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Vom einfachen zum variablen Modell des demographis
Wintersemester 1996/97
Unterseminar Bevölkerungsgeographie
Dr. R. Wehrhahn
Referent: Christian Fischer
Datum: 6.1.1997
Vom einfachen zum variablen Modell des
demographischen Übergangs
I. Einleitung
II. Das Modell des demographischen Übergangs
III. Das variable Modell des demographischen Übergangs
IV. Anwendung des Modell
V. Kritik an dem Modell
VI. Zusammenfassung
I. Einleitung
Die Zunahme der Bevölkerung, die aus dem Zusammenspiel von Geburten-
und Sterberate resultiert, blieb jahrtausendelang außerordentlich gering.
Nach Schätzungen leben heute (1991) etwa 5, 4 Milliarden Menschen auf der
Erde; 100 Jahre zuvor waren es lediglich 1,5 Mrd.. Das bedeutet, daß der
Zuwachs in nur einem Jahrhundert den aller vorangegangenen Zeitabschnitte um
mehr als das Doppelte übertroffen hat.
Die Entwicklung der Weltbevölkerung läßt sich stark
vereinfacht in zwei Abschnitte untergliedern: in eine sehr lange Periode nur
langsamen und eine sehr kurze Periode stark beschleunigtem Wachstum. Um die
Gründe für den vor etwa 200 Jahren in Europa einsetzenden Umschwung zu
verstehen, ist es notwendig, das zusammenwirken von Mortalität und
Fertilität in raumzeitlicher Differenzierung genauer zu analysieren (
Bähr S.240-248 gekürzt).
II. Das Modell des demographischen
Übergangs
Das Modell des demographischen Übergangs baut auf der in Europa,
Nordamerika und Australien beobachteten Entwicklungen auf. Hier haben sich
Sterblichkeit und Fruchtbarkeit während der letzten beiden Jahrhunderte in
sehr regelhafter Weise verändert, und man glaubte daraus schließen zu
können, daß jede Bevölkerung dazu bestimmt sei, einen
demographischen Transformations-prozeß nach diesem Muster zu durchlaufen
(Hauser 1974, S. 130 aus Bähr S. 248).
Dieser Wandel wurde zuerst von Noteststein (1945 und 1950) als
"demographischer Übergang" bezeichnet. Er konnte sich dabei auf Vorarbeit
anderer Forscher ( vor allem Thompson 1929) stützen und sein Konzept
ist später weiterentwickelt worden (vgl. Mackensen 1972;
Marschalk 1979; Grigg 1982; Schmid 1984a aus Bähr, J.;
Jentsch, C.; Kuls, W. S. 481)
Abb. 1 Idealtypischer
Verlauf
Quelle: Mackensen
und Wewer (1973)
aus Bähr S.249
Abb. 2
aus Bähr, J.; Jensch, C.;
Kuls, W. S.481
Beim Idealtypischen Verlauf wie er in Abb.1 + 2 dargestellt ist,
unterscheidet man gewöhnlich 5 Phasen, die wie folgt zu charakterisieren
sind:
Phase 1: Prätransformative Phase (Vorbereitungsphase) mit
hohen, nahe beieinanderliegenden
Geburten- und Sterberaten, hohe Umsatzziffer und einer
geringen Wachstumsrate,
Phase 2: Frühtransformative Phase (Einleitungsphase) mit
deutlich fallenden Sterberaten bei
weitgehend gleichbleibenden oder gar leicht zunehmenden
Geburtenraten und steigenden
Zuwachsraten,
Phase 3: Mitteltransformative Phase (Umschwungphase) mit weiterem
Sterblichkeitsrückgang
und einsetzendem Geburtenrückgang. In dieser Phase wird
im allgemeinen die maximale
Zuwachsrate überschritten,
Phase 4: Spättransfomative Phase (Einlenkungsphase) mit
weiterem raschen Abfall der Geburten
und noch leicht zurückgehenden Sterberaten; die in Phase
2 sich öffnende "Bevölkerungs-
schere" schließt sich wieder, die Zuwachsraten gehen
stark zurück,
Phase 5: Postformative Phase ( Phase des Ausklingens) mit niedriger
Geburten- und Sterberate,
wobei sich die Geburtenraten eher verändern als die
Sterberaten. Bei letzteren ist
aufgrund des veränderten Altersaufbau der
Bevölkerung ein leichter Anstieg zu
verzeichnen.
Die Abgrenzung der Phasen kann nicht schematisch durch festgelegte
Schwellenwerte erfolgen, sie wird sich vielmehr den jeweiligen
Untersuchungseinheiten und dem dabei anzutreffenden Niveau von Geburten- und
Sterberaten zu richten haben ( aus Bähr, J.; Jensch, C.; Kuls, W.
S.481+482).
Abb.3 Ablauf in England
und Wales. Quelle:
Broek und Webs
(1978) ergänzt.
aus Bähr S.249
Abb. 4
aus Bähr S.251
Die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung ist nun auch in den
Industrieländern nicht einheitlich nach diesem Schema abgelaufen.
Vorallem der Zeitfaktor ist stark unterschiedlich (Abb.4). Im
allgemeinen dauerte der Übergang von einem Zustand hoher Mortalität
und Fertilität zu allgemein niedrigen Sterblichkeits- und
Fruchtbarkeitswerten um so länger, je früher der Umschwung einsetzte.
Diese Unterschiede ergeben sich auch innerhalb einzelner Länder (vgl. z. B.
Vichnevskij 1988 für die Sowjetunion).
Eine vollends andere Entwicklung läßt sich für Frankreich
feststellen. Hier verliefen Mortalitäts- und Fertilitätsrückgang
weitgehend parallel zueinander, so daß es zu keinem Zeitpunkt zu einer mit
anderen Ländern vergleichbaren Öffnung der Bevölkerungsschere
gekommen ist (Bähr S.252).
III. Das variable Modell des demographischen
Übergangs
Abb. 5
aus Bähr, J.; Jensch, C.;
Kuls, W. S.486
Um derartige "Abweichungen" angemessen zu berücksichtigen wurde von
Woods (1982) das
"variable Übergangsmodell" entwickelt.
Dabei wird der Verlauf in Frankreich, dem Sonderfall unter den
europäischen Ländern, ungefähr
durch die Kurven g` und s` wiedergegeben, währen Deutschland eher dem
"Normalfall" (Kurven g``
und s`` ) entspricht. Auch eine Erweiterung auf Länder der Dritten
Welt ist mit einem solchen
Modell möglich. So läßt sich durch die Kombination der
Kurven s``` und g``` ein schneller Abfall der
Mortalität bei stark verzögertem Fertilitätsrückgang
kennzeichnen.
IV. Anwendungen des Modell
1. Die Beschreibungsfunktion des Modells:
Das Modell dient zur idealtypischen Beschreibung der in den westlichen
Industrieländern im
zeitlichen Verlauf festgestellten Veränderungen von
Mortalität und Fertilität ( Bähr S.250).
2. Die Klassifikationsfunktion des Modells:
Zur Klassifikation von Ländern nach dem Stand der "Modernisierung"
hat sich das Grund-
modell als gut verwendbar erwiesen, sofern damit nicht Stadien einer
gesetzmäßigen Abfolge
gekennzeichnet werden sollen ( aus Bähr, J.; Jensch, C.; Kuls, W.
S.489).
Abb.6 aus Bähr, J.;
Jensch, C.; Kuls, W. S.489
3. Die Theoriefunktion des Modells:
Das Modell wird herangezogen, um im Zusammenhang mit der
sozio-ökonomischen
Entwicklung nach den Ursachen des Transformationsprozesse zu
fragen.
4. Die Prognosefunktion des Modells:
Das Modell bildet die Grundlage für Prognosen der künftigen
Bevölkerungsentwicklung auf der
Erde oder in einzelnen Großräumen und Ländern (
Bähr S.251).
V. Kritik an dem Modell
Als Instrument für Beschreibung und Klassifikation hat
sich das Modell des demographischen Übergangs vielfach bewährt, und es
wird gewiß auch weiterhin dafür Verwendung finden.
Die Hauptkritikpunkte richten sich somit gegen die Theorie- und
Prognosefunktion des Modells, wobei sich folgende Aspekte
ergeben:
1. Die Theorie ist nicht allgemeingültig, sondern kulturspezifisch und
historisch relativ.
2. Die den demographischen Übergang bestimmenden Faktoren und ihre
Wechselbeziehungen sind
nicht eindeutig geklärt. So trifft die enge Beziehung zwischen
Fruchtbarkeit, Urbanisierung und
Industrialisierung selbst in Europa nur begrenzt zu.
Noch weniger gilt dies für viele Staaten der dritten Welt;
vielmehr gibt es eine Reihe von
Anzeichnen, daß hier der Modernisierungsprozeß als
treibende Kraft der demographischen
Transformation durch endogen und exogene Faktoren gestört wird
(u.a. Übernutzung der
natürlichen Ressourcen), was nicht ohne Einfluß auf die
Fruchtbarkeitsentwicklung bleiben
dürfte (Hauser 1989b).
3. Das gleiche gilt für den prognostischen Wert des Modells. Zwar
scheint es plausibel, daß auch
in jenen Teilen der Erde, wo heute Geburten- und Sterberate weit
auseinanderklaffen, ein neuer
Gleichgewichtszustand mit geringem Bevölkerungswachstum zustande
kommt, wann und in
welchem Zeitraum dies jedoch geschieht, läßt sich aus dem
Modell nicht ableiten.
So ist es außerdem nicht auszuschließen, daß die
Fertilität langfristig unter das Sterblichkeits-
niveau sinkt und somit eine Phase der degressiven
Bevölkerungsentwicklung einsetzt (vgl.
Europa) ( aus Bähr, J.; Jensch, C.; Kuls, W. S.492
gekürzt).
VI. Zusammenfassung
Das Modell des demographischen Übergangs ist, besonders was die
Ausweitung des Modells auf die Entwicklungsländer betrifft, umstritten.
Auch besteht das Problem, daß innerhalb einzelner Staaten häufig
Differenzierungen bei demographischen Strukturen und Prozessen anzutreffen sind,
die mit der ethnischen Gliederung der Bevölkerung und unterschiedlichen
Lebens- und Wirtschaft-
formen im Zusammenhang stehen ( aus Bähr, J.; Jensch, C.; Kuls, W.
S.488).
Alle Autoren betonen jedoch, daß bei der Übergangstheorie von
einer "fruchtbaren Kritik" (Schmid 1976, S.294) gesprochen werden kann, da die
über mehrere Jahrzehnte andauernde Dis-kussion zu einer intensiven
Beschäftigung mit Fragen vergangener und zukünftiger
Bevölkerungs-entwicklung geführt hat und zum bessern Verständnis
von Bevölkerungsvorgängen beigetragen hat.
Literaturverzeichnis:
Bähr, Jürgen (1992):
Bevölkerungsgeographie, 2. Auflage, Stuttgart UTB 1249
Bähr, J.; Jensch, C.; Kuls, W. (1992):
Bevölkerungsgeographie, Berlin, New York
Lehrbuch der allgemeinen Geographie 9
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