|
Du bist hier: Referate Datenbank | Deutsch
| Fontane, Theodor: Mathilde Möhring
Fontane, Theodor: Mathilde Möhring
1. Theodor Fontane und seine Zeit
Henri Théodore Fontane wird am 30. Dezember 1819 als Sohn des
Apothekers Louis Henri Fontane und seiner Ehefrau Emilie in Neuruppin (->
Karte, ev. Bild) geboren. Seine Eltern stammen, wie ihre Namen vermuten lassen,
aus französischen, hugenottischen
Familien [1]. Fontane verbringt seine Kindheit in
Swinemünde und Neuruppin, wo er das Gymnasium besucht. Später wechselt
er an die Gewerbeschule in Berlin. Darauf folgt seine vom Vater vorgezeichnete
Laufbahn als Apotheker, die ihn 1841 nach Leipzig und ein Jahr darauf nach
Dresden führt. 1848 engagiert er sich auf Seiten des revolutionären
Bürgertums, das entsprechend seiner gewachsenen gesellschaftlichen
Bedeutung mehr demokratische Mitbestimmungsrechte einforderte. Den Sieg auf den
Barrikaden konnten die Revolutionäre allerdings politisch nicht
ummünzen. Am Ende des Jahres hatte der preußische König wieder
die Oberhand gewonnen. 1849 weist Friedrich Wilhelm IV. die ihm von der
Frankfurter Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone zurück. Damit ist
auch die konstitutionell-monarchistische Variante der einst rein republikanisch
angetretenen deutschen nationalen Revolution gescheitert. Im selben Jahr
schlägt Fontanes erster Versuch, als freier Schriftsteller zu leben, fehl.
1850 heiratet er Emilie Rouanet-Kummer, mit der er drei Söhne, George
Emile, Theodor und Friedrich sowie eine Tochter namens Martha hat. Noch im
selben Jahr werden in Preußen das völlig undemokratische
Dreiklassenwahlrecht [2] und eine Verfassung
eingeführt. Von 1852 bis 1855 ist Fontane als Herausgeber, Publizist und
Kritiker in Berlin tätig. Von 1855 bis 1859 hält er sich in England
auf, mit dem offiziellen Auftrag der preussischen Regierung, eine
"Deutsch-Englische Korrespondenz" aufzubauen. Nach der Rückkehr in seine
Heimat Brandenburg bringt ihm sein Werk "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"
das Klischee des "märkischen Dichters"
ein. [3] 1860 folgt der Eintritt in die Redaktion
der konservativ orientierten
“Kreuz-Zeitung”. [4] In jener Dekade
besucht Fontane mehrere der Kriegsschauplätze der deutschen Einigungskriege
[5] in Schleswig-Holstein, Dänemark,
Böhmen und Frankreich, wo er schliesslich verhaftet wird, kurz darauf
jedoch wieder freigelassen wird. 1870 gibt er die Mitarbeit bei der
Kreuz-Zeitung auf und wird Theaterkritiker bei der liberalen Vossischen Zeitung.
Zwei Jahre später, 1872, bezieht er endgültig eine Wohnung in Berlin,
wo er, abgesehen von längeren Reisen, den Rest seines Lebens verbringt. Die
Zeit, zu welcher sich Fontane in Berlin aufhielt, war von einem enormen
industriellen Aufschwung der Stadt geprägt. Am 18.1.1871 wird das Deutsche
Reich nach dem Sieg über Frankreich gegründet und Wilhelm I. in
Versailles als Kaiser proklamiert. Die Führungsperson bleibt
aber Reichskanzler Bismarck. Berlin wird Residenz des Deutschen Kaisers und
Reichshauptstadt, die Einwohnerzahl übersteigt 800.000 und wächst mit
enormem Tempo. Es beginnt der Boom der "Gründerjahre", beschleunigt durch 5
Milliarden Franc "Kriegsschuldzahlungen" Frankreichs. Berlins beispielhafter
Aufschwung läßt es 1883 zur größten Industriestadt auf dem
europäischen Festland aufsteigen. 1876 gibt Fontane seinen Posten als
"Ständiger Sekretär der Königlichen Akademie der Künste" in
Berlin nach drei Monaten auf. Dies bringt eine Ehekrise mit sich. Sein zweiter
Versuch, als Schriftsteller zu arbeiten, gelingt nun.
[6] Im sogenannten "Dreikaiserjahr" 1888: sterben
Wilhelm I. und Friedrich III.. Wilhelm II. übernimmt das Amt des Kaisers.
Aufgrund politischer Differenzen verläßt Reichskanzler Otto v.
Bismarck 1890 die politische Bühne. Fortan prägt Wilhelm II. einen
national-konservativen Politik-, Lebens- und Baustil, der als "Wilhelminismus"
[7] in die Geschichte eingeht. Auch im
kulturellen Bereich strahlte die Reichshauptstadt Dynamik aus. Fontane verfolgt
diesen Generationenwechsel in der Politik kritisch und distanziert sich vom
"Neuen Kurs". Im Jahre 1892 erkrankt er an
Gehirnanämie [8], kann sich jedoch auch dank
seiner Arbeit an autobiographischen Texten erholen. Neben seiner grossen
Schaffensperiode von 1879 - 1887 ist die Zeit von 1890 bis zu seinem Tod im
Alter von 79 Jahren am 20. September 1898 seine zweite schriftstellerisch
produktive Phase.
Fontane vermittelt in seinen Romanen ein kritisches Zeitbild der
preussischen Gesellschaft und gehört zu den grossen Realisten des 19. Jh..
"Der Realismus in der Kunst ist so alt als die Kunst selbst, ja, mehr noch: er
ist die Kunst selbst. Der Realismus will das Wahre, deshalb schliesse er die
Lüge aus; er sei vielmehr die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens,
aller wahren Kräfte und Interessen im Element der Kunst." "In die
Restaurationsepoche hineingeboren, erlebt er die 48er-Revolution und ihr
Scheitern in Berlin, begleitet mit journalistischen Ambitionen die
Einigungskriege, die 1871 zur Errichtung des deutschen Kaiserreichs führen,
und verfolgt kritisch die Tendenzen der Gründerjahre und der zunehmend
imperialistisch orientierten Kaiserzeit. Mit 35 Jahren bekennt er sich zum
Realismus, er steht nach der gescheiterten Revolution vor einem Wendepunkt in
seinem Leben." Fontane zeichnet typische Gestalten vor allem des preussischen
Adels und Bürgertums in ihrem alltäglichen Leben, das von ihrer
gesellschaftlichen Stellung und den geltenden Werten bestimmt wird. Als seine
Meisterwerke gelten "Effi Briest" sowie "Der Stechlin". "Mathilde Möhring"
erscheint erst 1906 aus seinem Nachlass.
- Nacherzählung
1. Mathilde Möhring wohnt zusammen mit ihrer Mutter in
der Georgenstrasse 19, in der Nähe der berühmten Friedrichstrasse in
Berlin. Wirt ihres, sowie vier weiterer Häuser, ist Rechnungsrat Schultze,
der "in der Gründerzeit mit dreihundert
Talern [9] spekuliert und in zwei Jahren ein
Vermögen erworben hatte". Der Familienvater, ehemaliger Buchhalter in einem
Kleiderexportgeschäft, ist vor sieben Jahren im Alter von 40 Jahren
gestorben. Zwei Bemerkungen zu diesem Ereignis prägen Mathilde. Eine stammt
von einem Geistlichen, ihr Inhalt bleibt jedoch unbekannt. Noch stärker
prägen sie die letzten Worte ihres Vaters: "Mathilde, halte dich propper".
Da Möhrings arm sind, müssen sie ein Zimmer ihrer Wohnung vermieten.
An Mathildes 17. Geburtstag erfolgt ein weiteres Erlebnis, welches sie stark
prägt. Ein Kegelspieler bezeichnet sie als Gemmengesicht
[10] und "von diesem Worte lebte sie
seitdem".
2. Ein Student liest das Angebot der Möhrings und mietet
nach kurzer Bedenkzeit. -> S. 7
3. Der neue Mieter heissst Hugo Grossmann und ist Cand. Jur..
Er kommt sehr spät nach Hause und schläft am nächsten Tag bis in
die Mittagsstunden. Hierdurch findet Mathilde ihre Vermutung, dass Hugo sein
Studium nicht ernst nimmt, bestätigt. In einer Diskussion der Möhrings
über den neuen Mieter bemerkt sie kritisch: "Er ist bloss faul und hat kein
Feuer im Leibe." Ihre Mutter hingegen findet, er sei "eigentlich ein sehr
hübscher Mensch".
4. Ein gewisser Hans Rybinski besucht seinen Freund
Grossmann, der, wie wir erfahren, aus Owinsk
[11] stammt. Grossmann`s Mutter und seine
Schwester scheinen ganz im Gegensatz zu Hugo, der viel liest, nichts von Kunst
zu halten, sie zeigen "keine Spur Verständnis für ein Buch oder ein
Bild." Er ist erst kürzlich aus Owinsk zurückgekehrt, wo er seine
Familie besucht hat, um gemeinsam mit ihnen um seinen im Alter von 60 Jahren
verstorben Vater zu trauern. Dieser, ehemaliger Burgemeister von Owinsk, hat
leider nicht das erwartete Vermögen hinterlassen, sondern lediglich eine
Kiste mit unerwartetem Inhalt. -> S.19
Rybinski erzählt seinem Freund stolz, dass er in Schillers Stück
"Die Räuber" als Kosinsky auftreten darf. Vergeblich versucht er, Grossmann
zu überzeugen, den gleichen Weg wie er einzuschlagen, das Studium
aufzugeben und sich in der Kunst zu engagieren. Er wirft ihm Bequemlichkeit und
Schlapperei auf der ganzen Linie vor, selbst in der Liebe.
5. "Die nächsten Tage vergingen ruhig. Am Vormittag
hatte Hugo sein Repetitorium, dann ging er zu Tisch, dann nach Wilmersdorf; am
Abend war er zu Haus, ... , und war alles in allem ein Muster von
Solidität." Allerdings vernachlässigt er sein Studium zugunsten der
Literatur. -> S. 25
Rybinski besucht Hugo erneut und schenkt ihm drei Theaterkarten für
seine Vorstellung, einen Parquetplatz für Hugo und zwei Karten zweiten
Ranges für Möhrings.
Am Tag von Rybinskis Auftritt lässt sich Grossmann den ganzen Tag
nicht sehen, womit er der "Begleitungsfrage klug entgangen war". Während
als auch nach der Vorstellung vermeidet er den Kontakt zu den Möhrings, was
Mathilde beunruhigt. -> S. 32
6. "Thilde beschäftigte sich mit seiner Haltung
während des ganzen Abends und dieser nächtlichen Kneiperei, die ganz
jenseits ihrer Berechnungen lag." Am nächsten Morgen bietet Hugo den
Möhrings Theaterkarten von Rybinski für die nächste Woche an.
Erstmals erfahren wir hier, dass Mathilde einen Plan entwickelt, wir wissen aber
noch nicht, worauf dieser aus ist.
7. Die Aufführung Rybinskis können die
Möhrings und Hugo nicht besuchen, da letzterer an den Masern erkrankt ist.
Mutter Möhring ist wegen der Krankheit ihres Mieters, der nunmehr seit 6
Wochen bei ihnen untergebracht ist, sehr ängstlich, da sie keine Ahnung
hat, was die Masern überhaupt sind. Ihre Tochter hingegen spricht von der
Erkrankung als "einer sehr guten Fügung" und kümmert sich um Hugo
-> S. 38
Der Arzt, welcher Hugo behandelt, macht seinen Patienten auf Mathildes
Qualitäten als Frau aufmerksam. -> S. 39
Während Hugos Rekonvaleszenz liest Thilde ihm vor und kümmert
sich auch sonst sehr zuvorkommend um ihren Untermieter, wodurch sie ihn für
sich gewinnt. -> S. 40/41
8. Eine Woche vor Weihnachten steht für Hugo
schliesslich fest, “dass Thilde die Frau sei, die für ihn passe." Auf
seinen Heiratsantrag antwortet Mathilde zuerst nicht, willigt dann ein,
allerdings unter der Bedingung, dass Hugo keine Rybisnkiwege geht. -> S.
42/43
Als Thilde ihrer Mutter von der Verlobung erzählt, ist diese vor allem
des Geldes wegen geängstigt. Zur Verkündung der Heirat am 24. Dezember
werden ein Vetter Hugos [12], Rybinski samt
seiner Braut "Bella", und Schultze geladen. Ausserdem ist noch die alte Putzfrau
Runtschen, ferner ihre Tochter Ulrike anwesend.
9. Zu diesem Anlass hält Hugos Vetter eine Rede. -> E
S. 47 und 47/48
Am nächsten Morgen besucht die alte Runtschen Frau Leutnant Petermann
und erzählt von der Feier. Ihr ist aufgefallen, dass Hugo nicht recht
zufrieden aussah. Beide finden, dass es mit Hugo "nicht ganz richtig ist."
Thilde verfeinert ihren Plan. -> S. 53
Sie will Hugo eine Woche lang Vergnügungen gewähren und dann "mit
der Prosa herausrücken, unter Hinweis darauf, dass ohne Durchführung
ihres Programms von Glück und Zufriedenheit und überhaupt von einem
Zustandekommen ihrer Ehe gar keine Rede sein könne."
10. In der Flitterwoche spielt sie Hugo vor, sie hätte
auch einen Sinn für die Freude und das süsse Nichtstun. Die beiden
gehen jeden Tag aus und vergnügen sich, wobei die alte Möhring, ausser
bei einem Abendessen mit Rybinski und seiner Braut, immer dabei ist. "Ja, diese
Ferienwoche! Thilde war wie nicht zum Wiedererkennen und schien eine
Verschwenderin geworden." Hugo fällt auf Mathildes Schauspielerei rein.
-> E S.55 Silvester feiern sie zu Hause mit dem Architekten und Ulrike. In
der Silvesternacht sagt Mathilde zu ihrer Mutter: "Wenn ich auch nich viel aus
ihm mache, so viel doch, dass ich ihn heiraten kann und dass ich dir alle Monate
was schicken kann und dass ich einen Titel habe." Am nächsten Morgen
verlässt Hugo das Haus zum ersten Mal seit seiner Krankheit um spazieren zu
gehen. Dabei denkt er über die neuen Entwicklungen nach. -> E S.
63
Mathilde erklärt ihm dann, dass das Vergnügen jetzt vorbei sei,
und das er endlich sein Examen absolvieren müsse, um dann einen Beruf zu
ergreifen und Geld zu verdienen. Um ihm beim Lernen zu helfen will sie ihn jeden
Abend abfragen.
11. So motiviert sie Hugo sehr geschickt, so dass dieser
"mitunter so gut antwortete, dass Thilde ihre helle Freude hatte." und
schliesslich das Referendarsexamen Ende März besteht. Zu Hause angekommen
erzählt er vom Examen, später auch von seiner Heimat Owinsk, die er
jeder Grossstadt vorzieht. Dadurch wird Mathildes Plan bestätigt: "Was
immer in ihr festgestanden hatte, dass Hugo in eine kleine Stadt und nicht in
eine grosse gehöre, das stand ihr jetzt fester denn je." Hugo hat mit
diesem Examen aber erst den ersten Teil des Studiums hinter sich: "Er war nun
Referendar, alles ganz gut, aber nun blieb noch der
Assessor [13]." Vor dem erneuten Repetieren
fürchtet er sich und er überlegt, ob es nicht besser gewesen
wäre, durchzufallen. “Musst es denn grade die Juristerei sein, die so
gar nicht zu ihm passte, weil alles so steif und hölzern war. Rybisnki
lebte doch auch.” Viel lieber wäre er Bahnhofsinspektor,
Schuppeninspizient oder Telegraphist. Entgegen Hugos Befürchtungen zwingt
Thilde ihn allerdings nicht, das Assessor-Examen zu machen. Sie gestattet ihm
eine Pause, liest ihm viel vor und geht jeden Vormittag in die Lesehalle
für Frauen, wo sie Zeitungen liest. Dadurch erwirbt sie eine umfassende
Kenntnis der Politszene, die ihr später noch zugute kommt. Eine Woche
später findet sie eine Annonce für eine
Burgemeisterstelle [14] in Woldenstein
(Westpreussen), worauf sie beschliesst, dass Hugo noch am selben Tag zwecks
eines Vorstellungsgesprächs nach Woldenstein abreisen soll.
12. Am Johannistage [15]
feiern sie die Hochzeit, zu der auch Hugos Mutter und Schwester samt zwei
Cousinen, Rybisnki mit einer neuen Braut und die Schmädicke eingeladen
sind. Noch am selben Abend reisen sie nach Woldenstein ab. "Weil sie aber
vorhatten, die erste Nacht in Küstrin und die zweite Nacht in Bromberg
zuzubringen, so nannten sie diese Fahrt doch ihre Hochzeitsreise." Am 26. Juni
beziehen sie die Burgemeisterwohnung, Hugo tritt die Stelle als Burgemeister am
1. Juli an. Mathilde unterstützt Hugo in seinem Amt enorm, indem sie ihm
diverse Vorschläge macht und ihn bei seiner Tätigkeit stets
berät.
13. Bis auf den eminent wichtigen Landrat sind die meisten
Personen Hugo gutgesinnt. Doch das Verhältnis zwischen Hugo und dem Landrat
bessert sich, als in der "Königsberger Hartungschen Zeitung" ein Lobartikel
auf eben diesen Landrat v. Schmuckern, der Hugo für dessen Autor hält,
anlässlich der bevorstehenden Wahlen erscheint. In Wahrheit hat Thilde den
Artikel eingereicht. [16]
14. -> S. 91 In der Woche zwischen Weihnachten und
Silvester wird kräftig gefeiert. Am Silvesterball knüpft Mathilde
engere Kontakte zum Landrat, indes Hugo sich mit der Landrätin
unterhält. Hugo erkältet sich nach dem Ball und "fiebert furchtbar".
Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, zumal er am nächsten Morgen
mit der Landrätin Schlittschuhlaufen geht, während Thilde eine
Schlittenfahrt mit dem polnischen Grafen Goschin unternimmt. "Er war der
reichste und angesehenste Mann der ganzen Gegend, Original und schon über
siebzig." Da Hugo heftig hustet muss er bald nach Hause. “Als sie
fortwaren, setzte sich der Graf neben die Landrätin und sagte:
“Woldenstein kann sich nach einem neuen Bürgermeister
umsehn.”
15. Der Arzt diagnostiziert eine Lungenentzündung,
erneut wird Thilde zur Krankenpflegerin. Sie erhält zwei Briefe, eine
Vermählungsanzeige Rybinskis mit einer andern Frau und einen von der alten
Möhring. In diesem Brief bedankt sie sich für das Paket von Mathilde
und Hugo. -> S. 100 Sie unterzeichnet den Brief mit "Adele Möhring,
geb. Printz." Thilde`s Mutter weiss von der Krankheit nichts, da ihre Tochter
sie nicht informiert hat, um dem Gejammer der Alten zu entgehen. Sie scheint
trotzdem etwas zu ahnen. -> S. 101 Mathilde misstraut Hugos Genesung Ende
Februar zurecht, denn bald erleidet dieser einen Rückfall, den er nicht
überlebt. -> S. 102 Hugos Tod ist das einzige Ereignis, welches uns
erlaubt, die Erzählung zeitlich einzuordnen, da er in jenen Tagen stirbt,
“als Bismarck ins Wanken kam”, also im Frühjahr 1890.
Daraufhin schreibt Thilde an ihre Mutter von Hugos Tod und versichert ihr,
bald nach Berlin zurückzukehren um für sie zu sorgen. Bis
Jahresschluss erhält sie noch Hugos Gehalt und ab dem 1. April auch die
Witwenpension. Die Stellung als Hausdame, die ihr der Graf Goschin in seinem
Hause angeboten hat, lehnt sie ab.
16. Thilde kommt zu Hause an und unterhält sich mit
ihrer Mutter. Dann “wollte sie nur allein sein und einen Augenblick andre
Gedanken haben.” -> E A. 108/9
17. Sie passt sich wieder in das Kleinbürgerleben ein,
verbringt aber im Gegensatz zu früher den Tag nun alleine und richtet ihr
eigenes Zimmer ein, welches die Möhrings nicht mehr vermieten. -> S.
110
Die Alte sähe ihre Tochter lieber als Hausdame denn als Lehrerin, da
sie auf ein Erbe des alten Grafen hofft. Mit dieser Forderung verlangt sie von
ihrer Tochter quasi die eheliche Prostitution, nur des Geldes wegen. Ausserdem
will sie Thilde wieder verheiraten, was diese aber ablehnt, genau wie die
Forderung, dass diese ihren Mädchennamen wieder aufnimmt. Dies zeigt
deutlich, dass Thilde ihr Leben jetzt in die eigenen Hände nimmt und es
nicht mehr von ihrer Mutter verplanen lässt. Sie besteht ihr Examen
glänzend und tritt am 1. Oktober eine Stelle als Lehrerin an.
- Hauptpersonen
Mathilde Möhring
Über den Namen Mathilde findet sich in Fontanes Roman "Cécile"
folgender Dialog: "Mathilde! Wirklich. Man hört das Schlüsselbund." -
"Und sieht die Speisekammer. Jedesmal, wenn ich den Namen Mathilde rufen
höre, seh ich den Quersack, darin in meiner Mutter Hause die Backpflaumen
hingen. Ja, dergleichen ist mehr als Spielerei, die Namen haben eine
Bedeutung." Mathilde: Gemahlin Heinrichs I., gründete Quedlinburg,
Heilige
-> S.5, S.6
Mathilde hat mehr männliche als weibliche Qualitäten. Sie ist
tüchtig, zielstrebig, praktisch, fleissig, stark, statusbewusst, hat die
männliche Initiative und eine Abneigung gegen das blosse Nichtstun. Ihr
fehlen typisch weibliche Eigenschaften wie Schönheit, Sensibilität,
Emotionalität. Rein äusserlich ist sie eine unscheinbare,
durchschnittliche Person. Zu Beginn scheint sie lediglich brav,
kleinbürgerlich und somit bieder und langweilig zu sein. Im Verlauf der
Jahre wächst sie jedoch eindeutig an den Aufgaben, die sich ihr Stellen.
Zunehmend profitiert sie von ihrer Klugheit, Menschenkenntnis und ihrer
umgänglichen Art, mit der sie viele Personen, egal welchen Standes,
für sich gewinnen kann. Während Hugos Studium wie auch später in
der Ehe hält sie die Fäden in der Hand und trifft die wichtigen
Entscheidungen. Den Wandel vom Mädchen zur gewandten Frau vollzieht
Mathilde in Woldenstein, ausserhalb des hemmenden Einflussbereichs ihrer Mutter.
Sie profitiert vom Kontakt mit anderen Gesellschaftsschichten, erweitert ihren
ehemals enorm eingeengten Horizont einer kleinen Zimmervermieterin und wandelt
sich zur gebildeten Dame der politischen Oberschicht einer Kleinstadt. Hier
bequemt sie sich zu einer gewissen Koketterie und will erstmals auch
“einen gewissen Frauenreiz auf Hugo ausüben”, weshalb sie sich
nun modisch kleidet. Zunehmend gewinnt sie an Autonomie, obwohl sie sich bis zum
Schluss nicht gänzlich von ihrer Mutter lösen kann und lediglich einen
Teilerfolg erzielt, insofern als sie in ein eigenes Zimmer umlogiert.
Mathilde ist eine sehr geduldige Person, die nie die Fassung verliert,
selbst wenn ihre Mutter stets nur ans Geld denkt und sie unter Druck
setzt.
Mathilde hat auch hellseherische Fähigkeiten, insbesondere was Hugo
betrifft. Als sie ihn zum ersten Mal sieht, erfasst sie sofort, dass er ein
"Schlappier ist, und keinen Muck hat." Wenig später kennt sie auch Hugos
Schwäche und weiss, dass dieser sich für sein Studium "nicht sehr
anstrengen wird".
Für Hugo ist sie mehr Mutter denn Ehefrau. Sie kümmert sich um
ihren Zögling, will stets das Beste für ihn, was Hugo aber anscheinend
nicht bekommt. Sie fragt ihn gar nicht nach seinen Plänen, sondern schreibt
ihm vor, was er zu tun hat. Somit nutzt sie seine kindliche Schwäche
für ihre Karriereziele aus. “Denn wenn ich es auch gemacht habe, wenn
er nicht da war, so ging’es nicht.” Ihre Liebe zu Hugo entspricht
aber nicht nur einer Mutterliebe, denn sie hat mit ihm auch eine sexuelle
Beziehung. -> S. 114
Mathilde sagt einmal zu ihrer Mutter: “Das Untre, das Niedre. Daneben
gibt es aber auch was, das ist das Höhere. Und sieh, wer das hat, der kann
auch das Schwache stark machen. Lange vor hält es wohl nich, aber es kommt
doch , es ist doch da.” (60) Hier bezeichnet sie sich selber als das
Höhere (evt. eine Anspielung auf ihren Heiligenstatus), erkennt aber
gleichzeitig, dass ihre Fähigkeiten, Hugo zu stärken, nicht lange
vorhalten werden. Sie will ihm eigentlich helfen, nutzt ihn aber gleichzeitig
für ihre Ziel aus. Letztendlich geht sie zu weit, obwohl sie erkennt, das
Hugo gewisse Grenzen nicht überschreiten kann.
Mutter Möhring
Sie ist die typische Spiessbürgerin. -> S. 13/14 Möhrings
sind relativ arm; ein Setzei und Bratkartoffeln spendieren sie sich nur zu
besonderen Anlässen. Für die alte Möhring gelten Adjektive wie
dick und fett als Schönheitsideale, da sie zeigen, dass “man es
hat”.
Mutter Möhring ist ausgesprochen ängstlich, sie traut ihrer
Tochter nie, was sie durch Phrasen wie "Das läuft so ins Geld" oder "Wo
soll es denn alles herkommen" zum Ausdruck bringt. Stets ist sie auf den
finanziellen Vorteil bedacht und versucht diesen immer im Voraus zu berechnen.
Sie spricht kaum und kann in ernsthaften Gesprächen den Argumenten
Mathildes je älter diese wird, je weniger entgegensetzen, da sie ungebildet
ist. Man könnte sie fast als Analphabetin bezeichnen. -> S. 13
[17] Vom hochnäsigen Lebemann und
Glücksritter Schultze lässt sie sich im Gegensatz zu ihrer Tochter,
die dessen Angeberei durchschaut, täuschen. Sie scheint den Wechsel, der
sich in der Gesellschaft und im Leben vollzogen hat, nicht zu verkraften, denn
sie kapselt sich von den realen Abläufen der Aussenwelt ab und sucht
Zuflucht in der gestrigen Zeit. -> S. 58 Dafür besitzt die alte
Möhring andere, namentlich hellseherische Qualitäten. Stets ahnt sie
das Unglück.
Hugo Grossmann
-> S. 7 Hugo ist vielmehr Frau als Mann. Er ist schön, schwach,
amüsiert sich gerne und ist von schwacher, kränklicher Natur. Hugo
erkrankt an einer Kinderkrankheit, den Masern, er ist kindlich naiv, will es
stets bequem haben und geht den Weg des geringsten Widerstandes. Kurz gesagt: er
ist eine sehr kindliche Person. Kombiniert man nun die beiden plakativen
Eigenschaften seines Charakters, so kommt ein dritter Begriff ins Spiel,
derjenige der Unschuld. Doch in welchem Sinne ist Hugo unschuldig ?
Hugo ist nicht fürs Repetieren, das langweilige Auswendiglernen. Genau
wie sein Vater hat er den Referendarius [18]
gemacht und sich damit begnügt. Denn schon sein Vater hat auf eine
höhere Beamtenlaufbahn, die seine Familie von ihm erwartete, verzichtet.
Durch den Grossteil der Erzählung erscheint er als schwächlicher,
labiler, krankheitsanfälliger Faulenzer, der sich für die schöne
Literatur und die weltlichen Vergnügungen interessiert. Rybinski sagt
einmal zu ihm: "Du hast entschieden mehr vom Siebenschläfer als vom
Landbriefträger." (18) Hugo wirkt in der Erzählung sympathisch, der
Leser erkennt gleichsam wie Mathilde, letztere allerdings erst nach Hugos Tod,
dass man “von den andren, zu denen Hugo gehörte, doch mehr
hat”. Hugo ist nicht konfliktfähig, denn in Diskussionen um wichtige
Fragen kann er ähnlich wie zuvor die alte Möhring Mathildes Argumenten
nichts entgegensetzen. Auch mangelt es ihm an Selbstvertrauen und
Selbstwertgefühl, sicherlich da seine literarischen Werte in der
Gesellschaft, die ihn umgibt, nichts gelten. Aber er hat versteckte Kraft und
ist nicht zu unterschätzen. Denn bei genauerem Lesen fällt auf, das
Hugo als "grosser, breitschultriger und schöner Mann" in die Erzählung
eingeführt wird, später gilt er gar als Muster von Solidität, er
überzeugt die Examinatoren an seiner Prüfung durch seinen Charakter.
Er besteht sein Examen, obwohl er “nur das Notdürftigste gewusst
hatte”, aber “seine Persönlichkeit hatte gesiegt”. Seine
Intelligenz kommt weniger in alltäglichen praktischen Dingen zum Ausdruck,
dafür um so mehr in seinem Interesse für die Literatur. Hugo wirkt in
gewissen Dingen überlegen, was u.a. sein Titel zeigt. Aus dem Burgemeister
Grossmann wird leicht der grosse männliche Meisterbürger. Doch in
welchem Sinne ist Hugo überlegen ?
Das Beamtenleben scheint gegen seine innerste Natur zu sein, er geht an der
bürgerlichen Karriere zugrunde. “Ihm ist bewusst, dass er zur Gruppe
der Dekadenten gehört, die das Leben aus eigener Kraft nicht meistern
können. Sie sind – wie später Hanno Buddenbrook in Thomas Manns
grossem Roman – zur Kunst befähigt und taugen nicht zum
Überleben in einer Welt, in der es auf Examina ankommt und in der man sich
gesellschaftlich und politisch durchkämpfen muss.” Dem
bürgerlichen Alltag, den er fürchtet, entrinnt er mittels der
Lektüre von Calderons “Das Leben ein Traum”
[19]: in seiner Woldensteiner Zeit ist er stets
“wie im Traum”. Zuletzt hat er erkannt, dass Thilde ihm in der
Flitterwoche nur etwas vorgespielt hat und gar nicht fürs Vergnügen
ist. Die Erkenntnis, dass Mathilde ihn getäuscht und für ihre Zwecke
missbraucht hat, raubt ihm die letzte Kraft.
Hans Rybinski
Hans ist Hugos “alter ego”, denn er macht all das, was Hugo
auch gerne tun möchte, sich aber nicht dazu durchringen kann. Er
verkörpert die Kultur, die Kunst, die Ästhetik. Einen eindeutigen
Hinweis auf diese Sphäre macht auch der Name seiner ersten Freundin
"Bella". Er hat ein erfülltes Leben als Künstler, als Kosinsky ist er
er selbst.
(Die alte Runtschen) Einäugig,
hässlich und alt gleicht sie einer Hexe vor der sich Hugo fürchtet.
Ihr Erkennungszeichen ist der
Kiepenhut[20]. Einmal
sagt sie über sich selber: “Runtsch war schwarz, und ich erst recht;
sie sagten immer die “Schwarze”; es muss aber doch so Bestimmung
gewesen sein.” )
4. Autobiographische Elemente
Es ist zu berücksichtigen, dass "Mathilde Möhring" der letzte
Roman Fontanes ist. Dieses in 17 Kapitel gegliederte Werk scheint viele Elemente
früherer Werke zu kombinieren und enthält zu grossen Teilen
autobiographische Elemente, auf die Fontane am Ende seines Lebens noch einmal
zurückblickt. Fontane hat in diesem Werk viele der Probleme, die sich ihm
im Laufe seines Lebens gestellt haben, noch einmal rückblickend analysiert
und literarisch verwertet.
Hugo Grossmann’s Konflikte kennt Fontane selber sehr gut. Als er 1876
seinen Posten als "Ständiger Sekretär der Königlichen Akademie
der Künste" aufgibt, gerät er in eine ähnliche Situation wie
Hugo. Seine Frau verzeiht ihm den Rücktritt von dieser Stellung nie mehr,
da diese eine gesicherte finanzielle Zukunft garantiert hätte. Fontane
rechtfertigt die Kündigung dieser Stelle in einem Brief an Mathilde von
Rohr (man beachte den NAMEN !!!) wie folgt: "Man kann nicht gegen seine innerste
Natur und in jedes Menschen Herz gibt es ein Etwas, das sich, wo es mal
Abneigung empfindet, weder beschwichtigen noch überwinden lässt". Die
Beamtenlaufbahn ist also weder für Grossmann noch für Fontane ein
geeigneter Berufsweg. Der Unterschied ist allerdings, dass Hugo diesen Weg
trotzdem geht und daran stirbt. Fontane hingegen hat rechtzeitig seinen Beruf
gewechselt und ist Schriftsteller geworden. Seine Frau scheint auch eher an die
finanziellen Vorteile zu denken, eine Eigenschaft, welche auch Mathilde
hat.
Ich denke, dass Mathilde mit ihrem gebildeten Satz: "In der Kunst
entscheidet die Reinheit der Linie." Recht hat. Eine literarisch interessierte
Person sollte sich voll und ganz der Literatur widmen, ein normaler Bürger
sollte den bürgerlichen Karriereweg einschlagen. Rybinski und Schultze sind
erfolgreich, der eine als Künstler, der andere als Rechnungsrat, weil sie
in ihrem Beruf Erfüllung finden.
- Leitmotive
Vieles
passiert an religiösen Daten. Mathildes Vater stirbt am
Palmsonnabend [21], einen Tag vor Mathildes
Einsegnung. Am 24. Dezember wird Hugos und Mathildes Verlobung bekanntgegeben.
Hugo stirbt am zweiten Ostertag und wird am dritten Osterfeiertag begraben. Dies
ist sehr unwahrscheinlich, hier ist Fontane wie auch bei der Namensgebung der
Personen nicht mehr Realist, sondern Symbolist. Die Wahl der Daten könnte
auf den archetypischen Charakter der Erzählung hindeuten. Auch die Namen
haben eine Bedeutung. Ein Beispiel: Der Landrat vermutet in Mathildes Mutter
eine Adlige. Kann es da Zufall sein, dass diese den Brief an ihre Tochter mit
"Adele Möhring, geb. Printz" zeichnet. Als Hugo schwer krank wird, sind
erstaunlich viele Ärzte um ihn besorgt. Ein Doktor Birnbaum (37), ein
Doktor Bolle [22] (40) und schliesslich ein
Doktor Stubbe (49). Auch bei den Pastoren scheint der Zufall zugeschlagen zu
haben, sie heissen Neuschmidt, Messerschmidt und Hartleben. Bezeichnenderweise
hält Pastor Hartleben die Rede zur Hochzeit. Schliesslich ist es Prediger
Lämmel, der die Rede zu Hugos Begräbnis hält.
Das Talent des Vaters als Buchhalter scheint sowohl auf seine Frau wie auch
auf Mathilde, die beide gute Rechnerinnen sind, abgefärbt zu haben. Selbst
die ansonsten ungebildete Mutter scheint zumindest mit Zahlen umgehen zu
können. -> S. 36 Das Rechnen scheint durchwegs als das
Charaktermerkmal des Kleinbürgertums, wie auch die skeptische,
ängstliche Grundeinstellung. So rechnen auch die alte Runtschen und ihre
Tochter Ulrike ferner die Schmädicke stets ihren Vorteil aus.
Ein weiteres Leitmotiv ist das Profil Mathildes, welches sie schöner
erscheinen lässt, als sie wirklich ist. -> S. 6
Auch die Zweifel sind ein Leitmotiv, das ganze Buch ist voll von
skeptischen Äusserungen. Die Spannung basiert fast ausschliesslich darauf,
ob sich diese Bedenken bestätigen werden oder nicht.
- Themen
Der Roman
behandelt viele sehr wichtige Themen, wie Klugheit, Weiblichkeit, Ehe, Politik
und Erfolg. Eines der Hauptthemen ist das Verhältnis zwischen Mann und
Frau. Was eigentlich ist Männlichkeit bzw. Weiblichkeit ? Welches sind die
Qualitäten der Frau, welche die des Mannes ? Wie sind die Geschlechter
innerhalb der Gesellschaft berücksichtigt ? Zwingt die Gesellschaft die
Geschlechter in Rollen, die den Eigenarten des jeweiligen Geschlechts
zuwiderlaufen ? Diese und viele weitere Fragen werden anhand Mathildes und Hugos
thematisiert. "Mathilde Möhring" ist auch als gesellschaftskritischer Roman
zu lesen. Fontane als Analytiker einer Gesellschaftsschicht zeigt uns das
Kleinbürgertum und dessen typische Problemfelder. Die gehobenen Kreise
erscheinen nur am Rande. Trotzdem lebt der Roman von der Spannung zwischen
gesellschaftlich ungleichen Partnern. Mathilde versucht durch die Ehe "dem
tristen Dasein einer Zimmerwirtin zu entrinnen und zu Wohlhabenheit
aufzusteigen." Ihr gelingt es, die Schranken des Kleinbürgertums zu
überschreiten. Gleichzeitig schildert der Roman die Entwicklung mehrerer
Persönlichkeiten, hauptsächlich diejenige der Hauptperson Mathilde
Möhring.
- Erzählweise
Fontane
erzählt hauptsächlich personal. -> S. 11 Oft bekommt der Text auch
dramatischen Charakter, da viele Gespräche, meist in Form der Dialoge,
wiedergegeben werden. "Der Schwerpunkt der Darstellung liegt nicht auf dem
Hergang der Begebenheiten, sondern auf deren Reflexion im Medium des
Gesprächs." Fontane ist nicht der Erzähler, welcher den Leser an der
Hand durch die gesamte Erzählung führt. Er hält sich diskret im
Hintergrund, zeigt dem Leser banale Situationen in der Alltagswelt des
Kleinbürgertums, und überlässt ihm die Denkarbeit.
Fontane gilt als "Meister der Mitteldistanz", d.h. er ist als Erzähler
nahe genug am Geschehen, um Details noch zu erkennen und gleichzeitig weit genug
entfernt, um den Überblick zu behalten. Zur Untermauerung dieser These ein
Vergleich zwischen dem Bb und MM: -> Anfang Birnbaum -> S. 6
MM
Neben der normalen Erzählung mit den Dialogen kommen auch
Repräsentanten anderer Gattungen vor. Dies sind zum einen zwei
Zeitungsartikel [23], zum anderen zwei Briefe
[24].
Fontane bleibt seinem realistischen Stil fast durchwegs treu. -> 11/12
Doch wirken diese Stellen zu sehr aufgesetzt, ja sie unterbrechen fast den
eigentlichen Erzählfluss.
Wie im "Birnbaum" ist das Wetter symbolisch für die Handlung. Am
Wetter kann man genau ablesen, was bald passieren wird. Rein
erzähltechnisch unterstützt es die Stimmung in der Erzählung.
-> S. 42 (auch 94/109/24, insbesondere den Mond beachten !)
Die Erzählzeit ist das Präteritum; lediglich auf der letzten
Seite wechselt sie ins Präsens. Dieser Schluss gibt "den im Roman
dargestellten Tendenzen und Problemen den Charakter der Unabgeschlossenheit und
überlässt sie einer Entwicklung, über die der Erzähler nicht
mehr verfügt."
(Ein lustiges Detail sind die grammatikalischen
Auswahlsendungen Fontanes, wenn er überflüssige Elemente in eckige
Klammern setzt. Bsp.: S. 14)
- Stimmung
Die Stimmung
der Erzählung ist sehr schwer in Worten zu fassen. Ich würde sie als
eigenartig und merkwürdig bezeichnen. Durchwegs liegt eine gewisse Spannung
in der Luft, etwas Unbekanntes scheint im Hintergrund zu warten, doch der
erwartete Knalleffekt bleibt gänzlich aus.
- Persönliche
Meinung
"Mathilde Möhring" ist ein sehr
interessanter, relativ unbekannter, Roman, der sehr viel hergibt und an dem man
bei jeder wiederholten Lektüre neues entdecken kann.
[1] Diese hatten sich in
Brandenburg niedergelassen, weil sie Ludwig XIV. im katholischen Frankreich
nicht mehr duldete. Der Kurfürst bot ihnen daraufhin die Aufnahme in
Brandenburg an und sicherte ihnen Vergünstigungen zu.
[2] Nach der
revisionistischen neuen Berliner Stadtverfassung sind von 427.000 Einwohnern nur
noch 21.000 wahlberechtigt.
[3] Der vom Stadtbaurat
ausgearbeitete "Bebauungsplan von den Umgebungen Berlins" beschleunigt 1862 die
Bodenspekulation und den Mietskasernenbau auch in den an das erweiterte Berlin
angrenzenden, schnell wachsenden Siedlungen. Die "Schöneberger
Millionenbauern" werden sprichwörtlich für plötzlich entstandenen
Reichtum aus Ackerlandverkäufen zu Bauinvestoren.
[4] 1866 wird der
"Norddeutsche Bund" gegründet; dieser kurzlebigen bundesstaatlichen
Vereinigung von 22 Mittel- und Kleinstaaten sowie Freien Städten
nördlich der Mainlinie dient Berlin als Hauptstadt.
[5] dänischer Krieg
1864, deutscher Krieg 1866 gegen Österreich, der für Preußen zu
riesigen Gebietsgewinnen dank dem Nikolsburger Frieden führt,
deutsch-französischer Krieg 1870/71.
[6] 1877 beginnt eine
Einwanderungswelle aus dem armen Oberschlesien.
[7]
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 1895, Berliner Dom
[9] 1876 wird die Reichsbank gegründet
sowie die reichseinheitliche Währung "Mark" eingeführt.
[10] Halbedelstein mit vertieft
eingeschnittener Verzierung, Intaglio -> Gemsengesicht
[12] “ein sonderbares altes Genie,
das zwischen Maurerpolier und Architekt stand"
[13] Anwärter auf die höhere
Beamtenlaufbahn nach dem Staatsexamen
[14] "Gehalt 3000 Mark bei freier Wohnung
und einigen andern Emolumenten."
[15] Johannes dem Täufer heiliger
Tag, 24. Juni
[16] Sie hat einen Artikel eines
Unbekannten für ihre Zwecke überarbeitet.
[17] hält Masern für eine
tödliche Erkrankung, spricht von Billettern
[18] Anwärter auf die Beamtenlaufbahn
nach der ersten Staatsprüfung
[19] Calderon de la Barca (17.1.1600
– 25.5.1681), span. Dramatiker (über 120 Dramen)
[20] dem Kapotthut ähnlicher Hut,
kleiner, unter dem Kinn gebundener Damenhut
[21] Sonnabend vor Ostern
[23] 1. die Annonce für die
Burgemeisterstelle 2. der Lobartikel auf den Landrat
[24] 1. Mutter an Mathilde 2. Thilde
schreibt ihrer Mutter von Hugos Tod
|