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Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Der goldne Topf
Andreas Dehio
Leistungskurs Deutsch2
Leininger Gymnasium
23. November 1997
Peter.Dehio@t-online.de (Andreas
Dehio)
Werkanalyse zu:
E.T.A.Hoffmann
“Der goldne
Topf”
1. Einleitung
Das Märchen aus der neuen Zeit “Der goldne Topf” wurde zum
ersten Mal 1814 als dritter Band der Sammlung “ Fantasiestücke in
Callots Manier. Blätter aus dem Tagebuch eines reichen Enthusiasten. Mit
einer Vorrede von Jean Paul” von E.T.A. Hoffmanns Verleger C.F. Kunz
veröffentlicht.
Der Text fällt somit in eine für die Familie Hoffmann sehr
schwere Zeit. Da Hoffmann 1812 seine Stelle als Direktionsgehilfe unter Franz
von Holbein am Bamberger Theater verliert, nimmt er 1813 ein Angebot des
Dresdner Theaterdirektors Seconda an und wird somit Kapellmeister in Dresden.
Auf der Reise nach Dresden kommt es zu einem Unfall, bei dem Hoffmanns Frau
Maria Thekla Michaelina schwer verletzt wird. Als er in Dresden ankommt findet
er eine von den Franzosen nach der Völkerschlacht in Leipzig besetzte Stadt
vor. Den folgenden Winter verbringen Hoffmann und seine schwerkranke Frau in
großer finanzieller Not und unter ärmlichsten Bedingungen.
Trotz all dieser Widrigkeiten schreibt Hoffmann ein Werk, das als eines
seiner größte literarischen Arbeiten gilt. In einem Brief an seinen
Verleger Kunz vom 8. September 1813 erkennt er selbst: “Gott lasse mich
nur das Mährchen enden, wie es angefangen – ich habe nichts besseres
gemacht, das andere ist todt und starr dagegen und ich meine, daß das sich
herauf schreiben zu etwas ordentlichem, vielleicht bey mir eintreffen
könte!” [1]
Das vorliegende Referat unternimmt den Versuch einer kurzen Analyse und
erörtert die Frage: der goldne Topf – ein
Märchen?
2. Der Inhalt des Märchens
Der Held der Geschichte, der Student Anselmus, ist ein Pechvogel, wie er im
Buche steht. Zu Beginn der Handlung befindet er sich gerade an einer wichtigen
Stelle seines Lebens. Er muß sich nun, am Ende seines Studiums stehend,
für einen Beruf entscheiden, und es ist auch an der Zeit, eine Frau zu
finden.
Am Himmelfahrtstag am Schwarzen Tor in Dresden stößt er den Korb
eines alten Apfelweibes um, so daß er den Schaden zu bezahlen hat. Dazu
verwendet er das Geld, das eigentlich für ein Mahl im Linkischen
Bade [2] gedacht war. Statt sich der
bürgerlichen Lustbarkeit widmen zu können, verbringt er den Nachmittag
unter einem Holunderbusch am Elbufer, wo ihm drei singende goldgrüne
Schlangen begegnen, die in Wirklichkeit die Töchter des Archivarius
Lindhorst sind, der ein verstoßener Salamanderfürst aus dem
sagenumwobenen Atlantis ist.
Durch Vermittlung des Registrator Heerbrand erhält Anselmus eine
Anstellung bei Lindhorst, wo er für einen hohen Lohn Schriften aus dessen
Bibliothek zu kopieren hat. Dort malt er mit Hilfe von Linhorsts Tochter
Serpentina fremdartige Schriften ab, die ihm zunehmend einfacher erscheinen. Im
Verlauf der Arbeit beginnt er diese zu verstehen. Die Texte zeigen Anselmus eine
ihm unbekannte mythische Welt, die ihn in ihren Bann schlägt und zu einem
Wandel bewegt. Er orientiert sich weg von der spießigen Mentalität
des Kleinbürgertums hin in die phantastische Welt der Schriften des
Archivarius.
Als Gegenstück zu dem leitenden Archivarius taucht die Hexe vom
Schwarzen Tor in der Gestalt des Apfelweibs Liese Rauerin immer wieder auf und
behindert die poetische Erziehung des Studenten.
Durch den Blick in einen von der Hexe angefertigten zauberhaften
Metallspiegel wird Anselmus in die Kleinbürgermentalität
zurückgeworfen.
Durch die magischen Kräfte des Spiegels verliebt sich Anselmus in die
Konrektorstochter Veronika Paulmann, die zusammen mit der Hexe den Spiegel in
einer Nacht erstellt hat.
Als nun der durch diese Verzauberung verstörte Anselmus bei Lindhorst
eine wertvolle Schrift mit Tinte verschmiert, da ihm die nötigen mythischen
Voraussetzungen fehlen, wird der von der Hexe am Schwarzen Tor ausgesprochene
Fluch wahr, und der Kopist stürzt “Ins Kristall”.
Anselmus findet sich in einer Flasche auf einem Regal in der Bibliothek des
Archivarius wieder. In einem Gespräch mit Kreuzschülern, die sich
ebenfalls in Flaschen befindenden, wird er sich der ihm unerträglich
schmerzhaften Enge des bürgerlichen Lebens bewußt.
Während eines Kampfes zwischen Hexe und Lindhorst um den goldenen Topf
zerbricht die Flasche, Anselmus ist befreit und wird mit seiner liebe Serpentina
auf ein Rittergut nach Atlantis geschickt. Dort lebt er, von der Feuerlilie des
goldnen Topfs beschützt, als Dichter.
Veronika ehelicht den zum Hofrat ernannten Registrator Heerbrand, wodurch
sich all ihre Wünsche erfüllen.
In einem abschließendem Gespräch tröstet der
Salamanderfürst den Autor, der über sein
“Dachstübchen” [3] klagt und die
“Armseligkeiten des bedürftigen
Lebens” [4] beweint und erklärt ihm,
daß des Studenten Seligkeit nur “das Leben in der Poesie”
sei.
3. Der Aufbau des Märchens
Der Text ist in zwölf Vigilien (lat. Nachtwachen) aufgeteilt, was sehr
einleuchtend ist, da der Autor erklärt, daß er den Text nachts
schreibt. Diese zwölf Kapitel umfassen vier verschiedene Ebenen:
- Die bürgerliche Welt
- Die phantastische Welt
- Der Atlantis Mythos
- Die Kommunikation zwischen auktorialem Erzähler und seinem
Leser
3.1 Die bürgerliche Welt
Die bürgerliche Welt ist die der Paulmanns, Heerbrands und des realen
Dresdens mit dem Schwarzen Tor, der Elbe, dem Linkischen Bade, der
Schloßgasse, dem Pirnaer Tor und der Kreuzkirche. Sie besteht aus zwei
Komponenten.
Auf der einen Seite befindet sich die behäbige Idylle mit Feuerwerken,
Punschabenden und Doppelbier im Linkischen Bade, auf der anderen aber die Seite
der erschreckenden formalistischen Pünktlichkeit, der Wichtigkeit von
Titeln, dem materiellen Denken, der spießigen Enge.
Während Anselmus anfangs noch von dem Paradies im bürgerlichen
Milieu bei Sanitätsknaster, Bier und jungen Mädchen träumt,
bemerkt er doch, daß er in dieser Welt nicht Zuhause ist. Alle
vermeintliche Weitläufigkeit fehlt ihm, so daß er in seiner
Ungeschicklichkeit den Zugang in diese Idylle nicht findet.
Die andere Seite der bürgerlichen Welt, die von materiellen und
bildungsmäßigem Besitzstand gekennzeichnet ist, scheint ihm ebenso
verschlossen, denn bereits der bescheidenste Eintrittsversuch, als er sich um
eine Stelle bewerben möchte, scheitert an einem abgebissenen Zöpfchen
seiner Perücke.
Beide Seiten sind eng miteinander verbunden. Solange nämlich der
Protagonist Anselmus gegen die Regeln der bürgerlichen Konventionen
verstößt, wird er von seinen Freunden abgelehnt. Erst als er mit
wachsender Gewandtheit Aussichten auf einen Titel erlaubt, gewinnt ihn der
Konrektor “wieder
lieb” [5].
3.2 Die phantastische Welt
Die phantastische Welt, die wie ein Spiegelbild des bürgerlichen
Lebens erscheint, beruht allerdings auf anderen Werten. Auch wenn der
Archivarius Lindhorst Anselmus mit einem Speziesthaler belohnt verliert diese
materielle Entlohnung für Anselmus an Bedeutung. Dagegen ist er fasziniert
von den Farben, Düften und Klängen in Lindhorsts Garten, die sein
ganzes Wesen beeinflussen, sobald er das Reich des Phantastischen betritt.
Obwohl diese Ebene der bürgerlichen wesensfremd erscheint, fällt dem
Leser immer stärker auf, daß beide Welten parallel existieren.
Personen und Handlungen scheinen lediglich durch die unterschiedliche Sicht des
Erlebenden, des Erzählers oder gar des Lesers voneinander abzuweichen. So
entspricht dem freundlichen, kauzigen Konrektor Paulmann der ebenso skurrile
Lindhorst. Noch auffälliger ist die Ähnlichkeit zwischen Veronika und
der ebenfalls blauäugigen Serpentina. Die biedermeierliche Wohnidylle der
Paulmanns mit Klavier, Ofenaufsatz, Kaffeekanne und Punschterrine findet ihre
exotische Entsprechung in der Lindhorstschen Wohnung mit Palmbäumen,
Vögeln und Porphyrtisch.
Ebenso wie die Punschterrine das Zentrum bürgerlicher
Gemütlichkeit ist, wird der schlichte goldne Topf ein magisches geistiges
Zentrum. Die Räume und Flure gewinnen unendliche Dimensionen und
Klänge, Düfte umschweben den Besucher. Während die Paulmannsche
Wohnstube nur geringe Bewegung ermöglicht, wirkt bei Lindhorst das ganze
Instrumentarium dynamisch.(“aus den azurblauen Wänden traten die
goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume
hervor” [6]) Der Faszination der
phantastischen Welt vermag sich der Leser kaum zu entziehen, denn Hoffmann
gelingt es, durch Synästhesien eine vielfältige Assoziation des
Schönen beim Leser zu wecken.
Auch die bürgerliche Welt wirkt auf den Leser anheimelnd , wenn auch
der phantastische Erlebnisraum deutlich eingeschränkt ist, da die
Assoziation auf die konkrete Welt bezogen sind. Wie in der bürgerlichen
Welt gibt es auch in der phantastischen Welt eine deutlich negative Seite, in
der satanischer Spuk und die Hexe ihr Verwirrspiel
treiben.
3.3 Der Atlantis-Mythos
Als dritte Ebene taucht der Atlantis Mythos auf. Er ist laut Serpentina und
Lindhorst der Ursprung für die phantastische Welt. Die Erzählung von
Atlantis‘ Entstehung erklärt die Existenz der phantastischen Welt in
der bürgerlichen als die Folge des Sündenfalles des
Salamanderfürsten, der sich gegen das Verbot von Phosphorus mit der
Feuerlilie vermählte. Er muß deshalb als königlich
sächsischer Archivarius in Dresden leben und kann nur gerettet werden, wenn
sich seine drei Töchter mit Jünglingen verheiratet haben, die von der
bürgerlichen Welt den Zugang in die phantastische gefunden haben. Das
bedeutet, daß es in der trockenen bürgerlichen Ebene noch mindestens
drei Menschen geben muß, die die Erkenntnis vom “heiligen Einklang
aller Wesen” [7] erwerben
können.
3.4 Die Welt des fiktiven Erzählers
Die Verbindung dieser gegensätzlichen Welten oder Ebenen gelingt dem
auktorialen Erzähler dadurch, daß er ironisch wird. Durch die Anrede
an den Leser durchbricht der fiktive Erzähler die Grenzen des fiktionalen
Raumes, um dessen Phantasie immer stärker in die Geschichte
einzubeziehen.
Anfangs geht er noch sehr vorsichtig vor:“ Ich wollte, daß du,
günstiger Leser! am 23.September auf der Reise nach Dresden begriffen
wärest.” [8] Grammatikalisch ganz
korrekt verwendet er den Konjunktiv des Wunsches und setzt dann eine lange
Geschichte von dieser gewünschten Reise des Lesers und der erhofften
Rettung Veronika Paulmanns im Präteritum, der typischen Erzählzeit
fort. Dabei benutzt er sehr geschickt die Formgleichheit des Konjunktiv II mit
dem Indikativ Präteritum. Aber immerhin schließt er diese lange
Passage über die absurde Rettung Veronikas mit dem Indikativ: “Weder
du, günstiger Leser! noch sonst jemand fuhr oder ging aber am 23.September
in der stürmischen, den Hexenkünsten günstigen Nacht des
Weges.” [9]
Ähnlich geschickt geht er später vor, indem er den Leser
auffordert, die Empfindungen des sich in einer Flache befinden Anselmus zu
teilen. Anfangs äußert er seinen Zweifel “ daß du,
günstiger Leser! jemals in einer gläsernen Flasche verschlossen
gewesen sein solltest.” [10] Wenig
später setzt er ein solches Erlebnis, wenigstens als Traumhaftes voraus und
kann dann direkt auf die gemeinsame Erfahrung anspielen, indem er
Anselmus‘ Zustand wie folgt schildert “du bist von blendendem Glanze
dicht umflossen [...]” [11].
Jetzt bemüht er noch nicht einmal den Konjunktiv des Irrealen, um dem
Leser eine solche Zumutung zu ersparen. Verständlich wird diese absurde
Vorstellung dadurch, daß die Leiden des armen
Anselmus genau denen gleichen, die man nach exzessivem Alkoholgenuß
verspürt, eine Erfahrung, die manchem Leser vertraut sein wird.
Der Leser des Textes, der somit nach und nach immer tiefer in die
Geschichte verstrickt wird, wird also fast Teil des Märchens, ähnlich
dem Studenten Anselmus, der eintaucht in eine Welt, die er anfangs nur kopiert.
Durch das raffinierte Überspringen der Erzähler-Leser Grenze wird das
prinzipielle Interesse an der Geschichte geweckt. Wichtiger als Interesse ist
aber die Erkenntnis, die dem “günstigen Leser” nach dem Lesen
bewußt wird. Der gesamte Text ist darauf angelegt, das Vorhandensein einer
phantastischen Welt, oder konkreter, der Poesie, zu zeigen. Sobald der Leser
erkennt, daß diese phantastische Welt so stark ist, daß sie auch
gegen einen real existierenden Menschen, nämlich den Leser Bestand hat, ist
das Ziel des Autors erreicht. Der Leser begreift die Unverzichtbarkeit der
Poesie, und was noch viel wichtiger ist, er erkennt die wirkliche Existenz der
Poesie. Nach dieser Erfahrung besteht die Möglichkeit für den Leser,
daß er sich, nach der Lektüre zurück in seiner wirklichen
Umgebung außerhalb des Märchens, mit dem Unterschied zwischen einer
bürgerlichen und einer phantastischen Welt auseinandersetzt, und vielleicht
so wie der Student Anselmus den Schritt zu einem poetischen Leben
vollzieht.
4. Die Symbolik
Das Stück wird neben den eindrucksvollen Personen auch von einigen
zentralen “Leitmotiven” bestimmt. Auffällig ist z.B. die
häufige Wiederkehr von Spiegeln und
Spiegelungen.
4.1 Das Spiegelsymbol
Der Spiegel, der als reales Objekt immer nur ein falsches, irreales Bild
der Welt widergibt (Alles, was man im Spiegel sieht, ist nicht greifbar und noch
dazu seitenverkehrt), eignet sich für eine Geschichte wie den
“goldnen Topf”, die sehr stark von Magie und Irrealem bestimmt ist.
Wohl deshalb verwendet Hoffmann also den Spiegel mehrfach in seiner
Erzählung. Als erstes taucht das Spiegelmotiv im Smaragdring des
Archivarius Lindhorst auf. Vor den Augen des erstaunten Anselmus wirft
“der Stein[...]wie aus einem brennenden Fokus Strahlen ringsherum, und die
Strahlen versp[i]nnen sich zum hellen leuchtenden
Kristallspiegel” [12], in dem Anselmus
bald darauf Serpentina sieht.
Ebenfalls sehr deutlich tritt das Spiegelmotiv in der siebenten Vigilie
auf, wenn die Hexe Rauerin zusammen mit Veronika in der Äquinoktialnacht
einen Zauberspiegel erstellt. Auch er hat die Eigenschaft dem Betrachter, in
diesem Fall Veronika, den Geliebten zu zeigen, indem “es war, als
schössen feurige Strahlen aus dem Spiegel [...]- An den Anselmus
mußte sie denken, und als sie immer fester und fester den Gedanken auf ihn
richtete, da lächelte er ihr freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein
lebhaftes Miniatur-Porträt. Aber bald war es ihr, als sähe sie nicht
mehr das Bild – nein! – sondern den Studenten Anselmus selbst
leibhaftig.” [13]
4.2 Der goldene Topf
Auch der goldne Topf, der als Mitgift für Anselmus und Serpentina
gedacht ist, beinhaltet einen Spiegel, der vom Erdgeist “mit Strahlen, die
[er] dem Diamanten entnommen” [14] poliert
ist. In diesem Metall spiegelt sich das wundervolle Reich Atlantis. Damit wird
der goldene Topf zum Symbol der romantischen Poesie, die die banale Wirklichkeit
zurückführt auf ihre golden glänzende Urwirklichkeit. Der Spiegel
des goldenen Topfs strahlt eine poetisierte Wirklichkeit wider, die Farbigkeit,
Bewegung und Klänge enthält, die kein alltäglicher Spiegel zeigen
könnte, der in realistischer Art und Weise nur eine mimetische Funktion
erfüllt.
Gemeinsam ist allen diesen Spiegeln also eine telepathische Eigenschaft,
die einen Blick in andere Ebenen zuläßt. Der Spiegelsymbolik wird
somit zu einer Verbindung der verschiedener
Ebenen.
4.3 Das Kristall
Eng zusammenhängend mit dem Spiegelmotiv ist das ebenfalls häufig
wiederkehrende Bild des Kristalls. Vor allem Stimmen, wie die der Schlangen und
die Veronikas, werden mit dem Attribut des Kristallenen versehen. Auch die
Lichtstrahlen in Lindhorsts Garten sind als kristallen beschrieben. Die
Verwendung des glasklaren Kristall vereinigt die Eigenschaften des Hellen,
Klaren, Klingenden und Glitzernden, aber auch die Kälte, das Schneidende
und Scharfe.
5. Der goldne Topf - ein Märchen?
Es ist eindeutig, daß der “Goldne Topf” auf den ersten
Blick nicht wie ein klassisches Märchen aussieht. Normalerweise führt
schon die Einleitung den Leser oder Zuhörer in eine unbestimmte, vergangene
Zeit des “Es war einmal...” und die fiktive Umgebung eines dunklen
Waldes oder prächtigen Schlosses.
5.1 Die “neue Zeit” im Märchen
E.T.A. Hoffmann hingegen setzt sein “Märchen aus der neuen
Zeit” in das konkrete Dresden um 1810. Genau beschreibt der Text dem
Zeitgenossen vertraute Orte wie die Pirnaer Vorstadt, die Elbbrücke oder
das Schwarze Tor.
Auch die Zeitangaben sind exakt. Die Handlung beginnt am Himmelfahrtstag
und endet an Veronikas Namenstag, dem 4.Februar, Glockenschlag zwölf Uhr
mittags.
5.2 Die märchenhaften Attribute
In diese erfahrbare Wirklichkeit des zeitgenössischen Leser setzt
Hoffmann eine märchenhafte, phantastische Geschichte, die,
märchengerecht, von Hexen, Zauberern und Atlantis handelt. Sie beginnt in
einer grauen Vorzeit und setzt sich in die Zukunft fort, bis zwei weitere
Jünglinge gefunden sind, die wie Anselmus Serpentina, Serpentinas
Schwestern gewinnen, um dadurch den Archivarius Lindhorst aus seiner
bürgerlichen Existenz zu
erlösen.
5.3 Der Erlösungsgedanke
Hier wird ebenfalls ein märchentypisches Thema, das der Erlösung
eines Verwunschenen, aufgegriffen. Anders als im klassischen Märchen ist
hier der Verwunschene nicht in ein Tier verwandelt, wie z.B. der
Froschkönig, oder der Bär aus Schneeweißchen und Rosenrot.
Hoffmann entfernt sich deutlich vom üblichen Schema, indem er als wahre
Identität des Archivarius einen Salamanderfürsten nennt. Es gibt zwei
Möglichkeiten, dies zu deuten: einerseits könnte dies ein pfiffiger
Effekt sein, andererseits aber auch ein Hinweis darauf, daß die
Atlantiswelt, die Welt der Phantasie und Poesie, die eigentliche ist, und die
bürgerliche Welt in Dresden bei Punschterrinen und Klavierabenden die
böse Verzauberung bedeutet, aus der es die Befreiung zu erreichen gilt.
Untersucht man Anselmus Werdegang, bestätigt sich diese
Vermutung.
Der ungeschickte Student, wird von den Zwängen einer bürgerlichen
Welt erlöst, die ihn partout in eine hohe Stellung, die eines Hofrates
drängen will. Doch Anselmus wird nicht als Hofrat um Veronika werben, indem
er ihr ein Paar Ohrringe schenkt, sondern er geht nach Atlantis, um dort Dichter
zu werden. Das bedeutet nichts anderes, als daß Anselmus seine poetische
Identität gewinnt, obwohl Schauerliches dieses zu verhindern
versucht.
5.4 Das Schauerliche
Auch das Schauerliche, in Form der Rauerin, ist Bestandteil des
Märchens.
In Hoffmanns Märchen gibt es viele traditionelle Schauermotive wie
Kobolde, destruktive Ratten und eine Äquinoktialnacht. Aber im Vergleich
zum eigentlich Schaurigen ist dies nur Stückwerk.
In einem Aufsatz von Franz
Fühmann [15] wird dies überzeugend
ausgeführt. Das wirklich Erschreckende ist, daß Veronika unter dem
Vorwand der Liebe die Identitätsfindung Anselmus‘ mit allen Mitteln
verhindern will. Sie möchte in jedem Fall einen Aufstieg zur Hofrätin
und versucht deshalb auf jede Weise, Anselmus von seiner Erlösung
fernzuhalten. Das Schaurigste ist, daß sie die wahre Bestimmung von
Anselmus genau erfaßt hat und trotzdem aus besitzergreifender
“Liebe” ihn in die Enge eines hofrätlichen Daseins
zwingt.
6. Die Botschaft
Das traditionelle Märchen verfremdet Ursituationen des Lebens. Es
vereinfacht so weit, daß dem Zuhörer die Identifikation mit dem
Wahren und Guten leicht fällt.
Auch Hoffmann verfremdet und vereinfacht. Das Raffinierte ist jedoch,
daß das Wahre und Gute die tiefere Wirklichkeit von Atlantis, und das
reale Dresden die schreckliche Verfremdung davon ist. Denkt man diesen Gedanken
weiter, so wird die Bedeutung dieser Aussage klar:
Die Welt der Poesie verkörpert die tieferen Schichten des Lebens, das
vorsprachliche Erleben, dessen Existenz bedroht ist durch die Zwänge der
eindimensionalen Alltäglichkeit der “neuen Zeit”. Nur der
Dichter in der Nachfolge des Anselmus kann diese Welt
retten.
Herangezogene Literatur
Primärliteratur:
- Fühmann, Franz : Frl. Veronika Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt.1.
Aufl. München: dtv, 1984
- Steinbach, Dietrich (Hg.): E.T.A. Hoffmann, Der goldne Topf.,1.Aufl.
Stuttgart: Klett, 1987
Sekundärliteratur:
- Wührl, Paul-Wolfgang: E.T.A.Hoffmann, Der goldne Topf: Die Utopie einer
ästhetischen Existenz. 1.Aufl. Paderborn: Schöningh, 1988
- Geisler, Siegmund und Andreas Winkler: Entgrenzte Wirklichkeit,
E.T.A.Hoffmann, Der goldne Topf. 1.Aufl. Stuttgart: Klett,
1987
Deckblattabbildung:
- Aus Paul-Wolfgang Wührl: Nach einer Zeichnung von Richard Teschner,
aus:E.T.A. Hoffmann: Der goldne Topf. Wien, Leipzig, New York : Gerlach u.
Wiedling,
[1] Aus Briefe I,S.413f. in Dietrich
Steinbach(Hg.): E.T.A.Hoffmann, Der goldne Topf, Stuttgart:Klett 1987
[2] Ausflugslokal im damaligen
Dresden
[3] Steinbach, Dietrich (Hg.):E.T.A.Hoffmann
“Der goldne Topf” Klett,Stuttgart 1987 S.93 Zeile 31
[5] a.a.O. S. 14 Zeile 25
[6]a.a.O. S.44 Zeile 31-32
[8] a.a.O. S.52 Zeile 7-8
[9] a.a.O. S.53-54 Zeile 39-2
[10] a.a.O. S.75 Zeile 6-7
[11] a.a.O. S.75 Zeile 14-15
[12] a.a.O. S.29 Zeile 17-20
[13] a.a.O. S.55-56 Zeile 32-2
[14] a.a.O. S.63 Zeile 34-35
[15] Führmann, Franz: Frl. Veronika
Paulmann aus der Pirnaer Vorstadt. München: dtv 1984
1913.
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