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Timm, Uwe: Die Entdeckung der Currywurst
Uwe Timm
Die Entdeckung der
Currywurst
Eine Facharbeit von Florian
Emrich
Im Rahmen des Deutsch-Leistungskurses der
Jahrgangsstufe
13
Inhaltsverzeichnis
Daten zu Leben und Werk von Uwe Timm
Uwe Timm wird 1940 in Hamburg in der Nähe des
dortigen Hafen geboren. Bereits als Kind wird er dort mit dem Seemannsgarn der
Matrosen und den Geschichten der Kriegsheimkehrer konfrontiert, was sich
später auch in seinen Werken niederschlägt. Zu Beginn besucht er die
dortige Volksschule, anschließend erlernt er den Kürschnerberuf.
Später besucht er das Braunschweigkolleg, wo er 1963 sein Abitur macht.
Dann studiert er Germanistik und Philosophie in München und Paris,
promovierte über Absurditätenproblem, schließlich auch
Soziologie und Volkswirtschaftslehre. 1971 promoviert er mit einer Arbeit
über Albert Camus. Bis heute lebt Timm in München, wo 1989 den
Literaturpreis der Stadt gewann.
Seine schriftstellerische Laufbahn beginnt Uwe Timm 1971
als politischer Lyriker, geprägt von den Ideen der Studentenbewegung der
60er Jahre ("Widersprüche"). Frühe Romane (v.a. "Heißer Sommer",
1974, und "Kerbels Flucht", 1980) greifen diese Thematik erneut auf.
Gesellschaftliche und politische Fragestellungen spielen auch in anderen Romanen
eine wichtige Rolle, so z. B. der deutsche Kolonialkrieg 1904-1907 in
Südwestafrika ("Morenga", 1978), das Engagement von deutschen Unternehmen
in Südamerika ("Der Schlangenbaum", 1986) und Wirtschaftsbetrug in unserer
Gesellschaft ("Kopfjäger", 1991). Daneben finden sich Geschichten wie "Der
Mann auf dem Hochrad" (1984), "Die Entdeckung der Currywurst" (1993) und
"Johannisnacht" (1996), in denen sich Uwe Timm als Erzähler
präsentiert, der nicht politisch aufklären und zum Nachdenken anregen
will, sondern der schreibt, "weil mir etwas den Atem verschlägt, (...) aus
der Lust heraus, spielerisch die Wirklichkeit umzubauen, damit etwas Neues, so
noch nicht Dagewesenes entsteht" (aus: "Erzählen und kein Ende", S. 79).
Ein weiterer Beleg für Uwe Timms Lust am
Erzählen sind seine Kinder- und Jugendbücher, z. B. "Die Zugmaus"
(1981), "Die Piratenamsel" (1983) und "Rennschwein Rudi Rüssel" (1989,
ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 1990), die er seinen
eigenen Kindern gewidmet hat.
Inhalt
Der Ich-Erzähler erzählt von einem Imbissstand
im Hamburger Hafenviertel, welcher von Frau Brücker geführt wurde, und
wo er von Kindesbeinen an seine Currywurst aß. Diese Tradition setzte er
so lange fort, bis der Stand schloss. Aus diesem Sachverhalt heraus
überlegt sich der Erzähler, wer die Currywurst eigentlich erfunden
hat. Um dies in Erfahrung zu bringen, sucht er die alte Frau Brücker auf,
die, wie er herausgefunden hat, inzwischen erblindet in einem Altenheim in
Harburg lebt. An sieben Nachmittagen lässt er sich nun von ihr die
Geschichte der Currywurst erzählen. Zwischen den einzelnen Teilen der
Geschichte nehmen Lena Brücker, welche während der ganzen
Erzählung trotz ihrer Sehschwäche an einem Pullover strickt, und der
Erzähler immer wieder Kaffee und Kuchen zu sich. Die Geschichte, welche
Lena Brücker erzählt, gebe ich allerdings als Ganzes
wieder:
An einem kühlen Apriltag 1945 entschließen
sich Frau Brücker, damals ungefähr vierzig Jahre alt, und Bootsmann
Bremer, ein auf Heimaturlaub gewesener deutscher Soldat Mitte zwanzig,
unabhängig von einander ins Kino zu gehen. Allerdings wird ihr Kinobesuch
durch einen Luftalarm gestört, und sie laufen in einen nahe gelegenen
Luftschutzkeller, wo sie sich ein Stückchen näher kommen. Nach
überstandenem Alarm gehen die beiden zu Frau Brücker, deren Mann und
Kinder im Krieg sind, in die Wohnung. Bremer muss am nächsten Morgen nach
Harburg an die Front, wo bereits die Engländer stehen und so verbringen die
beiden noch einen schönen Abend, an dem Bremer ausgiebig aus seinem
Soldatenleben erzählt. Die Nacht verbringen beide im einzigen Bett der
Wohnung. Als Bremer am nächsten Morgen um 4 Uhr aufbrechen will, bittet
Frau Brücker ihn zu bleiben, was Bremer dann auch macht, womit er
fahnenflüchtig wird. Durch diesen Umstand ist er dazu gezwungen, wochenlang
in Frau Brückers Wohnung auszuharren, da er sonst, wenn er erwischt wird,
mit hohen Strafen, unter Umständen der Todesstrafe, zu rechnen hat.
Lena Brücker und Hermann Bremer müssen von nun
an sehr vorsichtig sein, da eine ständige Gefahr von ortsansässigen
Nationalsozialisten, darunter Blockwart Lammers, ausgeht.
Die nächsten Tage verlaufen alle gleich: Frau
Brücker arbeitet in der Kantine in Eimsbüttel, beschafft von dort
immer ein paar Lebensmittel, während Bremer in der Wohnung verweilt und
sich die Zeit mit Kreuzworträtseln vertreibt. Er glaubt nicht an eine
Kapitulation Deutschlands und ist der Meinung, dass die Deutschen gemeinsam mit
den westlichen Alliierten den Osten zurückerobern werden. Da er in der
Wohnung gefangen ist er auf Frau Brückers Informationen über den
Kriegsverlauf angewiesen und zeichnet anhand dieser den Frontverlauf in einem
Atlas, den er im Schrank gefunden hat, nach. Eines Abends fällt Frau
Brücker ein Foto aus Bremers Sachen in die Hände, auf dem er mit Frau
und Kind zu sehen ist, was er aber Frau Brücker bis jetzt verschwiegen hat
und auch bis zum Ende verschweigen wird. In der Nacht schläft Bremer das
erste Mal mit Frau Brücker.
Am 1. Mai 1945 kommen zwei wichtige Meldungen nach
Hamburg. Adolf Hitler ist tot und Hamburg wird kampflos an die Engländer
übergeben. Hitlers Tod teilt sie Bremer mit, die andere Meldung verschweigt
Lena Brücker aber Bremer für längere Zeit, da sie ihn nicht
verlieren möchte. Sie ist nun gezwungen über den Verlauf des
tatsächlichen Geschehens Stillschweigen zu wahren und Ausreden zu erfinden,
um keine Zeitung mitbringen zu müssen. Sie schiebt den Zeitpunkt, an dem
sie die Wahrheit erzählen möchte, immer weiter hinaus. In den
Nächten erzählen sich Lena und Bremer aus ihrem Leben, Frau
Brücker hauptsächlich von ihrem Mann Gary.
Bremer wird zusehends unglücklicher mit seiner
Situation, da er sich eingeengt fühlt. Es kommt zu einer Auseinandersetzung
zwischen den beiden, bei der Bremer handgreiflich gegenüber Frau
Brücker wird und sich selbst eine Verletzung zuzieht. Der temporäre
Verlust seines Geschmacksinns trägt nicht zu einer Verbesserung seiner Lage
bei. Als Lena Brücker in der Zeitung Fotos von KZ-Häftlingen sieht,
und sie versucht mit Bremer darüber zu sprechen, gibt sie ihre Lüge
auf, da er nicht an die Schuld des Deutschen Reiches glaubt. Nachdem sie die
Wahrheit offenbart hat, macht sie einen Spaziergang. Als sie wiederkehrt ist
Bremer ohne eine Nachricht zu hinterlassen für immer verschwunden. Damit
endet der erste Teil von Lena Brückers Erzählungen.
Da der Erzähler zu seiner Familie nach München
zurückkehren muss, erzählt Lena Brücker die Geschichte ihres
Mannes Gary um einiges knapper als den Teil zuvor. Gary kehrt aus der russischen
Gefangenschaft zurück und erfährt von Frau Brückers Affäre,
unternimmt aber nichts, da er selbst mehrere Affären hatte. Die beiden
haben allerdings kein gutes Verhältnis mehr, und nach einer erneuten
Affäre von Gary schmeißt Frau Brücker, welche inzwischen von
ihrer Arbeitsstelle gefeuert wurde, ihren Mann raus. Da Frau Brücker sich
nun selbst versorgen muss, mietet sie eine Bude auf dem Großneumarkt,
einem florierender Schwarzmarkt, und bietet dort Würste und Eichelkaffee
zum Kauf an. An die Waren kommt sie durch mehrere Tauschgeschäfte, wodurch
sie auch eine Dose Currypulver kommt. Als sie die ertauschten Flaschen Ketchup
und das Currypulver die Treppe hoch trägt, stolpert sie und aus Ketchup und
Currypulver wird eine Soße, welche sie ab sofort ihren Würsten
beimischt. So hat sie die Currywurst erfunden, welche bald großen Ruhm in
Hamburg und über die Stadtgrenzen hinaus erlangt. An einem Nachmittag kommt
noch einmal Bremer, der jetzt als Vertreter für Fensterkitt arbeitet, an
den Stand und isst eine Currywurst, spricht Frau Brücker allerdings nicht
an. Hier endet die Erzählung von Frau Brücker.
Ein halbes Jahr nach den täglichen Sitzungen mit
Frau Brücker, kehrt der Erzähler noch einmal nach Hamburg zurück,
und erkundigt sich nach ihr. Diese ist allerdings in der Zwischenzeit verstorben
und hat dem Erzähler den Pulli, welchen sie während der Erzählung
strickte, und das Originalrezept für die Currywurst
hinterlassen.
Aufbau
Rein formal ist die Novelle in sieben Kapitel
unterteilt, welche in etwa gleichlang sind. Der Inhalt weicht allerdings von der
äußeren Form ab, da er sich nicht so einfach in sieben Teile
einteilen lässt. Das auffälligste Merkmal der Novelle ist nämlich
mit Sicherheit ihre Zweigleisigkeit, es gibt eine Rahmenhandlung und eine
Binnenhandlung. Zum einen gibt es den Handlungsverlauf in der Gegenwart, zum
anderen die Erzählungen von Frau Brücker über die Vergangenheit,
wobei die Beschreibungen über die Vergangenheit eindeutig gegenüber
den Beschreibungen aus der Gegenwart überwiegen. Die
Gegenwartserzählung dient als Verbindungselement zwischen den einzelnen
Teilen der Erzählung über die Vergangenheit. Sie stellt im Grunde
keinen eigenen Handlungsverlauf dar. Der Aufbau der Gegenwartserzählung ist
daher auch sehr knapp zu fassen: Zu Beginn sucht der Erzähler nach Frau
Brücker und findet sie in einem Altenheim. Frau Brücker erzählt
über die Vergangenheit, welche sich auf mehrere Nachmittage verteilt und
meist im Altenheim stattfindet, jedoch teils auch an anderen Lokalitäten,
zum Beispiel am Kriegsdenkmal in Hamburg. Zum Schluss der Novelle wird noch vom
Ausflug zur Currywurstbude auf dem Großneumarkt
berichtet.
Die Erzählung von Frau Brücker lässt sich
in mehrere Teile gliedern:
- Die Zeit vor dem Zusammentreffen mit
Bremer
Dieser Abschnitt umfasst
eigentlich Lena Brückers gesamtes Leben bis zu dem Zeitpunkt des
Zusammentreffens mit Bremer. Er wird nicht zusammenhängend beschrieben,
sondern zwischen dem Haupthandlungsstrang werden immer wieder Erlebnisse aus der
Vergangenheit beschrieben.
- Das Zusammenleben mit Bremer bis zur Kapitulation
Deutschlands
Dieser Abschnitt
beginnt mit der Fahnenflucht Bremers, durch die er langfristig an Lena
Brücker gebunden ist. Charakteristisch für diesen Abschnitt ist die
Harmonie, die zwischen den beiden herrscht.
- Das Zusammenleben mit Bremer nach der Kapitulation
Deutschlands
Dieser Abschnitt ist
der längste der Novelle. In diesem muss Lena Brücker ständig neue
Ausflüchte erfinden, um die Lüge von Deutschlands Erfolgen im Krieg
gegenüber Bremer aufrecht zu halten. Er endet mit der Aufgabe der Lüge
durch Lena Brücker und dem daraus resultierenden Verschwinden von
Bremer.
- Die Zeit nach dem Verschwinden
Bremers
Dies ist der letzte
Abschnitt der Erzählung von Lena Brücker. Ihr Mann Gary kehrt für
kurze Zeit in ihr Leben zurück, wird allerdings von Frau Brücker nach
einer Affäre mit einer anderen Frau hinausgeworfen. Sie macht sich
selbstständig und erfindet durch einen Zufall die
Currywurst.
Bezüge zur Realität
Uwe Timm orientiert sich mit seiner Novelle sehr eng am
realgeschichtlichen Kontext. Alle geschichtlichen Ereignisse, welche in seiner
Novelle auftauchen, haben auch in der Realität stattgefunden, so zum
Beispiel der Tod Hitlers oder die Eroberung Hamburgs durch die Engländer.
Sehr authentisch sind auch ein Großteil der Schauplätze, welche Timm
in seiner Novelle eingebaut hat, so zum Beispiel die Städte und Gemeinden,
das Altersheim, sowie die Brüderstrasse, wo Frau Brückers Wohnung
steht, und der Platz (Großneumarkt), auf welchem die Wurstbude von Frau
Brücker steht
[1].
Wie es sich mit dem wahren Entdecker der Currywurst
verhält, ist leider sehr schwer zu recherchieren. Timm selbst gesteht, dass
seine Geschichte nur auf einer „winzigen historischen
Authentizität“ beruhe, er aber seine erste Currywurst 1947 in Hamburg
gegessen haben will. An eben diesem Großneumarkt, an dem in der Novelle
die Würste von Lena Brücker zu erstehen sind. Gegen Timms Theorie
sprechen allerdings auch einige Fakten. So ist das Patent auf das Rezept der
Currywurst in Besitz von Hertha Heuwer aus Berlin, welche die Currywurst und die
dazugehörige Soße im Jahre 1949 in Berlin entdeckt haben will, und es
sich 1959 patentieren ließ. Eiserner Verfechter dieser Theorie ist Gerd
Rüdiger, ein deutscher Schriftsteller, der die Geschichte von Hertha Heuwer
in seinem Buch "Currywurst. Ein anderer Führer durch Berlin"
erzählt. Aus diesen beiden Positionen bildete sich ein regelrechter Streit
zwischen Rüdiger und Timm, der eigentlich nie entschieden wurde. Die Presse
allerdings sah diesen Streit eher als Marketinggag an und nicht als eine
ernsthaft geführte Diskussion: " Irgendwo
lagern wohl noch Restexemplare seines Werks" schreibt der Spiegel über
Uwe Timm. Was nun wahr und was falsch ist, wird wohl nie herausgefunden
werden.
Stilsprachliche Gestaltung
Der sprachliche Stil der Novelle ist recht eigenartig.
Während der ganzen Erzählung tritt kein einziges mal die
wörtliche Rede auf, sondern durchgehend die nacherzählte Rede:
„Tja, sagte Frau Brücker, und da hat er mich gefragt, ob ich Curry
im Haus habe.“
[2] Ein weiteres
Merkmal ist die Verwendung von umgangssprachlichen Wörtern. So finden sich
einige Wörter in dem Text, welche in keinem Duden zu finden sind. Die
Sätze sind so aufgeschrieben, wie sie gesprochen werden. Dies ist auf den
hamburgerischen Dialekt zurückzuführen: „So hat sie es mir
erzählt, so wird sie es auch dem fahnenflüchtigen Bremer erzählt
haben, der neben ihr, in der Küche, auf den Matratzen lag, wohl kaum mit
diesem dialektalen Anklang, der sich erst später, im Alter verstärken
sollte, was ich übrigens auch bei meiner Mutter beobachten konnte, die, je
älter sie wurde, desto stärker hamburgerte.“
[3] Ich werde ein
Beispiel zitieren, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen:
„Das mit der Currywurst war n Zufall, nix weiter.“
[4]
Ein weiteres stilsprachliches Mittel der Novelle ist der
recht einfach Aufbau der Sätze, eine Aneinanderreihung von
Hauptsätzen: „Ja, sagte sie. Er ging auf Socken. Der Krieg in
Hamburg war aus und vorbei.“
[5] Es gibt aber auch
recht lange, stark verschachtelten Sätze, welche sich dann wieder über
mehrere Zeilen verteilen, allerdings überwiegen doch die leichtern und
einfach gestrickten Sätze. Dadurch und durch die umgangssprachliche
Ausgestaltung, welche auch komplett auf Fremdwörter verzichtet, lässt
sich die Novelle recht einfach lesen, es gibt kaum Stellen die man öfter
lesen muss, um sie zu verstehen. Anspruchsvoller wird die Lektüre durch den
häufigen Wechsel der Erzählperspektive, was ich im nächsten
Abschnitt behandeln werde.
Perspektive
Wir haben es hier mit zwei verschiedenen Perspektiven zu
tun, so wie wir zwei verschiedene Handlungsstränge haben. Einmal die
Gegenwart, welche aus der Sicht vom Erzähler geschildert wird, zum Anderen
die Vergangenheit, welche teilweise aus der Sicht von Lena Brücker und
teilweise aus der Sicht des Ich-Erzählers erzählt wird. In der
Rahmenhandlung ist hierbei immer aus der Sicht des Erzählers geschrieben,
die Binnenhandlung meist aus der Sicht Lena Brückers, an einigen Stellen
allerdings auch aus der Sicht des Erzählers.
Zudem findet sich an manchen Stellen eine Vermischung
der Perspektiven, welche das Geschrieben sehr wirr erscheinen lassen und schwer
verständlich macht: „Bremer legte das Album aus der Hand,
während ich später noch weiter darin herumblätterte, die Kinder
von Frau Brücker betrachtete, der Junge in HJ-Uniform, zuletzt in der
Uniform eines Flak-Helfers.“
[6]
Spannungsbogen
Schon mit dem Titel wird eine Spannung erzeugt, der
Leser wird neugierig gemacht. Eine Currywurst wird fast jeder von uns schon mal
gegessen haben, doch mit seiner Entdeckung oder Erfindung dürfte sich noch
niemand beschäftigt haben, geschweige denn darüber Bescheid wissen.
Der Leser wartet von Beginn an auf die Auflösung der im Titel beschriebenen
Problematik, welche aber erst auf den letzten Seiten beschrieben wird, es wird
sogar überhaupt erst auf den letzten Seiten auf die Currywurst an sich
eingegangen. Dadurch wird die Spannung das ganze Buch über aufrecht
erhalten, da der Leser natürlich auf eine Aufklärung der Frage hofft.
Aber auch durch die drängenden Kommentare des Erzählers, der an einem
schnellen Fortgang der Erzählung interessiert ist, wird die Spannung
aufrechterhalten. Ein um das andere Mal versucht der Erzähler die
Erzählung von Frau Brücker auf die Currywurst zu lenken, doch diese
lässt sich nicht von ihrem Konzept abbringen: „Ich versuchte sie
auf den Curry zurückzubringen.“
[7] „Mein
Mann, sagte sie, gehört auch zur Geschichte“
[8] „Musst
schon noch n büschen Geduld haben.“
[9]
Aber auch die Erzählung, die auf die eigentliche
Erfindung hinführt, bietet einiges an Spannung. So erwartet man gespannt
den Moment, an dem Frau Brücker Bremer ihre Lüge gesteht und wie
dieser mit dieser Situation umgehen wird. Auch ihr späteres Schicksal ist
dem Leser nicht gleichgültig, so ist er an ihrem späteren Schicksal
interessiert, will erfahren, wie es nach dem Bruch mit Gary, ihrem Ehemann,
weitergehen wird. Hinsichtlich dieser Thematik findet sich in der Novelle meiner
Meinung nach ein Wendepunkt. Und zwar ist dies der Moment, an dem Frau
Brücker die zurückgelassene Uniform Bremers zerschneidet und zu einem
Kittel schneidert, den sie fortan bei der Arbeit tragen will. Man muss dazu
wissen, dass sie Bremers Uniform fortwährend nach seinem Weggang
unverändert im Schrank ließ, wobei sie ständig mit der Ankunft
ihres Mannes rechnen musste und einen Streit mit Gary wegen ihrer Affäre in
Kauf nahm. Ich denke, dass sie die ganze Zeit über an Bremer hing und ihn
nicht vergessen konnte bzw. auch gar nicht wollte. Der Wendepunkt tritt ein,
weil sie mit ihrer Vergangenheit abschließt und ihrem Leben die
entscheidende Wendung gibt, und zwar indem sie die materielle Erinnerung an
Bremer zerschneidet und damit ihre Karriere beginnt: „Noch am selben
Abend begann Lena Brücker damit, die Uniform von Bremer zu einem
Kostüm umzuschneidern. Es war buchstäblich ein Einschnitt, auch in
ihrem Leben. [...] Und dabei sang sie, was sie sonst nie tat, weil sie
fürchterlich falsch sang, nie den richtigen Ton traf. Edith kam und fragte,
wer singt denn da ? Du kannst ja plötzlich richtig singen.“
[10]
Personen
Im Laufe der Geschichte treten mehrer Personen auf. Die
fünf wichtigsten habe ich in einer Tabelle zusammengefasst, gehe hierbei
meist nur auf ihren Lebenslauf und nur teilweise auf ihre Funktion innerhalb der
Geschichte ein.
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Lena Brücker
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Lebenslauf:
Sie ist die Hauptperson der Geschichte, sie ist der
Mittelpunkt der Geschichte, die sie selbst erzählt. Heute lebt sie im
Altersheim und ist ungefähr
[11] 80 Jahre alt. In
der damaligen Zeit, von der sie dem eigentlichen Erzähler berichtet, ist
sie ca. 40 Jahre und arbeitet als Kantinenarbeiterin. Sie lebt alleine in ihrer
Wohnung, da ihr Mann Gary, ein Barkassenführer, und ihr Sohn im Krieg
dienen und ihre Tochter in Hannover in einer Waffenfabrik arbeitet. Während
der Geschichte bietet sie einem fahnenflüchtigen Soldaten Unterschlupf. Von
diesem wird sie aber recht bald verlassen und ihren Mann schmeißt sie nach
unzähligen Affären raus. Wegen diesem Sachverhalt und ihrer
Kündigung eröffnet sie eine Würstchenbude, in der sie die
Currywurst anbietet, welche sie durch ein Missgeschick erfunden hat. Ihr
Geschäft läuft gut, ehe sie altersbedingt in ein Altersheim muss, wo
sie nach einigen Jahren, schon erblindet, stirbt.
Charakterisierung der jungen Frau
Brücker:
Frau Brücker ist pazifistisch und nicht
antisemitisch eingestellt, ganz anders als der Großteil der restlichen
Bevölkerung im damaligen Deutschen Reich. Sie stellt sich auch in der
Öffentlich gegen den Nationalsozialismus, was in der damaligen Zeit recht
mutig war. Bespiele dafür sind archivierte Berichte der Nachbarin Frau
Eckersleben: „L. Brücker hetzt nicht offen, macht aber oft
zersetzende, kritische Bemerkungen. [...] Oder: Die Juden sind auch Menschen.
Oder: Das Volk liebt den Führer, wenn ich das schon höre.“
[12]
Lena Brücker redet sich selbst ein, dass sie nicht
lügt, sondern nur die Wahrheit verdreht. Im Grunde ist sie also kein
schlechter Mensch, der vorsätzlich lügt: „Wieso gibt es kein
Papier ? Das größte Papierlager in Norddeutschland ist in Brand
geraten. [...] Das hatte sie in der Zeitung gelesen: Ein kleines Papierlager war
abgebrannt.“
[13] Sie
gibt sich auch immer wieder einen Rahmen, in dem sie ihre Lüge aufdecken
möchte. „In vierzehn Tagen kommt Papier aus Amerika. Ist schon
unterwegs. Auf den Liberty-Schiffen. Das war die Zeit, die ich mir gegeben
hatte, noch vierzehn Tage, dann wollte ich ihm die Wahrheit sagen.“
[14]
Sie opfert sich für Bremers Wohlergehen selbst auf,
indem sie ihm immer wieder Essen aus der Kantine mitbringt, dabei gewisse
Risiken auf sich nimmt, und ihre Essensmarken für ihn mitverwendet. Ich
denke, dass sie dies aus Ausgleich für sein „Gefangenschaft“ in
der Wohnung nimmt, ihm das Leben erträglicher machen will, um ihn so bei
sich zu halten.
Die Kriegsjahre und das damit verbundene Alleinsein
haben Lena Brücker abgehärtet („Die Kinder schrieen, und auch
Bremer hatte aufgeschrieen. Lena Brücker legte ihm den Arm um die Schulter.
Hat nicht das Haus getroffen, war irgendwo nebenan.“ )
[15] und sie zu einem
Dickkopf gemacht: „Nur Lena Brücker, der man einen
Schleswig-Holsteiner Dickkopf nachsagte, grüßte immer: Guten Tag.
...“
Lena Brücker ist zudem ein recht menschlicher
Charakter. An einer Stelle der Novelle gibt sie dies recht deutlich zu erkennen:
„Is vielleicht das Beste, was ich gemacht hab, einen verstecken, damit
er nicht totgeschossen wird und auch andere nicht totschießen
kann.“ [16]
Charakterisierung der alten Frau
Brücker:
Die alte Frau Brücker ist eine erstaunliche Frau:
Sie kommt trotz ihrer Blindheit fast ohne Hilfe aus. Man merkt ihr an, dass sie
in den ganzen Jahren gelernt hat, mit dem, was sie hat, alleine zurecht zu
kommen. So will sie den Pfleger Hugo nur in Notfällen belästigen:
„Hugo mag ich nicht fragen, der hat genug am Hals. Der Junge muss ja
nicht noch nass werden.“
[17]
Das einzige, was ihr fehlen dürfte, ist ein wenig
Gesellschaft. So verlängert sie die Geschichte, die sie erzählt, damit
sie noch länger in der Gesellschaft des Erzählers ist. „ Aber
übermorgen muss ich zurück nach München. Es beklagen sich die
Kinder, auch meine Frau. Und das mit Recht. Ich hatte ja nur eine Woche in
Hamburg bleiben wollen und bin schon die zweite Woche hier. – Kannste die
Rückreise nicht um ein, zwei Tage verschieben ?“
[18]
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Erzähler
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Lebenslauf:
Er lebte als kleiner Junge in demselben Viertel wie Lena
Brücker und aß an ihrem Stand öfters eine Currywurst. Auf der
Suche nach dem Erfinder der Currywurst stößt er so beinahe
automatisch auf Lena Brücker, sucht diese auf und lässt sich von ihr
die Geschichte der Currywurst erzählen. Er lebt heute in München mit
einem Kind und einer Frau. Der Erzähler könnte sehr gut Uwe Timm
selbst sein, denn wenn man seinen Lebenslauf mit dem des Erzählers
vergleicht, so lassen sich doch einige Parallelen aufzeigen, welche diesen
Schluss zulassen.
Auffälligkeiten an seinem
Verhalten:
Als die Geschichte der Frau Brücker sich dem Ende
zuneigt, merkt man, dass es dem Erzähler auch hintergründig darum
geht, etwas über seine Kindheit in Erfahrung zu bringen: „So kam
mein Vater in die Geschichte ... [...] Ich konnte endlich meine Frage stellen:
Wie war er, ich meine, wie wirkte er, damals, mein Vater?“
[19]
Weiter fällt auf, dass er für Frau
Brücker eine wichtige Rolle spielt. Dies erkennt man daran, dass er den
gestrickten Pullover und das Rezept für die Currywurst geschenkt bekommt,
wobei zumindest der Pullover für ihren Enkel bestimmt war. Er scheint ihr
also in der kurzen Zeit ans Herz gewachsen zu sein, mehr noch als ihre eigene
Familie.
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Hermann Bremer
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Lebenslauf:
Hermann Bremer ist Bootsführer im Zweiten
Weltkrieg, verheiratet und Vater eines Kindes. Eigentlich ist er im Krieg
Seemann und in Oslo stationiert, wurde aber aufgrund des politischen Geschehens
in eine Panzereinheit abkommandiert. Auf dem Weg vom Heimaturlaub in seiner
Heimatstadt Braunschweig zurück zur Front, bleibt er in Hamburg aufgrund
der Bombardierung der Stadt hängen und findet Unterschlupf bei Lena
Brücker. Seinen Auftrag, an die Front zurückzukehren, erfüllt er
nicht, stattdessen bleibt er bei Lena Brücker und beginnt mit dieser eine
Affäre, wobei er Frau Brücker seinen wahren Familienstand verschweigt.
Als er allerdings bemerkt, dass Frau Brücker ihn während der ganzen
Zeit belogen hat, und er damit nicht mehr an sie und ihre Wohnung gebunden ist,
verschwindet er aus Lena Brückers Leben und kehrt später dorthin
zurück. Nachdem er nämlich Lena Brücker verlassen hat kehrt er
nach Braunschweig zurück zu seiner Familie und arbeitet dort als Vertreter
für Fensterkitt. Später kommt er zurück nach Hamburg, besucht
ihren Currywurststand, kauft dort eine Wurst, und einen Kaffee, lässt sich
aber nicht anmerken, ob er Frau Brücker erkennt.
Charakterisierung:
Die Figur des Hermann Bremer ist eine recht komische. Es
wirkt an einigen Stellen so, als fühle er sich in seiner Rolle nicht wohl.
So ist er beispielsweise Soldat im Krieg, scheint aber nach 6 Jahren Krieg nicht
an Luftangriffe gewöhnt zu sein: „Auf einem Schiff sieht man die
Flugzeuge, auch, wie die Bomben fallen, sagte er entschuldigend, hier ist es ein
bisschen ungewohnt.“ Zudem ist seine große Angst vor dem Tod
auffallend, die er auch noch nach dem langwierigen Krieg zu haben scheint:
„Die wollen mich in letzter Minute noch verheizen“
[20]. Er ist also
nicht mit ganzem Herzen Soldat, jedoch auf jeden Fall ein Patriot
(„Verlieren wir den Krieg, verlieren wir unsere Ehre, sagte
Bremer.“
[21] )
Aufgrund dieser Tatsache begeht er sogar eine Straftat, welche auch mit dem Tode
geahndet werden kann: Er wird fahnenflüchtig. Er gibt sich der Illusion
hin, dass die Deutschen mit den westlichen Alliierten eine Allianz gegen den
kommunistischen Osten bildet und diesen angreifen und zurückerobern wird:
„Hat Dönitz mit den Amerikanern verhandelt ? Mit den
Engländern ? Geht es endlich gegen Russland ?“
[22] Eine Schuld des
Deutschen Reichs weist er von sich.
Während seiner Gefangenschaft fühlt sich
Bremer eingeengt und empfindet Langeweile. Die Tage verbringt er mit der
Lösung von Kreuzworträtseln, dem Putzen der Küche oder einfach
nur der Beobachtung des Geschehens auf der Strasse. Er fühlt sich so, als
sitze er in einer Falle: „Denn je erfolgreicher die Truppen waren, je
weiter sie gen Osten vorstießen, desto länger zog sich der Krieg hin,
und das hieß, um so länger saß er in dieser Wohnung, Wochen,
Monate und – Schweiß brach ihm aus – Jahre.“
[23]
Hermann Bremer verschweigt Frau Brücker
während seines Aufenthalts in ihrer Wohnung seine wahren
Familienverhältnisse. Der Beweggrund für dieses Verhalten ist mit
Sicherheit die Angst vor den SS-Offizieren, die, wie er vermutet, ihn wegen
Fahnenflucht suchen. Würde er von Frau und Kind erzählen, würde
Frau Brückers Interesse an ihm recht stark sinken und er würde auf der
Strasse sitzen. Dies ist vor allem deswegen verwunderlich, da er auch
weiß, dass sie verheiratet ist.
Die Verhaltens werden Hermann Bremer erst bewusst, als
er seinen Geschmackssinn verliert. Erst an dieser Stelle beginnt er zu
überlegen, was er eigentlich tut und wie falsch er sich verhält:
„Vielleicht, dachte er, kommt es vom Rauchen, du rauchst zuviel, aber
dann nistete sich sogleich der Gedanke ein, es ist nicht das Rauchen, sondern
dass du dich hier von einer Frau verstecken lässt. Du bist ein Schwein,
dachte er.“ [24]
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Die Liebesbeziehungen der Lena Brücker in der
Darstellung
Die Beziehung zu Gary Brücker
Die Beziehung zu Gary lässt sich in zwei Teile
aufteilen: Die Zeit vor und die Zeit nach dem Krieg. Über die Beziehung vor
dem Krieg wird nicht viel erzählt, nur soviel, dass sie ihn nicht wirklich
vermisst im Kriege, die guten Erinnerungen an die gemeinsame Zeit vor dem Kriege
scheinbar nicht besonders groß sein können: „Vermissen sie
ihn ? Sie hätte sagen können – und das wäre die Wahrheit
gewesen: Nein.“
[25] Nach dem Krieg
kann man nicht mehr von Liebe zwischen den Beiden sprechen („Ne
zeitlang habe ich den einen mit dem anderen ausgetauscht, im Kopf
jedenfalls“)
[26], weil sie immer
noch in Hermann Bremer verliebt ist. Die beiden führen eine
alltägliche Ehe, Gary arbeitet tagsüber und abends legt er sich faul
aufs Sofa und betrinkt sich. Anfänglich haben die beiden noch
regelmäßig Geschlechtsverkehr, nach drei Monaten allerdings weicht
Lena Brücker dem Sex durch eine Ausrede aus („Nach drei Monaten
begann sie sich herauszureden, sagte, dass sie Hefepilze habe“)
[27]. Als sie ein
Stück Damenunterwäsche findet, welches eindeutig nicht von Lena
Brücker, sondern von einer weitaus schlankeren Frau stammen musste, redet
sie mit ihm gar nicht mehr erst darüber, sondern schmeißt ihn direkt
aus der Wohnung. Von diesem Punkt ist sie im Leben auf sich selbst gestellt,
muss die Kinder alleine versorgen und selbst arbeiten gehen. Auf eine weitere
Beziehung lässt sie sich nicht mehr ein, allerdings wird nicht deutlich
gesagt, dass sie noch einmal die Chance bekam, eine weitere Beziehung zu
beginnen.
Die Beziehung zu Hermann Bremer
Die Beziehung, auf welche sich Lena Brücker mit
Hermann Bremer einlässt ist eher eine reine Sexbeziehung, als eine
wirkliche Partnerschaft. Hierfür gibt es zwei Indizien: Zum einen reden die
Beiden nicht offen über ihre Probleme und Lebensgeschichten, zum anderen
haben sie eben täglich teilweise exzessiven Sex: „Dann hilft nur
eins, sagte er, du musst einen Katzenbuckel machen und jetzt das Kreuz
durchdrücken, den Kopf nach unten, die Beine etwas spreizen, locker, ganz
locker und den Hintern hoch, noch höher, so ists gut. Und jetzt tief
durchatmen. Locker ! Ausatmen ! So ists gut. Huchhh.“
[28]
Lena Brücker genießt die Zeit mit Bremer
sichtlich, sie nutzt gar jede Gelegenheit, die sich bietet, die gemeinsame Zeit
mit Bremer zu verlängern, sei es auch nur um ein paar Tage: „Ich
lasse für ihn das Papier ein bisschen früher ankommen, also in drei
Tagen, und die gönne ich mir noch.“
[29] Durch Bremer
findet sie ihr Selbstvertrauen wieder, welches sie in den Jahren des Krieges
scheinbar verloren hat. Sie hält sich für etwas Besonderes, da sie mit
ihren vierzig Jahren noch einen jungen Mann bezirzen kann: „Sie zog
sich aus, ohne Scham, nackt, wie sie das früher nie getan hatte, und das,
obwohl sie inzwischen nicht mehr zwanzig war legte sie sich zu ihm auf das
Matratzenfloß“
[30]
Dass Frau Brücker trotz des Krieges und der
Einsamkeit noch mit Gary verheiratet ist hindert sie nicht direkt daran, eine
Affäre mit einem jüngeren anzufangen, macht sie allerdings etwas
vorsichtiger: „Aber das hätte sich für ihn wie eine
Aufforderung anhören müssen.“
[31]. Sie selbst
sagt, dass sie nicht genau wisse, ob ihr Mann überhaupt noch am Leben sei
oder zu ihr zurück komme.
Die Entdeckung der Currywurst – Eine Alltagsgeschichte ?
„Denn die Geschichte, seine, ihre Geschichte,
konnte er niemanden erzählen, das war keine dieser Kriegsgeschichten, die
überall und immer wieder die Runde machten. Das war keine
Stammtischgeschichte. Das ist eine Geschichte, die nur ich erzählen kann.
Es gibt darin nämlich keine Helden.“
[32]
Dies sagt Lena Brücker in der Novelle, ziemlich
direkt nach dem Verschwinden Hermann Bremers. Nun stellt sich natürlich die
Frage, ob sie mit dieser Äußerung recht hat.
Mit einer Äußerung hat Lena Brücker auf
jeden Fall recht: Die Geschichte, zumindest die Geschichte bis zu diesem
Zeitpunkt, wird Hermann Bremer nie erzählen können. Zwar muss er keine
Verurteilung als Fahnenflüchtiger fürchten, jedoch wird er als
Feigling gelten, da er nicht als ideologischen Gründen geflüchtet ist,
sondern nur um seine Haut und sein Leben zu retten. Dies wurde in der damaligen
Nachkriegszeit nicht sehr gerne gesehen, da viele Leute der Ansicht waren, dass
das Deutsche Reich wegen solchen „Feiglingen“ den Krieg
verlor.
Die einzige, die diese Geschichte erzählen kann ist
wirklich Lena Brücker, da sie alle Details kennt, die zum Verständnis
nötig sind. Zudem wird durch die Geschichte kein schlechtes Licht auf sie
geworfen, sie tut zwar etwas Verbotenes, indem sie einen Fahnenflüchtigen
Soldaten beherbergt, dies wiederum zeigt ihren Mut und ihren
Einsatzwillen.
An dieser Stelle drängt sich nun die Frage auf, ob
Lena Brücker ein Held in dieser Geschichte ist, die sie ja selbst
erzählt. Laut Definition ist ein Held eine Person, welche im Mittelpunkt
des Geschehens steht oder durch vorbildliches Verhalten Bewunderung und
Anerkennung hervorruft. Lena Brücker steht in dieser Geschichte eindeutig
im Mittelpunkt des Geschehens, die sie sich selbst als Erfinderin der Currywurst
sieht, auch wenn sie sich bescheiden gibt und es auf einen Unfall
zurückführt. Zudem erzählt sie in der Novelle einen
Großteil bzw. den wichtigsten Teil ihrer Lebensgeschichte, sie steht also
eindeutig im Mittelpunkt. Auch das andere Kriterium, welches einen Helden
näher identifiziert, scheint Frau Brücker zu erfüllen. Ihr
Verhalten ist ziemlich klar als Vorbildlich einzustufen. Zum einen besitzt sie
den Mut sich in der Zeit der Diktatur durch ein faschistisches Regime sich mit
kritischen Kommentaren gegen das System zu stellen, zum Anderen beherbergt sie
einen fahnenflüchtigen Soldaten, was zum Einen vom Staat als Beihilfe zur
Fahnenflucht gesehen wird, zum Anderen in der Bevölkerung als
Vaterlandsverrat gesehen sehen dürfte. Trotz alledem steht sie zu ihrem
Entschluss und meistert die Situation mit Bravour. In der Nachkriegszeit bringt
sie sich und ihre Kinder all die Jahre durch geschickten Handel mit ihrer
Wurstbude über die Runden, ohne die Hilfe eines Mannes. Dies dürfte
ihr Anerkennung durch den Leser bringen. Aus diesem Grunde würde ich Lena
Brücker als Heldin der Novelle bezeichnen, auch wenn sie selbst sich nicht
als diese sieht.
Es bleibt also zum Schluss die Frage, ob es sich um eine
Alltagsgeschichte handelt oder nicht. Ich beantworte diese Frage mit einem
klaren Nein, da in dieser Geschichte eben ein Grossteil von der Lebensgeschichte
Lena Brückers steckt, und eine Lebensgeschichte ist nie etwas
„alltägliches“. Zudem handelt es sich hierbei um eine
Kriegserzählung, eine Geschichte aus dem Krieg und man wird wohl nicht
behaupten können, dass im Krieg ein Anklang von Normalität und Alltag
zu finden sei, auch wenn sich die Menschen der damaligen Zeit sich auf ihre
Situation eingestellt haben.
Bewertung
Das Buch „Die Entdeckung der Currywurst“ hat
einen sehr positiven Eindruck in mir hinterlassen, obwohl ich mich mit ihm
einige Zeit befassen musste und eine Facharbeit darüber schreiben musste.
Es stellt sich aber die Frage, ob hier von müssen die Rede sein
kann. Als ich mir das Buch vornahm, war ich sehr gespannt und hoffte auf eine
unterhaltsame Geschichte, welche sich intensiv mit dem Thema der altbekannten
Currywurst befasst. Umso verwunderter war ich, als nach einigen Seiten keine
Rede mehr von der Currywurst war und man sich inmitten des Zweiten Weltkrieges
befand, allerdings war ich nicht enttäuscht. Die Geschichte des Hermann
Bremers und deren Ausgang zog mich eigentlich mehr in den Bann, als die
Currywurst selbst, ja, nach einiger Zeit hätte ich die Currywurst fast
vergessen, wenn da nicht der Erzähler gewesen wäre, der immer wieder
anfing zu „quengeln“. Als ich dann die Lektüre beendet hatte,
war ich wirklich erstaunt, dass ich, der ich eigentlich nicht eine
„Leseratte“ ist, dieses Buch so schnell gelesen hatte, zumal es
meinen anfänglichen Erwartungen keineswegs entsprach. Als es dann
allerdings daran ging, eine Facharbeit über das Buch zu schreiben, war
meine Freude schnell gedämpft, da es einfach kein Material zu Uwe Timm gab,
nicht mal im Internet. Zudem ist das Buch sehr vielschichtig, viele Aspekte
fielen zwangsweise unter den Tisch, andere verstand ich gar nicht oder konnte
mir nur teilweise einen Reim drauf machen. So ist mir die exakte Funktion des
Pullovers, der die ganze Zeit von Frau Brücker gestrickt wird, bis heute
unklar.
Trotz alledem halte ich „Die Entdeckung der
Currywurst“ für ein sehr gutes Buch, und ich werde es bestimmt ein
weiteres Mal lesen – und dann freiwillig. Abschließen möchte
ich deswegen mit einem Zitat der FAZ, welches ich auf dem Buchrücken
entdeckte und für sehr passend halte:
„ Es ist, kurz und einfach gesagt, eine
wunderbare Geschichte ... Prallvoll mit Gefühl und Realität,
süß-scharf sozusagen, immer auch etwas bedrohlich wie ein
Märchen aus der nächsten Nachbarschaft.“
Quellenangaben
Als Quellen bei meiner Facharbeit dienten
mir:
Das Internet (für die Biographie)
Uwe Thimm „Die Entdeckung der
Currywurst“ Kiepenheuer und Witsch
Schülerduden Literatur
Endnoten
[1] Als Quelle dienten
mir Berichte und Erzählungen meines Vaters, welcher lange Zeit in Hamburg
lebte.
2 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 98
3 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 121/122
4 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 97
5 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 109
6 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 89
7 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 97
8 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 179
9 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 162
10 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 196
11 Eine genaue
Angabe wird nicht gemacht, nur dass sie im Mai 1945 ungefähr 40 Jahre alt
ist. Demnach müsste sie heute (ungefähr 1980/1990) zwischen 80 und 90
Jahren alt sein.
12 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 143
13 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 144
14 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 145
15 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 27
16 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 123
17 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 129
18 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 179
19 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 204/205
20 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 27
21 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 110
22 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S.111
23 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 139
24 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 164
25 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 38
26 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 183
27 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 185
28 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 148
29 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 171
30 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 147
31 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 38
32 Vgl. „Die
Entdeckung der Currywurst“ S. 177
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