihl ist einer der sehr wenigen, die sich um eine klare
Aussage bemühen. Nach
seiner Meinung gehören alle sozialen Leistungen auf den
Prüfstand, und die
Einschnitte müßten so umfassend sein, daß
jeder Bürger in irgendeiner Form
betroffen sein soll. Ferner meint er, daß man das
Moment privater Eigenver-
antwortlichkeit stärker in die gesamte
Sozialversicherung einbauen müsse.
Ganz klar hält er eine deutliche Differenz zwischen
Erwerbstätigen und den
von der Sozialhilfe lebenden Menschen für notwendig.
Dazu muß jedoch das
Problem der Massenarbeitslosigkeit gelöst werden.
Er schlägt die Schaffung neuer Arbeitsstellen zu
bescheidenen Bedingungen
vor. Die aufgrund der hohen Lohnkosten ins Ausland
verlagerten einfachen
Arbeitsplätze sollen wieder eingerichtet und unter
Tariflohn bezahlt werden.
Für interessant hält er wegen der
Einsparmöglichkeiten bei der Verwaltung
den Vorschlag eines Bürgergeldes. Doch spricht er sich
dafür aus, daß man
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weiterhin Eliten brauche, denen materielle Anreize gegeben
werden müßten.
Man dürfe mit dem Bürgergeld daher keine zu
große Angleichung der Ein-
kommen betreiben.
Es liegt auf der Hand , daß solche Stellungnahmen
nicht von einem Ver-
treter der Arbeitnehmerseite, sondern der Seite der
Arbeitgeber kommen.
Als Reaktion wurde er von allen Seiten - ob Gewerkschaft
oder CDU-
eines "Anschlages auf den Sozialstaat"
bezichtigt.
Andere detaillierte Vorschläge waren jedoch nicht zu
hören, denn Politi-
kern fallen Ausarbeitung und Durchsetzung unpopulärer
Entscheidungen
schwer.
3. Zur politischen Durchsetzbarkeit notwendiger
Maßnahmen
Um die Gunst der Wähler zu erlangen, haben Politiker
schon immer gerne
Wahlgeschenke gemacht. "Sozialpolitiker - gleichgültig
ob von CDU oder
SPD - haben sich durch das Ausstreuen sozialer Wohltaten
hervorgetan."
(Stihl, Stern 26/94)
Es hat den Anschein, daß der Gesetzgeber bei der
Gewährung sozialer Lei-
stungen keine ausreichende Vorsorge für den Fall traf,
daß sich die finan-
zielle und wirtschaftliche Situation in unserem Land einmal
ändern könnte.
Nun müssen Einschnitte bei diesen Leistungen
vorgenommen werden.
Dies wird bei den Betroffenen Unmut auslösen.
Finanzielle Zuwendungen zu gewähren bringt
Wählerstimmen. Sie zu
kürzen, kann Wählerstimmen kosten.
Nun möchten die Politiker in unserer Demokratie ja
gewählt werden. Dazu
möchten sie es mit keiner Wählergruppe verderben.
Solange sie Einschnit-
te in das soziale Netz zum Wahlkampfthema machen, ist die
Sanierung des
sozialen Systems kaum durchführbar.
Nur wenn sich die großen Parteien einig sind, kann das
soziale System in
geänderter und modifizierter Form gehalten werden.
SOZIALPOLITIK
1. Entwicklung unseres sozialpolitischen
Systems
2. Gefährdung des sozialen
Systems
2.1 Problem der
Finanzierbarkeit
2.2 Zur Berechtigung gewährter sozialer
Leistungen
2.3 Mögliche
Lösungsvorschläge
3. Zur politischen Durchsetzbarkeit
notwendiger Maßnahmen
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