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Ibsen, Henrik: Nora oder ein Puppenheim
Henrik Ibsen (1828-1906)
Biographie:
Geboren am 20. März 1828 in Skien als Sohn eines Kaufmanns. 1844
machte er die Apothekerlehre in Grimstad. 1850 mißglückte sein
Versuch eines Abiturientenexamens in Christiania. Er nahm dann die Stellung als
Dramaturg und Regisseur an der Nationalbühne in Bergen bis 1857 ein,
anschließend war er künsterlischer Direktor am Theater in
Christiania.
Im Frühjahr 1864 verließ Ibsen Norwegen, da ihm seiner Meinung
nach nicht genug Achtung entgegengebracht wurde, und verbrachte zunächst 4
Jahre in Italien (hauptsächlich in Rom). 1868 übersiedelte er nach
Deutschland (Dresden und München), ab 1891 verbrachte der nun berühmte
Dichter sein Leben in Christiania. Er starb am 23. Mai 1906 in
Christiania.
Werke:
Brand (1866)
Peer Gynt (1867)
Gesellschaftsdramen:
Die Stützen der Gesellschaft (1877)
Nora oder ein Puppenheim (1879)
Gespenster (1881)
Ein Volksfeind (1882)
Die Wildente (1884)
Rosmersholm (1886)
Hedda Gabler (1890)
Baumeister Solneß (1892)
Wenn wir Toten erwachen (1899)
Nora
Entstehung:
Uraufführung 1879 in Kopenhagen. Als Ibsen im Oktober 1887 die Arbeit
an dem Schauspiel in Angriff nahm, notierte er: „Eine Frau kann nicht sie
selbst sein in der Gesellschaft der Gegenwart, einer ausschließlich
männlichen Gesellschaft, mit von Männern geschriebenen Gesetzen und
Anklägern und Richtern, die über das weibliche Verhalten vom
männlichen Standpunkt aus urteilen.“
Ibsen änderte nach der Premiere auf das Drängen der
Theaterleitung hin den Schluß: Nora bleibt um der Kinder willen. Diese
Version ist im Grunde nie von ihm gebilligt worden und wurde auch bald wieder
rückgängig gemacht.
Form, Gattung:
Schauspiel in 3 Akten.
Personen:
Helmer: gewissenhaft, Ehrlichkeit ist für ihn das Wichtigste (->
verläßt seine Frau), Ehre sehr wichtig, baute ihr ein Puppenheim auf,
in dem nach außen hin alles in Ordnung ist, spielt mit Nora, nennt sie
immer mit Vogelnamen (Lerche, Zeisig)
Nora: perfekte Ehefrau, realitätsfern, nicht leicht verletzbar, Ehe
steht im Mittelpunkt, baut sich eine Scheinwelt auf, sucht immer das
"Wunderbare" (Anerkennung von ihrem Mann, richtiges Reden, als gleichwertig
angesehen werden)
Milieu:
Anfangs unteres Bürgertum; nachdem sich Helmer hochgearbeitet hat,
gehobenes Bürgertum.
Ort und Zeit:
Weihnachtszeit, ca. 3 Tage; spielt hauptsächlich in Helmers
Wohnung.
Inhalt:
Am Weihnachtsnachmittag herrscht eine frohe Stimmung im Hause Helmers, der
gerade die Stellung eines Bankdirektors bekommen hat. Nora, seine Frau,
erhält Besuch von ihrer Freundin Christine. Aus dem Gespräch der
beiden geht hervor, daß das Glück im Hause doch nicht so groß
ist, wie es den Anschein hat. Helmer hatte gleich nach der Heirat eine schwere
Krankheit, und sie, Nora, mußte für die Familie sorgen und Geld
für Helmers Genesungsurlaub in Italien aufbringen. Dieses Geld ist, mehr
oder weniger illegal, durch die Fälschung der Unterschrift von Noras Vater,
der damals schon gestorben gewesen ist, durch Nora gekommen. Nun verlangt
Krogstad, der Angestellter der Bank, in der Helmer arbeitet, ist und der Nora
vor Jahren das Geld geliehen hat, daß sie ihm hilft, denn Helmer will ihn
entlassen. Nora versucht es, erreicht aber nur das Gegenteil.
Ein Kostümball steht bevor, und noch scheint alles gut zu werden, doch
da liest Helmer den Brief, den Krogstad ihm geschickt hat und in dem alles
über den jahrealten Betrug steht.
Während das verhängnisvolle Schreiben Krogstads im Briefkasten
liegt, schwankt Nora zwischen Selbstmordgedanken und der Hoffnung auf das
„Wunderbare“, das geschehen wird, wenn ihre Verfehlung an die
Öffentlichkeit dringt und ihr Mann sich schützend vor sie stellen,
ihre Schuld als die seinige bekennen wird. Aber das „Wunderbare“
tritt nicht ein. Helmer macht Nora große Vorwürfe, spricht ihr jede
moralische Reife ab und weist sie aus dem Haus. Dann kommt ein weiterer Brief
von Krogstad, der besagt, daß dieser auf weitere Schritte verzichten wird,
was dem guten Einfluß Christines zu verdanken ist. Helmer ist
überglücklich und will Nora wieder in seinem Haus aufnehmen. Diese
verlangt aber ein Gespräch zwischen den Eheleuten. Danach beschließt
Nora, Helmer und die Kinder zu verlassen und alleine einen Neuanfang zu
wagen.
Sprache:
In Hochdeutsch geschrieben
Aussage:
Das Werk schildert die Abhängigkeit der Frau von ihrem Mann
(finanziell). Es ist eines der ersten Emanzipationsstücke: Es beschreibt
den Alltag einer jungen Frau, deren ganzes Leben von anderen bestimmt worden
war. War es zuerst der Vater, übernimmt mit der Heirat Helmer die Rolle. Er
bestimmt, was sie essen darf, was sie anziehen soll, und nennt sie immer
„meine Singlerche“, in der Meinung, daß sie vom wirklichen
Leben keine Ahnung hat und eine führende Hand braucht. Durch seine Wut
über ihren Betrug (der sein Leben gerettet hatte) erkennt sie jedoch,
daß die „führende Hand“ nur um sein eigenes Wohl, aber in
keinster Weise um sie besorgt war. Das bringt ihr ganzes Lebensbild
durcheinander, und sie beschließt, auf eigene Faust herauszufinden, was
das Leben wirklich zu bieten hat. Obwohl Helmer sie flehentlich bittet zu
bleiben, nennt sie ihn einen Fremden und verläßt ihn.
Aufgeworfene Frage: ist Frau nur Spielzeug für den Mann oder ein
gleichwertiger Kamerad?
Puppenheim: Scheinwelt, nur für die Frau, die „draußen"
nicht lebensfähig ist, nett eingerichtet ...
Auf alles spezifisch Bühnenwirksame hat Ibsen zugunsten einer
präzisen Wiedergabe des Alltags verzichtet. So findet Noras Tarantellatanz
beim Maskenfest nicht auf der Bühne statt, sondern wird nur durch die aus
dem oberen Stockwerk klingende Musik angedeutet. Die mit der allmählichen
Aufdeckung des Vergangenen fortschreitende Spannungsentwicklung und die
klassische Einheit von Ort, Zeit und Handlung bewirken eine ungewöhnliche
Geschlossenheit des dramatischen Aufbaus. Freilich beeinträchtigt die
Zusammendrängung der Ereignisse die Glaubwürdigkeit von Noras allzu
plötzlicher Wandlung von der puppenhaften Naivität des
„Weibchens“ zur Erkenntnisfähigkeit der reifen Frau, die nur
zum Teil psychologisch begründet ist, zum anderen den
gesellschaftskritischen Absichten des Autors sich unterordnen muß. Die
Gestalt der Titelheldin ist noch heute eine der begehrtesten weibliche
Bühnenrollen und wurde von vielen berühmten Schauspielerinnen
verkörpert.
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