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Reisen im Spiegel der Literatur
LK Deutsch Jgst
12.2
Materialiensammlung:
Reisen im Spiegel der Literatur
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 14
Johann Wolfgang von Goethe Italienische
Reise
Vorbemerkung:
An der Biographie Goethes läßt es sich besonders gut ablesen,
welche Bedeutung die Antike für die Klassik hatte. Goethe hatte schon lange
den Wunsch gehegt, Italien kennenzulernen, als er im September 1786, ohne seine
Umgebung zu informieren, zu seiner Reise nach Italien. Neben der
Italiensehnsucht war wohl auch die Unzufriedenheit mit seiner bisherigen
Tätigkeit in der Weimarer Staatsverwaltung ein Motiv für seinen
Entschluß. Die Reise fühlte ihn über die Alpen nach Trient,
Vicenza, Venedig, Padua und über Mittelitalien (Perugia, Assisi) nach Rom,
wo er am 29. Oktober ankam. Am 22. Februar 1787 reiste er nach Neapel, am 29.
März nach Sizilien weiter; am 7. Juni 1787 kehrte er nach Rom
zurück.
Auf seiner Rückreise nach Deutschland (April bis Juni 1788) lernte er
vor allem noch Florenz und Mailand kennen.
Erst 1813/14 begann Goethe, die Erfahrungen der ,,italienischen Reise" im
Überblick darzustellen; er stützte sich dabei u.a. auf
Notizbücher, Briefe und ein Reisejournal aus der Zeit seines Aufenthaltes
in Italien. ,,Es handelt sich also bei der Veröffentlichung der ,
Italienischen Reise’ weniger um eine Neuschöpfung als um eine
Redaktion" (H. v. Einem).
Gerade aber der zeitliche Abstand, der zwischen der kunstvollen Komposition
dieses Werkes und der Reise selbst liegt, läßt erkennen, welche
Bedeutung die Italienreise für Goethe über das unmittelbare Erlebnis
hinaus hatte.
Reiseerfahrungen
Johann Wolfgang Goethe (1749-1832): Italienische Reise [Auszug)
[...] Rom, den 1. November 1786
Endlich kann ich den Mund auftun und meine Freunde mit Frohsinn
begrüßen. Verziehen sei mir das Geheimnis und die gleichsam
unterirdische Reise hierher. Kaum wagte ich mir selbst zu sagen, wohin ich ging,
selbst unterwegs fürchtete ich noch, und nur unter der Porta del Popele war
ich mir gewiß, Rom zu haben.
Und laßt mich nun auch sagen, daß ich tausendmal, ja
beständig eurer gedenke in der Nähe der Gegenstände, die ich
allein zu sehen niemals glaubte. Nur da ich jedermann mit Leib und Seele in
Norden gefesselt, alle Anmutung nach diesen Gegenden verschwunden sah,
könnte ich mich entschließen, einen langen, einsamen Weg zu machen
und den Mittelpunkt zu suchen, nach dem mich ein unwiderstehliches
Bedürfnis hinzog. Ja, die letzten Jahre wurde es eine Art von Krankheit,
von der mich nur der Anblick und die Gegenwart heilen konnte. Jetzt darf ich es
gestehen; zuletzt dürft` ich kein lateinisch Buch mehr ansehen, keine
Zeichnung einer italienischen Gegend. Die Begierde, dieses Land zu sehen, war
überreif: da sie befriedigt ist, werden mir Freunde und Vaterland erst
wieder recht aus dem Grunde lieb und die Rückkehr wünschenswert, ja um
desto wünschenswerter, da ich mit Sicherheit empfinde, daß ich so
viele Schätze nicht zu eignem Besitz und Privatgebrauch mitbringe, sondern
daß sie mir und andern durchs ganze Leben zur Leitung und Fördernis
dienen sollen. [...] je 1813/14)
Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise [Auszug]
[...] In Assisi, Oktober 1786
Ich verließ Perugia an einem herrlichen Morgen und fühlte die
Seligkeit, wieder allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schön, der Anblick
des Sees höchst erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl eingedrückt.
Der Weg ging erst hinab, dann in einem frohen, an beiden Seiten in der Ferne von
Hügeln eingefaßten Tale hin, endlich sah ich Assisi liegen.
Aus Palladio und Volkmann wußte ich, daß ein köstlicher
Tempel der Minerva, zu Zeiten Augusts gebaut, noch vollkommen erhalten dastehe.
Ich verließ bei Madonna del Angelo meinen
Vetturin1, der seinen Weg nach Foligno
verfolgte, und stieg unter einem starken Wind nach Assisi hinauf, denn ich
sehnte mich, durch die für mich so einsame `Welt eine Fußwanderung
anzustellen. Die ungeheueren Substruktionen der babylonisch übereinander
getürmten Kirchen, wo der heilige Franziskus ruht, ließ ich links mit
Abneigung, denn ich dachte mir, daß darin die Köpfe so wie mein
Hauptmannskopf 2 gestempelt würden. Dann
fragte ich
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Literatur Seite 15
einen hübschen Jungen nach der Maria della Minerva; er begleitete mich
die Stadt hinauf, die an einen Berg gebaut ist. Endlich gelangten wir in die
eigentliche alte Stadt, und siehe, das löblichste Werk stand vor meinen
Augen, das erste voll ständige Denkmal der alten Zeit, das ich erblickte.
Ein bescheidener Tempel, wie er sich für eine so kleine Stadt schickte, und
doch so vollkommen, so schön gedacht, daß er überall
glänzen würde. Nun vorerst von seiner Stellung! Seitdem ich in Vitmv
3 und
Palladio4 gelesen, wie man Städte bauen,
Tempel und öffentliche Gebäude stellen i müsse, habe ich einen
grollen Respekt vor solchen Dingen. Auch hierin waren die Alten so groß im
Natürlichen. Der Tempel steht auf der schönen mittlern Höhe des
Berges, wo eben zwei Hügel zusammentreffen, auf dem Platz, der noch jetzt
,,der Platz" heißt.
Dieser steigt selbst ein wenig an, und es kommen auf demselben vier
Straßen zusammen, die ein sehr gedrücktes Andreaskreuz machen, zwei
von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlich standen zur alten Zeit
die Häuser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenüber gebaut, die
Aussicht versperren. Denkt man sie weg, so blickte man gegen Mittag in die
reichste Gegend, und zugleich würde Minervens Heiligtum von allen Seiten
her gesehen. Die Anlage der Straßen mag alt sein; denn sie folgen aus der
Gestalt und dem Abhange des Berges. Der Tempel steht nicht in der Mitte des
Platzes, aber so J gerichtet, daß er dem von Rom Heraufkommenden
verkürzt gar schön sichtbar wird.
Nicht allein das Gebäude sollte man zeichnen, sondern auch die
glückliche Stellung.
An der Fassade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch konsequent
auch hier der Künstler gehandelt. Die Ordnung ist korinthisch, die
Säulenweiten etwas über zwei Madel. Die Säulenfülle und die
Platten darunter scheinen auf Piedestalen zu stehen, aber es scheint auch nur;
denn der Sockel ist fünfmal durchschnitten, und jedesmal gehen fünf
Stufen zwischen den Säulen hinauf, da man denn auf die Fläche gelangt,
worauf eigentlich die Säulen stehen, und von welcher man auch in den Tempel
hineingeht. Das Wagstück, den Sockel zu durchschneiden, war hier am rechten
Platte, denn da der Tempel am Berge liegt, so hätte die Treppe, die zu ihm
hinaufführte, vielzu weit vorgelegt werden müssen und würde den
Platz verengt haben. Wieviel Stufen noch unterhalb gelegen, läßt sich
nicht bestimmen; sie sind außer wenigen verschüttet und zu
gepflastert.
Ungern riß ich mich von dem Anblick los und nahm mir vor, alle
Architekten auf dieses Gebäude aufmerksam zu machen, damit uns ein genauer
Riß davon zukäme [...]
(e 1813/14)
Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise (Auszug)
Neapel, Dienstag, den 20. Mai 1787.
Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die, für Neapel unsichthar,
nach Ottajano hinunterfließt, reizte mich, zum dritten Male den Vesuv zu
besuchen. Kaum war ich am Fuße desselben aus meinem zweirädrigen,
einpferdigen Fuhrwerk gesprungen, so zeigten sich schon jene beiden Führer,
die uns früher hinaufbegleitet hatten. Ich wollte Leinen missen und nahm
den einen aus Gewohnheit und Dankbarkeit, den andern aus Vertrauen, beide der
mehreren Bequemlichkeit wegen mit mir.
Auf die Höhe gelangt, blieb der eine bei den Mänteln und
Viktualien, der jüngere folgte mir, und wir gingen mutig auf einen
ungeheuren Dampf los, der unterhalb des Kegelschlundes aus dem Berge brach;
sodann schritten wir an der selben Seite her gelind hinabwärts, bis wir
endlich unter klarem Himmel aus dem wilden Dampfgewolke die Lava hervorquellen
sahen.
Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das
Eigentümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen.
Die Lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fuß, allein die
Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß, war
auffallend genug; denn indem sie während des Fortfließens; an den
Seiten und an der Oberfläche verkühlt, so bildet sich ein Kanal, der
sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des
Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden Schlacken
rechts und links gleichförmig hinunterwirft, wodurch sich denn nach und
nach ein Damm erhöht, auf welchem der Glutstrom ruhig fortfließt wie
ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten Damme her, die
Schlacken rollten regelmäßig an den Seiten herunter bis zu unsren
Füßen. Durch einige Lücken des Kanals konnten wir den Glutstrom
von unten sehen und, wie er weiter hinabfloß, ihn von oben
beobachten.
Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdüstert, nur ein
mäßiger Rauch stieg in die reine Luft. Ich hatte Verlangen, mich dem
Punkte zu nähern, wo sie aus dem Berge bricht; dort sollte sie, wie mein
Führer versicherte, sogleich Gewölb und Dach über sich her
bilden, auf welchem er öfters gestanden habe. Auch dieses zu sehen und zu
erfahren, stiegen wir den Berg wieder hinauf, um jenem Punkte von hintenher
beizukommen.
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Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch einen lebhaften Windzug
enthüllt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der Dampf aus tausend
Ritzen, und nun standen wir wirklich auf der breiartig gewundenen, erstarrten
Decke, die sich aber so weit vorwärts erstreckte, daß wir die Lava
nicht konnten herausquellen sehen.
Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward immer
glühender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein
unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegangene Führer kehrte bald um,
ergriff mich, und wir entwanden uns diesem Höllenstrudel.
Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Weine
gelabt, gingen wir umher, noch andere Zufälligkeiten dieses mitten im
Paradies aufgetürmten Höllengipfels zu beobachten. Einige
Schlünde, die als vulkanische Essen keinen Rauch, aber eine glühende
Luft fortwährend gewaltsam ausstoßen, betrachtete ich weiter mit
Aufmerksamkeit. Ich sah sie durchaus mit einem tropfsteinartigen Material
tapeziert, welches zitzen- und zapfenartig die Schlünde bis oben
bekleidete. Bei der Ungleichheit der Essen fanden sich mehrere dieser
herabhängenden Dunstprodukte ziemlich ich zur Hand, so daß wir sie
mit unsern Stäben und einigen hakenartigen Vorrichtungen gar wohl gewinnen
konnten. Bei dem Lavahändler hatte ich schon dergleichen Exemplare unter
der Rubrik der wirklichen Laven gefunden, und ich freute mich, entdeckt zu
haben, daß es vulkanischer Ruß sei, abgesetzt aus den heißen
Schwaden, die darin enthaltenen verflüchtigten mineralischen Teile
offenbarend.
[...]
(e 1813/14)
Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise (Auszug)
[...] Den 10. November 1786.
Ich lebe nun hier mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange Lein
Gefühl hatte.
Meine Übung, alle Dinge, wie sie sind, zu sehen und abzulesen, meine
Treue, das Augenlicht sein zu lassen, meine völlige Entäußerung
von aller Prätention kommen mir einmal wieder recht zustatten und machen
mich im stillen höchst glücklich. Alle Tage ein neuer
merkwürdiger Gegenstand, täglich frische, große, seltsame Bilder
und ein Ganzes, das man sich lange denkt und träumt, nie mit der
Einbildungskraft erreicht.
Heute war ich bei der Pyramide des Cestius und abends auf dem Palatin, oben
auf den Ruinen der Kaiserpaläste, die wie Felsenwände dastehn. Hiervon
läßt sich nun freilich nichts überliefern! Wahrlich, es gibt
hier nichts Kleines, wenn auch wohl hier und da etwa; Scheltenswertes und
Abgeschmacktes; doch auch ein solches hat teil an der allgemeinen Großheit
genommen.
Kehr` ich nun in mich selbst zurück, wie man doch so gern tut bei
jeder Gelegenheit, so entdecke ich ein Gefühl, das mich unendlich freut,
ja, das ich sogar auszusprechen 15 wage. Wer sich mit Ernst hier umsieht und
Augen hat zu sehen, muß solid werden, er muß einen Begriff von
Solidität fassen, der ihm nie so lebendig ward.
Der Geist wird zur Tüchtigkeit gestempelt, gelangt zu einem Ernst ohne
Trockenheit, zu einem gesetzten Wesen mit Freude. Mir wenigstens ist es, als
wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte als
hier. Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben.
Und so laßt mich aufraffen, wie es kommen will, die Ordnung wird sich
geben. Ich bin nicht hier, um nach meiner Art zu genießen;
befleißigen will ich mich der großen Gegenstände, lernen und
mich ausbilden, ehe ich vierzig Jahre alt werde. [...]
(e 1813/14)
1 Vertunin: Wagenfahrer, Kutscher
2 Anspielung auf eine Bekanntschaft, die
Goethe kurz vor seiner Ankunft in Assisi gemacht hat
3 Vitruv, eigentl. Vitruvius Polli: De
architectura (um 25 v. Chr.)
4 Andrea Palladio (1508-1580): ital.
Baumeister
5 Prätention: Anspruch,
Anmaßung
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Johann Gottfried Seume Spaziergang nach
Syrakus
ROM
Nun bin ich wieder hier in dem Sitz der heiligen Kirche, aber nicht in
ihrem Schoße. Wie Schade das ist; ich habe so viel Ansatz und Neigung zur
Katholizität, würde mich so gern auch an ein Oberhaupt in geistlichen
Dingen halten, wenn nur die Leute etwas leidlicher, ordentlich und
venünftig wären. Meiner ist der Katholizismus der Venunft, der
allgemeinen Gerechtigkeit, der Freiheit und Humanität; und der ihrige ist
die Nebelkappe der Vorurteile, der Privilegien, des eisernen Gewissenszwanges.
Ich hoffte, wir würden einst zusammenkommen; aber seit Bonapartes Bekehrung
habe ich für mich die Hoffnung sinken lassen. Dank sei es der
Frömmelei und dem Mamelukengeist des großen französischen
Bannerherrn, die Römer haben nun wieder Überfluß an Kirchen,
Mönchen, Banditen. Er hat uns zum wenigsten wieder einige hundert Jahre
zurückgeworfen. Homo sum - sagt Terenz; sonst könntest Du leicht
fragen, was mich das Zeug anginge. Aber ich will den Faden meiner Wanderschaft
wieder aufnehmen.
Den letzten Tag in Neapel besuchte ich noch den Agnano und die Hundsgrotte.
Schon Füger in Wien hatte mich gewarnt, ich möchte mich dort in Acht
nehmen: allein im Mai, dachte ich, hat so ein Spaziergang wohl nichts zu sagen.
Der Morgen war drückend schwül, und über der Solfatara und dem
Kamaldulenser Berge hingen Gewitterwolken. Alles ist bekannt genug; ich wollte
nur aus Neugier das Lokale sehen und weiter keinen Hund auf die Folter setzen.
Nachdem ich aber ungefähr ein Stündchen am See herumgewandelt war und
mir die Lage besehen hatte, ward mir der Kopf auf einmal sonderbar dumpf und
schwer, und ich eilte, daß ich durch die Bergschlucht wieder heraus kam.
Es war ein eigenes furchtbares Gefühl, als ob sich alle flüssigen
Teile mischten und die festen sich auflösen wollten. So wie ich mich von
der Gegend entfernte, kehrte mein heller Sinn zurück, und es blieb mir nur
eine gewisse Schwere und Müdigkeit von der Wärme. Eine eigene
Erscheinung in meinem Physischen war es mir indessen, als ich gleich nachher in
einem Wirtshause nicht weit von Posilippo aß, daß ich mir an einer
eben nicht harten Kastanie auf einmal drei Zähne bis fast zum Ausfallen
locker biß. Der Agnano und die Hundsgrotte kosten dich ein wenig zu viel,
dachte ich, und tat schon Verzicht auf meine drei Vorderzähne. Aber
Veränderung der Luft und etwas Schonung haben sie bis auf einen wieder
ziemlich festgemacht; und dieser wird sich hoffentlich auch wieder
erholen.
Will er nicht, nun so will ich ihn der Hundsgrotte opfern.
Von Rom nach Neapel war ich zu Fuße gegangen: von Neapel nach Rom
fuhr ich der Schnelligkeit wegen mit dem neapolitanischen Kourier. Noch die
Nacht fuhrn wir über Aversa nach Kapua, und den Tag von Kapua nach
Terracina. Anstatt einer attellanischen Fabel erzählte man uns in Aversa
als wahre Geschichte, daß eben die Räuber vom Berge heruntergekommen
wären und einen armen Teufel um sechszig Piaster erschlagen hätten. In
Fondi stahl ich mich mit etwas bösem Gewissen voraus, weil ich dem Herrn
Zolleinnehmer nicht gern in die Hände fallen wollte. Dieser Herr hatte
nämlich auf meiner Hinreise einen sehr großen Gefallen an meinem
Seehundstornister bekommen, wollte ihn durchaus haben, und bot mir bis zu drei
goldnen Unzen darauf. Ich wollte ihn nicht missen, hatte seiner Zudringlichkeit
aber doch einige Hoffnung gemacht, wenn ich zurückkäme: und jetzt
wollte ich ihn ebensowenig missen. Wer bringt nicht gern Haut und Fell und alles
wieder heil mit sich zurück? Durch die Pontinen ging es diesmal die Nacht,
welches ich sehr wohl zufrieden war. Der Morgen graute, als wir in Veletri
eintrafen. Nun kam aber eine echt italienische Stelle, über der ich leicht
hätte den Hals brechen können. Ich habe die Gewohnheit, beständig
vorauszulaufen, wo ich kann. Zwischen Gensano und Aricia ist eine schöne
Waldgegend, durch welche die Straße geht. Oben am Berge bat der Postilion,
wir möchten aussteigen, weil er vermutlich den Hemmschuh einlegen wollte,
und am Wagen etwas zu hämmern hatte. Der Offizier blieb bei seinen
Depeschen am Wagen, und ich schlenderte leicht und unbefangen den Berg hinunter
in den Wald hinein, und dachte, wie ich Freund Reinhart in Aricia
überraschen würde, der jetzt daselbst sein wollte. Ungefähr
sieben Minuten mochte ich so formgewandelt sein, da stürzten links aus dem
Gebüsche vier Kerle auf mich zu. Ihre Botschaft erklärte sich
sogleich. Einer faßte mich bei der Krause, und setzte mir den Dolch an die
Kehle; der andere am Arm, und setzte mir den Dolch auf die Brust; die beiden
übrigen blieben dispositionsmäßig in einer kleinen Entfernung
mit aufgezogenen Karabinern. In der Bestürzung sagte ich halb
unwillkürlich auf Deutsch zu ihnen: Ei so nehmt denn ins Teufels Namen
alles, was ich habe! Da machte einer eine doppelt gräßliche Pantomime
mit Gesicht und Dolch, um mir zu verstehen zu geben, man würde stoßen
und schießen, sobald ich noch eine Silbe spräche. Ich schwieg also.
In Eile nahmen sie mir nun die Börse und etwas kleines Geld aus den
Westentaschen, welches beides zusammen sich vielleicht auf sieben Piaster
belief. Nun zogen sie mich mit der vehementesten Gewalt nach dem Gebüsche,
und die Karabiner suchten mir durch richtige Schwenkung Willigkeit
einzuflößen.
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 26
Ich machte mich bloß so schwer als möglich, da weiter
tätigen Widerstand zu tun der gewisse Tod gewesen wäre: man
zerriß mir in der Anstrengung Weste und Hemd. Vermutlich wollte man mich
dort im Busche gemächlich durchsuchen und ausziehen, und dann mit mir tun,
was man für gut linden würde. Sind die Herren sicher, so lassen sie
das Opfer laufen; sind sie das nicht, so geben sie einen Schuß oder Stich,
und die Toten sprechen nicht. In diesem kritischen Momente, denn das Ganze
dauerte vielleicht kaum eine Minute, hörte man den Wagen von oben
herabrollen und auch Stimmen von unten: sie ließen mich also los, und
nahmen die Flucht in den Wald. Ich ging etwas verblüfft meinen Weg fort,
ohne jemand zu erwarten. Die Uhr saß, wie in Sizilien, tief( und das
Taschenbuch stak unter dem Arme in einem Rocksacke: beides wurde also in der
Geschwindigkeit nicht gefunden. Die Kerle sahen gräßlich aus, wie ihr
Handwerk; keiner war, nach meiner Taxe, unter zwanzig, und keiner über
dreißig. Sie hatten sich gemalt, und trugen falsche Bärte; ein
Beweis, daß sie aus der Gegend waren, und Entdeckung fürchteten.
Reinhart traf ich in Aricia nicht; er war noch in Rom. So hätte ich wohl
noch leicht in der schönen klassischen Gegend bleiben können. Dort
spielt ein Teil der Aeneide, und nach aller Topographie bezahlten daselbst Nisus
und Euryalus ihre jugendliche Unbesonnenheit: nicht eben, daß sie gingen,
sondern daß sie unterwegs so alberne Streiche machten, die kein
preußischer Rekrut machen würde. Wer wird einen schön polierten,
glänzenden Helm bei Mondschein aufsetzen, um versteckt zu bleiben? Herr
Virgil hat sie, vermutlich bloß der schönen Episode wegen, so ganz
unüberlegt handeln lassen.
Hier in Rom brachte man mir die tröstliche Nachricht, daß zwei
von den Schurken, die mich in dem Walde geplündert hätten, erwischt
wären, und daß ich vielleicht noch das Vergnügen haben
würde, sie hängen zu sehen. Dawider habe ich weiter nichts, als
daß es bei der jetzigen ungeheuern Unordnung der Dinge sehr wenig helfen
wird. Ich habe hier etwas von einem Manuskript gesehen, das in kurzem in
Deutschland, wenn ich nicht irre, bei Perthes, gedruckt werden soll, und das ein
Gemälde vom jetzigen Rom enthält. Du wirst Dich wundem, wenn ich Dir
sage, daß fast alles darin noch sehr sanft gezeichnet ist. Der Mann kann
auf alle Fälle kompetenter Beurteiler sein; denn er ist lange hier, ist ein
freier, unbefangener, kenntnisvoller Mann, bei dem Herz und Kopf gehörig im
Gleichgewicht stehen. Die Hierarchie wird wieder in ihrer größten
Ausdehnung eingerührt; und was das Volk eben jetzt darunter leiden
müsse, kannst Du berechnen. Die Klöster nehmen alle ihre Güter
mit Strenge wieder in Besitz, die eingezogenen Kirchen werden wieder geheiligt,
und alle Prälaten behaupten fürs allererste wieder ihren alten Glanz.
Da mästen sich wieder die Mönche, und wer bekümmert sich darum,
daß das Volk hungert? Die Straßen sind nicht allein mit Bettlern
bedeckt, sondern diese Bettler sterben wirklich daselbst vor Hunger und Elend.
Ich weiß, daß bei meinem Hiersein an einem Tage fünf bis sechs
Personen vor Hunger gestorben sind. Ich selbst habe Einige niederfallen und
sterben sehen. Rührt dieses das geistliche Mastheer? Der Ausdruck ist
empörend, aber nicht mehr als die Wahrheit. Jedes Wort ist an seiner Stelle
gut, denke und sage ich mit dem Alten. Als die Leiche Pius des Sechsten
prächtig eingebracht wurde, damit die Exequien noch prächtiger
gehalten werden könnten, erhob sich selbst aus dem gläubigen
Gedränge ein Fünkchen Vernunft in dem dumpfen Gemurmel, daß man
so viel Lärm und Kosten mit einem Toten mache, und die Lebendigen im Elende
verhungern lasse. Rom ist oft die Kloake der Menschheit gewesen, aber vielleicht
nie mehr als jetzt. Es ist keine Ordnung, keine Justiz, keine Polizei; auf dem
Lande noch weniger als in der Stadt:
und wenn die Menschheit nicht noch tiefer gesunken ist, als sie wirklich
liegt, so kommt es bloß daher, weil man das Göttliche in der Natur
durch die größte Unvernunft nicht ganz ausrotten kann.
Du kannst denken, mit welcher Stimmung ein vernünftiger Philanthrop
sich hier umsieht. Ich hatte mich mit einer bittern Philippika gerüstet,
als ich wieder zu Borgia gehen wollte. Nil valent
apud Vos leges, nil justitia, nil boni moros; saginantur sacerdotes, perit
plebs, caecutit populus; vilipenditur quodcunque est homini sanctum, honestas,
modestia, omnis virtus. Infimus et improbissimus quisque cum arrris per oppida
et agros praedabundus incedit, furatur, rapit, trucidat, jugulat, incendia
miscet. Haec est illa religio scilicet, auctoris ignominia, rationis opprobrium,
qua Vos homines liberos et viros fortes adservitia et Iatranes detrudere
conamini. *
So gor es, und ich versichere Dich, Freund, es ist keine Silbe Redekunst
dabei. Aber gesetzt auch, ein Kardinal hätte das so hingenommen, warum
sollte ich dem alten, guten, ehrlichen Manne Herzklopfen machen? Es hilft
nichts; das liegt schon im System. Man wird schon Palliativen finden; aber an
Heilung ist nicht zu denken. Die Herren sind immer klug wie die Schlangen;
weiter gehen sie im Evangelium nicht. Die neuesten Beweise davon kannst Du in
Florenz und Paris sehen. Ich ging gar nicht zu Borgia, weil ich meiner eigenen
Klugheit nicht traute.
Überdies hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit
zurück.
Die römischen Vornehmen haben einen ganzen Haufen Bedienten im Hause
und geben nur schlechten Sold. Jeder Fremde, der nur die geringste
Höflichkeit vom Herrn empfängt, wird dafür von der Valetaille in
Anspruch genommen. Das hatte ich erfahren.
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Literatur Seite 27
Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich nicht weniger als einen
Piaster geben; und so viel wollte ich für den Papst und sein ganzes
Kollegium nicht mehr in Auslage sein.
Ich will das Betragen der Franzosen hier und in ganz Unteritalien nicht
rechtfertigen: aber dadurch, daß sie die Sache wieder aufgegeben haben,
ist die Menschheit in unsägliches Elend zurückgefallen. Ich
weiß, was darüber gesagt werden kann, und von wie vielen Seiten alles
betrachtet werden muß: aber wenn man schlecht angefangen hat, so hat man
noch schlechter geendiget; das Zeugnis wird mit Zähneknirschen jeder
rechtliche Römer und Neapolitaner geben. Geschichte kann ich hier nicht
schreiben. Durch ihren unbedingten, nicht notwendigen Abzug ist die
schrecklichste Anarchie entstanden. Die Heerstraßen sind voll Räuber;
die niederträchtigsten Bösewichter ziehen bewaffnet im Lande herum.
Bloß während meiner kurzen Anwesenheit in Rom sind drei Kouriere
geplündert und fünf Dragoner von der Begleitung erschossen worden.
Niemand wagt es mehr, etwas mit der Post zu geben.
Der französische General ließ wegen vieler Ungebühr ein
altes Gesetz schärfen, das den Dolchträgern den Tod bestimmt, und
ließ eine Anzahl Verbrecher vor dem Volkstore wirklich
niederschießen. Die Härte war Wohltat; nun war Sicherheit. Jetzt
trägt jedermann wieder seinen Dolch und braucht ihn. Die Kardinäle
sind immer noch in dem schändlichen Kredit als Beschützer der
Verbrecher. Man erzählt jetzt noch Beispiele mit allen Namen und
Umständen, daß sie Mörder in ihren Wagen aus der Stadt in
Sicherheit bringen lassen. Über öffentliche Armenanstalten bei den
Katholiken ist schon viel gesagt. Rom war auch in dieser Rücksicht die
Metropolis. Jetzt sind durch die Revolution fast alle öffentliche
Armenfonds wie ausgeplündert, und die Not ist vor der Ernte unter der ganz
armen Klasse schrecklich. In ganz Marino und Albano ist keine öffentliche
Schule, also keine Sorge für Erziehung; in Rom ist sie schlecht. Der
Kirchenstaat ist eine Öde rund um Rom herum, deswegen erlaubt aber kein
Güterbesitzer, daß man auf seimen Grunde arbeite. Das Feudalrecht
könnte in Gefahr geraten. Wenn er nicht geradezu hungert, was geht ihn die
Hefen des Romulus an? Die Möncherei kommt wieder in ihren krassesten Flor,
und man erzählt sich wieder ganz neue Bubenstücke der
Kuttenträger, die der Schande der finstersten Zeiten gleich kommen.
Man sagt wohl, Italien sei ein Paradies von Teufeln bewohnt: das heißt der
menschlichen Natur Hohn gesprochen. Der Italiener ist ein edler, herrlicher
Mensch; aber seine Regenten sind Mönche oder Mönchsknechte; die
meisten sind Väter ohne Kinder: das ist Erklärung genug. Überdies
ist es der Sitz der Vergebung der Sünde.
Ich will nur machen, daß ich hinauskomme, sonst denkst Du, daß
ich beißig und bösartig geworden bin. Die Partien rundherum sind ohne
mich bekannt genug: ich habe die meisten, allein und in Gesellschaft, in der
schönsten Jahreszeit genossen. Man kann hier sein und sich wohl befinden,
nur muß man die Humanität zu Hause lassen.[...]
Neapel [...]
In Salerne, wo ich seh zeitig ankam, wollte ich die Nacht bleiben, und den
folgenden Morgen weiterfahren. Ich wandelte also in der Stadt herum, und bald
faßte mich ein Geistlicher bei der Krause, der mir alle Herrlichkeiten
seiner Vaterstadt zeigte. Die Kathedrale mit ihren Wundem war das erste. Das
Bassin am Eingange, von einem einzigen Stücke gearbeitet, ließe sich
wirklich auch in Rom noch sehen. Man zeigte mir eine Menge Gräber von alten
Erzbischöfen und Salernitaner Advokaten, die den Leuten gewaltig wichtig
waren. Einige schöne alte Basreliefs aus Pästum hat man hier und da
mit zur Verzierung neuer Monumente gebraucht. Das Merkwürdigste sind
mehrere sehr schöne antike Säulen, die man auch aus Pästum geholt
hat. Man rührte mich in das Adyton der Krypte des Schutzpatrons, welches
Matthäus ist. Hier stand die statua biformis des Heiligen, die einem Janus
ziemlich ähnlich sieht. Bei dieser Gelegenheit wurden mir denn alle Wunder
erzählt, die der Apostel zum Heile der Stadt gegen die Sarazenen getan
hatte. Es läßt sich wohl begreifen, wie das zuging, und wie irgend
ein Spruch von ihm und der Enthusiasmus für ihn so viel wirkten, daß
die Ungläubigen abziehen mußten. Und nach der alten Rechtsregel, quod
quis per alium - kommt ihm dann die Ehre billig zu. Das wissen die
Spitzköpfe unter den Herren gar trefflich zu amalgamieren: die
Plattköpfe haben es gar nicht nötig, die nehmen es starkgläubig
geradezu. Im Hintergrunde der Krypte stehen noch ein Paar weibliche
Heftigkeiten, deren Namen ich vergessen habe, deren Blut aber noch
beständig fließt. Ich hörte es selbst rauschen und kann es also
bezeugen; ich wagte gläubig keine Erklärung des Gaukelspiels. Unter
den vielen Narren war auch ein Vernünftiger, der mir vorzüglich die
Säulen aus Pästum alle und von allen Seiten in den schönsten
Beleuchtungen zeigte: er drückte mir stillschweigend die Hand als ich
fortging. Nun brachte man mich noch mit Gewalt in eine andere Kirche, wo eine
schöne Kreuzigung weder gemalt noch gehauen noch gegossen, sondern ins Holz
gewachsen war. Mit Hilfe einiger Phantasie konnte man wohl so etwas heraus- oder
vielmehr hineinbringen; und die Wunder überlasse ich den Gläubigen.
Einige wunderten sich, daß ich doch gar nichts aufschriebe, wie andere
Reisende; und einer der jungen Herren, die mich begleiteten, sagte
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 28
zu meinem Lobe, ich wäre von allem hinlänglich unterrichtet und
überzeugt. Da sagte er denn in beidem eine große Lüge. Als ich
wegging, bat sich mein Hauptführer, der sich, glaube ich, einen Kastellan
des Erzbischofs nannte, etwas für die Armen aus; das gab ich: sodann etwas
zu einer Seelenmesse für mich; das gab ich auch. Schadet niemand und hilft
wohl; man muß die Gläubigen stärken, lautet das Schibolet, das
Goethens Reinecke der Fuchs von seiner Frau Mutter bekommt. Dann bat er sich
auch noch etwas für seine Mühe aus.
Dazu machte ich endlich ein grämliches Gesicht und zog noch zwei
Karlin hervor. Als ich sie ihm hinreichte, schnappte sie ein Profaner weg, der
sich einen Korporal nannte, und von dem ich ebenso wenig wußte, wie er zur
Gesellschaft, noch wie er in den Dienst der Kirche gekommen war. Darüber
entstand Streit zwischen dem Klerikus und dem Laien. Der geistliche Herr sagte
mir ins rechte Ohr, daß der Korporal ein liederlicher Säufer
wäre; dieser zischelte mir gelegentlich ins linke, das Mönchsgesicht
sei ein Gauner und lebe vom Betruge: ich antwortete beiden ganz leise, daß
ich das nämliche glaube und es wohl gemerkt habe. Es ist ein heilloses
Leben.
Mein Freund, Du suchest in Salerne
Den Menschensinn umsonst mit der Laterne;
Denn zeigt er sich auch nur von ferne,
So eilen Kutten und Kapuzen,
Der heiligen Verfinsterung zum Nutzen,
Zum dümmsten Glauben ihn zu stutzen.
Da löscht man des Verstandes Zunder,
Und mischt mit Pfaffenwitz des Widersinnes Plunder,
Zum Trost der Schurkerei, zum Wunder:
Und jeder Schuft, der fromm dem Himmel schmeichelt,
Und wirklich dumm ist, oder Dummheit heuchelt,
Kniet hin und betet, geht und meuchelt;
Gewiß, Vergebung seiner Sünden
Beim nächsten Plattkopf lästerlich zu
finden.
Ich kann mir nicht helfen, Lieber, ich muß es Dir nur gestehen,
daß ich den Artikel von der Vergebung der Sünden für einen der
verderblichsten halte, den die Halbbildung der Vemunft zum angeblichen Troste
der Schwachköpfe nur hat erfinden können. Er ist der schlimmste
Anthropomorphismus, den man der Gottheit andichten kann. Es ist kein Gedanke,
daß Sünde vergeben werde:
jeder wird wohl mit allen seinen bösen und guten Werken hingehen
müssen, wohin ihn seine Natur rührt. Eine mißverstandene
Humanität hat den Irrtum zum Unglück des Menschengeschlechts
aufgestellt und fortgepflanzt: und nun wickeln sich die Theologen so fein als
möglich in Distinktionen herum, welche die Sache durchaus nicht besser
machen. Was ein Mensch gefühlt hat, bleibt in Ewigkeit gefehlt; es
läßt sich keine einzige Folge einer einzigen Tat aus der Kette der
Dinge herausreißen. Die Schwachheiten der Natur sind durch die Natur
selbst gegeben, und die Herrscherin Vemunft soll sie durch ihre Stärke zu
leiten und zu vermindern suchen. Der Begriff der Verzeihung hindert meistens das
Besserwerden. Gehe nur in die Welt, um Dich davon zu überzeugen. Soll
vielleicht dieser Trost großen Bösewichtern zu Statten
kommen?
Alle Schurken, die sich nicht bessem können, die von Beichte zu
Beichte täglich schlechter, weggeworfener und niederträchtiger werden;
diese sollen zum Heile der Menschheit verzweifeln. Jeder soll haben, was ihm
zukommt. Die Verzweiflung der Bösewichter ist Wohltat für die Welt;
sie ist das Opfer, das der Tugend und der Göttlichkeit unserer Natur
gebracht wird. Verzweifle, wer sich nicht bessem, sich nicht vernünftig
beruhigen kann; die Vergebung der Sünden kann ich nicht begreifen: sie ist
ein Widerspruch, gehört zu den Gängelbändern der geistlichen
Empirik, damit ja niemand allein gehen lerne. Man darf nur die Länder recht
beschauen, wo diese entsetzliche Gnade im größten Umfange und Unfuge
regiert; kein rechtlicher Mann ist dort seiner Existenz sicher. Die Geschichte
belegt.
Hier in Salerne erhielt ich einen neuen Führer, der mir sehr
problematisch aussah. Er machte mich dadurch aufmerksam, daß ich bei ihm
außerordentlich sicher sei, weil er alles schlechte Gesindel als
freundliche Bekannte grüßte, und meinte, in seiner Gesellschaft
könne mir nichts geschehen. Das begriff ich und war ziemlich ruhig,
obgleich nicht wegen seiner Ehrlichkeit. Er hätte mich öffentlich in
der Stadt übernommen; es galt also seine eigene Sicherheit, mich dahin
wieder zurückzuliefern: weiter hätte ich ihm dann nicht trauen
mögen. Wir fuhren noch diesen Abend ab, und blieben die Nacht an der
Straße in einem einzelnen Wirtshause, wo sich der Weg nach Pästum
rechts von der Landstraße nach Eboli und Kalabrien trennt. Diese
Landstraße geht von hier aus nur ungefähr noch vierzig Millien; dann
fängt sie an sizilianisch zu werden, und ist nur für Maulesel gangbar.
Es war herrliches Wetter; der Himmel schien mir an dem schönen Morgen
vorzüglich wohl zu wollen: meine Seele ward lebendiger als gewöhnlich.
[...]
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 29
Erklärungen:
*Nichts gelten bei Euch die Gesetze, nichts
die Gerechtigkeit, nichts gute Gesinnung; die Priester mästen sich, der
Pöbel geht zugrunde, das Volk ist blind; für verächtlich gilt
alles, was den Mensvhen heilig ist, Ehre, Anstand, jede Tugend. Gerade die
Niedrigsten und Nichtswürdigsten gehen in Waffen durch Stadt und Land auf
Beute. Dies freilich ist jene Religion, eine Schande gegenüber ihrem
Gründer, eine Schmähung der Vernunft, mit der iht versucht, freie
Menschen und tapfere Männer in Knechtschaft und Räuberei zu
stoßen.
statua biformis: Januskopf: Bildnis mit
zwei Blickrichtungen
quod quis per alium: Sprichwort:
vollständig: “Was einer durch einen anderen tut, das gilt , als
hätte er es selbst getan”
Anthropomorphismus: Vermenschlichung,
Vorstellung Gottes in menschlicher Gestalt
Mamelukengeist: Treulosigkeit,
Egoismus
Homo sum - sagt
Terenz: vollständig:”Mensch bin ich, nicht Menschliches gilt mir
als fremd” Zitat aus einer
Komödie
atellanische Fabel: Aufschneiderei, dummes
Zeug
Exequien: Trauerfeierlichkeiten für
Pius VI
Palliativen:
Linderungsmittel
Valetaille:
Dienstboten
Hefen des Romulus: Pöbel von
Rom
Otto Julius Bierbaum Eine empfindsame Reise im
Automobil
VON TERNI BIS FRASCATI
AN HERRN PROFESSOR FRANZ STUCK IN MÜNCHEN
Rom, den 10. Juni 1902
Lieber Herr Stuck! Ich wollte Ihnen schon gestern schreiben, aber wie es
mir bisher nun immer auf dieser schönen Reise gegangen ist, wenn wir in
einer großen Stadt ankamen: Mich überfiel eine Erschlaffung. Wir sind
durch das tägliche frische Luftbad so verwöhnt, daß die
eingesperrte Luft der Städte uns wie Backofentemperatur vorkommt, in der zu
leben uns anfänglich unmöglich scheinen will.
Ich weiß nicht, ob es wahr ist, daß Fliegen vor Hitze umfallen,
wie man sagt - sicher ist, daß ich hier tatsächlich umgefallen bin
und nicht imstande war, die Feder zu rühren.
Das ist kein würdiger Beginn eines römischen Aufenthaltes, und
ich schäme mich seiner rechtschaffen.
Aber das kommt davon, wenn Hyperboräer wie ich zu einer Zeit nach Rom
fahren, wo selbst die Römer die Stadt verlassen und die meisten Hotels
geschlossen werden. Saison morte. Selbst die enge Stadt kennt diesen
Begriff.
Nun haben wir heute eine Rundfahrt gemacht, und die hat mich elektrisiert.
Hitze hin und Hitze her - in Rom gibt es Dinge, die alles vergessen lassen,
selbst 55 Grad Réaunur. Ob ich aber Worte für sie finden werde? Kann
man mit wirbelndem Gehirne schreiben? Ich will es versuchen und mit leichten
Dingen beginnen.
Die Aussicht von meinem Fenster! Sie wird links von einem Seitenflügel
des schönen Palazzo Barberini begrenzt, dessen Garten gerade vor mir liegt.
Ein Garten nach unseren Begriffen, mit vielen Bäumen und dichtem Buschwerk,
ist das nicht. Die Bäume sind nur wenige, aber es sind seltene
Prachtstücke südlicher Art, immergrüne, die auch im Winter nicht
kahl werden.
Hinter ihnen hohe Häuser mit glatten Dächern (auf dem einen
sitzt, der Kleidung nach zu schließen, ein Kammermädchen, und ich
bilde mir ein, daß es ein hübsches Kammermädchen ist, denn es
wäre sehr ungeschickt, mir ein häßliches einzubilden; deren gibt
es genug in den italienischen Hotels, in denen, so scheint es,
grundsätzlich nur Matronen vorgerückten Alters angestellt werden), und
rechts hinauf, gleichfalls mit platten Dächern, aber außerdem mit
vielen luftigen Balkonen (doch ist es leider zu heiß, als daß sich
auch nur der Ansatz zu einem Kranze holder Damen auf ihnen präsentierte),
die Via delle quattro fontane, auf der ein lebhaftes Hin und Her von Menschen zu
Fuß und zu Wagen ist. Ich sehe und nenne: Mönche, Carabinieri, ein
paar verspätete Engländer, Malermodelle aus den Abbruzzen (denn die
»Spanische Treppe« ist nicht weit), ein Trupp Bersaglieri (wie Max
Schillings mit Recht sagt: die schönsten Soldaten der Welt), ein Zug von
Leuten mit Dreimastern und merkwürdigen Uniformröcken, in der Hand
Wachskerzen, also wohl eine Begräbnisbrüderschaft, und, siehe da: auch
drei »Krebse«. So nennt man nämlich, ihrer roten Soutanen
wegen,
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 30
die deutschen Seminaristen in Rom. An den Straßenecken sitzen junge
Burschen, die Kirschen feilhalten, die sie in Form von Trauben zusammengebunden
haben, Hinten, wo die Via delle quattro fontane von einer andren Straße
gekreuzt wird, sehe ich, einen Trupp Kürassiere voran, einen Trupp
Kürassiere hinterher, im schnellsten Tempo eine Hofkalesche
fahren.
Vielleicht ist es der König oder die Königin. Die arme Ellena:
Sie ist zwar die Königin, aber sie gilt nicht als solche. Noch immer denkt
der Italiener an die blonde Margherita, wenn er la regina sagt. - Im ganzen
genommen: Das Straßenbild ist lebhaft, bunt, großstädtisch,
aber seinethalben würde man kaum hier in der Hitze aushalten. Den
Italienern, denen, je nach ihrer politischen Meinung, Rom heilig ist als
Wahrzeichen der Unita Italia oder des Papsttumes, gilt in erster Linie das
lebendige Rom - uns verschwindet dieses vor den Resten des toten, dem wir doch
allein die Ewigkeit zuerkennen.
Vor diesem tritt in mir jetzt alles andere zurück, aber ich bin froh,
daß ich vorher noch von anderem zu handeln habe, denn ich würde
(siehe oben!) noch nicht imstande sein, Worte darüber zu finden. Ich frage
mich wieder: Werde ich es später? Das Ziemlichste wäre hier, zu
schweigen oder Goethe zu zitieren. Einstweilen zurück nach Terni! Eine
merkwürdige Stadt - sie hat keine Sehenswürdigkeiten. Wenigstens nicht
innerhalb ihres Burgfriedens. Doch ist sie trotzdem vielbesucht als Ausgangsort
für die berühmten Wasserfälle le marmore. Es versteht sich,
daß wir unsern Adlerwagen zu ihnen lenkten, und wir haben sehr wohl daran
getan, denn sie sind ein herrlicher Anblick.
Man muß aber nicht an das denken, was in der Schweiz oder Tirol ein
Wasserfall heißt. Es ist nicht der gewisse Gießbach, der senkrecht
eine hohe Schlucht herabfällt, sondern es ist ein Terrassensturz. Erst in
drei
Strängen eine hohe Wand herab, in einen mittleren Kessel, von wo aus
sich die Gewässer als flüchtiger Staub bis fast zur halben Höhe
der Wand wieder erheben, dann in wilden Strudeln zu einer zerrissenen
Felsenstufe und nun im gewaltigsten Schwalle herunter zum eigentlichen Bette des
Flusses, wo dann der übermütige Springer bald ruhiger wird. Das Ganze
hat Majestät und Würde und sieht sich fast wie Kunst an - wobei man
aber an das denken muß, was man sich unter antiker Kunst vorstellt. Es ist
wie eine Bändigung des Elements: erst hierher, daß sich deine Kraft
im wildesten bricht, nun hier, wo sie sich nochmals abmühen mag, den alten
Trotz zu gewinnen, und jetzt, kräftig noch, aber machtvoll geregelt, hinab
zu gelassener Ruhe. Man nimmt einen großen Eindruck für immer mit
sich. - Von Terni an führt die Straße immer aufwärts, wieder
über einen Ast des Apennin, und wieder fiel es uns auf, wie öde dieses
Gebirge ist und wie groß der Unterschied zwischen den Landschaften, die es
trennt. Der Übergang selber ist nicht entfernt so schwierig wie der
zwischen Faenza und Florenz; auch ist er viel kürzer. Die Campagna, in die
wir nun eintreten, enttäuschte mich, weil ich unwillkürlich gehofft
hatte, einen so überwältigenden Eindruck zu erhalten, wie er mir
damals beschert war, als sich zum ersten Male Toskana dem Blicke auftat. Im
Vergleiche dazu wirkt die Campagna arm. Sie ist kein Garten wie Toskana, sondern
in der Hauptsache Wiesen- und Weidenland, nur spärlich unterbrochen von
einzelnen Eichen. Keine Villen, wenig Dörfer, nur ärmliche Farmen und
Viehhürden. Wir sahen viele Schafherden und eine große Anzahl von
ungebührlich belasteten Eseln. Fast daß die Tiere darunter
verschwinden, sind sie mit Heu bepackt, und man sieht die braven kleinen
Burschen häufig genug zwei Reiter tragen. Die Frauen sitzen auf ihnen nach
Männerart, was sich recht wunderlich ausnimmt. An ihnen bemerkten wir zum
ersten Male die Miedertracht (nicht Niedertracht zu lesen!), das heißt das
Korsett als Kleidungsstück ohne nochmalige Verhüllung durch eine
»Taille«. Also eine Schale weniger, was zu begrüßen
wäre, wenn die Korsetts sauberer aussähen. - Noch Seume erzählt
von der Unsicherheit dieser Gegend; jetzt gibt es hier wohl kaum Räuber.
Sie hätten dreimal leichte Arbeit mit uns gehabt, denn 25 Meilen vor Rom
begann dasselbe Geduldspiel mit den Pneumatiks, das bereits unserm ersten
Apenninübergang beschieden gewesen war:
Wir mußten dreimal »abmanteln«. Gelassenen Sinnes, wie man
wird, wenn man seit acht Wochen im Laufwagen reist, haben wir uns nicht viel
daraus gemacht und uns währenddessen genauer in die Campagna vertieft,
wobei es uns denn aufging, daß diese Öde einen Zug von
Größe hat - zumal wenn man im Hintergrunde die Peterskuppel gewahr
wird. - Die Straße, die man befährt, ist die alte Via Flaminia; es
tut mir leid zu sagen, daß wir sie als die schlechteste erfanden, die uns
bisher auf italienischem Boden beschieden war. Im Altertum ist sie gewiß
so vortrefflich gewesen wie alles, was der antike Staat für die
Öffentlichkeit baute (z.B. die schöne Brücke über den Tiber,
hinter Otricoli), und sie hat sich nur noch nicht von der Zeit des
Kirchenstaates her erholt, denk ich mir, da ich der Partei der
»Königlichen« recht gebe, die auf Plakaten ihren Wahlspruch hier
so formulieren : In Roma siamo e ci rimaniamo. (Meine Frau belehrt mich eben,
daß das ein Ausspruch Viktor Emanuels II. ist. ) »Liebt der Signor
den König oder den Papst?« fragte uns ein Mann, der bei uns
haltmachte, als wir unserm braven Führer beim Reparieren zusahen, und er
war sehr unzufrieden, als wir ihm darauf keinen bestimmten Bescheid gaben.
Für den heutigen Römer muß das wohl, wenn er nicht gerade
Sozialdemokrat ist, politisch die Hauptfrage sein, und diese Frage drängt
sich mit der ganzen Wucht der Peterskuppel auf. Auch dem Fremden wird erst hier
die Wunderlichkeit des Zustandes recht auffällig, die darin
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 31
liegt, daß der einstmalige Souverän des Landes depossediert in
seiner ehemaligen Residenz sitzt. Man versteht, überlegt man sich dies, die
Redensart von der Gefangenschaft des Papstes - es ist der Aufenthalt im Vatikan
für ihn in der Tat wenigstens eine Art relativer Gefangenschaft, und
für ein Temperament wie das des Kardinals Rampolla muß dieser Zustand
eine arge Pein sein. Der gegenwärtige Papst selber mag ihn persönlich
eher erträglich finden, da er körperlich ohnehin kaum die Kraft
hätte, die Grenzen des Vatikans zu überschreiten, und da er geistig
keinen Trost im vornehmsten aller geistigen Sports findet: in der lateinischen
Poesie. Das gläubige Volk ist hier übrigens überzeugt, daß
er körperlich gar nicht mehr lebt und daß es nur sein Geist ist, dem
die Engel für die Augenblicke, wo er sich öffentlich zeigen muß,
zur Materialisierung verhelfen. Mich kümmert diese Frage wenig; mag der
Papst leben oder tot, gefangen oder souverän sein: Die Hauptsache ist
für mich in Rom, daß ich mit Augen , sehen kann, was von der Antike
noch lebt.
Frascati, den15. Juni 1902
Dies ist einer der Orte, wohin die Römer fliehen, wenn es ihnen in
ihrer Capitale zu heiß wird; der König selber, so heißt es,
lenkt täglich sein Automobil hierher. Uns trieb nicht nur die Hitze aus
Rom, sondern auch ein Gefühl der Unruhe, wie es sich einstellt, wenn man
seiner Empfindungen nicht Herr werden kann und wenn man eine Aufgabe vor sich
sieht, die zu bewältigen man nicht imstande ist. Rom in fünf Tagen -
das erzeugt einen Wirbel der Seele, und ich sage mir heute, es wäre doch
besser gewesen, sofort nach der ersten Umfahrt weiterzureisen. Und wenn wir
statt fünf Tage fünfzehn geblieben wären oder auch fünfzig -
es wäre
nichts anderes herausgekommen. Ein Deutscher braucht für Rom
mindestens ein halbes Jahr. - Es gilt ja hier nicht, eine fremde Stadt
kennenzulernen; hier handelt es sich um viel mehr: es stellen sich hier
leibhaftig alle die Probleme vor der erschauernden Seele auf, die uns im
Eigensten angehen. Dieses Rom ist ja unsere Hauptstadt ebensogut wie die der
Italiener. Von hierher stammt unsre Gesittung, unser recht; hier wurde uns die
Schönheit die Religion gelehrt. Es ist die Hauptstadt der europäischen
Kultur. Ob wir darüber froh sein sollen oder ob wir Anlaß haben,
darüber zu klagen - gleichviel : Es ist so. Unsre Vorfahren haben - und wir
haben keine Ursache, darauf stolz zu sein - das antike Rom, diese ungeheure
Herrlichkeit, in Trümmer geschlagen, aber der Geist war mächtiger als
die mächtigen Steine, und er rächte sich an den Wilden, indem er ihnen
alles nahm, was sie an eigenem Geiste besaßen. Ihre Götter - was sind
sie uns, die wir doch ihres Blutes sind, viel mehr als indianische
Ungetüme? Im besten Falle Figuren der Phantasie Richard Wagners. Wir haben
in ein paar Märchen Spuren davon gerettet, das ist alles.
Die Antike setzte sich, ob sie auch niedergetrümmert war,
ästhetisch im Christentume fort, und unser Schönheitskodex stammt
nicht weniger aus Rom als der Kodex unsres Rechtes. Und das Christentum selber
ist uns auf römisch beigebracht worden. Hier läuft alles in einem
Punkte zusammen, was jahrhundertelang fast ausschließlich auf uns gewirkt
hat und noch heute fortwirkt, so oder so. Welcher Deutsche müßte hier
nicht nachdenklich werden? - Zuerst ist es ein Gefühl ratlosen Staunens.
Man sieht diese wunderbaren Reste der Antike, die alles übertreffen, was
man sich davon vorgestellt hat, und man fühlt sich ganz Barbar. Da> ist
alles so unerhört gewaltig, Zeuge einer ästhetischen Kultur, neben der
das, was wir selbst hervorgebracht haben, vollkommen verschwindet. Und dann
fragt man sich: Wie konnte das geschehen? Wie war es möglich, daß
dies unterging? Alles dies war im eigentlichsten Sinne auf die Ewigkeit
berechnet, und nun stehen Ruinen. Man wird von Zorn ergriffen und ist
töricht genug, mit dem Schicksal hadern zu wollen.
Was die christliche Zeit an die Stelle des Alten gesetzt hat, erscheint
einem kümmerlich, und nur der eine Michelangelo findet Gnade vor den
empörten Augen.
Ja, was man Holdseliges und Erhabenes von christlicher Kunst früher
mit Entzückung gesehen hat, droht zu verschwinden, will klein, belanglos
erscheinen.
Man fühlt sich wie entwurzelt. Etwas Übermächtiges ist vor
die Seele getreten, und diese Seele wird von einem Überschwange ergriffen,
es ganz aufzunehmen, alles dafür hinzugeben, um nur dieses eine ganz zu
haben : die Antike. Indessen, es zeigt sich doch, daß diese Seele nicht
mehr imstande ist, all das aufzugeben, wovon sie bisher erfüllt war, und
daß sie nicht mehr imstande ist, jenen Riesengast aus gewaltigerer Zeit zu
beherbergen, und so kommt die Umstimmung.
Aus der Empörung wird Resignation und - dank der Kunst, die, wenn auch
in anderem Geiste, immer weiter das Schöne als Trost in die Welt gesetzt
hat - aus der Resignation ein Gefühl der Zuversicht, daß, wenn auch
nichts, was Menschen schaffen, ewigen Bestand hat, doch unverwüstlich die
Lust und die Kraft in den Menschen bleibt, Schönes zu gestalten. Wer von
sich mit Fug sagen dürfte, daß er einer Kultur wie der antiken
gewachsen wäre, der mag mit Nietzsche, der wohl aus sich ein Recht dazu
hatte, eine Wiederkunft jenes römischen Geistes heraufbeschwören
wollen uns anderen ziemt eine bescheidenere Pose, und wir wollen es nur ruhig
gestehen, daß wir jene Gesundheit der alten Welt nicht ertragen
könnten. Wir können nichts als bewundern, aber wir sind differenziert
genug geworden, daß wir auch für alles das, was hinterher gekommen
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 32
ist, Organe besitzen, und wir tun gut daran, diese Organe zu nützen.
Wir sind auf eine Bahn gekommen, die von der Antike wegführt, denn unsere
Gesittung ist im Grunde sentimentaler Natur. Man denke an das, was Klinger mit
seinem »Christus im Olymp« hat ausdrücken wollen : der Schatten
des Kreuzes zwischen den genießenden Göttern und Psyche, die sich dem
Heiland zu Füßen wirft. Aber dann sind die Naturwissenschaften auf
den Plan getreten und die Erkenntnisse, deren großer Schlußfolgerer
Nietzsche ist: Damit tut sich eine Perspektive auf, die vielleicht doch wieder
zur Bahn der Antike führt. In unsrer jüngsten Generation kann man
Anzeichen dafür gewahren, doch ist einige Vorsicht wohl geboten, denn es
ist nicht alles Nietzsche, was glänzt. - So führt Rom zu allen Wegen
hin, wie alle Wege nach Rom führen.
Eine Stadt, die dazu verlockt, leichte Sprünge zu machen, ist es
durchaus nicht, und wer nur eine Spur Ernst in sich hat, der wird dessen hier
gewahr. Oder ist es nur unser schweres deutsches Blut? Die Römer von heute,
glaub ich, nehmen die Sache leichter. Mit Recht, denn sie würden sonst von
ihrer Stadt erdrückt werden. Übrigens: die Römer oder vielmehr
die Römerinnen. Ich hatte mir in diesem Punkte allerlei Einbildungen
gemacht, die sich, wie ich bekennen muß, wahrscheinlich auf Goethes
»Römische Elegien« zurückführen. Mag es daher gekommen
sein, daß ich für nichts Augen hatte als für die alten Steine,
oder waren alle die schönen Damen und Nicht-Damen verreist kurz, ich habe
meine Einbildungen nicht bestätigt gefunden. Außer ein paar
hübschen Modellmädchen, denen man aber auch in München an der
Akademietreppe begegnen kann, ist mir nichts aufgefallen, was einen besonderen
Eindruck auf mich gemacht hätte.
Doch muß man wohl auch hierfür länger als fünf Tage `
in Rom bleiben. Und dann, glaube ich, hat dies auch noch einen anderen Grund:
Die besondere Schönheit der italienischen Frau stimmt im allgemeinen nicht
zu der
modernen Mode; es gehört Kostüm dazu. Und die Kostüme sind
in Italien bis auf wenige Gegenden fast völlig verschwunden. Für die
Mode ist aber heute der ` Norden tonangebend, und der Süden, indem er sich
darein schickt, verliert darunter. Südländer und zumal
Südländerinnen, die sich nach den Gesetzen kleiden zu müssen
glauben, die King Edward im nebligen London erfunden hat, wo alles auf Nebel und
Ruß berechnet werden muß, während hier die Sonne Farbe, Farbe,
Farbe heischt, treiben eigentlich eine Maskerade, und eine recht
unvernünftige, nämlich unlustige, dazu.
Und nun liegt Rom denn hinter uns, oder nein: Es liegt vor mir, da unten,
in der nächtigen Campagna, von der nichts sichtbar ist, und von Rom selber
leuchten nur die vielen Lichter des Bahnhofs bis hierherauf.
Hier aber in Frascati ist es wunderschön, weil es , sehr schön
frisch ist. Ich begreife den Ré vollkommen, daß er täglich
sein Automobil hierher lenkt, wo es zudem nicht so viele Klerikale gibt wie in
der ewigen , Stadt, die doch noch vielen Römern mehr die Residenz des
Papstes als des Königs gilt. Diese Konkurrenz von zwei Souveränen an
einem Orte ist die größte moderne Kuriosität Roms. Nach der
Meinung der liberalen Italiener ist für den Papst-König nicht das
mindeste mehr zu hoffen, aber die Klerikalen sind natürlich anderer
Meinung. Sicher ist, daß Rom in dieser Hinsicht aus zwei feindlichen
Lagern besteht und daß man den Vatikan eine Insel nennen kann, der es an
Brandung nicht fehlt. Die braven Schweizer in ihren etwas an
Maskenvergnügungen erinnernden Wämsern sehen übrigens, wenn sie
auch sehr friedlich ihre Schweizer Zeitungen lesen, während sie auf der
Bank des Haupteinganges zum Vatikan sitzen, ganz wie Leute aus, die sich, wenn
es notwendig sein sollte, für ihren Geldgeber totschlagen lassen. Es sind
fast ausnahmslos gewaltige Gesellen, denen nur etwas mehr Bewegung not
täte. Es scheint nicht, daß sie viel langsamen Schritt üben,
denn der Fettansatz ist bei den Erde emporschreiten und in die Erde niedertreten
sollte, was vordem auf ihm gelastet hatte. Die Katakomben, die wir sahen, stehen
unter der Obhut von Trappistenmönchen, zu deren Ordensgelübden
bekanntlich das der Schweigsamkeit gehört. Demnach war der Frate, der uns
herumführte, kein Trappist, denn er sprach sehr viel und geläufig, und
man hatte die Wahl, ihn italienisch, französisch oder deutsch sprechen zu
hören. Wir entschieden uns natürlich für Deutsch und waren
erstaunt, unsre Sprache mit deutlichem niederdeutschen Klänge zu vernehmen,
als ob es ein als Mönch verkleideter Matrose von unserer meisten
beträchtlich. - Es war uns angenehm, daß unsere Ausfahrt aus Rom uns
noch einmal direkt an der Peterskirche vorbeiführte. Dieser Bau
repräsentiert die Ecclesia triumphans wirklich imposant, doch wird man der
gewaltigen Raumverhältnisse ganz nur im Innern gewahr. Da aber ist der
Eindruck überwältigend, und nicht etwa bloß wegen der ungeheuren
Maße, sondern vornehmlich infolge der wunderbaren Maßabwägung.
Alles drückt aufs vollkommenste Erhabenheit aus, alles geht aufs Ganze. Es
mag wunderbare Einzelheiten darin geben, aber ich wüßte nicht, wer
Neigung dafür empfinden sollte, sich hier mit ihnen zu beschäftigen;
man sieht nur und empfindet ein intensives Raumwohlgefühl. - Wir
mußten an Sankt Peter vorüber, weil wir noch den Katakomben des
heiligen Calixtus einen Besuch abstatten wollten, und wir wollten diese gesehen
haben, weil uns dies der passenste Abschluß unsres kurzen römischen
Aufenthaltes zu sein schien: ein Blick in die versteckten Grabkammern des
frühen Christentums, das bald aus der Wasserkante wäre, der hier
sprach. Es war aber der Mönch ein Holländer, und mir scheint, das ist
nun Kuriosität genug: ein katholischer Holländer, der als Mönch
die Fremden in den römischen Katakomben herumführt. Er tat dies ohne
jede Feierlichkeit, vielmehr mit einem Anfluge von niederdeutschem
Humor.
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 33
Sein Hauptbestreben war, meine Frau gruseln zu machen, und er schien es
für sehr wichtig zu halten, ihr vor Augen zu führen, daß auch
von uns einmal nichts weiter übrig sein werde als ein bißchen Asche.
»Hier liegen vornehme Leute begraben - auch bloß Asche. Wollen Sie
vielleicht mit in den Gang hier kommen?
Kommen Sie nur! So werden Sie auch einmal aussehen. Asche! Asche! Weiter
bleibt nichts übrig!« Und dazu lachte er sehr vergnüglich.
»Es riecht ein bißchen schlecht hier unten; aber es sind ja die
Katakomben und kein Parfümerieladen. Dort hinten riecht es noch schlechter.
Wollen Sie mit dort hinter kommen? Kommen Sie nur! Dies steht uns allen bevor.
« Eigentlich paßt diese Art von Kommentar ganz gut in diese
Maulwurfsgänge des Todes, in diese unterirdische Stadt der Verwesung, wo
die Straßen nicht bloß neben, sondern auch übereinander hin
laufen und wo rechts und links nichts zu sehen ist als Grabkammer an Grabkammer.
Das etruskische Familiengrab hinter Perugia war weihevoller, muß ich
sagen, und auch vornehmer, und der antike Genius des Todes mit der umgekehrten
Fackel ist ein schöneres Symbol für das Ende alles Lebendigen als die
Symbole, die man hier zu sehen bekommt, obgleich sie alle die Unsterblichkeit
der Seele betonen. In diesem Sinne wird die Geschichte des Jonas symbolisch
aufgefaßt und dargestellt, der ins Meer geworfen, von einem Fisch
verschluckt und wieder ausgespien wurde. Die Art der Darstellung ist ganz antik,
aber unbeholfen. Diesen Künstlern, wenn man sie so nennen darf, kam es
offenbar mehr auf den Glauben als auf die Schönheit an.
Christus, als guter Hirte dargestellt, erscheint ohne Bart, wie immer in
den frühesten Zeiten (z. B. auf den ältesten Mosaiken). - Im ganzen
ist so ein Besuch bei den Toten nicht gerade eine lustige Sache, wenn man auch,
wie wir, einen schnurrigen Mönch zum Führer und ein Gemüt hat,
das sich nicht leicht bange machen
läßt. Man begrüßt das Licht des Tages, die reine Luft
der Oberwelt doch mit Vergnügen und freut sich, daß man von dem
großen Fische noch nicht verschlungen und daß es nicht der
Leichenwagen mit dem Zeichen des Kreuzes ist, der auf einen wartet, sondern der
Laufwagen mit dem Fabrikzeichen des Adlers. Ehe wir ihn bestiegen, ließen
wir uns von den Mönchen noch ein Paket selbstfabrizierter Schokolade
verkaufen, und wir haben im Laufe des Tages gefunden, daß diese
römische Trappistenschokolade zu den besten gehört, die man essen
kann. Wie denn überhaupt alles vorzüglich ist, was die Mönche an
Eß- und Trinkbarem hervorbringen - man denke an die berühmten
Kartäuserschnäpse! (Wie tut es mir leid, fällt mir eben ein,
daß ich mir in der Certosa bei Florenz keine Schildkrötensuppe habe
servieren lassen können, weil just an dem Tage unsres Besuches die Pforte
geschlossen war. Eine real turtle soup, die nichts kostet als ein
»Vergelt`s Gott« - das ist doch wohl ein vornehmes Almosen und ein
gutes Argument für den Ultramontanismus!) - Wir fuhren nun eine Weile immer
dicht an der römischen Stadtmauer entlang, links die zerbröckelnde,
aber aus allen Ritzen Pflanzenwuchs treibende Mauer, rechts einen Wassergraben
mit geradezu ungeheuer hohem Schilf. Dann an einer ganz herrlichen Lorbeerallee
vorüber. Der Lorbeerbaum ist der wundervollste Schattenspender von der
Welt; auch nicht ein Kringelchen Sonne kommt durch dieses dichte, dunkle,
glänzende Blattwerk, das aber doch Luft genug
durchläßt.
Nun durch die Campagna, deren grandiose Öde gleich hinter der Stadt
beginnt. Ein paar Reste der schönen alten Aquädukte ragen auf; da und
dort lädt eine Osteria zum Verweilen ein (doch möchte ich
persönlich solcher Einladung nicht gerade gerne folgen); manchmal ein
schöner großer Baum, Eiche oder Pinie, sonst alles weite Leere mit
Viehherden und den unglaublich primitiven Hütten aus schwarz verwittertem
Schilf. Aber vor uns zeigt sich die schöne Linie des Gebirgs von Frascati
mit vielen Ortschaften und Luftsitzen - fast zu nahe für uns, die wir
lieber noch ein paar Stunden länger den Genuß der Laufwagenfahrt im
frischen Windzuge hätten nach diesen Tagen der brütenden Schwüle
in Rom. Indessen, schon sind wir da. Es ist gerade Feierabend, und die Leute
ziehen von der Arbeit in der heißen Niederung hinauf in die kühle
Stadt. Die Straße ist herrlich: von schönen großen Akazien
eingefaßt und zwischen Gärten. Ein unbeschreiblicher Abendfrieden,
und die ganze Campagna wie in einem Meer von Gold. ab wir nicht Rom in der
Abendsonne liegen sehen können, vielleicht die steinerne Papstkrone der
Peterskuppel allein herausleuchtend als letzten Gruß? Nein, von dem
Geflimmer des Abendgoldes ist alles überwogt und verwischt: Michelangelos
erhabene Kuppel sowohl wie die dürftigen Schilfhütten der
Campagnahirten.
So habe ich Ihnen von Rom also wirklich nichts gegeben als das Bekenntnis,
von ihm bis zur Wortelosigkeit ergriffen zu sein. Ein Schelm, der mehr sagt, als
er selber klar empfindet. Ich würde mir erbärmlich, ein Meiner,
dreister Lügner, vorkommen, wollte ich große Worte einer Bewunderung
übereinandertürmen, die viel größer ist, als daß ich
unter ihrem fast drückenden Banne Worte dafür fände. Ich
weiß nur eines : Ich werde wieder einmal nach Rom fahren, und dann auf ein
Jahr. Dann werde ich aber klüglich mit der christlichen Kunst anfangen und
über Michelangelo hinweg mich erst spät an die Antike wagen.
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
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VON PERUGIA BIS TERNI
Rom, den 14. Juni 1902
Nun haben wir in unserem Adlerwagen die Schönheit einer sommerlichen
Reise durch Italien genossen, ohne die Hitze eines italienischen Sommers zu
spüren. Das ist unter den vielen Vorteilen des Laufwagenreisens nicht der
letzte. Das Land liegt in unbeschreiblicher Schöne im Sommersegen unter
einem wolkenlosen Himmel; die Zikaden rühren die Flügelgeigen zum Lobe
des großen Pan; man sieht und hört: Sommer, Sommer, Sommer - aber die
Kräfte des Motors tragen einen so geschwind dahin, daß man
unausgesetzt von frischem Wind befächelt wird. Freilich muß man auch,
wie wir, Hüte von der Größe eines Sonnenschirmes aufhaben, damit
die allzuliebe Sonne uns ihre brünstigen Küsse nicht direkt auf die
Haut geben kann. Wir haben uns in Siena damit versehen, wo die Strohhüte
bekanntlich ihre größte Ausdehnung in Europa erreichen.
An welchem Tage wir von Perugia aufgebrochen sind, weiß ich nicht
mehr; ich weiß nur, wie alle anderen Tage war auch er wunderschön,
wolkenlos und klar. Wir machten bis Foligno zweimal halt. Einmal beim Grabe der
Volumnier und dann beim heiligen Tode Schönheit zu verleihen. (Daß
sie, lange vor Ibsen, auch die allerhöchste Kunst: in Schönheit zu
sterben, recht oft bewährt haben, sei nebenbei bemerkt.) Die Herren und
Damen aus der Familie der Volumnier haben sich, das heißt ihre Asche, so
begraben lassen: Sie ließen einen Tuffsteinhügel zu Kammern
aushöhlen, die um eine Art Vorhalle herumliegen. In dieser Vorhalle
grüßt das Bild des Sonnengottes, eingerahmt von Delphinen, die
Majestät des Todes, der als schöner Genius mit umgekehrter Fackel
(übrigens en miniature, von der Decke herabhängend) dargestellt ist.
Im Hauptraum, der am Ende der Halle liegt, ruht, umgeben von den Seinen, der
Vater der Familie.
Es sind sehr einfache, kastenartige Sarkophage; auf dem Deckel ist der,
dessen Asche darunter liegt, dargestellt, wie beim Mahle liegend, in der Toga,
eine Kette um den Hals, eine Schale in der Hand - aber keine Speiseschale; es
ist der Teller mit dem Obolus.
Nur eine weibliche Gestalt hat nichts im Teller; aber dieses Nichts ist
eine Auszeichnung: Die Dargestellte ist eine Priesterin, die, wie der witzige
Custode bemerkte, gratis über den Hades gefahren wurde. Im übrigen:
Charon mit der Trinkgeldhand - auch ein Symbol. Indessen war mir sonst nicht
blasphemisch zumute. Der Ort hat Weihe. - In Deutschland kenne ich nur einen
Ort, wo die Toten so schön zum Leben
reden: im Schloßpark zu Tegel, dem Begräbnisorte der Humboldts,
wo auf einer schönen Säule die liebliche »Hoffnung« Canovas
steht, das Gewand mit der einen Hand zum Tanze geschürzt, während die
andere eine Blume hält. Die Humboldts waren, obgleich der eine ein
Staatsminister war, recht mäßige Christen. Ich fürchte, sie
würden, lebten sie heute, bei Hofe nicht so wohlgelitten sein wie zu ihrer
Zeit, die wir die der Biedermeier nennen - spotten unserer selbst und wissen
nicht wie.
Von den Volumniern zum heiligen Franz von Assisi die Welt ist ein
Kaleidoskop, oder, mit Frank Wedekind zu reden, »das Leben ist eine
Rutschbahn« - auch das Leben der Völker. Goethe, der in der Sicherheit
seines genialen Instinktes nur auf die Antike in Italien ausging und dessen ganz
unmoderne Größe immer darin beruhte, daß er sich in dem, was
seine Seele gerade verlangte, nicht beirren ließ, hat in Assisi nichts
sehen wollen und nichts gesehen als die schöne Front des Tempels der
Minerva. »Die ungeheuren Substruktionen der babylonisch
übereinandergetürmten Kirchen, wo der heilige Franziskus ruht,
ließ ich links, mit Abneigung...« Quod licet Jovi, non licet bovi.
Ein arm unsicherer Pilger in der Welt der Fragen wie ich mußte auch an den
Pforten des heiligen Franz anklopfen, bedürftig der Wegweisung und hoffend,
sie möchte ihm hier werden, so oder so. Daß ich es ohne Umschweife
rundheraus sage: Franziskus hat mich im Stiche gelassen, und ich konnte mich
auch hier nur an ein paar schönen Eindrücken alter
Freskenfarbenklänge erbauen, ohne jede tiefere Rührung und durchaus
unempfänglich für das »Wunderbare« dieser mönchischen
Art. Ja, ich mußte über manche dieser Wunder lächeln, die in der
oberen Kirche wie in einem riesigen Bilderbuche abgebildet sind (wie man glaubt,
von Giotto). Und ist es nicht wirklich eine Spur komisch, daß man es unter
die Wunder dieses Mönches rechnet, weil er einmal im Traume den Thron
gesehen hat, der ihm im Himmel aufbewahrt werde ? Wir würden heute wohl nur
sagen, daß er schwülstig und etwas unbescheiden geträumt habe,
wenn er im Schlafe Gottvater und Gott-Sohn auf Sesseln sitzen sah und daneben
ein leeres Fauteuil, auf das der liebe Gott mit der Geste hinweist: Bitte, Platz
zu nehmen.
Franziskus ist überhaupt ein wunderlicher Heiliger gewesen. Meine Frau
hat sich ein kleines anonymes Buch gekauft, das sich »I fioretti di San
Francesco« nennt und, nach dem alten Italienisch zu schließen, in dem
es geschrieben, bald nach den Lebzeiten des Heiligen verfaßt worden sein
mag. Darin finden sich Geschichten, über die sich ein Ketzer
einigermaßen wundern muß, weil sie ihm nicht eigentlich heilig
vorkommen. Auf alle Fälle hat Francesco auch in seiner heiligen Zeit, als
der Sturm seiner wollüstigen Jugend längst hinter ihm lag, recht viel
Menschliches - Allzumenschliches an sich gehabt, vornehmlich ein
ungebärdiges Herz, und wunderbar ist es nur, daß Gott selber auch
Kleinlichkeiten des Heiligen für wichtig genug fand, sich persönlich
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 35
darüber zu äußern. So hatte sich Franziskus einmal
darüber geärgert, daß Frater Bernardo, der in der Einsamkeit des
Waldes selig verzückt vor Gott im Gebete lag, ihm nicht antworten wollte.
Er rief ihn, in steigendem Ärger, ein-, zwei-, dreimal an, und als Bernhard
immer nur weiter betete und durchaus nicht reagierte, freute er sich nicht etwa
des frommen Sinnes seines Genossen, sondern wandte sich direkt an Gott mit der,
wie mir scheint, höchst unpassenden Frage, uurum denn dieser Bernhard nicht
antworten wollte. Es ist ein vollkommener Beweis für die Langmütigkeit
Gottes, daß er auf diese Frage wirklich und persönlich antwortete,
und bis auf die verweisende Anrede »O povero amicciulo« nicht einmal
scharf. Er sagte ihm nur, was sich ein Heiliger eigentlich hätte selber
sagen sollen, daß es für einen frommen Mann wichtiger ist, mit Gott
als mit einem Kollegen zu reden. Jetzt freilich geriet Franz außer sich
vor Scham und Reue - aber ist das ein Wunder?
Allerdings nahm seine Reue eine ungewöhnliche Form an. Er ging zu
Bernhard, der mittlerweile mit Beten fertig geworden war, zurück und sprach
zu ihm : »Ich befehle dir« (der Ketzer wundert sich hier schon wieder
über das Befehlen) »beim heiligen Gehorsam« (was ist das für
eine verruchte Logik? fragt sich der Ketzer), »daß du, meinen Trotz
zu strafen und ihn wegzutreiben aus meinem Herzen, mir, der ich mich jetzt
rücklings auf den Boden werfen werde, mit dem einen Fuße auf die
Gurgel und mit dem anderen auf den Mund tretest und, dreimal hin und wider
tretend, zu meiner Schande und Schmach sagest wie folgt: Da liege, du Bauer,
Sohn des Pietro Bernardoni; woher in aller Welt nimmst du deinen Dünkel,
der du doch eine so niederträchtige Kreatur bist?!« Bernhard hat, um
des heiligen Gehorsams willen, also getan (indem er sich bemühte,
möglichst gelinde und, so hoffen wir, nach Ablegung der hölzernen
Sandalen zu treten), und Franz mag nach dieser Massage etwas wie Genugtuung
verspürt haben, aber der Ketzer kann nicht umhin zu finden, daß das
Ganze doch eigentlich eine skurrile Anekdote ist, die für den Heiligen von
Assisi nicht besonders einnimmt. Er hat
auch, nach dem Bilde des Cimabue, nicht sehr einnehmend ausgesehen und ist
auf den landläufigen Bildern, die ihn darstellen, wie er die Wundmale
empfing, arg versüßlicht. In Wahrheit muß er ein Mensch mit
sehr wildem Gemüte gewesen sein, der sich gewaltsam bändigte und durch
eine immense Inbrunst des Willens Kräfte aus sich erweckte, die wir heute
als Beweis mediumistischer Veranlagung betrachten, während sie seinerzeit
als Wunderkräfte erschienen sind. Ein Gewaltiger ist er auf alle Fälle
gewesen, und er hat in der Tat den Lateran gestützt (in welcher Pose er dem
Papst im Traume erschien) durch die Gründung seines Ordens, der sich wie
ein Heer über die Christenheit verbreitete. Doch ich muß Ihnen noch
eine Geschichte aus den »Blumen des heiligen Franz« erzählen,
eine schönere.
- In der Nähe von Assisi war auch das Kloster der heiligen Clara, die
gleich dem heiligen Franz einer vornehmen Familie von Assisi entstammte und sehr
gegen den Willen der Ihren den Schleier genommen hatte, erfaßt von der
Inbrunst, es Francesco nachzutun. Er war ihr leuchtendes Vorbild, ihm galt die
Glut ihrer Seelenliebe. Und so ließ sie ihn denn immer und
immer wieder bitten, er möge ihr doch einmal das Glück einer
Unterhaltung über göttliche Dinge gewähren. Er aber, unwirsch und
längst kein Freund der Frauen mehr, die, wie er nun meinte, seine Jugend
vergiftet hatten, wollte sich nicht dazu herbeilassen, bis ihm wiederum der
himmlische Vater selber klarmachte, daß es nicht nur unhöflich,
sondern auch unheilig sei, so frommen Wünschen taub zu sein. Er nahm also
die heiligsten seiner Genossen mit sich und ging zur heiligen Clara. Und sie
ließen sich, Mönche und Nonnen, an einem Tische nieder, der im Walde
stand, miteinander zu speisen. Aber weder Franz noch Clara rührten die
Speisen an, denn sie erkannten ihre Seelen, sahen sich in die Augen und sprachen
von Gott und allen Dingen der göttlichen Tiefe und Klarheit. Da ward es im
Walde stille, und eine Röte baute sich über dem Walde auf gleich
sanften Flammen - es war der Wald umzirkt von Glut. »Seht doch«,
riefen die Bauern im Felde, »der Wald der heiligen Clara brennt; laßt
uns löschen!« Und sie liefen von Pflug und Egge und kamen herbei. Aber
es war kein Brand, der Bäume versehrt; das merkten sie wohl; und merkten
auch, daß nur die Heiligkeit der beiden sichtbarlich glühend den Wald
umzirkte, daß sie alleine wären mit sich und ihrem Verstande
Gottes.
So etwas ist sehr schön. Es gibt auch sonst noch viel Schönes und
Wunderbares in der Zyklopischen Festung des Franziskus-Klosters, und dennoch,
hat man sie hinter sich mit ihren übereinandergetürmten Kirchen, wo
über und unter der Erde in Form und Farbe immer wieder das eine Wort
murmelt oder dröhnt: Sünde, so wirkt der Anblick des kleinen
Minervatempels wie eine holde Beruhigung, wie der erste Blick in den
morgendlichen Tag, wenn man nach fieberhaft verworrenen Träumen erwacht.
Das strebt im schönsten Gleichmaß ruhig auf - ein paar Säulen
und ein schlichter Giebel, nichts weiter: gesundes, schönes
Lebensgefühl, erhaben ins Erhabene gewandt. - Bei einem Kupferschmied, der
das Stück von einem Bauern an Zahlungs Statt erhalten haben wollte, kauften
wir eine kleine Tonplatte von anscheinend sehr alter Flachreliefarbeit, die den
heiligen Franziskus darstellt, wie er Fischen und Vögeln predigt. Ich habe
meine Freude an dem sehr gut komponierten Dinge und hoffe, daß ich es gut
nach Hause bringen und meinen Freunden zeigen kann. Es soll mich außerdem
immer daran ermahnen, daß es gut ist, seinem ungebärdigen Herzen
Mäßigung aufzuerlegen, damit man nicht einmal in die Lage komme,
einem Freund zu sagen: Bitte, tritt mir auf Gurgel und Mund.[...]
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 36
Erklärungen:
beim Grube der Volumnier Etwa fünf Kilometer vor Pasta Constanzo
befindet sich das Sepolero dei Volumni, eins der besterhaltenen etruskischen
Gräber aus dem 3. Jahrhundert v.u. Z.
Charon Gestalt aus der griechischen Mythologie: Fährmann, der
die Toten für einen Obolus, den man ihnen unter die Zunge legt,
über den Hades in die Unterwelt bringt.
»das Leben ist. . . « Bierbaum zitiert hier die
Abschiedsworte des Marquis von Keith, Hauptfigur des gleichnamigen
Schauspiels von Wedekind (V Aufzug, letzte Szene).
Quod licet Jovi . . . (lat. Sprichwort) Was dem Jupiter erlaubt ist,
steht dem Ochsen nicht zu.
»I fioretti di San Francesco« Titel einer im 14. Jahrhundert
in Umbrien entstandenen und bis heute populären Legenden- und
Anekdotensammlung zum Leben und Wirken des heiligen Franz von Assisi
(deutsch unter dem Titel »Der Blütenkranz des heiligen Fmnziskus
von Assisi«, 1905).
O povem amicciulo (ital.) O armes Freundchen.
Tempel des Clitumnus Nahe der Quelle des Flusses Clitumnus (heute :
Clitunno) befand sich im Altertum eine Verehrungsstätte des
gleichnamigen römischen Gottes.
Professor Franz Stuck Maler, Grafiker und Bildhauer (1865-1928; 1905
geadelt). Mitbegründer der »Münchner Secession«, Lehrer
von Kandinsky und Klee, bedeutendster Vertreter des Münchener
Jugendstils. Mit Bierbaum seit 1891 befreundet, Zusammenarbeit für die
Kunstzeitschriften »Pan« und »Die Insel«. - Bierbaums
Künstlermonographie »Stuck«, ursprünglich für den
Verlag Albert & Co., München (1893), geschrieben, erfuhr,
überarbeitet, erweitert und in unterschiedlicher Ausstattung, bis Mitte
der zwanziger Jahre zahlreiche Auflagen.
Hyperboräer Sagenhaftes Volk, das nach Vorstellung der Griechen
in ewiger Glückseligkeit lebte (von Boreas = Nordwind
abgeleitet).
Palazzo Barberini Einer der bedeutendsten römischen
Barockpaläste.
Bersaglieri Militärische Spezialeinheit, die 1836 im sardinischen
Heer aufgestellt wurde; kennzeichnend die Kopfbedeckung: Filzhut mit
Federbusch.
Die arme Elferia Gemeint ist Helene von Montenegro, seit 1896
vermählt mit dem Sohn König Umbertos I., dem späteren
König Viktor Emmanuel III. von Italien.
die blonde Margherita Margherita von Genua, aus dem Hause Savoyen,
heiratete 1866 ihren Cousin, der1878 bis 1900 als König Umberto I.
regierte und durch ein Attentat starb. Ihr Schicksal machte sie im Volke
populär.
Wasserfälle le marmore Gemeint sind die Cascata delle Marmore, die
der östlich von Terni
fließende Velino bildet.
Noch Seume erzählt... Anspielung auf
Johann Gottfried Seumes »Spaziergang nach Symkus im Jahre1802«
(1805 erschienen). Vgl. dort die Berichte über die Wanderungen von
Triest nach Venedig, von Spoleto nach Terni, das Abenteuer in Itri u. a.
»bedenkliche« Situationen
In Roma simo (ital.) In Rom sind wir, und in Rom bleiben
wir
depossediert entmachtet
Kardinal Rampolla Mariane Rampolla, Marchese del Tindaro (1843 -1913),
seit 1837 Kardinal und Staatssekretär. Vertrat die Politik der
Normalisierung der Beziehungen zwischen dem Apostolischen Stuhl und den
Regierungen Frankreichs und Italiens. Seine Gegner verhinderten 1903 seine
Papstwahl.
Ecclesiä triumphans (lat.) Die triumphierende (weil sieghafte)
Kirche.
Certosa (ital.) Kartause: Kloster der Kartäuser. Der
Kartäuserorden wurde als katholischer Eremitenorden 1084 in der Grande
Charteuse bei Grenoble durch Bruno von Köln gegründet und 1176
durch Papst Alexander III. bestätigt.
real turtle soup (engl.) echte Schildkrötensuppe.
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 37
Ultramontanismus (lat.) ultra montes: jenseits der Berge (d.i. der
Alpen). Ursprünglich als Begriffwertneutral. Im 18. Jahrhundert
gebräuchlich für diejenige Richtung
im Katholizismus, die im Gegensatz zum Gallikanismus das Primat des
Papstes innerhalb der Kirche vertrat. Mit der Wiedererstarkung des
Papsttums im 19. Jahrhundert führte der Ultramontanismus zur Spaltung
des Katholizismus. Er wurde zum Schlagwort im sogenannten Kulturkampf
und zog in die Begriffswelt der Ästhetik ein.
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Anlage zu Seite 28
Loeösung der Hausaufgabe vom 12. Februar
1996
Musteranalyse und
Korrekturbemerkungen
In dem Textauszug von Johann Gottfried Seume aus
“Spaziergang nach Syrakus” kritisiert Seume den Artikel
über die Vergebung der Sünden. (Z.31-33)
Durch diesen Kritikpunkt äußert Seume wieder
einmal, wie sehr er die kirchliche Organisation (Vatikan etc.)
ablehnt.
(Z.33/34)
Bevor Seume seine Argumentation beginnt, stellt er klar,
daß jeder Mensch, egel wieviel Gutes oder Böses er in seinem Leben
getan hat, das gleiche Ende nehmen wird: er muß sterben.
(Z.35)
Weiterhin zeigt Seume zwei über-geordnete
Kritikpunkte auf, in denen er erklärt, warum er die Vergebung der
Sünden ablehnt.
Erstens, weil durch die Vergebung der Sünden
der Mensch geradezu daran gehindert wird, “alleine gehen zu
lernen”.(Z. 48) In dieser Aussage stecken zwei weitere
Gesichtspunkte. Denn Seume kritisiert einerseits die Vormachtstellung, die
die Kirche einnimmt.(Z.48 “Gängelbänder...
Empirik”)
Er kritisiert die Kirche als übergeordnetes
Machtinstrument, welches in sich selbst in Intrigen und Machtkämpfen
verwickelt ist, gleichzeitig aber über die Leute urteilt, wenn deren
Meinungen nicht der Kirchenlehre entsprechen.
Andererseits bedeutet die Aussage (“...alleine
gehen zu lernen...” ) , daß der Mensch quasi daran gehindert wird
zu
Es handelt sich um einen Glaubensgrundsatz der
katholischen Kirche, Seume bezeichnet ihn hier eher verächtlcih als
Artikel.
Sehr guter stringenter Einstiegder die
Gedankenführung gleichzeitig gliedert!
Es ist gut, bereits am Anfang diesen Zusammenhang
deutlich zu machen, aber es müßte genauer auf Textstellen bzw.
Aussagen verwiesen werden, um die These zu belegen. Außerdem muß
dann auch darauf verwiesen werden, daß dies keinesfalls die einzige
Begründung Seumes ist.
Auch diese These wäre in einer sehr guten Anlayse
zu hinterfrgaen, denn streng genommen bricht Seume hier wieder mit der
katholischen Lehre, die doch den Gerechten die Auferstehung
verheißt.
Untergliederung des Gedankens! Wichtig, um
methodische und gedankliche Transparenz zu erzeugen!
These
Das “zweitens” geht verloren! Fehler in der
Gliederung, weil der Gedanke nicht zuende geführt wird, sondern bereits der
erste Teil ausführlich erklärt werden soll, bevor der zweite Teil
erwähnt wird. Das geht nur bei sehr kurzen Erklärungen. Sonst
muß man die Gliederung vorweg stellen und die Erklärung
nachreichen.
weitere Untergliederung dient ebenso der
Transparenz!
Inhaltliche Füllung der Thesen
Es müßte verdeutlicht werden, daß
dieser Widerspruch parallel zu setzen ist, mit dem, den Seume in der Vergebung
der Sünden sieht!
Dieser Gedanke müßte weiter erklärt
werden, damit klar wird, daß hier die Entwicklung des Gewissens gemeint
ist.
lernen, was er richtig bzw. falsch gemacht hat. Das
Gewissen wird sozusagen außer Kraft gesetzt.
Seume ist der Meinung, daß Dinge, die man
falsch gemacht hat, durch die Vernunft begriffen und gelöst werden
müssen. (Z.39-41) Erst wenn man begriffen hat, was falsch war,
und es eingesehen hat, sollte man sich selbst verzeihen bzw. sollte
jemandem verziehen werden.
Den zweiten Kritikpunkt an der Vergebung der
Sünden sieht Seume darin, daß schlechte Menschen geradezu ermutigt
werden, weiterhin schlecht zu sein, da ihre Sünden sowieso vergeben
werden. (Z.41-42)
Anstatt daß ihre Sünden vergeben werden,
sollen sie lieber daran verzweifeln und bestraft werden.
(Z.45-47)
Nach Seumes Ansicht ist in Ländern , in denen der
Artikel der Vergebung der Sünden praktiziert wird, kein ehrlicher Mann mehr
sicher. (Z.48-50) Seume spielt mit dieser Aussage auf Italien an, da durch den
Einfluß des Vatikans und des Papstes Italien mehr als andere Länder
von der Kirche beeinflußt wird.
Außerdem hat Seume selbst seine Erfahrung mit
Räubern gemacht und diese noch nicht ganz vergessen.
Seume beschuldigt also die Kirche, indirekt für die
hohe Kriminalität in Italien verantwortlich zu sein.
Wegen der genannten Aspekte lehnt Seume eine
Vergebung der Sünden ab.
In der vollständigen Analyse sollte versucht
werden, diese Aussage noch zu verallgemeinern, d.h. sie hinsichtlich ihres
Gehaltes einzuordnen., d.h. hier, zu sagen dasß es sich um eine
philosophische (ethisch moralische) Dimension der Begründung
handelt
Diese Aussage ist sachlich nicht korrekt, denn Seume
sieht, daß die Vernunft die Schwachheiten der Natur durch Stärke
leiten und vermindern soll.
Es ist wichtig, mit dem Text präzise
umzugehen
Die analytische Distanz geht verloren, weil sich der
Schreiber miteinbezieht!
Untergliederung
Die Beziehung nach oben muß eigentlich deutlicher
werden
Auch dieser Aspekt könnte weiter hinterfragt
werden. Seume begründet doch hier psychologisch und schließt dann
soziologisch, wenn er davon spricht, daß die Verzweifung der
Bösewichter eine Wohltat für die Welt sei.
Keine analytische Haltung, weil unklar bleibt, ob hier
die Gedanken der Schreiberin wiedergegeben werden, oder ob es sich um eine
Paraphrase der Gedanken Seumes handelt.
Die Distanz muß verdeutlicht
werden.
Es fehlt der Schluß, daß er darin einen
Nachteil sieht!
Dieser Einschub unterbricht den Gedanken. Seumes
Erfahrungen müßten an anderer Stelle erwähnt werden. Dies
wäre z.B. in einem abschließenden Fazit
möglich.
Zusammenfassung:
Dieses Fazit sagt aber nichts aus, richtiger wäre
hier ein Resümee der Ausssagen.
Dies könnte etwa so aussehen: Seume
begründet also seine Ablehnung der Vergebung von Sünden
gesellschaftlich, psychologisch und philosophisch begründet, sie aber wohl
auch von seiner generellen Ablehnung der Amtskirche und nicht zuletzt seinen
noch frischen Erfahrungen als Opfer von Straßenräubern
herruht.
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 38
“Die kleine Reise” - Der Spaziergang
Karl Philipp Moritz
(aus Anton Reiser 1786)
Und nun eilte er gerade zum Tore hinaus - es war ein trüber neblichter
Himmel - und ging auf ein kleines Wäldchen zu, das nicht weit von Hannover
liegt. - Er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele, sich über
alles das hinwegzusetzen, was ihn darnieder drückte - denn wie klein war
der Umfang, der alle das Gewirre umschloß, in welches seine Besorgnisse
und Bekümmernisse verflochten waren, und vor ihm lag die große Welt.
Aber dann kehrte wieder das wehmütige Gefühl zurück: wo
sollte er nun in dieser großen öden Welt festen Fuß fassen, da
er sich aus allen Verhältnissen herausgedrängt sähe? - Da wo auf
einem kleinen Fleck der Erde die menschlichen Schicksale zusammenlaufen, war es
nichts, gar nichts! - (...)
Und wenn er nun so einsam dastand, so gab ihm der Gedanke, daß er dem
Gedränge nun so ruhig zusehen konnte, ohne sich selbst hineinzumischen,
schon einigen Ersatz für die Entbehrung desjenigen, was er nun nicht zu
sehen bekam - allein fühlte er sich edler und ausgezeichneter als unter
jenem Gewimmel verloren. - Sein Stolz, der sich emporarbeitete, siegte über
den Verdruß, den er zuerst empfand - daß er an den Haufen sich nicht
anschließen konnte, drängte ihn in sich selbst zurück und
veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen.
Dies war nun auch der Fall bei dem einsamen Spaziergange an dem trüben
und regnigten Nachmittage, wo er den hämischen Blicken seiner versammelten
Mitschüler und der gänzlichen Vernachlässigung und dem
unerträglichen Nichtbemerktwerden, das ihm bevorstand, entfloh, indem er
aus dem Tore von Hannover dem einsamen Walde zueilte.
Dieser einsame Spaziergang entwickelte auf einmal mehr Empfindungen in
seiner Seele und trug mehr zur eigentlichen Bildung seines Geistes bei - als
alle Schulstunden, die er je gehabt hatte, zusammengenommen.
Dieser einsame Spaziergang war es, welcher Reisers Selbstgefühl
erhöhte, seinen Gesichtskreis erweiterte und ihm eine anschauliche
Vorstellung von seinem eignen wahren, isolierten Dasein gab; das bei ihm auf
eine Zeitlang an keine Verhältnisse mehr geknüpft war, sondern in sich
und für sich selbst bestand.
Indem er einen Blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf, lernte er
zuerst das Große im Leben von dessen Detail unterscheiden.
Alles, was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht
der Mühe des Nachdenkens wert.
Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf - die
er schon lange bei sich genährt hatte - über den in undurchdringliches
Dunkel gehüllten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins
über das Woher und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben - die ihm so
schwer gemacht wurde, ohne daß er wußte, warum? - Und was nun
endlich aus dem allen kommen sollte.
Dies erregte in ihm tiefe Melancholie. So wie er mühsam über die
dürre I leide vor dem Walde im gelben Sande fort wanderte, umzog sich der
Himmel immer trüber, indes ein feiner Staubregen seine Kleider durchnetzte
als er in den Wald kam, schnitt er sich einen Dornstock und wanderte weiter fort
- da kam er an ein Dorf und machte sich eben allerlei süße
Vorstellungen von dem stillen Frieden, der in diesen ländlichen Hütten
herrschte, als er sich in einem der Häuser ein paar Leute, die
wahrscheinlich Mann und Frau waren, zanken und ein Kind schreien hörte.
Also ist überall Unmut und Mißvergnügen und
Unzufriedenheit, wo Menschen sind, dachte er und setzte seinen Stab weiter fort.
- Die einsamste Wüste wurde ihm wünschenswert - und da ihn endlich
auch in dieser die tödliche Langeweile quälte, so blieb das Grab sein
letzter Wunsch - und weil er nun nicht einsah, warum er sich die Jahre seines
Lebens hindurch in der Welt von allen Seiten hatte müssen drücken,
stoßen und wegdrängen lassen, so zweifelte er endlich an einer
vernünftigen Ursach seines Daseins - sein Dasein schien ihm ein Werk des
schrecklichen blinden Ohngefährs.
Es wurde früher wie gewöhnlich Abend, weil der Himmel trübe
war und es stärker anfing zu regnen - und da er zu Hause wieder anlangte,
war es schon völlig dunkel - er setzte sich bei seiner Lampe nieder und
schrieb an Philipp Reisern:
Vom Regen durchnetzt und von Kälte erstarrt kehr ich nun zu dir
zurück, und wo nicht zu dir - zum Tode - denn seit diesem Nachmittage ist
mir die Last des Lebens, wovon ich keinen Zwecke sehe, unerträglich. -
Deine Freundschaft ist die Stütze, an der ich mich noch festhalte, wenn ich
nicht unaufhaltsam in dem überwiegenden Wunsche der Vernichtung meines
Wesens versinken will.
Und nun erwachte auf einmal wieder der Gedanke, sich den Beifall seines
Freundes durch den Ausdruck seiner Empfindungen zu erwerben. - Dies war
gleichsam die neue Stütze, woran sich seine Lebenslust wieder festhielt
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 39
- und da den Nachmittag alle seine Empfindungen so äußerst stark
und lebhaft gewesen waren, so wurde es ihm nicht schwer, sie wieder
zurückzurufen. -
Er hub also an:
Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen,
O könnten dir es Worte sagen:
Ich weiß, du fühltest meinen Schmerz -
Mich kränkt nicht hoffnungslose Liebe,
Nicht kränkten unerfüllte Triebe
Nach Ehr und Gold mein Herz. -
(...)
Mein Pfad geht über dürre Heide,
Hier flieht mich höhnend jede Freude
Und läßt nur Ekel mir zurück.
Ich wandre - doch wohin ich reise?
Woher? - das sage mir der Weise,
Der mehr als ich mich selber kennt -
Mein Dasein - das Sich kaum entschwinget
Dem Augenblick, der es verschlinget,
Und bang nach seinem Ziele rennt;
Wem soll ich dieses Dasein danken?
Wer setzt ihm diese engen Sehranken?
Aus welchem Chaos stiegs empor?
In weiche greuelvolle Nächte
Sinkts - wenn des Schicksals ehrne Rechte
Mir winket zu des Todes Tor? -
Dies Gedicht floß gleichsam aus seiner Seele. - Selbst der Reim und
das Versmaß machte ihm nur wenige Schwierigkeit, und er schrieb es in
weniger als einer Stunde nieder. - Nachher fing er bald an, Gedichte zu machen,
bloß um Gedichte zu machen, und dies gelang ihm nie so gut. -
Aber der Frühling und Sommer des Jahres 1775 verfloß ihm nun
ganz poetisch. - Die angenehmen Shakespearenächte, Welche er im Winter mit
Philipp Reisern zugebracht hatte, wurden nun durch noch angenehmere
Morgenspaziergänge verdrängt. -
Nicht weit von Hannover, wo der Fluß einen künstlichen
Wasserfall bildet, ist ein kleines Gehölz, welches man nicht leicht
irgendwo angenehmer und einladender finden kann. -
Hierher wurden Wallfahrten noch vor Sonnenaufgang angestellt - die beiden
Wanderer nahmen sich ihr Frühstück mit, und wenn sie nun im Walde
angelangt waren, so beraubten sie eine Menge Baumstämme ihres Mooses und
bereiteten sich einen weichen Sitz, worauf sie sich lagerten und, wenn sie ihr
Frühstück verzehrt hatten, sich einander wechselsweise vorlasen. -
Hierzu wurden besonders (Ewald von, Anm. d. Hrsg.) Kleists Gedichte
ausgewählt, die sie bei dieser Gelegenheit beinahe auswendig
lernten.
Wenn sie dann am andern Tage wieder hinkamen, so suchten sie im ganzen
Wäldchen erst ihren gestrigen Platz wieder und fanden sich nun hier wie zu
Lause in der großen freien Natur, welches ihnen eine ganz besondere
herzerhebende Empfindung war. - Alles in diesem großen Umkreise um sie her
gehörte ihren Augen, ihren Ohren und ihrem Gefühl - das junge
Grün der Bäume, der Gesang der Vögel und der kühle
Morgenduft.
Wenn sie dann wieder heimkehrten, so ging Philipp Reiser in seine Werkstatt
und machte Klaviere, indes Anton Reiser die Schule besuchte, wo nun
größtenteils schon eine ganz andere Generation seiner Mitschüler
war, so daß er auch hier mit leichterm Herzen hingehen konnte. -
In manchen Stunden suchte dann Anton Reiser auch seine geliebte Einsamkeit
wieder, ob er nun gleich einen Freund hatte - und wenn irgendein schöner
Nachmittag war, so hatte er sich auf einer Wiese vor Hannover längst dem
Flusse ein Plätzchen ausgesucht, wo ein kleiner klarer Bach über
Kiesel rollte, der sich zuletzt in den vorbeigehenden Fluß ergoß. -
Dies Plätzchen war ihm nun, weil er es immer wieder besuchte, auch
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 40
gleichsam eine Heimat in der großen ihn umgebenden Natur geworden;
und er fühlte sich auch wie zu Hause, wenn er hier saß, und war doch
durch keine Wände und Mauern eingeschränkt, sondern hatte den freien
ungehemmten Genuß von allem, was ihn umgab. - Dies Platzehen besuchte er
nie, ohne seinen Horaz oder Virgil in der Tasche zu haben. - Hier las er
Blandusiens Quell, und wie die eilende Flut
Obliquo laborat trepidare rivo.
Von hier sahe er die Sonne untergehen und betrachtete die sich
verlängernden Schatten der Bäume. - An diesem Bache verträumte er
manche glückliche Stunde seines Lebens. - Und hier besuchte ihn zuweilen
auch die Muse, oder vielmehr, er suchte sie. - Denn er bemühte sich jetzt,
ein großes Gedicht zustande zu bringen, und weil er diesmal bloß
dichten wollte, um zu dichten, so gelang es ihm nicht wie vorher; der Wunsch,
ein Gedicht zu machen, war diesmal eher bei ihm da als der Gegenstand, den er
besingen wollte, woraus gemeiniglich nicht viel Gutes zu folgen pflegt. -
(...)
Dieser Sommer war also für Anton Reiser ein recht poetischer Sommer. -
Seine Lektüre mit dem Eindruck, den die schöne Natur damals auf ihn
machte, zusammengenommen, tat eine wunderbare Wirkung auf seine Seele; alles
erschien ihm in einem romantischen bezaubernden Lichte, wohin er seinen
Fuß trat.
Aber ohngeachtet seines genauen Umganges mit Reisern liebte er dennoch
vorzüglich die einsamen Spaziergänge. - Nun war vor dem neuen Tore in
Hannover der Gang auf der Wiese längst dem Flusse nach dem Wasserfall zu
besonders einladend für seine romantischen Ideen.
Die feierliche Stille, welche in der Mittagsstunde auf dieser Wiese
herrschte; die einzelnen hie und da zerstreuten hohen Eichbäume, welche
mitten im Sonnenschein, so wie sie einsam standen, ihren Schatten auf das
Grüne der Wiese hinwarfen - ein kleines Gebüsch, in welchem man
versteckt das Rauschen des Wasserfalls in der Nähe hörte - am
jenseitigen Ufer des Flusses der angenehme Wald, in weichem er mit Reisern des
Morgens in der Frühe spazieren gegangen war - in der Ferne weidende Herden;
und die Stadt mit ihren vier Türmen und dem umgebenden, mit Bäumen
bepflanzten Walle, wie ein Bild in einem optischen Kasten. - Dies
zusammengenommen versetzte ihn allemal in jene wunderbare Empfindung, die man
hat, sooft es einem lebhaft wird, daß man in diesem Augenblicke nun gerade
an diesem Orte und an keinem andern ist, daß dies nun unsere wirkliche
Welt ist, an die wir so oft als an eine bloß idealische Sache denken. -
(...)
Zu diesem allen kam nun noch, daß gerade in diesem Jahr die Leiden
des jungen Werthers erschienen waren, welche nun zum Teil in alle seine
damaligen Ideen und Empfindungen von Einsamkeit, Naturgenuß,
patriarchalischer Lebensart, daß das Leben ein Traum sei usw., eingriffen.
Er bekam sie im Anfang des Sommers durch Philipp Reisern in die Hände,
und von der Zeit an blieben sie seine beständige Lektüre und kamen
nicht aus seiner Tasche. - Alle die Empfindungen, die er an dem trüben
Nachmittage auf seinem einsamen Spaziergange gehabt hatte, und welche das
Gedicht an Philipp Reisern veranlaßten, wurden dadurch Wieder lebhaft in
seiner Seele. - Er fand hier seine Idee vom Nahen und Fernen wieder, die er in
seinem Aufsatz über die Liebe zum Romanhaften bringen wollte - seine
Betrachtungen über Leben und Dasein fand er hier fortgesetzt - ,Wer kann
sagen, das ist, da alles mit Wetterschnelle vorbeiflieht?< - Das war eben der
Gedanke, der ihm Schon so lange seine eigne Existenz wie Täuschung, Traum
und Blendwerk vorgemalt hatte. - (...)
Fast alle Tage ging er nun bei heiterm Wetter mit seinem Werther in der
Tasche den Spaziergang auf der Wiese längst dem Flusse, w o die einzelnen
Bäume standen, nach dem kleinen Gebüsch hin, wo er sich wie zu Hause
fand und sich unter ein grünendes Gesträuch setzte, das über ihm
eine Art von Laube bildete - weil er nun denselben Platz immer Wieder besuchte,
so wurde er ihm fast so lieb wie das Platzehen am Bache - und er lebte auf die
Weise bei heiterm Wetter mehr in der offenen Natur als zu Hause, indem er
zuweilen fast den ganzen Tag so zubrachte, daß er unter dem grünen
Gesträuch den Werther und nachher am Bache den Virgil oder Horaz las. (...)
Seine Spaziergänge wurden ihm nun immer interessanter; er ging mit
Ideen, die er aus der Lektüre gesammelt hatte, hinaus und kehrte mit neuen
Ideen, die er aus Betrachtungen der Natur geschöpft hatte, wieder herein. -
Auch machte er wieder einige Versuche in der Dichtkunst, die sich aber immer um
allgemeine Begriffe herumdrehten und sich wieder zu seiner Spekulation
hinneigten, die doch immer seine Lieblingsbeschäftigung war. So ging er
einmal auf der Wiese, wo die hin und her zerstreuten Bäume standen, und
seine Ideen stiegen auf eine Art von Stufenleiter bis zu dem Begriff des
Unendlichen empor. - Dadurch verwandelte sich seine
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 41
Spekulation in eine Art von poetischer Begeisterung, wozu sieh denn die
Begierde, den Beifall seines Freundes zu erhalten, gesellte. - (...)
Der Spaziergang in der Menge
Rene Descartes
(aus einem Brief an Guez de Balzac 1631)
In dieser großen Stadt, in der ich mich befinde, da es in ihr
außer mir keinen Menschen gibt, der nicht Handel triebe, jeder derart auf
seinen Nutzen bedacht, daß ich mein ganzes Leben hier bleiben könnte,
ohne je von jemandem aufgesucht zu werden. Ich gehe jeden Tag mitten im Wirrwarr
einer großen Bevölkerung mit ebenso viel Freiheit und Ruhe spazieren,
wie Sie es in Ihren Alleen tun würden, und betrachte die Menschen, die ich
dabei sehe, nicht anders als die Bäume, auf die man in Ihren Wäldern
trifft, oder die Tiere, die dort grasen. Selbst das Geräusch ihres Gewerbes
unterbricht meine Träumereien nicht mehr, als es das irgendeines Baches tun
würde. Wenn ich zuweilen Überlegungen über ihre Tätigkeit
anstelle, ziehe ich daraus dasselbe Vergnügen wie Sie bei dem Anblick von
Bauern, die Ihre Felder bebauen; denn ich sehe, daß ihre Arbeit dazu
dient, die Stätte meines Wohnsitzes zu verschönern und zu bewirken,
daß mir dort nichts fehlt. Wenn es Vergnügen bereitet, die
Früchte in Ihren Obstgärten wachsen zu sehen und bis zu den Augen im
Überfluß zu stehen, so glauben Sie mir, daß es wohl ebenso viel
bedeutet, Schiffe hier ankommen zu sehen, die uns reichlich verschaffen, was
Indien hervorbringt und was es an Seltenem in Europa gibt. Welchen anderen Ort
in der übrigen Welt könnte man wählen, wo alle Bequemlichkeiten
des Lebens und alle Merkwürdigkeiten, die man Sich zu wünschen
vermöchte, so leicht zu finden sind wie an diesem hier?
Georg Christoph Lichtenberg
(aus einem Brief an Ernst Gottfried Baldinger 1775)
Stellen Sie sich eine Strase vor etwa so breit als die Weender, aber, wenn
ich alles zusammen nehme, wohl auf 6mal so lang. Auf beyden Seiten hohe
Häuser mit Fenstern von Spiegel Glas. Die untern Etagen bestehen aus
Boutiquen und scheinen gantz von Glas zu seyn; viele tausende von Lichtern
erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden,
Uhren, Glas, Zinn, Gemählde, Frauenzimmer-Putz und Unputz, Gold,
Edelgesteine, Stahl-Arbeit, Caffeezimmer und Lottery Offices ohne Ende. Die
Straße läßt, wie zu einem Jubelfeste illuminirt, die Apothecker
und Materialisten stellen Gläßer, worin sieh Dietrichs Cammer Husar
baden kante, mit bunten Spiritibus aus und überziehen gantze Quadratruthen
mit purpurrothem gelbem, grünspangrünem und Himmelblauem Lieht. Die
Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen, und kützeln
mit ihren Aufsätzen die Nasen, für weiter keine Mühe und Kosten,
als daß man beyde nach ihren Häusern kehrt; da hängen Festons
von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Aepfeln und
Orangen, dazwischen schlupfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, offt
nicht bewachte weißarmigte Nymphen mit seidenen Hutehen und seidenen
Schlenderchen. Sie werden von ihren Herrn den Pasteten und Torten weißlich
zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem
armen Geldbeutel seinen zweytlezten Schilling zu rauben, denn hungriche und
reiche zu reitzen, wären die Pasteten mit ihrer Atmosphäre allein
hinreichend. Dem ungewöhnten Auge scheint dieses alles ein Zauber; desto
mehr Vorsieht ist nöthig, Alles gehörig zu betrachten; denn kaum
stehen Sie still, Bums! läuft ein Packträger wider Sie an und rufft by
Your leave wenn Sie schon auf der Erde liegen. In der Mitte der Strase rollt
Chaise hinter Chaise, Wagen hinter Wagen und Karrn hinter Karrn. Durch dieses
Getöße, und das Sumsen und Geräusch von tausenden von Zungen und
Füßen, hören Sie das Geläute von Kirchthürmen, die
Glocken der Postbedienten, die Orgeln, Geigen, Leyern und Tambourinen englischer
Savoyarden, und das Heulen derer, die an den Ecken der Gasse unter freyem Himmel
kaltes und warmes feil haben. Dann sehen Sie ein Lustfeuer von Hobelspänen
Etagen hoch auflodern in einem Kreis von jubilirenden Betteljungen, Matrosen und
Spitzbuben. Auf einmal rufft einer dem man sein Schnupftuch genommen: stop thief
und alles rennt und drückt und drängt sich, viele, nicht um den Dieb
zu haschen, sondern selbst vielleicht eine Uhr oder einen Geldbeutel zu
erwischen. Ehe Sie es sich versehen, nimmt Sie ein schönes, niedlich
angekleidetes Mädchen bey der Hand: come, My Lord, come along, let us drink
a Glass together, or I’ll go with You if You please; dann passirt ein
Unglück 40 Schritte vor Ihnen; God bless me, rufen Einige, poor creature
ein Anderer; da stockt’s und alle Taschen müssen gewahrt werden,
alles scheint Antheil an dem Unglück des Elenden zu nehmen, auf einmal
lachen alle wieder, weil einer sich aus Versehen in die Gosse gelegt hat; look
there, damn me, sagt ein
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 42
Dritter und dann geht der Zug weiter. Zwischen durch hören Sie
vielleicht einmal ein Geschrey von hunderten auf einmal, als wenn ein Feuer
auskäme, oder ein Haus einfiele oder ein Patriot zum Fenster herausguckte.
In
Göttingen geht man hin und sieht wenigstens von 40 Schritten her an,
was es giebt; hier ist man (hauptsächlich des Nachts und in diesem Theil
der Stadt [the City]) froh, wenn man mit heiler Haut in einem Neben
Gäßgen
den Sturm auswarten kan. Wo es breiter wird, da läuft alles, niemand
sieht aus, als wenn er spatzieren gienge oder observierte, sondern alles scheint
zu einem sterbenden gerufen. Das ist Cheapside und Fleetstreet an einem December
Abend.
Johann Wolfgang von Goethe
aus Italienische Reise ((1816/17)
Neapel, zum 17. März
Hier wissen die Menschen gar nichts voneinander, sie merken kaum, daß
sie nebeneinander hin und her laufen; sie rennen den ganzen Tag in einem
Paradiese hin und wider, ohne sich viel umzusehen, und wenn der benachbarte
Höllenschlund zu toben anfängt, hilft man sieh mit dem Blute des
heiligen Januarius, wie sich die übrige Welt gegen Tod und Teufel auch wohl
mit - Blute hilft oder helfen möchte.
Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen,
ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinander strömt und
doch jeder einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft und
Bewegung fühl’ ich mich erst recht still und einsam; je mehr die
Straßen toben, desto ruhiger werd’ ich.
Wilhelm von Humboldt
(aus einem Brief an Caroline von Beulwitz 1789)
Was soll ich in dem schmutzigen Paris, in dem ungeheuren Gewimmel von
Menschen? Ich war nur jetzt zwei Tage hier, und beinahe ekelt es mich schon an.
von einer andern Seite hab ieh doch aber eine angenehme Empfindung. Bei dem
unaufhörlichen Gewirre, bei der unbeschreiblichen Menge von Menschen
verschwindet das eigene Individuum so ganz, kein Mensch bekümmert sich um
einen, keiner nimmt Rücksicht auf einen, j a, man wird selbst so in dem
Strom fortgerissen, daß man auch sich selbst nur wie ein Tropfen gegen den
Ozean erscheint. Das hab ich gern.
Karl Philipp Moritz
St. James-Park (aus Reisen eines Deutschen in England
1784)
Dieser Park ist weiter nichts als ein halber Zirkel von einer Allee von
Bäumen, der einen großen grünen Rasenplatz einschließt, in
dessen Mitte ein sumpflichter Teich befindlich ist.
Auf dem grünen Rasen weiden Kühe, deren Milch man hier, so
frisch, wie sie gemolken wird, verkauft. In den Alleen sind Bänke zum
Ausruhen. Wenn man durch die Horse-Guards oder Königliche Wache zu Pferde,
welche mit verschiednen Durchgängen versehen ist, in den Park kommt, so ist
zur rechten Seite, St. James Palace, oder die Königliche Residenz, wie
bekannt, eines der unansehnlichsten Gebäude in London. Ganz unten am Ende
ist der Palast der Königin, zwar schön und modern, aber doch sehr
einem Privatgebäude ähnlich. Übrigens gibt es allenthalben um St.
James-Park sehr prächtige Gebäude, die diesen Platz um ein
Großes verschönern. Auch ist vor dem halben Zirkel, der dureh die
Alleen gebildet wird, noch ein großer Platz, wo die Parade gestellt wird.
Wie wenig aber dieser so berühmte Park mit unserm Berliner Tiergarten
zu vergleichen sei, darf ich nicht erst sagen. Und doch macht man sich eine so
hohe Idee von dem St. James-Park und andern öffentlichen Plätzen in
London: das macht, weil sie mehr als die unsern in Romanen und Büchern
figuriert haben. Beinahe sind die Londner Plätze und Straßen
weltbekannter, als die meisten unsrer Städte.
Was aber freilich den St. James-Park einigermaßen wieder erhebt, ist
eine erstaunliche Menge von Menschen, die gegen Abend bei schönem Wetter
darin spazieren geht. So voll von Menschen sind bei uns die besten
Spaziergänge niemals, auch in den schönsten Sommertagen nicht, als
hier beständig im dicksten Gedränge auf und niedergehen. Das
Vergnügen, mich in ein solches Gedränge fast lauter wohlgekleideter
und schöngebildeter Personen zu mischen, habe ich heute Abend zum erstenmal
genossen.
Ehe ich in den Park ging, machte ich mit meinem Jacky noch einen andern
Spaziergang, der mich nur sehr wenige Schritte kostete, und doch
außerordentlich reizend war. ich ging nämlich die kleine
Straße, wo ich wohne, nach der Themse zu hinunter, und stieg, beinahe am
Ende derselben, zur linken Seite noch einige Stufen hinab, die mich auf eine
angenehme mit Bäumen besetzte Terrasse am Ufer der Themse führten.
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
Literatur Seite 43
Von hier aus hatte ich den schönsten Anblick, den man sich nur denken
kann. vor mir lag die Themse in ihrer Krümmung mit den prächtigen
Schwibbögen ihrer Brücken; Westminster mit seiner ehrwürdigen
Abtei zur
rechten, und London mit der Paulskirche zur linken Seite, bog sich mit den
Ufern der Themse vorwärts, und
am jenseitigen Ufer lag Southwark, das jetzt auch mit zu London gerechnet
wird. Hier konnte ich also beinahe die ganze Stadt, von der Seite wo sie der
Themse zugewandt ist, mit einem Blick übersehen. Nicht weit von
hier in dieser reizenden Gegend der Stadt hatte auch der berühmte
Garrick seine Wohnung. Diesen Spaziergang werde ich aus meiner Wohnung
gewiß sehr oft besuchen.
Heinrich von Kleist
(aus einem Brief an Karoline von Schlieben 1801)
Wenn ich das Fenster öffne, so sehe ich nichts, als die blasse, matte,
fade Stadt, mit ihren hohen, grauen Schieferdächern und ihren ungestalteten
Schornsteinen, ein wenig von den Spitzen der Tuilerieen, und lauter Menschen,
die man vergißt, wenn sie um die Ecke sind. Noch kenne ich wenige von
ihnen, ich liebe noch keinen, und weiß nicht, ob ich einen lieben werde.
Denn in den Hauptstädten sind die Menschen zu gewitzigt, um offen, zu
zierlich, um wahr zu sein. Schauspieler sind sie, die einen der wechselseitig
betrügen, und dabei tun, als ob sie es nicht merkten. Man geht kalt an
einander vorüber; man windet sich in den Straßen durch einen Haufen
von Menschen, denen nichts gleichgültiger ist, als ihresgleichen; ehe man
eine Erscheinung gefaßt hat, ist sie von zehn andern verdrängt; dabei
knüpft man sich an keinen, keiner knüpft sich an uns; man
grüßt einander höflich, aber das Herz ist hier so unbrauchbar,
wie eine Lunge unter der luftleeren Campane, und wenn ihm einmal ein Gefühl
entschlüpft, so verhallt es, wie ein Flötenton im Orkan.
Eduard Devrient
(aus Briefe aus Paris 1840)
Hier wo niemand sieh um seinen Nachbar bekümmert, ja ihn kaum kennt,
wo Alles kalt und fremd und nur auf sich bedacht an einander hinrennt. (...)
Hier, wo das ungeheuere Leben alle Individuen verschlingt, wo Einer an dem
Anderen sich verzehrt, und die Gesellschaft eine bedeutende Persönlichkeit
nach der anderen verbraucht und Keinem Friede und Freude dadurch wird, hier kann
man lernen, weise sein. Hier fühlt man es: unser eigenstes, persönlich
ewiges Leben gedeiht nur in dem stillen Kreise derer, die unserer Seele ganz und
ewig angehören.
Charles Baudelaire
Die Menge (aus Der Spleen von Paris 1861/62)
Nicht jedem ist es gegeben, ein Bad in der Menge zu nehmen: Die Menge zu
genießen ist eine Kunst; und nur der kann sich auf Kosten des.
Menschengeschlechts ein üppig volles Maß von Lebenskraft verschaffen,
den eine Fee in der Wiege mit dem Hange zur Verstellung und zur Maskerade, mit
dem Haß gegen die Häuslichkeit und mit der Leidenschaft für die
Reise begabt hat.
Menge, Einsamkeit: zu gleichen, sich ergänzenden Begriffen macht sie
der schaffende, fruchtbare Dichter. Wer seine Einsamkeit nicht zu beleben
weiß, der versteht es auch nicht, in einem geschäftigen Gedränge
für sich zu sein.
Der Dichter genießt ein unvergleichliches Vorrecht; nach seinem
Belieben kann er für sich oder mit anderen sein. Gleich einer umherirrenden
Seele, die einen Körper sucht, schlüpft er in die Person eines jeden
hinein. Ihm allein steht alles offen; und wenn manche Plätze ihm versagt zu
sein scheinen, so kommt das nur, weil es in seinen Augen nicht der Mühe
verlohnt, sie aufzusuchen.
l)er einsame, versunkene Wanderer schlürft einen eigenartigen Rausch
in dieser Weltgemeinde. Wer sich leicht der Menge vermählt, der kennt wohl
die fieberhaften Genüsse, ewig verborgen dem Egoisten, der so verschlossen
ist wie ein Koffer, und dem Faulen, der sich wie ein Molluske in sich
zurückzieht. Alle Beschäftigungen, alle Freuden, die sich ihm bieten,
und alles Elend nicht minder: er nimmt das hin, als wenn’s ihn selbst
beträfe.
Und was die Menschen Liebe nennen, ist klein, ist winzig und schwach im
Vergleich zu dieser unbeschreiblichen Orgie, dieser heilige Prostitution der
Seele, die sich in Hochherzigkeit und Mitleid ganz hingibt dem, der sich ihr
unvermutet zeigt, dem Unbekannten, der vorüberstreift.
Es ist bisweilen gut, die Glücklichen dieser Welt zu lehren - und
wäre es auch nur, um für einen Augenblick ihren dummen Hochmut zu
beugen-, daß es ein höheres, ein größeres, weit feineres,
genußvollendeteres Glück
Materialiensammlung: Reisen im Spiegel der
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gibt, als sie es kennen. Die Begründer von Kolonien, die
Volksgeistlichen, die Missionare, die ans Ende der Welt verbannt sind, die
wissen ohne Zweifel von diesem geheimnisvollen Rausch; und im Schoße der
großen
Familie, die ihre eigene Kraft sich schuf, müssen sie bisweilen derer
lachen, von denen sie um ihres so bewegten Geschickes und ihres so keuschen
Lebens willen bejammert werden.
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