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Frank, Anne: Das Tagebuch der Anne Frank
Michael Sailer HS1
Gedanken zum Tagebuch der Anne Frank
Als ich erfuhr, daß ich ”Das
Tagebuch der Anne Frank” lesen sollte, erfüllte mich dies mit Freude.
Einerseits, weil mich das Thema und die damaligen Geschehnisse durchaus
interessieren, andererseits, weil ich vor langer Zeit schon eine Fernsehserie
mit dem Titel ”Anne Frank” mit viel Aufmerksamkeit verfolgt
habe.
Außerdem glaubte ich, daß ein
Tagebuch eines 13-jährigen Mädchens durchaus interessant und einfach
zu lesen sei.
Kaum begonnen zu lesen, wurde ich schon eines
Besseren belehrt. Das Buch ähnelt vom Sprachgebrauch her eher einem Roman
als einem Tagebuch. Außerdem hatte ich mir erwartet, daß mein Wissen
über den Holocaust durch dieses Buch erweitert werden
würde.
Man bekommt das Thema Zweiter Weltkrieg und
Judenverfolgung ja in seiner Schullaufbahn mehrfach präsentiert. Ich
mußte jedoch feststellen, daß Anne Frank in ihrem Tagebuch
hauptsächlich Privatstreitereien und zwischenmenschliche Konflikte
behandelt.
Ich muß also sagen, daß ich
betreffend die Judenverfolgung und die Zustände zu der damaligen Zeit kaum
ausreichend Informationen aus dem Buch herausholen konnte. Interessant für
mich waren wohl die Berichte über die ”Außenwelt”, die
Meldungen aus dem Radio über den aktuellen Kriegsstand und die
Schilderungen der Bombardierungen und der Konzentrationslager. Diese wenigen
Passagen gaben mir Aufschluß darüber, in welch heikler Situation sich
die Juden damals befanden.
Ich kann aber auch nicht behaupten, das
Tagebuch der Anne Frank hätte mich nicht reicher an Gedanken und
Überlegungen gemacht. Denn ich habe gelernt, wie es ist, wenn viele
Menschen auf engem Raum miteinander über längere Zeit leben
müssen. Ich konnte mir regelrecht bildhaft vorstellen, wie diese Menschen
in Konflikt miteinander geraten sind und wie die Auseinandersetzungen wohl
abgelaufen sind. Ich habe versucht, mich selbst in die Situation der Anne Frank
zu versetzen, um ihre Gedanken besser verstehen zu können. Ich muß
zugeben, es fiel mir extrem schwer. Allerdings habe ich erkannt, daß wohl
ein jeder Mensch in der Situation der völligen Isolation Probleme mit
Mitmenschen haben würde, egal wie gut man befreundet ist.
Auf den eigentlichen Inhalt des Tagebuches
möchte ich nicht näher eingehen, da dieser meiner Ansicht nach in
wenigen Sätzchen zu beschreiben wäre.
Vielmehr hat mich das Werk als Gesamtes zum
Nachdenken angeregt, ohne den Inhalt im Detail zu
berücksichtigen.
Was mich aber etwas traurig gestimmt hat war
die Tatsache, daß Anne Frank in ihrer einsamen Abgeschiedenheit
plötzlich immer wieder an ihre alten Freundinnen denken muß, ohne
irgendeinen Anhaltspunkt über deren Situation. Sie weiß nicht, ob sie
je eine von ihnen wieder zu Gesicht bekommen wird, ob sie je wieder eine
wunderschöne gemeinsame Zeit durchleben wird, mit ihren Freunden und
Freundinnen von früher.
Es hat mich dann innerlich wirklich positiv
berührt, daß Anne dann in Peter eine wirkliche Bezugsperson entdeckt
hat. Peter bringt wieder Leben in Annes Geist, er läßt die Monotonie
des Seins in den Fluten von Annes Gefühlen versinken – wenn ich das
so sagen darf.
Ich persönlich würde es wohl kaum
verkraften, wenn ich aus meinem geordneten Leben herausgerissen würde und
nicht wüßte, ob ich meine Freunde und mein vertrautes Umfeld je
wieder sehen könnte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird mir erst die
wahre Tragödie der Anne Frank klar. Es war wohl nicht so sehr der Tod oder
die lauernde Gefahr, die diesen Menschen zu schaffen machte – vielleicht
war es schlicht und ergreifend die Ungewißheit, die die junge Anne vom
Hinterhaus fast in den geistigen Ruin getrieben hat. Aber das ist nur meine
persönliche Interpretation der Dinge. Vielleicht betrachte ich die Notizen
der Anne Frank zu einseitig und subjektiv, mag sein.
Jedenfalls betrachte ich die Tatsache,
daß Anne letztendlich auch Schwierigkeiten mit der eigenen Familie hatte,
als ein weiteres Indiz dafür, daß das junge Fräulein die
Vergangenheit vermißt hat, daß sie sich danach sehnte, die Dinge
wieder so wie vor dem Krieg zu erleben. Doch auch ihre Familie hatte sich
verändert, sie befand sich in der selben Situation wie Anne selbst. Deshalb
glaube ich, daß sich Anne – wenn auch unbewußt – in ihre
eigene Vergangenheit verliebt hat. Meiner Meinung nach gibt es auch in der
Gegenwart solche Erscheinungen, wenn auch nicht derart intensiv. Wer kennt nicht
jene Urlaubsromanzen, die nach kurzer Zeit dazu verdammt sind, zu
flüchtigen Brieffreundschaften oder zu wehmütigen Erinnerungen zu
zerschmelzen? So manch einer lebt noch lange danach in seinen Erinnerungen an
die ach so wundervolle Zeit, die wahrscheinlich nie wieder kommen wird. Meiner
Ansicht nach ist auch das eine Art von Eingesperrtsein in der eigenen
Gefühlswelt, was Anne Frank in der extremsten Ausführung erlebt
hat.
Das Lesen des Tagebuches hat mich
natürlich auch dazu inspiriert, über Minderheiten im allgemeinen
nachzudenken. Dabei ist mir aufgefallen, daß das Schicksal der Juden in
der Öffentlichkeit wohlbekannt und vielbearbeitet ist. Oft kommt es einem
so vor, als ob die Juden das einzige Volk sind, dem Unrecht widerfahren ist. Der
Grund dafür ist mir schleierhaft. Vielleicht ist es der Fall, weil soviel
Material über den Holocaust vorhanden ist, weil es unzählige
Dokumentationen im Fernsehen und massenhaft Lektüre (meiner Ansicht nach)
zu diesem Thema gibt. Außerdem ist es erst fünfzig Jahre her. Viele
unserer Großeltern sind noch Zeitzeugen des Massakers an den
Juden.
Wer aber spricht heute noch von der gewaltigen
Ungerechtigkeit, die den Indianern in Nord – und Südamerika durch die
europäischen Kolonisten widerfahren ist? Wer spricht noch von den blutigen
Kämpfen bei denen die amerikanischen Ureinwohner regelrecht abgeschlachtet
wurden?
Wie den Juden im 20. Jahrhundert ist den
Indianern oder besser gesagt ”Native Americans” ihr Hab und Gut
weggenommen worden, sie wurden ihres Heimatlandes enteignet, man nahm ihnen die
Lebensgrundlage, sprich die Büffel. Die Juden wurden in Konzentrations
– und Vernichtungslager gesteckt. Meiner Ansicht nach waren und sind die
Reservationen, in denen die Indianer ihr armseliges Leben fristen müssen,
nichts anderes als eine – wenn auch abgeschwächte – Form dieser
Lager in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.
Doch Anne Frank ließ meine Gedanken nicht
nur zu den Indianern schweifen.
Als ich las, welche Unterdrückung und
Niedertracht die Juden damals ertragen mußten, fielen mir auch die
schwarzen Sklaven ein, die auf den Plantagen der amerikanischen Südstaaten
arbeiten mußten. Für mich persönlich gibt es auch hier wieder
eine Parallele zu Juden und Indianern.
Mir würden noch viele Beispiele betreffend
die Unterdrückung von Minderheiten einfallen, doch ich glaube, daß
die Gedankenführung, zu der Anne Frank mich bewegt hat, auch mit wenigen
Exempeln zum Ausdruck kommt.
Was mir bezüglich des Inhaltes des
Tagebuches der Anne Frank noch aufgefallen ist, ist die Tatsache, daß
eigentlich kaum von der Person des Adolf Hitler gesprochen wird. Es hat mich
schon ein wenig gewundert, weil ich der Meinung bin, daß er als
Hauptinstanz des Holocaust das Thema vieler Gespräche des Hinterhauses
hätte sein müssen. Allerdings kann ich die genauen Tatsachen nicht
wiedergeben, da ja der Inhalt der sicher zahlreichen Gespräche im
Hinterhaus nur selten zum Ausdruck gebracht wird, außer es handelt sich um
Streitgespräche.
Ich hätte jedenfalls gern mehr über
die Person Adolf Hitler erfahren, da ich diesbezüglich kaum oder nur
oberflächlich informiert bin. Mich würde interessieren, was einen
Menschen dazu bewegen kann, ein ganzes Volk zu hassen und ausrotten zu wollen.
Dazu fand ich auch im Buch keinerlei Hinweise, was ich mir allerdings auch nicht
erwartet habe.
Auch möchte ich noch anführen,
daß mich die vielen Namen, die Anne Frank im Laufe ihres Tagebuches
verwendet, schon ein wenig verwirrt haben. Nachdem Anne jedem Hinterhausbewohner
eine Art Spitznamen oder Zweitnamen gibt, fällt es oft besonders schwer,
die einzelnen Personen zu unterscheiden. Dabei ist die Gefahr natürlich
groß, die Identität der Individuen einfach zu ignorieren, sprich gar
nicht mehr zu hinterfragen, wer jetzt was gesagt oder gemacht hat. Mich
persönlich hat es jedenfalls nicht gerade enthusiastisch gestimmt, als ich
jede dritte Seite wieder nachschauen mußte, wer eigentlich mit
”Miep” oder mit ”Bep” gemeint ist.
Abschließend kann ich behaupten,
daß ich davon profitiert habe, Anne Frank gelesen zu haben. Insofern, als
ich glaube, meinen Horizont etwas erweitert zu haben. Allerdings hätte ich
mir mehr sachliche Informationen zum Thema Holocaust und Zweiter Weltkrieg
gewünscht. So habe ich mehr über die Gefühlswelt eines jungen
Mädchens erfahren, was mir allerdings wiederum geholfen hat, die Probleme
zu verstehen, die eine Situation wie die der Anne Frank im Bezug auf sozialer
und zwischenmenschlicher Ebene mit sich bringen kann. Dies ist sicherlich ein
Argument, das mir im täglichen Leben auch eine Hilfestellung sein kann, da
ich jetzt zumindest theoretisch auf menschliche Extremsituationen vorbereitet
bin.
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