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Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame
Buchbesprechung
“Der Besuch
der alten Dame”
Friedrich Dürrenmatt
“Der Besuch der alten Dame”
FRIEDRICH DüRRENMATT
Autor
Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen, Bern,
geboren. Er kam aus einer ziemlich einfachen Familie. Sein Vater war
protestantischer Pfarrer, seine Mutter Hausfrau. Ulrich Dürrenmatt, sein
Großvater, war Redakteur einer Zeitung und Verfasser satirischer Gedichte.
Von 1933 bis 1935 besuchte Dürrenmatt die Sekundarschule im Nachbardorf
Großhöchstetten. 1935 zog seine Familie nach Bern um. Er war
zunächst Schüler am freien Gymnasium, zweieinhalb Jahre später
wechselte er in das Humboldtianum.
Maturität: Studium 1941/42 Literatur und Philosophie in Bern, 1942/43
Philosophie in Zürich, 1943 - 1945 Philosophie in Bern. Studien über
Kant, Aristoteles, Plato, Kierkegaard. Ein besonderes Interesse hatte er
für G.E. Lessing.
1943 machte er erste schriftstellerische Versuche. Drei Jahre später,
im Jahre 1946, heiratet er die Schauspielerin Lotti Geißler.
1950 schrieb Dürrenmatt seinen ersten Kriminalroman: Der Richter und
sein Henker
Ein Jahr darauf entstand der zweite Kriminalroman von Dürrenmatt: Der
Verdacht.
Die erste Dürrenmatt Aufführung in einer anderen Sprache, Les
Fous de Dieu (Es steht geschrieben), fand 1952 im Pariser
Thèâtre des Mathurins statt.
1968 Beginn der Theaterarbeit in Basel. Im April 69 erkrankte
Dürrenmatt und Differenzen mit der Direktion störten die Basler
Theaterarbeit. Von November 69 bis Jänner 70 machte Friedrich
Dürrenmatt eine große Anzahl von Reisen in die verschiedensten
Länder.
Im Dezember 1980 Werkausgabe in 30 Bänden, Diogenes Verlag
Zürich. 1981 feierte Friedrich Dürrenmatt seinen 60. Geburtstag. Am
16.Jänner 1983 starb seine Frau Lotti und am 20. März bekam er den
Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. 1984
heiratet er die Filmemacherin, Schauspielerin und Journalistin Charlotte
Kerr.
1990 verschenkt Friedrich Dürrenmatt seinen literarischen
Nachlaß an die Schweiz. Turmbau-Stoffe IV - IX
Mit 69 Jahren, am 14.Dezember, starb Friedrich Dürrenmatt an einem
Herzinfarkt in Neuchâtel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise im In- und
Ausland.
Die wichtigsten Romane:
- Der Richter und sein Henker (1952)
- Grieche sucht Griechin (1955)
- Die Panne (1956)
- Das Versprechen (1958)
Inhaltsangabe
In Güllen, einer heruntergekommenen und wirtschaftlich
erbärmlichen Kleinstadt in der Schweiz, erwartet man einen hohen Gast. Die
als wohltätig bekannte Multimilliardärin Zachanassian will ihrer
Heimatgemeinde einen Besuch abstatten. Ein Jugendfreund, namens Alfred III, soll
Klara Wächter, der frühere Name der Dame bevor sie einen armenischen
Ölbaron heiratete, zu einer großzügigen Spende zugunsten der
Stadt überreden. Nach dem improvisierten, armseligen Empfang durch den
Bürgermeister werden der Milliardärin Arzt und Lehrer vorgestellt,
bevor sie von ihren Dienern in einen Sänfte in die Stadt getragen wird.
Während Unmengen von Koffern, die mitsamt einem schwarzen Panther und einem
Sarg ins Hotel geschafft werden, führen Alfred und Zachanassian im
Konradsweilerwald ein Gespräch. Alfred behauptet, sie damals vor 45 Jahren
nur deshalb nicht geheiratet zu haben, weil er sie geliebt habe. Nur weil sie
wegen ihm Güllen verlassen habe, sei sie heute so reich, und führe
keine solch erbärmliche Existenz wie er. Nach ihrer Rückkehr hält
der freudestrahlende Bürgermeister eine Rede im einzigen Gasthaus, dem
Goldenen Apostel. Zachanassian verspricht, scheinbar gerührt, Güllen
eine Milliarde zu schenken; aber nur unter einer Bedingung: Sie will
Gerechtigkeit. Ihr Butler Boby, der ehemalige Oberrichter, tritt vor und
erklärt: Alfred III habe im Jahr 1910 eine Vaterschaftsklage von Klara
Wächter nur dadurch verhindert, daß er zwei Zeugen bestochen habe, zu
seinen Gunsten auszusagen. Er führt die beiden herein. Sie sind entmannt
und geblendet. Die Bedingung der Milliardärin lautet: Eine Milliarde
dafür, daß jemand Alfred III tötet. Am Ende des ersten Aktes
lehnt der Bürgermeister entsetzt ihr Angebot ab, sie aber antwortet
gelassen, daß sie abwarte.
Alfred III ist sich der Unterstützung seiner Mitbürger sicher und
denkt nur an Solidarität gemäß dem Motto “Einer für
alle, alle für einen”, wenn in seinem Laden plötzlich
Schokolade, besserer Schnaps und teurerer Tabak verlangt und auf Kredit verkauft
wird. Als auf einmal alle neue Schuhe tragen, wird er mißtrauisch. Er geht
zur Polizei und verlangt die Verhaftung der Milliardärin wegen Anstiftung
zum Mord, doch der Polizist, aus dessen Mund ein neuer Goldzahn bleckt,
erklärt seine Befürchtungen für unbegründet. Der
Bürgermeister nimmt gerade eine neue Schreibmaschine in Empfang, als Alfred
ihn aufsucht. Auch dieser erklärt, daß seine Furcht unnötig sei,
obwohl man durchaus den Standpunkt der Dame verstehen könne, die er ins
Elend gestürzt habe. Da der schwarze Panther der Milliardärin
ausgebrochen ist, schleicht die gesamte männliche Bevölkerung
Güllens mit Gewehren herum. Alfred hat nun Angst um sein Leben und flieht
zum Pfarrer in die Sakristei, doch als er auch dort das Läuten einer
zweiten neuen Glocke vernimmt, bestürmt ihn der Gottesmann, die
Güllener nicht durch sein Bleiben in Versuchung zu führen. Alfred
beschließt zu fliehen; auf dem Weg zum Bahnhof aber schließen sich
ihm mehr und mehr Bürger an, um sich von ihm zu
“verabschieden”, wie sie vorgeben. Alfred wird immer unruhiger, als
sich die Menschenmenge um ihn schart. Sobald der Zug eintrifft, befällt
Alfred die Angst, daß man ihn am Einsteigen hindern wolle. Keineswegs sei
das der Fall, wird ihm versichert. Der Zug fährt ab, III bricht zusammen,
bedeckt sein Gesicht und wimmert, daß er verloren sei. Der Vorhang des
zweiten Aktes fällt.
Der Arzt und der Lehrer suchen noch einmal die Milliardärin auf und
schlagen ihr ein Geschäft vor. Sie müsse keine Milliarde verschenken,
um Güllen zu retten; kaufe sie die Wagenwerke und die Platz-an-der-Sonne
Hütte, sei beiden Seiten gedient, ohne daß Blut fließe. Doch da
ihr alles bereits seit Jahren gehört, ist auch diese letzte Alternative
unmöglich geworden. Zachanassian heiratet im Dom zu Güllen ihren
bereits IX. Ehemann. Dementsprechend viele Journalisten und Reporter sind
gekommen. Die Bevölkerung, die sich zusehends in immer größere
Schulden stürzt, ist bemüht der Presse den Handel um Alfred , den sie
nun offen verachtet und für das “namenlose Unglück von
Klara” verantwortlich macht, vorzuenthalten. Dennoch bekommen zwei
Pressemänner Wind von Alfreds einstiger Beziehung zu Zachanassian und
platzen in seinen Laden. Doch Alfred schweigt - und bringt den Lehrer, den
einzigen der noch um Menschlichkeit und Wahrheit bemüht ist, zum Schweigen.
Er hat die Furcht abgelegt, ist sich seiner Schuld bewußt und hat sich mit
seinem Schicksal abgefunden. Der Bürgermeister teilt Alfred mit, daß
eine Gemeindeversammlung über ihn abgehalten werde. Da das Fernsehen
zugegen sein werde, stimme man der Form halber über eine Stiftung, in
Wirklichkeit aber über ihn ab. Alfred III erklärt sich mit jedem
Urteil einverstanden, lehnt es aber ab, sich, wie vom Bürgermeister
vorgeschlagen, selbst zu richten. Ein letztes Mal trifft er Klara im
Konradsweilerwald. Sie sprechen über ihr gemeinsames Kind, das im Alter von
einem Jahr, gestorben ist, nachdem sich Alfred aus der Verantwortung gezogen
hat. Da er um seinen nahen Tod weiß, eröffnet ihm seine einstige
Geliebte, daß sie für ihn ein Mausoleum auf Capri errichtet hat, in
das sie ihn bringen wird. Die Versammlung wird eine perfekte Inszenierung
für Radio und Fernsehen; die Abstimmung verläuft einstimmig. Die
Presse wird in ein Restaurant gelotst, die Türen des Versammlungssaales
verschlossen. Die Güllener bilden eine Gasse und ermorden gemeinsam den
Unglücklichen, als er diese entlangschreitet. Den Reportern erklärt
man: Tod durch Freude. Während man Alfred endlich in den so lange leer
gebliebenen Sarg legt, wird der Scheck überreicht.
Stoff
Die Moral hat sich seit dem Ende des Grauens des Zweiten Weltkrieges nicht
wesentlich verändert und trägt noch immer dasselbe Gesicht. Die
Menschen sind käuflich, manipulierbar, Gerechtigkeit ist eine Ware,
für die man bezahlen muß. Dürrenmatt versucht mit Satire und
Kritik die Gesellschaft wachzurütteln; er macht aufmerksam auf die
Gefährdung durch jene Mächte, die sich der Mensch selbst geschaffen
hat. Tatsache ist, daß in der vom Krieg verschont gebliebenen Schweiz, die
dadurch die Entwicklung zur Wohlstandsgesellschaft schneller und rapider
durchmachte als ihre Nachbarländer, viel früher offensichtlich wurde,
daß Fortschritt zugleich auch Zerstörung bedeutete. Dürrenmatt
reagiert mit diesem Stück kritisch auf die allgemeine Entwicklung der
westlichen Welt.
Thema
- Die unumschränkte Macht des Geldes in der heutigen, materialistisch
eingestellten Gesellschaft, sowie die Macht und Verführung desselben.
- Die Geschichte des schuldigen Alfred III, der dazu gelangt, seine Schuld zu
erkennen
und zu sühnen.
Ort der Handlung
Das Stück spielt in Güllen, einer Kleinstadt irgendwo in
Mitteleuropa, zumindest wenn man Dürrenmatts Anmerkung Glauben schenken
darf; Kritiker und Verfasser von Sekundärliteratur sind sich dagegen einig,
daß dieses “Irgendwo” nur die Schweiz sein kann. Der Name
Güllen leitet sich vom im landwirtschaftlichen Bereich gebrauchten Wort
“Gülle” für Jauche ab.
Klara Wächter alias Claire Zachanassian
Klara (lat. clarus = hell, berühmt), die Tochter des Baumeisters
Gottfried Wächter, hatte 45 Jahre vor der Gegenwart der Handlung des
Stückes eine Liebesaffäre mit Alfred III. Sie wird schwanger und klagt
ihn in einem Vaterschaftsprozeß, doch er entzieht sich seiner
Verantwortung. Sie muß gedemütigt Güllen verlassen und verkommt
zur Dirne in einem Hamburger Bordell. Dort fand sie der armenische
Ölmilliardär Zachanassian und machte sie zu seiner Frau und Erbin.
Anfangs sehen die Güllener in ihr eine Wohltäterin, die
Spitäler, Kirchen und Kinderkrippen spendet, deren hilfreiche Millionen
ihnen sicher sind, so sie nur alles geschickt und psychologisch inszenieren.
Doch Zachanassian enttäuscht alle auf Egoismus und Eigennutz gebauten
Illusionen; sie bringt nicht Güte, sie will Rache. In allen Komplimenten
und Reden erkennt sie die Lüge sofort und stellt sie ungeniert, auch auf
ihre Kosten, richtig. Nach Auto- und Flugzeugunfall verstümmelt, scheint
sie nur noch aus Prothesen zu bestehen, was sie einem Kunstmenschen, einer
gefühllosen Maschine ähnlich macht.
Sie steht gewissermaßen über den Dingen und ist durch ihr Wirken
fähig, andere Menschen zu Fall oder zur Erfüllung ihrer Wünsche
zu bringen.
Alfred Ill
Er ist der Krämer der Stadt und anfangs ganz gleich im Wesen, wie
seine Güllener Mitbürger. Durch seine einstige Beziehung zu Klara
Wächter traut man ihm am ehesten zu, der Heimatstadt die Millionen zu
holen. Seiner Schuld ist er sich nicht mehr bewußt; er glaubt, das Leben
hätte sie von selbst getilgt. Anfangs überschätzt er sich
maßlos, nimmt geschmeichelt das Lob der Freunde auf, und glaubt durch
Verfälschen der Vergangenheit und Mitleidheischen für seine Existenz,
von Zachanassian eine großzügige Spende für Güllen zu
erhalten, die er dann als seinen alleinigen Verdienst hinstellen könnte.
Doch er wird nur all zu bald von der Vergangenheit, die durch die Figur des
anklagenden Oberrichter Hofers alias Butler Boby dargestellt wird, eingeholt.
Das ist der Augenblick, von dem an, einer Gegenbewegung gleich, die
Güllener in Unmoral versinken, während Alfred zum “Gewinn seiner
Seele” aufsteigt. Als er sich, von wachsendem Mißtrauen beunruhigt,
an die Mächtigen des Ortes wendet, beginnt bereits seine Isolation, denn er
wird von jedem enttäuscht. Fast unmerklich schlägt die Jagd auf den
entlaufenen Panther der Milliardärin, in eine Hatz auf ihn um. Als Alfred
am Ende des 2. Aktes nach seinem zum Scheitern verurteilten Fluchtversuch
zusammenbricht, erfährt sein Schicksal eine Wende. Tagelang von Angst
gequält, erkennt er seine Schuld - und ist bereit seinen Tod als Sühne
zu akzeptieren.
Von da an läuft das Handeln der Güllener als auch jenes Alfreds
unweigerlich auf diesen Endpunkt hin. Das Ergebnis ist zwar dasselbe, die Wege
sind verschieden. Er lehnt den Selbstmord ab und erreicht durch die
Gewißheit seines Todes Größe, denn gleichzeitig mit seiner
physischen Vernichtung erreicht er eine moralische Persönlichkeit, die man
dem Krämer nie zugetraut hätte. Sein Sterben ist “sinnvoll und
sinnlos” zugleich meint Dürrenmatt, “sinnvoll im mythischen
Reich, aber nicht in Güllen, nicht in der Gegenwart. Zwar stirbt der
Krämer als tapferer Mensch, dennoch zeigt sich aber auch hier das
Mißverhältnis zwischen begangener Schuld und zu leistender
Sühne, das charakteristisch für die früheren Werke
Dürrenmatts ist; denn Alfred hat durch sein elendes Leben, als seine im
Stich gelassene Geliebte bereits Multimillionärin war, schon längst
gebüßt. Ein Kritiker meinte dazu sinngemäß: “Die
Verbindung zwischen dem sadistisch-rachsüchtigen Gott und der
Gesellschaftskritik macht die Figur des Alfred Ill aus. Deshalb ist er die am
schwersten zugängliche Gestalt.”
Der Bürgermeister
Er repräsentiert die Stadt und verfügt über eine
unbestreitbare Autorität. Er gibt die Anweisungen für das
Begrüßungszeremoniell; für dessen Untergehen im Lärm des
abfahrenden Zuges kann er nichts. Wenige Fakten aus der Biographie Klara
Wächters genügen ihm, um eine schönfärberische Rede zu
halten. Daß er dabei die Tatsachen ins Gegenteil verkehrt und von der
Milliardärin auch drauf hingewiesen wird stört den Selbstdarsteller
herzlich wenig. Die Figur des Bürgermeisters ist ebensowenig böse, wie
die der andern Güllener, doch auch sie ist schwach. An ihm vollzieht sich
exemplarische eine Wandlung und Wendung. Als er am Ende des 1. Aktes pathetisch
ausruft: “Lieber bleiben wir arm, denn blutbefleckt”, meint er dies
genauso ehrlich, wie er mit dem Vorschlag zum Selbstmord an Alfred herantritt.
Bei der Inszenierung des Urteils über Alfred wirkt er als Moderator
für die Presse; es gipfelt in der verlogenen Diagnose: “Todes aus
Freude”.
Der Polizist
Den ausführenden Arm der Gesetze repräsentiert in Güllen
der Polizist, in dessen Auftreten sich sowohl Anmaßung und Ergebenheit
widerspiegeln. Einerseits versichert er der Milliardärin treuherzig,
daß er manches Mal ein, wenn es sein müsse, auch zwei Augen
zudrücke, andererseits erwartet Wachmeister Hahncke, daß die
Mitbürger seine, ihm von der Uniform verliehene Autorität, anerkennen.
Seinen großen Auftritt hat der Wachmeister, als ihn der verzweifelte
Alfred aufsucht. Er tut aber die offensichtliche Anstiftung zum Mord als
nebensächliche Schrulle ab, die jeder rationalen Begründung entbehrt;
gleichzeitig zeigt sich aber auch bei ihm der neuerworbene Wohlstand in Form
eines Goldzahnes und im Genuß Pilsener Bieres. Im Vergleich zum
Bürgermeister steht er auf einer niedrigeren sozialen Stufe; das zeigt sich
nicht zuletzt in seiner militärisch abgehackten Sprechweise und seinem
Ausdruck (“Erheben Sie sich, Alfred Ill”
→ “Steh auf, du
Schwein.”).
Der Arzt
Güllens Arzt, Doktor Nüßlin, besitzt das einzige Auto der
Stadt. Sein Gesicht weist Mensurnarben auf; er selbst lehnte aus Verbundenheit
zu seinem Heimatort einen Lehrauftrag an der Universität zu Erlangen ab.
Zusammen mit dem Lehrer unternimmt er einen erfolglosen Versuch, die
Milliardärin zum Einlenken zu bringen. Danach wird auch er zum
Mittäter und trägt mit der Diagnose einer falschen Todesursache sein
Scherflein zum Güllener Mordkollektiv bei.
Der Pfarrer
Für den Geistlichen stehen offensichtlich nichtssagende,
religiöse Formeln im Vordergrund, nicht der Mensch zählt für ihn.
Als der Bürgermeister von Zachanassian als einziger Hoffnung spricht,
fügt er pflichtbewußt hinzu “außer Gott”. Auch als
Alfred voller Entsetzen in seiner Sakristei Schutz sucht, meint er nur:
“Positiv, nur positiv, was Sie durchmachen.”. Das Erklingen einer
neuen Glocke macht klar, daß auch der Pfarrer seinen Teil vom in Aussicht
stehenden Wohlstand in Anspruch genommen hat. Doch noch einmal flammt ein Funke
echten Christentums auf (“Es tönt die Glocke des Verrats. Flieh,
führe uns nicht in Versuchung, indem du bleibst”), ehe auch er sich
den Mördern anschließt und dem Delinquenten kurz vor seiner Ermordung
noch durch nichtssagende Phrasen Trost spenden will, den dieser freilich von
ihm nicht mehr nötig hat.
Der Lehrer
Der Direktor des Güllener Gymnasiums übertrifft mit seiner
Präsenz die der anderen Würdenträger. Ähnlich wie der Arzt
lehnte auch er eine bessere Stellung ab und nahm auch am Bestreben teil, die
Meinung der Milliardärin zu ändern. Von ihm, einem Humanisten und
Altsprachler, Verehrer Platons, stammen auch die Bezeichnungen der Medea und
Moire Klotho für Zachanassian. Er widersteht der Versuchung des
großen Geldes am längsten und versucht Alfred zu helfen, was Kritiker
zu der Feststellung brachte, er sei der einzig gute Mensch in diesem Stück.
Alkoholisiert, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, hat er seinen
großen Auftritt in Alfreds Laden: Fest entschlossen, der nahenden Presse
die Wahrheit zu erzählen (“auch wenn die Armut ewig währen
sollte.”), muß er von den Kunden und selbst Alfreds Familie
zurückgehalten werden. Wieder nüchtern bekennt er seine Seelennot und
weiß, daß auch er am unvermeidlichen Mord nicht unschuldig sein
wird. So ist es dann auch; vor den Kameras und Mikrophonen der Presse gibt er
mit seiner blendenden Rhetorik dem Mord einen moralischen Untergrund, so
hält er doch noch seine ihm zuvor verwehrte Rede - diesmal aber
sarkastischerweise unter verkehrtem Vorzeichen.
Die gewöhnliche Bevölkerung Güllens
Die im Personenzeichen aufscheinenden Bürger Eins bis Vier müssen
als “dramaturgische Mehrzweckwaffe” herhalten. Zum einen verwendet
sie Dürrenmatt, um Bäume, Rehe und ähnliches darzustellen
(gemäß dem Brechtschen) epischen Theater, zum anderen
individualisiert er sie in beschränktem Maße. Der erste
verkörpert beispielsweise den Metzger Hofbauer, der zweite zeitweilig den
arbeitslosen Helmesberger; ebenso wie Alfreds Frau Mathilde, Sohn Karl, Tochter
Ottilie, der Maler, Fräulein Luise mit dem lockeren Lebenswandel und zwei
Kundinnen des Illschen Krämerladens sind auch sie, wie bereits
erwähnt, nicht böse, nur schwach. Wie alle nimmt die Gier von ihnen
Besitz, ihr Wohlstand wächst und am Schluß stehen sie in Frack und
Abendkleid mit in der Mördergasse und bewähren sich als brave
Chorleute am Ende des Spiels.
Die Vertreter der Presse
Sie bezeichnet Dürrenmatt als die “Lästigen”; durch
die Hochzeit der Milliardärin kommen sie scharenweise nach Güllen, auf
der steten Suche nach neuen Stories. Die in ihrer Doppelbödigkeit makabere
Schlußversammlung im “Goldenen Apostel” wird nur für sie,
die Vertreter des Fernsehens und Hörfunks, in dieser Medienwirksamkeit
inszeniert. Als “größtes soziales Experiment der Epoche”
sehen sie die Versammlung; die gesamte Verlogenheit dieser Szenerie wird auch
dadurch zum Ausdruck gebracht, daß die Begründung des Urteils
wiederholt werden muß (beim ersten Mal streikte die Beleuchtung)
Erzählform & Erzählperspektive
“Der Besuch der alten Dame” ist ein Drama. Doch Friedrich
Dürrenmatt unterscheidet sehr genau zwischen Theater und Literatur, welche
“zwei gänzlich verschiedene Welten” sind; hier ist also immer
von der vom Autor als dichtere Fassung gebilligten Version die Rede. In seinem
dramatischen Werk setzt Dürrenmatt gekonnt die Stilmittel des epischen
Theaters ein.
Das Werk ist in drei Akte gegliedert und in äußerlicher Hinsicht
befinden sich die Bauelemente in der klassischen Abfolge des aristotelischen
Dramas. Im ersten Akt werden in der Exposition die Personen und der Ort der
Handlung vorgestellt; am Schluß steht das erregenden Moment, das
Milliardenangebot, das schon auf einen künftigen Konflikt hindeutet. Im
zweiten Akt spitzt sich der Konflikt zu, die Güllener stürzen sich in
Schulden, während Alfred bereits Schlimmes ahnt. Im dritten Akt erfolgt der
Wendepunkt/die Wende. Nach dem mißlungenen Geschäft zwischen dem
Lehrer und Zachanassian gibt es für Alfred keine Rettung mehr. Nachdem die
grundsätzliche Entscheidung über die Lösung des Konflikts
(Alfreds Tod) gefallen ist, wird die Handlung mit dem Gespräch zwischen
Alfred und Klara im Konradsweilerwald kurz verzögert, ehe sie auf die
Katastrophe zusteuert. Der Höhepunkt der Anteilnahme des Publikums, der
mediengerecht inszenierte Mord soll zur Reinigung führen, die allerdings -
hier weicht Dürrenmatt von Aristoteles ab - ausbleibt. Zu dieser beinahe
klassischen Form fügt Dürrenmatt die Elemente des epischen Theaters:
Vier Güllener Bürger spielen Bäume und Rehe, die Umbauten
erfolgen grundsätzlich auf offener Bühne, sowie verfremdete
Sprachmodelle, wie zum Beispiel beim scheinheiligen Schlußchor.
Trotz der komplizierten Dramaturgie des Stückes, geben die drei
wesentliche Eckpfeiler, Antike, Christentum und Politik, diesem Struktur.
Für die Antike steht die Gestalt der rachsüchtigen Medea in Form von
Claire Zachanassian, Alfred Ill verkörpert eine weltliche Passionsfigur und
das Mordkollektiv steht für die hier wenig schmeichelhaft beschriebene
Politik. Jeder dieser Handlungsträger steht im Zentrum je eines Aktes.
Im ersten Akt weiß Zachanassian um die Verlockung ihres allzu
verführerischen Angebots, sie kann die Dinge sich entwickeln lassen:
“Ich warte ab”.
Der zweite Akt, im Zeichen Alfreds, endet mit dessen schauerlicher
Erkenntnis “Ich bin verloren”.
Den letzten Akt, die Güllener haben nun endlichen erhalten, was sie
wollten, beschließen sie scheinheilig im Chorgebet “Damit wir das
Glückliche glücklich genießen”.
Wirkung & Wertung
Die packende Wirkung des “Besuchs der alten Dame” kommt vor
allem durch die langsame Veränderung. Wie eine Seuche greift die Gier nach
Geld und die Bereitschaft zu Mord um sich, scheint jeden zu erfassen und keiner,
auch nicht der Lehrer, der ihm am längsten widersteht, gefeit ist.
Verständnis
Im allgemeinen ist das Buch sehr verständlich geschrieben und leicht
zu lesen.
Verwendete Literatur
Der Besuch der alten Dame, von Friedrich Dürrenmatt, Diogenes
Verlag
Königs Erläuterungen und Materialien zu Friedrich
Dürrenmatt, C. Bange Verlag
Neues Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dt
Verlag
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