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Mörike, Eduard (1804-1875)
Eduard Mörike
Ein Referat von Marlen Raach und Dirk Spardella.
Grundkurs Deutsch in Jgst. 12
Inhalt
Der Biedermeier
An die Epoche der Romantik schließt sich die des Biedermeiers an, die
sich von 1815 bis 1848 erstreckt. Die kulturelle und literarisch tragende
Schicht des Biedermeiers war das Bürgertum.
Nachdem das Bürgertum nun nach dem Wiener Kongreß wieder das
Gefühl genoß, in einer festen Ordnung zu leben, sehnte es sich nach
Zurückgezogenheit und Privatleben.
Die Biedermeierkultur baute auf Heimatverbundenheit,
Traditionsbewußtsein und auf patriarchalische Ordnung in Staat und
Familie.
Als die Ideale des Biedermeiers galten Genügsamkeit, Erfüllung
der Pflicht, Fleiß und Hingabe an eine Arbeit, die um ihrer selbst und
nicht um des Gewinns willen getan wurde.
Die Gefahren des Biedermeiers lagen im Hang zum Quietismus (weltabgewandte
Lebenshaltung in völliger Ruhe des Gemüts), zur Hypochondrie
(krankhafte Schwermut, Trübsinn) und zum Weg des geringsten
Widerstandes.
Wie in der Romantik waren auch im Biedermeier Gefühl und
Phantasie stark ausgeprägt, man versuchte jedoch Phantasie und
Wirklichkeit zu vereinen.
Für die Dichter des Biedermeiers gingen vor allem in der Natur
Wirklichkeit und Ideal in eins auf.
Im Biedermeier gab es keine Zentren der biedermeierlichen Kultur, da die
meisten Dichter verstreut und abgeschieden voneinander, zumeist in Schwaben oder
Österreich lebten.
Zu den wichtigsten Dichterinnen und Dichtern der damaligen Zeit gehört
neben Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), Franz Grillparzer
(1791-1872), Karl Immermann (1796-1840) und Adalbert Stifter (1805-1868)
auch
Eduard Mörike (1804-1875), auf den wir
nun näher eingehen werden:
Seine Eltern waren Charlotte (1771-1841) und Karl Mörike (1763-1817).
Aus dieser glücklichen Ehe gingen nicht weniger als 13 Kinder hervor, wobei
viele schon bei der Geburt starben. Als siebtes Kind wurde Eduard Friedrich am
8. September 1804 in Ludwigsburg geboren.
Eduard Mörike hatte eine sehr starke Bindung an seine Familie.
Der Vater war aufgrund seines äußerst geschäftsvollen Amtes als
Stadt- und Amtsarztes selten zu Hause. Die Mutter war jedoch stets für die
Kinder ansprechbar. Mörikes verbundenes Gefühl unbedingter Sympathie,
Zärtlichkeit und Fürsorge richtete sich aber besonders an seinen
älteren Bruder Karl (1797-1848).
In einer Darstellung würdigte Mörike auch seine jüngere
Schwester Klara (1816-1903) und betont diese Zusammengehörigkeit in einem
Brief an seinen Freund:
"Du begreifst gar nicht, welchen Einfluß jene auf mich ausübt,
und wie wir uns von ferne verstehen; ja sie hilft mir oft, ohne es nur zu
wissen, dem Verständnis meiner selbst auf die Spur."
Mörike wurde älter, und man machte sich Gedanken über seine
Zukunft. Der Vater wünschte nicht, daß ein Sohn seinen Beruf
ergreifen sollte. Für Mörike wurde daher ein Beruf ausgewählt,
der sich dem geistlichen Stande widmete. So mußte er im Frühjahr 1811
als sechsjähriger Junge auf die Lateinschule nach Ludwigsburg, um
dort die besten Voraussetzungen zu erlangen.
Doch in Mörikes Kindheit trat ein Ereignis ein, das leider für
seinen weiteren Lebensweg eine große Bedeutung hatte. Das Oberhaupt der
Familie und der alleinige Ernährer erlitt einen Schlaganfall. Nach
langjährigem Siechtum starb Mörikes Vater im September 1817.
Eduard Mörike selbst war zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt.
Obwohl dieser Verlust ein herber Schlag für die Familie war, wurde sie
doch von den verschiedensten Seiten tatkräftig unterstützt. Der Onkel,
Obertribunalrat Friedrich Eberhard von Gorgii, erklärte sich bereit, den
jungen Mörike in seinen Haushalt aufzunehmen. Von dort aus konnte Eduard
Mörike das Stuttgarter "Gymnasium illustre" besuchen. Er wurde dort
allerdings nur ein Jahr lang unterrichtet, da er ab Ostern 1818 in der damals
neuerrichteten Klosterschule in Urach aufgenommen wurde. Die dort
herrschenden Erziehungsmethoden waren ziemlich rüde. Nach strikten Regeln
und einem äußerst konservativen Muster mußte gelebt werden.
Mörike konnte dies nicht ertragen, er war ständig
unzufrieden.
Seine schulischen Leistungen verschlechterten sich daher rapide, seine
Lehrer beklagten sich über Lustlosigkeit und zu wenig persönliches
Interesse für die Schulbildung. Vieleher begeisterte sich Mörike
für die wunderschöne Landschaft um Urach herum. Genauso gerne
schloß er Freundschaften und pflegte sie sowohl mit persönlichen
Besuchen als auch durch regen Briefwechsel. Schon vor der Uracher Zeit hatte
Mörike Klärchen Neuffer, eine gleichaltrige Cousine bei
Besuchen kennengelernt und sie liebgewonnen. Es entwickelte sich eine
vorübergehende kindliche Liebe, deren Idylle von hinreißender
Liebenswürdigkeit in verschiedenen Gedichten erzählt wird
("Nächtliche Fahrt", "Erinnerungen").
Während der Uracher Klosterschulzeit befreundete Eduard Mörike
sich auch mit einigen Gleichaltrigen. So verstand er sich besonders gut mit
Wilhelm Hartlaub, der ihm sein ganzes Leben lang treu und
zuverlässig zur Seite stand. Ebenso nennenswert wäre Wilhelm
Waiblinger, ein vielversprechender junger Dichter. Ihm hat Mörike es zu
verdanken, daß er angeregt wurde, Goethes Lyrik und die Literatur anderer
großer Schriftsteller zu studieren (Schiller, Shakespeare, Hölderlin,
Klopstock).
Im Hebst 1822, nach vierjähriger Schulzeit in Urach, begann für
Eduard Mörike im Alter von 18 Jahren die dritte Etappe, ja gewiß die
prägendste, in seiner Erziehung zum württembergischen Landpfarrer: Das
Theologiestudium in Tübingen. Seine Leistungen waren wieder
mangelhaft. Vorschriften beachtete er kaum, was letztendlich dazu führte,
daß er viele verhängnisvolle Strafen auf sich nehmen mußte.
Mörike beeindruckte dies wenig. Er ging mit einem neuen Freund Ludwig
Amandus Bauer spazieren , zog sich mit ihm in ruhige Winkel zurück.
Dann flüchteten sich die zwei Freunde in ein erdichtetes Land der
Sehnsucht, dem sie den Namen "Orplid" gaben.
Sie stellten sich eine traumhafte Insel vor, die sie in ihrer Phantasie mit
Göttinnen und Göttern, Elfen und Kobolden bevölkerten. Sie
träumten, dichteten und lebten in dieser Phantasiewelt, die für sie
"zum Sinnbild für die Sehnsucht nach Weite, Geheimnis und Abenteuer, nach
paradiesischer Ursprünglichkeit" wurde. Genau diese Orplid-Dichtungen
tauchen dann später in einigen Werken Mörikes wieder
auf.
Gesang Weylas
Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.
Als Mörike in den Osterferien 1823 bei einem Freund zu Gast war,
lernte er die zwei Jahre ältere Maria Meyer kennen. Sie taucht in
Mörikes Gedichten als "Peregrina", in seinem Roman "Maler Nolten"
als "Elisabeth" auf. Ihre ungewöhnliche Schönheit, ihre Anmut und ihr
geheimnisvolles Gehabe faszinierten Mörike. Nach den Ferien wurden
leidenschaftlich Briefe gewechselt. Doch Mörike war unsicher. Diese
Liebe erlebt er als schicksalshafte, als erotische Verlockung und somit
als Gefährdung für sich selbst. Aus diesem Grund hatte Mörike
auch wahrscheinlich ein erneutes Wiedersehen auf Wunsch Marias
abgelehnt.
Den erst Neunzehnjährigen traf dies trotzdem sehr hart. Er war
verwirrt, tief verstört und verzweifelt, was sich in seiner Dichtung zu
dieser Zeit widerspiegelte. Hinzu kam noch, daß einer seiner
Brüder mit 17 Jahren starb. Dies verstärkte natürlich noch
seine traurige Situation. Nach vierjähriger Tübinger Zeit beendete
Mörike sein Studium im Oktober 1826 mit dem theologischen
Abschlußexamen.
Mit dem Verlassen des Tübinger Stifts begann für Mörike die
"Vikariatsknechtschaft", die in seinem Fall acht Jahre andauerte. Eine
stellvertretende Amtsausübung als Pfarrgehilfe war ziemlich
demütigend. Er verweilte in verschiedenen Gemeinden, hatte sowohl
längere als auch kürzere Aufenthalte. Teilweise hatte Mörike
große Zweifel an seinem Beruf, bedingt auch durch die höchst
unzufriedene Lage der Vikariatsknechtschaft. Doch nach einiger Zeit konnte er
die Zweifel ausräumen, er fand wieder Spaß an seiner Arbeit. Trotzdem
mußte Mörike aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes
um kurzzeitige Beurlaubung bitten. In dieser Erholungspause kam in Mörike
der Wunsch auf, freier Schriftsteller zu werden, um so seinen
Lebensunterhalt verdienen zu können. Er hatte das Glück, sich bei
einem Stuttgarter Verlag verpflichten zu dürfen. Dort sollte er für
eine Zeitung Beiträge liefern. Doch leider scheiterte Mörike, da er
das Schreiben als Zwang ansah und sich furchtbar unter Druck gesetzt
fühlte. So kehrte Mörike im Februar 1829 reumütig als nun nicht
mehr ganz unbekannter Dichter in sein Amt als Pfarrgehilfe zurück.
Sogleich am ersten Tag in seiner neuen Gemeinde lernte Eduard Mörike
die Frau kennen, mit der er sich kurze Zeit später verlobte: die damals
22-jährige Luise Rau. Nach den unglücklichen Erfahrungen mit
Klärchen Neuffer und Maria Meyer schöpfte Mörike nun neuen Mut
und sah im Traum seine Verlobte bereits als Ehefrau.
Mörike wurde jedoch bald wieder an einen anderen Standort versetzt.
Aber mit der Aussicht auf Ehe wechselte man Briefe mit einer Vielzahl von
Liebeserklärungen. Es entstanden die schön-sten Gedichte
("Verborgenheit"). Mörike widmete sich in dieser Zeit vollständig
seinem Amte und fand darin seine Genugtuung. In stiller Abgeschiedenheit
verfaßte er seinen einzigen Roman "Maler Nolten" und schrieb weitere
Gedichte. Gelegentlich beschäftigte er sich auch mit Goethes Werken. Ende
1833 kam es zur Auflösung der Verlobung mit Luise Rau. Man
trennte sich aus Gründen, die nicht genauer nachvollziehbar sind. Seien es
die Vorwürfe von Lieblosigkeit und Untreue, Verdächtigungen oder
Mißverständnisse, die im Roman erwähnten problematischen Seiten
des Dichters, man weiß die genauen Gründe nicht. Gewiß ist,
daß eine nicht enden wollende berufliche Misere ebenfalls zu einer
völlig zerrütteten Verfassung Mörikes führte.
Er schrieb: "Ich bin seit Wochen wie ein gehetztes Wild, unstet, fast
heimatlos, uneins mit mir selbst und möchte mein Schicksal mit
Füßen treten."
Nach langen Jahren des Wartens und den beschwerlichen Wechseln von Gemeinde
zu Gemeinde als Pfarrgehilfe wurde Mörike als 30-jähriger in die
Pfarrei nach Cleversulzbach (in der Nähe von Heilbronn) berufen. Er
durfte dort ein stattliches und geräu-miges Pfarrhaus mit schönem
Garten in Besitz nehmen, wohnte darin mit seiner Mutter und Schwester
Klärchen. Die Gemeinde zählte 600-700 Einwohner. Mörike erhoffte
sich wenig Belastung durch Amtsgeschäfte, ja er erwartete sogar viel Zeit
für sich selbst und seine Dichtungen. Diese Wünsche erwiesen sich
allerdings als utopisch. Daher empfand Mörike die Amtspflicht als eine
ständig drückende Mühsal, die viel zu viel Kraft von ihm verlangt
hätte. Besonders haßte er das Predigenmüssen.
Mörike, ein ruhiger und sensibler Mensch, war es gewohnt, seine Gedanken
niederzuschreiben.
Er behielt seine Gefühle meist bei sich, konnte kaum darüber
sprechen. Seine große Fähigkeit war es, sprachlich Einwandfreies
niederzukritzeln. Doch eine Predigt vor einer Gemeinde vorzu-tragen, erwies sich
für Mörike als eine äußerst schwierige Aufgabe. In dieser
Zeit war er psychisch sehr angeschlagen, und die Schwierigkeiten und Probleme im
Amt machten sich außerdem in vielen Krankheiten bemerkbar. Hinzu kam noch,
daß Mörikes Mutter im April 1841 im Alter von 70 Jahren
überraschend an einer Brustfell-entzündung starb. Mörike war
stark erschüttert und außer sich, da er ja mit seiner Mutter immer
besonders verbunden war. Dieser schwere Verlust und der labile
Gesundheitszustand führten dazu, daß Mörike im Juni 1843 einen
Brief an den König Wilhelm I. von Württemberg schrieb und darin um
vorzeitige Entlassung aus seinem Amt bat. Dem damals erst 39-jährigen wurde
die Versetzung in den Ruhestand unter dem Vorbehalt einer Wiedereinstellung bei
Genesung genehmigt. Ohne jegliche beruf-liche Verpflichtungen konnte der doch
meist rüstige Pensionär seinen Herzensangelegenheiten nachgehen. So
pflegte er literarische Verbindungen, verkehrte mit hochrangigen Musikern oder
Schriftstellern (zum Beispiel mit Justinus Kerner oder Ludwig
Uhland), ließ sich von Theaterstücken beeindrucken oder nahm
Einladungen an. Des weiteren zog Mörike sich auch gerne zurück und
las, schrieb oder zeichnete.
Trotz der Ruhe und Idylle in Cleversulzbach war ihm die Politik nicht
gleichgültig, was wir aus zahlreichen Briefen erfahren, in denen er sich
zum politischen Geschehen äußerte. Mörike war jedoch nicht der
Typ Mensch, der sich lautstark und aktiv für etwas einsetzte. Er
kritisierte die von ihm geschätzten Dichter, die die Poesie mit der Politik
verbanden. Für Mörike gab es nur die eine "wahre Poesie", "die zu sich
selbst befreite Poesie", in der die Politik und das Weltgeschehen nichts zu tun
hatten.
Das Pfarrhaus von Cleversulzbach wurde verlassen, die Geschwister
Mörike, Klärchen und Eduard, fanden nach zweimaligem Standortwechsel
in Bad Mergentheim (südlich von Würzburg) ein dauerndes
Quartier. Das Leben an der Grenze des Existenzminimums ließ aber nur eine
bescheidene Wohnung im Hause des Oberstleutnants von Speeth zu, die man im April
1845 bezog. Mit dem Wohnortwechsel trat eine weitere Hauptperson in Mörikes
Leben. Er empfand eine große Zuneigung für die Tochter seines
Vermieters: Margarethe Speeth, damals 27 Jahre alt.
Nach einer jahrelangen schwierigen Dreiergemeinschaft mit Margarethe
und Mörikes Schwester Klärchen faßte Mörike endlich den
tollkühnen Entschluß zur Heirat. Obwohl Eduard Mörike von vielen
Seiten gewarnt worden war, fand die Hochzeit am 25. November 1851
zwischen dem 47-jährigen pensionierten Pfarrer und der 32-jährigen
Margarethe Speeth statt. Schwere persönliche Verluste, wie der Tod von
guten Freunden oder Bekannten (1846 Ludwig Bauer, Tod des Schwiegervaters), die
ewige Geldnot, die zur größten Sparsamkeit aufrief und die damit
verbundene Sorge um das Nötigste waren ein nie ganz abzuschüttelndes
Elend für Mörike.
Daher hatte sich Mörike schon vor seiner Heirat um die Sicherung der
materiellen Lage bemüht. Im Herbst 1851 fand er als Literaturlehrer am
Königlichen Katharinen-stift in Stuttgart eine feste Anstellung. Im
gleichen Jahr bezogen die Neuvermählten zusammen mit Klara an Mörikes
Arbeitsplatz, in Stuttgart, eine Wohnung.
Die Eheschließung und die Lehrtätigkeit bewirkten, daß
Mörike seine psychische Krise überwinden konnte. Sein Selbstvertrauen
wurde sogar beträchtlich gestärkt. Der Wechsel in die Residenz-stadt
mit ihren vielfältigen musikalischen und literarischen Anregungen gaben
Mörike ebenfalls neuen Schwung und weckten seine dichterische
Produktivität aufs neue.
So erschien auch im Mai 1853 das Märchen "Das Stuttgarter
Hutzelmännlein".
Das zunächst noch ungetrübte Eheglück zwischen Margarethe
und Eduard Mörike erreichte einen Höhepunkt, als die Töchter
Fanny (1855) und Marie (1857) geboren wurden. In den folgenden
Jahren, geprägt von einem idyllischen Familienleben, entstanden viele
"versus familiares". Darunter verstand man Verse, die Mörike sowohl an
Verwandte als auch an Bekannte verschickte. Er versandte kurze Verse voller
Dankbarkeit an diesen und jenen. Ja, Mörike verfaßte sogar im Namen
anderer Verse für besondere Anlässe (Bsp. Geburtstage, Namenstage).
In diesen Versen, aber auch in den meisten Gedichten wird Mörikes
Hang zum Musikalischen deutlich. Daß er ein begeisterter
Musikliebhaber war, ist aus seinen Aufzeichnungen ersichtlich, so schrieb er im
Februar 1822:
"Da versink ich in die wehmütigsten Phantasien, wo ich die ganze Welt
küssend voll Liebe umfassen möchte, wo mir a l l e s in einem andern
verklärten Licht erscheint. Wenn die Musik dann abbricht, möcht ich in
meiner Empfindung von einer hohen Mauer herabstürzen, möcht sterben
..."
Seine Verehrung von Mozart und speziell dessen Werk "Don Giovanni"
veranlaßte Mörike, als eine Huldigung an das Genie 1855 die Novelle
"Mozart auf der Reise nach Prag" zu verfassen.
Aufgrund hervorragender Leistungen in seinen Werken, besonders in denen der
Lyrik, wurde Mörike schon bei Lebzeiten gewürdigt. (Oftmals war es
früher der Fall, daß Personen erst nach dem Tod geehrt oder
berühmt wurden.) Mörike wurde allerdings 1852 von der Philosophischen
Fakultät der Universität Tübingen zum Ehrendoktor ernannt. 1856
bekam Mörike den Professorentitel und 1864 wurde er mit dem Ritterkreuz
Erster Klasse des württembergischen Friedrich-Ordens ausgezeichnet.
Anfang der siebziger Jahre häuften sich jedoch die Spannungen und
Zerwürfnisse in der Ehe. Mörike war mit Margarethe nicht
glücklicher als mit seinen vorherigen Geliebten. Er war
harmoniebedürftig und sehnte sich nach einer vollkommenen Ehe als Einheit
ohne Meinungsverschiedenheiten. Diese Wünsche gingen jedoch nicht in
Erfüllung. Ein weiterer, vielleicht ja sogar der ausschlaggebende Grund
für die Trennung nach 22 Jahren Ehe mag auch die unzertrennliche
Lebens- und Liebesgemeinschaft der Geschwister Mörike gewesen sein. Nach
quälenden Auseinandersetzungen gingen Margarethe und Eduard Mörike
ohne regelrechte Scheidung im Herbst 1873 auseinander. Mörike
flüchtete mit seiner Schwester Klärchen und der jüngeren Tochter
Marie nach Fellbach bei Waiblingen, wo er ein ganz zurückgezogenes
Leben führte.
Im Alter produzierte Mörike nur noch wenig. Er arbeitete an einer
zweiten Fassung seines Romans "Maler Nolten", konnte dieses Werk aber nicht mehr
zum Abschluß bringen.
Die Lehrverpflichtungen am Katharinenstift waren längst zur
drückenden Last Mörikes geworden. Daher bat er im Alter von 62 Jahren
(im November 1866) um Entlassung und wurde dann in allen Ehren und unter
Weiterbezahlung des vollen Gehalts verabschiedet.
In Mörikes letzten Lebensjahren reiste er nochmals viel herum. Er
pflegte Freundschaften durch Aufenthalte bei Bekannten oder Verwandten.
Im Frühjahr 1875 wurde Mörike im Alter von 71 Jahren
bettlägerig. Seine Schwester Klärchen war es, die Mörikes
schwere Krankheit überwachte. Auf Wunsch Mörikes ließ sie auch
seine Frau Margarethe ans Krankenbett rufen, um sich wieder mit ihr zu
versöhnen. Am 4. Juni 1875 verschickte die Schwester dann folgende
Worte:
"Diesen Morgen um acht Uhr verschied sanft, fast unmerklich, aber nach
qualvollen Schmerzen, die die ganze Nacht andauerten, unser geliebter Eduard.
..."
Mörikes Werke bestanden hauptsächlich aus lyrischen Dichtungen.
Liebend gerne behandelte er darin die "Natur", die er in einer engen
Beziehung zum Menschen sah. Oftmals redet das lyrische Ich die Natur an, fordert
sie auf, bittet oder beschwört sie. Die Natur wiederum trägt
menschliche Züge, wird personifiziert.
"Der Frühling ist ein Jüngling, die Nacht eine Mutter, Wald und
Wiesen träumen, die Sonne springt auf von ihrem nächtlichen Lager und
fliegt über den Himmel ..."
Die wechselnden Naturbeschreibungen seiner Gedichte stehen als Metaphern
für Stimmungen und Gefühle des lyrischen Ichs: Trauer, Glück und
Sehnsucht. Genauso spielten Mörikes damalige Liebesbeziehungen eine
große Rolle. So wirkten sich sowohl geglückte Beziehungen als auch
Erinnerungen an die kurz zurückliegende Trennung von der Geliebten auf die
Dichtungen aus.
Gleichermaßen war Mörike bestrebt, Dinge möglichst objektiv
zu beschreiben, deren Ferne von den Menschen, Fremd- und Abgeschlossenheit er
beklagte.
Zu dem Unverwechselbaren aber, das Mörikes Gedichte auszeichnet,
gehört die Musikalität.
Daher fühlte sich Mörike besonders zur Form des Volksliedes und
der Ballade hingezogen. Dabei wird die Vielseitigkeit und die Gewandtheit
Mörikes deutlich. Nach einer bestimmten Reimordnung und nach festen
Versformen wurde gedichtet, durch eine zusätzliche Verwendung einer
vorgeschriebenen strophischen Ordnung entstanden künstlerisch vollendete
Werke.
Mit der Veröffentlichung von Mörikes bekanntester Erzählung
"Maler Nolten" gelang es ihm eigentlich zum ersten Mal, enge, regionale Grenzen
zwar nicht zu sprengen, wohl aber auszuweiten.
Mörikes "Maler Nolten" (1832) ist ein Roman mit verwirrender
Handlung:
"Der Maler Nolten vergißt bei der Gräfin Konstanze seine
Verlobte Agnes, von der er sich betrogen glaubt. Unterdessen führt der
Schauspieler Larkens den Briefwechsel heimlich im Namen seines Freundes fort, um
die durch die Intrige einer Zigeunerin verleumdete Agnes für Nolten zu
erhalten. Am Ende gibt sich Larkens aus Lebens-überdruß den Tod.
Agnes tötet sich in geistiger Umnachtung, nachdem ihr Nolten die
gutgemeinte List seines Freundes verriet. Die Zigeunerin Elisabeth wird tot
aufge-funden. Nolten stirbt entkräftet vom Kummer, und die Gräfin
überlebt das Unheil nur wenige Monate."
Genauso trug das 21 Jahre später erschienene Märchen
"Das Stuttgarter Hutzelmännlein" zur
Vergrößerung seines Bekanntheitsgrades bei:
Es handelt von einem Schustergesellen, der beschließt, auf
Wanderschaft zu gehen. Vor seiner Abreise erscheint der Schusterkobold, das
Hutzelmännlein, und übergibt ihm einen nachwachsenden Laib Brot und
zwei Paar Glücksschuhe, von denen er eines selbst tragen solle. Als
Gegenleistung müsse der Schustergeselle ein besonderes "Klötzlein
Blei" mitbringen.
Auf der Reise ist allerdings des Gesellen Glück nie vollkommen, da er
versehentlich die Schuhe der Glückspaare verwechselt hat. Am Ende trifft
der Schustergeselle dann das Mädchen, das die anderen Schuhe trägt,
und sie verloben sich.
Sowohl in Mörikes Gedichten als auch in diesen zwei erwähnten
Prosastücken wird deutlich, daß indirekt Wünsche und
Sehnsüchte Mörikes zum Ausdruck kommen. Gerade weil Mörike ein so
ruhiger, in sich gekehrter Mensch war, der in seiner Enge glücklich und
heimisch sich zeigte, kann man fast behaupten, daß er in seinen Werken
eigene Erlebnisse mit einfließen ließ. Ja es tauchen sogar Motive
seines Lebens auf, die Szenen in seinen Werken zugrunde liegen. Indem
Mörike sie niederschrieb, konnte er so die negativen Ereignisse
verarbeiten.
Nach Mörikes Tod kam
zunächst kein neues oder gesteigertes Interesse an seinen Werken auf.
Zahlreiche Veröffentlichungen halfen nur ein wenig, Mörikes Namen zu
verbreiten. Selbst Ausstellungen in den Jahren 1965 und 1975
anläßlich Mörikes Todestag brachten nicht den vollständigen
Durchbruch. Erst in den achtziger Jahren unseres Jahrhunderts trat langsam ein
Wandel ein, der dazu beitrug, daß Mörike und seine Werke eine
Anerkennung und Würdigung erlangen, die ihnen auch gebühren.
Marlen Kristin Raach Dirk Spardella
- Eduard Mörike, Briefe. Hg. von Friedrich Seebaß. Tübingen
1939. Seite 29.
- Reclam. Eduard Mörike Gedichte. Bernhard Zeller. Stuttgart 1994. Seite
157.
- Reclam. Eduard Mörike Gedichte. Bernhard Zeller. Stuttgart 1994. Seite
52. Gesang Weylas.
- rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971.
Seite 95.
- rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971.
Seite 21.
- rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971.
Seite 80.
- rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971.
Seite 80.
- rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971.
Seite 156.
- Klett Lektürehilfen. Lyrik: Eduard Mörike. Hartmut Müller.
Stuttgart 1995. Seite 62
- Reclam. Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Kurt Rothmann. Stuttgart
1985. Seite 158f.
- Reclam. Kleine Geschichte der deutschen
Literatur. Kurt Rothmann. Stuttgart 1985.
- rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon
Holthusen. Hamburg 1971.
- Reclam. Eduard Mörike Gedichte. Bernhard
Zeller. Stuttgart 1994.
- Heyne Biographien. Eduard Mörike, ein
romantischer Dichter. Benno von Wiese. München 1978.
- Insel Taschenbuch. Mörike: Alte, unnennbare
Tage... Hermann Hesse. Frankfurt 1978.
- Klett Lektürehilfen. Lyrik: Eduard
Mörike. Hartmut Müller. Stuttgart 1995.
- Klett Literaturreisen. Mörike in Schwaben.
Hartmut Müller. Stuttgart 1991.
- Sammlung Metzler. Band 237. Eduard Mörike.
Birgit Mayer. Stuttgart 1987.
- Schmidt. Deutsche Dichter der Romantik. Benno von
Wiese. Berlin 1971.
- Hugendubel. Biedermeiers Glück und Ende.
Hans Ottomeyer. München 1987.
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