|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Handke, Peter: Wunschloses Unglück
Handke, Peter: Wunschloses Unglück
walter-ludwig skolud <waluliso@gmx.net>
Titel: Wunschloses Unglück
Autor: Peter Handke
Der Erzähler liest zufällig in der Kärntner Volkszeitung den
Vermerk, daß seine Mutter Suizid verübt hat. Er hat nach einer
gewissen Zeit das Bedürfnis über sie eine Biographie zu schreiben, da
er meint dies besser zu können wie ein unpersönlicher Journalist. Er
ist sich aber der Schwierigkeit bewußt, nicht in Kitsch und Klischee zu
verfallen:
Seine Mutter wuchs in einer ländlichen Gegend auf, wo fast noch die
Zustände zur Zeit der Leibeigenschaft herrschten. Sein Großater,
slowenischer Abstammung und Zimmermann war war einer der ersten die sich einen
gewissen Besitz erworben hatten. Doch der Gedanke etwas zu besitzen war so
befreiend für ihn, daß er noch mehr besitzen wollte, und so sparte.
Er verlor das Ersparte durch die Inflation, was ihn nicht hinderte weiter zu
sparen. Sein Sohn, als Vertreter der nächsten Generation, investierte, und
amüsierte sich mehr. Die Frauen in der Zeit hatten aber keine Zukunft - sie
waren verdammt in den Dorf zu bleiben wo sie aufgewachsen sind - Bildung war
für Frauen eine unbedeutende Nebensache. Seine Mutter war eine sehr begabte
Schülerin, und eine fröhliche Person. Da sie ihr Vater nicht
weiterlernen ließ, ging sie mit 15 von zu Hause weg, in ein Hotel wo sie
bald Hauptköchin wurde. Sie wurde umschwärmt, genoß zum ersten
Mal das Stadtleben, war sogar im Ausland. Da sie sich nicht für Politik
interessierte genoß sie den Jubel, die Feste, beim Anschluß
Österreichs an Deutschland. Sie genoß die GEMEINSCHAFTSERLEBNISSE -
selbst das automatische Arbeiten wurde sinnvoll als Fest. Der Rhythmus artete
zum Ritual aus, "Gemeinsinn geht vor Eigensinn", so war man plötzlich
überall zu Hause, hatte viele neue Bekannte. Sie war nun zum ersten Mal
stolz, weil alles was man tat irgendwie wichtig war.In dieser Zeit wurde sie
selbstständig - selbst der beginnende Krieg brachte zuerst nur das Erlebnis
von Entfernungen und einer sagenhaften Welt. Und so verliebte sie sich in einen
verheirateten Zahlmeister, leistete ihm Gesellschaft. Er war viel älter als
sie, klein, glatzköpfig. Von ihm bekan sie auch schließlich Peter.
Vor der Entbindung heiratete sie eine UO der Deut. Wehrmacht. Sie wollte ihn
nicht, brauchte aber einen legitimen Vater. Während des Krieges lebte sie
wieder auf dem Land; mußte ihr Eigenleben aufgeben. Die Gesellschaft lebte
jeden nur alles zum Beispielnehmen vor. Nach dem Krieg fuhr sie wieder nach
Berlin zu ihrem Mann, der sich ihrer gar nicht mehr entsinnen konnte. Sie lebten
aber wieder zusammen, sie gingen aus, ihre alte Selbstständigkeit kam
wieder. Sie lebte auf, wurde aber trotzdem nichts. Sie trieb sich zwei Kinder
ab. Schließlich verläßt die Familie (2Kinder) den Ostsektor
ohne Papiere. Die Probleme mit den russischen Grenzern wendet die slowenisch
sprechende Mutter ab. Schließlich sind sie in Österreich bei ihrer
Familie. Ihr Mann wird eingestellt, sie selber bekommt ihr drittes Kind. Die
Leute im Dorf werden als unpersönliche Menschen beschrieben, wo jede
Individualität Luxus war. Die Menschen gingen in einem Gemisch aus
Tradition, Brauchtum, gue Sitten und Riten der Religion auf, waren
schließlich erwartungslos. Mehr war schon eine Art Unwesen. Selbst zu
Weihnachten überraschte man sich gegenseitig mit dem Notwendigsten - und
meinte man habe sich gerade das gewünscht. Der Mann schlug sie mittlerweile
- sie lachte ihn aus. Die Familie war arm - doch das eigenartige ist, daß
alle Menschen in der Gegend arm waren, sich trotzdem genierten. Dieses Verhalten
wurde schon den Kindern in der Schule beigebracht - die Armut sollte reinlich
und formvoll sein. Proletarier die wenigstens ein Selbstbewußtsein
entwickelt hatten gab es in dieser Gegend nicht. Als sich schließlich
moderne Haushaltsgeräte durchsetzten, war wußte man zuerst gar nicht
was man mit der Mehrzeit tun sollte. Die Mutter jedenfalls fand langsam wieder
zu sich zurück, sie las Bücher mit Peter, lernte so über sich zu
reden. Sie interessierte sich auch zunehmends für Politik. Sie hatte
weiters keine Hobbys, wurde schließlich schwer depressiv, verstört.
Schließlich fuhr sie zu einem Nervenarzt, dieser stellte einen
Nervenzusammenbruch fest, verschrieb ihr eine Medizin, Abwechslung eine Reise.
Sie fuhr nach Jugoslawien.Danach verfiel sie wieder: Das bloße Existieren
wurde zu einer Tortur. Sie dachte zwar öfters ans Sterben, doch grauste ihr
gleichzeitig davor. Kurz vor ihrem Selbstmord schrieb sie allen ihren
Angehörigen Abschiedsbriefe, besorgte sich Schlaftabletten. Sie mischte
ihre Schlaftabletten mit ihren restlichen Antidepressiva...
Peter war schließlich stolz weil sie dazu stark genug war, sich nicht
von den Menschen, der Tradition, fertigmachen ließ, sondern ausbrach. Da
sie keine andere Möglichkeit mehr hatte wählte sie dieses
Mittel.
Diese Frauenbiographie deren literarischer Geschmack am Realismus
orientiert ist, läßt meinen daß ein avantgardistischer Autor
wie Handke, sich rückentwickelt hat. Näher betrachtet bemerkt man,
daß Handke Person und Struktur, persönliches Erzählen und
Reflexion auf Sprache als gesellschaftliche Form, auf Strukturen des Sprechens,
vom einfachen Satz bis zur literarischen Gattung verbindet, und damit eine
gewisse Dialektisierung gegeben ist.
Trotz des unpersönlichen Titels erhält die Mutter und ihr
Selbstmord Eigengewicht. Die Tatsachen sind so übermächtig, die Mutter
keine Kunstfigur. Am Ende bekennt der Erzähler, daß ihm die sonst
gewohnte "ästhetische Befreiung", die schreibende Bewältigung zur
"Kunstfigur" nicht gelungen ist.
Am Anfang hält sich Handke noch an die Muster konventionellen
biographischen Erzählens: Ort - Familie - Mutter. Dann aber reißt der
rote Faden ab, bestimmend wird der Rhythmus von Anpassung und Auflehnung:
Eigenwille/Einordnung - erste Liebe/Pflichtehe - Stolz im Elend in
Berlin/Anpassung daheim - mögliche Hauptperson einer einmaligen
Geschichte/typisiertes, klischeehaftes Leben - kleine Trostfetische/Schema
bürgerlicher Lebensführung - Lesen, Entdeckung des "Ich"/Krankheit
beschädigtes, zerbrochenes Leben - Schreiben, Selbstformulieren/der
große Fall, Selbstmord. In diesem Wechsel zeichnet sich eine ansteigende
Linie der Emanzipation, wenngleich die Linie des zerbrechenden Lebens
proportional absteigt. Gleichzeitig bringt der Erzähler gewisse
Individualität in den Text ein, da es ja seine Mutter ist. Durch diese
Balance aus individuellen und verallgemeinernden Erzählen entsteht eine
Parabel. (vgl. "Kaspar" und "Das Mündel will Vormund sein") Handke zeigt
wie Sprache "Lebensform", d.h. Form des Denkens, Handelns ist, und damit
gesellschaftliche Herrschaftsform, ausgeübte und erlittene Beherrschung
ist. Hanke zeigt das indem er mit Klischees aus der Sprache der
Schulaufsätze und Werbung spielt. (die heimeligen Beiwörter sind
unheimliche Signale der sprachlichen und menschlichen Entfremdung)
Als die Mutter zu lesen und literarisch zu vergleichen beginnt, hält
ein literarischer Vergleich ihre Situation und das Verhältnis des Sohnes zu
ihr prägnant fest: (Bsp.: Sie Heizer, Er: Rossmann; in Kafka) Der Sohn hat
ihr, wie Rossman, geholfen, spricht auch für sie, aber alles war irgendwie
erfolglos. Diese Stelle verbindet den Schlussatz "Später werde ich
genaueres schreiben", da der Sohn zum literarischen Erben gemacht wird, da er
ihr bei den literarischen Befreiungsversuchen assistiert hat, ohne sich dabei
entlastet zu fühlen.
Es ergibt sich ein funktionaler Zusammenhang zwischen Inhalt und
Schreibstil:
So entsteht eine Schreibweise zwischen formalen Realismus und den nicht zu
Ende geführte Versuch auszubrechen(seitens der Mutter, bzw. des
Schreibstils). Das Werk soll weiters nicht nur Mitleid erregen, sondern zeigt
behinderte und verschüttete Möglichkeiten der
Selbstverwirklichung.
Zu Problematik Realismus kontra Formalismus (arealistisch):
Die weiterentwickelten Theorien Brechts und Lukacs (Verfremdung,
Weiterentwicklung der Form) zeigen nur, daß man den Realismus im Sinne der
ästhetischen Erfassung unbedingt weiter entwickeln muß. So meint auch
Handke, daß er sich in jedem literarischem Werk neue Information, bzw.
eine Veränderung, Erweiterung seines Bewußtseins erwartet. Deswegen
ist er auch überzeugt, daß er andere Menschen ändern kann - als
Autor reichen ihm die bekannten Möglichkeiten die Welt darzustellen nicht
mehr. Aber er betont die Bedeutung der individuellen Abweichung und
Veränderung, was ihm den Vorwurf der "deutschen Innerlichkeit" eingebracht
hat. So verwischen sich schließlich die Grenzen zwischen Formalismus und
Realismus.
Wunschloses Unglück liefert ein Beispiel, daß das was sich
Realismus nennt, oft weit vom realen Anlaß entfernt ist. Der
Realismus-Anspruch besteht nicht allzu oft vor allem in feiner
Übereinstimmung mit einer vorgegebener, dogmatischen Ideologie. Und das,
was schließlich formalistisch bezeichnet und verurteilt wird, ist oft dem
realen Anlaß, einer erstarrten und doch veränderbaren, einer
geschlossenen und sich öffnenden Wirklichkeit näher.
|