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AUGUSTINUS - Kirchenvater und Philosoph
Latein -
Spezialgebiet
AUGUSTINUS - Kirchenvater und
Philosoph
Übersicht:
1) Biographie:
a) Augustinus´ Jugendzeit bis zu seiner
Bekehrung
b) das bischöfliche Wirken des
Heiligen
2) Politische sowie gesellschaftliche Situation
im römischen Reich zur Zeit Augustinus´:
Die Krise des Christentums nach der
„Befreiung“ durch die Erhebung zur Staatsreligion
3) Irrlehren:
a) Manichäismus
b) Neuplatonismus
4) Gründung einer Priesterkongregation:
Augustiner Chorherren (Klosterneuburg)
5) Wirkung des Heiligen auf die Nachwelt:
a) die theologische Wirkung seiner
Schriften
b) die philosophische Wirkung
Augustinus´
c) die künstlerische Wirkung des
Heiligen
6) Werkübersicht:
Aufschlüsselung der inhaltlichen
Schwerpunkte sowie konkrete Titel
7) Sprache des
Augustinus´:
kurze Untersuchung der Sprache welcher sich
Augustinus bedient
Das Augustinische
Jahrhundert
Aurelius Augustinus, der am 13. November 354 geboren
wurde und am 28. August 430 starb gehört, wenn übehaupt noch in die
Antike, so in ihre letzte Phase, die sogenannte Spätantike. Nach Diocletian
und Constantin (306 - 337) hat sich das römische Reich neu konstituiert:
das oströmische Reich ist der älteste totalitäre Staat modernen
Stils. Dieses Reich wird durch Unterdrückung durch die herrschende Schicht
gehalten. (Augustinus erwähnt immer wieder die beunruhigenden Agentes in
rebus, die wahrscheinlich Gestapo-Agenten gleichkommen.) Gleichzeitig
bröckelt im 5. Jhdt. das römische Kaiserreich ab und zwar durch das
Abtrünnigwerden des Proletariats in manchen Gebieten, sowie durch dem
Ansturm der Barbaren von außen. (Als 56 jähriger erlebt Augustinus
wie die Festungen Roms von den Westgoten gestürmt werden.) Die Vandalen,
die später auch Augustinus` Bischofsstadt Hippo belagern sollen, ziehen
durch ganz Europa bis nach Spanien und Gibraltar und zerstören auch in
Nordafrika und Karthago die römische Herrschaft.
Doch Augustinus lebt auch in der Zeit in der das
Christentum mit der Bekehrung Constantins endgültig Staatsreligion geworden
ist. Doch auch damit sind nicht alle Probleme überwunden: die beiden
äußeren Enden der sozialen Skala, die Bauern und die Aristokratie
widerstehen immer noch der christlichen Idee. Auch das Eingreifen der
kaiserlichen Macht in kirchliche Angelegenheiten komplizierte die Dinge der
alternde Constantin, Constans und Valens entscheiden sich für diese oder
jene Fassung der arianischen Irrlehre und somit erlebt die Orthodoxie dunkle
Zeiten bis zur Zeit Kaiser Theodosius` der sehr katholisch ist.
Dennoch ist dieses 5. Jhdt. n. Chr. ein goldenes
Zeitalter der Kirchenväter, Mönche und Männer der Tat, die der
christlichen Literatur Klassiker schenken.
Augustinus` Leben und
Werk:
Aurelius Augustinus kommt am 13. November 354 in der
nordafrikanischen Kleinstadt Thagaste, dem heutigen Souk-Ahras zur Welt. Er ist
ein afrikanischer Römer. Es ist lateinischer Boden (d.h. Latein war nicht
nur seine Kultursprache sondern auch seine Muttersprache). Sein Vater Patricius
ist ein kleiner Grundbesitzer mit Sklaven und städtischer Beamter. Er
bleibt bis kurz vor seinem Tod, als er sich taufen läßt, den alten
römischen Göttern treu. Augustinus` Mutter Monica (oder auch Monnica)
hingegen stammt aus einer katholischen Familie und in diesem Sinne versucht sie
auch Augustinus zu erziehen. Der kleine Augustinus ist ein sehr aufgeweckter
Knabe, der in der in seiner Umgebung - Thagaste ist ein Handelsmarkt, den viele
Karawanen kreuzen und liegt in einer sehr eindrucksvollen, kraftvollen
Landschaft - Eindrücke sammelt, die er später in seinen Werken als
eindrucksvolle Bilder wiedergeben wird. Augustinus empfängt, wie es damals
üblich war nicht die Kindstaufe sondern nur eine Weihe, die ihn zum
Christwerden in den Mannesjahren vorbestimmt. Er wächst auf in dem
Zwiespalt zwischen Donatisten und Katholiken (den zwei größten unter
dem Namen "Christen" laufenden Strömungen der damaligen Zeit), sowie den
gesamten heidnischen Göttern, die hier in der Provinz immer noch das
Glaubensbild beherrschen.
Sein Vater Patricius beschließt, A. in die Schule
zu schicken, um ihm die Möglichkeit der Laufbahn als Lehrers oder
Rechtsanwaltes zu geben, die ihm im Dienste des Kaisers Wege zur Macht und zu
Reichtum eröffnen würde.
Für den spielfreudigen Knaben wird die Schule zur
unterdrückenden Last. Die Prügel durch den Lehrer sind Folter für
seine Seele. Später jedoch, als er auf die höhere Schule in Madaura,
einer Stadt unweit von Thagaste, geschickt wird, lernt er in dieser
lichtbefluteten Stadt ausgelassener Götterfeste den Lohn für seine
Mühsal mit der Grammatik kennen: der Zauber der großen Epopöen
von Äneas und Dido, von Odysseus und den Kämpfen um Troja. Homer wird
ihm verleidet durch das griechische, das er haßt, aber Vergil nimmt ihn
für Lebenszeit gefangen. In der Rhetorik überflügelt er die
anderen Schüler sehr bald, jedoch wird er zum Lieberhaber sinnlicher
Genüsse, der, als er mit 16 Jahren zu seinen Eltern heimkehrt (die
finanziellen Mittel des Vater reichen nicht aus) ein volles Jahr in erotischer
Dichtung und im Nebel seines Selbstgefühles verbummelt. In seiner
unbändigen Sinnlichkeit verdunkelt sich ihm wie selbstverständlich das
Auge für die Dinge des Geistes, an die seine Mutter
glaubt.
Die wirtschaftliche Bedrängnis zwingt Patricius ,
seinen Sohn für das weitere Studium einem reichen Bürger, dem
mäzenatisch gesinnten Romanian, zu empfehlen. Auf seine Kosten bezieht der
17-jährige die Hochschule von Karthago, um Rhetor und Anwalt zu werden.
Karthago, eine der fünf größten Städte des Kaiserreichs
(Rom, Antiochia, Konstantinopel, Alexandria), beeindruckt den Jungen vom Land
natürlich sehr. Diese Stadt, die einem Völkergemisch aus aller Herren
Länder Heimat bot mit stolzen Gefühl, römische Bürger zu
sein. Hier finden sich auch Religionen und Philosophien gewissermaßen zu
einem Jahrmarkt des Geistes zusammen. Augustinus genießt das Leben wie ein
flüchtig gewordener Sklave. Doch zwischen all den Theaterbesuchen, dem
Musizieren und dem Flirt bringt es der außergewöhnlich Begabte auch
in seiner Rhetorenschule bald zum Ersten, wie es den Hoffnungen seiner Eltern
entspricht. In dieser Zeit stirbt Augustinus` Vater und der Zuschuß
Monnicas zu den Leistungen des Romanian findet seine Grenze an den
Verpflichtungen gegen die Gläubiger ihres Mannes. A. indessen, der für
Geld auch Stunden gibt und Theaterstücke schreibt, hat auskömmlich zu
leben. Er tut sich mit einem Mädchen zusammen, einem, wie es scheint recht
vernünftigen, lebenstüchtigen Kind, mit dem er über 13 Jahre ein
Verhältnis betreibt, aus der auch ein Kind, ein Knabe hervorgeht, der,
obwohl ungewollt, doch den Namen Adeodatus bekommt. In dieser Beziehung, so kann
man es aus den Confessiones herauslesen, lernt A. die Defizite der
geschlechtlichen Liebe kennen. Die Lust im Spiel zwischen Vereinigung und sich
nicht vereinigen erfüllt das Letzte, nach dem der Eros strebt, nicht. Wie
dem auch sei, vorerst mag es dem jungen Literaten, der auch "Über das
Schöne und Angemessene" seine Gedanken niederschrieb, ein ästhetisches
Bedürfnis gewesen sein, sich tiefer auf die Welt des Geistes einzulassen.
Doch auch diese Fragen der Schönheit, werden sie weiter in die Tiefe
verfolgt führen unaufhaltsam ins Gebiet der Fragen, wo der Ästhetik
das Wort entzogen ist und so ermuntert sich der Neunzehnjährige an einem
Dialog des Cicero über die Weisheit - heute ist er verloren - im
Flüchtigen das Beständige zu ergreifen. Der Intellektuell beginnt,
Bücher nicht mehr nur nach ihrer Form sondern nach ihrem Inhalt zu lesen.
In dieser Zeit, wo er eifrig nach dem Weltgrund zu suchen beginnt, greift er
auch zur Bibel, wird aber, er, der Schöngeist, durch die Redeweise
abgestoßen. Er sieht sich auch die Kirche seiner Mutter an, aber das gar
so autoritäre Wesen stößt ihn ab, auch die Keuschheit, um die er
zwar an der Schwelle der Mannwerdung gebetet hat (jedoch mit der Bitte um
Aufschub), macht ihm zu schaffen. Was seine Mutter nach ihrem Ideal an diesem
Sohn erzogen hat, scheint vergeblich zu gewesen zu sein. In dieser Zeit,
befindet sich A. - in der unglaublichen Fülle der Lebensphilosophien, die
in Karthago angeboten werden - auf der Suche nach einer Lehre, die seine
Gedanken und Fragen beantworten soll. Er glaubt diese dann auch zu finden und
zwar in der Kirche des Mani, eines persischen Reformators der Lehre
Zarathustras, der gut hundert Jahren vor Augustinus sich selbst als den nach
Abraham, Zoroaster, Buddha und Christus als letzten himmlischen Sendboten
für die Erfüllung eines göttlichen Plans sieht. Seine Religion
stehen sich von Uranfang die Mächte des Lichtes und der Finsternis sich
gegenüber. In ihrem langen Kampf ist schließlich die lichte Materie
von der finsteren überwältigt worden und nun muß der lichte Teil
erlöst werden, eine Aufgabe die sich vor allem bei der Frau sehr schwer
gestaltet, da bei ihr das Finstere stark überwiegt. Die Vollkommenen und
Auserwählten legen das dreifache Siegel der Enthaltung an: auf den Mund,
der nicht unrein reden und den Genuß von Fleisch und Wein sich versagen
soll; auf die Hände, die auf Eigentum und gemeine Arbeit zu verzichten, auf
den Schoß, der sich Ehe und Geschlechtsverkehr zu versagen hat. Den
einfachen Hörern wird diese Strenge nicht auferlegt. War ihnen auch die Ehe
und Zeugung verboten, so nicht die unfruchtbare Lust des fleischlichen Umgangs.
Sie müssen jedoch immer wieder Fasten und Beten und alle erwarten sie den
Tag der kosmischen und sittlichen Scheidung von Licht und Finsternis. Dann
fällt die lichtlos gewordene Welt, von Engeln in Brand gesteckt, in Asche,
die Getreuen Manis aber gehen für ewig ins Licht des Himmels ein, die
andern in die Hölle, das Reich der vollen Finsternis.
Dieses Evangelium, für das Mani, der am persischen
Hofe nicht gern gesehen war, unter dem Haß persischer Priester am Kreuz
starb, drang im Osten bis nach China, im Westen so weit, als der römische
Name reicht, auch nach Karthago und tief, tief in die Seele Augustinus`. Er ist
Hörer bei den Manichäern als er sein Studium abschließt und aus
unbekannten Gründen der juristischen Laufbahn entsagt und in seine
Vaterstadt zurückgeht, während sein Mädchen in der zaubervollen
Stadt am Meer verbleibt. Als er nach Hause zurückkehrt, befindet er sich in
tiefem Zerwürfnis mit seiner Mutter, die inzwischen immer mehr in den
christlich Glauben eingedrungen ist. Alles Einreden auf ihn nutzt nichts, der
20jährige, stolze Intellektuelle spottet nur und wirbt sogar in Thagaste
weiter für den Manichäismus. Es kommt der Tag, wo die Mutter ihm das
Haus verschließt.
So wendet er sich an den Mann, der ihn schon einmal
unterstützt hat, als die Mittel des Vaters nicht ausreichten, seine
Ausbildung zu bezahlen, den großen Gönner Romanian. Dort verdient er
sein Geld als Lehrer der Familie und lebt das Leben in Saus und
Braus.
Monnica inzwischen betet und weint für ihren
"verlorenen Sohn". Als sie sich einmal sogar an den Bischof mit ihrem Anliegen
wendet, tröstet er sie mit den Worten: "Es ist nicht möglich,
daß ein Sohn solcher Tränen verloren geht."
Da gibt es plötzlich einen Umschwung in Augustinus`
Leben. Ein Freund von ihm erkrankt schwer an Fieber, erhält in seiner
Bewußtlosigkeit die Taufe (es war damals allgemein üblich, die
Erwachsenentaufe durchzuführen um möglichst rein von Sünden
sterben zu können) und wird wieder gesund. Augustinus aber spottet
über ihn und die Taufe, wie er es als Manichäer gewohnt war. Sein
Freund allerdings bietet ihm Parole und als er kurze Zeit später stirbt,
bricht für A. eine Welt zusammen.
Durch den Tod seines Freundes verliert Thagaste für
ihn seine heimatliche Geborgenheit. Nicht einmal die Villa seines epikurischen
Gönners kann ihn noch halten. 375 geht er nach Karthago zurück. Dort
verbringt er 8 schwere Jahre. Seine Freundin ist ihm inzwischen Mutter eines
Sohnes geworden, den er, obwohl ungewollt, "Adeodatus" nennt. Die Sorge, die er
jetzt für Mutter und Kind zu tragen hat, bringt ihn auch in wirtschaftliche
Bedrängnis und so sieht er sich gezwungen, einen Rednerschule zu
eröffnen, in der auch seine Freunde Alypius und Nebridius seine
Schüler werden. Daneben schreibt er fürs Theater und beschäftigt
sich mit Mantik, Magie und Astrologie. Doch einiges dieser okkulten
Wissenschaften beleidigte seine Nerven wie auch einiges aus der Lehre der
Manichäer beginnt ihn anzuwidern. Durch seine immer wiederkehrende Kritik
wird er ihnen sichtlich unbequem und so verweigern sie ihm die Aufnahme in den
Kreis der Erwählten.
Auch macht der Lehrer der Rhetorik in Karthago, der
Weltstadt nicht wirklich Furore und so, nach all diesen Enttäuschungen,
beschließt er nach Rom zu fahren um dort sein Glück zu versuchen.
Seine Mutter, die seit unbekannter Zeit auch bei ihm in Karthago wohnt, versucht
ihm abzuraten, doch stößt sie auf taube Ohren und beschließt
also auch weiterhin ihren Sohn zu begleiten. Augustinus aber will davon nichts
wissen und so trickst er die Mutter aus und reist ohne sie ab in die Stadt, in
die ihm schon sein Freund Alypius vorangegangen war. Dort in der Stadt aus Gold
und Marmor in der die Völker des Orient und Okzident in Luxus und Armut
sich durcheinander drängen, fühlt er sich nicht wohl. Alypius ist
inzwischen hoher Finanzbeamter geworden und Augustinus tut sich schwer, die
Vorlieben seines Freundes für Sklavenhetzen und Theaterspiele zu teilen. Er
selbst schafft es zwar eine große Schar von Schülern um sich zu
versammeln, doch bleiben die Hörer ihm, der ohne staatlichen oder
städtischen Auftrag hier unterrichtet das Honorar
schuldig.
Doch über Nacht tut sich dem innen und außen
verklemmten Dreißigjährigen eine helle Zukunft auf. Die Stadt Mailand
sucht nämlich um einen Rhetoriklehrer an und Augustinus, der sich sofort
bewirbt erhält tatsächlich die Stelle und wird in einem kaiserlichen
Wagen an seine neuen Wirkungsstelle gebracht.
Als er dort, der Inhaber einer öffentlichen
Professur, im Jahre 385 seine Antrittsrede hält, stellt er sich auch dem
katholischen Bischof der Stadt vor. Dieser aber war Ambrosius. Augustinus
spürt sofort das Wohlwollen dieses Kirchenfürstes, der gegen die
Heiden und Arianer kämpfte und so beginnt er, zuerst nur an der Form,
später auch an der Sache interessiert, sich dem Kreise Ambrosius` zu
nähern. Immer wieder sucht er das tiefe Gespräch mit dem Heiligen,
aber dieser ist viel zu beschäftigt um sich mit dem künftigen
Wortführer eines Jahrtausends eingehender zu unterhalten.
In einem Haus mit Garten lebt er zwischen Beruf und
Neigung zu Büchern und Menschen. Er hat seine Geliebte und seinen genial
erwachten Sohn zu sich geholt und auch ein ganzer Schwarm Verwandter sind ihm
nachgekommen; so beispielsweise seine Freunde Alypius und Nebridius und seine
Mutter. Diese, immer um das seelische wie weltliche Wohlergehen ihres Sohnes
besorgte, setzt ihm auch solange zu, standesgemäß zu heiraten um die
Möglichkeit auf eine weitere Beamtenlaufbahn in diesem offiziell
christlichen Staat zu sichern, daß er schließlich einwilligt und
seine Geliebte aus dem Hause verbannt. Seine Mutter führt ihm inzwischen
ein katholisches Mädchen aus reichem Hause zu, die ihm auch ihr Jawort
gibt. Die Hochzeit muß allerdings, da sie noch zu jung ist, um zwei Jahre
aufgeschoben werden. Augustinus, der die Einsamkeit nicht gewohnt ist, nimmt
sich derweil eine andere Frau zu sich ins Haus. Doch wird er die Erinnerungen an
seine einstige Geliebte nicht mehr los, die nach Afrika zurückgekehrt war
und so beginnt er wieder zu grübeln und zu trauern. Zu dieser Zeit sitzt er
oft mit seinen Freunden im Garten zusammen und sie diskutieren über die
Ehe, Ambrosius, die Philosophie des Epikur, der Skeptiker, und Agnostiker oder
über den Plan eines Laienkloster. Zu diesem Zeitpunkt, er ist gerade dabei
eine Lobrede auf den Kaiser vorzubereiten versetzt ihn plötzlich ein
betrunkener Bettler, den er auf einem Spaziergang durch die Straßen
Mailands trifft in grelle Selbsterkenntnis. Er muß realisieren, daß
dieser Mann mit seinen paar erbettelten Münzen sich in ein ebenso
wirkliches Glück gestürzt hatte, wie es ihm, dem gelehrten Philosophen
bei all seinem Reichtum gelang.
Da der mailänder Rhetor sich von berufswegen auch
mit den philosophischen Schriften der Vorzeit beschäftigt, stößt
er auf die Schriften des Plotin, der etwa hundert Jahre vor Augustinus einer der
größten Fortdenker der Lehre Platons war. Sein Jünger Porphyrius
hatte den Nachlaß veröffentlicht und die lateinische Welt las ihn in
der Übersetzung des Marius Viktorinus, eines vielbeschlagenen Redners und
Gelehrten, der im Greisenalter noch Christ geworden war und seinem Bewunderer
Augustinus mehr als nur Plotin vermittelt. Dieser Neuplatonismus schlägt
tief in das Innere von Augustinus hinein. Er rettet ihn vor seinen
hoffnungslosen Weltanschauungen und auch die Lehre der Manichäer, die ihm
immer undurchdringlicher erschienen war, löst sich jetzt auf und gleitet ab
an der Klarheit dieser neuen Sichtweise. Es war keine Zwiewelt mehr sondern ein
einiges All, das aus dem Einen ausfließt, dieses Eine das Ist, und in dem
das Böse nur ein Fehlen des Einen darstellt.
Platon-Plotin eröffnet Augustinus den Blick auf
eine neue, wirklichere Wirklichkeit, wofür dieser Gottes Gnade
dankt.
Zu dieser Zeit kommt greift er abermals zur Bibel und
jetzt bietet sich ihm ein viel verständlicheres Bild dar. Besondere Wirkung
auf ihn haben die Paulus-Briefe.
Die in ihnen gepriesene Entsagung dem Fleische, als
etwas nicht unrealisierbares faszinieren ihn und lassen ihn nicht mehr los. Er
erkennt jetzt, daß das leben um des Lebens Willen nicht genug ist, sondern
daß das Streben nach Wahrheit, der Wahrheit Jesu Christi sein
höchstes Ziel werden muß. Doch bei allen Geschichten und
Erzählungen über Bekehrung, die er hört versperren ihm immer noch
die "alten Freundinnen", seine Leidenschaften, den Weg dahin. Zu der Zeit
beginnt auch sein Beruf und das damit verbundene öffentliche Auftreten ihm
unangenehm zu werden und das nicht nur weil seinen Persönlichkeit einen
starken Wandel durchmacht, sondern auch weil es um seine Gesundheit nicht
besonders gut bestellt ist. Das mailändische Klima und die rauhe Nähe
der Alpen verträgt er nicht besonders gut. Auch die Roheit und Niedertracht
im gesellschaftlichen Leben des entarteten Kaiserreichs und das Aufkommen der
Barbaren nähren seinen Sehnsucht nach Ruhe und Fernsein von den Menschen.
Gerne zieht er sich jetzt in die Gotteshäuser zurück um dort zu
meditieren oder sich den liturgischen Gesängen sowie den Psalmen und Hymnen
des Ambrosius hinzugeben. Er beginnt zu beten.
Dann im Jahre 386, kurz vor der Weinlese reist ein
römischer Offizier, Pontizian, durch Mailand auf seinem Weg zurück in
seine afrikanische Heimat. So besucht er zufällig auch seinen Landsmann
Augustinus. Als er auf dessen Spieltisch die Paulusbriefe sieht, freut er sich
als Christ aufrichtig darüber und lenkt das Gespräch auf den damals so
populären Einsiedler und Wüstenvater Antonius. Im Zusammenhang damit
erzählte Pontizian auch über eines seiner eigenen Erlebnisse von der
Bekehrung zwei seiner ehemaligen Kameraden, die , nachdem sie Eremiten getroffen
hatten, sich sofort für ein solches Leben entschieden, alles
zurückließen sogar ihre Verlobten um sich nur mehr Gott und dem
Heiligen Geist zu widmen. Als Augustinus über diesen heroischen Bruch mit
den weltlichen Gütern hört wird er davon gepackt. Nachdem sich der
Gast verabschiedet und er mit Alypius allein ist, packt er ihn an der Schulter
und sagt:" Was muß ich leiden! Was soll das alles - wie leben wir dahin!
Hast du`s gehört: die Ungelehrten stehen auf und reißen den Himmel an
sich. Aber wir mit unserer Bildung - Bildung ohne Herz - , wir wälzen uns
in Fleisch und Blut, und wir vergehen nicht vor Scham!" Nach diesen Worten
stürmt Augustinus hinaus in den Garten, wo ihn der Freund auf der Bank
sitzend und weinend vorfindet. In ihm spielt sich der Kampf zwischen den "alten
Freundinnen" und der reinen Seele ab. Plötzlich springt er auf und wirft
sich unter einem Feigenbaum auf die Erde. Da vernimmt er auf einmal eine Stimme
die ihm zuruft: "Tolle, lege - tolle, lege" . Er hört auf zu weinen und
nimmt das Buch zu Hand, das gerade auf der Bank liegt - die Paulusbriefe. Er
öffnet es und liest: " Nicht im Fressen und Saufen, nicht in Schlafkammern
und Unzüchten, nicht in Hadern und Eifern - sondern ziehet den Herrn Jesus
Christus an und pfleget das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste."
Jetzt, im Alter von zweiunddreißig Jahren, entsagt
er sich den Frauen und ist bereit ein neues, reineres Leben zu
beginnen.
Augustinus ist nun fest entschlossen sein Lehramt
aufzugeben. Der an chronischer Bronchitis Leidende zieht sich geräuschlos
zurück auf ein kleines Besitztum eines Freundes, das windgeschützt,
südlich des Comosees lag. Dort zwischen den Wiesen und Wäldern
diskutiert und philosophiert er viel mit seinen Freunden (die ganze kleine
afrikanische Kolonie ist stets mit ihm gemeinsam unterwegs), wobei ein
Geschwindschreiber oft die Dialoge in Kurzschrift festhielt, welche Augustinus
später dann in literarisch gültige Schriften umschrieb. Es sind die
Frühwerke des Heiligen: "Gegen die Akademiker" , ein Werk in dem er sich
mit der Skepsis auseinandersetzt; "Vom wahren Glück" , in dem er die
Wichtigkeit des Erkennens Gottes beschreibt; "Über die Ordnung" , das
über die Stellung des Guten und Bösen in der göttlichen
Einrichtung der Welt erzählt; außerdem seine "Selbst - oder
Alleingespräche" oder das Werk "Kehre dich in dich selbst", eine Weisung
zum intellektuellen Schauen Gottes.
Nachdem er in aller Form vom städtischen Dienst
ausscheidet meldet er sich für Ostern 387 zur Taufe an. Zusammen mit ihm
wurden dann in der Osternacht dieses Jahres sein Freund Alypius und auch sein
Sohn Adeodat getauft. Bei anschließenden Beratungen über den Ort, wo
sie sich niederlassen sollten entscheidet das Heimweh Monnicas nach dem Grab
ihres Gatten, aber auch die Sehnsucht Augustinus nach dem Klima seiner Jugend,
daß die ganze Gruppe schließlich im Sommer 387 aufbricht um nach
Thagaste zurückzukehren. Doch bereits in Ostia, der Hafenstadt von der aus
das Schiff nach Afrika zurückgehen soll stirbt Monnica, von den Strapazen
des Landweges erschöpft.
Die Weiterreise verschiebt sich dann noch um fast ein
Jahr, das Augustinus in Rom mit literarischer Arbeit verbringt. Er schreibt
"Über das Leben in der katholischen Kirche", "Über das Leben der
Manichäer", "Über die Unsterblichkeit der Seele", "Über die
Größe der Seele" aber auch "Über Musik", in dem sich der
Ästhetiker mit Metrik und Rhythmus beschäftigt.
Im Spätsommer 388 fährt er schließlich
von Ostia über das Meer zurück in die Heimat. Nach kurzem Aufenthalt
in Karthago betritt er Thagaste, die Stadt seiner Kindheit. Dort verschenkt er
seinen Anteil am Gut des Vaters, das er mit seinen Geschwistern zu teilen hat
zugunsten der Armen und behält sich nur das Recht vor in einem kleinen
Hause vor der Stadt wohnen zu dürfen. Er richtet dieses zu einer Art
Kloster ein, in welchem er mit Adeodatus und einigen seiner Freunde lebt. Keine
feste Regel verbindet hier die enge Gemeinschaft unter seiner Führung. Fast
zwei Jahre lang studieren und beten sie hier gemeinsam. Hier führt er auch
die längst begonnene Schrift "Über die Musik" zu Ende. Auch die Werke
"Über die wahre Religion" und "Vom Lehrmeister", in dem Dialoge mit seinem
damals 16jährigen Sohn festhält, entstehen damals.
Doch die Zeiten werden unruhig. Das Anwachsen der
manichäischen Bewegung zwingt ihn zur Abfassung einiger polemischer
Schriften und die Hilferufe bekannter und unbekannter Menschen im Orient und
Okzident machen ihn zu einem rastlosen Briefschreiber, dem oft das Papier
ausgeht, sodaß er manchmal auf ganz elenden Zetteln schreiben muß.
In dieser Zeit, da er sein neues Leben gerade aufbaut sterben sein Sohn
Adeodatus und der geliebte Freund Nebridius. Doch durch seinen tiefen, gerade
erst gefundenen Glauben überwindet er auch diesen Schmerz.
Der Gottesmann in Thagaste erregt gegen seine Absicht in
der Nähe und Weite die Aufmerksamkeit auf seine Person. Als er eines Tages
nach Regio Hippo reist um jemanden in einer Glaubensfrage zu beraten greift das
Volk entschieden in sein Leben ein. Die Katholiken der Stadt werden
bedrängt durch die schismatische Partei der Donatisten, einer christlichen
Radikal-Bewegung. Der dortige Bischof Valerius war zu schwach und hatte schon
begonnen, nach Nachfolgern bzw. Hilfspriestern Ausschau zu halten. Als Valerius
dies wieder einmal predigt steht Augustinus zwischen den Hörern und als er
vom Volk als der Mönch von Thagaste erkannt wird, schleifen sie ihn mit
Gewalt vor Valerius hin und das Volk begehrt ihn zum Priester zu machen. (Damals
war es nach alter Sitte nämlich möglich, daß der Wunsch des
Volkes allein schon einen Mann zum Priester oder Bischof erwählen konnte.)
So wird Augustinus, der zu Tränen erschrocken war, alsbald zum Priester
geweiht und verlegt sein Kloster von Thagaste in ein Landhaus vor der Stadt.
Auch überträgt Valerius ihm das Amt der Predigt, das eigentlich nur
für den Bischof vorgesehen war. Trotz heftigen Einsprüchen bleibt es
dabei und so beginnt Augustinus in der Karwoche 391 seine Tätigkeit als
Prediger, die ihn weitere 40 Jahre noch, bis zu seinem Tode hin begleiten
sollte.
Neben der Predigt ist der Kampf gegen Häresie und
Schisma die zweitgrößte Pflicht des Priesters. Als zum Beispiel der
Manichäer Fortunatus in Hippo erfolgreich seine Propaganda betreibt, halten
selbst die Donatisten Augustinus für den einzig berufenen Anwalt der
gemeinchristlichen Abwehr dieser Gefahr. Auf einer zweitägigen,
öffentlichen Disputation vor vielem Volk, vor Notaren und Stenographen
setzt er im Sommer 392 seinen Gegner matt, so daß er, unfähig, die
katholische Lehre zu widerlegen und die Wahrheit der seinigen zu erweisen, die
Stadt verlassen muß. Darüber hört der Kampf gegen die Donatisten
freilich nicht auf.
Das dritte Wirkungsfeld Augustinus` liegt in der Enge
seiner klostermäßigen Behausung.
Durch all dies wird der Presbyter natürlich immer
mehr bekannt und Valerius beginnt sich zu fürchten, daß ihm dieser
einzigartige Mann weggenommen würde. Deshalb läßt er ihn vom
Primas von Numidien im Jahre 396 zum Mitbischof weihen und nach seinem Tod wird
Augustinus Bischof von Hippo.
In den Jahren 397 und 398, also ein reichliches
Jahrzehnt nach seiner inneren Wandlung schreibt er seine Bekenntnisse. Dieser
Titel "Confessiones" ist im doppelten Sinn des Wortes zu verstehen, des
Bekennens der Schuld und des Sichbekennens zu Gott. Augustinus berichtet vor
aller Welt seine Vergangenheit, und hymnisch dankt er dem Beweger und Begnader
seines Lebens, dem Erwecker des ewigen Teils seines Wesens, dem Erwähler
und Erretter aus der Masse der Verwerfung.
Doch neben dem Verfassen dieses Werkes sind seine
Aufgaben in der Gemeinde sehr vielfältig und nehmen in sosehr in Anspruch,
daß das Verfassen seiner weiteren großen Werke wie "Über die
Dreieinigkeit" oder "Über den Gottesstaat" über vierzehn und sechzehn
Jahre seiner zersplitterten Kraft in Anspruch nehmen. Er betreibt
unermüdlich Seelsorge, kümmert sich um die Nöte der Armen und der
Bauern, predigt gegen die heidnischen Verfälle und betreut nebenbei auch
noch sein Kloster, aus dem später noch viele Bedeutende Männer
hervorkamen. Immerwährend auch ist sein Kampf gegen die Manichäer,
gegen die Donatisten, eine radikale, christliche Sekte, die teilweise mit Gewalt
gegen Andersgläubige auftrat, sowie später (nach einem Konzil von
Karthago 404 wurden die Donatisten verfolgt und über alle - gegen den
Willen Augustinus` - die Todesstrafe verhängt, sodaß sie sich bald
auflösten) gegen die Pelagianer unter der Führung eines
Laienmönches Pelagius. Ein Kampf der sehr heftig geführt wird und den
er später gegen den Bischof Julian von Eklanum, dem Systematiker dieser
Irrlehre weiterführt. In all diesen Auseinandersetzungen gerät
Augustinus selbst manchmal in die Gefahr sektirerisch-besessen seine Meinung zu
vertreten und nur seinem so offenen Geist ist es wohl zu verdanken, daß
dies nicht geschieht.
Im Jahr 426 vollendet Augustinus sein 22-bändiges
Werk "Der Gottestaat" und verkündet, zweiundsiebzigjährig, seiner
Gemeinde , daß er den Priester Heraklius zu seinem Nachfolger bestimmt
habe. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er tätig bis zum
Schluß und beginnt auch noch ein Buch der Rückschau auf sein
literarisches Wirken. Zu dieser Zeit beginnen die Vandalen durch die Schuld des
Statthalters der Provinz, das römische Afrika zu überziehen. Nach
einem kurzen Waffenstillstand, den ein zur Ordnung gesandter kaiserlicher
Feldherr erwirkt, beginnen 430 die Horden unter Genserich ihr Wüten aufs
neue. Hippo wird zum Flüchtlingslager, in dem Augustinus viele Menschen
betreut. Als auch Hippo belagert wird, im dritten Monat schon, wirft ihn das
Fieber auf sein Sterbebett. Die letzten zehn Tage bittet er sich völlige
Einsamkeit aus und liest nur mehr die Bußpsalmen Davids. Endlich, am 28.
August 430, findet sein Herz die Ruhe.
Die Nachwirkung seiner Schriften und seiner Person sind
wohl gar nicht zu ermessen. Fast jeder Philosoph nach seiner Zeit setzte sich
mit ihm auseinander und selbst viele Staatsmänner wie zum Beispiel Karl der
Große wurden durch seine Schriften geleitet.
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