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Horvath, Ödön von
Ödön von Horvath (1901-1938)
Biographie:
Geboren in Fiume (heute Rijeka) im damaligen Königreich Kroatien als
Sohn eines ungarischen Diplomaten und seiner deutschen Frau. Verlebte seine
Kindheit in großen Städten Mittel- und Südosteuropas, begann er
1919 in München Theaterwissenschaft, Philosophie und Germanistik zu
studieren. 1920 wurde er Mitarbeiter am Simplicissimus und an der Jugend, 1923
freier Schriftsteller in Murnau, 1924 in Berlin (lernte dort die Dramen Brechts,
Zuckmayrs, Fleißers ... und die Regisseure Piscator und Reinhardt kennen).
Hielt sich in Oberbayern auf. Nach der Machtergreifung Hitler 1933 wurden ihm
Proben am Theater untersagt; er kam daraufhin vorübergehend in Schutzhaft
und floh nach Wien und im Anschluß daran nach Henndorf bei
Salzburg.
Da durch die politischen Spannungen im Land (wegen des immer stärker
werdenden rechtsradikalen Druckes) die Aufführungsmöglichkeiten von
Horvaths Theaterstücken nicht ermöglicht werden konnten,
beschränkte er seine Arbeit auf Romanerzählungen. Nach dem
Anschluß Österreichs an Deutschland mußte er erneut über
Ungarn, Prag und Amsterdam fliehen, bis er schließlich in Paris
seßhaft wurde. Dort ereilte ihn zufällig wie absurd der Tod.
Während eines Gewitters auf den Champs-Elysees wurde er von einem
herabstürzenden Ast erschlagen.
Werke:
Dramen:
Die Revolte auf Cote 3018 (später: Die Bergbahn (1927))
Sladek oder die schwarze Armee (1931)
Geschichten aus dem Wienerwald (1931)
Italienische Nacht (1931)
Die Unbekannte aus der Seine (1933)
Figaro läßt sich scheiden (1935)
Don Juan kommt aus dem Krieg (1936)
Romane:
Der ewige Spießer (1930)
Ein Kind unserer Zeit (1938)
Jugend ohne Gott (1938)
Geschichten aus dem Wiener Wald
Entstehung:
Das Stück entstand zwischen 1930 und 1931 und wurde an Max Reinhardts
Deutschem Theater in Berlin unter der Regie von Heinz Hilpert und den Stars des
Max Reinhardt-Ensembles (Hans Moser, Carola Neher, Paul Hörbiger, ...)
uraufgeführt.
Die Kritiken der führenden Tageszeitungen fielen äußerst
unterschiedlich aus. Tatsache ist, daß Horvath mit diesem Stück die
endgültige Anerkennung als Autor erringen konnte und sogar auf Vorschalg
von Carl Zuckmayr 1931 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde.
Personen:
Marianne: Tochter des Zauberkönigs
Marianne ist die Tochter des autoritären
Spielwarenhändlers Leopold, der ihr eine Berufsausbildung verbietet. Ihr
Emanzipationsversuch scheitert. Als sie von Alfred verlassen wird, gerät
sie in die Kreise der Wiener Unterwelt. Parallel zu dem sozialen Abstieg
Mariannes kommt es jedoch zu einer geistigen Bewußtseinserweiterung. Sie
gibt die Vorstellung, daß sie in dieser Welt noch ehrliche Liebe finden
könnte, auf. Ausgehend von einem verschwommenen Gottesbegriff findet sie
zur Eigenverantwortlichkeit. Erst der Tod ihres Sohnes führt zum geistigen
Zusammenbruch. Sie hat keine Kraft mehr, sich Oskar zu widersetzen. Die
spießbürgerliche Weltanschauung erweist sich als
siegreich.
Alfred: ein mit Valerie befreundeter Ganove
Alfred, Mariannes Geliebter, ist ein junger Mann, der es
nicht schafft, sich selbst eine Existenz aufzubauen. Er lebt vom Geld seiner um
viele Jahre ältere Freundin Valerie. Als Marianne in sein Leben tritt, will
er ein flüchtiges Abenteuer, aber keine feste Verbindung. Er versucht,
Konflikten aus dem Weg zu gehen und erweist sich als feig und verantwortungslos.
Wenn er sich einer Verantwortung entzieht, stellt er das als Bestimmung des
Schicksals hin. Im Gegensatz zu Marianne macht Alfred in geistiger Hinsicht
keine Entwicklung mehr durch.
Oscar: Fleischhauer
Der Fleischhauer Oskar, Mariannes Verlobter, ist der
Prototyp des spießigen Kleinbürgers. Sein sentimental-brutales Wesen
und seine Veranlagung zum Sadomasochismus zeigen sich einerseits durch die
brutale Behandlung, die er seiner Verlobten zukommen läßt,
andererseits durch eine oberflächliche Religiosität und durch das
Schwelgen in Selbstmitleid. Alle diese Eigenschaften sind typische Bestandteile
der kleinbürgerlichen Mentalität.
Oskar wünscht ganz offen den Tod des kleinen Leopold
herbei. Er wird so zum potentiellen Mörder, nicht nur für Leopold,
sondern auch für Marianne in geistiger Hinsicht. Für sie
verkörpert er den Tod in der Maske des Erotischen.
Die Großmutter Alfreds
ist eine Gegenfigur zu ihrer sich kultiviert gebenden
Umwelt. Sie ist frei vom Zwang zur konventionellen Verstellung. Sie zeigt ihre
Bösartigkeit direkt, was zur Folge hat, daß es in ihrer Umgebung
meist zu Auseinandersetzungen kommt. Ohne Skrupel befördert sie den kleinen
Leopold ins Jenseits, weil er eben nicht ins System paßt.
Alle anderen Personen des Stücks sind keine ausgeprägten
Charaktere, sondern eher feststehende Typen.
Zauberkönig: Besitzer eines Spielwarengeschäftes;
repräsentiert den autoritären Vater und Haustyrannen.
Valerie: Witwe (und Trafikantin) ist eine gutmütige ältere Dame,
die sich ausnutzen läßt.
Der Rittmeister repräsentiert die zerfallene Donaumonarchie, also die
gute alte Zeit.
Der Student Erich ist ein Hinweis auf das Aufkommen des
Nationalsozialismus.
Inhalt:
Die leidende Heldin Marianne geht an der egoistischen Gleichgültigkeit
und alltäglichen Phrasenhaftigkeit der gewissenlosen Männerwelt
zugrunde. Die Tochter des „Zauberkönigs“, Marianne, ist mit dem
Fleischhauer Oskar verlobt, verfällt aber dem charmanten Tunichtgut Alfred,
der sich bisher von der Trafikantin Valerie hat aushalten lassen. Nun soll
Marianne für ihn sorgen. Als sie aber beim Stehlen ertappt wird,
verstößt sie ihr Vater. Mariannes und Alfreds Kind wird bei Alfreds
Mutter in der Wachau erzogen. Dort wird es von der Großmutter langsam
umgebracht, weil es nicht ehelich ist. Alfred kehrt zu Valerie zurück, und
der gefühlvolle Oskar will nun endlich seine Marianne heiraten. Ein
Happy-End, als ob nichts geschehen wäre: das „goldene Wiener
Herz“ hat über eine Portion Gemeinheit gesiegt. Das Stück ist
darauf eine bitter-ernste Satire.
Marianne, die Tochter eines Spielwarenhändlers, ist mit dem
Fleischhauermeister Oskar verlobt. Bei der Verlobungsfeier im Wiener Wald
leistet sie sich einen Seitensprung mit Alfred, einem Lebemann, der nicht viel
taugt. Als sie dabei entdeckt wird, löst sie die Verlobung mit Oskar. Ihr
Vater wirft sie aus dem Haus. Sie lebt nun mit Alfred zusammen. Als sie ein Kind
bekommt, überredet Alfred sie, den kleinen Leopold zu seiner Mutter und
Großmutter in die Wachau zu geben.
Marianne wird von Alfred verlassen und muß in einem drittklassigen
Nachtlokal ihr Geld verdienen. Sie wird dort von ihrem Vater und ihren Freunden
erkannt. Anschließend wird sie als Diebin verdächtigt und in
Untersuchungshaft gesteckt.
Valerie, der ehemaligen Freundin Alfreds, gelingt es schließlich,
Marianne mit ihrem Vater und ihrem ehemaligen Verlobten auszusöhnen. Als
die ganze Familie in die Wachau fährt, um den kleinen Leopold heimzuholen,
wird bekannt, daß das Kind an einer Erkältung gestorben ist. Marianne
ahnt, daß die Großmutter mit im Spiel war, und will sie erschlagen.
Oskar hindert sie jedoch an ihrem Vorhaben. Die Familie verläßt die
Wachau. Marianne wird von Oskar getröstet, den sie nun nicht mehr
abzulehnen wagt.
Form, Gattung:
In seinen Stücken versucht Horvath eine neue Form des
Volksstückes zu finden. Dabei schreibt er meist über sozialkritische,
sich im Kleinbürgertum abspielende Probleme und Schicksale und
interpretiert diese manchmal absichtlich übertrieben zynisch. Horvath zeigt
die Brutalität und Gemeinheit hinter der seelenvollen Fassade. Er schreibt
nicht mehr, wie es in früherer Zeit üblich war, über die heile
Welt, die mit Klischees nur so überfüllt war. Damit will er seinem
Publikum einen Spiegel vor das Gesicht halten, um es zu demaskieren.
Ort und Zeit:
Das Stuck spielt Ende der Zwanziger Jahre, Der Autor hält sich nicht
an die Einheit von Zeit, Raum und Handlung. Das Drama erstreckt sich über
einen Zeitraum von ungefähr einem Jahr. Die Orte der Handlung sind Wien,
der Wiener Wald und die Wachau. Es gibt zwei Handlungen, eine in Wien und eine
in der Wachau, wobei der letzte Schauplatz für den Anfang und das Ende des
Stücks einen Rahmen bildet. Dieses Volksstück besteht aus drei Teilen.
Im ersten Abschnitt werden die Personen in der Wachau und in Wien in ihrer
gewohnten Umgebung vorgestellt. Es kommt zur entscheidenden Begegnung zwischen
Alfred und Marianne, was die Auflösung von Mariannes Verlobung zur Folge
hat.
Im zweiten Teil folgt das traurige Leben Mariannes mit Alfred und dem
gemeinsamen Kind. Die junge Mutter wird verlassen und kommt auf die "schiefe"
Bahn.
Im dritten Abschnitt findet die Begegnung zwischen Marianne und ihrem Vater
statt. Dies stellt den dramaturgischen Höhepunkt des Stücks dar. Es
erfolgt die Versöhnung. Das zu erwartende glückliche Ende bleibt
jedoch aus. Der Tod des kleinen Leopolds bedeutet eine Katastrophe. Marianne ist
gezwungen, in die kleinbürgerliche Welt, aus der sie ausgebrochen ist,
zurückzukehren.
Sprache:
Mit Ausnahme des deutschen Studenten Erich, der Hochdeutsch spricht,
bedienen sich die Personen der österreichischen Umgangssprache. Die
Sprechweisen unterscheiden sich jedoch voneinander und tragen zur
Charakterisierung bzw. zur Typisierung der Figuren bei. Marianne, Alfred und
Valerie haben eine etwas rührselige, kleinbürgerliche Ausdrucksweise.
Alfred verwendet besonders gern leere Phrasen. Mariannes Vater und besonders ihr
Verlobter Oskar werden durch eine sehr brutale Sprechweise charakterisiert. Bei
der Großmutter tritt an die Stelle der zivilisierten
Äußerungsform eine Art urtümliche Elementarsprache, die sich
zwischen Infantilität und Senilität bewegt.
Aussage:
Das zentrale Thema ist die Kritik am Kleinbürgertum der
Zwischenkriegszeit. Die Spießerideologie eines heruntergekommenen
Bürgertums, das in seinem Seelenleben ausgelaugt, in seiner Moral
korrumpiert (verdorben) ist, wird bloßgestellt.
Ein weiteres Thema ist die Zerstörung der Frau unter dem Deckmantel
der Liebe. Oskars kitschige Romantik macht bald der Triebdynamik Platz, der sich
die psychisch gebrochene Marianne nicht widersetzen kann.
Außerdem wendet sich Horvath gegen die gesamtgesellschaftliche
Verblendung dieser Periode. Die allgemeine Sehnsucht nach der "guten alten Zeit"
vor dem Ersten Weltkrieg und die seelische Ausgelaugtheit des
Kleinbürgertums machen es den Nationalsozialisten leicht, in
Österreich Fuß zu fassen. Somit ist dieses Volksstück als
Aufklärungsstück für die breite Masse gedacht.
Jugend ohne Gott
Entstehung:
Personen:
Form, Gattung:
Roman
Ort und Zeit:
Deutschland 1937
Inhalt:
Hauptfigur, und zugleich Ich Erzähler, ist ein 34jähriger Lehrer,
der in einem Gymnasium Geschichte und Geographie unterrichtet. Obwohl er jede
oppositionelle Handlung oder Äußerung zu vermeiden sticht, gerät
er durch seine Bemerkung im Unterricht, "auch Neger seien Menschen" - eine
Bemerkung, die zeigt, daß er an humanen Grundsätzen festhält, in
Konflikt mit seinen Schülern und deren Eltern, die Anhänger des
herrschenden Regimes sind. Auf Anordnung der Schulbehörde begleitet er
seine Schüler zu einem Zeltlager, das der militärischen Ausbildung
dient. Während des Zeltlagers lernt Z, ein Schüler, ein verwahrlostes
Mädchen, Eva, kennen und verliebt sich in sie. Er trifft sie heimlich
nachts, und der Lehrer erfährt davon, als dieser heimlich Z`s Tagebuch
liest.
Z hat festgestellt, daß jemand in seine Geheimnisse eingedrungen ist,
und sein Verdacht fällt, da der Lehrer schweigt, auf seinen Zeltmitbewohner
N. Dieser kehrt von einem Marsch der Klasse nicht zurück. Als er erschlagen
aufgefunden wird, bekennt Z sich schuldig, ihn ermordet zu haben. Der Lehrer ist
überzeugt, an dem Verbrechen mitschuldig zu sein, und unter dem Eindruck
einer Gottesvision entschließt er sich, seine Mitwissenschaft zu bekennen,
obwohl er weiß, daß ihn diese Aussage seine Stellung kosten wird.
Daraufhin bricht auch das Mädchen Eva ihr bisher gewahrtes Schweigen und
berichtet, daß ein ihr unbekannter Junge den Mord begangen habe.
Die Mordanklage gegen Z wird fallengelassen, das Mädchen aber, das Z
durch ihr Geständnis hatte decken wollen, gilt nun als die Schuldige. Der
Lehrer ist überzeugt, daß sie die Wahrheit spricht, und versucht nun
den Mörder ausfindig zu machen.
Er verdächtigt Schüler T, auf den die Beschreibung paßt.
Schließlich findet er Kontakt zu einer Gruppe oppositioneller
Jugendlicher, die ihn bei seinen Bemühungen unterstützen, T zu
überführen. Sie stellen T eine Falle, doch dieser entgeht ihnen. Der
Mordfall wird schließlich aufgeklärt, als T, der glaubt, seine Schuld
sei entdeckt worden, die Tat eingesteht und sich das Leben nimmt.
Der Roman endet mit dem Abschied des Lehrers, der eine neue Aufgabe in
einer Missionsschule in Afrika gefunden hat.
Aussage:
Horvaths Roman läßt zwei Handlungen erkennen:
Die äußere Handlung: Mord an "Z" - überraschende Wendung
mit Freispruch des "T". Strukturelemente des Kriminalromans sind zu erkennen
(mehrere Verdächtige, Tatmotiv fehlt, kein Zeuge,...)
Die innere Handlung: Verhalten und Veränderung des Lehrers (moralische
Wandlung)
Die Thematik des Werkes ist das faschistische Verhalten einer Schulklasse
am Vorabend der Machtergreifung durch die NS. Horvath zeigt die Ideologie und
die moralische Deformierung der Jugend im Faschismus. Diese wird durch Erziehung
der Jugend zu Rassismus und Kriegsbegeisterung durchgesetzt. Die Ideologie wird
im Denken und Verhalten der Jugendlichen durch mächtige Massenmedien
erreicht (Propaganda), die keinen Widerstand duldet und auf die Vernichtung von
intellektuellem und moralischem Widerstand aus ist. Die emotionale Kälte
der Jugendlichen macht sie unfähig zu humanem Empfinden und
Handeln.
Horvaths Roman kann auch heute noch Aufschluß über subjektive
Reaktionen auf den Faschismus geben und dessen kritische Bewertung und
emotionale Ablehnung fördern.
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