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Bachmann, Ingeborg: Das dreißigste Jahr
Projekt “Literatur des 20.
Jahrhunderts”
Ingeborg
Bachmann
“Das dreißigste
Jahr”
Facharbeit von Sarah
Holz
Deutsch LK
Janusz-Korczak-Gesamtschule,
Neuss
13.1., Schuljahr 1998 / 99
Die nachfolgende Arbeit entstand als sogenannte Facharbeit im Schuljahr
1998/99 im Rahmen des Leistungskurses Deutsch der 13. Jahrgangsstufe der
Janusz-Korczak-Gesamtschule in Neuss. Mit Genehmigung der Schulaufsicht wurde
die zweite Klausur des ersten Schulhalbjahres durch diese Facharbeit
ersetzt.
Die fachlichen Grundlagen für die Realisation dieses
Projektes wurden durch die bisherige gemeinsame Arbeit gelegt:
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Kurshalbjahr
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Kursthemen, Unterthemen
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11/2
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- Die Rolle der Liebe und
von Partnerschaft im gesellschaftlichen Gefüge: Liebeslyrik in
verschiedenen literarischen Epochen an ausgewählten Beispielen
- Text und Wirklichkeit: der
Roman und die Novelle am Ende des 19.
Jahrhunderts
Fontane “Effi
Briest” und Keller “Romeo und Julia auf dem
Dorfe”
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12/1
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- Der
Aufklärungsgedanke im bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts am
Beispiel von:
a.) G. E. Lessing
“Nathan der Weise”
b.) Friedrich Schiller “Kabale und
Liebe”
- Der
Aufklärungsgedanke in der Literatur des 20. Jahrhunderts am Beispiel
von:
a.) Bertold Brecht “Das Leben des
Galileo Galilei”
b.) Max Frisch “homo faber”
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12/2
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- Die Wandlung des
Realitätsbegriffes in der Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts am
Beispiel von Franz Kafka
- Die Kurzgeschichte (bes.
nach 1945) als Widerspiegelung zeitgeschichtlicher Entwicklungen und
geistesgeschichtlicher Strömungen
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13/1
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- Die Weimarer Klassik am
Beispiel von Goethes “Faust I”
- Die Kunsttheorie der
Klassik
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Die Facharbeit wurde realisiert im Rahmen des Unterrichtsvorhabens
“Projekt: Literatur des 20. Jahrhunderts”: Aus einer vorgegebenen
Liste von Titeln der (deutschsprachigen) Literatur des 20. Jahrhunderts hatte
jede Schülerin / jeder Schüler einen Titel zu wählen, wobei es
möglich war, selbst Autoren bzw. Werke vorzuschlagen, die in der Liste
nicht erfasst waren. Es durfte allerdings kein Autor von zwei Schülerinnen
/ Schülern zugleich bearbeitet werden. Die Gesichtspunkte der Untersuchung
des gewählten Werkes waren vorgegeben: Sie spiegeln sich in den
Kapitelüberschriften wider.
Es war darüber hinaus Auflage, die Facharbeit - formatiert nach
vorgegebenen Kriterien - auf Diskette und als Ausdruck vorzulegen. Jeder
Schülerin / jedem Schüler stand ein Beratungstermin für seine
Facharbeit zur Verfügung: Bei dieser Gelegenheit konnte man sich
Hilfestellungen und Tipps holen.
Ins Internet gestellt wurden die Arbeiten, welche mit der Note
“ausreichend” und besser bewertet wurden. Bis auf drei
zufällige Ausnahmen wurden alle Arbeiten (ähnlich wie bei
Abiturarbeiten) nicht nur von mir, als dem Fachlehrer, sondern von Kolleginnen /
Kollegen als “Zweitkorrektoren/Innen” beurteilt. (Die dabei
feststellbaren Abweichungen in der Bewertung waren in der Regel gering und nur
in einem Fall gravierend: Die Zweitkorrektorin bewertete - zutreffend - eine
Arbeit mit “mangelhaft”, im Unterschied zu mir, der ich
zunächst “ausreichend” erteilt hätte.) Insgesamt erwies
sich, dass die Erstellung einer solchen Facharbeit ein Leistungsvermögen
erfordert, das unter gewissen Gesichtspunkten höher ist als das bei einer
“normalen” Klausur.
Über die Home-page der Schule (unter der Adresse
http://www.jkg-neuss.de)
bzw. unter der Email-Adresse der Schule
( popjkgs@pop-gun.de) oder unter der
Email-Adresse des verantwortlichen Lehrers
( bialke@online-club.de) können
weitere Informationen eingeholt und - was durchaus erwünscht ist -
Kommentare abgegeben werden.
gez. Bialké
(Kursleiter)
1. Inhalte
1.1. Die Darstellung der
Thematik
In den sieben Erzählungen, aus den Jahren 1956 und
1969, im Band “Das dreißigste Jahr”, von Ingeborg Bachmann,
geht es niemals nur um ein Schicksal oder um eine Handlung.
Die Autorin schafft es durch ihre bildhafte Sprache
alles über die Liebe, die Menschen und die Verzweiflung zu
sagen.
Die Gestalten sind alltäglich und doch von
mythischer Ausstrahlung. Denn ihnen ist eines gemeinsam: Sie stellen immer
Menschen dar, die sich entweder in einer Existenzkrise oder aber in einer
Grenzsituation, in einem Konflikt zwischen Leben und Tod
befinden.
Die Erzählungen enthüllen das Gesetz des
Krieges, nicht nur in der Kriegszeit selbst, sondern auch in der Zeit vor und
nach den Kriegen.
Weitere Themen sind die Zerstörung von
Gefühlen, die Unterschiede zwischen Mann und Frau, bezogen auf Beziehungen
und Gefühlszustände, sowie das Verhältnis von Recht und Unrecht
im zwischenmenschlichen Bereich.
1.2. Skizze der Inhalte
Jugend in einer österreichischen Stadt
Die erste Erzählung in diesem Buch, beschreibt die
Auswirkungen des Krieges aus autobiographischer Sicht.
Dabei stellt die Autorin die Kinder, die zu dieser Zeit
leben (bewusst) in den Vordergrund.
Sie beschreibt mit bildlicher Sprache, wie die Kinder
die zerstörte Welt um sich herum aufnehmen und realisieren. “Die
Kinder flicken ihre Sprungseile, weil es keine neuen mehr gibt, und unterhalten
sich über Zeitzünder und Tellerbomben. Die Kinder spielen. Lasst Sie
Räuber durchmarschieren in den die Ruinen, aber manchmal hocken sie nur
da, starren vor sich hin und hören nicht mehr drauf, wenn man sie “
Kinder” ruft.” (Bachmann, S.14)
Durch die verlorene Übereinstimmung mit sich selbst
und ihre innerliche Trauer, entwickeln sie eine eigene
Sprache.
“Die Kinder sind verliebt und wissen nicht in
wen. Sie kauderwelschen, spintisieren sich in eine unbestimmbare Blase, und wenn
sie nicht mehr weiterwissen, erfinden sie eine eigene Sprache, die sie toll
macht. Mein Fisch. Meine Angel. Mein Fuchs. Meine Falle. Mein Feuer. Du mein
Wasser. Du meine Welle. Meine Erdung. Du mein Wenn. Und du mein Aber. Entweder.
Oder. Mein Alles...mein Alles... . Sie stoßen einander, gehen mit
Fäusten aufeinander los und balgen sich um ein Gegenwort, das es nicht
gibt. Es ist nichts. Diese Kinder!” (Bachmann
S.12)
Das dreißigste Jahr
Thema in dem zweiten Kapitel ist die Lebenskrise eines
jungen Menschen, der mit dreißig Jahren eine erste Bilanz seiner Existenz
zieht.
Bisher hatte er einfach von einem Tag zum anderen
gelebt, doch plötzlich erkennt er, dass ihm nicht mehr alle
Möglichkeiten offen stehen.
Aus diesem unmittelbaren Grundkonflikt entwickelt die
Autorin Ingeborg Bachmann das Portrait eines jungen Mannes, der eine
Identitätskrise auf seine ganz eigene Weise verarbeitet und diese am Ende
überwindet.
Er löst sich zunächst aus seinem bisherigen
sozialen Umfeld und begibt sich auf Reisen. Die intensive Konfrontation mit sich
selbst und der eigenen Vergangenheit lässt die Spannung stetig
steigen.
Der Höhepunkt ( Katharsis ) dieser Erzählung
ist ein Verkehrsunfall. Erst durch die direkte Berührung mit dem Tod eines
anderen, des Fahrers des Unfallwagens, gewinnt der Protagonist seinen verloren
geglaubten Lebenswillen ebenso plötzlich zurück, wie er ihm abhanden
gekommen war. “Endlich sagte er sich: Ich lebe ja, und mein Wunsch ist
es, noch lange zu leben. Das weiße Haar, dieser helle Beweis eines
Schmerzes und eines ersten Alters, wie hat es mich nur so erschrecken
können? Es soll so stehenbleiben, und wenn es nach ein paar Tagen
ausgefallen ist und so rasch kein anderes mehr erscheint, werde ich doch einen
Vorgeschmack behalten und nie mehr Furcht empfinden vor dem Prozeß, der
mir leibhaftig gemacht wird. Ich lebe ja!” (Bachmann,
S.59)
Alles
Eine Grenzsituation, ein Konflikt zwischen Leben und
Tod, ist auch Gegenstand dieser Erzählung.
Der Protagonist, ein junger Vater, tritt innerlich aus
seinem förmlichen, vorgegebenen Leben aus, um am Ende nichts anderes als
die reale Unmöglichkeit seines alleinigen Austritts aus der Gesellschaft
einzusehen.
Die Geburt seines Sohnes ist für den Protagonisten
Anlaß zum Nachdenken: Während der Entwicklung des Jungen, bemerkt der
Vater die professionelle Vorbereitung auf ein Überleben in der - nach
seiner Meinung – schlechtesten aller möglichen
Welten.
Diese Erkenntnis erschreckt den Vater so, dass ihm
ebenso bewusst wird, dass das Kind nicht die geringste Möglichkeit hat, aus
diesem vorgegebenen Kreislauf auszubrechen. Durch die Wiederholung immer
gleicher Muster bestätigt das Kind seinen Vater in dessen vollkommen
hoffnungsloser Weltsicht.
Erst mit dem plötzlichen Unfalltod des Kindes,
erhält die Erzählung ihre entscheidende Wendung. Der Vater nimmt
seinen toten Sohn und damit die Widersprüchlichkeit der menschlichen
Existenz an.
Erst in dem Moment, in dem er gnadenlos auf seine
Hoffnung verzichtet, wird ihm das Leben möglich.
Unter Mördern und Irren
Auch die vierte Erzählung hat beunruhigende
Erfahrungen, ja Grenzsituationen der menschlichen Existenz zum
Thema.
“Unter Mördern und Irren” erzählt
von der österreichischen Nachkriegsgesellschaft auf der Basis totaler
Verdrängung der Vergangenheit.
Zugleich, die gestörte Beziehung zwischen Mann und
Frau, die in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Weiterleben des
faschistischen Weltbildes in den Köpfen der Männer gesetzt
wird.
Ebenso wie im “Dreißigsten Jahr” und
in “Alles” wählt Ingeborg Bachmann auch hier einen
männlichen Ich – Erzähler.
Die vier älteren Herren, angesehene Bürger
ihrer Stadt, die sich wöchentlich zum Stammtisch treffen, haben die
faschistische Einstellung, in deren Geiste sie erzogen wurden und in deren
Geiste sie während des Krieges handelten, mit zunehmenden Alter nicht
überwunden, sondern sie lediglich geschickt verfeinert.
Durch Anpassung haben sie sich ihre sozialen Positionen
auch nach dem Krieg erhalten können. Doch die gesellschaftliche Gegenwart
beruht auf einer Lüge
Während die Männer sich nach Feierabend
gegenseitig in ihrem Weltbild bestätigen, bleiben ihre Frauen mit all ihrem
Kummer und all ihren Sorgen alleine zu Hause. Einfühlsam beschreibt die
Autorin hier den genauen Gefühlszustand der Frauen. (vgl. 2.2.)
Ein Schritt nach Gomorrha
Im Gesamtwerk Ingeborg Bachmanns nimmt diese
Erzählung den Platz ein, von dem aus nun die weibliche
Erzählperspektive ihren Anfang nimmt.
Die Hauptrolle spielen hier die Musikerin Charlotte und
das Mädchen Mara.
Im Anschluss an ein Fest, das in Charlottes Wohnung
stattgefunden hat, bleibt die Gastgeberin allein mit dem Mädchen, wobei
dieses keinerlei Anstalten macht zu gehen. Die Begegnung der beiden Frauen in
der nächtlichen Wohnung wird für Charlotte zu einer intensiven
Begegnung mit sich selbst. Im Begehren des Mädchens und in der eigenen,
instinktiven Abwehr gegen das Begehren des eigenen Geschlechts erkennt sie die
Brüchigkeit der allgemeinen bürgerlichen Ordnung, in die sie als
verheiratete Frau fest eingebunden ist. Sie realisiert nun die
Oberflächlichkeit ihres bisherigen Lebens und die eigene Feigheit, die ihr
den Ausbruch aus dem Rahmen ihrer Existenz niemals gestatten
wird.
In Maras bedingungsloser Unterwürfigkeit erkennt
Charlotte ihr eigenes Verhalten in Bezug auf ihren Mann wieder. Ein Entrinnen
aus dem Kreislauf von Herrschen und Beherrschtwerden durch die Entfaltung einer
starken, weiblichen Identität erscheint völlig aussichtslos.
Ein Wildermuth
In der sechsten Erzählung geht es um nichts anderes
als die Wahrheit.
Wahrheit, Gesetz, Sprache, das sind die Grundsätze
des Vaters, mit denen er seinen Sohn erzieht.
“Ein Wildermuth wählt immer die
Wahrheit.” (Bachmann, S. 137). An diesen Satz, den er von
seinem Vater, dem Lehrer Anton Wildermuth, so oft gehört hatte, dachte der
Richter Anton Wildermuth, während er die schwarze Kutte
ablegte.
Der Vater “war der Erfinder des Wortes ,wahr in
allen seinen Bereitschaften, mit allen seinen Verbindungs- und
Verknüpfungsmöglichkeiten.” (Bachmann, S.
150)
Somit ist sich auch der Richter seines eigenen Wollens
bewusst: “Mit der Wahrheitsfindung bin ich befasst, und nicht nur von
Berufs wegen bin ich mit ihr befasst, sondern weil ich mich mit nichts andrem
befassen kann.” (Bachmann, S.160)
In einem Prozess gegen den Vatermörder, der
“zufälligerweise” Wildermuth heisst, obwohl kein
Verwandtschaftsverhältnis vorliegt, kommt, in der Konfrontation mit dem
eigenen Namen, eine weit tieferliegende Verwandtschaft mit dem Mörder des
Vaters an den Tag. Beim Studium der Gerichtsakten, wo er wieder und wieder
seinen eigenen Namen lesen musste, und erst recht beim Anblick des Angeklagten
entsteht beim Richter ein merkwürdiges Gefühl.
Im krassen Gegensatz zu den beiden männlichen
“Wahrheitsliebenden”, stehen sowohl die Mutter des Richters, als
auch seine eigene Geliebte Wanda. Die Mutter war, im Gegensatz zur
protestantischen Tradition der väterlichen Seite, eine Katholikin, aber
eine, die nie zur Kirche ging. Somit konnte sie sowieso nicht Wissen, was der
Wahrheit entsprach und hielt in Bezug dessen auch gerne zurück. Auch seine
Geliebte Wanda nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau und erzählt eine
Geschichte auch gerne mal in vier verschiedenen Versionen.
Erzähltechnisch gibt es einen Wechsel von objektiv
auktorialem Erzähler (im ersten Teil der Erzählung) zur subjektiven
Ich -Perspektive (im zweiten Teil).
Undine geht
Undine, die Wasserfrau, Inkarnation der
Entgrenzung.
Für die siebte und damit auch letzte Erzählung
in dem Buch “Das dreißigste Jahr”, ist es unmöglich eine
Inhaltsangabe zu verfassen.
Diese Erzählung hat keine direkte Handlung, in der
Personen miteinander interaktiv sind oder sich ein bestimmter Handlungsverlauf
kennzeichnen lässt.
Das Geschriebene ist vielmehr die Klageschrift einer
sensiblen, gefühlsbetonten, von Männern verletzten Frau, der diese
Erzählung dazu dient, sich über den Schmerz, den ihr das
männliche Geschlecht zugefügt hat, hinwegzuheben, um dann mit neuer
Kraft in einen neuen Anfang eintauchen zu können. Doch ihre Zukunft ist
ungewiß.
Die “Erzählung” schliesst mit einem
direkten Aufruf Undines an den anderen, den Mann, das Ungeheuer in
Menschengestalt:
“Beinahe verstummt,
beinahe noch
den Ruf
hörend.
Komm. Nur einmal
.
Komm.”
(Bachmann, S.186)
2. Stilistik
2.1. Die Charakteristik der sprachlichen Gestaltung
des Werkes insgesamt
“Keine neue Welt ohne neue Sprache”
ist einer der meistzitierten Bachmannsätze und wird oft als Beleg für
ihre eigene Spracherneuerung genommen.
“Der Satz steht nämlich am Ende einer
ganzen Kette von Erneuerungs- und Vernichtungssätzen, in der der Sprache
schließlich eine besondere Funktion zugeschrieben wird. Sie ist, im Sinne
der Aufklärungskritik, Merkmal dafür, dass auch die aufgeklärte
Welt nicht zum Zustand der Unschuld zurückkehren kann. Die
Schändlichkeit der alten Vorurteile, selbst wenn sie durch Belehrung und
Einsicht schwinden, ist im Fortbestehen der Worte
festgehalten.”[1]
Dieser Gedanke lässt sich z.B. in der
Erzählung “Alles” wiederfinden. Hier will der männliche
Ich- Erzähler seinen Sohn davor bewahren, so zu sprechen, sich so zu
verhalten und vor allem so zu werden wie alle anderen in der Welt. Das versucht
er, indem er ihn vor der Sprache schützt. Er will dem Kind viel lieber die
Sprache der Natur beibringen: “Lehr ihn die
Wassersprache!...Lehr ihn die Steinsprache!...Lehr ihn die
Blättersprache!” (Bachmann, S. 68)
Sein Plan scheitert und so muss der Vater bald
feststellen, dass sich die Eingliederung des kleinen Jungen in die Gesellschaft
hinter seinem Rücken längst vollzogen hat.
Der Begriff > Sprache < erhält in allen
Erzählungen eine “inhaltliche Ausweitung auf alle Formen von
Ausdruck, Wahrnehmung, Denken und
Gefühl.”[2]
Während es sich in “Alles” um den
Spracherwerb eines Kindes handelt, so wird in der Erzählung “Ein
Schritt nach Gomorrha” die Sprache der Männer hervorgehoben. Hier
übernimmt die Frau Charlotte Blick und die Strategie des Mannes. Die
Sprache und scheinbar das Geschlecht haben besondere Bedeutung in Bachmanns
Werk.
Das gesamte Werk ist sowohl mit bildlicher, ironischer,
als auch mit provozierender und symbolischer Sprache versehen. Beispiele
für die bildhafte Sprache der Autorin wären unter anderem:
“... und der Sand zu singen aufgehört hat,...” (Bachmann, S.
16) , “Er wirft das Netz Erinnerung aus, wirft es über sich
und zieht sich selbst, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle,
die Ortsschwelle, um zu sehen, wer er war und wer er geworden ist.”
(Bachmann, S. 17) , “Die Worte stürzten wie tote Falter
aus ihren Mündern.” (Bachmann, S. 148)
So schafft es die Autorin den Leser mit in das Geschehen
zu setzen, ihn mitfühlen und verstehen zu lassen. Durch die Art, wie die
Autorin ein ganz alltägliches Thema in Szene setzt schafft sie es, dass der
Leser nach jeder Erzählung eine Art Selbstreflexion über sein eigenes
Leben tätigt.
Ihre Wortwahl unterstreicht das Thema und lässt dem
Leser auch die Möglichkeit sich komplett von der Thematik zu distanzieren
und sie lediglich als “einfache Erzählung”
hinzunehmen.
Nur selten kommt es in Bachmanns Lyrik zu einer
gemeinschaftlichen Sprache der Geschlechter. Um sich gegenseitig mitteilen zu
können, heisst es gegen Ende der Erzählung “Alles” :
“... müsste man zuerst den Trauerbogen zerreißen
können, der von einem Mann zu einer Frau reicht.”
(Bachmann, S. 81)
Während des Lesens, erhält man oft das
Gefühl, dass die Autorin mit den Männern “abrechnen” will.
Sie stellt bewusst die Frau als Objekt dar, dass “in einer Welt der
Stammtische keinen Platz
hat.”[3] Sie
stellt die “typisch” männlichen Charaktere heraus und
beschreibt in ihren Erzählungen immer wieder das schwierige Zusammenleben
mit dem anderen Geschlecht.
Erzähltechnisch benutzt sie das Präteritum
und die Vergangenheit in ihrem eigenen Rhythmus. Entweder berichtet ein Ich-
Erzähler oder aber die dritte Person. In einigen Erzählungen gibt es
einen Wechsel dieser beiden Erzähler, wie zum Beispiel in “Ein
Wildermuth.” Im Zusammenhang mit dem “Dreißigsten Jahr”
spricht man des öfteren von lyrischer Prosa. “Bachmann wechselt von
der Lyrik zur Prosa, um ihren eingezäunten, ästhetischen Ort zu
verlassen und den Stoff der Erfahrung in die Literatur einzubringen.
Andererseits übernimmt sie in Abgrenzung zur Epik, vor allem zum
autobiographischen Erzählen, soweit es als Bericht über
persönliche Erlebnisse und Entwicklungen verstanden wird, lyrische Momente
in die Prosa.”5
2.2. Die detaillierte sprachliche Analyse einer
typischen Passage
“Ihr Ungeheuer mit euren
Frauen!
Hast du nicht gesagt: Es ist die Hölle, und
warum ich bei ihr bleibe, das wird keiner verstehen. Hast du nicht gesagt: Meine
Frau, ja, sie ist ein wunderbarer Mensch, ja, sie braucht mich, wüßte
nicht, wie ohne mich leben -? Hast du´s nicht gesagt! Und hast du nicht
gelacht und im Übermut gesagt: Niemals schwer nehmen, nie dergleichen
schwer nehmen. Hast du nicht gesagt: So soll es immer sein, und das andere soll
nicht sein, ist ohne Gültigkeit! Ihr Ungeheuer mit euren Redensarten, die
ihr die Redensarten der Frauen sucht, damit euch nichts fehlt, damit die Welt
rund ist. Die ihr die Frauen zu euren Geliebten und Frauen macht, Eintagsfrauen,
Wochenendfrauen, Lebenslangfrauen und euch zu ihren Männern machen
laßt. ( Das ist vielleicht ein Erwachen wert! ) Ihr mit eurer Eifersucht
auf eure Frauen, mit eurer hochmütigen Nachsicht und eurer Tyrannei, eurem
Schutzsuchen bei euren Frauen, ihr mit eurem Wirtschaftsgeld und euren
gemeinsamen Gutenachtgesprächen, diesen Stärkungen, dem Rechtbehalten
gegen draußen, ihr mit euren hilflos gekonnten, hilflos zerstreuten
Umarmungen. Das hat mich zum Staunen gebracht, daß ihr euren Frauen Geld
gebt zum Einkaufen und für die Kleider und für die Sommerreise, da
ladet ihr sie ein ( ladet sie ein, zahlt, es versteht sich ). Ihr kauft und
laßt euch Kaufen.”(Bachmann, “Undine geht”, S.
178/179)
Diese Passage wird von einer Außenstehenden,
weiblichen Beobachterin dargestellt. Sie beschreibt zwar aus der femininen
Sicht, stellt sich aber dennoch außerhalb des Frauseins. Sie klagt somit
nicht nur die Männer, mit all ihren Verhaltensweisen, sondern auch die
Frau, die all diese mitmacht und hinnimmt, an.
Diese Erzählung, Anfang der sechziger Jahre
verfasst, beschreibt somit den damaligen, gesellschaftlichen Zeitgeist. Der Text
ruft Mitgefühl hervor und spricht für alle Frauen die in dieser Zeit
ausgebeutet wurden. Die Passage lässt eine Art Aufruf an alle Frauen
vermuten, die den Mut fassen sollen, sich all dies nicht mehr gefallen zu
lassen.
Mit den ersten sechs Zeilen dieser ausgewählten
Passage wiederholt die Anklägerin die direkten Vorwürfe, die sie an
den Mann und sein Verhalten hat. Sie gibt die Vorwürfe zurück, die sie
einst bekommen hat. Durch die Wiederholung des Satzes:“Hast du nicht
gesagt!” spricht sie die Person direkt an und rekapituliert die von
dem Mann gemachten Vorwürfe. In den nächsten Zeilen, springt sie dann
in den Plural, jetzt geht es nicht mehr um das >du<, sondern um
>euch<, das männliche Geschlecht allgemein. Sie macht eine
Aufzählung all dessen, wie sie die Männer und die Verhaltensweisen
wahrnimmt. Mit den Bezeichnungen “Wochenend-frauen”,
“Eintagsfrauen” ..., beschreibt sie, was sie glaubt, was die
Frau im Auge des Mannes verkörpert. Also das sie sie lediglich als eine
Frau für einen Tag etc. annehmen.
Doch mit dem Satz: “... und euch zu ihren
Männern machen laßt. (Das ist vielleicht ein Erwachen
wert!)” (Zeile 9 /10) spricht die Beobachterin nun ganz direkt und
mitten im Satz die Frauen an, dass sie erwachen und sich wehren sollen!
Anschließend beginnt sie von neuem mit den
Vorwürfen, wobei sie mit dem ersten Teil des Satzes: “Ihr mit
eurer Eifersucht auf eure Frauen,...” (Zeile 10) den Neid der
Männer auf die weiblichen Besonderheiten anbringt. Sie treibt die
Vorwürfe immer weiter auf die Spitze, auch in ihrer Wortwahl. Am Anfang
waren die Männer noch Ungeheuer, jetzt sind sie schon
Tyrannen.
Die letzten Zeilen (14 – 16) zeigen dann das
Staunen der Außenstehenden, über die Möglichkeit der
Männer, den Frauen materielles wie das Geld für Kleider ...,ohne
weiteres zuzugestehen. Das scheint wohl ohne weitere Probleme zu funktionieren,
doch werden die wahren Gefühle der Männer den Frauen vorenthalten.
Sobald es um emotionale Regungen geht, sind die Männer hilflos: “
..., ihr mit euren hilflos gekonnten, hilflos zerstreuten
Umarmungen.” (Zeile 13)
Erst beim mehrmaligen Lesen dieser Passage, sind mir die
versteckten, wichtigen Einzelheiten aufgefallen. Sprachlich hat Ingeborg
Bachmann alles so fein strukturiert, dass man bei jeder Zeile aufpassen muss,
dass einem nichts entgeht. Inmitten des Satzes zum Beispiel, wird ganz
plötzlich eine andere Person angesprochen und es wird einem bewusst, dass
nicht nur die Männer mit dieser Passage angeklagt werden. Sie zählt
auf, wiederholt, stellt dar und lenkt den Leser in eine bestimmte Bahn des
betrachtens.
2.3. Die Frage nach der Angemessenheit der
sprachlichen Mittel
Meiner Meinung nach sind die sprachlichen Mittel
angemessen. Gerade dadurch, dass es um Alltägliches geht, um
Konfliktsituationen... finde ich den Schreibstil Ingeborg Bachmanns absolut
passend. Besonders gelungen finde ich die Art des Schreibens, wenn es um innere
Konflikte, also Gedankenhäuser geht. In der Erzählung
“Alles”, zum Beispiel, wird die gedankliche Position des Vaters nur
durch ihre Wortwahl und die bildliche Sprache deutlich.
Sie verwendet alle Facetten der Sprache, ohne jedoch
ihre poetische Quelle zu verraten oder zu verlieren. Dadurch erhalten die
Erzählungen einen besonderen “Lesewert.”
3. Biographische Bezüge
3.1. Die Biographie der Autorin
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1926
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Am 25. Juni wird Ingeborg Bachmann in Klagenfurt
geboren. Vater: Hauptschuldirektor Matthias Bachmann Mutter: Olga Bachmann, geb.
Haas, die Familie der Mutter betrieb eine Strickwarenerzeugung in
Niederösterreich Älteste von drei Kindern.
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1932 – 1936
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Besuch der Volksschule.
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1936 -- 1938
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Bundesrealgymnasium.
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1938 --1944
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Oberschule für Mädchen.
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1944 -- 1945
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Abiturientenkurs an der Lehrerbildungsanstalt, bei
Kriegsende abgebrochen.
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1945 -- 1946
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Sie beginnt im Wintersemester in Innsbruck mit dem
Studium der Philosophie.
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1946
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Es folgt ein Semester Philosophie und Jura in Graz.
Veröffentlichung der ersten Erzählung “Die
Fähre.”
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1946 -- 1950.
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Fortsetzung des Philosophiestudiums in Wien, mit den
Nebenfächern Germanistik und Psychologie.
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1947
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Praktikum in der Nervenheilanstalt Steinhof bei
Wien.
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1948 -- 1949
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Die ersten Gedichte erscheinen in der von Hermann Hakel
herausgegebenenZeitschrift “Lynkeus.”
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1950
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Dissertation bei Victor Kraft mit einer Arbeit über
“Die kritische Aufnahme der Existenzphilosophie Martin Heideggers.”
Promotion am 23. März.
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1950 -- 1951
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Ingeborg Bachmann reist im Oktober 1950 nach Paris und
von dort im Dezember nach London. Sie liest am 21. Februar 1951 bei einer
Veranstaltung der Anglo- Austrian Society. Nach Wien zurückgekehrt findet
sie zunächst eine Anstellung im Sekreteriat der amerik.
Besatzungsbehörde. Seit Herbst arbeitet sie als script- writer und
später als Redakteurin beim Sender Rot/Weiß/Rot.
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1952
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Ursendung des Hörspiels ”Ein Geschäft
mit Träumen” am 28. Februar im Sender Rot/Weiß/Rot, Wien.
Veröffentlichung des Gedichtzyklus ”Ausfahrt” in dem Jahrbuch
”Stimmen der Gegenwart”. Im Mai erste Einladung zu einer Lesung bei
der 10. Tagung der Gruppe 47 an der Ostsee. Begegnet dort dem Komponisten Hans
Werner Henze. Im September erste Reise nach Italien mit ihrer Schwester
Isolde.
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1953
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Sie gibt im Frühjahr ihre Arbeit als Redakteurin im
Sender auf. Bei der 12. Tagung der Gruppe 47 im Mai in Mainz erhält sie den
Preis der Gruppe 47.
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1953 -- 1957
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Seit dem Spätsommer 1953 lebt sie als freie
Schriftstellerin auf der Insel Ischia, in Neapel und Rom.
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1953
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Ende des Jahres erscheint der Gedichtband “Die
gestundete Zeit”, eine Buchreihe der Frankfurter
Verlagsanstalt.
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1954
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Es wird ihr die Fördergabe des Kulturkreises im
Bundesverband der Deutschen Industrie zugesprochen. Sie veröffentlicht zu
ersten Mal Gedichte in der von Marguerite Caetani herausgegebenen mehrsprachigen
Literaturzeitschrift “Botteghe Oscure.”
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1955
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Ursendung des Hörspiels “Die Zikaden”,
mit der Musik von Hans Werner Henze, im Norddeutschen Rundfunk Hamburg. Auf
Einladung der Harvard- Universität in Cambridge, Massachusetts, reist
Ingeborg Bachmann in die USA und nimmt teil an dem internationalen Seminar der
Harvard Summer School of Arts and Sciences and of Education, das von Henry
Kissinger geleitet wird.
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1956
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Der Gedichtband “Anrufung des Großen
Bären” erscheint im Piper Verlag, München.
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1957
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Am 26. Januar wird Ingeborg Bachmann von der
Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung der Literaturpreis der Freien
Hansestadt-Bremen 1956 für “Anrufung des Großen
Bären” verliehen. Sie wird korrespondierendes Mitglied der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Uraufführung der
Gedichte “Im Gewitter der Rosen” am 20. Oktober auf den
Donaueschinger Musiktagen.
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1957 -- 1958
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Arbeit als Dramaturgin beim Bayrischen Fernsehen in
München.
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1958
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Ursendung des Hörspiels “Der gute Gott von
Manhattan” am 29. Mai.
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1958 --1962
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Mit Max Frisch in Rom und Zürich.
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1959
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Sie erhält für das Hörspiel “Der
gute Gott von Manhattan” am 17. März den Hörspielpreis der
Kriegsblinden.
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1959 -- 1960
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Im Wintersemester Einladung zu einer Vorlesungsreihe
über “Fragen zeitgenössischer Dichtung”, als erste
Dozentin der neugegründeten Gastdozentur für Poetik an der
Universität Frankfurt am Main.
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1960
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Am 8. Januar wird in Berlin die Ballettpantomime
“Der Idiot”, zum ersten Mal in der Textfassung von Ingeborg Bachmann
aufgeführt. Die nach dem Libretto von Ingeborg Bachmann entstandene Oper
“Der Prinz von Homburg von Hans Werner Henze wird am 22. Mai an der
Hamburgerischen Staatsoper uraufgeführt. In Meersburg Begegnung mit Nelly
Sachs.
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1961
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Der Erzählband “Das dreißigste
Jahr” erscheint im Piper Verlag, München. Für Diese
Erzählungen wird Ingeborg Bachmann der Literaturpreis 1960/61 des Verbandes
der Deutschen Kritiker zuerkannt Am 20. November wird sie zum
außerordentlichen Mitglied der Abteilung Literatur an der Akademie der
Künste Berlin gewählt.
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1963
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Im Frühjahr Einladung der Ford – Foundation
zu einem einjährigen Aufenthalt in Berlin. Begegnung mit Witold Gombrowicz.
Anschließend nimmt sie dort ihren Wohnsitz.
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1964
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Im Januar Reise nach Prag, im Frühjahr Reise nach
Ägypten und in den Sudan. Verleihung des Georg- Büchner- Preises durch
die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am 17. Oktober in
Darmstadt.
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1965
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Uraufführung der nach der Libretto von Ingeborg
Bachmann entstandenen Oper “Der junge Lord” von H.W. Henze am 7.
April an der Deutschen Oper Berlin. Ende des Jahres Übersiedlung nach Rom,
das fortan ihr Wohnsitz bleibt.
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1968
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Ingeborg Bachmann erhält am 20. November den
großen Österreichischen Staatspreis für
Literatur.
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1971
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“Malina”, als Roman zum
“Todesarten” – Projekt gehörend, kommt
heraus.
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1972
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Der Erzählungsband “Simultan” erscheint
im Piper Verlag, München. Ingeborg Bachmann wird am 2. Mai mit dem Anton-
Wildgans- Preis 1971 der Vereinigung Österreichischer Industrieller
ausgezeichnet.
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1973
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Im März Tod des Vaters. Sie folgt im Mai einer
Einladung des Österreichischen Kulturinstituts in Warschau. Fahrt zu den
Konzentrationslagern Auschwitz und Birkenau. Lesungen in Warschau und an den
Universitäten Krakau, Breslau, Thorn und Posen. In ihrer römischen
Wohnung erleidet sie am 26. September einen Brandunfall, an dessen Folgen sie am
17. Oktober stirbt. Ingeborg Bachmann ist auf dem Friedhof Klagenfurt- Annabichl
gegraben.
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(Quellen:“Texte zum Werk von Ingeborg
Bachmann”, Hrsg. Von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum, Piper,1989
/ “Faszination des Feuers”, Christa Dericum, Herder, 1996 /
“Ingeborg Bachmann zur Einführung”, Stefanie Golisch, Junius,
1997)
3.2. Die Stellung des Werkes in der Vita der
Autorin.
Über zwei Jahre hat die Arbeit an den
Erzählungen “Das dreißigste Jahr” gedauert, nur die
Korrekturen, das Weglassen und Wiederhineinnehmen. Ein zäher Kampf um jedes
Detail.
Reinhard Baumgart war zuständig für die
Klarheit der Erzählungen. Worte, Zeilen, Szenen, Figuren, die sich zu hoch
verstiegen hatten, mussten wieder ins Konkrete zurückgeholt
werden.
“Geht das Wirklich?” – “Ist das
unmöglich?” – “Darf man das so sagen?” . So fragte
die Autorin ihren Lektor Bachmann, der dazu sagte:“An keinem Autor habe
ich je eine solche schmerzfreie, ungekränkte Einsichtigkeit bei der
Korrektur eines Textes erlebt.” (Quelle:“Faszination des
Feuers”, Christa Dericum, Herder, 1996)
3.3. Die Beziehung Ingeborg Bachmanns zu dem
Schriftsteller Max Frisch
Die erste Begegnung Max Frischs mit Ingeborg Bachmann
fand im Jahre 1957 statt, als der für seine Identitätsproblematik
bekannte Autor in München in einer Weinstube die junge Österreicherin
traf, ohne dass es zu einem Gespräch kam.
Unter dem sehr starken Eindruck des Hörspiels
“Der Gute Gott von Manhattan” , schreibt Max Frisch einen Brief an
die ihm persönlich unbekannte Verfasserin, deren Gedichtbände er wohl
kannte. Trotz seines Wissens, wieviel Anerkennung die Dichterin für ihr
Hörspiel gefunden hatte, drängte es Frisch zu dem Brief, in dem er
sagen wollte, “wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite, die
Frau, sich ausdrückt... . Wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die
Frau, die Selbstdarstellung der Frau.” Natürlich musste das, nach den
Kränkungen, die Ingeborg Bachmann nicht selten von Seiten männlicher
Kollegen erfahren hatte, als Ermunterung und Anerkennung wirken. Sie reagierte
darauf mit einer spontanen Deutlichkeit und überraschte Frisch im
“Hotel du Louvre” in Paris, wo er sich wegen einer
Gastspielaufführung aufhielt. Die beiden treffen sich.
Max Frisch rekapituliert den Hergang der beginnenden
Liebesbeziehung: “Die ersten Küsse auf einer öffentlichen Bank,
dann in den Hallen, wo es den ersten Kaffee gibt. Ihre Reise nach Zürich.
Die Verstörte am Bahnhof, ihr Gepäck ihr Schirm, ihre Taschen. Eine
Woche in Zürich als Liebespaar und aus klarer Erkenntnis der erste
Abschied.” Es soll aber nicht bei der Trennung und Ingeborg Bachmanns
Rückreise nach Neapel bleiben, denn sehr bald reist Frisch ebenfalls nach
Neapel. Ein für ihn typisches Schwanken und Unentschlossensein in dieser
Beziehung setzt ein. Doch Max Frisch gesteht: “In ihrer Nähe gibt es
nur sie, in ihrer Nähe beginnt der Wahn.”
1959 macht Max Frisch Ingeborg Bachmann einen
Heiratsantrag. Auf diese Beziehung lässt sie sich nicht ein. Und sie zieht
auch andere Grenzen. Sie weigert sich, ihr Leben völlig auf diesen Mann
auszurichten. Zwar nimmt sie Frisch als ersten Mann mit nach Klagenfurt und
stellt ihn ihrer Familie vor, aber was Frisch als Geheimnistuerei vorkommt,
löst seine entschiedene Eifersucht aus, eine Eifersucht, die ihn dazu
treibt, ihre Briefe zu lesen.
Grundverschieden sind die Vorstellungen beider Partner
in ihrer Beziehung.
Als sich Ingeborg Bachmann und Max Frisch 1963 zum
letztenmal treffen, kommt es vor der endgültigen Entzweiung zu einer
letzten Enthüllung: Sie hat sein Tagebuch gefunden, es gelesen und
verbrannt.
Die mehrjährige Beziehung zu Frisch war –
zumindest empfand sie es so – zu einem mörderischen Existenzkampf
ausgeartet, der sie als Verlierer auf allen Linien zurückgelassen hatte.
Versuchte Nähe und Distanz, Gemeinsamkeit und uneinholbare Ferne scheinen
sich in dieser Beziehung besonders konfliktreich ausgewirkt zu haben.
(Quelle:“Ingeborg Bachmann”, Peter Beicken, Verlag C.H. Beck
München, 1988)
4. Bewertungen
4.1. Die Bedeutung der Inhalte für das
Leserpublikum:
4.1.1. Ist die Thematik ein abstruser Einzelfall oder
wird mit dem Besonderen ( Individuellen ) auch Allgemeines ( Gesellschaftliches
) erfasst?
In allen Erzählungen, rundum “Das
dreißigste Jahr” geht es jedesmal um einen Einzelfall des
menschlichen Schicksals, das sowohl in Beziehung mit dem Individuellen, als auch
mit dem Gesellschaftlichen gesetzt wird. Gerade weil es sich um Grenzsituationen
des menschlichen Lebens handelt, bin ich davon überzeugt, dass sich jeder
in irgendeiner Erzählung, auf irgendeine Weise wiederfinden wird. Sei es
nun bei der Existenzkrise des Mannes in “Das dreißigste Jahr”,
oder bei den typischen Problemen der Mann – Frau Beziehung in “Ein
Schritt nach Gomorrah.” Die Erzählungen strahlen in jede Ecke des
menschlichen Seins, in jeden Blickwinkel der Gedanken und geben so dem Leser die
Möglichkeit sowohl das gesellschaftliche Phänomen, das mit dem Thema
verbunden ist , als auch die Individualität jedes Einzelnen, die
unmittelbar mit der Gesellschaft verbunden ist, zu erkennen.
4.1.2. Gelingt über die gewählten Inhalte
die Kontaktaufnahme zur Leserin / zum Leser?
Eigentlich kann ich bei diesem Aspekt die gerade oben
angeführten Punkte nur wiederholen.
Ich würde die Lektüre weder als sperrig, noch
als eine Qual bezeichnen. Ganz im Gegenteil trifft der Aspekt der
Herausforderung schon eher zu. Mir zumindest ging es so, dass ich bei jeder
angefangenen Erzählung unbedingt wissen wollte, wie die Person das Problem
nun am Ende löst. Man überlegt selber, was man an ihrer bzw. seiner
Stelle getan hätte, ob man das Problem genauso angegangen wäre oder ob
man nicht an einem völlig anderen Punkt angesetzt hätte.
Interessant ist mit Sicherheit auch der Aspekt, ob sich
manche Leser überhaupt durch die gewählten Inhalte angesprochen
fühlen. Ich zum Beispiel kann mir vorstellen, dass mancher Theoretiker mit
einer der Art detaillierten Beschreibung von Gedanken und Gefühlen nichts
anfangen kann. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Erzählungen
mit ihren Themen in irgendeiner Weise jeden ansprechen, auch wenn das so mancher
ungern zugeben wird.
4.2. Die Bedeutung der Stilistik für die
Rezipienten: “lesbar” oder nicht?
Wie schon aufgeführt, stieß das
Erzählband “Das dreißigste Jahr” weitgehend auf
Ablehnung. Gerade durch die Besonderheit ihrer Literatur blieb die Autorin lange
Zeit unverstanden.
Durch den, für die sechziger Jahre eher
unüblichen, Schreibstil hatte Ingeborg Bachmann Mühe sich
durchzusetzen. Gewöhnt war man ihre Gedichte, ihre eigene Art mit Lyrik
umzugehen. Auch daran haben sich die Leser erst nach einer gewissen Zeit
gewöhnt.
Das Erzählband “Das dreißigste
Jahr” war am Anfang eher verpönt und galt als eine Art Provokation
der Frauenbewegung. (Vgl. Punkt 6)
5. Skizze eines produktionsorientierten
Interpretationsansatzes
Der biographische bzw. individualpsychologische
Interpretationsansatz:
In der Biographie Ingeborg Bachmanns und vor allem in
ihrer Liebesbeziehung mit Max Frisch wird ihr persönlicher Standpunkt zur
Gesellschaft allgemein und ihre persönlichen Einstellungen deutlich. Sie
war eine Frau mit einer feministischen Haltung, mit einem eigenen Willen und mit
einem sehr eigenen Charakter. Ihre schlechten Erfahrungen mit dem
männlichen Geschlecht, lassen sich in einigen Erzählungen ( z.B.
“Unter Mördern und Irren”, “Undine geht”)
wiederfinden. Man vermutet, dass sie einerseits in ihren Erzählungen ihre
schlechten Erfahrungen mit dem männlichen Geschlecht verarbeitet und
andererseits eine Art Aufruf an alle unterdrückten Frauen gestartet hat.
Ingeborg Bachmann selber hat dazu nie präzise Stellung bezogen. Sie sagte
lediglich: “ ... mit der Sprache der Literatur will ich die Grenze, die
logische Form der Sprache, überschreiten...
.”[5]
Der historisch – politische bzw. historisch
– soziologische Interpretationsansatz:
Der Erzählband “Das dreißigste
Jahr” entstand 1961.In dieser Zeit musste sich Ingeborg Bachmann gegen die
in der Nachkriegszeit bekanntgewordenen Schriftsteller ( Böll,
Grass...)
durchsetzen. In der von Männer besetzten
“Schriftstellerwelt” musste sie sich als Frau erst mal beweisen.
Frauen, vor allem feministisch Eingestellte, waren in den damaligen,
gesellschaftlichen Verhältnissen nicht gerne gesehen.
Die “Gruppe 47”, der Ingeborg Bachmann
angehörte, war von Hans Werner Richter 1947 in München gegründet
worden. Sie war eine Art Dichter – und Kritikerkreis junger literarischer
Kräfte Deutschlands. Sie förderten die junge deutsche Literatur durch
gegenseitige Kritik bei jährlichen Tagungen. Durch ihr
linkssozialistisches, politisches Engagement war sie eine der einflussreichsten
Gruppierungen der deutschen Nachkriegsliteratur.
Der geistes – bzw. ideengeschichtliche
Interpretationsansatz:
Der Schreibstil Ingeborg Bachmanns war zu der Zeit ein
sehr ungewöhnlicher. Durch ihre “neue Sprache” brachte sie der
Literatur eine völlig neue Betrachtungsweise der Lyrik und
Prosa.
Die Arbeit an den Erzählungen “Das
dreißigste Jahr” war auch für sie etwas völlig neues:
“Nach Gedichten Prosa zu schreiben, das war zunächst wie ein Umzug im
Kopf.”[6]
Ingeborg Bachmann war außerdem eine der
Schriftstellerinnen, die sich von dem festgesetzten Frauenbild, dass sich im
Laufe der Jahrhunderte in den Köpfen der Menschen manifestiert hat,
abzugrenzen.
6. Zusammenfassende Darstellung der
Rezeptionsgeschichte:
Die Erzählungen in “Das dreißigste
Jahr” drehen sich um das Verhältnis von Ordnung, Sprache und
Geschlecht.
In der Literaturkritik wurde hervorgehoben, dass diese
Erzählungen sprachlich der Lyrik Bachmanns verwandt seien. “Die
Ideen der Autorin sind nicht in episches Material umgesetzt, sondern einem,
meist männlichen, Erzähler in den Mund gelegt. Das Anliegen Bachmanns
wird von ihren Erzählern stellvertretend formuliert und durchgespielt, eine
Schreibweise, mit der sie den Strukturen des traditionellen Erzählens
entgehen wollte. Die Erzählungen enthielten “Prozesse, die an Stelle
dieser Fabel treten”, erklärte sie 1961 ihre Texte. Bachmann wechselt
von der Lyrik zur Prosa, um ihren eingezäunten, ästhetischen Ort zu
verlassen und den Stoff der Erfahrung in die Literatur einzubringen.
Andererseits übernimmt sie in Abgrenzung zur Epik, vor allem zum
autobiographischen Erzählen, soweit es als Bericht über
persönliche Erlebnisse und Entwicklungen verstanden wird, lyrische Momente
in die Prosa.”6
Die Aufnahme ihrer Prosa wurden durch die
Ungleichzeitigkeiten zwischen ihrer literarischen Produktion und den durch die
Literaturkritik und die literaturpolitischen Debatten nach 1968 formulieren
Rezeptionsmaßstäben weitestgehend blockiert.
Andere Kritiker wiederum waren der Meinung, dass
“das Fehlen einer regelrechten Fabel, der hohe, zum Teil elegische Ton
sowie die insistente Konzentration Bachmanns auf existentielle Fragestellungen
entsprachen in keiner Weise dem herrschenden Zeitgeist der frühen sechziger
Jahre, dessen literarischer Kanon sich nun weitgehend an sozialkritischen,
weltzugewandten Textsorten orientierte. Spätestens ab 1959, dem Jahr, in
dem Johnsons “Mutmaßungen über Jakob” und Grass
“Blechtrommel” erschienen, war die Zeit des magischen Realismus ein
für alle Mal vorbei. Eine Politisierung der Literatur setzte ein, zu der
das Bachmannsche Werk von Anfang an konträr stand.”6 Die
Kluft zwischen ihrer eigenen Prosa und der öffentlichen Erwartungshaltung
an sie hat die Rezeption über Jahrzehnte geprägt.
7. Zusammenfassendes Urteil
(“Leseempfehlung”)
Ich kann die Erzählungen Ingeborg Bachmanns nur
weiterempfehlen. Allein ihre eigene Art zu schreiben und die dargestellten
Probleme machen sie lesenswert. Gerade weil es sich um Alltägliches
handelt, ist es mir nicht schwergefallen die Situationen in denen die
Erzähler steckten, zu verstehen. Sie schafft es durch ihre bildliche
Sprache, die verwirrenden Gedanken der Menschen glasklar zu formulieren.
Da ich auch ihre Gedichte gelesen habe – sehr
empfehlenswert – konnte ich mich schnell in ihre Art des Erzählens
einlesen. Manche Leser werden zu Anfang ihre Schwierigkeiten mit der
Bachmannschen Prosa haben, da sie diese Art des Schreibens nicht gewöhnt
sind, aber nach zwei Erzählungen bin ich überzeugt, dass sich das von
alleine löst.
Gerade Frauen werden sich in den Erzählungen wie
zum Beispiel “Undine geht” wiederfinden. Mir zumindest ging es so,
dass ich die Verzweiflung der dort anklagenden Frau besonders gut nachvollziehen
und verstehen konnte. Aber keine Sorge, auch die Männer kommen nicht zu
kurz. Ingeborg Bachmann lässt auch die Gedanken dieses Geschlechts in
keinster Weise zu kurz kommen. Es lohnt sich!
Literaturverzeichnis
Manfred Jurgensen, Ingeborg Bachmann – Die neue
Sprache, Verlag Peter Lang, Bern, 1981
Hans Höller, Ingeborg Bachmann, Verlag
Athenäum, Frankfurt am Main, 1987
Christine Koschel und Inge von Weidenbaum, Kein
objektives Urteil – nur ein lebendiges, Texte zum Werk von Ingeborg
Bachmann, Verlag Piper, München, 1989
Peter Beicken, Ingeborg Bachmann, Verlag C.H. Beck,
München, 1988
Christa Dericum, Faszination des Feuers, Das Leben der
Ingeborg Bachmann, Verlag Herder, Freiburg, 1996
Stefanie Golisch, Ingeborg Bachmann zur Einführung,
Verlag Junius, Hamburg, 1997
Ingeborg Bachmann, Das dreißigste Jahr –
Erzählungen, Verlag Piper, München, 5. Auflage Mai 1998
[1] Christine Koschel,
Inge von Weidenbaum,1989, S. 282
[3] Stefanie Golisch,
1997, S.100
4 Koschel,
Weidenbaum, a.a.O., S.271
5 Koschel,
Weidenbaum, a.a.O., S. 269
& ebd., S.268
7 ebd.,, S.271
8 Golisch,
a.a.O.,1997
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