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Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel
BAHNWäRTER THIEL
eine Novelle
von
GERHART HAUPTMANN
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Ein Referat aus Deutsch, erstellt von Bernd
Angerhofer, gehalten am 20. Mai 1998.
Benotung:
Schriftlich:
Mündlich:
Gesamt:
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Gerhart Hauptmann wurde am 15. November 1862 in
Ober-Salzbrunn als Sohn eines schlesischen Gasthausbesitzers geboren.
Ursprünglich wollte er Landwirt werden, widmete sich aber sehr bald der
Bildhauerei. Für seine Dichtung wurde der Besuch von
naturwissenschaftlichen und philosophischen Vorlesungen in Jena bedeutsam. Nach
Reisen in die Schweiz, nach Spanien und Italien 1883/84 scheiterte sein Versuch,
als Bildhauer in Rom zu leben. Mit der Tragödie DER TOD DES TIBERIUS
(1884) unternahm er einen ersten dramatischen Versuch. 1885 heiratete er die
Großkaufmannstochter Marie Thienemann und wurde damit finanziell
unabhängig. Gemeinsam mit seiner Frau lebte er nun in Berlin. Dann aber
wurde der Einfluß von Henrik Ibsen und den russischen Naturalisten Leo
Tolstoi und Fjodor Dostojewskij übermächtig. In seiner eigenen
naturalistischen Erzählweise schrieb Hauptmann im Jahre 1888 die
novellistische Studie der BAHNWäRTER THIEL. In seinem ersten
sozialen Drama VOR SONNENAUFGANG (1889) zeigte er in krassen
Farben die Kehrseite des Lebens und ließ die Menschen in ihrer
Alltagssprache reden. Die Wirkung dieses Stücks war von historischer
Bedeutung. Die Leute waren darüber empört und begeistert zugleich. Die
illusionslose Atmosphäre, die rücksichtslose Darstellung des
verkommenen Trieblebens und die profane Alltagssprache - das alles machte Gegner
und Anhänger hellwach. Schon wenige Monate später folgte mit
FAMILIE SELICKE (1889) der Freunde Arno Holz und Johannes Schlaf ein ganz
ähnliches Thema in kleinbürgerlichen Kreisen. Hauptmann selbst rollte
im FRIEDENSFEST (1890) noch einmal eine Familientragödie auf. Einen
durchschlagenden Erfolg hatte der Dichter erst mit seinem dritten Familiendrama
EINSAME MENSCHEN, das er 1891 schrieb. Im selben Jahr veröffentlicht
er DIE WEBER die jedoch 1892 bei der ersten Aufführung von den
Berliner Ordnungsbehörden verboten wird. 1904 wird seine erste Ehe
geschieden, er heiratet im selben Jahr noch Margarete Marschalk. Ein Jahr
später wird ihm zum dritten Male bereits der Grillparzer Preis verliehen.
Gerhart Hauptmann stirbt schließlich am 6. Juni 1946, seine Beisetzung
fand am 28. Juli auf Hiddensee statt.
Werke:
Vor Sonnenaufgang 1889
Die Weber 1892
Der Biberpelz 1893
Der rote Hahn 1901
Rose Bernd 1903
Die Ratten 1911
Atlantis 1912
Bahnwärter Thiel‹
1892
Die Atriden-Tetralogie1941
Das Abenteuer meiner Jugend
1937
Bahnwärter Thiel:
Seine Gefühle und seine Zuneigung
zu seiner ersten Frau und zu seinem Sohn lassen ihn als liebenswerten Menschen
erscheinen. Thiel schätzt die Ordnung, und sein Leben findet gut geplant
statt. Er läßt seine Gefühle kaum der Umwelt spüren, es sei
denn seine Emotionen übersteigen sein Zurückhaltevermögen. Den
Tod seiner Frau überwindet Thiel nur mit großer Mühe und
versucht seinen Schmerz mit der Liebe zu dem, seinem Sohn zu lindern. Als ihm
bewußt wird, wie seine zweite Frau mit seinem Sohn umgehen zu pflegt,
flüchtet er sich, nicht im Stande irgendwelche Maßnamen dagegen zu
unternehmen, in seine Traumwelt, welche ihm am bitteren Ende zu erdrücken
scheint!
Minna:
Sie ist Thiels erste Gattin, die
kränklich, blaß und zierlich beschrieben wird. Bei der Geburt ihres
ersten Sohnes Tobias verstirbt sie. Thiel beginnt sich in seine Traumwelt zu
flüchten.
Lene:
Sie wird von Thiel, nachdem seine Frau
verstorben ist, geheiratet da er der Ansicht ist, daß sein Sohn Tobias
unbedingt eine Mutter benötigt. Doch sie ist unbeherrscht, herrsch- und
streitsüchtig und Thiel sieht sich nicht im Stande Gegenmaßnahmen zu
ergreifen. Nach der Geburt ihres eigenes Kindes wendet sie sich nur mehr diesem
zu und mißhandelt Tobias stets wenn Thiel die Arbeit besucht.
Natürlich weiß Thiel, daß Lene Tobias schlägt, doch er
kann sich nicht dazu überwinden ihm zu Hilfe zu kommen.
Tobias:
Thiels Sohn ist seine einzige
Verbindung zur Realität. Er erinnert Thiel an Minna, die er einfach nicht
vergessen will, kann. Tobias’ Äußeres ähnelt dem seiner
Mutter. Als er von dem Zug erfaßt wird und wenige Stunden später
stirbt bricht Thiels Verbindung zur Realität ab und er ist in seiner
Traumwelt gefangen, die schließlich seiner zweiten Frau und seinem zweiten
Kind zum Verhängnis wird, da er diese Personen für den Tod
Tobias’ verantwortlich macht.
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Schon seit fünf Jahren geht der
Bahnwärter Thiel jeden Sonntag zur Messe in den Nachbarort. Nichts kann ihn
von der Kirche fernhalten, außer er ist krank und muß im Bett
bleiben.
Eines Tages begleitet ihn eine schmächtige
und kränklich aussehende Frau zum Gottesdienst. Von da an besuchen sie
gemeinsam die allsonntägliche Feier. Bald darauf heiraten sie, doch nach
zwei Jahren ist der Bahnwärter wieder allein, weil seine Frau nach der
Geburt seines Sohnes Tobias verstirbt.
Noch im selben Jahr heiratet. Thiel eine andere
Frau. Lene ist genau das Gegenteil von Minna. Sie ist dick, unverwüstlich
und ihr Gesicht ist genauso grob geschnitten wie das des Bahnwärters. Zu
diesem Zeitpunkt weiß Thiel noch nichts von Lenes Herrschsucht. Als ihn
der Pfarrer fragt, warum er so bald wieder heiraten wolle, meint der
Bahnwärter daß es ihm hauptsächlich um das Wohl von Tobias
ginge. Er habe Minna versprochen gut für das Kind zu
sorgen.
Der Bahnwärter läßt die
endlosen Predigten seiner Frau gewöhnlich wortlos über sich ergehen.
Immer seltener wagt er es, sich Lene zu widersetzen und seinen Sohn vor ihr in
Schutz zu nehmen, bis er es schließlich ganz aufgibt.
Thiel geht jetzt nicht mehr mit derselben
Gleichgültigkeit zum Dienst in sein einsames Bahnwärterhäuschen.
An manchen Tagen zählt er sogar die Stunden und Minuten bis zu seiner
Ablöse.Während ihn mit seiner ersten Frau eine geistige Liebe verband,
ist es bei Lene eher die körperliche Liebe, die ihn zu ihr zieht. Er
fühlt sich seiner ersten Frau gegenüber schuldig, weil er zu schwach
ist, um Tobias vor Lenes Mißhandlungen zu schützen. Mit der Zeit
plagen ihn deshalb Gewissensbisse. Um sein Gewissen zu beruhigen, hält er
geheime Zwiesprache mit Minna. Er widmet das Wärterhäuschen und seine
Bahnstrecke ausschließlich seiner toten Frau. Lene weiß nicht
einmal, wo sich Thiels Arbeitsplatz befindet.
Dieser liegt mindestens einen
dreiviertelstündigen Fußmarsch von den umliegenden Orten entfernt
mitten in einem Wald.
Da Thiel dort von niemandem gestört wird,
kann er in aller Ruhe seiner ersten Frau gedenken und dabei bei aufgeschlagener
Bibel Kirchenlieder singen. Oft gerät er dadurch in solche Ekstase,
daß er meint, Minna wirklich vor sich zu sehen.
Da es auf Thiels Bahnstrecke kaum zu
Vorfällen kommt, kann er sich noch genau an die einzigen vier Ereignisse in
den
letzten zehn Jahren erinnern. Zum Beispiel fuhr
vor einigen Jahren der kaiserliche Extrazug vorbei, und ein anderes Mal fand er
eine Flasche mit vergorenem Wein.Der kleine Tobias entwickelt sich nur sehr
langsam. Doch mit der Zeit zeigt er besondere Zuneigung zu seinem Vater, welche
dieser erwidert. Gleichzeitig wird aber das
Verhältnis zwischen Lene und Tobias
immer Schlechter. Es schlägt sogar in Abneigung um, als Lene ein Kind
bekommt. Tobias wird immer öfter zu schweren Arbeiten herangezogen. Dadurch
wirkt seine Gestalt mehr und mehr erbarmungswürdig, während sein
Brüderchen vor Gesundheit strotzt. Thiel scheint das alles nicht zu
bemerken.
Eines Tages teilt Lene ihrem Mann mit,
daß man ihr den gepachteten Kartoffelacker gekündigt hat. Thiel
erzählt ihr von dem Stück Land neben seinem
Bahnwärterhäuschen, das ihm der Bahnmeister gratis überlassen
habe, weil es für diesen zu abgelegen sei.
Kurz darauf wohnt Thiel wieder einmal
zufällig einer brutalen Züchtigung des kleinen Tobias durch Lene bei.
Und wieder bringt er nicht die Kraft auf, ihr zu widersprechen.
Am selben Abend hat der Bahnwärter einen
Alptraum. Er sieht, wie jemand Tobias auf eine entsetzliche Weise.
mißhandelt. Dann träumt er, daß Minna eines der Bahngleise
entlang kommt. Sie befindet sich auf der Flucht und trägt in ihren Armen
etwas Blutiges, Bleiches in Tücher eingewickelt. Dieser Traum beunruhigt
ihn so, daß er nach seinem Dienst sofort nach Hause eilt.
Am Tag darauf beschließt Lene, den
geschenkten Acker neben den Bahngleisen zu bebauen. Dies ist Thiel
überhaupt nicht recht. Er sieht aber, wie sehr sich Tobias auf den Ausflug
freut und gibt nach.
So bricht Die Familie nach umständlichen
Vorbereitungen auf. Am Ziel angekommen nimmt der Vater Tobias zu einer
Streckenbegehung mit. Tobias stellt eine Reihe von verwundenen Fragen. Einmal
zum Beispiel möchte er wissen, ob das Eichhörnchen, das ihnen
über den Weg läuft, der liebe Gott sei. Nach diesem kleinen
Spaziergang gibt Thiel den Jungen wieder in Lenes Obhut und geht seiner Arbeit
nach.
Wenig später muß der Bahnwärter
mit ansehen, wie Tobias unter den vorbeifahrenden Zug gerät. Obwohl Tobias
sofort zum Bahnarzt gebracht wird, kann man nichts mehr für ihn tun.Thiel,
der auf seinem Posten bleibt, bricht bewußtlos zusammen und muß in
diesem Zustand nach Hause befördert werden.Als wenige Stunden später
die Leiche des kleinen Tobias nachgebracht wird, findet man Lene und ihr Kind
mit einem Beil grausam erschlagen vor.
Thiel wird am nächsten Morgen in einem
Zustand völliger geistiger Verwirrung bei den Bahngleisen angetroffen, und
man bringt ihn nach Berlin in die Irrenanstalt.
Die Novelle gliedert sich in drei Teile, man
spricht von einer dramatischen Bauform.
Im ersten Hauptteil geht es um
Thiels Lebensumstände. Bedrohungen werden vorweggenommen (Minnas Tod). Eine
erste nicht vorweggenommene, aber verborgene Bedrohung liegt in Thiels
Einsamkeit.
Im zweiten Hauptteil bahnt sich
die Katastrophe deutlich erkennbar an, die Spannungskurve wächst (Lenes
Strenge gegenüber Tobias). Die Wesensänderung Thiels nimmt immer
eindeutiger krankhafte Züge an.
Gegen Ende des zweiten Hauptteils verlieren die
Ereignisse scheinbar etwas von ihrem bedrohlichen Gewicht. Kurzzeitig hellt sich
die Stimmung auf (Geschenk des Ackers), bis er im
dritten Hauptteil, dann zum Sieg
kommt. Dem Zugunglück und Thiels furchtbarer Rache an Lens und ihrem Kind.
Der Leser erkennt spätestens jetzt, daß es von Anfang an keine
Möglichkeit der Rettung gegeben hat.
Die Novelle ist teilweise in langen, aber doch
überschaubaren Sätzen geschrieben, Dialoge werden nur sehr selten
verwendet.
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