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Bevölkerungsproblem Chinas
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 2
1. Bevölkerungsentwicklung bis zum 20. Jh. (Vincent) 3
2. Bevölkerungsproblematik in der Volksrepublik China
(Philipp) 3
3. Politische Bewältigung der Bevölkerungsexplosion
(Philipp) 5
4. Erste Massnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums
(Vincent) 6
5. Die Ein–Kind–Politik (Vincent) 6
6. Beurteilung des Problems aus der Sicht des Auslands
(Philipp) 7
7. Chinas Wirtschaft (Philipp) 8
8. Zukunftsaussichten 8
9. Quellenverzeichnis 9
Anmerkung: Bewusst werden im Text Präsens und
verschiedene Vergangenheitszeiten nebeneinander verwendet. Dies trägt u. a.
der Tatsache Rechnung, dass einige Quellen altes oder älteres Datenmaterial
enthalten.
Vorwort
Da die Ressourcen des „Raumschiffes“ Erde begrenzt sind,
geniesst die Kontrolle des Bevölkerungswachstums zentrale Bedeutung. Am
Beispiel der Volksrepublik China sei gezeigt, welche Wege der
Bevölkerungskontrolle ein Drittweltland beschreiten kann. Allerdings sind
einige der beschriebenen Massnahmen ethisch sehr fragwürdig und nur unter
diktatorischen Verhältnissen durchzuführen. Trotzdem kommt den
chinesischen Anstrengungen in gewisser Weise modellhafter Charakter
zu.
1. Bevölkerungsentwicklung bis zum 20. Jh.
Für die Darstellung der grossen Entwicklungslinien der chinesischen
Bevölkerung zu Beginn unserer Zeitrechnung ist verhältnismässig
gutes Zahlenmaterial vorhanden. Für die Daten aus der Zeit vom 10. –
17. Jh. ergibt sich jedoch ein Unsicherheitsfaktor daraus, dass der Begriff der
Familie und der fronpflichtigen Männer in erster Linie fiskalische
Bedeutung hatte und nicht notwendigerweise den
demographischen [1] Gegebenheiten entsprach. Das
Bild, das sich aus den Volkszählungen der Jahre +2 und 140 (den besten der
älteren Zeit ) ergibt, zeigt sehr deutlich das Ende eines langen
Besiedlungs- und Urbarmachungsprozesses, dessen Beginn auf etwa zwei oder drei
Jtsd. vorher zur Zeit der neolithischen
Revolution [2] anzusetzen ist. Mit einer
Bevölkerung von 50 – 60 Mio. schien China ein demographisches
Gleichgewicht erreicht zu haben.
Zu Beginn des 13. Jh. mag China etwa 100 – 120 Mio. Einwohner
gezählt haben, von welchen mehr als die Hälfte in den südlichen
Provinzen ansässig war. Man weiss nur wenig über die Auswirkungen der
mongolischen Eroberung am Ende des 13. Jh. Es ist nicht sicher, ob sie wirklich
die Katastrophe war, als welche sie die Geschichtsschreibung darstellt. Jedoch
ist Tatsache, dass das Land bei seiner Befreiung von den nomadischen Eroberern
(1360) mindestens 40% der Bevölkerung verloren hatte. Vom Ende des 17. Jh.
bis 1830 verdreifachte sich die Bevölkerung von 140 auf 400 Mio. Ein
solcher Bevölkerungszuwachs erinnert stark an die gegenwärtige
Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt. Er ist besonders bemerkenswert,
weil er unmittelbar der europäischen Bevölkerungsexplosion voranging,
ohne jedoch mit einer technischen oder industriellen Revolution in Zusammenhang
zu stehen. Er erfasste das gesamte Gebiet Chinas, vor allem aber die
halbtrockenen Provinzen des Nordwestens, wo die Bevölkerungszahl sich
zwischen dem 16. Und 18. Jh. vervierfachte.
Das Fehlen einer sorgfältigen Dokumentation der
Bevölkerungsentwicklung Chinas nach 1850 erschwert genaue Aussagen. Nachdem
China 1850 430 Mio. Einwohner zählte, trat eine lange Zeit der Stagnation,
sogar des Bevölkerungsrückgangs ein. Die meisten Beobachter am Ende
des Kaiserreichs oder zu Beginn der Republik schätzten die Einwohnerzahl
auf 400 Mio. Die Volkszählung von 1908, die allerdings unter sehr
mangelhaften Bedingungen durchgeführt wurde, bezifferte die Einwohner des
Kaiserreiches auf 374 Mio., eine Zahl, die jedoch sofort angezweifelt wurde.
Verschiedene spätere Schätzungen schwanken um 450 Mio.
In der ersten Hälfte des 20. Jh. zeigte China die meisten der
charakteristischen Merkmale eines unterentwickelten Landes. Vorwiegend
landwirtschaftlich ausgerichtet, hatte es die Folgen der
Bevölkerungsexplosion des 18. Jh. nicht überwinden können.
Zweierlei fällt besonders auf: die ländliche Übervölkerung
und das geringe Durchschnittsalter. Die Übervölkerung machte sich
allerdings nicht, wie oft behauptet wird, in allen Landesteilen gleichermassen
bemerkbar, da sie sehr ungleich verteilt war. In Bezug auf die durchschnittliche
Lebenserwartung befand sich China jedoch im Gegensatz zu dem ehemaligen Britisch
– Indien in einer sehr viel besseren Lage. Mit einer mittleren
Lebenserwartung von 34 Jahren würde China heute sogar einen
verhältnismässig guten Platz im Vergleich zu den Staaten der Dritten
Welt einnehmen. Die Schwankungen der Sterblichkeitsziffern lassen sich schwerer
rekonstruieren. Während der ersten Hälfte des 20. Jh. blieb China, das
Land der Hungersnöte und Naturkatastrophen, weder vom Bürgerkrieg noch
von den traditionellen Zyklen der Trockenheit und Überschwemmungen
verschont. Man kann höchstens sagen, dass unter normalen Bedingungen die
Sterbequote bei etwa 30‰ lag. Diese verhältnismässig hohe Zahl
war durch eine Säuglings- und Kindersterblichkeit von etwa 300‰
bedingt, d.h., dass nur zwei von drei Kindern älter als 5 Jahre alt wurden,
ein Verhältnis, das etwas günstiger liegt als die vergleichbaren
Zahlen des ehemaligen Britisch-Indien.
2. Bevölkerungsproblematik in der Volksrepublik China
Über die Bevölkerung und deren Entwicklung um 1930 liegen kaum
detaillierte Informationen vor. Nach Abwägen der Geburten- und
Sterblichkeitsrate ist jedoch ein Bruttozuwachs von ca. 1% anzunehmen. Dieser
für China tiefe Wert gründet in der geringen Anzahl verheirateter
Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter und einer hohen
Kindersterblichkeitsrate von ca. 1/3, da China in der ersten Hälfte des 20.
Jh. weder von Hungersnöten und Bürgerkriegen noch von anderen
Naturkatastrophen und Dürreperioden verschont blieb.
Abb. 1: In nächster Zukunft wird
Chinas Bevölkerung noch weiter steigen, wird sich aber
höchstwahrscheinlich zu Beginn des 21. Jahrhunderts bei rund 1,4 Mia.
stabilisieren.
1953 wurde das wahre Ausmass des Bevölkerungsproblems erst richtig
erkannt. Die von einer Volkszählung hervorgebrachte Zahl von 582 Mio.
Einwohnern überstieg jede Schätzung bei weitem. Sie zeigt, dass Chinas
Bevölkerung trotz sehr ungünstiger Verhältnisse weiter gewachsen
war. In den ersten Jahren der Volksrepublik wuchs die Bevölkerung sogar
noch schneller, so dass es 1959 schon 650 Mio. und 1970 wahrscheinlich 800 Mio.
zählte. Diese Entwicklung hat die Lage der Volksrepublik erheblich
beeinflusst und es lässt sich trotz öffentlicher Dementis sagen, dass
der Rhythmus des Bevölkerungszuwachses für die wirtschaftliche
Weiterentwicklung des Landes das grösste Problem darstellte.
Bemerkenswert ist, dass der 2. Weltkrieg nicht wie in vielen andern
Ländern eine Einschnürung in die Bevölkerungspyramide, sondern
einen Rückgang der männlichen Bevölkerung und eine allgemeine
Verjüngung brachte. Diese Tatsache ist auf die aussergewöhnliche
Grausamkeit des Krieges mit Japan zurückzuführen, die alle
Altersstufen gleich stark betraf. Die erwähnte Verjüngung beginnt ihre
Auswirkungen im ersten Fünfjahresplan zu zeigen (1953-1957). Während
der Anteil der Jugendlichen unter 20 Jahren an der Gesamtbevölkerung von
44 auf 49% stieg, sank der Anteil der Erwachsenen zwischen 20 und 49 Jahren von
42 auf 39%. Genauere Faktoren der Bevölkerungsentwicklung sind auch aus
dieser Zeit nicht bekannt. Man nimmt jedoch allgemein an, dass der schnellen
Bevölkerungsentwicklung der 50er Jahre eine jährliche Zuwachsrate von
2% zu Grunde liegt, was einer jährlichen Zunahme von etwa 14 Mio. Menschen
entspricht. Dieses schnelle Wachstum muss als Ergebnis einer ungleich sinkenden
Sterbe- und Geburtenziffer gesehen werden, welches ein klassisches Phänomen
beim Übergang von einer traditionellen zu einer modernen
Bevölkerungsstruktur darstellt. Laut den vom chinesischen Staat
herausgegebenen Zahlen sank die Sterbequote in der Zeit von 1952 - 1957 von 18
auf 11%, während die Geburtenzahl nur von 37 auf 33% sank. Während die
stabile Geburtenzahl mit jährlich 21.5 Mio. Geburten der Realität zu
entsprechen scheint, ist der Rückgang der Sterblichkeit mit Vorbehalten zu
versehen. Ihr Sinken von 9.8 Mio. auf 6.9 Mio. könnte sowohl durch einen
starken Rückgang der Säuglingssterblichkeit, die jedoch zweifellos
höher liegen dürfte als von den Behörden angegeben, wie auch
durch einen sehr erstaunlichen Rückgang der Sterbefälle bei
Erwachsenen bedingt sein. Die zu geringe Registrierung der Sterbefälle wird
jedoch durch die zu geringe Registrierung der Geburten etwa
ausgeglichen.
Durch die weit verbreitete Anwendung von Verhütungsmitteln bekommt
eine chinesische Frau im Schnitt nicht einmal mehr 2 Kinder, wodurch die
Bevölkerung sogar sinken würde. Doch das scheint recht
unwahrscheinlich, da die Lebenserwartung seit 1949 auf das Doppelte wuchs
– auf 71 Jahre. Zudem sind derzeit ca. 125 Mio. Frauen im idealen
Gebäralter, – so viele wie nie zuvor – wodurch sich Maos
Bevölkerungspolitik als Echo ein zweites mal auswirkt.
China hat heute schon mit den klassischen Problemen der Städte in
Industrienationen zu kämpfen: zuviel Verkehr, schlechte Luft, Lärm.
Schon jetzt sind die Städte teilweise für LKW’s
gesperrt.
3. Politische Bewältigung der
Bevölkerungsexplosion
In früheren Zeiten herrschte in China die Ansicht, dass die
Bevölkerung ein Mass für die Weisheit des Herrschers sei. Man war
daran interessiert, eine möglichst grosse Bevölkerung zu haben, die
jedoch von Kriegen und Naturkatastrophen leicht verkleinert werden konnte. So
hielt sich die Bevölkerung in einem natürlichen Gleichgewicht. Im
Rahmen der Bevölkerungsumwälzung der neueren Zeit erkannte man im 18.
Jh. den Zusammenhang zwischen der ständigen Preissteigerung, der
Verelendung des Volkes und der Bevölkerungsexplosion. Doch selbst im 19.
Jh., als auch der Niedergang Chinas langsam mit der Überbevölkerung in
Zusammenhang gebracht wurde, dachte niemand daran, der
Bevölkerungsexplosion auf politischem Weg, etwa durch Geburtenkontrolle,
Einhalt zu gewähren. Es herrschte allgemein die Ansicht, dass die Kriege
und Katastrophen, die den Untergang jeder Dynastie begleiten, das Problem regeln
werde. Die Behörden waren der Meinung, dass sie die Zuwachsquote von 1%
durch Krisen und Katastrophen zu einem Nullwachstum reduzieren würde. Doch
trotz 15 Jahren Krieg und Revolution (ca. 1930 - 45) stagnierte die
Bevölkerung keineswegs, sie stieg sogar mit einer Zuwachsquote von 2% noch
schneller. Z.T. war das starke Wachstum auch durch Anstrengungen von Staat und
internationalen karitativen Organisationen bedingt, die versuchten Epidemien,
Hungersnöte etc. einzudämmen. Diese Zuwachsrate führte zu einer
Verdoppelung der Bevölkerung allein in den 30er Jahren.
In den ersten Jahren der kommunistischen Volksrepublik, die 1948/49
gegründet wurde, wurde jeder Versuch über eine politisch geplante
Beschränkung des Bevölkerungswachstums zu diskutieren mit dem Zitat
Maos abgeblockt: „Es ist eine ausgezeichnete Sache, dass China eine grosse
Bevölkerung hat!“ (aus: Staiger Brunhilde, 1980: 103). Auch
ideologisch waren solche Massnahmen nicht erwünscht, da
Geburtenbeschränkung immer mit grosser wirtschaftlicher Not und Versagen
eines Herrschers in Zusammenhang gebracht wurde.
Erst unter dem Druck konkreter Verteilungsprobleme und einer schwer
kontrollierbaren Landflucht, die eine Wohnraumknappheit in den Städten
verursachte, konnten sich Befürworter der Geburtenkontrolle innerhalb der
Partei zu Wort melden. Mitte der 50er Jahre kam es zu einem Kompromissvorschlag,
nachdem Geburtenplanung nicht mehr länger als Bankerotterklärung
angesehen wurde, sondern in den Gesamtrahmen sozio-ökonomischer Planung mit
einbezogen wurde. Mao Tse-tung brachte diese Haltung später auf die Formel,
die in China heute noch gilt: „Wir dürfen es nicht zulassen, dass in
der menschlichen Reproduktion Anarchie herrscht, deshalb ist es auch nötig
Geburten zu planen.“ (aus: Staiger Brunhilde, 1980: 105). Vornehmlich
ökonomische Gründe führten zu dieser Einsicht und dazu, dass seit
1956 eine Politik mit Geburtenkontrolle betrieben wurde. Doch auch diese war von
der Erklärung Maos geprägt, dass es in einem kommunistischen Staat
keine Überbevölkerung gebe, dass eine grosse Bevölkerung ein gute
Sache sei. Die Befürworter von Geburtenkontrollen hatten im Endeffekt zwar
recht, lagen in einem Punkt der wirtschaftlichen Folgen aber falsch. Dass eine
Bevölkerungsvermehrung keine Vermehrung des Nahrungsmittelangebots nach
sich ziehen muss, trifft auf China nicht zu. Einer Bevölkerungszunahme von
30% in 15 Jahren stand eine Zunahme der Getreideproduktion von 40%
gegenüber. Zusätzlich herrschte zum Teil ein Mangel an ungelernten
Arbeitskräften. Auf lange Sicht hinaus musste der jährliche
Arbeitskräfteüberschuss (ca. 10 Mio.), der jedes Jahr zu den ca. 20
Mio. Arbeitslosen (1957) hinzukamen, Wirtschaft und Gesellschaft teuer zu stehen
kommen. So wandelte sich die Ursache des Problems Überbevölkerung von
der ungerechten Verteilung der Arbeit, wie es Mao erklärte und durch das
kommunistische System löste, zu einer Knappheit an verfügbarem Kapital
für Investitionen. China lief damit Gefahr seine technologische Revolution
zu verpassen, da es auf Techniker setzten musste, deren Produktivität
relativ gering war.
Dass Chinas Führung Massnahmen zur Geburtenkontrolle ergriff und zu
unterstützen begann, ist u.a. auch auf die Hartnäckigkeit des
chinesischen Frauenverbandes zurückzuführen, der trotz einigen
Rückschlägen die Geburtenkontrolle stets als Emanzipation der Stellung
der Frau verfochten.
4. Erste Massnahmen zur Eindämmung des
Bevölkerungswachstums
Die Frage der Geburtenbeschränkung wurde 1963 anlässlich der
beginnenden Bewegung für sozialistische Erziehung wieder aktuell. In der
Hauptphase der Grossen Proletarischen
Kulturrevolution [3] trat sie in den Hintergrund,
schien aber von der späteren Führungsspitze wieder gebilligt zu
werden. Trotz der Vielfalt der angewandten Methoden und gesetzgeberischen Mittel
lässt sich dennoch eine Entwicklungslinie der chinesischen
Bevölkerungspolitik erkennen. Während der ersten Kampagne für die
Geburtenbeschränkung, 1956, befürwortete die Regierung sowohl die
Anwendung traditioneller Verhütungsmittel als auch die freiwillige
Sterilisation von Männern und Frauen. Das wirksamste Mittel bleibt jedoch
die Abtreibung, deren gesetzliche Regelung gemildert wurde und die man mit Hilfe
indirekter wirtschaftlicher Sanktionen gegenüber zu grossen Familien
unterstützt. Die Abtreibung wird verheirateten Frauen empfohlen, die
bereits zwei Kinder haben und deren Einkünfte gering sind: sie wird, bei
vorheriger Einwilligung der Eheleute und ggf. auch deren Eltern, kostenfrei in
Krankenhäusern durchgeführt. Im Verlauf der folgenden Periode wurde
der Akzent stärker auf die regelmässige Anwendung von
Präservativen und intrauterinen [4]
Verhütungsmitteln gelegt. Gleichzeitig wurde im Rahmen der Bewegung
für Sozialistische Erziehung für ein höheres Alter bei der
Eheschliessung geworben. Seit der „Kulturrevolution“ wurden vor
allem die oralen Verhütungsmittel von der Regierung empfohlen. In den 60er
Jahren wurde allgemein eine sog. 22-Tage-Pille benutzt. Darüber hinaus
bemüht sich die Forschung um die Gewinnung eines Kontrazeptionsmittels, das
männliche oder weibliche Unfruchtbarkeit für eine Dauer von mehreren
Monaten oder einem Jahr herbeiführen soll. Mangels genauer Untersuchungen
sind die Ergebnisse dieser Politik der Geburtenbeschränkung schwer
abzuschätzen. Zu Beginn hat der grosse Mangel an Ärzten und
Sanitätern, unter dem das Land litt, die Verbreitung des Gebrauchs von
Verhütungsmitteln gehemmt und die Inanspruchnahme von
Abtreibungsmöglichkeiten begrenzt. Ausserdem muss man Zurückhaltung
und Widerstand einer Bevölkerung in Betracht ziehen, für welche die
Zahl der Kinder eine Beweis familiären Glücks darstellt. Viele
Anzeichen weisen also darauf hin, dass die Bemühungen der Ärzteschaft
und des Frauenverbandes vor 1965 nicht über den Rahmen der
Stadtbevölkerung hinaus wirksam geworden sind. Unter diesen Umständen
ist es besonders schwierig, die leichte Senkung der Bruttozuwachsrate der
Bevölkerung von 1966 an zu analysieren. Die von der Regierung mit Nachdruck
empfohlene Erhöhung des Heiratsalters für Frauen auf 25 konnte allein
schon die Fruchtbarkeitsquote um 20% herabsetzen. Diese Situation änderte
sich aber vollkommen, als die Kinder, die nach 1949 geboren wurden, das
Erwachsenenalter erreichten. Eine Projektion der Alterspyramide von 1953 zeigt
für die Zeit nach 1968 eine schneller steigende Zuwachsrate von Frauen im
fortpflanzungsfähigen Alter.
Die Senkung der natürlichen Zuwachsrate der Bevölkerung auf 1%
schien auf lange Sicht das Ziel der chinesischen Regierung zu sein.
5. Die Ein–Kind–Politik
In den 70er Jahren wurde auf dem Land das Heiratsalter für Frauen auf
23, für Männer auf 25 Jahre heraufgesetzt, in der Stadt gar auf 25 und
28 Jahre. Wer das neue Recht verletzte, dem drohten harte Strafen. Wer die Norm
erfüllte, konnte mit Belohnungen rechnen.
Tatsächlich sank die durchschnittliche Kinderzahl in den siebziger
Jahren um mehr als die Hälfte – auf 2,5 pro Frau. In solch einem
Tempo hatte sich noch keine Nation der Welt das Gebären abgewöhnt.
Doch für Maos radikale Nachfolger war das noch zu wenig. 1979
präsentierten sie dem Land, in dem viele Kinder und vor allem Söhne
seit jeher eine wichtige Rolle spielten, den nächsten Schocker: das
Postulat der Ein–Kind–Familie.
Die neue Vorgabe liess sich nur mit stalinistischen Methoden durchsetzen.
Fabriken, Dörfer, Gemeinden, Bezirke und Provinzen – alle Ebenen der
Gesellschaft bekamen Quoten zugeteilt, die von strammen Parteikadern und
Familienplanungs-Komitees überwacht wurden und keinesfalls
überschritten werden durften. Deng Xiao-ping, seit 1977 der neue starke
Mann Chinas, gab die Losung aus: „Nutzt, mit welchen Mitteln auch immer,
alle Möglichkeiten, um die Bevölkerung zu reduzieren – aber tut
es.“
Jede Frau brauchte seither ein Zertifikat zum Schwangerwerden. Bei Paaren
mit zwei oder mehr Kindern wurde einer der Partner zwangssterilisiert. Wer sich
dagegen wehrte, dem wurden Wasser und Strom abgestellt, Führerschein und
Gewerbeerlaubnis entzogen. Einer chinesischen Journalistin führten die
Behörden einmal stolz die Arbeit einer Eingreiftruppe der Familienplanung
vor. Sie zeigten ihr, wie die Häuser von sechs Familien niedergerissen
wurden, weil die Frauen eine Abtreibung verweigert hatten. Im Krankenhaus des
Ortes, berichtete die Journalistin weiter, standen mülleimerweise
abgetriebene, bis zu acht Monate alte Feten herum.
Eine Kontrollbeamtin aus einer Provinz nördlich von Beijing
beschreibt, wie Kinder sogar bis zum neunten Monat abgetrieben bzw. ermordet
wurden. Dass gar Ärzte selbst Neugeborene umbrachten und sie dann als
Totgeburten deklarierten, um die vorgegebenen Quoten nicht zu
überschreiten.
Unter dem Druck der Ein-Kind-Kampagne verdreifachte sich binnen vier Jahren
die Zahl der Abtreibungen. 1982 endete fast die Hälfte aller
Schwangerschaften durch einen Eingriff der Planer. In manchen Städten wie
Schanghai wurden weit mehr Feten abgetrieben als Kinder geboren. Auch die
Tötung von Mädchen nahm ungeheure Ausmasse an. Für viele Bauern
stellte sich nach Geburt einer Tochter die Frage, ob sie auf die staatliche
Versorgung im Alter verzichten wollten oder das Mädchen umbringen sollten,
um die Quoten für einen „zweiten Versuch“ zu retten.
Zwar sank Chinas Wachstumsrate nach Einführung der Ein-Kind-Politik
noch einmal, aber bald zeigt sich, dass die Regierung übertrieben hatte.
Auf dem Land, wo 80 Prozent aller Chinesen wohnen, liess sich die
verschärfte Geburtenkontrolle nicht voll durchsetzen. Hier waren Kinder
einfacher zu verstecken, als in der Stadt und Überwachungsbeamte leichter
zu bestechen. Bis heute „fehlen“ in Chinas Statistiken vermutlich 50
Mio. nicht gemeldeter Kinder. Viele Bauern, die neuerdings durch die
Privatisierung der Landwirtschaft unabhängig geworden waren, konnten es
sich obendrein leisten, die hohen Bussen für illegale Nachkommen zu
zahlen.
Auf den öffentlichen Druck hin wurden die Bestimmungen 1984 gelockert.
Minderheiten und Bewohner besonders armer Regionen wurden von der
Ein-Kind-Politik ausgenommen. Diese und viele andere Sonderregelungen erlaubten
vielerorts 2 Kinder, wodurch die Wachstumsquote wieder anzog.
6. Beurteilung des Problems aus der Sicht des Auslands
Vom Ausland wird die quantitative Entwicklung der chinesischen
Bevölkerung mit einer Mischung aus Erstaunen und Besorgnis verfolgt. Diese
Einstellung lässt sich aus verschiedenen Gründen erklären:
zunächst aus einer weit verbreiteten Unwissenheit über die
tatsächliche Grösse und jährliche Zuwachsquote, zweitens aus
einer Ungewissheit, wie weit die Verantwortlichen in der chinesischen Politik in
der Lage sind, Bevölkerungswachstum und ökonomische Zuwachsraten so
aufeinander abzustimmen, dass langfristig nicht nur die materielle Subsistenz
der chinesischen Bevölkerung, sondern auch die Möglichkeit einer
zügigen Entfaltung der Produktivkräfte gewährleistet bleiben.
Drittens spielen die Neugier auf die konkreten Massnahmen und Erfolge einer
Politik des kontrollierten und geplanten Bevölkerungswachstums und
letztlich die Frage, wie weit die chinesischen Erfahrungen in eine Politik
umformuliert werden können, die für andere Länder der armen Welt
Modellcharakter annehmen kann, eine Rolle.
Heute bewundern viele Bevölkerungswissenschaftler die chinesische
Familienplanung, trotz bedrohlicher Aussichten. Immerhin wurde das galoppierende
Wachstum gebremst.
Der Kieler Bevölkerungsexperte Hans Jürgens ist sogar der
Meinung, dass die Bremsmassnahmen nur dank dem kommunistischen System gegriffen
haben und dass eine Demokratisierung für China eine Katastrophe wäre,
da die Geburtenrate wieder in die Höhe schnellen würde (aus: Reiner
Klingholz, 1994: 144). Der chinesische Uniprofessor He Bochuan schätzt die
ideale Bevölkerung für China auf Grund der natürlichen Ressourcen
auf ca. 500 Mio. - gegenüber heute 1.2 Mia. Seiner Meinung nach darf die
Bevölkerung die Grenze von 1.5 Mia. nicht übersteigen, wenn alle
Chinesen ein anständiges Leben haben sollen. Doch laut heutigen Prognosen
wird diese Grenze schon im Jahr 2025 überschritten werden.
7. Chinas Wirtschaft
In Wirtschaftskreisen wird China als grosser Zukunftsmarkt gesehen, das
nach einem Bericht der Weltbank „China 2020“, der nach dem 15.
Kommunistischen Parteitag veröffentlicht wurde, in drei bis vier Jahren
sogar Japan als Wachstumszentrum ersetzten könnte. China hat beeindruckende
Leistungen zu verzeichnen: zwischen 1978 und 1995 wuchs Chinas
Bruttoinlandprodukt um jährlich 9.8% durchschnittlich und hob 200 Mio.
Menschen aus der Armut, und China soll weiter wachsen. Bereits hat es Japan vom
zweiten Rang der weltgrössten Volkswirtschaft verdrängt. Nur noch die
USA produzieren mehr. Dieser enorme Aufschwung wurde durch eine getarnte
„soziale Marktwirtschaft“ ermöglicht, die Deng Xiao-ping Ende
der 70er Jahre einführte.
Besonders die Küstenregionen befinden sich in einem grossen Wachstum,
je nach Region beträgt die Wachstumsrate seit einem Jahrzehnt
durchschnittlich 15%. Und die optimistischen Wirtschaftsfachleute sehen im
Konsumrausch der 1.2 Mia. Einwohner die einzige Chance das Land zu
demokratisieren. Das ganze Land würde von der wachsenden Wirtschaft in den
Küstenregionen profitieren, da Arbeitsplätze geschaffen würden.
Die unendlich steigende Nachfrage würde die Wirtschaft in Schwung
halten.
Ein jährliches Wachstum von 6.5% für das ganze Land für die
nächsten 25 Jahre sei durchaus möglich, das würde die chinesische
Wirtschaft in einem Viertel Jahrhundert um den Faktor sieben vergrössern.
China würde in 25 Jahren dieselbe Entwicklung durchlaufen wie andere
Industrieländer in 80 Jahren. Dies ist nur möglich, da China über
alle nötigen Rohstoffe selber verfügt: Kohle, Erdöl,
Erze.
Zudem verfügt China noch über einen entscheidenden Vorteil
gegenüber andern Billiglohnländern: ein praktisch unbegrenztes Angebot
an Arbeitskräften, das in einer Zeit, in der in anderen
Billiglohnländern die Löhne langsam zu steigen beginnen. In Schanghai
liegt der Durchschnittslohn 1997 bei 0.90 US-$/Stunde. China bekommt jedoch
immer mehr Konkurrenz vom sich öffnenden Markt in Vietnam, der mit noch
tieferen Löhnen lockt.
Dieses immense Wachstum wurde z.T. von den staatseigenen Betrieben
provoziert, die bewusst Verluste einfuhren, um die Preise senken zu können.
Zudem hat China einen hoch verschuldeten Finanzsektor, der die grösste
Hürde für ein nie dagewesenes Wachstum darstellt. Der chinesische
Staat gibt zu, dass die Banken praktisch pleite und ca. 20% aller Kredite faul
sind.
Chinas wachsende Industrie ist aber auch eine der dreckigsten. Schon jetzt
muss in China die Natur stark unter dem industriellen Boom leiden.
Regelmässig verschwinden einige Gebiete unter einer Smogglocke, welche
diese auf Satellitenbildern verschwinden lässt. Und bis im Jahr 2025 soll
China mehr Kohlendioxid ausstossen als die USA, Kanada und Japan
zusammen.
8. Zukunftsaussichten
Demographen gehen davon aus, dass Chinas Bevölkerungszahl bis Mitte
des 21. Jahrhunderts auf jeden Fall die von He Bochuan befürchtete
Schmerzgrenze von 1,5 Milliarden erreichen wird. Das würde bedeuten, dass
bis 2050 eine zusätzliche Menschenzahl versorgt werden muss, die der
heutigen Einwohnerschaft von Grossbritannien, Frankreich, Spanien, Italien,
Österreich und Deutschland zusammen entspricht. Aber auch, dass die
Bevölkerung aus Mangel an Nachwuchs allmählich überaltert und
dann in China 300 Mio. betagte Menschen leben werden – und zwar ohne den
Rückhalt traditioneller Familienstrukturen.
Angesichts der rasant wachsenden Wirtschaft, wird China in absehbarer Zeit
mit gewaltigen Umweltproblemen zu kämpfen haben, sofern es nicht sehr bald
strenge Umweltschutzgesetze einführt. Mit der fortschreitenden
Industrialisierung und Restrukturierung, die schon vielen den Arbeitsplatz
gekostet hat, ist den Städten, zusammen mit der Landflucht, ein neues,
gewaltiges Problem entstanden, welches eine Massenarbeitslosigkeit und
Wohnraumknappheit nach sich ziehen wird.
9. Quellenverzeichnis
- Prof. Dr. Böhm Dieter, et.al.; 1994: Cornelsen – Aktuelle
Landkarte, Nr. 10. Cornelsen Verlag. Berlin.
- Dr. Botskor Iván; Okt. 1997: Asian Pazifik, Nr. 14. Dr. Iván
Botskor GBR. Ulm.
- Brunhilde Staiger; 1980: China. Horst Erdmann Verlag für
internationalen Kulturaustausch. Tübingen, Basel.
- Engler Siegfried P., et.al.; 1980: Klipp und klar, 100x China.
Bibliographisches Institut Mannheim, Wien, Zürich.
- Franke Wolfgang; 1978: China Handbuch. Westdeutscher Verlag GmbH.
Opladen
- Klingholz, Reiner; 1994: Wahnsinn Wachstum – Wieviele Menschen
erträgt die Erde. Geo im Verlag Gruner und Jahr AG und Co.
Hamburg.
[1] Demographie: Wissenschaft
der Bevölkerungsentwicklung
[2] Neolithikum:
Jungsteinzeit
[3] der Gründung der
Volksrepublik nachfolgende Revolution gegen den Kapitalismus
[4] innerhalb der
Gebärmutter (Med.)
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