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Iwan der Schreckliche
Iwan, der
Schreckliche
1. Wer war Iwan?
Im Jahre 1547 setzte der Metropolit von Rußland die
kaiserliche Krone Iwan IV. auf, einem 17jahrigen Jüngling, der bereits
angefangen hatte, sich jenen Namen zu verdienen, unter dem er in der Geschichte
bekannt ist: Iwan, der Schreckliche. Klug und weitsichtig, in der Heiligen
Schrift bewandert und nach außen hin fromm, war er launenhaft wie nur je
ein Wahnsinniger, der auf dem Thron gesessen hat. Ständig den Namen Gottes
auf den Lippen befahl er für viele Tausende den Martertod, wobei es ihm
Vergnügen bereitete, besondere Foltermethoden zu ersinnen und dem
Todeskampf der Opfer zuzuschauen. Waren sie jedoch tot, schickte er Listen mit
ihren Namen in die Klöster, damit für ihre Seelen gebetet werde. Eben
noch ruhig und vernünftig, konnte er im nächsten Augenblick in einem
Wutausbruch die Hinrichtung eines Elefanten befehlen, weil er nicht vor ihm
hatte niederknien wollen. Hatte er gerade ein Blutbad unter seinen Untertanen
angerichtet, brachte er es fertig, auf die Vorhaltungen des Metropoliten mit
einem von Selbstmitleid erfüllten Seufzer zu antworten, auf den Kirchenmann
zu weisen, der außer sich war vor Empörung, und zu sagen: “Sieh
wie meine Freunde und Nachbarn sich gegen mich empören und Böses gegen
mich im Schilde führen.” (1)
2. Jugend in Angst
Iwan, der Schreckliche wurde am25.August 1530 in
Kolomenskoje bei Moskau geboren. Sein Vater war Wassilij III. und seine Mutter
war Helena Glinskaja. Er war der Enkel von Iwan III. , der unter dem Beinamen
der Große bekannt ist. Iwan war beim Tod seines Vaters drei Jahre alt.
Helena nahm in Vertretung ihres Sohnes die Regentschaft auf sich, doch sie starb
bereits 1538 (möglicherweise an Gift). Danach entwickelte sich unter den
Bojaren augenblicklich ein Machtkampf um die Beherrschung der
Thrones.
Diese Adeligen, die seit der Festigung des Moskauer Reiches
unter Iwan dem Großen ein Übermaß an zaristischer
Selbstherrlichkeit erlebt hatten, behandelten seinen Enkel mit einer an
Grausamkeit grenzenden Verachtung. Sie unterbanden jeden Verkehr mit seinen
Freunden und Lieblingsdienern und lümmelten sich seiner Gegenwart mit
ihren Stiefeln auf dem Bett seines verstorbenen Vaters. Einmal stürzten
etliche Bojaren im frühen Morgengrauen heftig diskutierend in das Zimmer
des Jungen und erschreckten ihn fast zu Tode. In der Öffentlichkeit
schlugen sie mit der Stirn vor ihm auf den Boden, doch wenn er alleine war,
mußte Iwan hungern und hatte nichts Richtiges anzuziehen.
Möglicherweise ist es eine Folge dieser Behandlung, daß Iwan bereits
frühzeitig jene sadistische Haltung entwickelte, die für sein ganzes
Leben bezeichnend war. Als Kind vergnügte er sich damit, kleine Tiere aus
den Kremeltürmen zu werfen; als er alt genug war um zu reiten, trabte er
durch Moskau und schlug seinen Untertanen mit der Knute ins
Gesicht.
Mit 13 wurde Iwan sich offenbar zum ersten über das
ungeheure Ausmaß seiner Macht klar und schlug zurück. Er ließ
den ersten Bojaren ergreifen und von den Hundewärtern des Kremls
ermorden.
3. Der erste Zar
Mit 17 nahm er, nachdem er vor seinem Gefolge eine
verblüffend reife Rede über die Vorteile und Nachteile
ausländischer und inländischer Eheschließung gehalten hatte, die
ebenso kluge wie schöne Anastasia Romanowna, die Tochter eines Bojaren zur
Frau; gleichzeitig ließ er sich zum Zaren krönen und legte besonderen
Wert darauf, sein “Erwähltsein” in der Zeremonie, die er sich
selbst ausgedacht hatte, darzustellen. Die Macht des russischen Zaren war damals
nicht unumstritten: Viele Adelige unterhielten nämlich auf ihren eigenen
Ländern Privatarmeen, sprachen auch Recht und waren weitgehend von ihrem
Herrscher unabhängig. Iwan begann nun, die Rechte der Bojaren zu
beschneiden: Er erließ zwar keine neuen Gesetze, aber er ließ
einen Teil von ihnen zwangsversetzen, andere enteignete er oder ließ sie
ins Kloster stecken.
4. Die Anfänge der Leibeigenschaft
Da sich der Zar im Kriegsfall nicht nur auf die
unzufriedenen. Bojaren verlassen wollte, schuf er eine neue Klasse: eine Art
“Dienstadel”, die dem Zaren zu Lehensdiensten verpflichtet waren und
als Ausgleich für geleistete Militärdienste Land (meist Grenzland)
auf Lebenszeit zugewiesen bekamen. Arbeitskräfte Auf diesen Ländern
waren die Bauern, deren Abwanderung man nur dadurch verhindern konnte, indem man
sie fest ans Land band. Und das funktionierte am besten auf dem Weg der
Verschuldung: Ein Gutsherr schoß einem Bauern Geld vor; dieser
mußte dann bis zur Begleichung seiner Schuld auf dem Gut bleiben und
hätte dann zu dem nächsten Gutsherren weiterziehen können. Er war
in der Realität jedoch kaum jemals in der Lage, mehr als nur die Zinsen
seiner Schulden zurückzuzahlen. So wurden die Bauern immer mehr in den
Zustand der Leibeigenschaft übergeführt. Nur wenigen Mutigen gelang
die Flucht und sie suchten ihre Freiheit am Rand des Reiches und schlossen sich
den Tartaren oder den freiheitsliebenden Kosaken am Don an, die zwar nach ihren
eigenen Gesetzen lebten, aber den Zaren immer wieder bei kriegerischen
Auseinandersetzungen mit den Nachbarvölkern unterstützten. Trotz
dieser Hilfeleistung waren die Kosaken eine ständige Brutstätte
für Aufstände und Anarchie.
5. Die hellen Jahre
Die ersten Jahre der Regierung Iwans werden gewöhnlich
seine “gute” Periode (seine “hellen” Jahre) genannt,
obwohl er Zeit seines Lebens ein sehr schwankender Charakter war. Nach einem
unangenehmen Zwischenfall wenige Monate nach seiner Thronbesteigung, bei welchem
er die Abgeordneten der Stadt Pskow mit kochendem Wein übergießen
ließ und ihre Bärte versengte, wurde Iwan bald ruhig und
vernünftig und erwarb sich bald den Ruf, einer der fähigsten
Männer zu sein, die jemals Moskau regiert hatten.
5.1. Kluge Berater
Das Wohl seines Volkes stand für ihn immer im
Vordergrund. Er wählte sich eine Anzahl humanitärer Ratgeber aus,
darunter den Metropoliten, den Hofkaplan Silvester, seinen Beichtvater, sowie
den Kammerherrn Alexei Adaschew, der nur ein unbedeutender Schreiber aus kleinem
Landadel war, und ließ sich von diesem “Erwählten Rat”
in allen Belangen unterstützen und beraten. Die Auswahl dieser beiden
Männer stellte sich sehr bald als äußerst klug heraus:
Silvester motivierte ihn, eine flammende Rede an das Volk
von Moskau zu halten, in welcher er sprach: “Gott hat mir sein Volk
anvertraut! Ich bitte Euch, Gott zu vertrauen und mich zu lieben. Ich werde in
Zukunft Euer Richter und Euer Beschützer zu sein.” Als Iwan
während dieser Rede in Tränen ausbrach, kam Beifall auf und zwischen
dem Herrscher und seinem Volk entstand ein enger, persönlicher Kontakt.
Von der Ernennung Adaschews erhoffte sich der Herrscher, daß er ihm bei
der Bekämpfung der Korruption helfen und auch gesellschaftliche Probleme
in den Griff bekommen werde.(2)
5.2. Öffnung für Europäer
Als Iwan erkannte, daß sein Volk in technischen
Belangen hinter dem übrigen Europa zurückstand, ließ er aus
Westeuropa Gelehrte und Ingenieure ins Land kommen.
5.3. Neue Verwaltung und Gesetze
1550 berief er zum erstenmal den “Semski Sobor”
ein, eine Landesversammlung, in der Klerus, Erbadel, Dienstadel und sogar
Kaufleute vertreten waren. Es handelte sich hier aber um kein Parlament, da die
Mitglieder nicht gewählt, sondern nur ernannt worden waren und eigentlich
nur die Vorschläge des Zaren gutzuheißen hatten. Iwan hörte sich
aber auch Beschwerden der Bevölkerung an und unternahm manchmal sogar den
Versuch, deren Ursachen zu beseitigen. In diese Zeit fielen auch die Neufassung
und Liberalisierung des Gesetzbuches (genannt ”Sudjebnik”), das die
Korruption in der Rechtsprechung eindämmen sollte, eine umfassende Reform
der Provinzialverwaltung und des Steuerrechts sowie die Neuregelung der Rechte
der Kirche. Die Kirchenreform fand nach dem Konzil 1551 in einem Dokument mit
dem Titel “Stoglaw” (100 Kapitel) ihren Niederschlag. Darin wurde
ausdrücklich auf die bei Geistlichen erwünschten Tugenden hingewiesen
und die Notwendigkeit der Ausbildung junger Geistlicher betont, die bis dahin
oft nicht einmal lesen und schreiben konnten.
Ein weiteres wichtiges Dokument aus dieser Zeit, das der
Erziehung der Bevölkerung dienen sollte, war der “Domostroj” (
“dom” = Haus, “stroj” = Aufbau, Ordnung). Dieses Werk
war für die damalige Zeit fortschrittlich, obwohl Furcht und Strafe die
Voraussetzungen für Gehorsam waren und für Jahrhunderte die Grundlage
jeder russischen Hausordnung bildeten.
6. Wege nach Osten
Nach diesen hoffnungsvollen Ansätzen im Inneren, wandte
sich Iwan der Ostexpansion zu. 1552 zog er an der Spitze eines Heeres von 100000
Mann gegen das Khanat Kasan in den Krieg. Bei diesem Feldzug bediente sich Iwan
der Hilfe westeuropäischer Belagerungsexperten. Sie zeigten, wie man eine
Festung mit Schanzen und Gräben einschloß, fahrbare
Belagerungstürme montierte, Mauern aus Holz, Steinen und festgestampften
Lehm unterminierte und Pulverfässer in den Schächten installierte. Am
zweiten Oktober 1552 nahm Iwan die große Festung an der Wolga ein und
machte den Weg für den langen russischen Vormarsch nach Asien frei. Als er
nach der gewonnenen Schlacht in Moskau wie ein gottähnlicher
Friedensfürst einzog, war sein Volk begeistert. “Angetan mit dem
Festgewand wie am lichten Tag der Auferstehung Christi in Gold und Silber
über den Panzer, eine goldene Krone auf dem Haupt...”(3) ritt er auf
dem Zarenross ein. Zur Erinnerung an diesen historischen Sieg ließ Iwan
die Basiliuskathedrale (Pokrowski Kathedrale) bauen, die mit Ihren vielen Farben
und Kuppeln noch heute jeden fasziniert.
Ab diesem Zeitpunkt hatte eine neue Epoche der russischen
Geschichte begonnen, da Iwans Volk von nun an fremde Völker mit eigener
Religion und Geschichte beherrschte.
Dies war die Geburtsstunde des Nationalitätenproblems
im russischen Vielvölkerstaat.
Während der nächsten Jahre gelang es Iwan, auch
das Khanat Astrachan zu unterwerfen und sich das Zartum Sibir untertänig zu
machen .( Es wurde erst nach dem Tod Iwans IV. endgültig erobert.) Nun
gehörte das gesamte, von der Wolga durchflossene Gebiet endlich zum
russischen Reich. Iwans Siege über die Tartaren machten ihn bei seinem Volk
sehr beliebt und selbst seine späteren Grausamkeiten konnten dieser
Einstellung kaum etwas anhaben. Sein Beiname “der Schreckliche”
bedeutet eigentlich “furchteinflößend”, und zwar
gegenüber seinen Feinden und nicht gegenüber der Bevölkerung
seines eigenen Landes.
7. Handel mit England
1553 kam der englische Forschungsreisende Richard Chancellor
auf der Suche nach einem nördlichen Handelsweg zum Orient ins Weiße
Meer hineingesegelt und “entdeckte” Rußland. Dieses war in der
damaligen Zeit nach Meinung der Westeuropäer ein Reich “der
Kannibalen, voll mit phantastischen Tieren.” Es gelang Chancellor, mit
Iwan einen Handelsvertrag, der den englischen Kaufleuten volle Handelsfreiheit
und umfassende Privilegien gewährte, abzuschließen. Ab diesem
Zeitpunkt entwickelten sich die Beziehungen zwischen England und Rußland
immer besser und Iwans Vorliebe für England bestimmte jahrelang seine
Politik. Er führte auch einen jahrelangen Briefwechsel mit der
jungfräulichen Königin Elisabeth I. und plante sogar, um ihre Hand
anzuhalten. Doch dieses Vorhaben scheiterte, da die englische Königin sich
nicht mit jemandem vermählen wollte, der Iwan der Schreckliche
hieß.
Die guten Kontakte zu England motivierten Iwan, sich noch
enger an den Westen anzuschließen. Die einzige Möglichkeit dazu sah
er darin, bis zu Ostsee vorzudringen. Davon versprach er sich einen eisfreien
Hafen sowie ein “Fenster”, durch das der Warenaustausch stattfinden
könnte. Die Häfen des Weißen Meeres waren nämlich allzu oft
durch Eis blockiert und daher als Handelsplätze ungeeignet. Doch der Weg
zur Ostsee wurde durch die Deutschordensritter versperrt, die das
Küstengebiet zwischen Schweden und Polen besetzt hielten, das damals
Livland hieß. 1558 griff Iwan Livland an und erzielt beträchtliche
Anfangserfolge. Doch bald traten sowohl Polen als auch Schweden in den Krieg
ein, und es kam zu einem 25 Jahre dauernden Blutvergießen, das erst 1583
mit einer russischen Niederlage endete. So schlug Rußlands erster
großer Versuch, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen mit dem Westen
anzuknüpfen, fehl und es wurde besonders von Schweden und Polen, die
Rußland in seiner Isolation belassen wollten, abgeschirmt
8. Die dunklen Jahre (der Terror beginnt)
Während sich der Livländische Krieg in die
Länge zog, begann Iwans “Schlechte” Lebensperiode (seine
dunklen Jahre). Doch dies geschah nicht von heute auf morgen; es begann mit
Spannungen im Erlesenen Rat, dessen Mitglieder die Herrschsucht Iwans, eines
Jünglings nicht länger hinnehmen wollten. Der junge Zar, der mit
seiner Frau Anastasia und dem kleinen Thronfolger Dmitrij Iwanowitsch (* Oktober
1552) ein glückliches Privatleben Führte, fühlte sich durch die
belehrenden Sprüche seines Beichtvaters Silvester nur noch belästigt.
Auch sein Freund Alexeij Adaschew, dem er immer vertraut hatte, enttäuschte
ihn durch respektlose Äußerungen über die einfache Herkunft
seiner geliebten Anastasia. Im März 1553 erkrankte Iwan schwer und rechnete
mit seinem Tod. Um seine Nachfolge zu sichern, ließ Iwan alle Mitglieder
des Erlesenen Rats dem kleinen Zarewitsch und seiner Mutter die Treue
schwören und zur Bekräftigung das Kreuz küssen. Diese Zeremonie
war notwendig, da es in Rußland kein eindeutiges Erbfolgerecht gab. Am
Krankenbett soll Iwan in einem wachen Moment gesagt haben: “Wenn ihr nicht
das Kreuz küßt in Treue zu meinem Sohn, dann habt ihr schon einen
anderen Herrscher im Sinn... Wer jetzt dem kleinen Herrscher nicht dienen will,
der will auch dem großen, also mir selbst nicht dienen...”(4) Doch
der Kleine sollte niemals Zar werden. Auf einer Pilgerfahrt, die der Zar und
seine Frau nach Iwans Genesung zum Grab des heiligen Kirill unternommen hatten,
fiel der Bub in die Scheksna und ertrank (26.Juni 1553). Nach Dmitrijs Tod bekam
die Zariza noch zwei Söhne, Iwan 1554 und Fjodor 1557. Doch
bedauerlicherweise erkrankte sie drei Jahre später und starb im August
1560. Nach dem Verlust seiner gütigen, stark liebenden Frau, der Iwan stets
hatte vertrauen können, hatte der Zar den Mittelpunkt seines Lebens und den
Halt verloren. Iwan war überzeugt, daß man an seine Frau vergiftet
hätte und der Zorn des Zaren richtete sich zunächst gegen Adaschew und
Silvester, die beide verbannt wurden. Nachdem diese engsten Berater in Ungnade
gefallen waren, verlor der Erlesene Rat an Bedeutung. Iwan wechselte nun sehr
schnell seine Favoriten, denen es ein Anliegen, war seine früheren Ratgeber
und Freunde vor dem Zaren schlecht zu machen. So wurden alle Angehörigen
seines ehemaligen Freundes Adaschew auf Befehl des Zaren ermordet, wobei Iwan
das erste Mal selbst einen Menschen mit eigener Hand erschlug. Niemals zuvor war
in Rußland eine vergleichbare Untat gegen eine einzige Familie begangen
worden. Iwans Schreckensherrschaft hatte begonnen.
9. Abdankung führt zur Reform
Doch Ende 1564 schien der Zar amtsmüde geworden zu
sein. Mitte November rief Iwan IV. Bojaren und Geistliche im Moskauer Kreml
zusammen und verkündete, dass er auf den Thron verzichten wolle, um sich in
ein Kloster zurückzuziehen, da er von Untreue und Verrat umgeben sei. Nach
dieser Rede legte er zwar seine Krone, das Zepter und den Ornat ab, ließ
sie sich aber von seinen Dienern nachtragen. Wenige Tage später
verließ der Zar in einem Zug von mehr als hundert Schlitten, die mit
Teilen des Zarenschatzes, Ikonen und Reliquien aus den Moskauer Kirchen, sowie
mit Vorräten aller Art beladen waren, die Stadt. Der Zar wurde von seiner
Familie, Bewaffneten und einigen Würdenträgern begleitet und kam Ende
Dezember auf Alexandrowa sloboda, einem befestigten Landsitz etwa 100 km
nordöstlich von Moskau an. Über die Umgestaltung seines Reiches hatte
sich Iwan, der angeblich kein Zar mehr sein wollte, bereits Gedanken gemacht.
Durch den Auszug Iwans wurde die Lage in Moskau äußerst schwierig.
Das niedere, schwarze Volk (tschernj) war völlig bestürzt und
fühlte sich verwaist, aber auch die Kaufleute wüßten ohne ihren
Herrn nichts anzufangen. Eine Monat lang ließ Iwan nichts von sich
hören. Danach ließ er Botschaften verlesen, in denen er seinen
Thronverzicht erklärte, weil er von Verrätern umgeben und von allen im
Stich gelassen worden sei. Iwans Groll richtete sich hauptsächlich gegen
die Bojaren, die ihm seine Kindheit verdorben hatten, sowie gegen die
Geistlichen; das Volk von Moskau nahm er ausdrücklich aus. Nun fühlte
sich das Volk wirklich verlassen, da es keine Autorität, keinen Schutz und
kein Recht mehr gab. Sie stürmten zum Sitz des Metropoliten und klagten:
“Wehe uns, die wir vor Gott gesündigt und den Zaren erzürnt
haben... an wen sollen wir uns nun halten, wer wird uns vor den
Überfällen der Feinde schützen. Wie sollen denn Schafe ohne den
Hirten sein, wie können wir ohne den Zaren bestehen?”(5) Der
Metropolit ließ eine Delegation zusammenstellen, die mit einer Petition
zum Zaren reisten um ihn wieder zurückzuholen. Unter zwei Bedingungen war
Iwan IV. Wassiljewitsch bereit, als Zar nach Moskau zurückzukehren. Erstens
wollte er mit denjenigen, die er für Verräter hielt nach seinem Willen
verfahren, da er “Herr über Leben und Tod” sei. Die zweite
Bedingung für die Rückkehr nach Moskau, war eine vollkommene
Umgestaltung des russischen Staates.
10. Die Opritschnina, ein Staat im Staat
Iwan wollte sich eine
Opritschnina[1] einrichten;
darunter verstand man ein Sondergebiet, in dem kein Bojar Grund und Boden
besitzen durfte und das ohne jede Zwischeninstanz seine Vorstellungen von einem
gut funktionierenden Staat verwirklichen sollte. Eine Sondertruppe, die
Opritschniki, sollten ihn dabei unterstützen. Das übrige Rußland
nannte er Semschtschina[2]
und dieses sollte, nach altem Brauch, von einem Bojarenrat verwaltet werden.
Iwans Bedingungen wurden akzeptiert und im Februar 1565 kehrte er nach Moskau
zurück. Doch sein körperlicher Zustand war schlecht. Er war gealtert,
wirkte krank und zerfahren und hatte kaum mehr Haare auf dem Kopf. Schnell
begann Iwan mit der Umgestaltung seines Reiches. Seine Hauptgegner kamen
zunächst aus den Reihen der Geistlichkeit, die gegen den wachsenden Terror
den der Zar ausüben ließ, energisch protestierten. Doch sie alle
wurden ihrer Ämter enthoben, verbannt und bald darauf ermordet, da sie den
Wünschen des Zaren nicht gehorchten.
Viele Geschichtsforscher meinen, daß Iwan, der sich
besonders für römische Geschichte und den Cäsar Octavianus
Augustus interessierte, von dort die Idee einer Opritschnina übernommen
hätte. Auch Kaiser Augustus hatte die wichtigsten Provinzen des
Römischen Reiches der Aufsicht des Senats entzogen und dort absolut
regiert. Auch Iwan steigerte seine persönliche Macht, indem er die
verhaßten Bojaren in die uninteressanten Randgebiete abdrängte, und
diejenigen Territorien in die Opritschnina eingliederte, die dem Staat besonders
viel durch Steuern und Zölle besonders viel einbrachten. Zu diesem
Landesteil gehörten die wichtigsten Verkehrswege und natürlich auch
der einzige Weg ins westliche Ausland, nach England. Im Opritschnina-Territorium
setzte Iwan auch die Reformen seiner hellen Jahre, wie Selbstverwaltung und
staatliche Besoldung von Richtern und Beamten, durch. Die negativste
Begleiterscheinung von Iwans Perestrojka waren die sogenannten Opritschniki. Die
Mehrheit dieser Leibgarde des Zaren stammte aus dem, die Iwan ihre Stellung
verdankten und ihm Treue schuldeten, entstammten dem Dienstadel, nur wenige
waren aus dem Bojarenstand. Sie bildeten eine Art Geheimpolizei, die in
Schwarzen Kleidern auf schwarzen Pferden, von deren Sätteln Reisigbesen und
Hundeköpfe baumelten, wild durchs Land stürmten und die Menschen
terrorisierten. Die Hundeköpfe sollten symbolisch ihre Pflicht darstellen,
den Feinden des Zaren Furcht einzujagen, die Reisigbesen zeigten ihre Absicht,
den Verrat aus dem Land zu kehren. Annähernd acht Jahre hindurch
wüteten die Opritschniki in Rußland. Und innerhalb dieser Zeitspanne
wurden so viele Menschen enteignet oder umgebracht, daß Iwan, der
früher stets Listen seiner Opfer angefertigt hatte, die Übersicht
verlor und erklärte: “Gott allein kennt ihre
Namen.”
10.1. Massaker in Nowgorod
Nicht nur Einzelpersonen bekamen seinen Zorn zu spüren
sondern auch Städte wie beispielsweise Nowgorod, das man der Konspiration
mit Livland verdächtigte. Iwan IV., der vom Thronfolger, seinem Sohn, Iwan
Iwanowitsch begleitet wurde, saß über die Nowgoroder selbst zu
Gericht. Er ordnete ein Massaker an, welches sechs Wochen dauerte und zu den
scheußlichsten Exzessen der Weltgeschichte zählt. 18.000 Menschen
wurden verstümmelt oder auf öffentlichen Plätzen zu Tode
geröstet während andere in den Fluß geworfen wurden und von den
Opritschniki solange unter die Eisdecke gedrückt wurden, bis sie
ertranken.
10.2. Foltermethoden
Danach verließ Iwan wiederum Moskau und verschanzte
sich in Alexandrowsk, wo er mit seinen Opritschniki eine unheimliche Parodie auf
das Klosterleben aufführte. Er selbst war der Abt, seine Männer die
Mönche. Doch sein Schreckensregiment ging unvermindert weiter. Damit man
sich eine Vorstellung von Iwans Grausamkeit machen kann, folgt hier ein Bericht
seines Zeitgenossen, des Engländers Jerome Horsey: “Fürst
Telupa, der als “Verräter wider den Zaren” gebrandmarkt wurde,
setzte man auf einen langen zugespitzten Pfahl, der in den unteren Teil seines
Leibes eindrang und zum Halse wieder herauskam; Woraufhin er 15 Stunden lang
schrecklichste Qualen durchlitt und mit seiner Mutter, der Fürstin sprach,
die gebracht wurde, auf daß sie diesen jämmerlichen Anblick sehe. Sie
selbst, eine rechtschaffene Matrone, wurde von 100 Kanonieren zu Tode
geschändet.”(6)
11. Iwans letzte Jahre
Als Iwan in Jahre 1572 endlich die Opritschnina aufhob, war
der erbliche Adel als politische Macht tot. Die neuen höhergestellten
Dienstmannen des Zaren hießen Dworowyje
ljudy[3]. Dieser neue Stand
nahm die Reste des früheren Großadels in sich auf und im 17.
Jahrhundert war Rußland der Idealstaat dieses Kleinadels. Iwan selbst
fühlte sich schwach und leidend und schrieb an seine beiden Söhne:
“Mein Leib ist erschöpft, mein Geist leidend; der Schorf meiner
seelischen und körperlichen Wunden hat sich vermehrt, und es gibt Arzt, der
mich heilen könnte. Ich sehnte mich nach einem Menschen, der meinen Gram
mit mir geteilt hätte, aber niemand ist da. Ich habe keine Tröster
gefunden. Gutes hat man mir mit Bösem vergolten und Liebe mit
Haß...Sollte ich deshalb von den Bojaren aus meiner Herrschaft vertrieben
werden, in fremden Ländern umherirren und durch meine Sünden auch
über euch viel Unheil gebracht haben, so mögt ihr, um Gottes willen,
euch nicht in Kummer verzehren.”(7)
Offenbar rechnete Iwan immer damit, daß er
gestürzt und aus Rußland vertrieben werden könnte. In dieser
Zeit ging seine Schreckensherrschaft zu Ende. Von 1576 bis zu Iwans Tod 1584
sind Hinrichtungen politischer Gegner auf Anweisung des Zaren nicht bekannt. Er
zog sich zurück, widmete sich alten Pergamenten und beschäftigte sich
mit Zauberau und der Wirkung wertvoller Steine. Noch heute werden den Besuchern
der Schatzkammer des Moskauer Kremls Diamanten gezeigt, die Iwan, der
Schreckliche anstarrte und beschwor. Einige russische Historiker meinen,
daß Iwan Grosny, abgesehen von Verfolgungswahn und Terror, in seinen
letzten Lebensjahren nicht bei ganz klarem Lebensverstand gewesen sein kann.
Ausländische Gesandte, die mit ihm verhandelten, fanden ihm zwar
überlegen, zielstrebig und weitblickend, aber in Wahrheit war er
ständig gereizt und von schweren Depressionen gequält. Im November
1581 hatten Iwans ständige Stimmungsschwankungen eine schreckliche Folge.
In Jähzorn erschlug er seinen Sohn Iwan Iwanowitsch, der ganz nach seines
Vaters Geschmack gewesen war.
12. Der Tod naht
Ab diesem Zeitpunkt trug Iwan niemals mehr die Krone oder
noch sonst einen fürstlichen Schmuck. Einen Teil seines Vermögens
stellte er Klöstern zur Verfügung, den anderen Teil suchte er
regelmäßig in seiner Schatzkammer auf.
Iwan, der Schreckliche starb am 18. März 1584. In
seinen letzten Tagen wanderte er heulend durch seinen Palast und suchte Trost
bei Hexen und Zauberern.
13. War Iwan wirklich “schrecklich”?
Über seinen Tod hinaus hat Iwan IV. das Schicksal
Rußlands beeinflußt. Unter seiner Regierung erlangte das Reich eine
beachtliche Größe und das russische Staatsbewußtsein wurde
gestärkt. Auch wenn Iwans Kriege und sein Terror Abscheu erzeugen,
dürfen wir nicht vergessen, daß Iwan, der Schreckliche ein
“Umgestalter” war, der mit revolutionären Mitteln seinen Staat
festigen konnte. Bei jeder Perestrojka ist schließlich in Rußland
Blut geflossen. Man denke nur an Peter I., den Großen, Lenin oder
Stalin.
Iwan IV war es auch, der durch seine Kontakte mit England
seinem Volk den Weg nach Europa zeigte und der den russischen Buchdruck
einführte. (1. In Rußland gedrucktes Buch: Apostelgeschichte
1564)
Das Wahrzeichen Moskaus, die Basiliuskathedrale auf dem
Roten Platz erinnert uns heute noch an diesen Herrscher, der für sein Volk
nicht nur schrecklich war.
Quellenverzeichnis:
- Wallace, Robert: Der Aufstieg Rußlands.
Niederlande 1969, Time-Life
- Eckhardt, Hans von: Iwan, der Schreckliche.
Frankfurt/Main 1941
- Romanow, Nikita/Payne Robert: Iwan, der Schreckliche.
Bern und München 1980
- Neumann-Hoditz, Reinhold: Iwan, der Schreckliche.
Hamburg 1990 RoRoRo
- Stählin, Karl: Geschichte Rußlands. 5 Bde.
Graz 1974
- Stender-Petersen, Adolf: Geschichte der russischen
Literatur. 2Bde. München 1957
Anmerkungen:
- Wallace, Robert: Der Aufstieg Rußlands.
Niederlande 1969, Time-Life; S.77
2)
Eckhardt, Hans von: Iwan, der Schreckliche.
Frankfurt/Main1941; S. 60
Romanow, Nikita/Payne Robert: Iwan, der
Schreckliche. Bern
und München 1980; S.81f.
- Stender-Petersen, Adolf: Geschichte der russischen
Literatur. 2Bde. München 1957 S.198
- Eckardt, a. a. O. S.
107
Romanow, a. a. O. S.121
- Romanow, a. a. O. S.184
- Wallace, a. a. O. S.83
- Neumann-Hoditz, a. a. O.
S.179
[1] Abgeleitet von dem alten russ. Wort
Opritsch: außer
[2] Wortstamm semlja: Land, Grund,
Boden
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